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Full text of "Klinische Novellen zur gerichtlichen Medicin"

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HARVARD LAW LIBRARY 



Re«iv.d JAN 6 1922 



Gtv^vnc 




C^^U^VV-^ « 



KLINISCHE 

NOVELLEN 



ZUR 



GERICHTLICHEN MEDICIN. 



•h 



l^AGH EIGNEN ERFAHRUNGEN 



VON 



JOHANN LÜDWIQ CASPEB. 



BERLIN 1863. 



VERLAG VON AUGUST HIRSCHWALD. 

tS ONTBB DBN LIMDBN. 






JAN 6 1922 



Torrede. 



s, 



chon vor anderthalb Jahrhunderten gab der alte Hessen-Darm- 
städtische Leibarzt Michael Bernhard Valentin als Anhang 
und Nachtrag zu seinem sechsbändigen Corpus juris medicO' 
legale einen starken Quartband Novellae medico -legales heraus, 
und berief sich in Betreff dieses Titels auf den Imperator ( Justi- 
nianus), der auch als Zusatz zu seinen Gesetzbüchern noch 
Novellae gegeben habe. Die Valentin'schen Novellen enthalten 
nun freilich nur allein casuistische 'Ergänzungen , welche, wie 
das Hauptwerk, nicht eigne Arbeiten und Beobachtungen des 
Verfassers liefern, sondeA nur eine wunderliche Sammlung von 
„responsis*^ medicinischer, juristischer und selbst theologischer 
Facultäten, und zwar bunt durcheinander über wirkliche gericht- 
lich-medicinische Gegenstände (widernatürliche Geschlechtsbefrie- 
digung, Gifte, Verletzungen u.dgl.), sodann über medicinal -poli- 
zeiliche Dinge (Apothekenanlagen, Rechte der Chirurgen u. s. w.), 
endlich über Fragen der damaligen Zeit, betreffend den Teufel, 
die Hexen, die Tortur u. s. w. Indess diese Novellen sind immer- 
hin für die Geschichte der gerichtlichen Medicin und ihrer Ver- 
irrungen anziehend, und enthalten manches gute Saamenkorn. 

Wenn ich nach einem so langen Zeitraum die Bezeichnung 
„Novellen" ganz im Valentin'schen Sinne für das vorliegende 
Werk wieder aufleben lasse, so wird man dieselbe an sich ge- 
rechtfertigt finden. Denn auch ich beabsichtige, in den nachfol- 
genden Arbeiten wissenschaftliche, durch casuistische Beläge aus 
eigner Beobachtung erläuterte Fragen zur Erörterung zu bringen, 
welche im „Handbuch", ohne dem Zweck und Umfang eines sol- 



IV Vorrede. 

eben zu schaden, theils gar nicht, theils nicht in dem Maasse 
erwogen werden konnten, wie es deren Wichtigkeit erfordert. 
Und in diesem Sinne sollen die Novellen, an sich eine selbst- 
ständige und durchaus unabhängige Arbeit, zugleich eine Ergän- 
zung unsers Handbuchs bilden, auf welches deshalb auch überall 
verwiesen worden ist. Das Inhaltsverzeichniss ergiebt sogleich, 
dass ausser der weitem Ausführung der schwierigsten und wich- 
tigsten Fragen, wie der von der Nothzucht an kleinen Kindern, 
von den Misshandlungen derselben, von den Verletzungen, den 
Vergiftungen, dem geistigen Zustande der Vagabunden, dem s.g. 
Verbrecherwahnsinn, vom Leben ohne Athmen, von der Geburt 
auf dem Abtritt, den Kopfverletzungen der Neugebomen u. s. w., 
auch ganz neue Fragen in Anregung gebracht worden sind, wie 
z. B. die Vergleichung der Päderastie mit der Nothzucht, die 
Priorität der Todesart u. A. in. Es versteht sich von selbst, dass 
die 339 casuistischen Beläge sämmtlich neue, im Handbuch, auch 
in der neusten Auflage, noch nicht befindliche sind. Ich habe 
mich bei der Auswahl derselben auf die interessantesten und 
lehrreichsten beschränken müssen, um den Umfang des Werkes 
nicht ungebührlich auszudehnen, hoffe aber gerichtsärztlichen 
Practikem auch in dieser Casuistik b):auchbare Anhaltspunkte 
für ähnliche, ihnen vorkommende schwierige Fälle geliefert zu 
haben. 

Berlin, August 1863. 

Caspen 



Inhalt. 

BIOLOGISCHES. 

lälvste Novelle. 

Seite. 

Zur Lehre von der Nothzucht. 3 

§ 1. AligemeineB 3 

§ 2. Nothzucht an Kindern 5 

§ 3. Fortsetzung 8 

§ 4. Fortsetzung U 

f 6. Casnistik. 

1. Fall. Nothzucht an einem Knaben 15 

3. Fall. Verletzung des Hymen bei einem Kinde 15 

3. Fall. Ein ähnlicher Fall 15 

4. und 5. Fall. Zwei ähnliehe Fälle 16 

6. Fall. Wirkliche Tripperinfection bei einem Kinde 16 

7. Fall. Ein ähnlicher Fall 17 

8. Fall. Feststellung der Nothzucht an einer ausgegrabnen Kindes- 

leiche 17 

9. Fall. Nothzucht eines Kindes mit syphilitischer Ansteckung. 

Falsche Anschuldigung 19 

10. Fall. Tripper bei dem Kinde, Bubo bei dem Angeschuldigten . 20 

11. Fall. Schanker bei dem Kinde und bei dessen Vater 20 

12. Fall. VerletzungsspuT am Kindeskörper nach NothzuchtsTersuch 21 

13. Fall. Nothzuchts- Anschuldigung Seitens eines prostituirten Kindes 21 

14. Fall. Ein ähnlicher Fall 22 

15. Fall. Nothzucht vor Augenzeugen. Irrthum in Betreif des Hymen 22 

16. Fall. War der Beischlaf unter den obwaltenden Umständen un- 

möglich? 28 

17. Fall. Angebliche gewaltsame Entjungferung einer Erwachsnen. 

Ob im willen- und bewusstlosen Zustande verübt? Ob si- 

mulirt? 24 



VI Inhalt. 

Seite 

18. Fall. Angebliche Nothzucht im Schlaf 29 

19. Fall. Anschuldigung gegen einen Arzt wegen unzüchtiger Hand- 

lungen 30 

20. Fall. Vollendete Nothzucht einer ö7jährigen Frau 32 



Zi^eite Novelle. 

Zur Lehre von der Päderastie. ss 

§ 1. Allgemeines 33 

§ 2. Selbstbekenntnisse eines Päderasten 36 

1 3. Zur Diagnose 40 

§ 4. Yergleichung der Päderastie mit der Nothzucht 44 

§ 5. Casuistik. 

1. Fall. Kann ein Mann von einem Andern päderastisch gemiss- 

braucht werden? 45 

2. und 8. Fall. Zwei Päderasten 49 

4. und 6. Fall. Zwei Päderasten 49 

6. und 7. Fall. Zwei Päderasten 50 

8. und 9. Fall. Päderastie an einem Knaben 60 

10. Fall. Ein geständiger Päderast 61 

11. Fall. Angebliche Päderastie 61 

12. Fall. Passive Päderastie 51 

13. Fall. Active oder passive Päderastie? ' . . . . 52 



Dritte IVovelle. 

Verletzungen und Misshandlungen ohne tödtlichen 

Ausgang. 53 

§ 1. Allgemeines * 63 

§ 2. Schwere, erhebliche, leichte Verletzung 65 

§ 3. Casuistik. 

I.Fall. Schenkelhalsbruch 56 

2. Fall. Durchdringende Brust wunde 56 

3. FaU. Verbrennung des Mundes durch Schwefelsäure 67 

4. und 5. Fall. Quetschung des Schenkels 57 

6. Fall. Durchdringende Bauchwunde 58 

7. FaU. Beilhieb in die Hand 58 

§ 4. Fortsetzung 59 

§ 6. Fortsetzung 61 

§ 6. Casuistik. 

8. Fall. Misshandlung eines Säuglings 62 



Inhalt. yn 

Seit« 

9. Fall. Measentioh in den Hals 64 

10. Fall. Messerstich in die Bchläfengegend 64 

§ 7. Fortsetinng 64 

$8. Casnistik. 

11. Fall. Fanstsehlag in's Qesicht, angebliche Kieferrerletzang . . 65 

12. Fall. Brach des rechten Oberschenkels bei einem Kinde ... 66 

13. Fall. Eierstocksentzündnng als angebliehe Folge Ton Misshand- 

langen 67 

14. Fall. Messerstich in den Kopf; Versetsen in eine Geistes- 

krankheit 69 

} 9. ControTersfkagen. l) Innere Krankheiten als angebliche Folgen Ton 

Yerletznngen 69 

§ 10. Casnistik. 

16. Fall. Verletsnngen des Kopfes, des Kehlkopf nnd der Speise- 
röhre dorch Beil nnd Messer 73 

16. Fall. Epilepsie als bestrittene Folge Ton Mlsshandlnngen ... 76 

17. Fall. Brqstfell- Entzündung als angebliche Folge von Ver- 

letanngen 76 

§ 11. 2) Wie ist der Einflnss der ärstlichen Behandlang Verletster foren- 
sisch an würdigen? 77 

§ 12. 8) Gehört das Gesicht in den Gliedmaassen? 81 

§ 18. Yerletsnngen des Kopfes 84 

§ 14. Casnistik. 

18—26. Fall. Schläge mit verschiednen Werkzengen auf den Kopf. 86 

f 16. Verletsongen des Gesichts 87 

§ 16. Casnistik. 

27. Fall. Kopfrerletsongen; bleibende Störung des Sehyermögens . 89 

§ 17. Fortsetzung. Ausschlagen von Zähnen 92 

§ 18. Casnistik. 

28. Fall. Gesichtsyerletznng durch Glühelsen 98 

29. Fall. Brandwanden im Gesicht 93 

80. Fall. Schläge gegen das Auge 98 

81. Fall. Fanststose gegen das Auge 94 

82. Fall. Gtesichtsverletzung durch einen Mauerstein 94 

33. Fall. Ohrfeigen und Kopfirose 94 

34. Fall. Beschädigung yon Zähnen dnrch Wurf 96 

86. Fall. Beschädigung von Zähnen durch Schlag 96 

§ 19. Verletzungen des äossern Ohrs 96 

§ 20. Casnistik. 

86. Fall. Säbelhieb durch das Ohr 96 

37. FaU. Taubheit durch Schläge auf das Ohr 96 

§ 21. Verletzungen des Halses 97 

§22. Casnistik. 

88. Fall. Warf mit einer Flasche an den Hals 98 



yill Inhalt. 

Seite 

39. Fall. Insultation des Halses. Abortus 98 

§ 2S. Verletsnngen der Brnst 98 

§ 24. Casoistik. 

40. Fall. Fanststoss gegen die Brost einer Stillenden 100 

41. Fall. Stich mit einer spitzen Feile in die Longe 100 

42. Fall. Bippenbrüche als Verletsnngsfolge 101 

43. Fall. Fanststoss Tor die Brnst 102 

§ 25. Verletzungen des Unterleibes. Hernien 102 

§ 26. Fortsetzung. Fehlgeburten 105 

§ 27. Casuistik. 

44. Fall. Wurf Ton der Treppe; Senkung der Qebännutter; 

Blutung ^ 107 

45. Fall. Misshandlungen; Niederstossen; Todtgeburt 107 

46. Fall. Eierstocksverhärtung; Fehlgeburt; Senkung der Gebär- 

mutter; Leistenbruch in Folge yon Misshandlungen .... HO 

47. Fall. Hinabstossen von der Treppe; Tritte in's Kreuz; Abortus 112 

48. Fall. Schlag mit einem Brett in die Milzgegend HS 

49. Fall. Enieen auf den Bauch ; Gebärmutter-Entzündnng . ... 113 

50. Fall. Stoss vor den Bauch; Leistenbruch? 114 

51. Fall. Kniestoss vor den Bauch; Leistenbruch 115 

52. Fall. Fusstritt vor den Bauch; Leistenbruch ....... 115 

53. Fall. FuBsstoBS gegen den Unterleib; Leistenbruch ..... 115 

§ 28. Verletzungen der Geschlechtstheile 117 

§ 29. Casuistik. 

54. Fall. Verletzung der Scheide; Zerreissnng der Harnröhre und 

Harnblase : 118 

55. Fall. Zerreissnng der Scheide durch einen Fall 119 

§ 30. Verletzung der Arme 120 

§ 31. Casuistik. 

56—61. Fall. Armbrüche nach Verletzungen 122 

62. und 68. Fall. ArmTcrrenkungen nach Misshandlungen .... 123 

64. u. 65. Fall. Chronische Armbeinhaut-Entzündung nach Sehlägen 124 

§ 32. Verletzungen der Hände 124 

§ 33. Casuistik. 

66. und 67. Fall. Handverletzungen durch Fall 126 

68. Fall. Fall mit der Hand auf Scherben 127 

69. Fall. Fingerbmch durch Beilhieb 127 

70. Fall. Verletzungen beider Hände durch Hiebwundeh 127 

71. und 72. Fall. Schläge mit thönemen Geräthschaften auf die 

Hand 128 

73. Fall. Biss in den Finger * 129 

§ 34. Verletzungen der Unterextremitäten 129 

§ 35. Casuistik. 

74—76. Fall. Brüche der Unterextremitäten dnrch Fall 129 



Inhalt IX 

Seite 

77. Fall. Brach des Oheneheiil(0ls durch Hinabwerfen einer Last ISO 

78. Fall. Verletzong am Oberschenkel durch Glüheisen 131 

79—81. Fall. Verletsungen des Knies durch Tritt, Schlag und Wurf 131 
82. Fall. Zerplatzen der Haut am Unterschenkel durch lieber- 

fahren 1.S2 

§ 86. lieber Messerstiche 188 

§ 87. Casulstlk. 

88—86. Fall. Messerstiche in den Kopf 185 

86—88. Fall. Messerstiche in den Rücken 136 

89—90. Fall. Messerstiche gegen die Brust 136 

91— 92. Fall. Messerstiche in den Oberarm 136 

98. Fall. Messerstich in den Unterieib 137 

94. Fall. Ausmessung der Arbeitsunfähigkeit nach Messerstichen . 137 

§ 88. Misshandlungen kleiner Kinder 139 

§ 39. Casuistik. 

95—97. Fall. Misshandlung von Kindern 142 



Vierte Novelle. 

Zur gerichtlichen Psychonosologie. i44 

§1. Zur Terminologie J44 

§2. Fortsetzung 149 

§ 8. Casuistik. 

1. und 2. Fall. Zwei kindische Majestätsverbrecher 153 

3. Fall. Ein schwachsinniger Jugendlicher Fälscher 166 

4. Fall. Ein schwachsinniger jugendlicher Betrüger 158 

5. Fall. Ein schwachsinniger Knabenschänder 161 

6—9. Fall. Diebstähle in Verstandesschwäche und Zerstreulicbkeit 

verübt 168 

10. Fall. UrkundenfiUschung; unreife Geisteskrankheit 168 

§ 4. Das Untersuchungsverftihren 170 

§6. Fortsetzung. 1) Die Yorbesuche 174 

§6. Casuistik. 

11. Fall. Fälschungen von einem Dispositionsunßlhigen verübt . . 180 

12. Fall. Mord an vier eignen Kindern von einem für dispositions- 

fähig erklärtem Manne. Zur ,yAmentia occulta^. Zweifel- 
hafte Verband lungsfähigkeit 182 

13. Fall. Anschuldigung von Unzucht mit einem Kinde; Mangel- 

haftigkeit der Zeugenaussagen 193 

14. Fall. Meineid; durch Simulation des Angeschuldigten verwirrt 

gemachte Zeugen 194 

§ 7. Fortsetzung. 2) Der Ezplorationstermin 195 



X Inhalt. 

Seit« 

15. Fall. Mordversaeh von einem Geistlichen. Ezplorations-Pro- 

tocoU 198 

§ 8. Fortsetznng. 3) Das Gutachten 202 

§ 9. Caauistik. 

Znm 15. Fall. Mordversnch yon einem Geistlichen 208 

16. Fall. Beleidigong von Behörden . . . . 309 

§ 10. Besondre Schwierigkeiten bei Gtemäthszostands-Untersnehangen. 

1) Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit 311 

§ 11. Fortsetzung. Geistiger Zustand von Vagabunden 215 

§ 12. Casuistik. 

17. Fall. Unterschlagungen und Betrügereien von einer Vagabnn- 

din verübt 217 

18. Fall. Wissentlich falsche politische Denunciation von einem 

Vagabunden ausgehend 321 

§ 13. Fortsetzung. 2) Angeblich geheilte Geisteskrankheit 234 

§ 14. Casuistik. 

19. Fall. Messerstich wunde von einer angeblich Geisteskranken 

beigebracht 229 

20. Fall. Strassenraub von einer epileptischen frühem Geistes- 

kranken 280 

21. Fall. Störung des Gottesdienstes durch einen Geisteskranken . 233 
§ 16. Fortsetzung. 8) Vormaliger Geisteszustand beim Errichten von 

Testamenten, Abschluss von Contracten u. s. w 236 

22. Fall. Waren drei Jahre früher ausgeführte ehebrecherisohe 

Handlungen in Wahnsinn verübt? 337 

% 16. Zur Lehre von den „krankhaften Trieben'' 341 

§ 17. Fortsetzung 344 

§ 18. Fortsetzung 346 

§ 19. Casuistik. 

I. Zur „Kleptomanie*. 249 

23—27. Fall. Diebstähle von Schwachsinnigen verübt 349 

28. und 29. Fall. Diebstähle von Wahnsinnigen verübt 362 

30. Fall. Malwine Torström, Diebin aus Lust am Klange des 

Metalls 364 

§ 20. Fortsetzung . 268 

IL Zur „Aidoiomanie^ 26S 

§ 21. Casuistik. 

31. Fall. Unzucht gegen ein Kind von einem Geisteskranken . . 266 

32. Fall. Wiederholte Unzuchten und Nothzncht einer Erwachsnen 

von einem Wahnsinnigen verübt. Simulation? 267 

,S3. Fall. Unzucht mit einem Kinde von einem Schwachsinnigen 

verübt , . . >73 



Inhalt. XI 

Seite 

34. Fall. „Aidoiomanie'' einer Jungen, vornehmen Dame 272 

§ 22. Verbrecherwahnsinn 286 

§ 23. Casoiatik. 

36. Fall. Mord der Gellebten 291 

36. Fall. Tödtong eines geliebten Knaben 299 



THANATOLOGISCHES. 



FHntlbe Novelle, 

Ueber gerichtliche Obductionen im Allgemeinen. 307 

§ 1. Allgemeines S07 

§ 2. Würdigung einiger ObductionsbeAinde .' ^ 308 

t. Fall. Simnlirter »trangulationstod 311 

§ 3. Fortsetzung. Blutgerinnung nach dem Tode 813 

2. Fall. Sturz aus der Höhe; Schädel- und Rippenbrüche ; Ruptu- 

ren der Lunge, Leber, Milz und der Nieren 314 

3. Fall. Sturz aus der Höhe; Ruptur der Vena cava, Leber, Milz 

und Nieren 316 

4. FalL Eisenbahntod; Brüche der Rippen; Ruptur der Lunge, des 

Zwerchfells, der Leber, der Gallenblase, der Milz und 

Niereu 316 

6. FaU. Fall einer Last auf den Kopf. Schädelbruch 816 

§ 4. Fortsetzung. Der Geruch als diagnostisches Hülfsmittel 316 

6. FaU. Ausgrabung nach mehr als zwei Jahren 319 

§ 6. Fortsetzung. Die Verfärbungen des Magens 820 

§ 6. Fortsetzung. Ort der verbreeherischen That 322 

7. Fall. Mord durch Kopf- und Hals wunden. Wo geschah die 

That? 323 

§ 7. Obductionen unter ungünstigen Verhältnissen 326 

8. Fall. Gerichtliche Obduction einer schon privatim secirten Leiche 

einer Uebergefahrnen 327 

9. Fall. Gerichtliche Obduction nach Kaiserschnitt an der Todten 327 

10. FaU. Ein Stück Haut als Obductionsobject 828 

11. Fall. Gerichtliche Obduction einer privatim secirteu nnd später 

ausgegrabnen Leiche 328 

§ 8. Negative Obductionsbefunde 329 

§ 9. Fortsetzung 332 

12. FaU, Vennuthung einer Vergiftung durch die Obduction wi- 

derlegt .,...,.,,..,..,,., 382 



XII Inhalt. 

Seit« 

13. Fall. Vennntliiing einer Yergriftung durch die Obdaction wl- 

derlesrt 333 

14. Fall. Vermuthong einer Vergiftung durch die Obduction wi- 

derlegt , 338 

16. Fall. Vermuthung einer Vergiftung durch die Obduction wi- 
derlegt 834 

16. Fall. Vermuthung einer Vergiftung durch die Obduction wi- 

derlegt 334 

17. Fall. Vermuthung von Misshandlungen als Todesursache durch 

die Obduction widerlegt 334 

18. Fall. Ausgrabung zum Zweck der Feststellung von nicht be- 

stätigten Rippenbrüchen 335 

19. Fall. Auffallende Lage der Leiche. Negativ beweisende Ob- 

duction 336 

20. Fall. Ein ähnlicher Fall 337 

21. Fall. Negative Obductionsergebnisse widerlegen das Schuldbe- 

kenntniss der Angeschuldigten 337 

§ 10. Casuistik seltner und merkwürdiger Obductionsbefnnde 838 

22. Fall. Bruch des Schädels in zwei Hälften. Tod erst nach drei 

Tagen 339 

28. Fall. Diastase der Schädelnäthe. Tod erst nach 12 Stunden . 339 

24. Fall. Diastase der Schädelnäthe. Tod erst nach 7 Tagen . . 840 
26. Fall. Stich in Augenhöhle und Gehirn^ ,Tod erst nach fünAind- 

zwanzig Stunden; frühe Verwesung 340 

26. Fall. Bruch des Schaambeins; Tod erst nach 6 Tagen. ... 341 

27. Fall. Bruch der Halswirbel; Tod erst nach 5 Tagen 841 

28. Fall. Bruch der Kückenwirbel, des Brustbeins und der Rippen; 

Tod erst nach 3 Tagen 841 

29. Fall. Diastase der Halswirbel; Tod erst nach 4 Tagen. ... 341 

30. Fall. Ruptur der Leber und Milz erst nach 1 1 Tagen tödtlich 342 

31. Fall. Ruptur des Gekröses; Tod erst nach 36 Stunden. . . . 342 

32. Fall. Aufschlitzen des Bauches 848 

33. Fall. Seltne Schädel -Verletzung; Sprengung der Schaam- 

Symphyse 346 

34. Fall. Seltne Schädel- Verletzung; Rippenbrüche; Rupturen der 

Leber und Milz 346 

86. Fall. Seltne Schädel-Verletzung 847 

86. Fall. Ausplatzen der Schuppennath ; Sprengung des Schädels; 

Commotion der Lungen • . 847 

87—39. Fall. Rupturen von Unterleibsorganen; Platzen der Schädel- 
näthe; Ruptur des Herzbeutels; abgerissnes Herz 847 

40. Fall. Ein abgerissnes Herz 348 

41. Fall. Zertrümmerung des ganzen Körpers ; Blutgerinnung nach 

dem Tode 848 



Inhalt. XIII 

Seite 

42— 46. Fall. Seltnere Schnatwunden 349 

46—51. Fall. Seltnere Fälle von Verbrennung 350 



Reellste Novelle. 

Die Priorität der Todesart. 858 

§ 1. Allgemeines 353 

§ 2. Zur Diagnose 856 

§ 8. Casuistik. 

1. Fall. Schnittwunden in die obem Extremitäten und Halsschnitt- 

wunden 860 

2. Fall. Schusswunden und Kopfverletzung. Wer war der Urheber 

des Todes? 861 

3. Fall. Priorität der Verletzungen. Wer war der Urheber des 

Todes? .- 365 

4. Fall. Priorität der Verletzungen. Kopfverletzungen und Darm- 

dnrchbruch 870 

5. Fall. Zufall oder Mord? 378 

6. Fall. Erhängen? oder Vergiftung? oder Verblutung? Eigne oder 

Aremde Schuld? 379 

7. Fall. Erhängen oder Verblutung? Eigne oder (Vemde Schuld? 380 
8—10. Fall. Erstickung und Kopfverletzung. Zufall oder fremde 

Schuld? 881 



Siel>eiite IN'oirelle. 

Zum Vergiftungstode. sss 

§ 1. Die eingebrachte Dosis des Giftes -. . 383 

1. Fall. Angebliche Vergiftung durch Phosphor 886 

§ 2. Aehnlichkelt der Vergiftungskrankhetten mit andern Krankheiten . 888 

2. Fall. Ob Vergiftung durch Morphium purum? 391 

3. Fall. War die Krankheit eine Kupfervergiftung? 393 

§ 3. Zeitdauer der Vergiftungskrankheiten und die Thier-Reaction ... 396 

§ 4. Zum chemischen Beweis 399 

§ 5. Fortsetzung 404 

4. und 5. Fall. Vergiftung durch einen Mohnkopf 405 

6. Fall. Eine völlig unaufgeklärte Vergifiung 407 

§ 6. Speciell Toxicologisches. ä) Zur Phosphorvergiftung 408 

§ 7. Fortsetzung. Fettleber bei Phosphorvergiftung 413 



XIV Inbalt. 

Seite 

§ 8. CaauiBtik. 

7. Fall. Phosphorvergiftnngr nach sieben Tagen tödtlich 417 

8. Fall. Phosphorvergriftung einer Schwängern. Kaiserschnitt nach 

dem Tode • 417 

9. Fall. Phosphorvergiftang einer Schwängern nach vier Tagen 

tödtlich 418 

10. Fall. Phosphoryergtftnng nach nenn Tagen tödtlich. ..... 419 

11. Fall. Phosphorvergiftang nach vier Tagen tödtlich 422 

§ 9. Fortsetzung, b) Zur Blansänrevergiftung 422 

I 10. Fortsetzung 426 

I 11. Casnisti]^. 

12. Fall. Blausäurevergiftung in Hagen und Leber chemisch nach- 

gewiesen 429 

18. FaU. Blausäurevergiftung im Blute chemisch nachgewiesen . . 4SI 

14. Fall. Blansäurerergiftung im Magen chemisch nachgewiesen. . 482 

15. Fall. Blausäure Vergiftung im Magen chemisch nachgewiesen. . 433 

16. Fall. Blausänrevergiftung 433 

17. Fall. Blausäurevergiftung im Magen, Leber und Blut chemisch 

nachgewiesen 434 

18. Fall. Vergiftung durch Cyankalium 435 

19. Fall. Vergiftung durch Cyankalium 435 

20. Fall. Blausäurevergiftung, durch Cyankalium? Das Gift im Ma- 

gen und Blut chemisch nachgewiesen 436 

§ 12. Fortsetzung, c) Zur Schwefelsäure- Vergiftung 437 

§ 13. Casuistik. 

21. Fall. Schwefelsäure- Vergiftung. Freie Schwefelsäure im Blut 440 

22. Fall. Schwefelsäure-Vergiftung 440 

23. Fall. Schwefelsäure als Abortivum tödtt^t Mutter und Frucht . 441 

§ 14. Fortsetzung, d) Zur Arsenik- Vergiftung 442 

§ 15. Fortsetzung 445 

§ 16. Casuistik. 

24. Fall. Arsenikvergiftung durch arsenige Säure 448 

25. Fall. Arsenikvergiftung durch ScheePsches oder durch 

Schweinfurter Grün 460 

26. Fall. Arsenik in den Haaren einer nach 1 1 Jahren ausgegrabe- 

nen weiblichen Leiche. Recognition der Leichenreste durch 
künstliehe Zähne ermöglicht. Ein nnanfgelöstes Räthsel. . . 453 

27. Fall. Denunciation wegen Vergiftung durch einen grünen Klei- 

derstoff 469 



Inhalt. XY 

8«it« 

A.cli'te Novelle. 

Zum Erstickungstode. 468 

§ 1. Zur Diagnose ' 468 

1. Fall. War Brann durch Rauch erstickt oder durch Alcohol 

vergiftet? 466 

I a. Fortaetsung 469 

§ 8. Fortsetsung 475 

§ 4. Casnistik. 

2. Fall. Erstickung durch Fleisch 479 

3. Fall. Erstickung durch Fleisch 480 

4. Fall. Ertrinken aus innerer Ursache im Bausch 480 

5. Fall. Erstickung; Alcoholvergiftung 480 

6. Fall. Erstickung durch regurgitirten Speisebrei ; Alcoholver- 

giftung 481 

7. Fall. Ertrinken aus innem Ursachen bei Darmeinklemmung. . 481 

8. FaU. Erstickung durch Speisereste im Krampfanfall 482 

9. Fall. Erstickung in Leuchtgas 482 

10. und 11. Fall. Erstickungen in Kohlenoxydgas 482 

12. und 13. Fall. Erstickungen in Kohlenoxydgas 482 

14. und 16. Fall. Erstickungen in Kohlenoxydgas 482 

16. und 17. Fall. Erstickungen in Kohlenoxydgas 484 

18. Fall. Erstickung in Kohlenoxydgas 486* 

19. FaU. Erstickung in Coaksgas 485 

20. und» 21. FaU. Erstickungen in Rauch 486 



iN^euxite Novelle. 

Zum Straugulationstode. 487 

§ 1. Schwierigkeit der Diagnose 487 

1. und 2. Fall. Welcher von Beiden war lebend, welcher nach dem 

Tode aufgehängt ? 489 

8. FaU. War Denatus lebend oder todt erhängt? 491 

§2. Fortsetzung. Die Strangrinne 492 

§ 3. Erwürgen 496 

$ 4. Mord, Selbstmord oder Zufall beim Straugulationstode 501 

§ 5. Casuistik. 

4. FaU. Erhängen in seltner Stellung 504 

5. Fall. Merkwürdige Selbsterdrosselung in liegender Stellung . . 604 

6. FaU. Mord durch Erwürgung 507 

7. Fall. Mord durch Erwürgung. Bruch des Kehlkopfs 509 



XVIII Inhalt. 

Seite 

17. Fall. Ob fahrlässige Kindestödtung darch Liegenlassen des 

Kindes im Bette der Matter? 635 

18. Fall. Annahme des Kindermordes gegen die Behauptung der 

Angeschnldigten 636 

19. Fall. Annahme des Kindermordes gegen die Behauptung der 

Angeschuldigten 637 

20. Fall. Untersinken der splenislrten Lungen nach zweiundzwan- 

zigstnndigem Leben 639 

31 — 26. Fall. Athemproben bei hoher Verwesung des kindlichen 

Leichnams 642 



BIOLOGISCHES. 



Casper, klinische Novellen. 



Erste Novelle. 

Zur Lehre von der Nothzucht. 

(Handbach L { 13 a. f.) 



Allgemeuiet. 

JNur wenige andere, den praktischen Gerichtsarzt beschäftigende 
Fragen bieten der Beantwortung so viele Schwierigkeit, als die: 
ob an einem zu untersuchenden Individuum mit Gewalt oder mit 
List eine gesetzwidrige Befriedigung der Geschlechtslust, wenn 
auch auf natürlichem Wege, versucht oder vollzogen ist, mögen 
die Strafgesetze das Attentat „Nothzucht*' oder „Schändung^ nennen, 
wie alle deutsche Gesetzbücher und der französische Codex, oder 
eine „unzüchtige, auf Befriedigung des Geschlechtstriebes gerich- 
tete Handlung", wie das Preussische Strafgesetz. Diese Schwie- 
rigkeiten sind in Beziehung auf das Untersuchungsobject theils 
subjective, theils objective. Subjective, da — selbst bei den klein- 
sten Kindern, die von ihren rachsüchtigen oder geldgierigen Müt- 
tern angestiftet werden I — ungemein, ja ungemein häufig die 
entschiedensten Lügen vorgebracht werden, die den Arzt um so 
mehr täuschen können , je mehr der objective Befund seinerseits 
und um so leichter zu einem irrigen Urtheil verleiten kann, je 
weniger geübt und erfahren der Arzt in dieser Materie ist. Und 
wie wenig Gelegenheit hat die überwiegende Masse der Aerzte 
sich hierin Uebung und Erfahrung zu sammeln. Es mag aufiEed- 
lend klingen und ist doch nur zu wahr, dass die meisten, selbst 
hoch wissenschaftlich ausgebildete und glückliche Practiker bei 
vorkommender Gelegenheit einräumen müssen — noch niemals 



4 § 1. Notfasacht 

ein Hymen gesehen zu haben, oder mit den sehr mannichfach vor- 
kommenden Formen nnd Gestaltungen der weiblichen äussern 
Geschlechtstheile vertraut zu sein. Auf den anatomischen Thea- 
tern wird darauf kein Werth gelegt und nur die Anatomie dieser 
Organe im Allgemeinen gelehrt und an einer Leiche demonstrirt, 
wo der Schüler denn freilich erfahrt, was grosse und kleine Schaam- 
lefzen, was eine Glitoris, ein Hymen seien u. s. w. Und die ärzt- 
liche Privat-Praads giebt keine Gelegenheit, sich hierin genauer 
zu imterrichten, denn, die Untersuchung weiblicher Geschlechtstheile 
auf Schwangerschaft, Syphilis oder andere Krankheiten, an sich 
schon wenig häufig, verfolgt andre Zwecke und lässt die Bildung 
der Theile als unwesentlich in den Hintergrund treten. Daher 
ist es sehr erklärlich, wenn so oft Aerzte in ihren Aussagen über 
den Zustand der genannten Organe in den hier betrachteten Gri- 
minalanschuldigungen die entschiedensten Lrthümer begehn, und 
ich trete hier als Anwalt für die Fachgenossen auf, wenn ich die 
Richter und Staatsanwaltschaften veranlasse, in dergleichen Fällen, 
aus den eben angegebenen Gründen, keinen Stein auf die irren- 
den Aerzte zu werfen. 

Ist schon aus diesem Grunde die Nothzuohtsfrage für die ge- 
richtlich-medicinische Praxis eine wichtige, so tritt dazu, dass sie 
sich leiderl so weit alle Berichte reichen, in der neuem Zeit über- 
all in erschreckender Progression der Fälle geltend macht. In 
Frankreich nehmen in neuester Zeit die Yerlnrechen gegen Per- 
sonen im Allgemeinen alljährlich ab, die gegen die Sittlichkeit 
alljährlich zu. Von 1826—1830 noch bildeten die aitenbaU aua 
moeura in Frankreich nur ein Fünftel aller Verbrechen gegen 
Personen, jetzt schon mehr als die Hälfte (53^)1 Und wenn die 
Zahl der gegen Kinder verübten Unzuchten von 1826 — 1830 nur 
Vis aller derartigen Anklagefälle ausmachte, so hat sie von 1856 
— 1860 schon ein Drittel derselben betragen, wie die amtiiche 
Statistik nachweist*) Die öffentlichen Blätter, die natürlich nur 
derartige Griminalfalle erwähnen, wenn die Individualität und Stel- 
lung des Angeschuldigten ein allgemeineres Interesse voraussetzen 
lässt, sind angefüllt mit Berichten der Art, und wenn sich — 



*) Compte rendn de la Justice erlmlnelle en Frsnoe de 1866— ISN» 



S % Notiraeht an Kindern. 5 

wie zu yermathen — - yon andern grossen Städten bestätigen sollte, 
was ich Yon Berlin yersichem kann, so verdient die Angelegen- 
heit auch noch von einem andern^ Standpunkt als dem nnsrigen, 
die eindringlichste Erwägung. In dem Jahrzehnt von 1842 — 1851 
habe ich nur 52 Individuen, also 5 durchschnittlich im Jahre, zu 
untersuchen gehabt, wogegen das letzte Jahrzehnt 1852 — 1861 
mir 138 Fälle von festzustellender Nothzucht an weiblichen Kin- 
dern und Erwachsenen brachte, d. h. fast 14 im Jahresdurch- 
schnitt. Und von diesen letzten 138 wieder fielen 58 Untersu- 
chungen auf die ersten, 85 aber auf die letzten fünf Jahre, d. h. 
=s 10 : 17 für den jährlichen Durchschnitt, während vollends die 
Zahl der Untersuchten im Jahre 1862 schon 29 betrag I Die al- 
lerdings sehr gestiegene Bevölkerung der Hauptstadt erklärt diese 
Progression nicht allein! Am allerwenigsten wird man die blosse 
Populationsvermehrung h^anziehn können, wenn ich anführe, dass 
in den Jahren 1852 — 1856 das Yerhältniss der wegen an ihnen 
verübten Unzüchtigkeiten von mir untersuchten Kinder unter 12 
Jahren zu der Summe aller derartig untersuchten Individuen 69,8 
Procent, dagegen die Verhältnisszahl in dem letzten Lustrum von 
1857'— 1861 bereits 81,i Procent betrug! Durchschnittlich waren, 
wie die Uebersidit im Handbuch beweist, ziemlich genau drei 
Viertel aller Untersuchten Kinder unter 12 Jahren, und eben 
diese Subjecte sind es, die eine gewissenhafte und richtige Be- 
urtheüung und Feststellung der angeschuldigten That ganz be- 
sonders und vorzugsweise erschweren können. 

§2. 
Nothiuoht an Kindern. 
Abgesehen von seltner vorkommenden, gegen kleine Mädchen 
von Männern verübten geschlechtUchen Brutalitäten, die hier nicht 
erwähnt werden können, aber auch nicht erwähnt zu werden 
brauchen, weU sie keine Spuren am Körper zurücklassen, die 
den Gerichtsarzt leiten könnten, kommen diese Unzuchten ent- 
weder vor als blosse Fingermanipulationen an den Genitalien Sei- 
tens Dritter, oder als wirkliche Beischlafsversuche. Jene Mani- 
pulationen kann man oft, vorausgesetzt eine Untersuchung in den 
ersten 6 — 8 Tagen nach der That, sehr deutlich feststellen, denn 



6 § 2. Nothzucht an Kindern. 

man findet wirkliche kleine Hauterosionen in der Schleimhaut 
am introüus vaginae und Nägelzerkratzung, oder und mit ihnen 
zugleich hochrothe entzündete, bei der Berührung schmerzhafte, 
linsen- bis erbsengrosse geschundene Stellen ebendaselbst. Bei 
späterer Untersuchung ~ und diese ist, der Natur der Sache 
nach, leider! die Regel — ist der kleine traumatische Eingriff 
ganz verschwimden und der Befund ein durchaus negativer. Dies 
ist so thatsächlich richtig, dass ich Dutzende von Belägen dafür 
zur Casuistik mittheilen könnte, wenn davon ein Nutzen zu er- 
warten wäre. Aber es folgt hieraus, dass deshalb, weil in vie- 
len derartigen Fällen die Untersuchung des Kindes keine Spur 
einer Anomaliean den Geschlechtstheilenergiebt,nichtdie betreffende 
Anschuldigung ohne Weiteres als Lüge zu erklären, soweit die 
Thätigkeit des Arztes hierbei mitzuwirken hat, wie vorsichtig, wie 
misstrauisch, wie ungläubig a priori man auch immer hierbei mit 
Recht sein möge. Hiemach ist dem Arzt die Linie für sein Gut- 
achten für derartige Fälle, sowie für alle ähnliche, auch 
wenn Beischlafisversuche unter Anklage stehn, von denen man 
keine Spur mehr am Kinde findet, genau vorgezeichnet. Er er- 
kläre nämlich, dass und wie der Befund rein negativ gewesen 
sei, wahre aber sein Gewissen und gebe dem Untersuchungsrichter 
Anlass zu fernerer Thätigkeit seinerseits durch den Zusatz: „dass 
der negative Befund die angeblich Statt gehabten Manipulationen 
u. dgl. nicht ausschliesse.'' Recht eigentlich gilt dies auch für 
die seltenen Fälle,* in denen Knaben zu Unzuchten von Frauen- 
zimmern gemissbraucht wurden, wenn der Befund, wie immer, 
wo nicht etwa gar eine Infection Statt gefunden hatte (Handb. 
L § 13), ein ganz negativer war (s. unten 1. Fall). 

Sind wirkliche Beischlafsversuche der Gegenstand der Anschul- 
digung, so erwarte man zur diagnostischen Feststellung: 

1) i.dA Hymen betreffend, bei Kindern bis zu 10 oder 11 Jah- 
ren niemals, die Membran zerstört zu finden, was aus der grossen 
Enge dor Theile und dem Missverhältniss der beiderseitigen Ge- 
nitaliea erklärlich genug ist. Bei 13-, ja bei 12jährigen Mädchen 
aber habe ich, bei auch nur mittlerem Körperhabitus dieses Al- 
ters, schon vollständige Entjungferung gefanden, und wirkliche Pro- 
stituirte dieses Alters gehören in Berlin nicht zu den Seltenhei- 



8 2. Notluracht an Kindern. 7 

ten. Dagegen können blosse Randrisse des Hymen dnrch kräftige 
ImmissionsTersuche auch schon bei kleinen Kindern erzeugt wer- 
den. Bei der 7jährigen Hulda, die der Angeschuldigte vor 14 
Tagen mehreremal auf seinen Schooss genommen und dann Im- 
missionsTersuche gemacht haben sollte, fand ich ein sehr fleischi- 
ges, hochrothes Hymen mit einem Einriss in den rechten Rand. 
An der 8jährigen W. war ein Versuch zum coitus vor 10 Tagen 
gemacht worden; wir fanden an beiden Seiten je einen hoch- 
rothen, frisch vernarbten Einriss. (S. auch 2. bis 5. und 11. Fall.) 
Gerade diese kleinem Verletzungen des Hymen .werden sehr häu- 
fig übersehen, und können sehr leicht sich der Beobachtung ent- 
ziehn, um so mehr, je kürzer nach der Entstehung die Unter- 
suchung geschieht, weil die Oi^ane dann noch so entzündlich ge- 
reizt sind, dass überhaupt die ganze Exploration und das Aus- 
einandersperren der Geschlechtstheile , das erforderlich, um das 
Hymen besichtigen zu können, den Kindern so schmerzhaft ist, 
und sie sich oft dabei so ungebehrdig benehmen, dass man gar 
nicht zum Ziele kommt. Das Hymen liegt nämlich in der Regel 
nicht ganz hart am Scheideneingang, vielmehr etwas tiefer, und 
man muss die Schenkel des Kindes weit auseinander sperren, 
um es vorerst überhaupt zu finden. Legt man bloss mit den Fin- 
gern die grossen Lefzen auseinander und den tntroitui vfiginae 
bloss, dann kann man auf eine doppelte Weise bei kleinen Kin- 
dern, und desto leichter, je kleiner sie sind, getäuscht werden. 
Einmal, indem man das immer etwas prominirende oetium ure-^ 
thrae für die Hymenalöffnung halt, und andrerseits sogar, indem 
man — die kleinen Schaamlefzen, die bei Kindern meist erst noch 
gleichsam rudimentarisch vorhanden sind — für Reste 
des zerstörten Hymens durch Verwechslung mit diesen, mit den 
myrthenformigen Carunkeln, erklärt. Ich könnte zahlreiche Bei- 
spiele dieser folgenreichen und gefährlichen Täuschungen nam- 
haft machen, die auf dem Papier allerdings unglaublich klingen, 
die aber wirklich vorkommen und sehr verzeihlich sind, da noch 
Niemand auf diese Untersuchung des Hymens bei Kindern auf- 
merksam gemacht hat und die Gelegenheit zu derselben für den 
einzelnen Privatarzt so höchst selten ist/ Ich füge deshalb für 
die Untersuchung noch Folgendes hinzu: Man beruhige sich nicht 



8 § 3. Kothzucht an Kindern. 

eher, und wäre beim Sträuben des Kindes eine spätere Wieder- 
holung der Exploration erforderlich, bis man den Ausschnitt, 
die Oeffiiung des Hymens zu Gesicht bekommen hat, die eben so 
oft (Handb.) kreisförmig, als halbmondförmig vorkommt, denn 
erst dann ist man sicher, nichts Anderes, als wirklich ein Hymen 
zu sehen. Die kleine Oeffhung ist nämlich durch das enge An- 
einanderliegen der Bänder der Membran verschlossen oder un- 
sichtbar, und sie springt so zu sagen erst auf, wemi die. Schen- 
kel auseinander gespreizt werden. Dann wird man auch, even- 
tuell nach Beseitigung des Schleims bei Blenorrhoeen , etwa vor- 
handene Einrisse deutlich erkennen. Da dieselben aber bei 
Kindern ungemein rasch, schon nach 6—8 Tagen, verheilen, und 
früher solche Untersuchungen fast nie dem Gerichtsarzt vorkom- 
men, so findet man den frühem Einriss gewöhnlich in Form einer 
ganz schmalen, noch mehr oder weniger rothen, in der Begel 
nicht erhabenen Narbe, ein sicherer Beweis, dass irgend ein frem- 
der Körper die kleine Membran verletzt gehabt hatte. 

§3. 
Fortsetzung. 

Weitere diagnostische Merkmale eines Beischlafsversuchs mit 
Kindern sind die folgenden Befunde: 

2) Erweiterung des Scheideneinganges. Da das Scheiden- 
rohr bei Kindern durch die labia majora ganz verdeckt ist und 
die Wände der Scheide platt aneinander liegen, so ist es von 
hoher Bedeutung, wenn man bei der Untersuchung die vagina 
etwas klaffend, den Eingang wie schwach ausgebuchtet findet. Je 
jünger das Kind — und unsere Liste im Handbuch zeigt unter 
190 untersuchten Fällen 37 Kinder von nur 2Va bis zu 6 Jahren 
— desto weniger wird man geneigt sein, bei solchem Befunde 
an Wirkungen der Onanie zu denken, wenn diese überhaupt diese 
Wirkung haben kann, was ich bezweifle. Vielmehr spricht eine 
solche Erweiterung entschieden für öfter wiederholte theilweise 
Einpressung eines dickem fremden Körpers, Fingers oder Eichel- 
spitze, und in Fällen, in denen ein längerer Missbrauch von Kin- 
dern Statt gefunden hatte, habe ich diese Ausbuchtung am Schei- 
deneingange selten vermisst. Dass eine einmalige oder ein paar- 



§ 8. KothzQcht an Kindern. 9 

mal wiederholte Unzucht die Lage der Scheidenwände nicht ver- 
ändern werde und nicht verändert, versteht sich von selbst, so dass 
eia derartiger Nichtbefund nie etwas beweisen kann. 

3) Blenorrhoe der Genitalien. Ein eben so häufiger als 
schwierig zu erwägender Befand bei Kindern, da sie rein trau- 
matisch, oder catarrhalisch, oder verminös, oder scrofulös, oder 
wirklicher Tripper sein kann. Farbe des Secrets, dessen Consi- 
stenz, die Beschaffenheit der dadurch befleckten Wäsche ergeben 
eben so wenig in dieser Beziehung diagnostische Anhaltspunkte 
als das Microscop. Die Aussagen der Mütter u. s. w., welche das 
Kind vorführen, wenn dieselben, wie gewöhnlich, dahin lauten, dass 
sie erst seit der Zeit nach der angeschuld%ten That diese Krank- 
heit am Kinde wahrgenommen, würden verwerthet werden kön- 
nen, wenn man in diesen forensischen Fällen nicht meist auf 
Lug und Trug gefasst sein müsste; in einzelnen Fällen mag aber 
der Arzt bei der Individualität der Zeugin immerhin dies Zeug- 
niss als werthvoUen adjuvirenden Beweis mit in seine Erwägung 
au&ehmen. Wichtiger sind folgende Momente zu den schon frü- 
her (Handb. L § 14) angegebenen, von denen ich nur wieder- 
hole, dass der ursprüngliche Sitz des Schleimflusses, ob Harn- 
röhre, ob Scheidenschleimhaut, in den meisten Fällen sehr schwer, 
bei kleinen Kindern gewöhnlich gar nicht, zu erkennen ist, theils 
wegen der EQeinheit und Enge der Theile, theils wegen der hef- 
tigen Schmerzen, die eine längere Untersuchung und Durchfor- 
schung derselben veranlasst. Findet man ausnahmsweise wirk- 
liche Urethritis^ so wird man nicht irren, wenn man auf Tripper- 
infection schliesst, da alle andern oben genannten Ursachen zu 
Genitalschleimflüssen die Harnröhre nicht berühren. Kann vollends 
der Angeschuldigte auch untersucht werden, und findet man bei 
ihm, wenn auch nur noch das allerletzte Stadium eines Nach- 
trippers, der eine Erwachsene gar nicht mehr ansteckt, womit 
aber die reizbare . Schleimhaut des Kindes noch leicht inficirt 
werden kann, wofür ich die zahlreichsten Beweise gesehn habe, 
dann erhöht sich die Sicherheit der Diagnose. 

Der l9Jährige K. war seit fünf Monaten mit dem Tripper behaftet. Am 
28. December batte er sich die 6jährige Hnlda auf den Baach gelegt nnd Im- 
misflionsveranche gemaeht. Schon am vierten Tage hatte das Kind nach dem 



10 § 8. Nothzucht an Kindern. 

ärzflichen Attest „weissen Flnss". Bei meiner Untersnchnng am 12. Febniar 
(nach 7 Wodien) klagte das Kind noch über Schmerz beim Uriniren nnd Stuhl- 
gang, Hymen und Frenulum waren vollkommen unversehrt, der Scheideneingang 
leicht geröthet und eine Blennorrhoe vorhanden, deren Sitz ganz deutlich die 
Harnröhre vrar. — Der 80jährige S. hatte S Wochen vor meiner Untersuchung 
die lOjShrige Marie, und 6—8 Wochen vorher die 7jährige Anna und die 7jäh- 
rige Bertha gemissbraucht Ich fond bei ihm die Hamröhrenmündung nicht 
mehr geröthet, noch geschwollen, aber feucht und beim Druck lien sich, wie 
gewöhnlich noch in der letzten Zeit des Trippers, ein Tröpfchen glasartigen 
Schleims ausdrücken, während das Hemde auch noch verdächtige grüne Flecke 
zeigte. Alle drei Kinder aber, bei denen die Untersuchung noch sehr schmerz- 
haft war, hatten eine geröthete Schleimhaut des introitus vaginae^ die Mün- 
dungen der Harnröhren waren etwas geschwollen, das Uriniren angeblich 
schmerzhaft, und ein starker wirklicher Tripperausfluss war bei allen Kindern 
vorhanden. (8. auch 6., 7. und 10. Fall.) 

Characteristisch für die wirkliche Trippernatur des Secrets 
ist ferner die Profusion des Ausflusses, die bei keinem anderar- 
tigen ähnlichen so stark ist. Namentlich pflegt die traumatische 
Blennorrhoe weit weniger profus zu sein, und ist diese jedenfalls 
von weit kürzerer Dauer. Deshalb wird man in zweifelhaften 
Fällen wohl thun, das Kind nach 8 — 10 Tagen zum zweitenmal 
zu untersuchen. Findet man dann die Blennorrhoe gehoben oder 
wesentlich gemindert, so hat man alle Ursache, anzunehmen, dass 
nicht eine Tripperinfection, sondern eine blosse Blennorrhoe durch 
Reizung der Schleimhaut vorliegt. — Blennorrhoen durch Wurm- 
reiz veranlasst, sind an sich selten, und auch catarrhalische und 
scrofulöse Scheidenschleimflüsse bei kleinen Mädchen nichts we- 
niger als häufig. Für die Annahme oder Nichtannahme der letz- 
teren ist der allgemeine habüus entscheidend. Wenn das Kind 
blühend, kräftig, gesund, wenn gar kein anderweitiges Scrofel- 
symptom am Körper wahrzunehmen ist, dann hat der Arzt kei- 
nen Grund, eine Genitalblennorrhoe als scrofulös zu erklären. — 
Mit entscheidend für die Feststellung des Characters des Schleim- 
flusses ist endlich auch die Zeit seines Entstehens im Vergleich 
zu der Zeit der angeschuldigten That. Traumatische Blennor- 
rhoen entstehen gewöhnlich unmittelbar danach ; bei einem dritte- 
halb Jahre alten Kinde sah ich sie noch an demselben Tage ent- 
standen, während der Tripper bekanntlich ein Incubationsstadium 
hat, und die Tripperblennorrhoe sich gewiss nur in den seltensten 



§. 4. Notbzncht an Kindern. 1 1 

Fällen vor dem dritten, vierten Tage nach der Ansteckimg, meist 
noch mehrere Tage später, zeigen wird und zeigt. Ermittelt es 
sich, dass die Blennorrhoe erst Wochen lang nach der angeschul- 
digten Unzucht bei dem Kinde bemerkbar geworden war, was 
gleichfalls nicht selten angegeben wird, dann hat man ein starkes 
diagnostisches Judicium für die nichttripperartige, sondern für die 
catarrhalische Natur der Krankheit. Wie man in die Lage kom- 
men kann, diese schon am lebenden Kinde so schwierige Diagnose 
sogar an der ausgegrabenen Leiche feststellen zu müssen, hat zu 
meiner Ueberraschung der unten folgende ganz unerhörte und 
einzig dastehende Fall gezeigt (8. Fall). 

Fortaetzong. 

4) Syphilitische Formen. Von diesen habe ich bei Kin- 
dern (abgesehen von Gonorrhoeen) nur primäre Schanker und 
spitze Condylome gesehn. Ich wiederhole zunächst nicht, was im 
Handb. I. § 17 über die gefährliche Verwechslung des Schanker- 
geschwürs bei kleinen Mädchen mit dem wirklichen Noma pu- 
dendorum ausführlich niitgetheilt ist.*) Bei den so häufigen be- 
züglichen falschen Anschuldigungen, falsch, indem überhaupt nichts 

*) In den Annales cPHygiene publique 1859 S. 347 ist ein schrecklicher 
neuerer FaU von Wilde in Dnblin mitgetheilt. Ein lOjähriflres Mädchen hatte 
am 23. Oetober 1867 mit einem Knecht in der Stube ihrer Eltern in einem 
Bett geschlafen, die in der Nacht nichts AnifiiUendes gehört hatten. Drei Tage 
später erkrankte das Kind. Es bildeten sich rasch verbreitende brandige Ge- 
schwüre an den Genitalien und dreizehn Tage nach Jener Nacht starb das Kind. 
Man fand brandige Zerstörung bis zum uterus und zur Harnblase, das perinaeum 
zerstört u. s. w. Der der Nothzucht angeschuldigte Knecht wurde zu lebens- 
länglicher Strafarbeit verurtheilt, während es nach Wilde*B genauer Darstellung 
unzweifelhaft ist, dass hier gar keine Nothznchtigung Statt gefänden hatte, son- 
dern dass ein noma pudendi vorlag. Vergebens petitionirte Wilde bis in die 
höchste Instanz, um den unglücklichen Knecht zu retten, und citirt A. Cooper, 
welcher schon behauptet hat, dass gewiss viele Angeschuldigte aus einem ähn- 
lichen schrecklichen Irrthum gehängt worden seien (die frühere Strafe in Eng- 
land bei Nothzucht)! Ein ähnlicher FaU wie der Wilde'sche, gleichfalls mit 
tödtlichem Ausgang, ist, wie der eben genannte, erwähnt von M. Heine in Pe- 
tenbnrg in der Prager VierteU.-Schrift 1859 IV. S. 108. 



12 {4. Notlunieht an Kindeni. 

geschehn, oder falsch in Beziehung auf die Person des Angeschul- 
digten, der, unschuldig, aus schmutzigen Beweggründen herange- 
zogen wird, während ein Andrer der Urheber der Ansteckung ge- 
wesen, sind besonders die Fälle schwierig zu beurtheilen, in de- 
nen man den Angeschuldigten zur Untersuchung bekommt, und 
— wie häufig genug — nicht eine Spur eines syphilitischen Uebels 
an ihm findet. Der concreto Fall mit allen seinen Umständen 
muss entscheiden, ob man dann eine ganz Tollständige Heilung 
des Mannes annehmen könne, oder ob Gründe vorliegen, die auf 
einen ganz Andern, als den Angeschuldigten hindeuten, wofür der 
unten folgende 9. Fall ein Beispiel liefert. Oder man findet den 
Angeschuldigten geheilt — während das Kind es noch nicht ist — 
aber deutliche Residuen früherer localer Syphilis, Narben mit 
Substanzyerlust an den Genitalien, auch geröthete Flecke von 
Condylomen u. dgl. m. (11. Fall.) Es sind dies im Wesentlichen 
ganz gleiche Fälle, wie die oben angeführten bezüglich der letz- 
ten Spuren eines Nachtrippers, insofern auch hier natürlich die 
Präsumption gegen den Angeschuldigten sein wird. Was die Ver- 
schiedenheit der bei beiden Theilen yorgefiindenen Erankheits- 
formen betrifft, so weiss jeder mit der Syphilis-Natur vertraute 
Arzt, dass solche Verschiedenheit das Urtheil nicht beirren kann, 
dass Schanker Tripper, Tripper Schanker erzeugen kann u. s. w. 
Ein Angeschuldigter hatte zur Zeit meiner Untersuchung sichtbar 
nur einen eiternden bubo; das missbrauchte Kind ächte Gonor- 
rhoe (10. Fall). Gewöhnlich aber findet man allerdings dieselbe 
Form bei beiden Theilen, und hat dann nur, um zu ermitteln, 
ob die Quelle der Ansteckung des Kindes füglich im Angeschul- 
digten gesucht werden kann, die Stadien des Uebels bei Beiden 
und dabei zu erwägen, ob und was der Eine oder der Andere 
zur Heilung seiner Krankheit gethan hatte. 

5) Klagen über Schmerzen beim Entleeren des Harnes und 
Koths sind bei Kindern sicherer zu verwerthen, als bei Erwach- 
senen, weil bei jenen an eine Simulation nicht zu denken ist. 
Gewöhnlich sind diese Klagen des Kindes das Erste, was die 
Mutter oder Angehörigen des Kindes aufmerksam macht und den 
Vorfall zu ihrer Kenntniss bringt, den, auffallend genug, die Kin- 
der fast in allen Fällen verschweigen, da sie durch die kleinen 



I 4. NotiisMiil ni Kindera. 13 

Belohnungen oder die Strafandrohungen der Tbäter befangen ge- 
macht und eingesdbiüchtert sind« 

6) Verletzungen am Körper, wie Verwundungen, Zerkrat- 
zungen, SugUlationen u. s. w. als Folgen und Zeichen einer Ge- 
genwehr gegen den Andringenden, kommen natürlich bei Kindern 
in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht vor. Ausnahms- 
weise habe ich dergleichen aber dennoch beobachtet Die aller- 
dings schon IS Jahre alte Clara sollte von einem Feuerwehrmann 
überfallen, am Arme gepackt, ihr die Röcke aufgehoben und dann 
an den Genitalien bloss berührt worden sein, da sie' sich nach 
Kräften gewdirt haben wollte. Die Untersuchung, zwölf Tage 
nach dem Vorfall, ei^b vollständig normale und unverletzte Be- 
schaffenheit der Genitalien, aber am rechten Oberarm eine zwei 
Zoll lange, geheilte, deutliche frische Kratzwundennarbe, die die 
Anschuldigung erheblich unterstützen mußste. Dasselbe traf zu in 
einem andern Falle {12. Fall), in welchem SugiUationen am Ober- 
Bch^ikel des Kindes bewiesen, dass hier Fingereindrücke einge- 
wirkt haben mussten. 

7) Ich muss wiederholt (Handb. I. § 15) auf die psycholo- 
gische Diagnose auj&nerksam machen, auf die mich die Be- 
obachtung der so sehr zahlreichen Fälle von Unzuchten mit Kin- 
dern geführt hat, und die nirgends erwähnt ist. In vielen Fällen 
war mir bei physischen Befunden, die eine mehrfache Deutung 
zuliessen oder sonst nicht ganz klar waren, diese Art und Weise, 
wie sich die Kinder über den Vor&ll äusserten, ein begreiflich 
sehr werthvoUe» Adjuvans für das Gutachten. Erwägt man einer- 
seits, dass Berlin und alle grossen Städte das Unglück haben, 
Prostituirte schon von 11 und 12 Jahren zu besitzen (13. Fall), 
erwägt man die dem Erfahrenen bekannte Gemeioheit und Nie- 
derträditigkeit pöbelhafter Mütter; die ihre Kinder ungescheut zu 
ihren nichtswürdigen Zwecken, G^lderpressung u. dgl. missbrauchen 
und sie förmlich zu drastischen Aussagen vor Richter und Arzt 
anleiten, erwägt man andrerseits, wie ganz anders sich ein wirk- 
lich unschuldiges, reines Kind in solchem Falle benehmen muss 
und wird, so wird man den Werth dieser Diagnose nicht gering 
anschlagen wollen. Kinder dieser Kategorie sind äusserst zurück- 
haltend in ihren Antworten auf die vorgelegten Fragen, zeigen 



14 § 4. Nothzncht an Kindern. 

ein tief rührendes Schamgefühl und äussern höchstens auf wie- 
derholtes gütliches Einreden: „er hat mich bepinkelt^ (sehr häufig) 
oder „er hat mich da unten gepikt'' (ein Sjahriges Mädchen), oder 
sie zeigen bloss weinend auf die Schamgegend u. dgl., während 
andere Kinder keck und dreist von „Seins in Meins^ sprechen, 
ein zwölfjähriges Mädchen mir wörtlich sagte, der von ihren El- 
tern Angeschuldigte, ihr Onkel, „habe zweimal den Beischlaf mit 
ihr vollzogen'' (1), ein anderes dreizehnjähriges Mädchen aber in 
einer erschütternden Confrontation mit ihrem, Yon ihr der Blut*' 
schände berüchtigten — allen Umständen nach unschuldigem — 
Vater Redensarten und Ausdrücke in ihren empörenden Schilde- 
rungen gebrauchte, die nicht wiederzugeben sind! 

8) So gewiss es im Allgemeinen richtig ist, dass sich der Ge- 
richtsarzt um den subjectiven Thatbestand gar nicht, und nur 
ma den objectiyen zu kümmern habe, so gewiss ist es, dass diese 
Regel ihre Ausnahmen erleidet, und dass der Arzt 80gar nicht 
selten angefordert wird, über den subjectiven Thatbestand, d. h. 
über die Person eines Angeschuldigten sich zu äussern. So wird 
er z. B. — abgesehen von allen Fällen bestrittener Dispositions- 
oder Zurechnungsfähi^eit — gefragt nach dem Kraftaufwand des 
Thäters bei Tödtungen oder Verletzungen, und so kommen auch 
in den hier besprochenen Anschiddigungsfallen noch andere rich- 
terliche Fragen, als wie vom Vorhandensein eines venerischen 
Uebels bei dem angeblichen Thäter, vor das Forum des Arztes. 
Häufig nämlich weisen dieselben die Anschuldigung, sich nicht 
mit einem einfachen Abläugnen begnügend, mit Gründen zurück, 
die die Unmöglichkeit der von ihnen angeblich ausgeführten Un- 
zucht dem Richter beweisen sollen, und diese Gründe können 
eine ärztliche Exploration erforderlich machen. So wird nament- 
lich hohes Alter oder irgend ein anderer Grund zur behaupteten 
Beischlafsunfähigkeit angegeben. Es bedarf wohl keines Wortes 
dafür, dass solche Angaben fast immer leere Ausflüchte sind, und 
den vorsichtigen Gerichtsarzt bei seinem Gutachten um so weni- 
ger blenden dürfen, als das, was mit dem Kinde* im Geheimen 
getrieben worden, sich jeder Beurtheilung entzieht. Wie der con- 
creto Fall bei eigenthümlicher Sachlage noch andere Entlastungs- 



§6. NothzYjßht Casnistik. l.~8. Fall. 15 

gründe Seitens des Angeschuldigten veranlassen kann, und dann 
als solcher zu würdigen ist, zeigt der 13. FalL 



§5. 

Casuistik. 

1. FalL Nothzacht an einem Knaben. 
Der SJähiige Carl war yon den beiden Dienstmädchen seiner Eltern län- 
gere Zeit in der Art missbrancht worden, dass sie ihn erst mannstnprirten — 
wobei Erection entstand und prostatische Flüssigkeit entleert wnrde — und 
dann den erigirten Theil an ihre Qenitalien brachten, und sich durch Bewe- 
gungen ihres Körpers befriedigten I An dem Kinde war der Befund durchaus 
negativ. Das Glied war Tcrhältnissmässig, klein, ^m praejnUium nicht geschwol- 
len, yerschiebbar. Es konnte nichts anderes geurtheilt werden, als „dass der 
Befund gegen das ELind gerichtete geschlechtliche Brutalitäten nicht erwiese, 
dass er aber der Annahme nicht entgegenstehe, dass unzüchtige Berührungen 
der Qeschlechtstheile Statt gefunden hätten.^ 

2. Fall. Verletzung des Hymen bei einem Kinde. 
Die gesunde und derbe zwölQährige W. war von dem 53 Jahre alten, ver- 
heiratheten Angeschuldigten gemissbraucht worden. Er habe sich, sagte das 
Kind ans, auf einen Stuhl gesetst, sie vor sich genommen, und dann „ange- 
piast.* Am andern Tage wurde das Kind yon dem Dr. X. untersucht, der zu 
den Akten bescheinigte, dass er ^durchaus Nichts' gefänden habe. Wir fan- 
den indess einige Tage später einen sehr deutlichen frischen Einriss am linken 
und einen eben solchen am rechten Hände des Hymen, Der introüus war nicht 
erweitert, dessen Schleimhaut rechts etwas geröthet, aber kein Ausfluss vor 
banden. Wir erklärten, dass ein fremder, harter Körper an diese Qeschlechts- 
theile gebracht worden sei und sie verletzt habe. Das Urtheil erging auf zwei 
Jahre Zuchthaus. 

8. FalL Sin ahnUoher Fall. 
Dia zwölf Jahre alte Anna, brünett, für ihr Alter schon ungewöhnlich ent- 
wickelt, wie es auch die Brüste und der schon ziemlich behaarte Schamberg 
waren, wollte schon fttnftnal menstruirt haben. Nach ihrer Angabe wollte sie 
nur Einmal eine Fingermanipulation erduldet und Einmal sich zum Beischlaf 
Preis gegeben haben, bei dem es aber nur zum Versuch gekommen. Ausfluss 
aus den Genitalien, Geschwüre u. dgl. waren nicht yorhanden, der Scheiden- 
eingang nicht erweitert und unschmerzhaft bei der Berührung. Das Hymen 
war aber eigenthümlich verletzt, sein rechter Rand ganz erhalten, der linke 
dagegen durch zwei Einrisse ganz zerfetzt, wonach wir eine „so zu nennende 
onyoUständige Enljungferung'' durch einen fremden, harten Körper annahmen. 



16 § 5. NotkzQcht. Gasaistlk« 4—6. FaU. 

4. ind 6. Fall. Zwei äkiüiohe F&lle. 

4) Die verletiten Kinder waren die 18jährige Louise und die lijährigre 
Aaguflte, der Angeschuldigte der 15jährige Bruder der Erstem, der geständlich 
mit Beiden theils Fingermanipnlationen, theils Beischla&yersuche gemacht hatte. 
Bei der blassen, aber gesunden Louise waren die grossen Lefzen auffallend 
schlaff und bedeckten den Eingang nicht yöllig; die Vorhaut der Clitorü etwas 
angeschwollen, aber schlaff, der ifUroitus etwas erweiterter als gewöhnlich, aber 
weder geröthet noch schmerzhaft. Das kreisförmige Hymen (wie ^aoi frentdum) 
war erhalten, aber etwas angeschwollen, und zeigte links eine kleine Ver- 
dickung als Narbe eines frisch geheilten Einrisses. — 6) Die kräftige, blühende, 
mehr als gewöhnlich schon entwickelte Auguste hatte sehr angeschwollene lab. 
majora^ der Scheideneingang etwas klaffend, die Schleimhaut an mehrerenStel- 
len hochroth und entzündlich gereizt Das Praeputium der Clüorü stark geschwollen. 
Das Hymen hatte an beiden Seiten kleine Einrisse, deshalb etwas zackige Rän- 
der, und war geröttiet und etwas angeschwollen. Ziemlich starker, grünlicher 
Ansfluss aus der vagina^ welchen die Mutter am 12. schon bemerkt, nachdem 
der Angeschuldigte am 10. das Kind gemissbraucht hatte. Für das Outachten, 
worin „wiederholte** Beischla&yersuche angenommen wurden, war namentlich 
die Erweiterung des Scbeideneingangs maassgebend. 

6. Fall. Wirkliche Tripperinfection bei einem Kinde. 
Der Angeschuldigte war der 18jährige 8. Er stellte nicht in Abrede, vor 
6~7 Wochen tripperkrank gewesen zu sein, und gestand auch vor dem Richter 
(seltener Falll), am 29. Mai der fünfjährigen B* nicht nur an die entblöasten 
Geschlechtstheile geflust, sondern auch sein erigirtes Glied denselben nahe ge- 
bracht zn haben. Zwei Tage darauf fiuid der Polizeiarzt Dr. R. ihn noch mit 
einem .Naehtripper' behaftet Meine Untersuchung beider Individnen fand 
elf Tage iipäter Statt Die 'etwas anf^wulstete Hamröhrenmündung des B. 
und ein hervorquellender glasartiger Schleim liessen noch Jetzt anf das Vor- 
handengewesensein eines Trippers zurückschliessen. Die Mutter des Kindes 
hatte nicht nur an demselben einen erschwerten Gang, Röthnng und ^temng* 
an den G^eschlechtstheilen und Beschmutzung der Wäsche wahrgenommen, son- 
dern auch Dr. R. hatte am 81. Mai wesentlich dasselbe, wie ich am 11. Juni 
Torgeftmden, nämlich •— bei unyerietster jungfräulicher Beschaffenheit — ent- 
zündliche Reizung der Schleimhaut des Scheideneinganges, so wie des Hymen * 
und der HamrÖhxenmündnng, und oopiöser Ansfluss eines dicldichen, grüngelb- 
Hohen Schleims, der die benachbarten Theile empfindlich geröthet hatte. Die 
wirklich gonorrhoische Natur des Secrets konnte hiemach nicht zweifelhaft 
sein. «Die Beftmde an beiden Personen*", sagten wir, „passen nicht nur zn ein- 
ander, sondern unterstützen auch die Anschuldigung. Ein Schleimfluss aus scro- 
ftüöser Ursache u. dgl. ist bei dem sehr gesunden und blühenden Kinde nicht 
anzunehmen, wogegen um so mehr der Trippercharacter des Schleimfiusses an- 
zunehmen ist, als S. auch mit einem, schon 6—7 Wochen bestandenen söge- 



$ 5. Nothzncht. Casuistik. 7—8. Fall. 17 

nannten Nachtripper die Ansteckang fortpflanzen konnte, nnd die Erfillimng 
mich gelehrt hat, dass kindliche Gesehlechtstheile für die Tripperinfection noch 
weit empfänglicher sind, als die Erwachsener^ nnd Tripper sich auch noch in 
seinen spätesten Stadien leicht Kindern mittheUen lässt. Hierza kommt, dass 
die Mutter des Kindes schon vier Tage nach der That Flecke im Hemde des- 
selben und bei der Besichtigung am fünften Tage wahrnahm, «dass das Kind 
vom After bis an den Oeschlechtstheil förmlich blutig, wund und geschwollen, 
und das am Morgen rein angezogene Hemde Ton Materie förmlich steif war." 
Alle diese Thatsachen beweisen eine syphilitische Ansteckung u. s. w. Das 
Endgutachten lautete hiemach: ,dass 8. noch heute an den letzten Spuren 
eines Trippers leidet, und dass die Erscheinungen am Körper des Kindes auf 
eine geschehene Tripperansteckung schliessen lassen.* Die beschworenen nah- 
men die Thäterschaft des S. an, der zu mehrjähriger Zuchthausstrafe yemr- 
theilt ward. 

7. FalL Ein ähnlicher FalL 
' Das lOJährige Kind war gesund und kräftig nnd zeigte namentlich keine 
Spur von scroftilöser Anlage. Die Genitalien waren durchaus unverletzt, der 
Eingang aber etwas geröthet, gereizt nnd schmerzhaft, und ein sehr starker 
Ansfluss eines grüngelbliehen, dicklichen Sehleims vorhanden. Die Anschuldi- 
gong lautete, dass der 80jährige Schauspieler K. sich vor 14 Tagen entblösst 
aaf das entblösste Kind gelegt gehabt habe, wonach dasselbe unmittelbar dar- 
auf über Sehmerz beim Gehen geklagt haben sollte. K. fimd ich zwar ohne 
gonorrhoischen Ansfluss, den der GefSngnissarzt vor 13 Tagen noch geAinden 
hatte, doch zeigte sich wieder noch der bekannte glasartige Schlehn beim Druck 
auf die Urethra nnd im Hemde die chaiaeteristischen Flecke. Wir erklärten, dass 
ehie Insultation der kindlichen Genitalien Statt gefunden haben müsse, nnd dass 
um so mehr anzunehmen, dass dieser Körper wirklieh ein erigirtes männliches 
Glied gewesen, als die Annahme eines andern fremden Korpers gar keinen An- 
haltspunkt biete. Eine vollständige Immission sei übrigens nicht erfbigt, wie 
die unverletzten kindlichen Genitalien erwiesen. 

8. FalL Fegtstellnng der Nothzncht an einer ansgegrabenen Kindeeleiohe. 

Der sehr merkwürdige Fall war folgender: Die 12)^ Jahre alte Emille 
war am l. September (Sonntag) zu ihrem Fabrikherm gegangen, der sich an- 
geblich mit ihr eingeschlossen haben sollte. Bald darauf war das Kind her- 
ausgekommen, und hatte weinend geäussert: ,Herr X. habe mit ihr (Gemein- 
heiten getrieben.'* Montag klagte sie Über Kopfschmerz, Uebelkeiten und Nei- 
gung zum Erbrechen, zu welchen sich am Mittwoch Krämpfe gesellten. Der 
Arzt erklärte eine ,Gehimreizung*, verordnete Blutegel an den Kopf, aber 
schon in der Nacht starb das Kind, das am 8. September begraben wurde. 
Später erfuhr man, dass dessen Mutter den X. bezichtigte, den Tod des Kin- 
des veranlasst zu haben, und dass Unterhandlungen mit ihm wegen einer Geld- 
entschädigung eingeleitet worden seien, obgleich derselbe Alles läugnete, und 

2 



18 § 6. Kothzneht Caflnistik. 7-8. FalL 

Bioh namentlich anch darauf berief, dasa er anr Zeit ByphUitiacli krank, also 
gar nicht im Stande gewesen sei, das Kind an miaabranchen (I). Diese ver- 
dächtigen Umstände reranlaastcn die Staatsanwaltschaft, die Leiche ausgraben 
sn lassen, die uns dann am 28. November, zwölf Wochen nach dem Tode and 
ftat elf Wochen nach der Beerdigung des Kindes zur Obduction mit der Frage 
vorgelegt wurde: «ob noch Zeichen von Misshandlung oder Nothzucht an der 
Leiche wahrzunehmen seien?" Der Erfolg der Obduction war ganz unvermu- 
thet ein überraschender. Die Leiche war, wie die aller viele Wochen Be- 
erdigter, über und über mit Schinmiel bedeckt, der besonders stark im Gesicht 
and an den Genitalien sichtbar war, und hatte den gewöhnlichen süsslich-£an- 
Ugen Geruch. Ihre Farbe war graubrännlich , auf den Oberschenkeln braun- 
röthlich (der Anfätng der Mumidcation), wogegen die Bückenfläohe von colli- 
quativer Pntrescenz nass und zerfressen aussah. Die Geschlechtstheile wurden 
mit der Lupe aufii Genaueste durchforscht, und fanden wir und alle Umste- 
henden ein halbmondförmiges, vollkommen erhaltenes Hymen ^ das, wie ganz 
deutlich noch zu sehen, ftrei von Jedem Einriss war. Die Oefbung des Hymen 
hatte die Grösse einer kleinen Kirsche, hatte aber wohl mit durch das breite 
Auseinanderspreitzen der Schenkel diese ungewöhnliche Grösse angenommen. 
Die Schleimhaut des introitui vaginae war trocken, schmutzig, faulig -röthlich 
verfärbt Und vor der Oeffhung der Harnröhre steckte, aufs deutlichste sicht- 
bar, ein kleiner Schleimpfropf, welcher sich leicht entfernen Hess. (Im 
Uebrigen führe ich noch an, dass das G(ehim schon in den gewöhnlichen grau- 
grünen Brei verwandelt, dass alle Organe, selbst die so spät foulenden uterus 
und Harnblase, die sieh noch als die erhaltensten zeigten, schon weich und 
matschig, dass natürlich kein Tropfen Blut mehr in der Leiche zu finden und 
von Flüssigkelten nur noch Galle vorhanden war.) Wir beurtheilten den Fall, 
Indem wir erklärten: 1) dass das Kind an einer innem Krankheit verstorben; 
2) dass eine äussere Veranlassung zu dieser Krankheit nicht erheUe; S) dass 
ein consumirter Beischlaf mit dem Kinde gewiss nicht Statt gefunden habe; 
dass aber 4) die Annahme der Möglichkeit unzüchtiger Berührungen der Ge- 
schlechtstheile mit einem männlichen Qliede oder sonstiger Art durch diese Er- 
klärung nicht ausgeschlossen sei; 5) dass der Schleimpfropf an der Harnröhre 
von einer Tripperinfection herrühren könne, welche ihrerseits auch bei nur 
oberflächlichster Annäherung eines tripperkranken männlichen Gliedes entstehen, 
könne; 6) dass die Krankheit des Kindes als Folge einer heftigen Gemüths- 
bewegung durch die angeblich gegen sie ausgeübte Brutalität möglicherweise 
entstanden sein könne; dass aber 7) mit Berücksichtigung der schnellen Tödt- 
Uohkeit dieser Krankheit mehr Wahrscheinlichkeit für die Entstehung derselben 
aus innem körperlichen Ursachen sei, über welche derartige Ursachen 8) die 
Obduction keine Aufischlüsse mehr hätte geben können. Weiter konnte in die- 
sem so ganz eigenthümlichen Falle Jiicht gegangen werden. Auf Grund dieses 
Gutachtens aber fand die Staatsanwaltschaft sich nicht veranlasst, denselben 
weiter zn verfolgen. 



§ 6. Nothzacht. Casnistik. 9. Fall. 19 

9. FalL NothziLclit eines Eindee mit sypliilitisolier Ansteckiing. 

Falsehe AnBelmldigiuig. 
Der 19jährige Tischlergeeelle G. sollte die 9jii]urlge Clara staprirt und ve- 
nerisch angesteckt haben. Das Kind war am 9. Mai angeblich Byphilitisch er- 
krankt in die Charitö gebracht worden, in welcher die Aerzte, nach dem mir 
vorgelegten Jonmal, auch allerdings Feigwarzen tmd flache Geschwüre an den 
Genitalien constatitt hatten. Bei meiner Untersuchung acht Tage später waren 
letztere bereits verheilt, aber von erstem die kupferrothen hinterbliebenen Flecke 
zu beiden Seiten der grossen Lefzen, welche Flecke sich bis zum After er- 
streckten, noch deutlich sichtbar. Hiernach mussten wir es als unzweifelhaft 
erklären: ,dass das Kind syphilitisch inflcirt worden.* Der Angeschuldigte da- 
gegen wurde allgemein wie örtlich von mir voUkommen gesund befunden. Es 
waren weder Geschwüre, noch Narben, noch Flecke an Geschlechtstheilen und 
After, noch Ausfluss, noch verdächtige Hautausschläge am Körper vorhanden. 
„Dass G. behauptet, niemals syphilitisch krank gewesen zu sein*, sagte ich im 
Gutachten, „ist zwar durch meinen Befund nicht als erwiesen zu erachten, da 
namentlich Tripper oder Feigwarzen spurlos verschwinden können. Es ist aber 
auch, vorausgesetzt, dass derselbe daran gelitten habe, nicht zu erweisen, selbst 
nicht als sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass er das genannte Kind. ange- 
steckt habe. Dasselbe sagt aus, dass der Angeschuldigte es seit etwa dem l. 
April d. J. eiuigemale auf den 8chooss genommen und einen Beischlafbversuch 
mit ihr gemacht habe. Es' ist nun aber nicht wahrscheinlich, wenn G. zu 
dieser Zeit, also etwa sechs Wochen vor meiner Untersuchung, mit Schanker 
oder Feigwarzen behaftet gewesen wäre, womit er event. das Kind inficirte, 
dass dann zur Zeit meiner Exploration diese Krankheiten so spurlos bei ihm 
verschwunden sein sollten. Anders, wenn die anderweitige Aussage des Kin- 
des begründet sein sollte, dass er sie ^^ einige Tage vor Weihnachten* unzüch- 
tig berührt hätte. Es würde dann nicht ungewöhnlich sein, dass eine damals 
vorhandene syphilitische Krankheit des G. am 17. Hai spurlos verschwunden 
wäre, da mittlerweile fast 6 Monate verflossen waren. Diese Aussage der 
Clara aber zwingt zp einer andern Erwägung ihrerseits. Wenn sie dann näm- 
lich schon um Weibnachten von dem G. auf die angegebene Weise inflcirt wor- 
den wäre, dann ist es nicht denkbar, dass sie erst, wie geschehn, um Ostern, 
d. h. nach viertehalb Monaten, sollte Schmerzen empfunden, und Flecke in ih- 
rem Hemde bemerkt haben. Bei diesen incongruirenden Thatumständen mnss 
ich mich dahin erklären: dass nach der körperlichen Untersuchung beider Theile 
die erhobene Anschuldigung gegen den G. nicht begründet erscheint. Die 
Clara giebt aber femer an, und ich muss anhehn geben, wie weit den Aus- 
sagen des kldnen Kindes zu trauen ist, die sich mir allerdings als ziemlich 
aufgeweckt dargestellt hat, dass ein fremder Mann sie ,nach Weihnachten* — 
wie lange danach weiss sie nicht — in ein Haus gelockt, sie rücklings auf sei- 
nen Bchooss gesetzt und fleischliche Unzucht mit ihr getrieben habe. Kahme 
man diese Aussage als wahr und nehme man femer an, dass dieser neue Vor- 
fall sehr lange nach Weihnachten, vielleicht schon spät im Februar oder im 

2* 



20 § 5* Nothzncht. Caraistik. 10—11. Fall. 

März stattgehabt habe, dann wäre die Infeetioii des Kindes, die auerst in 
einer aasgeprägten Form, die auf yielwöchentliche Dauer schliessen lassen 
konnte, am 9. Mai gesehn worden ist, nach medicinischen Erfahrungsthatsachen 
leicht erklärt Wie der Fall Jetzt vorliegt, bin ich meinerseits ans den ange- 
führten Gründen weit mehr geneigt, diesen letzten Zusammenhang anzuneh- 
men.* Der Fall wurde hiemach nicht weiter gerichtlich verfolgt. 

10. FalL Tripper bei dem Kinde, Bnbo bei dem Angeachiildigten. 

Der Angeschuldigte gehörte nicht der niedem Yolksklasse an. Er sollte die 
S% Jahre alte Auguste am SO. November auf einen Tisch gesetzt und sie dann 
„vorgenommen*' haben. Angeblich hatte das Kind danach viel Schmerz em- 
pftmden, in den nächsten Wochen ungewöhnlichen Drang zum Harnlassen ge- 
habt, und war auch der Mutter ein erschwerter Gang aufgefollen. Anfangs 
December fiemd der Dr. K. es mit einem wirklichen Tripper behaftet Am 22. 
Januar fond ich noch eine lebhafte RÖthung im Scheideneingang und einen 
geringen, aus der Harnröhre kommenden Schleimfluss. Das Jungfernhäutchen 
war durchaus unverletzt Ich musste nach dem BeAmde erklären: »dass das 
Kind durch die Berührung sejner Geschlechtstheile mit Trippergift inficirt wor- 
den. ** ,Zwei Tage später untersuchte ich den Angeschuldigten und fand den- 
selben bettlägerig und mit einem handgrossgeöffiieten Bubo behaftet Ander- 
weitige syphilitische Symptome oder Spuren derselben waren am ganzen Kör- 
per nicht wahrnehmbar. «Der bestehende Befund hidess*', erklärten wir, «lässt 
sehr wohl die Annahme zu, und macht sie sogar höchst wahrscheinlich, dass 
vor einiger Zeit ein Schanker bei dem Kranken bestanden habe, der entweder 
mit Tripper verbunden gewesen, oder seinen ursprünglichen Sitz in der Harn- 
röhre gehabt habe, welches Letztere um so mehr zu vermnthen, als äusserUch 
an den Geschlechtstheilen Schankemarben nicht wahrnehmbar sind. Unter 
diesen Umständen gewinnt die Anschuldigung gegen S., das Kind venerisch in- 
ficirt zu haben, einen bedeutsamen Anhalt, wobei ich, da es mir nicht obliegt, 
den snbjectiven Thatbestand festzustellen, als selbstverständlich darauf auf- 
merksam machen muss, dass auch ein Anderer als S. dasiKind infloirt haben 
kann.« Höchst wahrscheinlich war es aber eben kein Anderer gewesen, denn 
S. ist bald nach meiner Untersuchung — landesflüchtig geworden! 

IL Fall. Schanker bei dem Kinde und bei dessen Vater. 
Die lljährige Ida gab in diesem schrecklichen Fall von Blutschande an, 
dass ihr Yater sie viermal, zuletzt Mitte Februars, zu sich ins Bett genommen 
und Manipulationen mit ihr vorgenommen habe, die nach ihrer Schilderung 
eine Beischlafir^ollziehung voraussetzen Hessen. Ich fand die Genitalien dee 
Kindes ringsum mit Schankergeschwüren umgeben, dergleichen sich auch noch 
einige am After befanden. Das Hymen war am rechten Hände etwas einge- 
rissen, und das Organ selbst, so wie der Eingang in die Scheide etwas gerö- 
thet und schmerzhaft. Der Vater haUe an der Eichel eine kupferrothe, kreis- 
runde Narbe mit etwas Substanzverlust (in deren Mitte noch eine nadelspits- 



§ 5. NothzQcht. Casnifltik. 12.— 13. Fall. 21 

grosse Oeftmng sichtbar war), die sich Idemach als ächte Bchankemarbe cha- 
racterisirte. Ansserdem fiftnd sich am Yorhantbändchen ein noch oifties kleines 
Geschwür und das B'ändchen selbst war lerstört Das Gutachten mnsste, bei 
der sehr harten Strafe, dib dem Angescholdigten drohte (und die anch Ter- 
hSngt worden ist), mit besonderer Vorsicht erstattet werden. Ich erklärte: 
1) dass 8. noch yor knraer Zeit mit yenerischen Schankergeschwüren behaftet 
gewesen, nnd noch Jetzt nicht völlig geheilt sei; 2) dass Ida S. mit denselben 
Geschwüren behaftet sei; 8) dass diese Geschwüre durch eine Berühmng ihrer 
Gkschlechstheile mit denen eines mit Schanker behafteten Mannes yeranlasst 
worden seien, wie namentlich die Beschaffenheit des (eingerissenen) Jnngfem- 
bäntchens ergebe; 4) dass aus dem Beftinde an sich mit Gewissheit nicht zn 
bestimmen, dass gerade der Angeschuldigte jener Mann gewesen sein müsse; 
dass Jedoch 6) der Beftmd eben so wenig das Gegentheil beweise, nnd mit den 
Angaben der Ida nicht im Widersprach stehe. 

12. Fall. Yerletznngsspnr am Kindeskörper nach Nothznchtsyersnoh. 
Vier Tage yor meiner Untersnchnng der lOjährigen Minna hatte der 32- 
Jährige Maurergeselle M. einen förmlichen Nothzuchtsyersuch an ihr gemacht, 
sie nämlich aufs Bett geworfen und mit starken Drucken, die sehr schmerzhaft 
waren, die Schenkel des Kindes auseinander gehalten und dann eine Immission 
yersucht Ich finnd an der innem Seite der Oberschenkel deutlich die bei der 
Berührung noch schmerzhaften Sugillationen von Fingerdrücken. Uriniren und 
Defäcation waren sehr schmerzhaft und hatten mit Cataplasmen und Ricinus- 
Oel erleichtert werden müssen. Das Gehen war sehr beschwerlich. Ausfluss 
ans der vagma fand nicht Statt. Die grossen Lefzen wotren etwas geschwol- 
len, eben so der Band der Hamröhrenöifiiung, dessen Berührung sehr schmerz- 
haft war. Das Hymen war unverletzt, aber stark iijicirt. M« war ganz gesund. 

18. Fall. Nothasnohts-Anschuldignng Seitens eines prostituirten E^indes. 

Die elfjährige G. denunoirte mit seltner Frechheit und in den allerge- 
mdnsten Ausdrücken, die sie sogleich yerdächtigen mussten, dass N. N. sie am 
31. Mai anf den Tisch geworfen nnd genothzüchtigt habe. Am 21. Juni be- 
scheinigte der Dr. X. .dass daa Jungfernhäutchen fehle, ohne dass doch Spu- 
ren einer frischen Zerreissung yorhanden, dass femer der Eingang in die Scheide 
so weit sei, dass man mit dem Finger eingehn könne, dass Scheide und Hamröhren- 
mündung schmerzhaft, heiss und geröthet, aber weder Ausfluss, noch Schmer- 
zen beim Uriniren u. dgl. yorhanden sei, noch gewesen sei.*' Wieder lag hie 
ein erheblicher ärztlicher Irrthum in der Schilderung des Befundes yorl Denn 
fünf Tage später fand ich das angeblich fehlende Hymen yollkommen erhalten, 
sigmoidal, mtd yöllig unyerletzt, auch ohne Narben und Einrisse. Der Eingang 
in die Scheide war nicht erweitert, sondern eng nach Yerhältniss des Alters, 
gar kein Schmerz bei der Berührung, gar keine Röthe und erhöhte Tempera- 
tur, kein Ausfluss yorhanden. Ich musste nach diesem Befund erklären: dass 
der heutige Beftmd den Schluss auf eine Insultation der Theile durch eine ge- 



22 f 5. Nothzacht. Casnistik. 14.— 16. FaU. 

schlechtliche Brutalität nicht rechtfertige, und wieder einmal hatte die psycho- 
logische Diagnose nns Yon vornherein nicht getäuscht Der Angeschuldigte 
läugnete den ganzen Hergang und behauptete viclraehr, dass ihm das Mädchen 
in die Beinkleider gefasst, sein Glied herausgenommen und an ihre Genitalien 
gebracht habel So unwahrscheinlich diese Angabe klang, so wurde doch that- 
sächlich festgestellt, dass das jetzt erst elQährige Kind — schon einmal früher 
gerade wegen derselben Unzucht vor dem Richter gestanden hatte I! Der Fall 
gestaltete sich also eigentlich als „Nothzucht eines Mannes durch ein elfjähri- 
ges Kind." 

14. Fall. Ein ähnlicher Fall 

und einen ähnlichen Einblick in den Schlamm grosser Städte ergab die De- 
uunciation der elfjährigen Marie gegen ihren Stiefvater, dass er sie „vielfach'' 
in der Art gemissbraucht, dass er ihr sein Glied in die Genitalien „gestossen"", 
und sie auch irrumirt habe (Handb. I. §. 23)1 Die elfjährige Denuntiantin 
war schon wegen Diebstahls nnd zweimaligen Betruges bestraft! Von einem 
wiederholten gewaltsamen Einbringen des penis in kindliche Geschlechtstheile 
musste ein frappanter Befund erwartet werden. Statt dessen fand ich Nichts 
als eine für das Alter ungewöhnlich entwickelte ClUoris^ keine Erweiterung 
des Eingangs^ vollkommen erhaltenes Hymen ohne Narben oder Einrisse, kei- 
nen Ausfluss u. s. w., und musste hiernach erklären: dass die ungewöhnliche 
Entwicklung der CUtoris ebensowohl natürliche Bildung, als Folge von öfter 
wiederholten Manipulationen dieses Theils durch die eigenen oder Anderer 
Hände sein könne, und dass im Uebrigen der Befund die Angaben der kleinen 
Denuntiantin in keiner Weise unterstütze. 



Vorstehende Fälle habe ich aus der Masse der Kinder betreffen- 
den Fälle ausgewählt, weil sie Alles, was diese Untersuchungen 
betrifft, zu erschöpfen scheinen. Yon den bei Erwachsenen vor* 
gekommenen Untersuchungen theile ich noch folgende, das Noth- 
zuchtsthema berührende mit, von denen jeder einzelne Fall ein 
eigenthümliches und von den Andern abweichendes Interesse 
darbot. 

15. Fall. Nothzaoht vor Augenzeugen. Irrthnm in Betreff des Hymen. 

Die 85jährige S. war im Sommer drei Wochen vor meiner Exploration 
von zwei Kerlen überfallen worden. Der Eine versuchte den Beischlaf mit ihr, 
nnd da dies nicht gelang, bohrte er — wie er sich selbst später berühmt hatte! 
— seine drei Finger in die Genitalien ein, während der zweite coitum a tergo 
versuchte, wobei das Mädchen arg gemisshandelt wurde. Zwei Augenzeugen 
des Vorfalls hatten ihn bestätigt. Bei seiner Untersuchung am 19s Jon! batic 



§ 6. NothKQcbt. CasQiBtik. 16. FaU. 28 

der Dr. N. N. erklärt: „dass das Hymen fehle und die S. entjun^ert sei." 
Meine Exploration fiemd am 6. Juli statt Das Mädchen klagte noch Jetzt (nach 
drei Wochen) über Zerschlagenheit im Körper. Das Hymen hatte eine seltene 
Bfldnng, denn es hatte einen ganz ovalen Ausschnitt, wodurch der frühere Arzt 
yermuthlich zu seinem Irrthum veranlasst vrorden, war dabei sehr fleischig, 
was die Erhaltung desselben trotz der Misshandlung erklärte, war aber leicht 
geröthet und am untern Ausschnitt frisch eingerissen. Noch mehr geröthet und 
sehr schmerzhaft war der wiroitw und eine leichte Blennorrhoe vorhanden. 
Das Gutachten erklärte, dass der Befrind für Insultation der Geschlechtstheile 
spräche. 

16. Fall. War der Beischlaf unter den obwaltenden UniBtänden 
»unmöglich?* 

^Beamte, Aerzte oder Wundärzte, die in Gefängnissen oder in öffentlichen, 
zur Pflege von Kranken, Armen oder andern Hnlf losen bestimmten Anstalten 
beschäftigt oder angestellt sind, wenn sie mit den in der Anstalt aufgenomme- 
nen Personen unzüchtige Handlungen vornehmen, werden mit Zuchthaus bis zu 
fünf Jahren bestraft '^ Aus diesem § 142 des Preuss. Strafjiresetzbnchs war 
der in einer solchen Anstalt angestellte und wohnhafte Lehrer G. angeschul- 
digt; eine Inwohnerin derselben, die unverehelichte Z. in der Nacht vom 10. 
zum 11. März zu sich ins Bett genommen zu haben u. s. w. Der Hausarzt 
der Anstalt Dr. B. hatte nach den Umständen des Falles, die man aus dem 
Nachstehenden ersehen wird, geglaubt, »die fast an Gewissheit gränzende Un- 
wahrscheinlichkeit eines geschlechtlichen Umganges des Angeschuldigten mit 
der Z. in Jener Nacht* annehmen zu müssen. Bald darauf zu einem Buper 
arbitrium über den Fall aufj^efordert, führte ich darin im Wesentlichen Fol- 
gendes aus: »mich an die mir gestellte Aufgabe haltend, beseitige ich 

zunächst Alles, was steh an höchst verdächtigen Umständen gegen den Ange- 
schuldigten in den Akten findet, wie ich es auch andererseits für überflüssig 
erachtet habe, die Z. körperlich zu uatennohen. Von einer solchen Explora- 
tion wäre nur dann für die Frage ein Erfolg zu erwarten, wenn sieh etwa 
ergäbe, daas die Z. noch Jetzt eine unverletzte Jungflran wäre. Ein solcher 
Znstand kann aber bei einer Person nicht vorausgesetzt werden, die in der 
Anklageakte ein »20Jähriges liederliches Frauenzimmer* genannt wird, und 
die bereits wegen Syphilis in der Charit^ behandelt worden ist Dr. B. ent 
nimmt die Gründe zu seinem Gutachten von beiden betheiligten Persönlichkei- 
ten, dem Angeschuldigten und der Z. Es steht nach ihm aktenmässig fest, 
dass letztere schon firüher an Krämpfen gelitten habe, und es ist ihm deshalb auch 
höchst wahrscheinlich, dass dieselbe vor Bohreck bei dem besprochenen Vor- 
fsU (das Ueberraschtwerden im Zimmer des Angeschuldigten durch die Haus- 
beamten) einem solchen epileptischen Anfall erlegen, wie sie dies selbst an- 
giebt^ Etwaige Spuren eines solchen Anfalls hat Dr. B. am andern Morgen 
bei der Z. nicht geftmden, und trete ich ihm darin bei, dass dies an sich 
nichts gegen seine Annahme beweisen kann. Dagegen steht es keineswegs »ak- 



24 § 5. Nothzacht. Casnistik. 17. Fall. 

tenmässig fest*, dass die Z. überhaupt „an epileptiaclien Krämpfen' leide, wie 
dies schon der K. Oberstaatsanwalt hervorgehoben hat, im Qegenthell ist nir- 
gends in den Akten davon die Bede, dass dieselbe eine Epileptische seL Even- 
tualiter aber ist gar nicht abznsehn, wie ein epileptischer Anfall am Abend 
des 10. März die Vollziehung des Beischlafe mit der Kranken, die bis snm 
Anbruch des folgenden Tages im Zimmer des Angeschuldigten blieb, und bis 
zum Hemde entkleidet in dessen Bett geftmden wurde, habe verhindern müs- 
sen, da bekanntlich ein solcher Krampfanfall mehr oder weniger rasch vor- 
übergeht, am wenigstens jemals eine ganze Nacht anhält, so dass evmt, 
Zeit genug zu einer geschlechtlichen Vermischung übrig geblieben wäre. Fier- 
nach bedarf es keiner Prüfung der Glaubwürdigkeit der Aussage der Z., einer 
liederlichen, bestraften Person, welche Glaubwürdigkeit anzunehmen Dr. B. 
keinen Anstand nimmt. Derselbe entnimmt aber einen zweiten Grund für sein 
Gutachten daraus, dass die von ihm vorgenommene körperliche Untersuchung 
des Angeschuldigten ,auf geschlechtlichen Umgang mit grosser Unwahrschein- 
lichkeit schliessen, ja einen solchen fast mit Gewissheit negiren lasse", und 
bestimmt dies in seiner Vernehmung vom 11. Januar d. J. näher dahin, dass 
„die Haut an der Spitze des Gliedes wie von fressender Salbe verletzt war*', 
nach Angabe des Angeschuldigten 'deshalb, „weil er sich, um sich Filzläuse zu 
vertreiben, mit Quecksilbersalbe eingerieben habe^. Dies Mittel wird aller- 
dings als ein sehr wirksames zur Tilgung jenes Ungeziefers gewöhnlich ange- 
wandt, und ist es auch richtig, dass bei längerm Gebrauch des Mittels eine 
Hautreizung, Entzündung, ja selbst flache Geschwüre entstehn. Dass aber 
solche Zufälle die Möglichkeit den Beischlaf zu voUziehn, wenn derselbe dann 
auch mit einigem Schmerz verbunden sein sollte, keineswegs anssohlienen, be- 
weist — die Fortpflanzung der Schankergeschwüre durch den Beischlaf leider! 
nur zu unbestreitbar. Schankergesohwüre sind oft sehr viel schmerzhafter, nm- 
fangreicher, tiefer u.8.w., als jene mercuriellen Hauterosionen, und täglich voU- 
ziehn Männer, mit diesem Uebel behaftet, den Beischlaf und pflanzen so die 
Ansteckung fort. Nach Vorstehendem gebe ich mein Gutachten dahin ab: ffisiaA 
aktenmässig durchaus kein Grund zur Annahme vom rein ärztlichen Staadpuakt 
vorliegt, dass der Angeschuldigte, Lehrer G., in der fraglichen Weise den Bei- 
schlaf nicht mit der Z. habe vollziehn können, dass im G«gentheil kein ein- 
ziger ermittelter Grund gegen die Möglichkeit des Beischlaf spricht."^ 

17. Fall. Angebliche gewaltsame Enljiuigfening einer Erwachsenen. 
Ob im willen- und bewnsstlosen Zustande verübt? Ob simnlirt? 
Der Fall war mehrfach interessant. Zunächst war es ein schwerer Crimi- 
nalfall, denn alle Strafgesetze bestrafen Unzuchten mit Personen im willen- 
oder bewnsstlosen Zustande verübt, mit schwerer Strafe, in Preussen mit Zucht- 
haus bis zu 20 Jahren, (§ 144 Strafg.), und ein solches Verbrechen sollte hier 
vorliegen, sodann weil andererseits die wirkliche Thatsache einer frischen Ent- 
jungferung einer Erwachsenen unzweifelhaft festgestellt werden konnte und 
wurde, femer weil mir (und später der Staatsanwaltschaft) von Anfang an die 



{ 5. NothzQeht. Casuistik. 17. FaU. 25 

game Saclüage etwas AnflUIendes und Bedenkliches hatte und den Verdacht 
einer Simulation einer nnftreiwilligen Entjnngferong anfkommen liess, sodann, 
weil an benrtheilen war, welche Substanz die angebliche Betanbnng des Mad- 
chens veranlasst haben konnte, nnd endlich, weil ich mich gegen einen nnbe- 
grfindeten Vorwurf der Staatsanwaltschaft, betreffend eine Competena-Ueber- 
schreitong meinerseits, zn yertheidigen hatte, welchen Vorwarf Oerichtsarzte 
öfter hören messen, wenn sie sich, wie überall doch erforderlich, wörtlich 
an die ihnen Ton den Bichtem gestellten Fragen halten, die ihrerseits nicht 
immer in ihren Requisitionen gar zu streng in der Wahl ihrer Worte in der 
Fragestellung sind — ich erinnere an die alltäglichen Fragen über .Zurech- 
nungsfähigkeit* — und dann eben den Gerichtsarzt in die Lage bringen kön- 
nen, in einer andern richterlichen Instanz dergleichen Vorwürfe über Compe- 
tenz-Ueberschreitung hören und sich dagegen yerwahren zu müssen. Ich theile 
deshalb ans den yerschiedenen über den Fall erstatteten Gutachten absichtlich 
auch meine betreffende Verwahrung hier mit 

Am 15. August Abends war die 18jährige L. nach ihrer, ausser gegen die 
Polizei auch gegen mich gemachten Mittheilung, nachdem sie durch zwei Glä- 
ser Branntwein sich in einen angetrunkenen Zustand versetzt und wiederholt 
in zwei Tanzlokalen getanzt hatte, von den beiden Angeschuldigten, resp. 20 
un4 21 Jahre alten Handwerksgesellen, auf einem Treppenabsatz ganz nahe 
der Thür ihrer Wohnung angeblich deponirt und genothzüchtigt worden, wäh- 
rend sie sich angeblich in ganz besinnungslosem Zustande befand. Die beiden 
Angeschuldigten haben Jede BeisehlaftvoUziehung geläugnet Das Mädchen 
war von mittler Grösse, sehr stark und kraftig und körperlich gesund. Der 
Bezirksarzt Dr. R. fand bei seiner Untersuchung derselben am folgenden Tage 
(16. ej, früh 8 Uhr) nach der That: angeschwollene und heisse äussere Scliaam- 
leften mit Schmerz bei der Berührung, ihre Schleimhaut und die des Scheiden- 
eingangs angesehwollen und stark geröthet, „das Jungfernhäutchen mit einem 
blutrothen, an den Rändern noch feuchtem, klebenden, ohne Zweifel ganz frisch 
entstandenen Einriss, welcher von der Mitte des Jungfernhäutchens nach der- 
hintern Wand der Scheide sich erstreckt*. Von der Untersuchung der Scheide 
musste wegen der lebhaften Schmerzen Abstand genommen werden. Bei mei- 
ner am ^0. ej, erfolgten Untersuchung war Geschwulst, Hitze, Röthe und 
Schmerzhaftigkeit der grossen Schaamlefeen und des Scheideneingangs ver- 
schwunden. Das Jungfernhäutchen aber war vielfach zerrissen und bis auf 
einige SteUen an beiden Rändern zerstört. Namentlich war dasselbe an sei- 
nem untern Rande weit zerrissen und zeigten sich die zerrissenen Fetzen noch 
roth und angeschwollen, ein Beweis dafür, dass die Einrisse frischen Ursprungs 
waren. Der Eingang in die Scheide mit dem Finger war Jetzt leicht und nur 
bei der Enge des Kanals etwas schmerzhaft. Ezploratin hatte gerade Jetzt, 
angeblich seit vorgestern, ihre Regeln und zwar zur normalen Zeit. Das von 
mir untersuchte Hemde zeigte an seiner hintern Fläche mehrere grosse nm- 
sehriebene und andre verwaschene Flecke, die sich nicht nur augenscheinlich 
wie Blutflecke verhielten, sondern auch microscoplsch als solche nachgewiesen 



26 §5. Nothzucht. Gasoistik. 17. FaU. 

wnrden. Ausserdem beftinden sich aa der Bückenflüolie des Hemdes mehrere 
anscheinende Saamenfleoke. In den deutlichsten derselben, die ich ansgreechnit- 
ten und microsoopisch ontersnchte, haben sich zehr zahlreiche SaamenISdchen 
gefunden, ein untniglicher Beweis dafitr, dass Jene Flecke wirklich von hier 
ergossenem männlichen Saamen herrührten. Hiemach nrtheilte ich: „sowohl 
der Befund einer Arischen £n1Jangfening, wie ihn theils der Dr. B., theils ich 
selbst erhoben haben, Geschwulst, Röthe, Schmerzhaftifl^eit der Schaamlefzen, 
Blutung und Einrisse in das Hymen ^ wie der Beftod von Saamenflecken im 
Hemde der Explorata erweisen, und gebe ich danach mein Gutachten, mit 
Beziehung auf die Worte der jnir vorgelegten Frage dahin ab: dass 
an der Emilie L. eine Nothzucht vollzogen worden ist.* Ich konnte mich kei- 
ner Täuschung darüber hingeben, dass das ominöse Wort «Nothzucht^ mög- 
licherweise bei der spätem Behandlung des Falles Weiterungen herrorrafen 
könne, was auch eintraf. Zuvörderst aber kam acht Tage später in der Vor- 
untersuchung auf Grund der Jetzigen Aussagen der Damnificatin: dass sie zur 
Zeit, als die „Nothzucht*' an Jenem Abend an ihr verfibt worden, sieh in 
einem ganz willenlosen Zustande befunden habe und unfähig zu Jeder Be- 
wegung gewesen sei, die Anlirage an mich: „ob und welche Anzeichen dafür 
vorlägen, dass derselben am 16. d. Mts. irgend eine und welche betäabende 
Substanz beigebracht worden?' Nach ihrer Auslassung, dass sie noch Jetzt, 
U Tage nach dem Vorfall, an Schwindel, Hagendrficken u. s. w. leide, ver- 
meinte sie nämlich, dass dem ihr von den beiden Angeschuldigten gereichten 
Branntwein eine betäubende Substanz beigemischt gewesen sein müsse. „Für 
diese Annahme aber**, sagte ich, „fehlt es an Jeder thatsächliehen Unterlage. 
Der Geschmack des Branntweins war, wie mir die L. sagte, dvrehans kein 
fremdartiger, jiur süss schmeckte derselbe. Opium, woran eveiU, zunächst zu 
denken wäre, schmeckt aber sehr bitter und eigenthümlich; dasselbe gelte von 
Stechapfel und ähnlichen Mitteln, deren Wirkung übrigens eben so wenig all- 
gemein bekannt ist, als dieselben leicht zugänglich sind. Dazu kommt der er- 
hebliche Umstand, dass gerade die Angabe der L., dass sie noch Jetzt, wie 
oben gesagt, leide, wenn dieselbe in der Wahrheit begründet sein sollte, was 
objectiv nicht festzustellen, gegen ihre Vermuthung spricht, da es keine be- 
täubende Substanz giebt, die eine so lange Nachwirkung hätte. Dagegen sind 
alle körperlichen und geistigen Erscheinungen Jenes Abends bei der Ij.^ abge- 
sehn von ihren und der Ihrigen offenbar unklaren und übertriebenen Schilde- 
rungen, meines Eraohtens ungezwungen aus der Wirkung des Bausches durch 
die nicht unerhebliche Menge des ungewohnten geistigen Getränks zu erklären, 
welcher Bausch doch so bedeutend war, dass die L. schon auf dem Wege 
nach Hause sieh erbrechen musste. Zu dieser Narcotisirung gesellten sich die 
Wirkungen des vorangegangenen Tanzes und der Bestürzung über den ange- 
schuldigten Vorfall, der Furcht vor den Eltem u. s. w.** Hiemach beantwor- 
tete ich die vorgelegte Frage dahin: „dass keine Anzeichen dafür vorliegen, 
dass der L. am 16. v. M. eine andere betäubende Substanz als Branntwein 
beigebracht worden set*' Nach geschlossener Voruntersuchung traten nun die 



§5. Notluraeht. Oasniflük. 17. Fall. 27 

Bedenken des Staatsanwaltes herror, die eine abermalige Btiekfrage bei mir 
yeranlassten, wobei. mir Fragen vorgelegt wurden, deren Fassug sich ans der 
ertheiiten Antwort ergeben wird. Diese lautete: „Seit Abgabe meines Gut- 
achtens vom 1. d. M. ist die Voruntersuchung vervollständigt und geschlossen 
worden, und geht aus den mir erst Jetzt connnunioirten Akten Folgendes, 
meine beiden früheren Gutachten nur Bestätigendes, hervor. Was die gericht- 
lichen Aussagen der L. und der Zeugen B. und H. betrifft, auf die ich beson- 
ders hingewiesen worden, so behauptet Erstere, den Branntweingenuss einräu- 
mend, dass, sobald sie ins Haus zurückgekehrt, »»ihr sehr übel geworden, sie 
heftige Kopftchmerzen verspürt, und solcher Schwindel und Müdigkeit sie be- 
fiiUen habe, dass ihre Glieder fast ihren Dienst versagten und sie nur mit Mühe 
Athem habe holen können.^** Während sie noch «.das volle BewusstscMu von 
Allem, was um sie und mit ihr vorging, hatte, habe sie zugleich das Gefühl 
der Ohnmacht und das Bewusstsein gehabt, dass sie alle Herrsehalt über sich 
verloren.''^ Sie deponirt nun femer, dass sie auf d«i obem Treppenabsatz 
hin „»gelegt** und ihr die Beine geqpreizt, die Böcke über die Brust zusammen- 
gelegt und nun die Beisohlaflbvollziehung erfolgt sei, wobei »ie grosse iSchmer- 
zen empfand. Nach einer »»ziemlich langen Zeit"* Buhe, habe sich nun »»ein 
Andrer** auf sie gelegt, und dies habe sich wohl 4 bis 5 Mal wiederholt. Ob- 
gleich sie , »keinen Augenblick das Bewusstsein verloren, sei es ihr doch nicht 
möglich gewesen, zu schreien, noch sich zu rühren.*'' Nach der Anasage des 
Zeugen B., der sie im Tanzlokal und beim Heimweg noch betrunken gesehn 
hatte, war sie beim Eintritt in ihr Haus »»zwar noch sehr betrunken, aber 
vollständig bei Besinnung, äusserte, sie würde wohl Schläge von ihren Eltern 
bekommen und war selbst im Stande, ohne Unterstützung lu gehn und zu 
stehn.** Diese Angabe bestätigend, deponirt der zweite Augenzeuge H., dass 
sie beim Eintritt in*s Haus »»zwar noch trunken war, denn sie taumelte, dass 
sie Jedoch vollständig bei Besinnnug war, denn ihre Beden waren Jetzt ganz 
vernünftig, und dass sie fast ohne Unterstützung ins Haus ging.** Beide Aus- 
sagen bezeichnet der Herr Staatsanwalt als »»glaubwürdige.** »Ich komme 
nicht anf die, in meinem früheren Gutachten erwiesenen Annahmen zurück, dass 
kein Grund für die von der L. aufgestellte Yermuthung vorliegt, dass der von 
ihr genossene Branntwein mit einer betäubenden Substanz versetzt gewesen, 
and dass in der angeschuldigten That ein en^nngfemder Beischlaf an ihr voll- 
zogen worden sei. Wenn ich denselben »»Nothzucht** genannt, und der Herr 
Staatsanwalt darin eine »»Competenz-Ueberschreitung** finden zu müssen glaubt, 
so bedaure ich, gegen diese Ausstellung protestiren zu müssen. Niemand hat 
mehr als ich in Lehre und Schrift die irrige Tendenz so vieler Geriehtsärzte, 
in ein fremdes (richterliches) Gebiet überzugreifen, bekämpft, und ich glaube, 
in eigener amtlicher Thätigkeit diesen Grundsatz stets festgehalten zu haben. 
Um so mehr war ich aufgefordert, dies im vorliegenden Fall zu thun, als mir 
sehr wohl bekannt, wie sehr selbst die Ansichten der anerkanntesten Bechts- 
gelehrten über den Begriff. »»Nothzucht** auseinander gehn, und vollends 
«»Nothzucht im Sinne des Gesetzes** mir völlig unbekannt ist, da bekanntlich 



28 §&• Kothzncht Casoistik. 17. Fall. 

das Strafgesetsbnch (aoflser im Register) nicht einmal das Wort: »„Nothzncht** 
kennt, geschweige eine Definition des Begriflii giebt Wenn ich nichtsdesto- 
weniger das Wort gebraucht, so mnsste es mefaies Ermessens geschehn, da 
dasselbe in der mir Torgelegten Frage gebraucht war. Ans diesen 
Gründen eben habe ich denn anch im Gutachten vom 21. ▼. M. das Wort Noth- 
zucht in ," geklammerti ein Beweis, dass nicht ich dasselbe in die Sache ge- 
bracht, und endlich im tenor gesagt, dass ich .»die mir vorgelegte Frage**' 
dahin beantworte, dass u. s. w. Hiernach beantworte ich die Jetzt mir vorge- 
legte Frage dahin: dass mein Ausspruch: an der L. ist eine „»Kothzncht** 
vollzogen, dahin zu verstehn: dass an der L. ein entjungfernder Beischlaf voll- 
zogen worden/ Ad b, habe ich schon ftüher wenigstens andeutungsweise (ini 
Bestreben, meine Competenz nicht zu überschreiten), und indem ich von »»un- 
klaren und übertriebenen** Auslassungen der L. sprach, zu verstehn geben 
wollen, dass mir die ganze Sachlage etvras Verdächtiges hat Nach den spä- 
ter erfolgten Ermittelungen, namentlich den obigen Depositionen der Zeugen 
R. und H., bin ich in dieser Ansicht vollkommen bestätigt worden. IMe frü- 
here Trunkenheit der L. war danach bei ihrem Eintritt ins Haus schon so weit 
geschwunden, dass sie fost ohne Unterstützung gehn konnte, dass sie vollstän- 
dig bei Besinnung war, Ja dass ihre Beden Jetzt »»ganz vernünftig** waren, 
und dass sie sich des Znsammenhanges ihres Benehmens am fraglichen Abend 
mit dessen Folgen ganz klar bewusst war, erhellt schon aus der „„glaubwür- 
digen*** Aussage des R., dass sie die Furcht äusserte, Schläge zu bekommen. 
Sie selbst räumt ein, ihre »»Besinnung** keinen Augenblick verloren zu haben, 
und beweist die Richtigkeit dieser Angabe, indem sie den betreifenden Vor- 
gang ganz genau schildert, und sogar angiebt, dass nach dem Ersten ein „»An- 
drer** sich auf sie gelegt habe, was sie bei erloschenem oder getrübtem Be- 
wusstsein nicht hätte unterscheiden können. Abgesehn vom vorangegangenen 
Rausch konnten aber auch etwaige Misshandlnngen, z. B. durch rohes Nieder- 
werfen u. dgl., die sensoriellen Functionen nicht getrübt haben, denn sie selbst 
sagt aus, dass sie „ »nieder gelegt«** worden sei Hiernach wäre der geistige 
(und körperliche) Znstand der Damniflcatin ein unerklärlieher, und gar nicht 
abzusehn, was dieselbe, die kurz vorher noch »»ganz vernünftige Reden ge- 
führt hatte und fest ohne Unterstützung gehn konnte**, die femer bei voU- 
kommner Besinnung war, von psychischer oder physischer Seite hätte abhalten 
können, wenn auch nicht den Versuch, sich zur Wehre zu setzen, zn machen, 
so doch wenigstens, zumal bei schmerzhaften Akten, zn schreien und um Hülfe 
zu rufen, sie, die doch wusste, dass sie sich dicht vor der Thür der Wohnung 
ihrer Eltern befend, deren Schläge sie schon bloss wegen des Tanzens und 
Trinkens ftirchtete. Hiemach beantworte ich die Frage ad b, dahin: dass die 
Angaben der L. (dass sie mit gespreizten Beinen zu liegen gekommen), und 
dass sie bei den Beischlafevollziehungen keinen Laut hat von sich geben und 
kein Glied hat rühren können, unglaubwürdig ist, und dass es für wahrschein- 
licher nach medicinischen Grundsätzen und Erfahrungen zn erachten, dass die 
Aufregung der Damniflcatin dnrch Rausch und Tanz ihre sittliche Widerstands- 



§ 5. Nothzacht. CAsnlstik. 18. Fall 29 

kraft gebrochen hat, welchen letztem Ausdruck der K. Staatsanwaltschaft ich 
dabin verstehe, »daas sie eben hat geschehen lassen.*' Ad c. Wenn ich ftüher 
,,,von ihren und der Ihrigen Übertriebenen und unklaren Schilderungen*^^ ge- 
sprochen, so geschah dies, weil ich gelegentlich meiner Explorationen in wie- 
derholten Unterredungen mit ihr, ihrer Mutter und deren Schwester, auf aUe 
meine Vorhaltungen, an denen mich meine Bedenken veranlassten, nur aus- 
weichende und solche Antworten erhielt, wie a. B. ,«ich war bei Besinnung, 
aber ganz weg*", «^sie sah aus, wie eine Todte^**, sie „, stand da wie ein 
Geist*'*', sie ,, konnte kein Glied röhren**** u. dgl. Dazu hat nunmehr nach- 
träglich ihr Vater deponirt: »,meme Tochter stand regungslos und stieren Blicks 
vor mir. Auf derselben Stelle, wohin ich sie beim Einführen gelfihrt hatte, 
blieb sie regungslos stehn. Statt sich zu entkleiden, griff sie sich wie eine 
Geistesabwesende an die Brust*' u. s. w. Es ist unschwer, in diesem Ver- 
halten eines 18jährigen Mädchens, das kurz zuvor „^vernünftige Reden**' ge- 
führt und allerdings ihre ,, «Glieder gerührt*** hatte, eine Uebertreibung, Ja 
eine Simulation zu erkennen, denn es würde nach medicinischen Erfnhrungen 
unmöglich sein, diesen Gesammtzustand, dies ganze Verhalten unter eine der 
bekannten Bubriken von Kerven- oder Geisteskrankheit zu subsnmiren. Hier- 
nach beantworte ich die Frage ad c. dahin: dass die eben genannten Anfüh- 
rungen der Damniflcatin und der Ihrigen die Bezeichnung: «offonbar unklare 
und übertriebene Schilderungen** verdienen.** — Hiermit liess nun die Staats- 
anwaltschaft die Sache fallen, die wohl, wie ich, nach beendeter Voruntersu- 
chung mehr und mehr zu der Ansicht gelangt sein mochte, dass höchst wahr- 
scheinlich hier nur ein ganz fireiwilliges Hingeben Statt gefanden hatte, und 
dass die Angabe der Gewaltthätilgkeit nur aus Furcht vor den Eltern erlogen 
worden war! 



18. FalL Angeblioho Nothsueht im Sehlal 

Ich habe keinen einzigen Fall beobachtet, in welchem ich, nach dem Aus- 
fiOl der Untersuchung und der ganzen Sachlage, nicht hätte Lüge und Betrug 
annehmen müssen in den Behauptungen, die die Ueberschrift bezeichnet Auch 
die 16 Jahre alte unverehelichte Emilie W. gab an, dass der Angeschuldigte 
am 5. April, während sie Nachts in ihrem Bette schlief, sich auf sie gelegt, 
und an ihr den Beischlaf vollzogen habe, dass sie sich nicht gewehrt, well sie 
erst erwachte, als er im Begriff war, sie zu verlassen. »Diese Angabe**, sagte 
ich nach Exploration der W., »ist höchst unwahrscheinlich, da die W. nicht 
nur behauptet, sondern der heutige Zustand ihrer Geschlechtstheile es selbst 
noch Jetzt sehr wahrscheinlich macht, dass sie am 6. April noch unverletite 
Jungfrau gewesen sei. In diesem Falle hätte aber die angeschuldigte Berüh- 
rung ihrer Geschlechtstheile ihr sofort Schmerzen verursachen und sie erwecken 
müssen, so dass ich mindestens eine Kothzüchtigung der übrigens kräftigen und 
gesunden Person »im willen- oder bewusstlosen Zustande*, nicht annehmen 
kann; ihre übrigens ganz gesunden Genitalien sind noch »Jungfräulich**, so 



30 § &• Nothzncht GMulBtik. 19. F»U, 

weit dies die Lage der gcossen SchaamleflEen und den noch Eiemlich engen 
Scbddeneingang betrilR, welehe Bildung aber einen selbst mehrere Bfale ge- 
pflogenen BeiseUaf nicht anssehliesst Das JnngfemhSatchen femer ist awar 
znm grossen Theil noch erhalten, abei^ mehrfiich an beiden Rändern eingerissen, 
so dass es als haibserstort zu schildern ist Auch dieser Beftind spricht für ge- 
schlechtlichen YerlLehr, nnd mindestens für Einen, wenn nicht für wiederholte, 
nicht YoUkommen gelungene Versnche imn Beischlaf, nnd ich mnss es . als 
höchst nnwahrscheinlich bezeichnen, dass ein solcher schmerzhafter Versuch 
gegen die schlafende W. habe gemacht werden können.* Hiemach wurde 
sie mit ihrer Dennnciation abgewiesen. 

19. Fall. Anaehnldigimg gegen euen Arst wegen nnzttehtiger 
Handlungen. 

Das Prenseisdie Strafigesetz spricht überall von ,auf BefHedigong des G^ 
sohlechtstriebes gerichteten unzüchtigen Handinngen*', ein weiter and dehn- 
barer Begriff. Wiederholt ist es mir Torgekommen, dass die Frage in faro ent- 
stand, ob die mannigfachen Explorationen, die ein Arzt zur Feststellung sei- 
ner Diagnose an weiblichen Personen machte, den concreten Umständen nach 
in jene Kategorie von mit schweren Strafen bedrohten Handlangen zu sub- 
summiren seien? Wer denkt nicht an das: 

Ihr fosst sie um die schlanke Hüfte frei. 
Zu sehn, ob fest geschnürt sie sei 

Der folgende derartige Fall war etwas grob und das Gutachten konnte 
nicht zweifelhaft sein. Ich wurde gefragt: ,ob die Seitens des Dr. N. getrof- 
fenen Anordnungen und TOigenommenen Manipulationen Behufe der ärztlichen 
Behandlung der Frau H. erforderlich oder sachgemäss oder überhaupt von Be- 
deutung gewesen sind?*' Und ich berichtete: ,Es drängt sich hier zunächst 
die Frage auf: welches waren thatsächlich diese Anordnungen und Manipula- 
tionen, da der Angeschuldigte alle desfallsigen Angaben der Denunciantin in 
Abrede stellt und seinerseits Angaben macht, die ein »„sachgemässes'** Verfah- 
ren im Allgemeinen wohl annehmen lassen würden? Ich werde, da es mir 
nicht zusteht, einer Deposition mehr Glaubwürdigkeit beizulegen, als der an- 
dern, beide Aussagen beleuchten. Die verehel. H., eine Junge Frau von 28 
Jahren, begab sich nach ihrer gerichtliehen Aussage, die im Allgemeinen genau 
mit dem übereinstimmt, was sie bald nach dem Vorftll ihrem Ehemann und 
einer Bekannten mitgethellt hat, Mitte vorigen Monats mit ihrem Kinde zu dem 
practischen Arzt Dr. Nv, um ihm Bericht über die Wirkung eines von Lets- 
terem am Tage vorher für das Kind verordneten Mittels zu erstatten. Sie 
klagte bei dieser Gelegenheit wiederholt über Kreuzschmerzen. M., der zuvor 
das Zimmer verschlossen hatte, hiess sie hierauf das Kind an die Erde legen, 
und sagte dann in »»eiligem Ton: legen Sie sich doch einmal hin zur Erdel***^ 
und als die H. dies verweigerte: „n^^nn so stellen Sie sich an die Wand!'''' 
Sobald sie dies gethan, fasste er mit beiden Händen zugleich unter ihre Röcke, 
hob diese in die Höhe, fasste auch mit seinen Händen ,,,an ihren Geschlechts- 



§ 5. NothzQcht. Oasnistik. 19. FaU. 31 

theflen hemm*'* und drängte auf sie ein, wobei er, da sie ihn abwelirte, sagte: 
9,maehen Sie doch die Beine breiter, und nehmen 8ie die Röoke mehr in die 
Höhe'*'', bis er endlich, nachdem er sie mit Knieen und Brost gegen die Wand 
gedrangt hatte, yon ihr abliess, indem sie äusserte: ,»ieh bin Ja nicht herge- 
kommen, nm mich anf schlechte Art mit Urnen einmlaasen.*" Die H. ver- 
sichert ferner, bemerkt an liaben. dass N. unter dem oifenstehenden Schlafrock 
die Hosen ebenftdls oifen gehabt habe, so dass er Tollständig entblöest war. 
Sie hat anch bemerkt, dass N. sein männliches Glied in der Hand hatte, und 
dass er bei der AnfTordenrng, die Beine breit zn machen, gegen sie losstiess, 
weiss aber nieht, ob er ihre Qeschleohtstheile berfthrt hat, da ihre Angst zn 
gross war. Als gewiss mnss angenommen werden, dass Dennnciantin von die- 
sem ganzen VerDshren den Eindmek gewonnen hat, dass nicht eine gewöhn- 
fiehe ärztUche Untersachnng, sondern eine nnzflchtige Procedor gegen sie ans- 
gefShrt worden sei, da sie sich mehrfach gegen Mann nnd Naohbam demge- 
mass aasgelassen hat Es könnte hierauf erwiedert werden, dass diese Auf- 
fiuBsung eine irrige war, zn erkläroi aus der Beschranktheit eines Weibes aus 
der nogebildeten Yolksklasse, die ein kunstgemäss .gelMtenes Betasten der Ge- 
Bchlechtstheile schon für etwas Unsittliches gehalten habe. Hierbei müsste es 
sehr auffallend erscheinen, dass ähnliche Aasehuldigungen nieht vorkommen, 
obgleich täglich Aerzte Untersuchungen und lianipulationen an Weibern aus 
allen KlassOU zu Heilzwecken vornehmen und vornehmen müssen. Wenn es 
femer wahr, was derselbe läugnet, dass N. die H. geheissen habe, sich zur 
Erde zu legen, so wurde dies entschieden gegen ihn sprechen. Denn wenn er 
namentlich eine innere Untersuchung der weiblichen Geschlecfatstheile vorneh- 
men wollte, zu welcher er sich nach den Klagen über Kreuzschmerzen allen- 
foUs veranlasst sehn konnte, so war eine solche in dieser Lage ganz unaus- 
fhhrbar. Ebenso spricht es durchaus gegen ihn, wenn er mit beiden Händen 
unter die Röcke führ und sie auftuheben aufgefordert haben sollte, da dies 
nicht die ärztliche Untersuchungsmethode ist Die Aufforderung, die Beine 
breiter zu machen, würde dagegen eben so wenig dem Dr. N. zur Last gelegt 
werden können, als die, sich an die Wand zu stellen, und sogar das Manipu- 
liren an den Geschlechtstheilen, wenn er beabsichtigte, eine exploratio per va- 
gmam vorzunehmen. Was endlich das geschilderte Costüm des N., die Her- 
ausnahme seines Gliedes und sein Eindringen damit betrifft, so bedarf es kei- 
nes Wortes zur Würdigung eines solchen Benehmens im Sinne der gestellten 
Frage. Der Angeschuldigte behauptet nach den Klagen der Denunziantin die 
Nothwendigkeit einer örtlichen Untersuchung erkannt zu haben, worin man 
ihm, wie schon bemerkt, nicht entgegentreten kann. AuffoUend ist es aber, 
weil nicht gewöhnlich und nicht recht einleuchtend, dass er nach eigenem Ge- 
Btändniss der an der Wand stehenden Frau die Böcke in die Höhe gehoben 
und nur Kreuz, Hüften und Unterleib befühlt habe. Es ist mir nicht erfind- 
lich, was er namentlich an den Hüften habe untersuchen wollen, um etwa auf 
die Quelle der geklagten Krensschmerzen zu kommen. Der Dr. N. giebt wei- 
ter an, er habe nunmehr die Fiau »»mit dem Finger**' an den Geschlechts- 



32 § 6- Kotbsaoht Casairtik. 20. FaU. 

theilen untersuchen wollen, nnd beetritt alles übrige ihm znr J4a8t Gelegte. 
Dass eine Untersachnng weiblicher Geschlechtstheile mit der Hand (den Fin- 
gern) in betreffenden Fällen erforderlich, ist aUgemein bekannt und schon oben 
bemerkt, dass auch hier der Dr. N. sich allenfalls zu einer solchen habe ver- 
anlasst sehen können. Selbstredend wird aber doch nicht eine solche, mit üb- 
lichem Ernst nnd Decenz geforderte Untersuchung von einer yerheiratheten 
Frau und Mutter Terwechselt werden mit einem Verfahren, wie das von ihr 
denuncirtel Und dass etwa die H. rein lügenhaft ihre Angabe erftinden, kann 
ich um so weniger annehmen, als ein Motiv dazu nicht abznsehn, und als N. 
selbst in seiner Vernehmung einen solchen Ursprung der Anschuldigung bezwei- 
felt, und eine Aufhetzung durch ihm unbekannte Feinde annimmt Nach Vor- 
stehendem beantworte ich die vorgelegte Frage dahin: dass die Seitens des Dr. 
K. nach Angabe der verehel. H. getroffenen Anordnungen und vorgenommenen 
Manipulationen Behufli der ärztlichen Behandlung der H. erforderlich oder 
sachgemäss nicht gewesen sind.^ Der Dr. N. wurde hiernach vor die Ge- 
schwomen gestellt, und von diesen — für nichtschuldig erklärt! 

20. Fall. Vollendete Nothzncht einer 57jährigen Frau 
durch den wahnsinnigen Walzmeister Voigt, s. hinten vierte Novelle, 32. Fall. 



§ 1. PSderaatie. ~ 33 



Zweite NoveUe. 

Zur Lehre von der Päderastie. 

(Handbuch I. § 30.) 



§1. 
Allgemeüiaf. 

IJewiss ist es höchst bemerkenswerth , zu sehen, wie im Laufe 
der Zeiten sich die Ansichten der Strafgesetzgeber über dies 
geheimnissYoUe Laster geändert, wie mit dem Fortschreiten der 
CÜTÜisation das Urtheil über derartige Sünder ein immer milderes 
geworden ist. Im Alterthum und bis in unsere Zeiten mit dem 
Tode bedroht und bestraft, wurde ihnen schon nach dem Preus- 
sischen Strafgesetz der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts 
(Thl. n, Tit. 20. des Pr. Allg. Landr.) nur langjährige Zucht- 
hausstrafe und „ewige Yerbaimung aus dem Orte, wo ihr Laster 
bekannt geworden^ angedroht. Bei der Zuchthausstrafe wenig- 
stens sind auch die meisten der neuem Gesetzbücher noch stehen 
geblieben, so namentlich auch das gegenwärtig neueste, das 
Baiersi^he Strafgesetzbuch yon 1861 (Art. 214.), dagegen ist das 
neue Preussische Strafgesetz (§ 143.) bereits bis auf eine ein- 
fache Gefangnissstrafe, in minimo bis auf sechs Monate herabge- 
gangen I Soll daraus gefolgert werden, dass im ferneren Laufe 
der Zeiten die Päderastie ganz aus den Strafgesetzbüchern ver- 
schwinden wird? Und hat sich die mildere Ansicht vielleicht 
deshalb mehr und mehr Bahn gemacht, weil der Gesetzgeber 
sich mehr und mehr überzeugt hat, dass dies Laster mit dem 
verwandten Verbrechen der Nothzucht an weiblichen Individuen 
auch psychologisch nicht auf Eine Linie gestellt werden kann? 

Caspar, klioische Novt>llefi. 3 



81 § 1. Päderastie. 

Denn wenn letzteres überall ein Ausflnss bestialischer Bohbeit, 
so kaim es nach allen Erfahrungen als* feststehend betrachtet 
werden, dass der Päderast in vielen, yielleicht in den meisten 
Fällen durch einen wunderbaren, dunkeln, und unerklärlichen 
eingebornen Drang sich ausschliesslich zu Individuen seines 
eignen Geschlechts hingezogen fühlt und mit demselben Ekel 
sich von Weibern abwendet, wie der nicht so unglücklich gebome 
Mann von Männern, so dass also darin quasi eine Entschuldigung 
für seine Sünden gesucht werden müsste. Denn, dass dem so 
ist, weiss jeder wirkliche Fachkenner und finde ich' alljährlich 
in meinen immer wieder erneuten amtlichen Beobachtungen fort- 
während bestätigt. Bei dieser zahlreichen Klasse von Päderasten 
wirkt siso nicht eine verderbte Phantasie, eine Entsittlichung 
durch üebersättigung im natuzgemässen Geschlechtsgenuss, wie 
diese allerdings bei nicht wenig Andern das agens wird. Aus 
einem solchen eingebornen Drange — dem traurigen Vorzug der 
Menschenspecies, denn meines Wissens kommt etwas derartiges 
im ganzen Thierreich bei männlichen, resp. bei weiblichen Thieren, 
(denn auch für die Tribadie (Hdb. § 21.) gilt ganz dasselbe!) nie 
und nirgends vor — aus dem eingebornen Drange erklärt es sich 
auch, warum sehr viele Päderasten einer ^ mehr platonischen 
Wollust frohnen, mit einer Gluth, heisser, als die naturgemässe 
in den verschiedenen Geschlechtem, sich zu dem Gegenstande 
ihrer Sehnsucht hingezogen fühlen — der nicht immer, wie das 
griechische Wort voraussetzen lässt, ein Knabe oder eiu Jüngling 
ist, was der Gerichtsarzt beachten mag — dass sie ihre Befide- 
digung üi andern Fällen in blossen gegenseitigen masturbatori- 
sehen Beizungen finden, die natürlich für die etwaige gerichts- 
ärztliche Feststellung unentdeckbar sind, wogegen solche Indivi- 
duen die ekelhafte Befriedigung per anum^ die einzige, die auf- 
findbare Spuren am Körper hinterlassen kann, nicht selten 
perhorresdren. Ich könnte Namen für diese Behauptungen suis 
Beweise nennen, begnüge mich aber mit der Mittheilung des 
unten folgenden Schreibens, auf das ich schon im Handbuch 
kurz hingedeutet habe. Tardieu ficht meine Behauptung an, 
indem er in den Zusätzen zu der neusten Auflage seiner noch 
weiter zu erwähnenden Schrift {Etüde midico-ligale eur lea atten- 



§ 3. Päderastie. SS 

taU aux moeurs 4. ^dit Pai%8 1862.) meint, jener anonyme 
Schreiber habe mir nur eine ^indiyiduelle Beichte^ gemacht, 
und seine Bekenntnisse hätten mir den Werth einer solchen. 
Tardieu bedarf dieser Behauptung, weil seine ganze Schrift 
darauf hinausgeht, eine feste, sichere Diagnose der päderasti- 
sehen Spuren am Körper aufzustellen, wozu allerdings die oben 
geschilderten Individuen nicht passen. Ich habe aber die unzwei- 
felhaftesten Thatsachen für meinen Satz, den ich aufrecht erhal- 
ten muss, und frage nur in Betreff dieses Briefes, was den 
Schreiber, der mir wohl für immer ganz unbekannt bleiben wird, 
veranlasst haben könnte, in seiner „Beichte'', mit der ich seiner 
Zeit überrascht worden , mir eine Unwahrheit zu sagen , da er 
ja das ganze Schreiben hätte zurückhalten können I Das Wunder- 
bare der Erscheinung in Frage ist aber mit dem bisher bemerk- 
ten noch nicht erschöpft. Gewiss ist es, und für die ärztliche 
Exploration bemerkenswerth, dass nicht wenige der eigentlichen 
Päderasten, die auf jene mechanische, beischlafsähnliche Weise 
sich befriedigen zugleich heute activ agiren und morgen sich 
passiv hingeben, heute sich als Mann, morgen als Weib fühlen, 
heut sich einen männlichen, morgen einen weiblichen Vornamen 
geben! Man wird bei jeder ärztlichen Untersuchung eines ange- 
schuldigten Individuums hierauf zu achten haben, denn wie wenig 
irgend zuverlässig auch die Zeichen der activen Päderastie sein 
mögen (§ 8), so kann doch eine Complication von Umständen, 
z. B. ein syphilitische Form u. dgl., zur Aufhellung des Falles 
dienen, wenn man vielleicht nach ziemlich festgestellter Diagnose 
der passiven Päderastie, nun auch noch Spuren einer activ ge- 
triebenen bei demselben Individuum findet. 

§2. 
Selbstbekenntnisse eines Päderasten. 

Ich stehe nicht an, das oben ia Bezug genommene anonyme 
Schreiben eines mir gänzlich unbekannten, der Männerliebe aus 
eingebomem Drange ergebenen Mannes an dieser Stelle (mit 
-wenigen, für den Druck nicht geeigneten Ausslassungen) bekannt 
zu machen. 

Der Sclu*eiber characterisirt sich als Mann von Bildung und 

8* 



36 § 8. Päderastie. 

Erziehung, als Weltmann und den hohem Ständen angehörig. 
Für meine eigne Belehrung war mir dies Schriftstück von gros- 
sem Werth, und ich entziehe es der Wissenschaft nicht, die 
noch kein ähnliches aufzuweisen hat. In vielen Stücken stimmt 
dasselbe mit den Aufzeichnungen ii^ den Tagebüchern des alten 
Grafen Ca jus (Hdb. § 24. Gasuistik), des inveterirtesten Päde- 
rasten, völlig fiberein, was mir eine werthvolle Bestätigung seiner 
innem Wahrheit gewesen. An meine Bestrebungen, das dunkle 
Capitel der Päderastie in der gerichtlichen Medicin aufzuhellen, 
schliesst sich ohnedies die Mittheilung dieses Schriftstücks 
organisch an: 

JEb sind bereits Jalue, tls ans JQurer Hand ein Avftati erscliienf*) der ein 
seltsames Anfiiehen erregte; damals schon wünschte ich mir erlaaben an ken- 
nen, an Sie zu schreiben, doch in dieser arsrwöhnischen Zeit, Wie konnte ich 
da wissen, ob ich dem Arzte oder Gkrichtsanste schrieb. Heute, wenn meine 
Worte für Sie copirt werden, blüht italischer Himmel über ein leidendes 
Menschenherz; wenn ich heimkehre, dannsnche ich wahrscheinlich, ein altern- 
der Mann, das Grab meiner thenren Matter, die keine Ahnung von meinem 
Elend hat und meine Vaterstadt ist mir eine fremde geworden. Verzeihen 
Sie mir, wenn mich die Stande eines langen Abschiedes, die Erinnerang an 
eine Jahrelange Verstellung und Qnal weich und etwas breit macht, doch, 
Herr, grade Sie in Ihrer SteUnng können Ja so viel für einen armen Pariah 
thnn, nnd ein gelöstes Glied an dieser Kette der Verachtung ist schon für uns 
Gewinn! ~ Verzeihen Sie auch, wenn ich yoransetze, dass ich die Liebe aus- 
gezeichneter Menschen besitze, dass ich Jederzeit wegen meines cliristUchen 
Wandels, meiner Milde und Menschenliebe yon meinen Leuten yerehrt wurde, 
dass ich, Gott ist in dieser Stunde gegenwärtig, nie wissentlich Böses verübte, 
dass ich hundertmal zu Füssen gesunken, um Lösung gefleht und nichts ge- 
funden habe, als Alles: den Trost des Evangeliums und wie ich vor Gott um 

des Einen wiUen kein Sünder sein könne. — — Als ein Schulknabe 

von acht Jahren sass ich neben einem etwas älteren Knaben, wie glücklich 
war ich, wenn er mich berührte, es war das erste unbestimmte Gefühl einer 
Neigung, die mir bis zu meinem neunzehnten Jalire ein Geheimniss war. Nie 
habe ich onanirt, nie mich in der Schule mit anderen Knaben befleckt; ich 
hatte Einzelne, zu denen ich eine unbezwingUche Neigung empfand, an die 
ich meine Verse richtete. Ich war fast achtzehn Jahre, als mich ein geliebter 
Freund, der meine Tugend verspottete, zu einem Frauenzimmer nahm. Ich 
empfand einen tiefen Ekel, denn ich war noch ganz unschuldig (und Sie wür- 
den das glauben, wenn Sie heute, nach fast zwölf Jahren des Genusses, 



*) Der Verfosser meint die Abhandlung über Nothzucht und Päderastie in 
meiner Vierte^ahrsschrift I. 1. 1852. 



§ 3. Pädenistte. 37 

aoflgezelchneten Körper, den Aiudrack yon tugendhaftem Lebenswandel, wie 
mir Jeder sagt und Jeder es glanbt, sähen), dennoch schämte ich mich so sehr 
vor meinem Bekannten, dass ich das Mädchen wiederholentlich besuchte. — Nie 
aber empfond ich einen Genuss wie meine Freunde ihn hatten, ich musste an 
sie denken, am mich su befriedigen. — So trieb ich es länget als ein Jahr; 
ich zwang mich zu den Mädchen und wurde yon ihnen förmlich verfolgt; immer 
ungläcklicher wurde mein Zustand. — Meine JugendMsohe verschwand, ich 
konnte die Abneigung, die ich gegen den Genuss bei Frauen empfand, nicht 
mehr überwinden und mied sie über ein halbes Jahr, immer aniigeregt, wenn 
ich einen hübschen Mann sah, wie seit meinem achten Jahre. — Es war ein 
qualvoller Zustand; ich war so unendlich unglücklich, weil ich mich für das 
einzige so seltsame Wesen hielt; mehr wie einmal lag die Pistole vor mir; 
nur meine religiöse Erziehung rettete mich vor einem Verbrechen« Keine Be« 
Schreibung wurde ausreichen, Ihnen dieses Unglück des Wahns, allein mit sol- 
cher Neigung zu sein, zu schildern und seltsam! wenn unter meinen Bekannten 
über so ^gemeine Menschen* geschimpft und gerichtet wurde, schimpfte ich 
ahnungios mit, denn ich dachte Ja nicht, dass meine Gefühle solche seien, son- 
dern hielt sie immer noch für Sehnsucht nach Freundschaft und dachte mir 
einen Genuss unmöglich, obschon meine Verlangen immer sinnlicher wurden. 
— Sie mögen Jetzt lachen, dennoch spreche ich die reine Wahrheit: in meinem 
Trübsinn warf ich mich oft vor Gott in den Staub *— lassen wir es auch den 
Teufel gewesen sein: aber in memem Herzen sprach eine Stimme so laut, dass 
Ich meinte, sie im Zimmer zu hören: »Gtohe nach den Linden!^ — Selten oder 
nie hatte ich die innere Promenade betreten; es war vor achtundvierzig und 
die Beleuchtung wohl nicht so glänzend wie heute. Ich ging unbewusst und 
hatte die Worte längst vergessen. — Nach einiger Zeit gesellte sich ein Herr 
zu mir; er sprach mir liebenswürdig und wir gewannen den Thiergarten. Ich 
empfand ein wunderbar seliges Gefühl als er mich an sich zog, mich leiden- 
schaftlich küsste und endlich mich angrüf und durch Onanie meine Natur be- 
fHedigte. ~ Jetzt aber bemächtigte sich meiner eine wahre Verzweiflung, ich 
weinte vor Schaam, als sich der Fremde verwundert zu mir wandte: ,Was 
gebärden Sie sich so? das thun Ja Hunderte?* Nie in meinem Leben habe 
ich Je wieder, Gott vergebe es mirl ein so seliges Wort gehört, es war mir, 
als erwachte ich zu neuem Leben und ich wurde neu geboren I Der Fremde 
theilte mir Vieles mit, wovon ich einiges nachfolgen lasse aus eigener Erfsh- 
rung. Acht Tage Jedoch wagte ich nicht die Promenade zu betreten, ich war 
von Allem so ergriffen, die wenigen Tage hatten mich (warum soll ich es nicht 
schreiben, es ist mir hundertmal gesagt worden) zu dem Apoll gemacht, der 
ich noch heute Vielen bin und dennoch, ob ich wohl eine interessantere Ge- 
schichte denn Ninon schreiben könnte, hat mich alle Verehrung, Anbetung 
könnte ich es nennen, nur demüthiger gemacht und mefaie Stimme so leise I(?) Ja, 
mein HerrI denn es handelt sich hier darum, dass die Wissenschaft suche und 
vielleicht neben dem Wunderbaren in der Natur auch dies anerkenne — Ja, 
alle Verehrungen und Huldigungen , die Je eine scJiö^q Frau empfangen , sin^ 



38 § 2* Päderastie. 

mir geworden. Zn meinen Föflsen achmachteten Prinsen und Mäaner von Qeiat, 
auf die Europa stolx ist, ich habe Hunderte von Blännern, weit über meinen 
Stand, beglttckt, habe die wundersamsten Liebesabenteuer erlebt! ^ Und den- 
noch leide ich, leiden Hunderte unter der tiefsten Verachtung, in einer Nei- 
gung, gegen die alle Moral, alle Religion, Weiberumgang nichts hilft; ach, ich 
spreche es nicht aus mir; ans Vieler, Vieler Munde habe ich dasi Und nie 
habe ich einen Bekannten, als ans guter bürgerlicher Gesellschaft mindestens, 
gehabt. — 

Also, ich betrat nach acht Tagen die Promenade der Linden wieder und 
schloss eine Bekanntschaft, die auf mich den grössten Einfluss hatte; es war 
eine Jugendlich schöne Persönlichkeit der höchsten Gesellschaft, Jetzt seit Jahren 
todt und glücklich I Wir liebten uns bald zärtlich, auf diese Welse lernte ich 
nach und nach mehrere Leidensgenossen kennen. ~ Ich ging nach England, 
nachher begrub ich meine Liebe. — Später verweilte ich öfter in Paris, in 
Italien, Wien, überall fand ich uns Armel — 

Und man wähnt uns alt, häaslich, abgelebt, der AusschwelAmg müde. Nie 
habe ich mich der Umarmung eines alten Mannes hingegeben; wir haben un- 
sere Neigungen so gut wie die Frauen; ich könnte dreissig solcher Männer 
nennen, die als Schönheiten ersten Ranges gelten würden, tugendhaft, wohl- 
thätig und liebenswürdig sind. Sie müssen Jedoch nicht wähnen, diese Neigung 
sei allzuverbreitet. nein! Die gütige Natur hat uns einen gewissen Instinct 
verliehen, der uns, gleich einer Brüderschaft, vereint; wir finden uns gleich, 
es ist kaum ein Blick des Auges, wie ein electrischer Schlag, und hat mich 
bei einiger Vorsicht noch nie getäuscht Ich kenne hier in Berlin Wenige, 
par Renommö Einige. — Auf zehntausend Seelen mag wohl nur eine solche 
arme höchstens kommen; natürlich drängen sich in Paris und Neapel dergl. 
Personen mehr zusammen. Sie müssen auch nicht glauben, wir trieben Pä- 
derastie. Nie habe ich das gethan und verabscheue mit Vielen, den Meisten 
diese Neigung. Wir befriedigen uns durch Küssen und gegenseitiges Anfassen 
der Schaam. Oft ist der Reiz so gross und ich habe dies oft bei mir aus Er- 
fahrung geftmden, dass die Saamenergiessung durch die reine Umarmung er* 
folgt. — Allerdings leugne ich die Päderastie bei einigen ausgearteten hässlichen 
Menschen nicht, diese kaufen auch manchmal den Genuss von Leuten, die sich 
dazu hergeben, und kommen eben zu Ueberreizungen, wie so viele bei den 
Frauen dazu kommen. Wir aber lieben uns, wechseln wohl unter einander 
und ab und zu ist auch ein Alberner, der da sagt: man verbrannte sonst auch 
Hexen, auch unsere Zeit wird kommen. Nein, sie wird und kann nicht kom- 
men, aber Sie, Herr Grcheimer Rath, üben Sie Mitleid mit so armen Wesen, 
wenn ein Vorurtheil sie zu Ihnen bringt; sei es ein Irrthum der Natur oder 
ein Becher schwer zu prüfenden Geheimnisses; glauben Sie: wir können nicht 
dafür, können nicht gegen die Natur, ich habe Alles dais, die tiefsten Kämpfe 
von mehr denn hundert j ungen Leuten erlebt —Schrecklich, wenn dieser Schleier 
sich erst in der Ehe lüftet; Clioiseul Praslin steht nicht so furchtbar da, wenn 



§ s. PSderattie. S9 

sebon er ein gemeiner Verbreolier war.*) Ich kenne Manchen, der aentet, und» 
manche junge Fran, die dadurch nngliicklich ist: ist die Neigung, dasBewnsst- 
sein erst erwacht, kein Pflichtgefühl hält dagegen Stand. Wie so gans anders 
wfirde mancher grosse, mancher kleine Mann henrtheilt werden, wfisste man 
des Grames, des Ehrgeizes, des Feiems QneU. — Glauben Sie, wir sind im All- 
gemeinen bessere, begabtere Naturen als die Andern; (I) wie Mancher ist mir 
In tiefer Melancholie schon weit in den Zwanzigern begegnet, den ich Über 
seinen Zustand anfigeklärt; wurde er auch nicht yiel glücklicher, so war er doch 
keine „wilde Bestie" seinem Cto wissen gegenüber, natürlich war ein Ehemann, 
Gott gelobt! nie darunter. Wäre unsere Sünde so gross, wie konnte ein Plato, 
Julius Cäsar, Friedrich, Gustay der Dritte, so Viele sie ausgeübt haben; waren 
Winckelmann und Platen gemeine Naturen? Wir haben meistens schöne Augen 
und das Auge ist doch etwas der Spiegel der Seele I — Auf dem Bighi, In 
Palermo, im Louvre, in Hoehschottlaiid, in Petersburg, >a, bei der Landung in 
Barcelona fond ich Leute, die ich nie gesehen, die in einer Secunde an 
mich gebannt waren, ich an sie, kann das Verbrechen sein? Wir waren 
selig, glücklich, dankten Gott, ich sehe sie yielleicht nie wieder, aber ich denke 
oft an sie, sie an mich so oft, nie werden wir uns yergessen. *- Auch Jetzt 
eile ich in einem solchen Verhältniss dem Süden zu; man liebt mich, idi habe 
seit meiner todten Liebe nie tief empfunden (denn auch wir haben tiefe , Ja 
tragische Neigungen), in dem freien Italien denkt man etwas leichter; meine 
Familie quält mich mit glänzenden Heirathen; soll ich eine Frau unglücklich 
machen, könnten Schätze für mich Werth haben, ich könnte davon wie ein 
Crösus besitzen. — Herr Geheimer Rath! man sagt, Sie seien ein edler Mensch 
und glücklicher Vater. ~ Lehren SiQ Ihren Kindern die Welt mit mildem 
Blick betrachten (II) und Chateaubriand« Worte kommen mir: »Que penseriez- 
yous donc, si yous eussiez M t^moin des meauz de la soeiötö, si, en abordant 
sur les rivages de TEurope, yotre oreille eüt €t6 firapp^e de ce long cri de dou- 
leur, qui s*^öye de cette yieille terre.^ — 

Zwar gehöre ich selbst einer edlen Familie an und mehr als ich brauche 
ward mir zu Theil, dennoch sehe ich im Geringsten meinen Bruder, so ist es 
ftuit bei uns Allen, ich habe Handwerker in den Häusern yon Herzögen ge- 
sehen, firei sich bewegend — also nur weil wir Ausgestossene, sind wir Men- 
schen I Vielleicht wären wir anders gemeinere Naturen geworden." — 

Dies gewiss merkwürdige Bekenntniss bedarf keines Gommen- 
tars Nur um Missyerständnissen zu begegnen, die in der Praxis 
irre leiten könnten, muss ich bemerken, dass nicht alle Päde- 
rasten, die vor den Richter und den Gerichtsarzt gestellt wer- 
den, solche „religiöse, edle Naturen^ sind, wie der Briefschreiber 



" *) Der Herzog yon Praslin, der bekanntlich in Paris seine Gattin yor meh- 
reren Jahren auf die grässlichste Weise ermordete. Dass derselbe Päderast 
gewesen, erfähit man zuerst aus diesem Briefe, 



40 § 3. Päderastie. 

sie schildert. Sind mir auch nicht bisher Mörder vorgekommen, 
wie sie Tardieu in Paris in den Banden gefunden, die das 
Laster blos benutzen um ihre Opfer zu umgarnen, so habe ich 
doch zaiilreiche gemeinste Naturen aus der Hefe des Volkes zu 
beurtheilen gehabt! 

§3. 
Zur Diagnose. 

Ich wiederhole hier nicht, was im Handbuch über das (unge- 
mein täuschende) Aeussere der Päderasten gesagt worden, und 
es versteht sich von selbst, dass ich bei der Würdigung der 
nachfolgenden körperlichen Befunde ausschliesslich nur jene 
ekelhafte, widernatürliche Geschlechtsbefriedigung per anum be- 
rücksichtige, die allein eine Grundlage für das ärztliche Gut- 
achten zu geben vermag. 

A. Die passive Päderastie. Es ist einleuchtend, dass auch 
bei männlichen Individuen, die sich ganz unzweifelhaft hingege- 
ben haben , im Anfange Spuren so wenig am Körper zu erwarten 
sind, als gefunden werden, was nicht selten in der Praxis vor- 
kommt. Gewöhnlich aber hat ein längerer Verkelir Statt gefun- 
den, ehe derselbe entdeckt wird, und dann kann man in man- 
chen Fällen ein gewisses^ in andern vielleicht ein Urtheil mit 
mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit abgeben, wenn man fol- 
gende Befunde beachtet. 1) Die allgemeine Gesundheit. 
Ich stelle mit Entschiedenheit wiederholt in Abrede, dass, auch 
selbst bei längerm Hingeben , wie alle theoretischen Schriftsteller 
behaupten und wie selbst Tardieu, allerdings mit Zurückhal- 
tung annimmt, sich Allgemeinleiden mannigfacher Art ausbilden, 
Abmagerung, Tuberculose u. s. w., denn die unzweifelhaftesten 
Gegenbeweise stehen mir zur Seite. Erwägt man aber, dass bei 
solchen verächtlichen Individuen, die sich als förmliche Prosti- 
tuirte Männern Preis geben, Nachtwachen, "Trunk, onanistische 
Schwächungen und ähnliche Momente nothwendig mehr oder 
weniger mitwirkend werden, so wird man zugeben wollen, dass 
bei Einzelnen, wobei obenein doch auch die resp. Krankheits- 
anlage noch zu erwägen bleibt, allgemeine Krankheiten beobachtet 
werden können und vorgekommen sind. Ein innerer Zusammen- 
hang mit der Päderastie an sich findet aber hierbei keinesfalls 



$ 3. Päderastie. 41 

Statt, und mc^e sich kein Arzt zu einem irrigen Urtheil Terlei- 
ten lassen, wenn er — wie es uns sehr oft begegnet — einen 
der passiven päderastischen Prostitution Beschuldigten mit rothen 
Badken und strotzender Gesundheit Yor sich sieht. 

2) Die Beschaffenheit der Hinterbacken. Ein fast werth- 
loses Zeichen. Bei jungen kraftigen Eynäden (passiven Päde- 
rasten) findet man sie oft sehr gewölbt und fleischig, angemessen 
dem allgemeinen Körperhabitus, aber ebenso oft in andern Fäl- 
len und bei weniger kräftigen, zumal bei alternden Individuen 
ganz gewöhnlich beschaffen, (vgl. sub. 4). 

8) Anus tn/udibäi/ormü, eine trichterförmige Einsenkung des 
Afters, nennt Tardieu „ein fast beständiges und ungemein be- 
weisendes Zeichen der passiven Gewohnheiten der Päderasten^. 
Ich habe bereits im Handbuch bemerkt, dass ich diese Beschaf- 
fenheit des Afters nicht ein einzigesmal wahrgenommen habe, 
und versichere, dass ich auch in allen mir später vorgekomme- 
nen Fällen dieselbe, die gar nicht übersehn werden könnte, mit 
Ausnahme eines einzigen neusten Falles (12. Fall), nicht angetroffen 
habe. Tardieus Beobachtungen sollen damit nicht in Zweifel 
gezogen werden, nur als „beständiges** Symptom kann ich diesen 
trichterförmigen After nicht gelten lassen. Tardieu sagt übri- 
gens selbst: dass er bei sehr fetten und bei sehr magern Indi- 
viduen „oft fehle^. Wenn er aber meint, dass ich, trotz meines 
Widerspruchs, dennoch Werth auf dieses Zeichen lege, weil das 
von mir so hoch gehaltene Zeichen einer 4) duten förmigen 
Einsenkung der nates zum After hin nichts als eine Varietät 
des anus. in/undibiliforfnü sei, so waltet hier ein Missverständniss 
ob, das zur Vermeidung von Irrthümem aufgeklärt werden muss. 
Der Trichter-After betrifft die Beschaffenheit des Mastdarms, die 
dutenförmige Einsenkung betrifft die Hinterbacken. Passive Ge- 
wohnheits-Päderasten zeigen diese Einsenkung wirklich fast 
constant. Man sieht sie oft schon, ohne dass man die nates 
auseinanderlegt, besser nachdem dies geschehen. Ein solcher 
Hintere zeigt nicht die gewöhnlichen Halbkugeln, sondern die 
Innenseite ist IV2 bis 2 Zoll vom After abgeplattet und dadurch 
entsteht eine gewisse Höhlung zwischen den Backen, eine duten- 
förmige Einsenkung. Bei jungem Männern wird diese Beschaf- 



42 § S* Päderastie. 

fenheit immer den dringendsten Verdacht erwecken mttBsen; bei 
altem muss man sie Torsichtiger würdigen, da ich diese nates 
bei solchen Männern, zumal bei schon schlaffen und welken Hin- 
terbacken auch in ganz unyerdächtigen Fällen angetroffen habe. 
5) Grosse Ausdehnung der Afteröffnung mit und ohne 
MastdanuTorfall, mit und ohne Kothincontinenz, yon der, wie 
Yon 6) Einrissen in den spkmeter ani — die man nur in den 
seltensten Fällen, und auch dann nur bei frischer Unt^vuchung 
derselben findet — so viel in den Büchern zu lesen, nimmt doch 
auch selbst Tardieu Anstand, als allgemein gültiges Zeichen 
aufisustellen. Nichts ist trügerischer und weniger geeignet als 
Ghrundlage für ein criminalgerichtUches ärztliches Gutachten zu 
dienen, als diese Befunde, oder wohl gar 

7) Wucherungen der Haut und der Mastdarm-Schleimhaut 
(Marisken, Cristen) oder Hämorrhoidalknoten, die Tardieu 
selbst doch auch nur „seltene^ Folgen der Päderastie zu nennen 
vermag. Alle diese Befunde zu 5 und 6 sind ebenso ungewöhn- 
liche Folgekrankheiten auch bei den prostituirten Päderasten, als 
sie, namentlich Ausdehnung der Afteröffidung (durch dicht am 
Schliessmuskel sitzende Varices)^ MastdarmvorflEJl und Cristen, 
wie jeder erfahrne practische Arzt weiss, bei ganz unyerdächti- 
gen Männern häufig genug vorkommen, wenn sie Hämorrhoidarier 
oder mit Mastdarmfisteln behaftet sind. Bei jungen und gesun- 
den Männern, bei denen man eine ungewöhnliche Oeffiiung des 
Afters findet (8. Fall) wird indess dieser Befund als auffallender 
zu verwerthen sein. 

8) Syphilitische Symptome am After. Ich habe in unzwei- 
felhaften päderastischen Fällen Schankergeschwüre oder Narben 
und Condylome am anus beobachtet. Wenn der active Sünder 
bekannt und gleichfalls zur Untersuchung vorgestellt ist, so wird 
man die etwa auch bei ihm vorhandne syplilitische Form nicht 
nur, sondern auch das Entwicklungsstadium der Greschwüreu. s.w. 
vergleichend bei Beiden zu prüfen haben, und in Zusammen- 
stellung mit den übrigen Befunden sein UrtheU über den Fall 
abmessen. Denn der niemals fehlende Einwand, dass die An- 
steckung auf gewöhnliche, nicht verpönte Weise erfolgt gewesen, 
l^i begreiflich nicht mit Gründen zurückzuweisen. Ebenso wenig 



§ 8. Päderastie. 43 

mit absoluter Sicherheit der andere Einwand, dass die Anstek- 
kung des A. durch den inficirten B. durch blosses unschuldiges 
Zusammenschlafen Beider in Einem Bette, wenn diese Thatsache 
festgestellt ist, entstanden gewesen. Die Gesammtbefande wer- 
den hier entscheidend sein. (Hdb. Casuistik zur Päderastie.) Koch 
entscheidender werden syphilitische Befunde am After bei Knaben, 
weil hier wenigstens die Entstehung auf gewöhnliche Weise aus- 
geschlossen ist. Eine derartige Beobachtung kam im unteni fol- 
genden 8. Fall Yor. 

9) Das werthvollste aller Zeichen, dem auch Tardieu seih 
volles Recht wiederfahren lässt, ist die im Handbuch, worauf 
ich verweise, bereits ausfuhrlich geschilderte faltenlose Be- 
schaffenheit der Haut um die Afteröfihung herum bei Eynä- 
den jeden Alters, so dass die sternförmige Bildung dieses Haut- 
theilfi, wie man sie in beiden Geschlechtem findet, ganz verwischt 
ist. Ob diese Beschaffenheit von der oft wiederholten Zerrung 
der Haut bei den Acten, oder, wie Tardieu sehr annehmbar 
meint, vom Missbrauch fettiger und öliger Einreibungen, deren 
sich diese Menschen bedienen, herrühre, kann dahingestellt blei- 
ben. Die Thatsache hat sich mir auch in allen meinen neuem 
Untersuchungen bestätigt, wie die unten folgende Casuistik be- 
weist 

. B. Die active Päderastie. Meine Behauptung: dass am 
Körper des activen Theils gar kein betreffender Befund zu er- 
warten ist und erhoben wird, wird lebhaft von Tardieu bestritten, 
der auch in der neusten Auflage seiner Schrift seine Schilderung 
der eigenthümlichen Beschaffenheit des penü solcher Subjecte 
festhält und wie seine Gutachten zeigen, grossen Werth darauf 
legt. Das Glied ist nach ihm „canum more"^ von der Wurzel 
bis zur Spitze sich verdünnend, und diese umgestülpt, oder bloss 
die Eichel ist verlängert, dabei ist das Glied gewunden, so dass 
die Hamröhrenö&ung schief steht. Oder der penis ist en massue 
gebildet, d. h. sein Ende ist kuglich geschwellt und die Eichel 
breit und wie abgeflacht. Die Erklärung Tardieu's, dass die 
Zuspitzung und Torsion des Gliedes von der wiederholten Ein- 
zwängung desselben durch den Schliessmuskel allmählich entstehe, 
veiderspricht an sich schon dem anatomischen Bau des Theils, 



44 § 4« Päderastie. 

Dazu kommt, dass das „entweder oder*^ in den geschilderten 
Bildungen sehr auffallend ist, denn die Eine ist der grade Ge- 
gensatz der Andern I Endlich kann ich versichern, dass ich bei 
notorischen activen Päderasten das Glied grade so ungemein 
yerschieden in Dimension und Form und so wenig abweichend 
von der normalen Beschaffenheit gefunden habe, wie bei allen 
andern Männern, und dass es mir namentlich auch in allen seit 
1858 und nach der ersten Bekanntmachung Tardieus mir Torge- 
kommenen, mit verdoppelter Aufmerksamkeit darauf untersuchten 
Fällen nicht ein einziges Mal gegeben war, jene Behauptung be- 
stätigen zu können.*) 

§4. 
Vergleiohimg der P&deraftie mit der Hothniohi 

Die noch von keinem Schriftsteller, auch von mir selbst nicht, 
erwogene Frage: kann ein männliches Individuum von 
einem andern wider seinen Willen päderastisch gemiss- 
braucht (genothzüchtigt) werden? ist dreimal in der criminalistischen 
Praxis an mich herangetreten. Der erste Fall betraf einen jungen, 
blöden, schwächlichen Menschen, der von seinem Dienstherm, einem 
notorischen Päderasten, Morgens auf dessen Bett gezogen, erst 
durch Schmeicheleien u. s. w. geködert und zum Entkleiden 
genöthigt wurde, dann unter vorgängigen Manövern, die ich hier 
nicht schildern kann, und die unter dem Schein und Verwand 
eines blossen Scherzes die Möglichkeit des Actes vorbereiten 
sollten, plötzlich jpäderastisch mit grosser Heftigkeit angegriffen 
wurde. Der junge Mann wehrte sich, das Verbrechen wurde 
vereitelt und bei einer Untersuchung sehr bald nach dem Vorfall 
fand ich Nichts als einige Zerkratzungen und kleine Sugillationen 
von Fingerdrüoken an nates und Oberschenkel. Der zweite war 
der schändliche unten folgende 8. Fall, dessen Object ein neun- 
jähriger Knabe war, in welchem, wie in allen ähnlichen Fällen, 
die Möglichkeit der „Nothzüchtigung'' nicht in Abrede zu stellen 
sein wird. Der dritte Fall war der gleich folgende, ein wichtiger 



*) Vgl. die Anmerkung Hdb. § 19, wo auch andere, noch unhaltbarere 
Angaben Tardieu's gewürdigt Bind, 



§5. PäderasUe. Casnistik. 1. FaU. 45 

Rechtsfall, der für den Angeßchuldigten nicht nur schwere Strafe, 
sondern auch erhebliche Entschädigungsansprüche herbeizuführen 
drohte, in welchem Falle ein Gerichtsarzt in seinem ausführlichen 
Gutachten gradezu die Nothzucht an Weibern mit der Päderastie 
in Beziehung auf den möglichen Zwang am Individuum, auch bei 
Widerstreben desselben, in Parallele brachte, und ich meiner- 
seits die Richtigkeit dieser Ansicht zu prüfen aufgefordert wor- 
den war. Die meinige habe ich in dem folgenden Gutachten 
ausgesprochen, das namentlich diese gewiss practisch wichtige 
Frage im Allgemeinen betraf. 

§5. 

Caiuistik. 

1. Fall. Kann eia Xaim Toa einem Andern mit (towalt päderaatiaGh 
gemis8l)raaeh.t werden? 

Das ansviriMge Gerieht hatte mir mit den Akten wider Z. die Frage 
Torgelegt: ,ob es mögUch ist, daas aneh dann eine Beischlafeyollsiehnng zwi- 
schen Mi&anem in der Art, dass das mäanUche Glied des Einen in den After 
des Andern eindringt, und bis zum Saamenergnss darin yerbleibt, Statt finden 
iLönne, wenn die Person, mit welcher in dieser Art Unzncht getrieben wird, 
sich mit aUen Kräften dagegen str&nbt?* 

Ich antwortete wie folgt: 

«Der Sehloflsergeselle H. ans Berlin denondirte in etwas Terhtillten Wor- 
ten am 18. Februar t. J. den Rentier Z. in ***, dass ihn dieser, nachdem er 
ilm in Berlin kennen gelernt nnd ihn beredet gehabt habe, seinen Obsthandel 
anftEngeben nnd in seinen Dienst als Bedienter zn treten, nach einiger Zeit des 
Dienstes ,»den Antrag gemacht habe''* nnd ihn durch BSnke, Vorspiege- 
lungen nnd Weintrinken ,,so weit gebracht** habe. »«Was er dann mit ihm 
gemacht,"* wisse er nieht, und da er 9,»da8 Versprochene** nicht erhalten 
könne, „.bekenne er sich als reuiger Sünder.** Weit freier und genauer de- 
ponirt er dagegen in seiner Vernehmung Yom 1. Juni: «„Z. kam eines Abends, 
als ich Ton yielem Wein angetrunken war, in mein Bett, küsste mich heftig, 
und obgleich ich mich aus allen Kräften sträubte, so gelang es ihm, als dem 
viel starkem Manne doch, mich zu überwältigen und Päderastie mit mir zu 
treiben, d. h. er drang trotz meines Widerstrebens mit seinem männlichen 
Gliede in meinen After ein und stiess dort so, dass ich Schmerzen am Mast- 
darm empftod, hin und her, bis ihm der Saame abging.* << Vorgehalten, wie 
unwahrscheinlich seine Angabe sei, dass wider seinen Willen und trotz seines 
ernstlichen Sträubens Z. habe zum Ziel gehingen können, yerblieb er bei sei- 
ner Aussage, hinzufügend, dass dies das Erste- und Einzigemal gewesen, dass 



46 §6. Päderastie. CaauUtik. 1. FaU. 

er anf solehe Weise gemisebrancht worden sei. In einer spätem Yeniehmnng, 
am 16. Anlast pr. sagte er: ,„icli hatte tüchtig mit ihm -getrunken und mich 
nm 11 Uhr ins Bett gelegt. Z. hat sich in meine Stube eingesclüichen und 
sich auf mich gelegt. Ich habe ihn nicht abwerfen können und er hat seine 
Wollust befriedigt und mich su Schanden gemacht, indem er mir den Mast- 
darm aerstoBsen hat. Ich habe dabei auf dem Bfloken gelegen.'* Dr. B. 
hat bei der Untersuchung des Körpers des H. keine Spuren am After oder 
sonst wahrgenommen, die anf eine Vergewaltigung in unsittlicher Beziehung 
hindeuten, namentlich keine Erweiterung des Schllessmuskels und trichterför- 
mige Vertiefung. Diese Behauptung bestätigt Dr. J. nach seiner Unter- 
suchung des H.* 

«Am 33. Juni pr. hat Denunciant einen Iford versuch gegen Z. ausge- 
führt, angeblich weil seiner Denunciation kein Fortgang gegeben wurde und 
er sich in seiner Hoflhung auf Entschädigung getäuscht sah und sein Beneh- 
men, wie das spätere im Gefängniss, wo er sich höchst anfgeregt zeigte, gab 
Veranlassung zur Prüfung seines Gemütfanrostandes. leb führe in dieser Be- 
ziehung hier nur an, dass nacheinander sowohl die Herrn DDr. R. und J., 
wie der Kr.-Phys. Dr. E. seine geistige Gesundheit und Zurechnungsfähigkeit zur 
Zeit des Mordversuchs ausser Zweifel gestellt haben. Diese Frage berührt 
aber den Unterzeichneten nicht, vielmehr nur die ihm vorgelegte, oben bereits 
bezeichnete.^ 

«Ueber dieselbe hat sieh bereits der genannte Dr. £. z« äiUMieni gehabt. 
Derselbe führt in seinem Gutachten vom 28. v. M. ans, dass er selbst keine 
Erfahrungen betreffend Päderastie besitze, und er benutzt deshalb dai^enige, 
was der Unterzeichnete aus eigenen Beobachtungen in seinem Handbuch der 
gerichtlichen Medicin bekannt gemacht hat. Der VerfMser des Gutachtens 
paraUelisirt die Päderastie mit der Nothzuoht und ind^ er, anf Grund meiner 
Beobachtungen und Behauptungen, dass unter Umstiinden ein erwachsenes 
Frauenzimmer auch von einem einzelnen Manne stuprirt werden könnCi im All- 
gemeinen aus der Analogie die Möglichkeit zugiebt, dass auch ein Mann, selbst 
bei Widerstreben und Aufwand aller seiner Kräfte, von einem Manne päde- 
rastisch gemissbraucht werden könne , meint er doch sehliesslieh sich ausser 
Stande zu befinden, ein bestimmtes Urtheil über den concrelen Fall abzu- 
geben. Bei dieser Unbestimmtheit der Auslassung wurde auf Antrag der K. 
Staatsanwaltschaft mein mperarbünum erfordert** 

»Die unnatürliche Geschlechtsneigung, die den Mann zum Mann oder Knaben 
hinzieht, wird in einer grossen, vielleicht der Mehrzahl von Fällen keineswegs 
immer auf die bekannte ekelhafte beischlaflsähnliche Weise befHedigt. Vielmehr 
begnügt sich eine grosse Zahl dieser Männer mit einseitigen oder gegenseitigen 
onanifitlschen Reizungen, oder mit unzüchtigen Berührungen des Körpers, na- 
mentlich allerdings des HintertheUs des passiven Theils bis zur Saamenentleerung, 
wie in andern Fällen der Mann bei solcher unbegreiflichen geschlechtlichen Ver- 
irrung sich darin gefällt, bald eine active, bald eine passive Rolle zu spielen. Auf 
weitere Einzelnheiten einzugehen, zu schildern, wie dergleichen Männer sich 



S 6. Päderastie. Casnistik. 1. Fall. 47 

weibliehe Namen au geben lieben^ ancb wohl in Ihren gebeimaten Vereinigungen 
aioh gern in Weiberkleider steclLen n. b. w., kann nicht dar Zweck dieses Gut- 
achtens sein. Wohl aber halte ich es für nicht unerheblich hier anzufahren, 
dass meines Wissens in solchen Fällen, wo eine wirkliche Beisehlaftvollziehung 
per anum von Päderasten aur Befriedigung gefordert wird, eigentbümliche Er- 
leiehteningsmlttel des nicht gaaa leicht zu Tollsiehenden Aktes angewandt zu 
werden pflegen, die theils dazu dienen, den Widerstand der Bauchpr^sse, theils 
den des Afterachliessmuskels zu verringern, theils den Eingang des männlichen 
Gliedes in den Mastdarm zu erleichtem, theils endlich das Durchreiben an den 
gemissbrauehten Körpertheilen zn verhüten. Schon hieraus geht hervor, dass 
die vom Kr.-Phys. Dr. E. herangezogene Analogie der Päderastie mit der Noth- 
zucht fUr nicht ganz zutreffend erachtet vrerden kann. Denn, abgesehen von 
der geseUachafllicben und sittlichen Stellung des Weibes in Vergleich zu der 
des Mannes, wonach in solchen Momenten Furcht, Schreck, Schaam, Bestttrzung 
sie leichter wehrlos machen kann, als den Mann, so bietet schon der anatomische 
Bau der beiderseitigen, hier in Betradit kommenden Körpertheile die grössten 
Verschiedenheiten dar. Die weibliehe Scheide, von der Natur zur Vollziehung 
des Zeugungsactes bestimmt, ist ein viel weiterer Kanal, als der Mastdarm 
und stellt dem BeischlaflBact kein Hindemiss entgegen, als welches bei der 
Jungfrau das den Eingang noch sperrende Hfffnen nicht gelten kann, da das- 
selbe sogleich bei der Defloration, und in der Mehrzahl der Fälle leicht, zer- 
stört wird. Der Mastdarm dagegen ist am After durch einen Schliessmuskel 
verschlossen, der Jedem von aussen eindringenden Körper, selbst einem dfinnem, 
wie dem Kohr der Klistirspritze oder dem Bougie des unteisnehenden Arztes, 
mehr noch dessen Finger, und weit mehr noch dem erigirten männlichen Gliede 
des Päderasten einen energischen Widerstand entgegenstellt. Es geht hieraus 
hervor, wie mannigfache Bedingungen zusammentreffen müssen, damit eine 
wirkliche vollständige Immission des Gliedes in anum und em bis zum Ziel 
getriebener coüm — H. behauptet, dass dies der Fall gewesen, und dass Z. 
ihm den j,„Mastdann zerstossen**^ habe — gelingen könne. Schon ohne Anwen- 
dung eines der oben angedeuteten Erleichterungsmittel, weit mehr aber noch, 
wenn dann obenein der zu Bewältigende durch innere oder äussere Muskel- 
aetion sich gegen den Angriff wehrte z. B. durch kräftiges Znsammenziehen 
des Afterschliessmuskels, durch Aneinanderpressen der Hinterbacken, geschweige 
gar durch zu Hulfenahme seiner Extremitäten u. s. w. «»sich mit allen 
Kräften gegen den Angriff sträubt«'^ wie die obige Frage lautet, wird 
es einem einzelnen Manne unmi^glioh sein, zum Ziele zu gelangen und einen 
wirklichen Beischlafract der beregten Art zu vollziehn.'' 

»Wenn ich keinen Anstand nehme, dies als allgemein gültigen Satz auf- 
zustellen, so folgt aus demselben von selbst, dass auch der concreto Fall da- 
nach zn beurtheilen sein würde. Derselbe bietet aber noch sehr beachtenswerthe 
Momente dar, die das Urtheil noch mehr erleichtern. Wenn zunächst es begründet 
sein sollte, dass der Bentier Z. in dem Verdacht päderastischer Neigungen steht, 
wie H. behauptet, so würde, nach dem, was ich oben über diese Männer an- 



48 § 5- Päderastie. CaBoiBtik. 1. Fall. 

geführt, es sicli ziiYorderst fragen: ob er wirklioh 80 su sagen mechaniselie 
Päderastie treibe oder nicht, in welchem letztem Falle die Anschuldigung des 
H. in Nichts zerfiele, was ich Jedoch ganz auf sich beruhen lasse, als nicht 
strenge mein Gebiet berührend. Unterlassen aber kann ich nicht, darauf auf- 
merksam zu machen, wie auffallend schwankend H. in seinen Aussagen sich 
gezeigt hat^ und wie er yon anfanglichen ganz unbestimmten Andentungen, wie 
oben angeführt, sich endlich zu dem CUmax des ««ganz zerstossenen Mastdarms"'' 
und der «»zur Schande gewordenen Gesundheit'" gesteigert hat, während doch 
nicht einzusehen, warum er mit der Anzeige so schwerer Nachtheile bei seinen 
Denunciationen so lange gezögert hat Und hier muss ich den Denuncianten offen- 
barer Unwahrheiten beschuldigen. Selbst wenn ich zugeben wollte, was yon 
einigen Seiten behauptet, yon mir aber in zahlreichen betreffenden Fällen nie- 
mals beobachtet worden, dass durch eoüu$ per anum der Mastdarm yerletzt 
oder entzündlich gereizt und in Geschwürsbildung yersetzt werden könnte, so 
ist es doch als unmöglich zu erachten, dass solche Folgen yon einem nur Ein- 
maligen Acte, wie er hier nur in Bede steht, entstehen könnten, aus welchem 
Grunde das Fehlen der Zeichen am Körper des H. nach den ärztlichen Be- 
richten auch Nichts beweisen kann. Noch entschiedener wo möglich ist die 
Angabe des H. zurückzuweisen, dass durch eine solche Einmalige Brutalität 
die allgemeine Gesundheit dauernd zerstört werden könnte, was wohl keiner 
weitem sachverständigen Erörterang bedarf. Männer aus meiner eigenen amt- 
lichen Beobachtung, die sich Jahre lang passiyer Päderastie als sog. Kynäden 
hingegeben hatten, haben dadurch nicht die geringste Beeinträchtigung ihrer 
Gesundheit erUtten.« 

„Hervorzuheben ist femer die unglaubwürdige Aussage des H. im Verhör 
vom 16. August pr., wonach Z. ihn im Bett überfallen und sich auf ihn gelegt 
habe u. s. w. Man müsste hiemach annehmen« dass er sich auf den Bauch 
gelegt habe, um einzuschlafen! Wenn er aber — offenbar auf die sehr natür- 
liche Frage des Untersuchungrichters — hinzufügt, dass er «»dabei auf dem 
Rücken gelegen habe"'', so wird seine Aussage vollkommen ungUubwürdig. 
Denn nach dem, was oben über die Schwierigkeit dieser unnatürlichen Bei- 
schlafiivollziehung angeführt worden, ist eine Möglichkeit, wie Z. bei dieser 
Lage des H. ihn so habe miasbranchen können, wie er behauptet, in keiner 
Weise anzunehmen." 

„Ich habe endlich noch eines erheblichen Momentes zu erwähnen, das bei 
Vergewaltigungen durch Nothzucht wie durch Päderastie sehr bedeutend in*s 
Gewicht fällt, ich meine die respectiven Körperkräfte der beiden Theile. H. 
nennt zwar einmal den p. p. Z. im Vergleich zu sich den »«viel stärkeren 
Mann"", die Akten ergeben aber Nichts, was dieses Urtheil begründen könnte. 
Wohl aber sagen dieselben, dass U., von dem nirgends bemerkt ist, dass er 
krank oder kränklich sei, zur Zeit 29, Z. aber 67 Jahre alt war, wobei ich 
des Letztem Angabe über seine geschwächte Gesundheit ganz dahin gestellt 
sein lasse. Hiemach war im Allgemeinen unzweifelhaft die Kraft zum Wider- 
stand grösser als die zum Angriff, und so subsumirt sich der concret vor- 



§ 5. Päderastie. Gasuistik. 2—5. Fall. 49 

liegende Fall durchaus unter die oben aufgestellte allgemeine Regel. Hiemach 
beantworte ich schliesslich die mir vorgelegte Frage dahin: dass es nicht 
möglich ist, dass auch dann eine Beischlafsvollziehung zwischen Männern in 
der Art, dass das männliche Glied des Einen in den After des Andern ein- 
dringt und bis zum Saamenerguss darin verweUt, Statt finden könne, wenn die 
Person, mit welcher in dieser Art Unzucht getrieben wird, sich mit allen Kräf- 
ten dagegen sträubt.* 

3. und 8. Fall. Zwei Päderasten. 

Der Fall war für die oben besprochene psychologische Seite der Päde- 
rastie ein ungemein lehrreicher und betrübender. Ein allgemein geachteter, 
höchst unterrichteter und gebildeter Seminarlehrer hatte seine Neigung einem 
Jungen Taugenichts der unteren Klassen zugewandt und war angeschuldigt, 
längere Zeit päderasttschen Umgang mit ihm gepflogen zu haben. Dieser 
wusste, wie so viele seines Gleichen, das Verhältniss auszubeuten, ging als 
Stutzer gekleidet einher, verschwendete das erpresste Geld, bis endlich, nach- 
dem E., der Lehrer, Alles, Alles, zuletzt noch sein schönes Mikroskop verkauft 
hatte, um seinen unersättlichen Geliebten zu befriedigen (!), er sogar aur Fäl- 
schung schritt, um sich Geld für den Bösewicht zu verschaffen, der ihn ganz 
in seiner Macht hatte, und er nun der Criminaljustiz in die Hau de fieL Bei 
der Exploration des 47jährigen jB^esunden Mannes fand ich seine Genitalien voll- 
kommen normal und durchaus nichts Auffallendes. Die nates senkten sich 
allerdings etwas dutenförmig ein, aber die sternförmigen Falten waren vorhan- 
den und stark ausgesprochen, der After ganz normal. Ich urtheilte hiemach: 
„dass der Befund nicht ausreiche, um die Annahme passiv getriebener Päde- 
rastie zu begründen, und dass Zeichen einer activ getriebenen überhaupt nicht 
ezisUrten." Der höchst liederlich und gemein aussehende. Jetzt ganz zerlumpte 
L. war 21 Jahre alt und gesund. Sein Glied war lang und stark, übrigens 
völlig normal. Die nates klafften nicht, aber die sternförmigen Falten waren 
ganz und gar geschwunden. Dazu kam, dass die Oeffnung des Afters nicht 
geschlossen, sondern wie ein Silbersechser gross geöffnet war. Hiemach nahm 
Ich an: „dass der Befund mit der grössten Wahrscheinlichkeit annehmen lasse, 
dass L. sich wiederholt passiv päderastisch prostitnirt ihabe.'^ Beide Angeschul- 
digte wurden verurtheilt 4 

4. und 5. Fall. Zw«i Päderasten. 

Wieder waren hier, wIq im nachfolgenden Fall, beide Theile verhaftet 
und zu exploriren, und hier sollte, nach der Anschuldigung, einer Jener oben 
besprochenen Fälle vorliegen, in denen von Einem Päderasten abwechselnd 
activ und passiv verfahren sein sollte. Der Buchbinder S., 85 Jahre alt, der, 
wenigstens Jetzt in der Gefangenenkleidung, in seinem Aeussera nichts Auffal- 
lendes zeigte, aber schon längst bei der Criminalpolizei der Päderastie verdäch- 
tig war, sollte mit S. in der Kacht zum 16. October in Einem Bette liegend mit 
diesem gegenseitige active und passive Päderastie getrieben haben. Ein Zeuge, 

Caspar» klinUcbe NoTellen. . 4 



50 § 5. Päderastie. Casaistik. C— 9. Fall. 

der mit ihnen in demselben Zimmer sehlief, wollte Beide auf eine auffällige 
Weise haben stöhnen hören. Bei R. in Beschlag genommene Briefe, worin er 
von unbekannten Personen um Geld angesprochen wurde, waren ihrer Fassung 
nach ganz ungemein verdächtig. Bei meiner Untersuchung nun zeigte B. ein 
nur kleines, übrigens völlig normales Glied, gewöhnlich entwickelte Hoden, 
aber deutlich eine dntenförmige Einsenkung der nates und ganz faltenlose Haut 
um den After. Dessen Schliessmuskel war unverletzt, der onus nicht trichter- 
förmig, und sonst an der Parthie nichts Auffallendes. — Auch der Andre, der 
20jährige S., war bereits seit zwei Jahren der Polizei als Päderast bekannt. 
Er war ein sehr kräftiger, blonder, bartloser Mensch. Auffallend war das 
Glied wegen seiner ungewöhnlichen Kleinheit, sonst aber, wie die Hoden, ganz 
normal beschaffen. Auch bei ihm senkten sich die Hinterbacken dutenförmig 
nach dem After ein, aber die sternförmigen Falten waren bei dem Jungen kräf- 
tigen Menschen nicht ganz geschwunden, wenn gleich sichtlich nur in geringem 
Maasse vorhanden. Der Schliessmuskel des Afters und der ganze Hintertheil 
war übrigens auch hier völlig normal. Ich nahm an: ^dass der ganze körper- 
liche Beftind bei A. wie bei S. die Ycrmuthung begründe, dass Beide sich 
wiederholt der passiven Päderastie hingegeben hätten.*' Sie wurden ver- 
nrtheilt. 

6. nnd 7. Fall. Zwei Päderasten. 

Der active Theil •war ein Herr v. X., der passive ein Junger Soldat. Die 
Acten mit einer grossen Menge Briefen von und an v. X. und die mündliche 
Verhandlung der Sache ergaben auch hier wieder eine Menge lehrreicher Auf- 
schlüsse für das Thema! X. war 42 Jahre alt, gesund und kräftig, von nor- 
malem männlichen hahiius. Sein Glied war stark entwickelt, was L.'s Aussage, 
dass immissio in anum nie geglückt sei, bestätigte. An den musculösen nates 
wie am After war gar nichts Abnormes zu entdecken, namentlich waren die 
sternförmigen Hantfalten stark ausgeprägt und die dutenförmige Einsenkung 
nicht vorhanden. — Der 21 jährige L., kräftig und männlich, hatte ein voll- 
kommen normales Glied. Seine nates waren kräftig entwickelt, aber beim Aus- 
einanderlegen war die dutenförmige Ausweitung nach dem After hin deutlich 
sichtbar, und es war bei diesem so kräftigen. Jungen Subjecte besonders auf- 
fallend, dass die sternförmigen Falten ganz mangelten. Einrisse am After und 
dergl. fanden sich nicht. Mein Gutachten lautete: „dass der Verdacht gegen 
L. passive Päderastie getrieben zu haben, durch den Körperbefond bestätigt, 
derselbe Verdacht in Betreff des v. X. aber durch den BeAind nicht unterstützt 
worden sei.** Auch diese Beiden wurden, trotz des Läugnens des X., ver- 

urtheilt. 

I 

8. und 9. Fall. Päderastie an einem Knaben. 
Es war der neun Jahre alte Carl, welcher angab, dass ihn der SOj ährige 
Tischlergeselle L. wiederholt auf den Schooss genommen und eine ihm Jedes- 
mal sehr schmerzhafte immissio in anum versucht hätte, die er in kindlichen 



§5. Päderastie. Caauititik. 10— 12. Fall. 51 

Worten sehr glaubwürdig schilderte. Er bekam breite Felgwarzen am After 
and eine sjrphilitische Halsentzündung, die von den behandelnden Charit^- 
Aerzten bescheinigt worden waren. Bei meiner späten Untersuchung war er 
davon völlig geheilt, aber eine sehr auffallend dutenförmige Ausbuchtung der 
nates war sichtbar bei übrigens völliger Unversehrtheit des Schliessmuskels 
und Afters. — L. hatte ein langes, dünnes, aber normal gebildetes membrum, 
Rechts vom Vorhautbändchen fand sich eine linsengrosse, vertiefte, runde, 
offenbare Schankemarbe, sonst am ganzen Körper nichts Auffallendes. Der 
Befund unterstützte sonach, wie ich ausführte, die Angaben des Knaben und 
L. wurde verurtheilt. 

10. Fall. Ein gestandiger Päderast. 
Hit grosser Schamlosigkeit hatte dieser Junge Mensch eingestanden, sich 
förmlich der päderastischen Prostitntion hingegeben zu haben, und ohne Hehl 
eine Reihe von — zum Theil sehr bekannten! — Männern Berlins als seine 
Genossen genannt. Ich fand in ihm einen 17jährigen, grossen, rothbackigen 
Burschen mit derber Musculatur und eben solchen Hinterbacken. Es war be- 
lehrend, dass er, bei aller Offenheit, dabei blieb, dass ein förmliches Eindringen 
in anwn niemals Statt gehabt habe. Auch fand ich weder am Schliessmuskel, 
noch an der Mastdarmöffhung irgend eine Abnormität. Aber sehr auffallend 
waren auch bei diesem so kräftigen und jungen Mann die trichterartige Ein- 
senkung der nate» und das gänzliche Fehlen der stemartigen Falfen der Haut 
am anu8. Mein Urtheil war das des vorigen Falles. Der gerichtliche Ausfall 
der Sache ist mir in diesem, wie in den folgenden Fällen, nicht bekannt ge- 
worden. 

11. Fall. Angebliche Päderastie. 

Der 19jährige P. sollte, nach der Denunciatlon, durch passive Päderastie 
^ganz abgeschwächt" worden sein. Er läugnete Alles auf sichtlich durchaus 
unbefiEmgene Weise, und ich fand ihn weder abgeschwächt, vielmehr sehr ge- 
sund und kräftig, noch am After, noch am Qliede irgend etwas Auffallendes, 
und musste sonach erklären: dass der Beftind die Anschuldigung nicht 
unterstütze. 

12. Fall. Passive Päderastie. 

Das Gegentheil fand in diesem Falle statt. Der 20jährige, äusserst dumme 
Tischlergeselle U. war, der Anschuldigung nach, beim Zusammenschlafen in 
Einem Bette mit dem dreiundsechszigjahrigen verheiratheten R. etwa 
12~14mal päderastisch gemissbraucht worden. Es sollten dabei onanistische 
Reizungen und Immission Statt gefunden haben. U. war ein mageres Subject 
mit dürftig entwickelten, magern 7Mite$, die entschieden dutenförmig klafften. 
Die Hautfalten um den After waren ganz verstrichen, und hier fand ich auch 
einmal eine trichterförmige kleine Einstülpung des Afters, so dass sie die Spitze 
des Zeigefingers bequem einliess. Ich erklärte das Stattgehabthaben einer 
passiven Päderastie. 

4- 



52 {5. PkderaBÜe. Casuistik. IS. FalU 

18. Fall. AetiTe oder passiye Päderastie. 
Der Angesoholdigte war ein Kellner in einem offentlicben Vergnngon^- 
locale, der Dennnciant ein Kanonier. Die Verbindungen dieser Leute waren 
nach den erhobenen Ermittelungen und Zeugenaussagen sehr verdächtig. De- 
nunclant hatte angegeben, dass der Kellner ihn im Thiergarten kennen gelernt, 
sich ihm yertraulioh genähert, ihn geküsst und ihn dann zu sich eingeUden 
gehabt habe, wo er ihm, unter Darreichung kleiner Geschenke, zuerst digitum in 
anum imnüttirt (mir bis dahin unerhört!) und dann ihn päderastisch gemlssbraucht 
habe. Angeschuldigter leugnete Alles. Es war ein unverheiratheter Mann von 
45 Jahren, mit schwarzer, in Locken gekräuselter Perrücke und von ziemlich 
gemeinem Aussehn. Das Glied war auffallend klein und retrahirt, aber in Je- 
der Beziehung ganz normal, nichts weniger als canummore (Tardienl) zuge- 
spitzt, auch wurde der Harn in ganz gewöhnlichem Strahl gelassen. Das 
scrotum war gut entwickelt und die Hoden stark. Der Verdacht auf — wie 
so oft — gleichzeitig passiv getriebene Präderastie bedingte auch die Unter- 
suchung der posteriora: die Hinterbacken waren fett und gewölbt, doch zeig- 
ten sie nahe am After eine sichtliche, wenn auch geringere Ausbuchtung oder 
dtttenförmige Einsenkung, als ich sie in andern Fällen gesehn, von sternförmi- 
gen Hautfalten am After war Nichts zu sehen ^ der Schliessmuskel war etwas 
tief eingesenkt, aber fest geschlossen. Von Verletzungen, Hämorrhoidalknoten 
n. dergL ke^pe Spur. Hiemach musste ich erklären, dass Zeichen activ getrie- 
bener Päderastie an dem Angeschuldigten, wie dergleichen überhaupt nicht 
existiren, nicht geftanden worden, wohl aber Befunde erhoben worden, die es 
nicht unwahrscheinlich machten, dass er sieh der passiven Päderastie wieder- 
holt hingegeben habe. 



§ 1. VerletKimgen am Lebenden. 53 



Dritte NoTelle. 

Verletzungen und Misshandlungen ohne tödt- 
lichen Ausgang. 

(Hsndbaeh L { 4< «nd folg.) 



§ 1- 

JNachdem die Wissenschaften der gerichtlichen Medidn und der 
Strafrechtswissenschaft und deren Erleuchtung folgend, alle 
Strafgesetzgebungen die Eintheilungen der tödtlich gewordenen 
Verletzungen nach gewissen Klassen aufgegeben, haben sich einige 
Strafgesetze, namentlich und vorzugsweise das Preussischc und 
das Oesterreichische, von der Aufstellung von Kategorieen oder 
Klassen der nicht tödtlichen Verletzungen noch nicht losgesagt, 
und diese bestehn ak Normen für Richter und Gerichtsärzte bei 
der Aburtheilung der Einzelfalle. So spricht das Preussische 
Stra^esetz (§§ 188, 189, 195) von „leichten**, „erheblichen** 
und „schweren" Körperverletzungen, welche letztere beiden es 
in den §§ 192 a. und 193 naher definirt, und das Oesterreische 
Strafgesetz (§ 152) redet von „leichten**, „schweren** und „lebens- 
gefahrlichen**. Unter Aerzten (und Gerichtsärzten) kann es 
gewiss nur Eine Stimme darüber geben, dass eine solche Ein- 
theilung, ja dass eine jede Eintheilung der Verletzungen 
nach bestimmten Klassen ungenügend und unhaltbar sei, denn 
sie stehn auf dem schwankenden, unsichem Boden der ärztlichen 
Prognostik, und geben folglich in der Praxis nothwendig Veran- 
lassung und Spielraum für die verschiedenste, rein individuelle 
Auffassung der Fälle. Hat Dr. A. Recht, wenn er die Kopf^er- 



54 - § 1- Verletzungen am Lebenden. 

letzung durch Schlag mit einem Hammer, wonach der Verletzte 
nach acht Tagen wieder an seine Arbeit gegangen war, für eine 
nur „leichte" erklärt, oder Dr. B.,.der in Hinblick auf die mög- 
lichen und thatsächlich so oft eintretenden spätem bedeutenden 
Folgen solcher Verletzung, sie als „erhebliche" bezeichnet? Diese 
Differenz wird sich aber nicht bloss bei Kopfverletzungen, son- 
dern auch bei sehr vielen andern geltend machen , so lange nicht 
eine Definition der fraglichen Begriffe mit wissenschaftlicher 
Grundlage existirt „Eine solche Definition aber", sagt Hofmann, 
der erfahrne Münchener Gerichtsarzt*), „kann die Wissenschaft 
nicht geben, weil eine Grenze zwischen „leichter" imd „schwerer" 
Körperverletzung objectiv nicht gegeben ist, weil eine Scheidung 
in „leichte", „erhebliche" und „schwere Körperverletzung" in der 
ärztlichen Wissenschaft nicht zulässig ist. Die Strafrechtswissen- 
schaft wird daher definiren müssen, was sie unter diesen, der 
ärztlichen Wissenschaft undefinirbaren Begriffen verstanden wissen 
wolle. Thut dies die Gesetzgebung" — wie sie dies allerdings zum 
Theil in Preussen gethan hat — „so mag die Strafrechtswissen- 
schaft die Verantwortlichkeit dafür übernehmen, welche die 
gerichtsärztliche und ärztliche Wissenschaft ablehnen muss, wenn 
sie sich auch der von der Strafgesetzgebung aufgestellten Begriffs- 
bestimmung formell fügen muss und olme Bedenken fügen kann". 
Allerdings muss sie sich fügen, was indess die Verpflichtung 
nicht ausschliesst, die Strafrechtswissenschaft imd die Gesetzgeber 
immer mehr imd mehr aufzuklären. Wir wollen dies versuchen, 
und ausser dem, was bereits in der neusten Auflage des Hand- 
buchs darüber angeführt, im Folgenden namentlich die unwider- 
leglichen Beweise der Erfahrung sprechen lassen, die auch des 
Interesses für die practische gerichtliche Medicin nicht erman- 
geln. Aus einer Reihe von 162 unsrer neuem, im Handbuch 
noch nicht erwähnten Verletzungsfälle wähle ich diejenigen aus, 
welche diese Beweise liefern und schlagend namentlich das Un- 
genügende der Preussischen strafgesetzhchen Definition und den 
Zwang darthun werden, dem sich die Gerichtsärzte danach in 
ihren Begutachtungen unterwerfen müssen. 



) J. llofmanu, iVw grovkhtsärztlulio .Spi-aclif. München 1860. S. 71. 



§ 2. Verletzungen am Lebenden. 55 

§2. 
Schwere, erhebliche, leichte VerletEimgen. 
Nach dem ärztlichen Sprachgebrauch sind schwere Verletzun- 
gen solche, die einen tödtlichen Ausgang besorgen lassen, z. B. 
solche, die eine schwer zu stillende Blutung veranlassen, oder 
welche die Gefahr seröser Entzündungen bedingen, oder (wie bei 
Verbrennungen) eine tödtliche Ueberreizung des Nervensystems 
befürchten lassen u. dgl. Der Arzt nennt auch schwere Ver- 
letzungen solche, die, wenn sie auch nicht einen tödtlichen Aus- 
gang, doch als Folge und Wirkung die ünbrauchbarkeit eines 
Gliedes durch Lähmung, Ankylose oder Contractur, die Schwä- 
chung eines Sinnes u. dgl. drohen, im Allgemeinen alle solche, 
von denen er erfahrungsgemäss weiss, dass sie seiner Kunst 
schwerer oder gar nicht zugänglicli sind. Der Oesterreicliische 
Gerichtsarzt — in den andern deutschen Ländern ausser Preussen 
wird gar nicht nach „schweren" Verletzungen gefragt — mag 
nun immerhin, wenn der § 152. seines Strafgesetzbuchs einfach 
von „schweren" Körperverletzungen spricht, seinen concreten 
Verletzungsfall seiner individuellen ärztlichen Ueberzeugung 
anpassen, und z. B., worin er von Aerzten keinen Widerspruch 
erfahren wird, eine Schädelfractur oder Depression, eine ein- 
dringende Bauchwunde sogleich bei der Untersuchung des Ver- 
letzten im Stadio der Voruntersuchung gegen den Angeschuldigten 
eine „schwere" Verletzung nennen. Der Preussische Gerichtsarzt 
ist nicht in der Lage dies thun zu können, da ihm sein Straf- 
gesetzbuch ganz bestimmte Bedingungen vorschreibt (§ 193), 
unter denen allein nach der gesetzlichen Definition er eine 
„schwere Körperverletzung" annehmen kann und darf: Verstüm- 
melung, Beraubung des Gesichts, des Gehörs, der Sprache oder 
der Zeugungsfähigkeit, oder Versetztsein in eine Geisteskrank- 
heit, Von den hundert anderweiten möglichen Folgen wirklich 
schwerer Verletzungen weiss das Gesetz nichts, und zwingt es 
die forensischen Aerzte oft genug, die Bezeichnung der Ver- 
letzung als „schwere" fallen zu lassen, und gegen wirklich 
bessere Ueberzeugung dieselbe nur als „erhebliche" zu beurthei- 
len, d. h, als eine solche (Strafg^ § 192 a), welche erhebliche 
Jfachtheile für die Gesundheit oder Gliedmaassen des Verletzten, 



56 §8. Verletzungen. Casuistik. l.a.2.Fall. 

oder eine länger dauernde Arbeitsunfähigkeit zur Folge gehabt 
hat, Folgen, die allerdings (als mintta) jede im ärztlichen 
Sinne schwere Verletzung unter allen Umständen haben und 
gehabt haben wird. 

Hier einige Beispiele für unsere Behauptung. 

§3. 
Casnistik. 

1. Fall. Sohenkelhalsbruoh. 

Eine 66jährige Frau war yon N. smt das Strassenpflaster hart niederge- 
worfen worden nnd nnbeweglich liegen geblieben, weil sie die rechte Unter- 
extremität durchaus nicht gebrauchen konnte. Das Qlied schwoll auf nnd theUs 
wegen der entzündlichen Anschwellung, theUs wegen der ausserordentlichen 
Schmerzhaftigkeit bei der Berührung, wovon ich mich selbst bei der ersten 
amtlichen Untersuchung im Krankenhause überzeugte, war es in der ersten 
Zeit nicht möglich zu einer sichern Diagnose zu gelangen, und ein Bruch des 
Schenkelhalses konnte nur als wahrscheinlich erachtet werden. Fimf Wochen 
nach dem YorfaU sah ich die Verletzte wieder, die Jetzt im Gipsverbande lag, 
nachdem der Schenkelhalsbruch inzwischen gewiss oonstatirt worden war. Bei 
dem sehr vorgerückten Alter der Frau, bei ihrer allgemeinen cachectischen 
Verfassung und der aUbekannten Erfahrung, dass Schenkelhalsbrfiche unter 
solchen Erfahrungen so oft gar nicht mehr zu heilen sind, war es höchst wahr- 
scheinlich, dass die Frau nun für ihre übrige Lebenszeit lahm und hülflslos 
bleiben werde. Einen derartigen Zustand kennt aber das Pr. Strafl;. nicht, 
die gewiss schwere Verletzung konnte deshalb nur als „erhebliche* erachtet 
werden. (Nach andern Strafgesetzbüchern vnirden die Gerichtsarzte bei solcher 
Verletzung erklärt haben: in Oesterreich ein „immerwährendes Siechthum" 
(§ 156, b), in Baititm ein «bleibender Nachtheil am Körper und eine mehr als 
6 Tage dauernde gänzliche oder theilweise Arbeitsunfähigkeit* (Art. 284), in 
Würtemberg „unheilbare Beraubung des Gebrauchs eines Gliedes* (Art. 260, 8), 
in Sachsen „bleibender Nachtheil an der Gesundheit und auffallende Verun- 
staltung" (Art 132, 2), in Hannover „unheilbare Beraubung des Gebrauchs eines 
GUedes« (Art 242). 

2. Fall. Durchdringende Brnstwimde. 

Die Sljährige Frau hatte 14 Tage vor meiner Untersuchung einen Messer- 
stich bekommen, der in der Mitte des rechten Schlüsselbeines unter dessen Rande (t) 
in die Brust eingedrungen war. Ich fand die halbzolUange Querwunde bereits 
vollständig vernarbt, aber noch unzweifelhafte Zeichen einer Entzündung der 
rechten Lunge, nach welcher Diagnose die Verletzte auch von ihrem Arzte be- 
handelt wurde. Indem ich bei dieser gewiss schweren Verletzung für jetzt 
mein schliessliches forensisches Urtheil noch suspendirte, wie es so oft in ahn- 



■^1 



§3. Verletzungen. Gasnistik. s.bis ö.Fall. 57 

liehen Fillen erforderlleli Ist, in denen ein tödtlicher Ausgang droht oder mög- 
lieh ist, muBste und konnte ich doch achon jetzt die Verletzung wenigsteng ab 
eine „erhebliche^ erklaren, da eine „längere Arbeitsunfähigkeit*' zweifellos 
war (Oesterr. „Verletzung mit solchem Werkzeug und auf solche Art unter- 
nommen, womit gemeiniglich Lebensgefiihr yerbunden ist* (§166) und ib. sub.e 
„lebensgefährliche schwere Verletzung** ; Würtemberg „yorttbergehende Krank- 
heit und Arbeitsunlähigkeit* (Art 260, 4); Sachsen, Verletzung, die mit Gefahr 
für die Gesundheit yerbunden war*" (Artl8S, l); Hannoyer „längere Zelt dauernde 
Krankheit und Untächtigkeit zu sehnen Verrichtungen* (Art 242); in Baiem, 
wo die unter oder ttber sechszigtägige Krankheit entscheidet (Art. 284), wfirde 
der ganze Verlauf der Lungenentzündung abzuwarten gewesen sein.) 

8. Fall. VerhrennuiLg des Mundes durch Schwefelsäure. 

Einem zwölQährigen Mädchen war am 6. Juli rohe Schwefelsäure in den 
Mund gegossen worden. Das Kind wurde nach dem Krankenhause Bethanien 
gebracht, wo man an Lippen und Zunge Verbrennungen der Schleimhaut fand. 
Das Kind klagte über heftige Schmerzen im Schlünde und Magen, und brach 
alles Genossene sofort wieder aus. Zu diesen Zeichen gesellten sich nach dem 
Krankenjoumal noch in den nächsten Tagen die einer heftigen Kehlkopfent- 
zündung, das Kind fieberte lebhaft, war yollkommen sinnlos und die Wieder- 
herstellung erschien in hohem Grade zweifelhaft. Indess erklärte der behandelnde 
Arzt bei seiner Vernehmung am 28. Juli , also 28 Tage nach der Verletzung, 
das Kind als ausser Lebensgefahr und es war weder eine Verengerung der 
Speiseröhre noch sonst eine schädliche Folge einge]treten. Erst am 11. August, 
also 5 Wochen nach der Verletzung, hatte ich das Kind zu untersuchen. Es 
war yollkommen geheilt yon seiner, doch wohl schweren Verletzung! Namentlich 
waren Schlingen und Stimme yollkommen normal. Eine yorübergehende Stimm- 
losigkeit konnte ich nicht als „Beraubung der Sprache* erklären, und da auch 
sonst keine andere Folge der gesetzlich „schweren Verletzung* eingetreten war, 
so musste eine nur „erhebliche* angenommen werden. (Oesterr. (§ 165) „schwere 
Verletzung die lebensgefährlich wurde** und t^. sub c. die mit besonderen Qua- 
len für den Verletzten yerbunden war; Baiem (Art. 260) „Krankheit yon mehr 
als 6, Jedoch nicht mehr als 60 Tage Dauer* ; Würtemberg (Art. 260) „yorüber- 
gehende Krankheit**; Sachsen (Art 182) „Verletzung, die mit Gefahr für 
die Gesundheit yerbunden gewesen*; Hannoyer (Art 241) „länger dauernde 
Krankheit* 

4. n. 5. Fall. Quetschung des Schenkels. 

Zwei Kinder, ein zehnjähriges und ein zweijähriges Mädchen, waren bei 
einem Erntefeste yon einem mit Getreide beladenen Wagen übergeflahren wor- 
den. Beide kamen bei der (doch wohl an sich lebensgefährlichen!) Verletzung 
äusserst glücklich dayon, das kleine mit einer zwei Zoll langen Quetschwunde 
am linken Oberschenkel, wodurch es 32 Tage ausser Stand gesetzt wurde, das 
Glied zu gebrauchen, das grössere mit einer erheblichen Quetschung und Ge^ 



58 § 8. Verletzungren. Casuistik. 6. u.T. Fall. 

schwillst am rechten Unterschenkel, so dass es bei der Besichtigangr nach acht 
Wochen noch hinkte. Beide Verletzungen waren forensisch nur „erhebliche*. 
(In Oesterreich: , Verletzungen mit einem solchen Werkzeug, womit gemeiniglich 
Lebensgefahr yerbunden ist" und „Gesundheitsstörung von mindestens dOtägiger 
Dauer" (§155); Baiem: Verletzungskrankheit „von mehr als 5, jedoch nicht 
mehr als 60 Tagen Dauer" (Art. 234); Würtemberg: „vonibergehende Krankheit" 
(Art. 260, 8); Sachsen: Verletzung, die „mit (Gefahr für die Gesundheit yer- 
bunden gewesen" (Art. 182); Hannover: ^ähnlich, nach Art. 242). 

6. Fall. DnrcMringende Banchwunde. 

Bei dem Gesellen N. hatten zwei Messerstiche, der eine nur die Haut- 
bedecknngen an der 9. linken Rippe verletzt, der andere war unterhalb der- 
selben in die Bauchhöhle eingedrungen, und bei derAuibahme in das Krankenhaus 
fanden die Aerzte das Netz vorgefallen! Der dritte $tich hatte die linke Hinter- 
backe tief getroifen. Eine im medieinischen Sinne schwere war die Bauch- 
wunde Jedenfolls. Nichts destoweniger war dieselbe' bei der forensischen 
Exploration nach zwölf Tagen schon, nachdem das Netz gleich reponirt worden 
war, fast vernarbt und der Verletzte ganz gesund. Nur die Wunde am Hinter- 
backen verzögerte seine Entlassung, denn bei den Eitersenkungen, die sich 
einstellten, hatte eine Gegenöffnung gemacht werden müssen, welche bei fort- 
dauernder Eiterung ein ferneres Krankenlager (also »ArbeitsunfShigkeit') von 
mehrem Wochen in Aussicht stellte. Also forenslseh eine nur „erhebliche*^ 
Verletzung. (Die Benrtheilung in anderen deutschen Ländern genau so wie 
oben im 2. Falle.) 

7. Fall. Beilhieh in die Hand. 
Auch einen Beilhieb am Handgelenk mit Bruch des Speichenknochens wird 
jeder zum Verletzten gerufene Arzt als eine schwere Verletzung erklären. Unser 
Verletzter war ein Zimmergesell, und die Untersuchung fand genau drei Wochen 
nach der Verletzung im Krankenhause Statt. Das Allgemeinbefinden war durch- 
aus befriedigend; an der äussern Fläche des linken Vorderarms zeigte sich eine 
2V]" lange Narbe von dem blutig geheftet gewesenen Hiebe. Auf dem noch 
jetzt erjrsipelatös geschwollenen Handrücken waren noch 8-4 (Gegen-) Schnitt- 
wunden in Eiterung. Die „längere Arbeitsunfähigkeit" des Verletzten war un- 
zweifelhaft; es wurde aber im Gutachten dem Richter natürlich auch bemerklich 
gemacht, dass der Gebrauch der linken Hand sehr wesentlich, und wahrscheinlich 
sogar dauernd, werde behindert bleiben, aber es konnte doch nach der Fassung 
des Strafgesetzes nicht weiter als bis zu einem „erheblichen Nachtheil für 
Gliedmaassen" gegangen, also aus diesen beiden Gründen nur eine „erhebliche 
Körperverletzung" angenommen werden, während der österr. Gerichtsarzt das 
„Werkzeug und die Art des Gebrauchs desselben, womit gemeiniglich Lebens- 
gefahr verbunden ist", und die „Berufsunfähigkeit von mindestens SOtägiger 
Dauer", sowie die „bleibende Schwächung einer Hand" betont (§ 155), der 
yrürtembergische mindestens „eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit*' (Art, 



§ 4. Verletzungen am Lebenden. 59 

2$0 iub 4), wenn nicht, Je nach dem endlichen Aasgange, „eine Töllige and 
bleibende Unbraachbarkeit za den Berufsarbeiten*' (iL sub 2), der Säclisische 
eine Verletzung „mit Gefahr für die Gesundheit*', event. „völlige Unbraachbar- 
keit zu den Berufsarbeiten" (Art. 132 sub 1 und 8), und der Hannoversche 
Gerichtsarzt eine „länger dauernde Uutüchtigkeit zu den Berufsarbeiten*', event. 
„nnfaeilbaie Beraubung des Gebrauchs eines der Glieder" des Verletzten ange- 
nommen haben würde (Art. 242), der Baierische aber auch in diesem Falle, 
wie in allen ähnlichen, sein Urtheü bis zum gänzlichen Ablauf der Verletzungs- 
krankheit hätte suspendiren müssen. 

§4. 
Fortsetzung. 

Das neue Baiersche Strafgesetzbuch von 1861 bestimmt näm- 
lich wörtlich im Art. 234: 

Wer, ohne die Absicht zu tödten, mit überlegtem Entschlüsse einem 
Andern eine körperliche Hisshandlung oder Beschädigung an der 
Gesundheit rechtswidrig zufügt, soll l) wenn hierdurch der Tod des 
Verletaten oder ein bleibender Nachtheil an dessen Körper oder 
Gesundheit verarsacht, oder derselbe in eine mehr als 60 Tage 
dauernde Krankheit oder (gänzliche oder theilweise) Arbeitsunfähig- 
keit versetzt worden ist, mit Zuchthaus bis zu 16 Jahren; 2) wenn 
der Verletzte dadurch in eine mehr als 6, Jedoch nicht mehr als 
60 Tage dauernde Krankheit oder (gänzliche oder theilweise) Arbeits- 
unfähigkeit versetzt worden ist, mit Gefängniss nicht unter vier 

Monaten (rein Juristisch) bestraft werden. 

Diese Bestimmung fand ihr Analogon in der jetzt aufgehobenen 
des Preussischen Strafgesetzbuchs, welches in seiner urspräng- 
liehen Fassung die Dauer der Verletzungsfolgen von weniger oder 
Ton mehr als zwanzig Tagen festhielt, diese Bestimmung aber 
nach nur fünfjähriger Wirksamkeit wieder aufhob, weil die Un- 
zuträglichkeiten für die Praxis sich zu häufig geltend gemacht 
hatten. Kein anderes Deutsdies Strafgesetz hat diese Bestim- 
mung nach Tagen der Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit des 
Verletzten, und das Baiersche steht damit allein da. Es kann 
uns nicht einfallen, die ratio legis des Gesetzgebers ergründen 
oder beurtheilen zu wollen. Unsres Amtes aber ist es, darauf 
aufinerksam zu machen, das der Baiersche Gerichtsarzt durch 
das Gesetz in eine sehr eigenthümliche Lage gekommen ist, in die 
nämlich, in allen Verletzungsfällen , zu deren Begutachtung er 
requirirt wird, und in denen er nicht ron vom herein mit genü- 
gender prognostischer Sicherheit den Ausgang vorher taxiren 



60 § ^' Verletzungen am Lebenden. 

kann, dieser vielmehr in seinen endlichen Folgen für den Ver- 
letzten (abgesehn Tom Tode) noch schwankend und unsicher ist 
— und welche grosse Anzahl von Verletzungen gehört dahin ! — 
in allen solchen Verletzungsfällen sein Urtheil über die straf- 
rechtliche Wichtigkeit der untersuchten Verletzung suspendiren 
zu müssen, wenn er vor Ablauf zweier Monate (60 Tage) den 
Verletzten zu exploriren bekam. Ich meinerseits sehe wenigstens 
nicht ein, wie er sich -— Angesichts der so ungemein erhebli- 
chen Strafunterschiede — gewissenhaft anders stellen* könnte. 
Nun würde ihn jeder andre, nicht baiersche Gerichtsarzt in dieser 
Angelegenheit nur beneiden können, denn wie oft kommt man 
nicht auch bei andern gesetzlichen Fassungen in die Lage, mit 
dem Urtheil über die Wichtigkeit einer Verletzung den Richter auf 
eine spätere, als die Zeit der Untersuchung vertrösten zu müssen, 
oder wenigstens den ^Wunsch nach einem solchen suspensiven 
Gutachten zu hegen. Die Casuistik dieser Novelle liefert 
hierfür Beweise genug, und namentlich und grade bei den schwer- 
sten Verletzungen, wo augenblickliche Denunciationen u. s. w. das 
schleunigste Einschreiten der richterlichen Behörde veranlassen, 
die dann ihrerseits alsbald die Zuziehung des G^richtsarztes for- 
dert. Wie oft war ich in dem Falle, bei schweren Kopfver- 
letzungen, durchdringenden Bauch- oder Brustwunden u. dergl. 
einige Stunden oder einige Tage nach der Verletzung mein Ur- 
theil abgeben, d. h. doch mit andern Worten eine Prognose 
mit ihren strafrechtlich wichtigsten Folgen in Fällen stellen zu 
müssen, die medicinisch für eine Prognose — gleichsam als 
morbuB fiens — noch gar nicht reif waren. Oft genug habe ich 
nun allerdings, wie es jeder Arzt thun wird, in solchen Fallen 
unter Anführung meiner Gründe mein Urtheil suspendirt, ohne 
im Gesetz den Anhalt zu finden, welchen das Baiersche gewährt. 
Aber einen Umstand giebt es, der dies Aufschieben nicht über 
die Gebühr hinaus zu verlängern gebietet, die Frage von der 
Verhaftung oder Fortsetzung der Haft des angeschuldigten Ur- 
hebers der Verletzung. Bei Denunciationen auf lebensgefährliche 
oder als solche zu vermuthende Verletzungen oder Misshand- 
lungen, „halb todt geprügelt", Messerstiche, Axthiebe über den 
Kopf u. s. w, verfügt die richterliche Behörde sofort die Verhaf- 



§ 5. Verletzangen am Lebenden. 61 

tung des Angeschuldigten, und entlässt denselben, nach den all- 
gemeinen gesetzlichen Bestimmungen, die wohl in allen Ländern 
ziemlich gleichlautend sein dürften, eben so schnell, wenn der 
Gerichtsarzt erklärt, dass er nur eine ganz unerhebliche, nichts- 
sagende, vielleicht sogar nur eine rein angebliche Verletzung 
vorgefunden habe. Und nichts ist alltäglicher als gerade solche 
Fälle, bei dem Unverstände des grossen Haufens, der schon bei 
dem Herabriesehi von Blut über das Gesicht eine Lebensgefahr 
sieht, oder bei der Böswilligkeit und Rachsucht des Verletzten 
oder der Seinigen, die gegen den Beschädiger die möglichst 
grösste Vergeltung üben möchten. Im entgegengesetzten Falle 
aber drängt der Richter den Arzt, wenn er ein-, zweimal mit 
seinem Urtheil zurückgehalten, von seinem Standpunkt mit 
Recht, zu einem endlichen entscheidenden Gutachten, das der- 
selbe dann den Umständen nach abgeben wird. Es ist begreif- 
lich, dass die Baiersche Strafbestimmung hier ein grosses Hin- 
demiss ist, worauf aufmerksam zu machen hier, im Interesse der 
allgemeinen Lehre von den Verletzungen und ihrer practisch- 
forensischen Anwendung, wohl der Ort war. 

§». 

Fortsetsnng. 

Wenn, wie oben nachgewiesen worden, durch die wissen- 
schalUich unhaltbare Klassification und Definition der Verletzungen 
im preuss. Strafgesetz der preuss. Gerichtsarzt oft genöthigt ist, 
eine vmrklich schwere Verletzung für eine nur erhebliche zu er- 
klären, so kommt es femer auch häufig genug vor, dass Verletzungen, 
die jeder Arzt im medicinischen Sinne erhebliche nennen wird, 
forensisch sogar nur als „leichte^ bezeichnet werden können und 
müssen. Dies nämlich, wenn die beiden strafgesetzlichen Bedin- 
gungen der „erheblichen"' Körperverletzung (§ 192 a Strafges.), 
nämlich «erheblicher Nachtheil für Gesundheit und Gliedmaassen'' 
oder aber eine „länger dauernde Arbeitsunfähigkeit" nicht ein- 
getreten waren, so sehr auch Anfangs nach der Misshandlung 
oder Verletzung diese Folgen, und vielleicht noch schlimmere, zu 
besorgen gewesen wären. Rechtzeitige, energische, geschickte 
ärztliche Behandlung, eine glückliche Constitution, zufällige gün- 



62 § 6. Verletzungen. Casntotik. 8. Fall. 

stige Umstände u. 8. w. hatten diesen Folgen vorgebeugt, und 
man findet bei der gerichtsärztlichen Untersuchung den Verletz- 
ten ganz frei davon, so dass man eine nur ,,leichte^ Verletzung 
annehmen muss, d. h. — da das Strafgesetz keine Interpretation 
dieser Klasse giebt — weder eine -„schwere" noch eine „erheb- 
liche" annehmen kann, wo dann durch Ausschluss nur die „leichte" 
übrig bleibt. Folgende Beispiele sind gewiss recht beweisend. 

§6. 

Casuiitik. 

8. Fall. Missliaiidliiiig eines Säuglings. 

Nicht allein für die eben berührte Frage, sondern auch psychologisch 
wegen der unerhörten Brutalität des Thäters, war dieser merl^würdige Fall 
besonders interessant. Agnes, ein dreimonatlicher Säugling, war am 
S. September von dem Angeschuldigten von einem Sopha heruntergeworfen und 
dann noch mit einem Rohrstock yon der Dicke eines kleinen Fingers auf dem, 
nur mit einem Hemdchen bekleideten Bücken geprügelt worden! Die Mutter, 
abwesend zur Z^t der That, fand zurückgekehrt das Sand, das sie kurz ^zu- 
vor, bis auf einen schon längere Zeit bestandenen Husten, gesund verlassen 
hatte, naclr den Misshandiungen aus dem Hunde blutend, und berichtete, dass 
es seit dem 6. ej. sehr unruhig gewesen sei, Tag und Nacht schreie, die Brust 
schlecht nehme, sichtlich abmagere und die Nahrung Jedesmal wieder fort- 
breche. Der Dr. W. hatte das Kind schon am 4. ^'. Abends untersucht, und 
an demselben, ausser kleinen Verletzungsspuren am Hinterkopf und beiden 
Knieen, Blatonterlanfting am linken Auge geAmden, das untere Augenlid roth 
und geschwollen, die linke Backe blaugrün und stark aufgeschwollen, die in- 
nere Hälfte beider Ohrmuscheln stark geröthet, auf der linken Seite des 
Rückens zwei blaurothe Streifen von Vi Zoll Breite und 1 bis iVa Zoll Länge, 
auf der linken Hinterbacke zwei blaue Flecke von streifiger Form. Das Ideine 
Kind war also nach diesem Befunde noch weit entsetzlicher gemisshandelt 
worden, als es anfänglich verlautet haite. Das Kind nahm aber in Gegen- 
wart des genannten Arztes die Brust gut und ohne Erbrechen, und hastete 
viel und stark, ohne dass sich andere Zeichen als die eines Lungenkataxrhs 
ergeben hätten. Es hatte übrigens weder Fieber noch Hitze. Ich selbst fand 
bei meiner Untersuchung am 8. «/. das Kind, das eine gewöhnliche mittlere 
Constitution eines dreimonatlichen Kindes hatte, auf dem Arm der Mutter ruhig 
und ziemlich apathisch liegen, und von keiner allgemeinen Krankheit ergriffen. 
Namentlich hatte es kein Fieber, keine Hitze, weder am Kopf noch an andern 
Theilen, keine Röthe im Qesioht, eine normale Haut und eine ganz normale 
Pupille. Auch hat das Kind in meiner Gegenwart weder gehustet noch ge- 
brochen. Von örtlichen Verletzungsspuren fand ich noch eine grünlich gefärbte 
und geschwollene linke Backe und die oben geschilderten, ganz offenbar von 



§ 6. Verletziingen. Casuistik. 8. Fall. 63 

Stockschlägen herrührenden Streifen auf Racken und Hinterbacken schon bis 
zur blassgrünen Färbung in Zurückbildung begriffen. ,yWas nun," sagte ich 
im Bericht, „die geforderte Würdigung dieser Verletzungen betrifft, so muss 
ich zuvor bemerken, dass der Fall ein so unerhörter ist, dass seine Beur- 
theilung nur nach allgemeinen Analogieen möglich, wohin namentlich gehört, 
dass derselbe sich bis jetzt noch ganz und gar nicht mit einiger Bestimmtheit 
würdigen läöst. Denn wie wirklich auffallend und merkwürdig es auch ist, 
dass bei einem Snbject, wie ein dreimonatlicher Säugling, nach einer Mias- 
handlung, wie die geschilderte, sich nicht sofort die allerlebeusgefährlichsten 
Symptome eingestellt, sondern dass vielmehr das Kind jetzt anscheinend ganz 
wohl ist, so dass für jetzt anscheinend „erhebliche Nachtheile für Gesundheit* 
oder Gliedmaassen^* (§ 192 a. Strafg.) nicht angenommen werden können, so 
würde es doch sehr voreilig sein, daraus schliessen zu wollen, dass nicht später 
noch sogar die allererheblichsten Folgen, ja der Tod, in allmählig sich ent- 
wickelnden Krankheitserscheinungen entstehen könnten. Abgesehen von der 
Wirkung der Stocksehläge auf Kücken oder Hinterbacken, für welche bei 
einem dreimonatlichen Kinde meines Wissens auch nicht ein einziger analoger Fall 
in der medicinischen Erfahrung vorliegt, nnd die, durch die nothwendig gesetzte 
Erschütterung des Bückenmarks, chronische Entzündang des Rückenmarkes, 
Lähmung u. s. w. bewirken könnten, bestätigt die ErfiBÜimng die oben aus- 
gesprochene Möglichkeit nachtheiliger Folgen in solchen analogen, nicht gar 
seltnen Fällen, in denen bei Säuglingen durch Fall oder Wurf auf den Kopf, 
wie er auch hier Statt fand, erst in späterer Zeit und in alUnähliger Entwick- 
lung gefährliche und selbst tödtlichc Himkrankheiten eintraten. Für jetzt 
liegen, ich wiederhole es, „erhebliche Nachtheile^^ nicht vor. Was den Husten 
betrifft, so räumte die Mutter selbst ein, dass derselbe schon vor der Miss- 
handlung bestanden habe. In wie fem das angebliche Erbrechen, was sehr 
wohl möglich, mit diesem Husten in Zusammenhang steht, muss ich dahin ge- 
stellt sein lassen, da ich weder über den Husten noch über das Erbrechen 
eigene Wahrnehmungen an dem Kinde gemacht, die Aussage der Mutter aber 
nur mit Vorsicht aufeunehmen ist, da sie offenbar übertreibt, wie aus der 
Aensserung von der sichtlichen Abmagerung des Kindes hervorgeht, die un- 
möglich in Tier Tagen so wahrnehmbar eingetreten sein konnte. Das angebliche 
Erbrechen schon Jetzt aber als ein Gehirn-Symptom anzusprechen, was es an 
sich sein könnte, dazu giebt der jetzige Zustand des Kopfes (Gehirns) keine 
Veranlassung. Von den Folgen, die der § 198 des Strafges. den „schweren 
Körperverletzungen** vindicirt, ist vollends bis jetzt keine bei dem Kinde ein- 
getreten. Hiemach gebe ich mein Gutachten dahin ab: dass bei der Agnes 
bis jetzt erhebliche Nachtheile für Gesundheit oder Gliedmaassen in Folge 
der ihr zugefügten Misshandlungen nicht wahrnehmbar eingetreten sind, dass 
aber die Besorgniss, dass dergleichen Nachtheile noch später eintreten könnten, 
nicht von der Hand zu weisen ist.** — Zu diesem Zusatz hielt ich mich bei 
der unerhörten Sachlage nnd ans den hier oben (§3) ausgesprochenen Gründen 
verpflichtet. Im öffentlichen Audienztermin hielt ich natürlich das Gutachten 



64 §6. Yerletzungen. Casuistlk. 9.— 10. Fall. 

aufrecht, und nrasste Jetzt — am 25. November, nachdem das Kind bis Jetzt 
fast zwöf Wochen nach den Hisshandlangen ganz gesnnd geblieben war — 
dieselben in die strafgesetzliche Kategorie der ^leichten^ nolens volens ein- 
reihen! Der Gerichtshof vemrtheilte indess den Angeschuldigten »wegen der 
besondem Brutalität der That zu dreimonatlicher Gefängnissstrafe. Der Fall 
steht in seiner Neuheit auch andern Strafgesetzgebungen gegenüber als sehr 
zweifelhaft da. Es fragt sich, ob man hätte annehmen können: in Oesterreich 
(§ 155) »Verletzung auf solche Art unternommen, womit gemeiniglich Lebens- 
gefahr verbunden ist,*' in Baiem (Art 234) »Krankheit (?) von mehr als 5 
Tagen,^ in Wnrtemberg (Art. 260) „vorübergehende Krankheit^ (?), wogegen 
unzweifelhaft: der Fall in Hannover (Art. 242) zu den Verletzungen, welche 
»die Gefahr eines bleibenden geringem Schadens ** (mindestens!), und in Sachsen 
(Art. 132) zu denjenigen, die »mit Gefahr verbunden gewesen'' hätte gezählt 
werden müssen. 

9. Fall. Messerstich in den Hals. 
Ein 15Jähriger Sattlergesell hatte vier Tage vor meiner Untersuchung 
einen Hesserstich in die linke Halsseite und einen zweiten in die linke Hüfte 
bekommen. Beide zeigten sich indess nur als Hautwunden. Die Haiswunde 
war schon vernarbt, die Hüffcwunde halb vernarbt, noch etwas eiternd. All- 
gemeine Krankheitserscheinungen waren weder eingetreten, noch heute vor- 
handen. Es war also, trotz des lebensgefährlichen Angriifs, bei uns nur eine 
»leichte" Verletzung. Ihre Würdigung in andern Ländern würde wie die im 
8. Fall gewesen sein. 

10. Fall. Messerstich in die Schläfengegend. 
Ganz dasselbe den Strafgesetzen gegenüber gilt in Beziehung auf diesen 
Fall. Frau P. hatte am 20. Juli einen Hesserstich in die rechte Schläfengegend 
bekommen und dabei einen starken Blutverlust (aber nicht ans der A. tem- 
poralü!) erlitten, der ohne merkbare Folgen blieb. Bei der Untersuchung am 
16. September fand sich an der gesunden^ roth aussehenden Frau eine zollange, 
durch blutige Nath geheftet gewesene Narbe einer Wunde, deren Heilung 18 
Tage gedauert hatte, sonst Nichts, was als Folgen einer Verletzung hätte ge- 
deutet werden dürfen, die so leicht hätte lebensgefährlich werden können. 

§7. 
FortMtnmg. 

Die „leichten'' Verletzungen kommen in foro aus den oben 
angegebenen Gründen sehr häufig vor. Unter mehrem Hunder- 
ten von mir untersuchter musste ich genau ein Drittel als „leichte'^ 
erklären. An sie schliessen sich die nicht weniger zahlreichen 
Fälle Ton überhaupt nur angeblichen Verletzungen an, in 
Fällen, in welchen ein Mensch bei Raufereien entweder gar nicht 



§§7.8. VerletzimgeiL Casaistik. ll.Fall. 65 

„Terletzt" wurde, oder in andern, in denen irgend eine ganz un- 
erhebliche Verletzung allerdings Statt gefunden hatte, aber irgend 
weldie spätere Gesundheitsstörungen, die in keiner Weise mit 
der Verletzung im Zusammenhang standen, als Folgen derselben 
aus den oben angegebenen selbstsüchtigen Gründen angeschuldigt 
werden. Hier kann der Gerichtsarzt nicht vorsichtig genug sein, 
um nicht durch sein gewichtiges Urtheil solche unbegründete An- 
schuldigung zu unterstützen und den Richter irre zu leiten, vor- 
und lunsichtig um so mehr, als er selbst durch Yorgelegte privat- 
ärztliche Atteste über den Zustand des Verletzten irre geführt 
werden kann. Die auffallendsteil Beweise hierfür sind uns oft 
genug vorgekommen. Eine 40jährige, schlecht genährte Frau 
sollte durch einen Schlag in's Gesicht einen ärztlich bescheinigten 
„vollständigen Querbruch des rechten Unterkiefers (sic.% der sich 
schon bei der oberflächlichste]} Untersuchung gezeigt hatte'', da- 
vongetragen haben. Die Untersuchung musste allerdings sehr 
oberflächlich gewesen sein, denn siebzehn Tage nach der Ver- 
letzung fand ich keine Spur eines Kieferbruches, der unmöglich 
bei einem solchen Subject in dieser kurzen Zeit hätte geheilt 
werden und verschwunden sein können. Andre hierhergehörigen 
Beweise liefern nachstehende Falle. 

§ 8. 
Casuistik. 

11. Fall. Fanstsolüag in's Gesicht; angebliehe Kieferverletznng. 

Frau L. woUte am 20. Febmar gemiashandelt, namentlich durch einen 
FaoBtsehlag in*8 Gesicht in Boden geschlendert worden sein, so dass sie gegen 
eine Ofenecke gefiftUen, ihr der Unterkiefer zerschlagen, Zälme ansgCBChlagen 
worden und nie noeh krank sei. In Folge der Misshandlang seien ihr, wie sie 
in ihrer Pennnciation behauptete, auch drei Stückchen Knochen aus der Kinn- 
lade herausgenommen worden, so dass sie im Gesicht verstiimmelt sei. Unter 
dem 28. d. Mts., also acht Tage nach der angeblichen Blisshandlung, hatte der 
Br. H. bescheinigt, dass die L., weiche bisher in einer Zündhölzchen-Fabrik 
gearbeitet, „gegenwärtig an einer Entiündung des Unterkieferknochens er- 
krankt sei, dass sich Eitergänge gebildet hätten, und dass einzelne abgestor- 
bene Theüe des Knochens im Begriff seien, sich loszustossen." Der erste Blick 
auf die p.p.L. bewies die grosse Uebertreibung in ihren Angaben und in der 
Dennnoiation. Ich Csad eine blühend aussehende, untersetzt -loräftige Person 
Ton 24 Jahrein, ganz gesund, also keineswegs .noch Jetzt krank", und ebenso 

C asper, klinisehe NoT«Ueo. 5 



66 § 8. Verletznngexi. Casnistik. 12. Fall. 

keineswe^ „im Gesicht verstämmelt^, da dasselbe vielmehr ganz regelrecht 
gebildet war und nur zwei tiefe Narben ganz oben am Halse unter dem Kinn 
und Kiefer vorhanden waren. Ihr ganzer Mund zeigte sich fast vollständig 
zahnlos, wozu, wie zu der Thatsache von abgestorbenen, und ausgeeiterten 
Knochenstücken aus dem Unterkiefer, der Umstand eine sehr einfache Erklä- 
rung gab, dass Exploratin viele Jahre lang in einer Phosphorziindhölzchen- 
Fabrik als Arbeiterin beschäftigt gewesen ist „Es ist bekannt und viel be- 
sprochen,^ sagte ich im Gutachten, „dass diese Arbeiter sehr häufig von Ent- 
zündungen der Kieferknochen mit Necrose (Absterben) derselben befallen wer- 
den, wonach dann die Zähne sich lockern und ausfallen, und die necrotislrten 
Kuochenstücke , wie gewöhnlich bei dieser Knochenkrankheit, auseitem oder 
künstlich entfernt werden müssen. .Die L. trägt, wie geschildert, alle Zeichen 
dieser Phosphomecrose und zwar in einem ziemlich hohen Grade an sich. Dass 
aber diese Ursache und nicht der angebliche Faustschlag in's Gesicht die 
Folgen gehabt habe, welche die L. der Hisshandlung zuschreibt, beweist 
unwidersprechlich der Zustand, in welchem sie sich acht Tage nach der Miss- 
handlung nach der obigen Schilderung ihres Arztes befand. Bei einer übrigens 
gesunden Person von erst 24 Jahren konnten sich unmöglich nach einer Ver- 
• letzung schon in acht Tagen „Eitergänge" gebildet haben, unmöglich schon 
„einzelne abgestorbene Knochenstückchen in Begriff sein, sich loszulösen*', 
denn dies sind Krankheitsprocesse, die eine mindestens monatlange Dauer einer 
Krankheit voraussetzen, wie denn auch die L. selbst gegen mich auf meinen 
Vorhalt einräumen musste, dass sie schon vor der Misshandlung lange und oft 
an der Krankheit des Unterkiefers gelitten und alle ihre Zähne längst dadurch 
verloren gehabt habe. Was die L. femer in ihrer Denunciation über Fuss- 
tritte und ,, „Blutverluste ''^ sagte, steht ganz ohne Halt da, und ist dafür bei der 
Exploration nicht der geringste Beweis gefunden worden.'' Hiernach musste ich 
erklären, ,,dass eine Wirkung der dennnciirten Misshandlungen auf Gesundheit 
oder Gliedmaassen der L. überall gar nicht erwiesen ist." 

12. FaU. Bruch des rechten Obersehenkels bei einem Kinde. 

Nicht gewöhnlich war folgender Fall. Der zweijährige Georg sollte am 
5. Januar durch Hochziehen am Beine einen Bruch des rechten Oberschen- 
kels erlitten haben. Der behandelnde Arzt Dr. W. fand am folgenden Tage 
im Krankenhause „einen sehr beweglichen Bruch im obem Drittel des Kno- 
chens, aber fast keine Anschwellung der Weichtheile, keine merkliche Tempe- 
raturerhöhung, kurz es fehlten alle Zeichen einer erheblichen entzündlichen 
Reaction. Das Kind war und blieb auch nach der Aufhahme so ruhig, dass 
dadurch eine bedeutende Schmerzhaftigkeit des Gliedes unwahrscheinlich ge- 
macht wird.* Nicht einmal beim Zusammenbringen der gebrochenen Theile 
zeigt das Kind grosse Schmerzen. Der genannte Arzt hielt es hiemach zwar 
nicht für unmöglich, dass das Bein erst am Tage der Einlieferang gebrochen 
worden, war aber überzeugt, dass dies schon ein oder einige Tage vorher ge- 
schehen sein müsse. Ich fand vier Wochen später das blasse und schvirächliche 



§ 8. Verletzungen. Casnistik. 13. Fall. 67 

Kind mit dem rechten Ober- und Unterschenkel in Gips eingegossen und konnte 
folglich über die Beschaffenheit des Bruches gar nichts bekunden. Man fühlte 
durch den Gipsverband noch eine gewisse Beweglichkeit des gebrochenen 
Knochens hindurch, was auifällend war, da bei gesunden Kindern wenigstens 
einfache Brüche rascher zu heilen pflegen. „Wenn es nun schon sehr auffal- 
lend ist und fast unerhört wäre, dass ein Oberschenkelknochen, wenn nicht eine 
ganz besondere Knochenbrnchigkeit obwaltet, die hier nicht nachzuweisen, durch 
blosses HeraufiBiehen des Körpers an dem Schenkel zerbrechen sollte, so spricht auch 
der Zustand des Gliedes, wie ihn der genannte Arzt am 6. Januar fand, dagegen, 
dass der Bruch erst kurz vorher erfolgt sein sollte, da, auch bei einem schwäch- 
lichen, saftarmen Kinde nach einem solchen Bruche eine stärkere Beaction hätte ein- 
treten müssen, als sie hier beobachtet worden ist. Viel wahrscheinlicher ist, 
dass der Knochen aus irgend einer Veranlassung schon früher gebrochen ge- 
wesen, und dass der Bruch von der Pflegerin des Kindes unbeachtet geblieben, 
was bei kleinen Kindern, die meist liegen oder getragen werden, vorkommen 
kann.^ Hiemach beantwortete ich d^ mir vorgelegte Frage dahin: „dass nach 
den bis jetzt geschehenen Ermittelungen es nicht wahrscheinlich ist^ dasa die 
Verletzung in der angegebenen Art am 5. oder 6. pr. entstanden, sondern 
da«^ es wahrscheinlicher, dass sie schon vor dem 5. Januar vorhanden gewe- 
sen set* 

18. Fall. Bientoeka- Entzündung als angebliohe Folge von 
Misahandliuigen. 
Nachstehenden Fall habe ich nur aus den Akten zu begutachten gehabt, 
was wie folgt geschah. ,Am 16. September v. J. wurde nach ihrer Denuncia- 
tion die unverehelichte i 7jährige H. von dem Angeschuldigten in Gtesicht und 
Bücken geschlagen, und bald darauf riss er sie rücklings zehn Treppenstufen 
herunter und warf sie wiederholt gegen eine Thür (f. 4. 15). Es ist dieser 
Hergang der Missliandlung indess keineswegs so genau thatsächlich festgestellt 
Die verehelichte B. hat vielmehr nur gesehn, dass der S. die H. an den rech- 
ten Arm gefeast und sie 8—9 Stufen herunter gezogen hat (f. 2. 4). Dasselbe 
bekundet die verehelichte U., welche auch noch sah, dass beide Personen ge- 
gen die Thür fielen, welches Fallen auch die unverehelichte W. gesehen 
hat, wogegen endlich der Ehemann- der U. (f. S6 v.) deponirt, dass die H. gar 
nicht gefallen set Es ist für den Unterzeichneten, der sich sachverständig 
über die Folgen dieser IGsshandlung auszusprechen hat, selbstverständlich er- 
heblich festzustellen, dass in Bezug auf die Art und Gewalt der AngriiTe so 
abweichende Angaben vorliegen, dass ich meinerseits kaum mehr als eine rohe 
Behandlung im Allgemeinen und ein Niederfallen gegen eine Stubenthür an- 
nehmen kann. Die H. will in Folge der Misshandlung Schmerzen in verschie- 
denen Theilen empfunden haben und bettlägerig gewesen sein. Auffallend ist 
es hierbei, dass dieselbe doch erst zwölf Tage nach dem Vorfall ärztliche 
Hülfe nachsuchte. Bei dem Besuch des Dr. J. (f. 6) am 29. 9'. klagte die fieber- 
freie Kranke über erhebliche Schmerzen rechts im Unterleib, die sich nach er- 



6j3 §8. yerletznngen. Oasutotik. iS.Fall. 

folgtem „„Mbi reichlichen Blntflius^'', den der Arzt später als „«entsündliche 
Blntong ans den Genitalien" bezeichnet hat, gremindert hatten, bo dass ein 
miiMiger Dmck des Leibes ertragren wurde. Die Gelenke der rechten Unter- 
extremitat zeigten bei Bewegungen Widerstand nnd lebhafte Schmerzen, was 
bei der linken Extremität nicht der Fall war. Die rechte Hiiflgegend war 
noch „^erheblich geschwollen nnd ödematös infiltrirt nnd bei leichtem Dmck 
schmerzhaft, nnd zeigte sich überhaupt eine leichte (Geschwulst und Schmerz 
in der ganzen rechten Seite und Räckengegend"**, wie denn ancfa die ganze 
rechte Körperseite grössere Empfindlichkeit nnd Geschwulst zeigte, als die linke. 
Der genannte Arzt hat die H. Tierzehn Tage lang behandelt, nnd war sie dann 
wieder arbeitsfähig. Derselbe ist der Meinung, dass sie dies schon früher ge- 
worden wäre, wenn de früher ärztliche Hülfe nachgesucht hätte, und meint, 
dus die entzündliche Blutung aus den Genitalien, als deren Quelle er den 
roohten Eierstock bezeichnet, wohl von der Misshandlung yeranlasst sein kann 
(f. 16). Ich kann Jedoch nach dem Akteninhalte nicht ohne Weiteres eine 
,, entzündliche Heizung des Eierstocks is^i entzündlicher Blutung*'^ annehmen, 
da kein einaiges Symptom yon dem genannten Ante angegeben iet^ welches 
diese Diagnose unzweifelhaft feststellte und Jeden Zweifel darüber behöbe, dass 
diese Blutang nicht etwa die gewöhnliche Menstrualblutung gewesen sei« Die- 
ser Zweifel ist um so mehr gerechtfertigt, als entzündliche Blutungen aus dem 
Eierstock nicht in so kurzer Zeit zu yerschwinden pflegen, als es hier der Fall 
war. Aber auch die übrigen, ron Dr. J. bescheinigten Krankheitssymptome 
lassen eine genauere Präcisirung wünschen, wenn es darauf ankommt, darauf 
ein gerichtsfirztliehes Urtfaeü zu begründen. Alle bescheinigten rein smbjecti- 
ren Klagen der Denuneiantin über Schmerz n. dergl. muss ich, nach den all- 
täglichen Erfahrungen in solchen Fällen, am so mehr auf sich beruhen lassen, als 
sich dieselben Jeder Prüfrmg ihrer thatsäehlichen Richtigkeit entziehen. Es bleibt 
sonach als objectiv festgestellt nur der „^ Widerstand*^" der Gelenke (weicher?) der 
rechten Unterextremltät bei Bewegungen und die ««Geschwulst und ödematöse 
Infiltration«'" der rechten Hüftgegend, und eine «„leichte Geschwulst'' << der 
«„ganzen rechten Körperseite''" beetehn. Es Ist aber in der That nicht abzu- 
sehen, wie eine „«ganze Körperseite"' durch Fall oder Wurf so beschädigt 
werden könnte, dass danach eine Geschwulst dieser ganzen Seite entstände, 
und Ist um so mehr aBzuaehaien, dass diese Geschwulst einen ganz anderen 
Chan^ter, namentlich den rheumatischen, gehabt habe, als die ödematöse 
Infiltration wohl die rheumatische, nicht aber die traumatisohe (Terletzungs-) 
Geschwulst charakterisirt, bei welcher letztem sich vielmehr Blut in*s Zell- 
gewebe infiltrirt und sugillirte (blutunterlaufene) Qeschwulzt entsteht Der 
schmerzhafte Widerstand der genannten G^nke unterstützt gleichfidla erheb- 
lich die Annahme eines rheumatisohen Charakters der Krankheit der Denun- 
eiantin. Hiemach beantworte ich die mir vorgelegte Frage dahin: dass es 
nicht erwiesen und nicht wahrscheinlich ist, dass die Misshandlung der unver- 
ehelichten H. durch den Angeklagten diejenigen nachtheiligen Folgen für die 
Gesundheit der H. gehabt habe, welche der Dr. J. schildert, und dass 



§ 9. Verletzangen. Caanistik. 14. Fall. 69 

folglich diese Hisshandlniig die wahnoheinliche Ursache dieser Folgen nicht 
gewesen ist.'' 

14. Fall. Messerstich in den Kopf. Versetzen in eine (Geisteskrankheit. 

Der sehr seltne Fall des „Yersetsens in eine GeiBte8krankheit<<, welche 
Folge fest alle Strafgesetzgebnngen ausdrücklich als eines der Kriterien der 
schweren Verletzungen gewiss mit Recht aufteilen, sollte bei einem Bchmiede* 
gesellen E. eingetreten gewesen sein, dessen Znstand ieh in der Irrenheilanstalti 
wo er sich zur Zeit befand, zn prüfen hatte. Er war am 28. April bei einem 
Streit mit einem Hesser in den Hinterkopf gestochen worden. Er selber 
räumte gegen mich ein, dass die Verletzung nicht sehr bedeutend gewesen, 
was dnrch den Umstand erwiesen wurde, dass Jetzt (SO. Juli) keine Narbe mehr 
davon zu entdecken war. Nichtsdestoweniger war behauptet worden, dass 
K. nach der Verletzung über Kopfechmerz und Schwindel geklagt, dass er in 
eine fieberhafte Krankheit verfallen, und dass in Folge dessen sieh, allmählich 
eine Geisteskrankheit ausgebildet gehabt habe, welche die Veranlassung seiner 
Uebersetzung in die Xrrenheilanstalt geworden war. Ich fand in K. einen 
rüstigen, kräftigen, körperlich und geistig vollkommen gesunden Jungen Mann, 
an dem bei wiederholten Unterredungen keine Spur einer geistigen Störung zu 
entdecken war. Sehr glaubhaft erschienen danach seine ganz von der behaup- 
teten abweichende Angabe, dass er schon lange vor der Verletzung häufig an 
Kopfschmerzen gelitten gehabt habe, und dass er zur Zeit traurig, verstimmt 
und missmüthig darüber gewesen sei, dass er bei seinem Onkel habe arbeiten 
müssen, und nicht. zu seinem Vater in die Heimath habe zurückkehren können, 
der doch seiner Beihülfe sehr benöthigt gewesen sei. Einzelne Aeusserungen 
seiner schwermüthigen Stimmung hatten nur Veranlassung zur Vermuthung 
einer Qeisteskrankheit gegeben. Wahnvorstellungen irgend welcher Art, Ex- 
cesse U.S.W, waren nach der Mittheilung der Anstaltsärzte niemals bei ihm be- 
obachtet worden. Hiemach erschien es unzwei/elhaft, dass ein »Versetzen in 
eine Gelsteskrankeit'' überhaupt gar nicht Statt geftmden, und dass der Kopf- 
schmerz und das s. g. gastrische Fieber in gar keinem Zusammenhange mit der 
Verletzung gestanden hatten. 

§9. 
Cbntroversfragen. 1) Innere Krankheiten als angebliche Folgen von 

Verletsongen. 

Nicht die Fälle sind im Allgemeinen für die forensischen 
Aerzte die am schwierigsten zu beurtheilenden, in denen nach 
Misshandlungen oder Verletzungen ein sogenannter äusserer 
Schade, bestehe er worin er wolle, oder auch ein Sinnesfehler 
in Frage steht. Sehr häufig behaupten die Verletzten selbst kei- 
neswegs ein derartiges Gebrechen oder Leiden ; vielmehr aind sie 



70 § 9« Verletsrangen am Lebenden. 

ihrer Angabe nach in Folge der Misshandlung irgend wie innerlich 
erkrankt, und es giebt kein Organenleiden, keine Functionsstö- 
rung, die nicht als solche Folge, wie in andern Fällen allgemeine 
innere Krankheit, Nervenschwäche, Gedächtnissschwäche , Schlaf- 
losigkeit u. 8. w. behauptet und dann Gegenstand gerichtsärztli- 
cher Würdigung werden. Ich sehe hier ab von Lüge und Ueber- 
treibung, die in das Kapitel der Simulationen gehören (Hdb. I 
5. Abschn.). Wo aber dergleichen offenbar nicht vorliegen, kön- 
nen die Fälle sehr schwierig werden, und die wichtigsten, oft zu 
langjährigen Civil -Processen {Entschädigungsklagen) Veranlassung 
gebenden Rechtsfälle, die, bei dem fortwährenden Widerspruch 
der Partheien gegen die ärztlichen Gutachten, durch alle gesetz- 
lichen Instanzen geschleppt werden, gehören in diese Rubrik. 
Ich meine hier natürlich nicht solche innere Krankheiten, deren 
Entstehn, wenn sie überhaupt erwiesen, unzweifelhaft als directe 
Folgen der Verletzung angesprochen werden muss, nicht eine 
Lungen- , eine Bauchfell - Entzündung nach durchdringenden 
Brust- und Bauchwunden und dgl., sondern Krankheiten, die als 
indirecte Folge der zugefügten Verletzung behauptet werden. 
Hier bedarf es der umsichtigsten, ruhigsten Prüfung der Symp- 
tome, der gründlichsten Würdigung des Einzelfalls mit allen 
seinen, auch den unbedeutendsten Momenten, der genausten 
Erforschung des angegebenen Verlaufs der Krankheit mit Zu- 
grundelegung der Lehren der ärztlichen Erfahrungswissenschaft. 
Hat man hiemach die innere Krankheit als wirkliche Folge dei* 
Verletzung festgestellt, dann pflegt im Allgemeinen die straf- 
rechtliche Würdigung der letztem: ob leicht, schwer u. s. w., 
weniger Schwierigkeiten darzubieten. Jeder Gerichtsarzt findet 
hier in seiner- Strafgesetzgebung die nöthigen Anhaltspunkte. 
Am besten sind diejenigen gestellt, die darin Bestimmungen 
über die Zeitdauer der fraglichen Krankheit finden, der Oester- 
reichische die 20- resp. 30tägige Dauer, der Baiersche die mehr 
als 5, jedoch nicht mehr als 60 Tage dauernde Krankheit, der 
Würtembergische die vorübergehende (oder nicht vorübergehende) 
Krankheit , der Sächsische den bleibenden (oder nicht bleibenden) 
Nachtheil an der Gesundheit, der Hannoversche die kürzere oder 
längere Zeit dauernde Krankheit, Sehr erleichtert wird das Ur- 



§ 9. Yerletzangen am Lebenden. 71 

theil in andern derailigen Fällen auch dann, wenn die Strafge- 
setzgebung Bestimmungen hat, wie die Oesterreichische, betreflfend 
ein „immerwährendes Sicchthum", oder die würtembergische eine 
„unheilbare Krankheit", Bezeichnungen, deren Anwendung auf 
den Einzelfall in der Regel leicht thunlich sein und denselben 
erschöpfend aufklären wird. Ganz anders aber sind' die preus- 
sischen Gerichtsärzte bei der knappen Fassung der betreffenden 
Paragraphen ihres Strafgesetzbuches gestellt. Dasselbe kennt 
nicht einmal in seiner jetzigen Fassimg das Wort „Krankheit", 
geschweige ähnliche Bezeichnungen wie die oben genannten, und 
hat — abgesehen von der Beraubung der Sinne, der Sprache, 
Geschlechtsfunction und geistigen Gesimdheit — in Betreff der 
hier gemeinten mannichfachen innem Krankheiten keine andere 
Bezeichnung als die der „erheblichen Nachtheile für die Gesund- 
heit", unter welche also Alles hierhergehörige zu subsumiren 
ist. Dieser „erhebliche Nachtheil" characterisirt die Klasse der 
„erheblichen Verletzungen" (§ 192 a), gegen welche im Minimum 
eine Gefängnissstrafe nicht unter sechs Monaten angedi*oht, deren 
Beurtheilung folglich den Geschwomengerichten entzogen ist, 
während die „schweren" Verletzungen des § 193 vor diesen ab- 
geurtheilt und mit Zuchthausstrafe bis zu fünfzehn Jahren be- 
straft werden. Bei diesem ausserordentlich grossen Unterschiede 
in der Strafbemessung hat der Gesetzgeber offenbar übersehn, 
dass es innere Krankheiten als Folge von Verletzungen giebt, 
welche den Verletzten weit unglücklicher machen, als manche 
von jenen Folgen, die der „schweren" Verletzung vindicirt wer- 
den, .wie beispielsweise die unten folgenden Fälle beweisen. Das 
abgehauene erste Glied des linken kleinen Fingers ist unzweifel- 
haft eine „Verstümmelung", folglich eine strafrechtlich „schwere" 
Verletzung. Ein Mensch aber, der durch einen durchdringenden 
Messerstich eine halb oder ganz und unheilbar functionsunfähig 
gewordene Lunge behalten, ein Anderer, der durch einen Darm- 
einstich eine unlieilbare Kotlifistel bekommen, ein Dritter mit 
Hamincontinenz nach einer Verletzung u. s. w. hat nur einen „er- 
heblichen Nachtheil für seine Gesundheit" erlitten, d.h. nur eine 
„erhebliche", keine „schwere" Verletzung erhalten! Wer ist 
wirklich schwerer beschädigt, jener oder diese Unglücklichen? 



72 § 9- Verletzungen am Lebenden. 

Es könnte dem Gerichtsarzt, wenn er dies alles so nahe Liegende 
als Me die in er erwägt, beikommen, eine derartige für ihn un- 
zweifelhaft sehr schwere innere Yerletzungskrankheit auch wirk- 
lich in foro als „schwere^, nicht als «bloss „erhebliche^ zu be- 
zeichnen, indem er sie unter die einzig passende Bubrik des 
§ 193, unter die der „Verstümmelungen'^, subsumirt. Aber er 
wolle erwägen, wenngleich die Folgen seines Gutachtens ihn nie- 
mals kümmern dürfen, dass dasselbe in solchem Falle practisch 
wohl unwirksam werden dürfte, denn der oberste Gerichtshof, 
das königl, Obertribunal, hat gerade bei Gelegenheit eines solchen 
Falles, einer längeren Krankheit einer Lunge durch eine Stich- 
wunde, die als „schwere" Verletzung, nämlich als „Verstümme- 
lung" bezeichnet worden war, dahin erkannt:*) 

„dass eine Yerstümmelnng nieht vorliege, da dieselbe im Sinne des 
§ 193 den an einem Gliede oder an einem äussern Körperiheile er- 
littenen gänzlichen Verlost yoraussetze, dass deshalb der Begriflf 
derselben yon der wissenschafüichen Deputation für das Medicinal- 
wesen in deren Gutachten**) ganz richtig als der gewaltsam herbei- 
geführte Verlust eines Eörpertheils, wodurch eine erhebUche, schwer 
oder gar nicht heilbare Störung einer Function bedingt sei, deflnirt 
werde, dass hieraus sich yon selbst ergebe, dass eine rein inner- 
liche, wenn auch unheilbare Krankheit als eine Ver- 
stümmelung nicht betrachtet werden könne." 
Dem preuss. Gerichtsarzt bleibt demnach in solchen recht 
häufigen, wichtigen imd bedenklichen Fällen Nichts übrig, als 
entweder sich zu fügen imd sich gegen sein — ait venia verbot — 
medicinisches Gewissen dem Buchstaben des Gesetzes unterzu- 
ordnen, oder aber einen kühnen Grifif zu thun, und eben 

in wirklich buchstäblicher Deutung des Gesetzes je naclTden 
Umständen des Einzelfalles diesen zurecht zu legen, so dass die 
medicinische Beurtheilung die forensische decke, wie ich es mit 
Erfolg in dem entsetzlichen und merkwürdigen löten Falle und 
in einigen anderen gethan habe. 

Folgende Beispiele für die Frage dieses Paragraphen dürften 
des Interesses nicht ermangeln. 



*) Archiv für Preussisches Strafrecht. Vm 6. 1860. S. 671. Urtheil yom 
8. April 1858. 

**) Abgedruckt in meiner Vierteljahrsschrift Bd. XI. S.198, 



§. 10. Verletsnogen. CMoistik. 16. Fall. 73 

§ 10. 
Casnistik. 

15. Fall. Yerletsuigen des Kopfes, des KehUopfes «nd der Speiseröhre 
duroh Beil uid Keeser. 
Am 11. Mai Morgens hatte der 29 Jahre alte Hausknecht K. die M., mit 
der er Mher In einem LiebesverhältniBS gelebt hatte, in ihrer Wohnnng anf- 
gesacht, am eine Schuld einsafbrdem. Kaun eingetreten, yersetite sie ihm 
mit der stumpfen Seite eines Beils zwei Schläge anf den Kopf und traf ihn 
über dem Unken Auge oberhalb der Stirn in der Nähe der Schläfe. Er fiel, 
yon den Schlägen betänbt, nieder, aber als er sich in erheben anfing, packte 
die als sehr heftig nnd Jähzornig geschilderte M. ihn, warf ihn anf das Bett 
uid Tersetzte ihm mit einem Messer einen Stich in die Magengegend und mehrere 
Stiche in die vordere Seite des Halses. Unmittelbar darauf in die Charit^ auf- 
genommen, fand man dort am Kopf — wie ich selbst am folgenden Tage — 
über dem linken SchläfMibeln «eine starke bis an die Augenbrauen reichende 
und zwei kleine qneere Wunden darbietende Blutunterlaufüng'^, und femer: „yor 
dem Kehlkopf nnd der Luftröhre waren zwei die Haut yor dem Kehlkopf queer 
dnrchschneidende Wanden mit glatten Rändern, sodann eine die Haut yor dem 
Kehlkopf und der Luftröhre und diese beiden selbst durchdringende , zwei 
Zoll lange Längswunde, yon der am untern Mundwinkel noch eine, etwa einen 
Zoll lange, schief nach links yerlaufende Querwunde ausging. Nicht blos die 
▼ordere Wand des Kehlkopfe, der Schild- und Bingknorpel, waren ganz der 
Länge nach durchschnitten, sondern die Verletzung hatte auch die hintere Wand 
des Kehlkopfes getroffen^ nnd die Speiserohre war ebenfalls eingeschnitten. Die 
Obern Binge der Luftröhre waren femer auch der Quere nach durchschnitten, 
so dass sie in mehrere Stttcke zerlegt waren. Am untersten Ende des Brust- 
beins, in der Magengegend, fand man endlich eine schräge, beinahe 2 Zoll tiefe, 
aber die Bauohdecken nicht durchdringende Wunde.* Ich übergehe Zwischen- 
fragen, zu denen der FaU Veranlassung gab, die Frage, ob der Verletzte, wie 
die Angeschuldigte behauptete, sich die Wunden selbst zugefügt habe, die andre, 
ob drei ganz unerhebliche Schnittwunden an der linken Hand ihr yon 
dem K., und nicht yiehnehr yon ihr selbst beigebracht worden waren ^ da sie 
den ganzen Vorftill als Mordyersuch Seitens des K. und als Nothwehr ihrerseits 
darstellte, die Untersuchung zweier Messer auf Blutflecke u. s. w., und bleibe 
bei den Verletzungen selbst stehn. K. ist an denselben nicht gestorben! 
Auf einem langen Krankenlager, nachdem die Kopfwunden und die Bauchwunde 
längst geheilt, und Himirymptome nicht eingetreten waren , eiterten mehrere 
Knorpelstöckchen aus Kehlkopf nnd Luftröhre aus. Genau drei Monate nach 
der That hatte ich K. (noch immer im Hospital) abermals zu untersuchen, um 
nunmehr die firtther yorbehaltene strafrechtliche Würdigung der Verletzungen 
zu geben. Ich fand ihn im Allgemeinen yöllig hergestellt, die Stichwunde iq 
der Oberbauchgegend fest yemarbt und auch die Kopfverletzungen spurlos be^ 
seitigt Nicht so die Verletzung am Halse. Inmitten einer etwas stemlörmigen 



74 §• 10. VerletzungeD. Casnistik. 16. Fall. 

Narbe in der Kehlkopfgegend zeigte sich ein kleiner Hantdefect, der mit einem 
Defect in der Luftröhre communicirte , denn es drang Luft aus dieser Oeifhang 
hervor nnd ein vorgehaltenes brennendes Wachslicht erlosch beim Ansathmen. 
Daza kam eine grosse Erschwerung der Respiration, denn K. keuchte fort- 
während und konnte nicht lange hintereinander sprechen, und eine bedeutende 
Heiserkeit, die an Aphonie grenztet 

Die Würdigung der Kopf- und Bauchwunde war nicht schwierig, aber auch 
nicht wichtig, da eine viel bedeutendere Verletzung vorlag. Beide erstem 
mussten als (nur) „erhebliche Verletzungen'' bezeichnet werden, da sie jedenfalls 
^eine länger dauernde Arbeitsunfähigkeit'' (§ l92a Strafg.) bedingt gehabt hatten. 
Wie aber war die Verletzung des Kehlkopfes nnd der Luftröhre zu bezeichnen? 
Vulnerat war durch die geschickteste, sorgfältigste ärztliche Behandlung und 
wie durch ein Wunder vom Tode errettet worden^ denn dass eine solche Zer- 
fetzung der Luftröhire nicht einmal mit den gewöhnlichen Einschnitten der- 
selben, wie sie bei Selbstmördern vorkommen nnd nicht gar zu selten mit 
Lebensrettung enden, nicht in Eine Linie zu stellen, wurde zwar im Ghitachten 
deducirt, bedarf aber hier keines Beweises. Welcher Arzt in der Welt würde 
diese, eine solche Verletzung am Krankenbette nicht für eine lebensgefähr- 
liche, eine schwere erklärt haben. Und mnsste sich nicht das ärztliche Ge- 
wissen dagegen sträuben, dieselbe in foro nach unserer strafgesetzlichen 
Terminologie nur für eine „erhebliche'' gelten zu lassen, weil sie zwar wohl 
unzweifelhaft einen „erheblichen Nachtheil für die (Gesundheit'' und ,,eine länger 
dauernde Arbeitsunfähigkeit", anscheinend aber schliesslich keine Folgen der 
„schweren** Verletzung gehabt hatte, d. h. anscheinend keine Verstümmelung, 
keine Beraubung des Gesichts, Gehörs, der Sprache (nur Heiserkeit), der Zeu- 
gungsfähigkeit, kein Versetzen in eine Geisteskrankheit? Ein Mensch, durch 
die Verletzung voraussichtlich lebenslänglich so unglücklich gemacht, dass er 
den bemitleidenswerthesten Eindruck machte — die Geschwomen sammelten 
sofort eine CoUecte für ihn — nur „erheblich** verletzt? Aus diesen Gründen 
fasste ich den Fall in seiner Eigenthümlichkeit eigenthümlich auf und sagte im 
schliesslichen Gutachten: „—was die Verletzungen des Kehlkopfe, der Luftröhre 
(und der Speiseröhre) betrifft, deren Heilung ursprünglich kanm zu erwarten ge- 
wesen, und die in den meisten ähnlichen Fällen zum Tode geführt hat, so recht- 
fertigt auch die Betrachtung in strafgesetzlicher Beziehung dieselbe als „schwere** 
Verletzung zu bezeichnen, was sie vom rein ärztlichen Standpunkt ganz unbe- 
streitbar gewesen ist. Denn ^s liegt noch jetzt, nachdem der Process der Ver- 
letzungskrankheit abgelaufen, der Defect eines Körpertheils vor, als wel- 
cher der, wenn auch dem Umfang nach geringfügige Verlust von Haut- 
bedeckungen und Kehlkopfsubstanz zu bezeichnen ist, und neben diesem 
Defect, wie oben bemerkt, eine erhebliche Beeinträchtigung sogar zweier 
wichtigerFunctionen, der Respiration und der Sprache. Hiermit sind die Be- 
dingungen einer „Verstümmelung" gegeben, nnd gehört sonach diese Halsverletznng 
in die Kategorie der „schweren** Verletzungen, die der § 198 des Straüg. bezeich- 
Act, Hiernach erkläre ich: dass die Verletzungen an Kopf und Oberbauch, 



§. 10. Verletningen. CasoiBtik. 16. Fall. 75 

dleK. erlitten, als erhebliche, die Verletzung am Halse als schwere im Sinne 
re«p. der §§ 192 a u. 193 des Strafg. zu erachten sind.^ Das Gutachten wurde 
angenommen, und die Angeschuldigte zu schwerer Strafe Tcrurtheilt. 

Wie ersichtlich, wich unser Gutachten von der Entscheidung 
des Obertribunals (S. 72) ab, das nur den Verlust eines 
äussern Körpertheils als Verstümmelung gelten lässt, welche 
Entscheidung aber für den Gerichtsarzt nicht bindend ist, um so 
weniger, als wir im Gutachten der obersten Medicinal -Behörde, 
das oben erwähnt ist, keinesweges nui* den Verlust eines 
äussern Körpertheils ausschliesslich betont haben. (Beurthei- 
lung des Falls nach andern Strafgesetzen ähnlich wie im 8. Fall.) 

16. Fall. Epilepsie als hestrittene Folge von Misshandlangen. 
Ein Qntsbesitzer hatte im Zorn seine Magd mit der Hand und geballten 
Faust nach Kopf und Gesicht geschlagen und nach vielen »Schlägen zuletzt sio 
mit der Brust zweimal gegen die Ecke des Feuerheerdes geschleudert. Das 
Mädchen fiel hierauf im Gesicht blutend zur Erde, gerieth scheinbar bewusstlos 
in Zuckungen, in Folge deren sie, zu Bette gebracht, mehrere Tage hindurch 
dasselbe hüten musste. Hierauf zur Verrichtung leichterer Arbeiten noch brauch- 
bar, wiederholten sich diese krampfartigen Zufalle öfter und auch noch dann, 
als sie nach dem Ablauf des Jahres 1858, bis wohin sie bei dem Angeklagten 
im Dienst blieb, zn einer andern Herrschaft gezogen war. Obwohl der Dr.K., 
welcher sofort nach dem Vorfall yom Angeklagten für das Mädchen requirirt 
wurde, nach mehrfachen verschiedenen Besuchen erklärte, dass dasselbe nicht 
an Epilepsie leide, so fand doch der sie spater, also nach einem Jahre bei der 
andern Herrschaft behandelnde Arzt Dr. M. Symptome derselben vor, und das 
zum Zweck der einzuleitenden Untersuchung amtlich erforderte Gutachten des 
Medizinal-Colleginms der Provinz fiel dahin aus, dass allerdings das Mädchen 
an Epilepsie leide, dass der Dr. K. bei seiner entgegenstehenden Erklärung 
entweder das Mädchen nie bei einem derartigen Anfall besucht, oder sich voll- 
ständig in deren Zustand getäuscht, und dass deshalb mit hoher Wahrschein- 
lichkeit das Verbrechen der schweren Körperverletzung (nach dem damaligen 
Gesetz, welches die mehr als 20tägige Dauer der Verletzungskrankheit festhielt), 
vorliege. Die wissenschaftliche Deputation trat diesem Gutachten nur mit noch 
grösserer Bestimmtheit bei. — Dr. K. blieb auch in der mündlichen Verhand- 
lung bei dem entschiedenen Bestreiten der angeblich vorhanden gewesenen 
Epilepsie, wogegen Dr. M. dieselbe zwar annahm. Jedoch bezweifelte, dass die 
Krankheit eine Folge der Misshandlungen gewesen. Ich hatte das Obergut- 
achten der wissenschaftlichen Deputation zn vertreten, und musste bei den er- 
mittelten thatsächllchen Umständen, dergleichen in der öffentlichen Verhandlung 
noch mehrere sehr schlagende bekannt wurden, entschieden erklären, dass die 
unzweifelhaft vorhandene Epilepsie die wirkliche Folge der Misshandlung ge«- 



76 • §-10. YerletKungen. Casnistik. 17.FaU. 

wesen war. Der Schwürgerichtshof erkannte, unter Annahme mildernder um- 
stände, anf seohfl Monate Gefluigniss. (Gestenreich § 155 „Gesundheitsstöning 
von mindestens dreissigtSgiger Daner^, Baiem Art. 284 „mehr als 60 Tage 
dauernde Krankheit*, Würtemberg Art. 260 «unheilbare*' oder (?) ,Yoriiber- 
gehende Krankheit^, was bei der so entstandenen Epilepsie lu Heinnngsyer- 
schiedenheit unter mehrem Sachyerständigen Anlass geben würde; Sachsen 
Art. 182 „nachtheilige Folgen für die Gesundheit*'; Hannover Art. 242 „längere 
Zeit dauernde Korperkrankheit **). 

17. Fall. Brustfellentzündung als angebliche Folge von Verletzungen. 

Entgegengesetzt wie im vorigen musste in diesem Falle das Urtheil ab- 
gegeben werden. Der kurze Bericht lautete wie folgt „Der Stud. K. befand 
sich am 21. Juni Abends in der „„Walhalla*'*', als sich eine Schlägerei entspann, 
bei welcher er von dem Wirth „„einige Schläge in die Seite und vor die Brust* ^ 
erhielt, wodurch er fast besinnungslos und genöthigt ward, das Local zu ver- 
lassen. Von H. erhielt er dabei noch mit einem Stock einen Hieb auf den 
Arm, der in Folge dessen gelähmt wurde und anschwoll. Durch diese Schläge 
will K. erkrankt sein, und erklärte sich im Verhör vom 14. Februar, also nach 
8 Monaten, als „Jetzt noch leidend."*' Der Dr. M., der den Damnificaten im 
Juni „„oder Anfangs Juli v. J."" in Behandlung nahm, fand ihn an einer Brust- 
fellentzündung leidend, hat Jedoch bei der Untersuchung keinerlei Spuren 
äusserer Verletzungen wahrnehmen können. K. selbst hat auch dem Arzte eine 
Schlägerei als Ursache der Krankheit nicht angegeben. Nach des Letztem Angabe, 
die auch durch das Zeugniss des Dr. H. unterstützt wird, wonach K. am 
28. August bereits seit 2 Monaten an den Folgen einer Brustfellentzündung 
schwer damiederlag, ist K., nachdem er „„bis in die jüngste Zeit leistungsun- 
fähig gewesen. Jetzt, d. h. am 25. Februar, fast vollständig hergestellt,*"' hat 
Jedoch bis Anfangs November das Zimmer nicht verlassen und seinen Studien 
obliegen dürfen. Er wäre hiemach folglich mehr als vier Monate „„arbeits- 
unfähig*"' gewesen, und da eine „„Brastfellentzündung**^ eine sehr gefährliche 
Krankheit ist und gewöhnlich Folgen für die Bespirationsorgane hinterlässt, 
folglich die Verletzungen, wenn sie die Veranlassung zu dieser Krankheit 
gewesen wären, auch „„erhebliche Nachtheile für die Gesundheit*'*' zur Folge 
gehabt haben würden, so müssten event. unzweifelhaft diese Verletzungen als 
„„erhebliche^** im Sinne des § 192a des Strafgesetzbuches erklärt werden. Es 
ist Jedoch nichts weniger als erwiesen, vielmehr unwahrscheinlich, dass die 
Misshandlnngen die Veranlassung zu der fraglichen Krankheit gewesen. Aller- 
dings können Misshandlungen und Verletzungen (selbst solche, die nicht in 
die Bmsthöhle eindringen) eine Brustfellentzündung hervorrafen. Es setzt eine 
solche Folge Indess schon Jedenfalls eine sehr erhebliche Erschütterang des 
Brustkastens voraus, Wurf, vielleicht wiederholtes Stossen und Werfen gegen 
harte Gegenstände, Einschlagen auf den Menschen mit harten, festen Körpem, 
Fusstritte auf die Brust u. dgl. m. Im vorliegenden Falle gesteht K. selbst zu, 
piir „„einige Schläge**" — wahrscheinlich doch nur mit den Händen oder Fäu^ 



§ 11. YerleUnngen am Lebenden. 77 

sten — in die Seite nnd vor die Bnut erhalten zn haben, nnd würde es xu 
den seltenen Ereignissen gehören, wenn durch solche sehr alltägliche EingriiFe 
eine Brustfellentzündung entstanden wäre. Hierzu kommt, dass diese Krank- 
heit ungleich häufiger als durch äussere Veranlassung aus innem Ursachen, 
namenüieh aus Erkältung (rheumatisch) entsteht. Solche Veranlassung im vor- 
liegenden Falle anzunehmen, erscheint nicht gezwungen, wenn man erwägt, 
dass Damnificat sich im Sommer Abends in einem gewiss mehr oder weniger 
warmen öffentlichen Local befand, hier durch den Streit noch mehr erhitzt 
wurde, dann Nachts nach Hause ging u. s. w. Jedenfalls fehlt es actenmässig 
an Anhaltspunkten für die Annahme, dass Jene Verletzungen und nur sie, die 
Veranlassung zu der Brnstfellentzündung gewesen, an welcher K. Monate lang 
laborirt hat, und , „arbeitsunfähig** gewesen ist* 
Hehrere hierhergehörige Fälle s. unten § 26 n. 1 

§11. 
8) Wie ist der EinfliiM der ärstliohen Behandlung Verletiter forenaiich 

sn wfirdigent 

Dem gerichtlichen Arzt wird ein Verletzter yoi^estellt, um 
die demselben zugefügte Verletzung nach Maassgabe der betref- 
fenden strafgesetzlichen Bestimmungen zu beurtheilen, und da- 
durch dem Richter einen Anhalt für seine Ausmessung des 
Strafmaasses zu geben. Aber das Object der ärztlichen Unter- 
suchung ist in sehr yielen, in den meisten Fällen nicht mehr 
ein ganz reines, nicht mehr das, was es im Augenblicke der Ver- 
letzung gewesen. Die Zeit hatte bereits eingewirkt, Wunden 
waren ganz oder halb ^vernarbt u. s. w., oder noch grössere 
Veränderungen aller Art hatte die ärztliche Hülfe herbeigeführt, 
die dem Verletzten zu Theil geworden. Hier war vor der üntisr- 
sudiung des Gerichtsarztes die ursprüngliche Wunde erweitert, 
durch Ereuzschnitte u. s. w. ganz unkenntlich geworden, dort 
war eine Amputation, die Einrenkung der Luxation u. s. w. aus- 
geführt worden, und der Verletzte bildet ein ganz yerändertes 
Untersuchungsobject durch „Zwischenursachen*^, wie Art. 241 des 
HannÖYerschen Strafgesetzbuchs, des einzigen deutschen Strafge- 
setzes, dass diesen Punkt berührt, sagt, oder vielmehr unter 
welchen Begri£f auch die Einwirkung der ärztlichen Hülfe zu 
subsumiren ist. In wieder andern, ungemein oft vorkommen- 
den Fällen kommt der Arzt des Verletzten' in andrer Beziehung 
in Betracht. Alle Strafgesetzgebungen erwägen die Arbeitsun- 



78 §11* Verletzungen jam Lebenden. 

fähigkeit, die der Verletzte durch die ihm zugefügte Beschädi- 
gung erlitten und den Grad derselben auch nach ihrer Zeitdauer, 
bald im Allgemeinen, bald nach Zahl Yon Tagen ausgedrückt. 
Der Gerichtsarzt nun findet den Verletzten hergestellt und yoII- 
ständig arbeitsfähig. Derselbe giebt aber an, und beweist auch 
wohl durch das ärztliche Attest, dass sein Arzt ihm noch für 
so und so viel Tage die äusserste Schonung befohlen, und dass 
er deshalb noch seine „Arbeit" nicht wieder aufgenommen habe. 
Diese Frage yom Einfluss der ärztlichen Hülfe ist von der ein- 
schneidendsten practischen Wichtigkeit, und ich halte es deshalb 
für nothwendig, zu dem, was Hdb. I §§ 43 u. 50 darüber kurz 
angedeutet, hier noch Einiges hinzuzufügen. In diesem Augen- 
blicke liegt mir wieder der Fall eines Verletzten vor, gegen den 
vor sieben Tagen ein Raubmord durch Schläge auf den Kopf 
mit einem schweren Stück Eisen versucht worden. Ich fand 
neun Wunden in der Schädelhaube auf Wirbel und Hinterkopf, 
die in vollständiger Heilung begri£Een sind, und den Verletzten 
— ganz gesund im Bette liegend. Meine Frage, warum er noch 
nicht wieder seine „Arbeit" aufgenommen, erwiederte er dahin, 
dass ihm sein Arzt befohlen, vierzig Tage im Bett liegen zu 
bleiben,, weil erst dann alle Gefahr vorüber sei. Ist er jetzt 
schon nach sieben Tagen gerichtsärztlich für arbeitsfähig zu 
erklären, oder muss ihm zugestanden werden, dass seine Arbeits- 
unfähigkeit nach der Verletzung sechs Wochen lang angedauert 
hatte? Der forensische Arzt hat in solchen Fällen offenbar 
zwei Momente zu erwägen, die Verletzung und den behandelnden 
Arzt. Seine Stellung aber hierbei ist meines Erachtens sehr 
einfach. Die Verletzung an sich ist sein Hauptaugenmerk, die 
er nach bestem Gewissen und erfahrungsgemäss würdigt Der 
Ausspruch des Arztes ist nichts als das Urtheil des Arztes 
über den vorliegenden Fall, keine Thatsache, und diesem indi- 
viduellen Urtheil hat der Gerichtsarzt, abgesehn von aller colle- 
gialischen Achtung des andern Arztes, die er am Krankenbette 
mit ihm bekunden ms^, sein individuelles Urtheil gegeniiber zu 
stellen, sei es übereinstimmend oder sei es abweichend. Es ist 
dies kein Ueberheben seinerseits, denn der Richter verlangt ja 
sein Urtheil über .den Fall, und verlangt es gesetzmässig so klar 



§ 11. Verletznngen am Lebenden. 79 

und ausdrücklich, dass er dem eingereichten privatärztlichen 
Attest keinen Glauben schenkt. So entscheide er denn also den 
Fall nach seiner Ueberzeugung und nach den jedesmaligen 
Modalitäten der Fälle. 

Diese können von der höchsten forensischen Wichtigkeit wer- 
den, wenn es sich um eine „schwere" Verletzung (mit den dem 
Thäter im Strafgesetz angedrohten harten Strafen), handelt, und 
wenn bei den Folgen der Verletzung auch eben noch dieser 
zweite Factor, die ärztliche Hülfe, in Erwägung kommt. Der 
Verletzte war durch die Verletzung an sich nicht „verstümmelt", 
oder „für immer zu seinen Berufsarbeiten untauglich geworden" 
u. 8. w., aber er ist es jetzt und lebenslänglich durch die Ampu- 
tation des verletzt gewesenen Gliedes, die der behandelnde Arzt 
ausgeführt hatte. In ganz entgegengesetzten Fällen, die man 
bis jetzt noch gar nicht erwogen hat, die aber glücklicherweise 
gleichfalls vorkommen, tritt ein Anderes ein. Versclilimmerte 
dort gleichsam der Arzt nothgedrungen den Thatbestand der 
Verletzung' um des hohem Zweckes der Lebensrettung willen, 
zum Nachtheil des Angeklagten, so verbessert er, der Arzt, in 
andern Fällen diesen Thatbestand zu Gunsten des Angeschiddigten. 
Denn durch seine besondere Sorgfalt und Geschicklichkeit, durch 
Talent und grosse Erfalirung imterstützt, hat er die drohenden 
schwersten Folgen der zugefügten Verletzung, nicht nur den 
Tod — denn von tödtlichen Verletzungen ist hier nicht die Rede 
— sondern „immerwährende Berufsunfähigkeit", „immerwähren- 
des Siechthum", „Beraubung des Gesichts" u. s. w. (je nach der 
verschiedenen Characteristik der „schweren" Verletzungen in den 
Strafgesetzbüchern) verhütet, und die Verletzung stellt sich 
schliesslich als eine weit weniger wichtige dar, als sie es im An- 
fang gewesen. Der obige 15. Fall von Zerfetzung des Kehlkopfs 
und der Luftröhre durch Messerstiche und der Fall (Hdb. I 
§ 52) von Zerreissung der Scheide und des Mastdarms durch 
brutale Eingriffe in die Scheide, in denen durch chirurgische 
Meisterschaft die Verletzten nicht nur mit dem Leben davon 
kamen, sondern auch zu einer erträglichen Existenz gebracht 
wurden, gaben hierför die beweisendsten Beispiele. Der Gerichts- 
arzt wird bei solchen Fällen, in denen das mitwirkende Moment 



80 § !!• yerletrangen am Lebenden. 

der ärztlichen Hülfe in einem oder dem andern Sinne bei der 
strafrechtlichen Würdigung einer Verletzung von ihm in Betracht 
zu ziehn ist, sich auf den Standpunkt der allgemeinen ärztlichen 
Erfahrung zu stellen, dem Richter in seinem Gutachten den Fall 
mit seinen Einzelheiten zu entwickeln, z. B. die Nothwendigkeit 
der Amputation bei dieser Verletzung, die Gefahr jener Ver- 
letzung und ihrer Folgen nach dem gewöhnlichen Lauf der 
Dinge auseinanderzusetzen, und ihm dann entweder die Inter- 
pretation der betreffenden Gesetzesstelle anheim zu stellen haben, 
oder, wenn es gefordert wird, sie selbst nach Maassgabe der 
strafgesetzlichen Bestimmungen und nach ihrer ursprünglichen 
Wichtigkeit gewissenhaft characterisiren. Für Gesetzgeber und 
Richter ist die hier besprochene Frage gewiss von hoher und 
einleuchtender Wichtigkeit. Um so auffallender erscheint das 
Schweigen der meisten deutschen Strafgesetzbücher in Betreff 
der nicht tödtlichen Verletzungen. Nur allein das Hannoversche 
spricht Art. 241 klar und bestimmt aus: 

„So weit die Grösse der Bescliädigimg auf die Strafe tob EinfliUM 
ist, entscheiden die wirklich eingetretenen Folgen, ohneBücksicht 
daranf, ob selbige in andern Fällen durch Hülfe der Kunst abge- 
wendet worden, ob dies in dem zu benrtheilenden FaUe durch sei- 
tige zweckmässige Hülfe nach Wahrscheinlichkeit zu erreichen ge- 
wesen, ob diese Folgen durch die Verletzungen unmittelbar oder 
durch Zwischenursachen bewirkt sind, welche die Verletzung in 
Wirksamkeit gesetzt hat, und ob dieselben nur wegen der eigen- 
fbimllchen Leibesbeschaffenheit des Verwundeten entstanden sind.' 

Diese Bestimmung ist ausdrücklich für Verletzungen ohne tödt- 
lichen Ausgang gegeben, und fiir letztere wiederholt. Die Oester- 
reichische Strafgesetzgebung giebt den Gerichtsärzten wenigstens 
Anhaltspunkte für betreffende Fälle, denn sie spricht (Strafges. 
§ 152) von „an sich leichten** Verletzungen, und in der Straf- 
processordnung § 92 ron „an und für sich** oder in ihrem Zu- 
sammenwirken „unbedingt oder unter den besondem Umständen 
des Falles, als leichte, schwere oder lebensgefahrliche anzusehende 
Verletzungen", wobei auszusprechen, „irelche Wirkungen diesel- 
ben gewöhnlich nach sich zu ziehen pflegen'* u. s. w., wobei also 
der Einfluss der Kunsthülfe indirect als Erwägungsgegenstand für 
die Sachverständigen bezeichnet ist. Alle übrigen deutschen 



§ 18. Verletzungen am Lebenden. Sl 

Strafgesetzgebangen, mit Einschlass der PreasedBchen, haben Be- 
stimmuiigen wie die oben angeführte, nur allein in Betreff der 
tödtlichen Verletzungen, — die gerichtlichen Aerzte haben dann 
durch den Umweg, dass was für das majus^ die tödtliche Ver- 
letzung bestimmt imd ausgesprochen, auch für das minut^ die 
Verletzung mit Lebensrettung, gelten dürfte, zu ihrem Urtheil in 
Betreff der Mitwirkung der Kunsthülfe zu gelangen.*) Die Lücke 
des Preuss. Strafgesetzbuchs hat eiu Erkenntniss des Obertribu- 
nals, das hierher gehört, ausgefüllt, worin es heist: „dass der 
§ 193 (schwere Körperverletzung) nicht voraussetze, dass der 
Verlust des Körpertheils und so weiter sofort bei der zugefügten 
Verletzung als unmittelbare Folge der Handlung Statt gefun- 
den habe, vielmehr genügt es, wenn jener Erfolg durch einen, 
nach der Misshandlung eingetretenen, durch sie bewirkten Krank- 
heitsprozess herbeigeführt worden ist, wenn also jener Verlust 
die mittelbare Folge der Misshandlung war.^**) 

Ich spreche hier nicht von solcher ärztlichen Hülfe und 
deren möglichen schlimmsten Folgen für den Verletzten, die ein 
Ausfluss wirklicher ärztlicher Unwissenheit oder crasser Fahr- 
lässigkeit gewesen. Solche betrübende Fälle gehören in das 
Kapitel von den ärztlichen Kunstfehlem, f) 

§ 13. 
3) Gehört daB Oesicht su den OliedmasMen? 

Die Frage ist nicht so sonderbar, wie sie auf den ersten 
Augenblick scheint, und hat namentlich für den preussischen Oe* 
richtsarzt einen gewissen practischen Werth. Kein einziges Straf- 
gesetzbuch erwähnt der Verletzungen des Gesichts spedell. Da9 
Preussische, Oeaterreichische, Würtembergische, Hannoversche 
und die Gesetze der meisten andern deutschen Länder sprechen 
zwar von Beraubung oder Verlust „des Gesichts"; es unterliegt 



*) Staatsanwalt Li man hat diese Frage in einem höchst klar geschriebenen 
Anf^atz in meiner Yierteljahrsschrift (I S. 382) auch Jnristisch erörtert. 

**) Oppenhoff, das Preuss. Strafgesetzbuch S. 269. 

f ) Verabsänmung einer ärztlichen Behandlung oder gar Yerschlimmernng 
des ZnstandeB dnreh kunstwidrige Behandlung soU der Angeklagte nicht m 
vertreten haben. Erkenntniss des Preu8s.0bertribunal8 s. Hdb. I § 60 Anmkg. 

Catptr, klinliclie NovaUtn. ^ 



82 § 12. Verletzungen am Lebenden. 

aber, nach dem Zusammenhang, in welchen dieser Ausdruck mit 
andern, Verlust oder Beraubung des Gehörs, der Sprache, der 
Zeugungsfähigkeit gesetzt ist, nicht dem mindesten Zweifel , dass 
hier mit dem „Gesicht^ die Sehfähigkeit, nicht das Antlitz, 
gemeint ist, dessen man überhaupt nicht beraubt werden kann. 
Es bedurfte auch nicht des besondern Hervorhebens dieses Kör- 
pertheils, denn alle diese Gesetzbücher, mit Ausnahme des 
Baierschen, das aber auch die „Gliedmaassen" nicht erwähnt, 
haben Bestimmungen über die „aufifallende" oder „beträchtliche 
Verunstaltung", und Verletzungen des Gesichts, wenn sie 
irgend von einiger Erheblichkeit sind, werden dann wohl durch 
die nachfolgende Narbenbildung in den meisten Fällen sich in 
diese Rubrik der beträchtlichen (oder nicht beträchtlichen) Ver- 
unstaltung einreihen lassen. In Baiem und Würtemberg und 
vielen andern, dem Strafgesetz des Letztern analogen Gesetz- 
büchern, werden sich die Verletzungen des Gesichts wenigstens 
in vielen Fällen unter die aufgeführten Kategorieen der „vorüber- 
gehenden Krankheit (oder Arbeitsunfähigkeit)", reap. (Baiem) der 
bis fünf-, oder bis sechzigtägigen Krankheit subsumiren lassen, 
in vielen, aber nicht in allen Fällen, denn selbst erheblichere 
Gesichtsverletzungen bedingen nicht immer eine, auch nur kurze 
„Krankheit". Baiern's Gesetz spricht aber noch von einem 
„bleibenden Nachtheil am Körper*', wo dann erheblichere Ge- 
sichtsnarben leicht ihre Stelle finden werden. Das Preussische 
Strafgesetz aber kennt weder Verunstaltimg, noch Krankheit, 
noch ein Gesicht, und spricht hierhergehörig nur von „erhebli- 
chen Nachtheilen für die Gesundheit oder die Gliedmaassen 
des Verletzten", oder von einer „länger dauernden Arbeitsunfä- 
higkeit" als Kriterien der „erheblichen" Körperverletzung. Das 
Gesicht ist bei rohen Raufereien ein sehr exponirter Theil und 
Verletzungen desselben kommen zahlreich vor. Ich habe ausser 
den gewöhnlichsten: Hauttrennungen und SugiUationen durch 
Messerstiche, Sclüäge mit stumpfen Körpern, Ohrfeigen, Fuss- 
tritte (Hdb. I Casuistik § Ö2) u. s.w., Biss in die Nase (ebends.) 
Verbrennungen durch Schwefelsäure und Kalklauge (ebends.), ja 
durch Glüheisen (unten 28. u. 78. Fall), die sämmtlich die ent- 
stellendsten Narben zurücklassen können, Bruch der Nasenbeine, 



§ 12. Verletzungen am Lebenden. 83 

Ausschlagen von Zähnen (34. Fall), Lahmungen Yon Gesichts- 
muskeln (23. Fall) und Beeinträchtigung des Sehvermögens 
( 27. Fall ) beobachtet und zu begutachten gehabt. Von die- 
sen allen werden manche, nach Umständen, sogar zu den 
„schweren" Verletzungen zu rechnen sein; wie aber bei bloss 
entstellenden Narben? Nicht immer, wie gesagt. und bekannt, 
wii-d bei blossen Hauttrennungen, einer eingeschnittenen Backe 
z. B., die Arbeitsfähigkeit auch nur Einen Tag, geschweige 
„länger dauernd", behindert, noch viel weniger entsteht ein 
„erheblicher Nachtheil" — meist gar keiner — „für die Gesund- 
heit", und nun entsteht die Frage, ob ein solcher Nachtheil für 
die „Gliedmaassen" entstanden, ob das Gesicht zu den Glied- 
maassen gehört? oder ob der (Preussische) Gerichtsarzt sich ent- 
schliessen muss, die grössten Gesichts-Zerfetzungen durch Nar- 
ben, da er von Verunstaltung nicht sprechen kann, zu den bloss 
„leichten'' Verletzungen zu rechnen? Ich habe in allen Fällen für 
die Bejahung der erstem Frage mich entschieden, dergleichen 
Verletzungen für „erhebliche" erklärt, und noch niemals Wider- 
spruch gefunden. Die strenge Wortbedeutung zählt allerdings 
das Gesicht nicht zu den Gliedmaassen, wohl aber der gesunde 
Menschenverstand in der hier besprochenen Beziehung, denn man 
kann nicht voraussetzen, dass der Gesetzgeber den schönsten 
'Körpertheil bei seiner Strafandrohung habe ignoriren wollen. 
Aber die „Erheblichkeit" des Nachtheils kann in manchen Fällen 
von Narbenbildung im Gesicht dem Arzte zweifelhaft werden, 
wie dies bei allen Verunstaltungen der Fall, denn Verunstaltung 
ist ein relativer BegrüGf vom Standpunkt der Praxis. „Wird" — 
sagt unser Civilgesetz (Pr. Allg. Landrecht, Tit. VI, Thl. 1, 
§ 123) — „eine unverheirathete Frauensperson durch körperliche 
Verletzung verunstaltet, und ihr dadurch die Gelegenheit sich zu 
verheirathen erschwert, so kann sie von dem Beschädiger Aus- 
stattung fordern". Von dem verunstalteten Schusterjungen oder 
Schäferknecht spricht das Gesetz nicht. Hat nun der Arzt im 
concreten Fall Zweifel über die „Erheblichkeit" der Folgen der 
Verletzung (verunstaltende Narbenbildung im Gesicht), so wird er 
am zweckmässigsten die Entscheidung, d. h. die Interpretation 
des Gesetzes dem Richter überlassen und seine eigene Ansicht 



84 § IS. Yerletznngen am Lebenden. 

hierüber nicht als die des Sachverständigen, sondern nur als 
eine individuelle Ansicht aussprechen, wie ich es z. B. in einem 
Falle gethan, in welchem einem Dienstmana durch den Wurf 
eines Bierkruges in's Gesicht die Oberlippe links einen Zoll lang 
aufgeschlitzt worden war, und ich die Verletzung fiir eine nur 
„leichte", nicht für eine „erhebliche" erklärte, da weder Gesund- 
heit noch Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt worden war und ich 
einen „erheblichen" Nachtheil für die „Gliedmaassen" hier nicht 
annehmen zu können glaubte. Der Gerichtshof trat dieser An- 
sicht bei. (Vgl. noch: Verletzungen des Gesichts § 15). 

§. 13. 
Verletzungen des Kopfes. 
Bei der allbekannten Unsicherheit der Prognose bei irgend 
bedeutenden Kopfverletzungen tritt bei ihnen namentlich unge- 
mein häufig der Fall ein, dass der Gerichtsarzt, der die Ver- 
letzung oder Misshandlung forensisch characterisiren soll , und um 
so mehr, je fiiiher er den Verletzten nach der That zu unter- 
suchen bekam, sein Urtheil in gebotener Vorsicht suspendiren 
und dem Richter die Gründe dafür angeben muss (§ 4). Nur 
unter solchen Strafgesetzgebungen, welche „die Gefahr" einer 
Verletzung in's Auge fassen, also jede Möglichkeit bedenkli- 
cher Folgen, wie z. B. bei der Oesterreichischen, Sächsischen und 
Hannoverschen, ist der Gerichtsarzt von Hause aus auch bei 
Kopfverletzungen günstiger gestellt, denn oft wird er, wenn 
nicht mit Gewissheit, doch mit Graden von Wahrscheinlichkeit, 
sich sogleich über die „Gefährlichkeit" des Falles äussern können. 
Alle übrigen Strafgesetze halten aber die schliesslich eingetretene 
wirkliche Folge, also Thatsache^, nicht MögUchkeiten, fest. Oft 
wird man allerdings auch in solchen Ländern schon früh und 
vor Ablauf der Verletzungskrankheit ein forensisches Urtheil 
fällen und mindestens die Verletzung (in Preussen) für eine 
„erhebliche", oder (in Würtemberg) für eine solche erklären 
können, die gewiss eine „länger dauernde Arbeitsunfähigkeit", 
oder eine „vorübergehende Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit" 
zur Folge haben werde, weil sich dies aus dem Allgemeinbefin- 
den, dem Stande der Wunden u. s. w. mit ziemlicher Sicherheit 
übersehn lässt. Beispielsweise folgende Fälle. 



§ 14. Kopf-Verletzangen. Casaifitik. 18—21. Fall. g5 

§. 14. 
Casaistik. 

18—26. Fall. Schläge mit verschiedenen Werkzengen auf den Kopf. 

18. Am 18. April hatte E. einen Baabmordsyersnch gegen den Geldwechsler X. 
gemacht, indem er an dessen Ladentisch stehend ihm unversehens mit einem 
mitgebrachten yiereckigen, scharfkantigen Stück Brennholz 6—7 Schläge auf 
den ziemlich kahlen Schädel gegeben hatte. X. war, seiner Aussage nach, im 
Augenblick «nur einen kleinen Moment perplex"", wehrte sich aber, rief um 
Hülfe und räumte ein, die Besinnung nicht verloren zu haben. In den nächsten 
sechs Tagen untersuchte ich ihn wiederholt. Der Zustand aber war und blieb 
ganz befriedigend, und ich konnte schon so früh sagen, dass hier eine „ schwere' 
Verletzung nicht, wohl aber eine „erhebliche" vorliege, da eine Dauer von 
mehrern Wochen zur Heilung der Wunden und eben so lange ,Arbeitsunfähig- 
keif" voraussichtlich war. 

19. Eaufiaaann G. hatte 9 Tage vor meiner Untersnehang mit einem ge- 
wöhnlichen Schusterhammer drei Schläge an den Kopf, die linke Schläfe, das 
linke Scheitelbein und die jStim bekommen. Die zweite Wunde drang bia auf 
den Knochen und eiterte zur Zeit noch stark, die letzte zeigte schon eine rotiie 
Narbe, die erstere war spurlos verschwunden. Gehirnsymptome nicht einge- 
treten. „Erhebliche" Verletzung, da die Heilung der Wunde eine »längere 
Arbeitsunfähigkeit" voraussetzen liess. 

20. Auch mit einem Hammer und auch neun Tage vor meiner Unter- 
suchung war M. auf Kopf, linken Arm und Rücken geschlagen worden. Ich 
fand ihn bettlägerig. Auf dem rechten Scheitelbein eine eiternde, Silbergroschen- 
grosse Wunde mit Randgeschwulst und grosser Empfindlichkeit; Knochenhaut« 
des linken Vorderarms entzündlich geschwollen und schmerzhaft. Keine Him- 
symptome, weder fWher, noch jetzt. Voraussichtlich noch weitere 14—18 Tage 
„Arbeitsunfähigkeit* , daher schon jetzt „erhebliche* Verletzung judicirt wer- 
den konnte. 

21. Frau H. hatte acht Wochen vor meiner Exploration in der Kranken- 
anstalt, in der sie sich noch befand, von ihrem Ehemann mit einem Ziegelstein 
einen Schlag auf den Kopf bekommen. Mit Bewusstlosigkeit, Anschwellung 
der getroffenen Theile, Erbrechen und fast regungslos war sie in die Anstalt 
aufgenommen worden. Beim Einschnitt in die Kopfgeschwulst fand sich, dass 
mehrere Ansatzpunkte des Schläfenmuskels abgerissen, ein Schädelbruch aber 
nicht entstanden war. Heut fand ich sie bettlägerig, bleich, schwach, nament- 
lich an Gedächtniss, aber fieberlos und die Wunde fast vernarbt. Sie war 
— sichtlich nicht simulirend — nicht im Stande, die Umstände bei der. Ver- 
letzung anzugeben, da sie die Besinnung verloren gehabt, und musste lange 
grübeln, ehe sie Alter und Vornamen ihrer Kinder finden konnte. Nichts 
destoweniger war sie geistig klar, und von ^Versetzen in eine Geisteskrankheit* 



86 § 14. Kopf-Verletzungen. Casuisiik. 22—24. FalL 

also von einer „scliweren'' Verletzung (nacli fast allen Strafgesetzgebungen) 
konnte keine Bede sein. Unstreitig aber batte die Verletzte einen M^rbeblichen 
Nacbtheil an ihrer Qei^undbeit^, unstreitig schon jetzt eine „länger dauernde 
Arbeitsunfähigkeit" erlitten und musste als „erheblich*' verletzt erklärt werden. 

22. Auch hier schwere Nachwirkungen einer Kopfwunde. Der 52 Jahre 
alte, gesunde, rüstige N. hatte schon drei Monate vor meiner Untersuchung 
einen Schlag auf den Kopf mit einem , mit einer Bleikugel versehenem Stock, 
und zwar mit der Kugel, bekommen. Jetzt fand ich nur noch eine kleine 
Narbe am linken Scheitelbein. Aber er war nicht im Stande gehörig zu stehn, 
oder zu gehn, sondern ging schwankend und unsicher mit gespreitzten Beinen! 
Hiemach war seine Angabe glaublich, dass er nicht im Stande sei, grössere 
Wege zu gehn, wie sein Geschäft es erforderte, und dass er fortwährend 
Schwindelgefühl habe. Der österreichische Gerichtsarzt hätte bei dieser be- 
denklichen Kopfverletzung eine „lebensgefährliche'' Verletzung, der baiersche 
eine „mehr als 60 Tage dauernde Krankheit und theilweise Arbeitsunföhigkeit*, 
der sächsische eine „mit Gefahr für die Gesundheit verbunden gewesene Ver- 
letzung^, der hannoversche eine Verletzung „mit Geflahr eines bleibenden ge- 
ringem (?) Schadens^ annehmen müssen; der preussische konnte wegen des 
Jedenfalls „erheblichen Nachtheils für die Gesundheit'' und der „langem Arbeits- 
unfähigkeit'', die ja schon Jetzt drei Monate gedauert hatte, nur eine „erheb- 
liche^ Körperverletzung annehmen. 

28. Jahre langes Processiren hat der Fall eines Dienstmädchens veranlasst, 
die von ihrem Dienstherm geohrfeigt und dabei mit dem Kopf gegen ein Fenster 
geschleudert worden war, wobei sie änsserlich nur zwei Hautwunden in der 
rechten Scheitelbeingegend davon tmg. Nach zehn Monaten fand ich sie an 
einer vollständigen Anästhesie der ganzen linken Körperhälfte leidend, die 
genau mit der Mittellinie abschnitt, sie schleppte das linke Bein und konnte 
den linken Ann nicht ordnungsmässig bewegen. Nach dem Preuss. Strafgesetz 
war auch dies keine „schwere" Verletzung! Der Thäter wurde zu sechs 
Monaten Gefängniss und im Wege des später eingeleiteten Civilprocesses zur 
Alimentation des Mädchens verartheilt! Auf seinen Antrag beim Gericht, dass 
sie Jetzt hergestellt, hatte ich sie sechs Jahre später wieder zu untersuchen, 
und fand sie wirklich nunmehr vollkommen hergestellt und arbeitsfähig. Wie 
individuell verschieden würden, und sehr erklärlich, die Urtheile der Gerichts- 
ärzte über den merkwürdigen Fall zur Zeit meiner ersten Untersuchung in 
denjenigen Ländem ausgefallen sein, in denen strafgesetzlich das „immer- 
währende Siechthum" (Oesterreich), oder die „unheilbare Krankheit" 
(Würtemberg), oder der „bleibende Nachtheil an der Gesundheit", oder die 
„gegründete Wahrscheinlichkeit der Wiederherstellung« (Hannover) in Frage 
steht! 

24. Ganz ähnliches gilt von einem andern Falle, in welchem eine Frau 
von oben herab vor fünf Monaten einen Schlag mit einem starken Stock auf 
den Kopf bekommen, der eine klaffende Wunde von 1% Zoll Länge auf dem 
linken Scheitelbein verursacht hatte. Wegen andauernder heftiger Kopf* 



§ 14. Eopf-Verletznnfireii. Casuistik. 35—26. Fall. 87 

fichmerzen suchte sie nach Monaten In einer nnsrer medicinischen Eönigl. Kliniken 
Hülfe. Man hielt es hier für nöthig, die Narbe wieder aufzuschneiden, und 
eine Erbsenfontanelle in der Wunde zu etabliren. Diese fand ich und vernahm 
die glaubwürdige Angabe, dass der Kopfschmerz noch immer permanent sei. 
Die Klinik hatte in ihrem Bericht eine radicale Heilung überhaupt in Frage 
gestellt. Der „erhebliche Nachtheil für die^Gesundheit** war hier unzweifelhaft, 
aber Folgen der „schweren*' Verletzungen nach dem § 198 des Preuss. Straf- 
gesetzes waren nicht eingetreten. Ich habe die Frau später nicht wieder ge- 
sehen. 

35. Funfeehn Tage nach einem Schlage gegen den Hinterkopf mit einem 
Stück Eisen fand ich bei dem Stubenmaler H. daselbst eine quadratzollgrosse 
Hautwunde mit Infraction des Knochens, ausserdem noch einen Best von Sngil- 
lation am untern linken Augenlide von einem auch hierher geführten Schlage. 
Bei gutem Allgemeinbefinden klagte H. glaubhaft, dass er noch immer an 
Schwindel beim Stehen und Gehen leide, und dass sein Sehvermögen noch ge- 
schwächt sei. Materiell war an den Augen nur eine Schiverbeweglichkeit der 
Pupillen wahrnehmbar. Eine Besserung war hier allerdings in Aussicht, aber 
eine volle Arbeitsfähigkeit voraussichtlich vor noch fernem Wochen nicht zu 
erwarten; daher „erhebliche^ Verletzung. 

26. Einem' 32jährigen Arbeiter war ein schwerer WoUsack von einem 
Boden herab auf den Kopf gefallen und er unter demselben liegen geblieben. 
34 Stunden lang Betäubung, dann bis zu sechs Wochen Schwäche, Schmerzen 
in Brust und Unterleib, und hiemach Arbeitsfähigkeit und Genesung. Hier war 
gewiss wieder „Gefahr* (Sachsen), ja „Lebensgefahr" (Oesterreioh). Wir konn- 
ten nur eine „erhebliche'* Verletzung annehmen. 

§ 15. 
Verletzungen des Gesichts, 
lieber Verunstaltung durch Narbenbildung im Gesicht in Folge 
von Verletzungen ist bereits oben § 12 gesprochen. Es ist aber 
hier noch auf das „Gesicht^ in dem Sinne des Strafgesetzes, das 
Sehorgan zurückzukommen und Einiges zu dem, was im Hdb. I 
§ 46 sub 3 erwähnt, hinzuzufügen. Zunächst die Bemerkung, 
dass sich in der Praxis in Preussen und in Sachsen, bei der 
InsufQcienz der strafgesetzlichen Bestimmungen, die nur eine 
Beraubung „des Gesichts^ im Allgemeinen kennen, immer wieder 
die Frage aufdrängt: wie Fälle zu beurtheilen sind, in denen 
nur Ein Auge durch Verletzung unrettbar für seine Function ver- 
Wen gegangen? In den meisten andern deutschen Ländern 
kommen die Strafgesetzgebungen den gerichtlichen Aerzten ent- 
gegen. Oesterreich nennt den „Verlust oder die bleibende 



gg § 15. VerletzuDgen des QeBichts. 

Schwächung des Gesichts", betont aber ausserdem noch den 
Verlust Eines Auges", Würtemberg spricht von der „Beraubung 
Eines Auges", Hannover zwar nur von der „Beraubung des 
Gebrauchs des Gesichts", aber auch noch von der „Beraubung 
des Gebrauchs Eines seiner Glieder", wohin der Verlust eines 
Auges ungezwungen untergebracht werden kann. Bei der grossen 
Verschiedenheit der Ansichten der Juristen, die sich noch in 
jedem einzelnen der mir vorgekommenen Fälle geltend gemacht 
hat, und auch in deren Schriften zu finden ist, bleibt in der 
That für die Gerichtsärzte, denen klare Bestimmungen des Straf- 
gesetzes nicht zur Seite stehn, nichts anderes übrig, was ich schon 
im Hdb. als Begel aufstellte, als den Einzelfall medicinisch zu 
entwickeln, und die Frage, ob der hier vorhandene aus den und 
den Ursachen entstandene Verlust der Sehkraft Eines Auges als 
„Beraubung des Gesichts" anzusehn? d.h. mit andern Worten, 
die Auslegung der Gesetzesstelle dem Bichter zu überlassen. Wie 
mag sich der Arzt einmischen, wenn z. B. ein Gerichtshof, und 
kein geringerer als das oberste preussische Gericht, in den früher 
(Hdb. I § 46 Anm.) mitgetheilten Erkenntnissen ausgesprochen 
hat, dass der Verlust der Sehkraft auf Einem Auge nicht als 
„Beraubung des Gesichts" im Sinne des § 193 des Strafgesetzbuchs, 
wohl aber als „Verstümmelung" in demselben Sinne anzusehen 
sei? — Was die blosse Schwächung des Sehvermögens auf nur 
Einem Auge betrifil, so hat dasselbe Obertribunal in einem Falle 
die nach einer Verletzung entstandene Trübung der Hornhaut 
und Linse Eines Auges nur als „erhebliche Körperverletzung", 
nicht als „schwere" (d. h. nicht als Verstümmelung und nicht als 
Beraubung des Gesichts) erklärt, weil durch die Verletzung nur 
eine Störung des Sehvermögens, nicht aber der gänzliche Verlust 
der Sehkraft eingetreten sei*). Sind aber sehr erhebUche Stö- 
rungen und Behinderungen der Sehfähigkeit auf beiden Augen 
in Folge von Verletzung als „schwere", d. h. als „Beraubung 
des Gesichts" , oder nicht vielmehr nur als „erhebliche Verletzung" 
zu erklären? Diese Frage haben wir als Referent in einem sehr 
eigenthümlichen Falle zu beantworten gehabt, in welchem die 



♦) Archiv für Preufli. Strafirecht 1861, IX. S. 705. 



§ 16. VerletKimgen des Gesiebt». Casoistik. 27. Fall. 89 

oberste Medicinalbehörde — die nicht an die Aussprüche des 
Obertribunals gebunden ist — vom Gerichte gefragt wurde, ob 
die qu. Verletzungen als schwere im Sinne des § 193 des Straf- 
gesetzes zu erachten seien? Aus dem, von der bezeichneten 
wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen angenom- 
menen und erstatteten Obergutachten theile ich das hierhergehö- 
rige im gedrängten Auszuge mit. 

§ 16. 
Casnistik. 

27. Fall. Kopfverletzungen. Bleibende Stömng des Sehvermögens. 

In der Nacbt Tom 15. znm 16. Juni 1861 wurde der Zimmergeselle B. aul 
der Fahrstrasse bei T. bewusstlos mit bedeutenden Verletzungen am Kopf auf 
dem Rücken Uegend gefunden. Er wusste später nur anzugeben, dass er am 
Abend aus der Schänke, gefolgt vom Wagen eines Zeugen, mit dem Angeschul- 
digten fortgegangen, dass Beide, dieser und er, betrunken gewesen, in Streit 
gerathen, und dass er plötzlieh einen Schlag auf den Kopf bekommen, worauf 
er besinnungsloB niedergestürzt sei. Man fand vom Unken Wangenbein bei 
dem linken Auge vorbeigehend, über Stirn- und Scheitelbein bis nach dem Hin- 
terhaupt verlaufend, eine grosse, bis auf die Knochenhaut dringende Wunde, 
eine zweite Wunde näher dem Ohre zu, Abtrennung des linken Ohres in sei- 
nem Obern Drittel vom Kopf, und das rechte Ohr hing nur noch durch einen 
Hantlappen mit dem Kopfe zusammen. Dreizehn Wochen nach der Ver- 
letzung zeigte sich eine Narbe vom linken^Ohr nach der Pfeilnaht, eine zweite 
an der Unken Ohrmuschel, vollständige Verkrüppelung der rechten Ohrmuschel, 
und ausserdem Folgendes: „Das rechte Auge war stark nach Innen gekehrt, 
so dass die PupiUe fast im innem Augenwinkel stand, und vermochte der 
Kranke nicht, den Augapfel nach Aussen zu kehren. Der Augapfel war ent- 
zündet und stark geröthet Am Innern rechten Rande der Regenbogenhaut 
lag in der Hornhaut eine kleine, die Pupille deckende, hanfkomgrosse Ab- 
flachung der Hornhaut mit rauchiger Trübung. Die PupUle reagirte. Das 
Sehvermögen hatte gelitten, indem der Kranke, seiner Angabe nach, schwächer 
auf diesem Auge sah, und die vorgehaltenen Gegenstände nur erkennen konnte, 
wenn sie ihm an die innere Seite des rechten Auges gebracht wurden." Die 
übrigen lähmungsartigen Folgen an Nase, Mund und linken Extremitäten ge- 
hören nicht hierher. Vulnerat erklärte, dass er auf dem rechten Ohr und rech- 
ten Auge nicht mehr gehörig hören und sehen, namentlich, dass er mit dem 
rechten Auge nur schlecht, und dann in ganz verkehrter Richtung sehe, und 
linken Arm und linkes Bein fast gar nicht gebrauchen könne. Im spätem 
Andienztermine erklärte er dies noch näher dahin: dass er auf dem beschä- 
digten Auge immer wie durch einen Nebel, und mit beiden Augen immer AUes 
doppelt sehe, auch öfter am Schwindel leide. Der Kreisphysikus Dr. W, er- 



90 i 16. Verletzangen des Gesichts. Csisaistik. 27. Fall. 

klärte die Verletzung, da der Kopf selir enstellt und vollständige Genesang 
und Arbeitsfähigkeit nicht mehr zu erwarten sei, für eine „sehr schwere, wenn 
man nicht etwa eine Verstümmelung annehmen darf^, und in einer späteTn 
Auslassung „für eine an sich schwere und noch schwerer in ihren Folgen. ** 
Das Medicinal-CoUegium der Provinz nahm eine Verstümmelung nicht an, 
wohl aber „eine sehr erhebliche Verletzung, da sie eine längere Arbeitsunfä- 
higkeit zur Folge gehabt und zwar eine so erhebliche, dass sie sich der 
schweren Verletzung sehr annähere.*" Auch die Veranlassung der Verletzung, 
ob Schlag mit einer Axt oder Ueberfahren? kam zur Frage und erregte grosse 
Meinungsverschiedenheiten, deren Erörterung nicht den hier zu besprechenden 
Punkt betrifft, die Charakterisirung der Verletzungen im strafrechtlichen Sinne. 
Hierüber äusserte unser Obergutachten vom 21. Mai 1862 : „Von den Bedin- 
gungen, die § 193 des Strafgesetzbuchs den „, schweren''* Körperverletzungen 
vindicirt, können im vorliegenden Falle nur in Frage kommen: die Verstümme- 
lung und die Beraubung des (Gesichts und des Gehörs. Was zunächst erstere 
betrifft, so gewährt die Schilderung des B., wie er sich Jetzt in Folge der 
Verletzung darstellt, die Ueberzeugung, dass er mit seinem, ganz nach Innen 
gekehrtem rechten Auge, in welchem die Pupille kaum sichtbar, mit seinem 
ganz verkrüppelten rechten Ohr und seinem lahmen Gang ein gänzlich verun- 
stalteter und verkrüppelter Mensch geworden ist. Aber die Begriffe Verunstal- 
tung, Verkrttppelnng oder ähnliche kennt das Preussische Strafgesetzbuch, ent- 
gegen den Bestimmungen der meisten übrigen deutschen Strafgesetzbücher, 
nicht, namentlich auch nicht als Kriterien der , „schweren^ ^ Körperverletzung, 
und oft genug drängt sich deshalb wie im vorliegenden Fall in der Praxis die 
Frage auf: ob und in wie weit etwa die gedachten Verletzungsfolgen unter 
den vom Strafgesetz aufgestellten Begriff: „„Verstümmelung*'*" zu sub- 
surairen seien? Diese hat die unterzeichnete wissenschaftliche Deputation in 
ihrem ausführlich motivirten, auch veröffentlichten Gutachten vom 14. Januar 
1857 definiren zu müssen geglaubt, als »„den gewaltsam herbeigeführten Ver- 
lust eines Körpertheib, wodurch eine schwer oder gar nicht heilbare Störung 
einer Function bedingt worden ist.*"*" Mit dieser unsrer Ansicht hat sich das 
K. Obertribunal in seinem Urtel vom 8. April 1858 völlig einverstanden erklärt 
un^ danach erkannt. Später (1861) hat allerdings dieser oberste Gerichtshof 
sich entgegengesetzt ausgesprochen, und in einem concreten Falle sogar den 
Verlust der Sehkraft auf Einem Auge eine „„Verstümmelung'"'' genannt, in Er- 
wägung, dass eine Verstümmelung auch dann angenommen werden könne, 
wenn ein zu wesentlichen Functionen bestimmtes Glied, ohne Trennung dessel- 
ben vom menschlichen Körper, seiner Thätigkeit beraubt ist.*** Zwischen die- 
sen entgegengesetzten Ansichten des obersten Gerichtshofes müssen wir unsere 
eigne, wohlerwogene festhalten, wonach folglich, auch dem allgemeinen 
Sprachgebrauch entsprechend, der wirkliche Verlust eines Körpertheüs die 
principale Bedingung zur Annahme einer Verstümmelung bleiben muss. Da 
nun ein solcher Verlust an dem Körper des B. durch die Verletzung nicht ver- 
anlasst worden, so können wir auch nicht annehmen, dass er verstümmelt, und 



§16. Yerletzongen des Gesichts. Casuistik. 27.FaU. 91 

also auch nicht, dass er in diesem Sinn nach (198 „„schwer*''' verletzt wor- 
den. Es würde sonach nur erübrigen, die Yernnstaltung und Verkrüppelang 
des B., wie in so vielen ähnlichen Fällen, als „„erhebliche KÖrperverletznng'''' 
nach § 192 a. des Strafgesetzes zu bezeichnen, da dnrch Jene Folgen der Ver- 
letznng der Verletzte anstreitig einen „«erheblichen Nachtheil für Gesundheit 
und Gliedmaassen*"', nnd zwar einen höchst erheblichen, nach allerhöchster 
Wahrscheinlichkeit lebenslang andauernden, davon getragen hat, und ausserdem 
auch nicht nur „„längere Zeit arbeitsunfähig^** geworden ist, sondern auch 
dies wohl lebenslänglich bleiben wird. — Anders gestaltet sich die Frage von 
der „„Beraubung des Gesichts**^, als eines anderweiten Kriteriums der straf- 
rechtlich „„schweren'"' Körperverletzung, bei ihrer Anwendung auf den vor- 
liegenden Fall. B. sieht durch die ganz nach Innen gekehrte rechte Pupille, 
über welcher ein Homhautfleck sichtbar, alle Gegenstände wie durch einen 
Nebel, und auch nur dann, wenn sie ihm an die innere Seite des rechten 
Auges gebracht werden. Das heisst folglich nichts Anderes, als dass er auf 
die gewöhnliche Weise mit diesem Auge gar Nichts sieht, folglich der Seh- 
kraft auf diesem rechten Auge beraubt ist. Abgesehn nun von dem oft auge- 
regten Streit, ob die Verrichtung der Sehkraft auf nur Einem Auge, bei Er- 
haltung des andern, als „„Beraubung des Gesichts' ' im Sinne des § 193 anzu- 
erkennen oder nicht, abgesehn von der Ansicht des K. Obertribunals in dem 
oben angegebenen Urtel (1861), wonach sogar wieder eine „ „ Verstümmelung'^ '^ 
im Sinne des Grcsetzes da anzunehmen, wo eine Körperverletzung die Aufhe- 
hebung der Sehkraft Eines Auges als bleibenden Nachtheil zur Folge gehabt 
hat, eine Ansicht, die wir als die unsrige nicht annehmen können, konmit im 
hier vorliegenden Fall ein andrer wichtiger Umstand nothwendig in Erwägung. 
B. giebt nämlich durchaus glaubhaft an, dass er mit beiden Augen Alles dop- 
pelt sehe. Er sieht folglich mit Einem Auge fast Nichts, mit beiden alle Ge- 
genstände zweimal. Eine so tiefe und gründliche Störung der Sehfhnction 
ist ungezwungen einer „„Beraubung des Gtesichts'"' gleich zu achten. Denn 
B. kann hiemach seine Augen gar nicht gebrauchen, und müsste man, wenn 
man einen solchen, wie den vorliegenden Fall, nicht unter den gesetzlichen 
Begriff: „„Beraubung des Gesichts"" snbsnmiren wollte, endlich nur noch solche 
Fälle dahin rechnen, in denen selbst die Fähigkeit auch nur einen Lichtschim- 
mer zu pericipiren erloschen ist, was gewiss dem Sinne des Gesetzes und der 
Zusammenstellung der Folgen der schweren Verletzungen im § 198 nicht 
entsprechen würde. Mit Beziehung auf diese Folge der dem B. zugefügten 
Verletzung erklären wir demnach dieselbe für eine „„schwere"** im gesetzli- 
chen Sinne." Hiemach ist hier zu constatiren, dass die Preussische oberste 
Medicinalbehörde Verletzungen mit der nachbleibenden Folge einer tiefen 
und gründlichen dtörung des Sehvermögens als Beraubung des 
Gesichts, folglich als „schwere", nicht bloss als „erhebliche" Verletzungen 
anerkannt hat. 



92 § 17. Ausschlagen von Zähnen. 

§17. 
Fortsetzung. Ansschlagen von Zähnen. 
Bei den Verletzungen des Gesichts kommt noch eine andre 
Folge nicht gax selten zur gerichtsärztlichen Würdigung, das 
Ausschlagen von Zähnen. Kein einziges Strafgesetz erwähnt 
diesen Körpertheil ausdrücklich, wofür die Gründe sehr nahe 
liegen, und überall werden deshalb die gerichtlichen Aerzte 
solche Verletzungen in irgend einen der gesetzlich aufgestellten 
Bahmen einpassen müssen. Man möchte zunächst an die Ver- 
stümmelung denken, da wenn auch nur Ein Zahn ausgestossen 
worden, jedenfalls der gewaltsam herbeigeführte Defect eines 
KÖrpertheils gegeben ist. Aber schon ^er gewöhnliche Sprach- 
gebrauch würde sich dagegen sträuben. Niemand nennt einen 
Menschen verstümmelt, der einen, zwei und mehrere Zähne ge- 
waltsam oder auf natürliche Weise — und dass diese Organe 
von selbst verloren gehn können, ist eine Thatsache, die hier 
nicht ausser Betracht gelassen werden kann — verloren hat. 
Nichtsdestoweniger werden die Gerichtsärzte da, wo der Begriff 
Verstümmelung in die strafgesetzliche Terminologie aufgenommen 
ist (Preussen,- Oesterreich, Würtemberg, Hannover, die Sächsi- 
schen Länder u. s. w.), wenigstens solche Fälle von gewaltsamen 
Verlust von Zähnen unter die Verstümmelung rubriciren können, 
in denen, wie immer wenn eine grosse Zahl von Zähnen verloren 
gegangen, die beiden wichtigen Functionen der Verdauung und 
der Sprache beeinträchtigt worden sind (Hdb. I § 44). Bei dem 
gewaltsam veranlassten Defect nur Eines oder einiger weniger 
Zähne wird man diese Beeinträchtigung, also eine Verstümme- 
lung nicht behaupten können. Dann bleibt noch anwendbar: 
in Baiem der „bleibende Nachtheil am Körper", in Hannover der 
„bleibende geringere Schaden" und die „bleibende Verunstaltung 
von geringerer Bedeutung", denn die „auffallende" Verunstal- 
tung mehrerer Gesetzbücher wäre beim Verlust einiger Zahne 
eine bedenkliche Hyperbel, in Würtemberg (etwas gezwungfen, es 
passt aber kein andrer Ausdruck des Art. 260) die „unheilbare 
Beraubung des Gebrauchs eines Gliedes" in Sachsen der „blei- 
bende Nachtheil an der Gesundheit", während es — gewiss auf- 
fallend! — bei den so sehr in^s Einzelne gehenden, und deshalb 



§ 18. Verletzungen des Gesicht». CasuUtik. 28— SO. Fall. 93 

den Gerichtsärzten sehr willkommenen Bestimmimgen des Oester- 
reichischen Strafgesetzbuchs äusserst schwer ist, ohne Zwang den 
durch Verletzung bewirkten Verlust Eines oder weniger Zähne 
zu rubriciren. Denn weder die „Gesundheitsstörung", noch die 
„bleibende Schwächung der Sprache", noch das „immerwährende 
Siechthum" erscheinen anwendbar, und wird vielmehr aus der 
Strafprocessordnimg die „an sich leichte" Verletzung mit der 
Erläuterung „welche Wirkungen dieselbe gewöhnlich nach sich 
zu ziehn pflegt" angenommen werden müssen. Das Preussische 
Strafgesetzbuch gestattet, je nach der Verschiedenheit der Fälle, 
eine „erhebliche" Verletzung, oder auch eine „leichte" anzuneh- 
men, je nachdem durch den Verlust der Zähne im concreten 
Falle „erhebliche Nachtheile für die Gesundheit" zu behaupten 
sind oder nicht. 

In AnschluBS an die im Hdb. I Gasuistik § 52. mitgetheilten 
Fälle von Verletzungen des Gesichtes folge hier eine Auswahl 
neuerer. 

§ 18. 
Casuistik. 

28. Fall. €h)8iclit8Y6rletznng duroh GlülLeiBeii. 
Ein SohlOBserlelirling war in der Werkstatt beim Streit mit einem glühen- 
dea Stück Eisen in*8 Gesicht geschlagen worden. Nenn Tage später fand ich 
anf der Unken Backe eine anderthalb Zoll lange, zwei Linien breite Narbe, 
und Backe nud Oberlippe noch ganz leicht geschwollen, im Uebrigen völlige 
Gesundheit Da eine volle Arbeitsfähigkeit in etwa weitem acht Tagen vor- 
aussichtlich, und ein „erheblicher Nachtheil^ nicht eingetreten war, so konnte 
die an sich doch wohl höchst bedenkliche Verletzung strafgesetzlich nur für 
eine „leichte* erklärt werden. 

29. Fall. Brandwunden im Gesicht 
hatte eine Frau, zugleich mit Brandwunden an beiden Händen nnd Füssen da> 
vongetragen. Drei Wochen später fand ich die Gesichtswunden zwar schon 
geheilt, die an den Händen und Füssen aber noch in der Vemarbung begriffen. 
Und da sich voraussehn Hess, dass die vollständige Heilung und damit der 
Wiedereintritt der Arbeitsfähigkeit sich noch einige Wochen verzögern würde, 
so musste die Verletzung wegen ^länger dauernder Arbeitsunfähigkeit als eine 
„erhebliche" erklärt werden. 

80. Fall. Schläge gegen das Ange. 
V. hatte am 8. Februar Schläge mit einem „harten Gegenstande'' an den 
Kopf und das linke Auge bekommen. Am folgenden Tage fand der Arzt eine 
entzündliche Röthung des letzem, starke Blutunterlaufbng beider Augenlider 



94 $ 18. Verietzangen des Gesichts. Casnistik. 31—83. Fall. 

eine kleine Wunde am äussern Winkel des linken Auges, eine Engenähte kleine 
Wunde am Hinterkopf und kleine Hautschindungen an Nase und Stirn. Vier- 
zehn Tage später meldete sich Damnificat in der Augenklinik, und hier ergab 
sich als Folge der Verletzung eine VergrÖsserung und Unbeweglichkeit der 
Pupille, ein Bluterguss in den Glaskörper und eine Sehschwäche mittlem 
Grades, die zum Theil Resultat der Verletzung war, zum Theil aber auch 
schon vorher bestanden haben sollte. Am 9. Juni waren die geschilderten Ver- 
änderungen beseitigt, nicht aber die Sehschwäche, über welche V. auch noch 
bei meiner Untersuchung am 28. Juli klagte, bei welcher irgend ein materiel- 
les Leiden gar nicht mehr wahrnehmbar war. Es konnte also die Gesichts-- 
Bch wache als jene vorher schon bestandene angenommen werden. Da aber 
11—12 Wochen nach der Verletzung die Trübung des Glaskörpers glaubhaft 
nachgewiesen und dadurch erwiesen war, dass V. längere Zeit nach der Miss- 
handlung arbeitsunfähig gewesen, so musste dieselbe als , erhebliche*' erachtet 
werden. 

81. Fall. FanststoBfl gegen das Ange. 
Dasselbe Gutachten musste aus demselben Grunde in diesem Falle erstattet 
werden, in welchem ein Kauftnann im August einen Stoss oder Schlag mit der 
Faust gegen das linke Auge bekommen hatte, wonach, nach dem glaubwürdi- 
gen ärztlichen Attest, eine „Lähmung der Gesichtamnskeln der linken Seite" 
eingetreten war. Ebenso glaubhaft war es hiemach, wenn der Verletzte angab, 
dass er vier Wochen habe das Zimmer hüten müssen und seinen kaufknännischen 
Geschäften nicht habe nachgehen können. Erst sieben Monate nach der Miss- 
handlung hatte ich ihn zu exploriren Das linke Ange war nur noch etwas 
kleiner als das rechte, sonstige nachtheilige Folgen waren nicht zurückgeblieben. 

32. Fall. Gesichtsverletznng dnrch einen Mauerstein. 
Der Fall war zur Zeit der Untersuchung mir zweifelhaft Sechs Monate 
vorher war K. mit einem Mauerstein in die linke Seite des Gesichts geschlagen 
worden, und es hatte sich danach eine entzündliche Anschwellung dieser Seite 
und der linken Augenlider eingestellt. Ich fand ihn -nach so langer Zeit voll- 
ständig gesimd, und hegte Zweifel an der Wahrheit seiner Angabe, dass er 
mehr als drei Wochen arbeitsunfähig gewesen, da die Verletzung in ihrer 
Erstwirkung nur so unerhebliche Folgen gehabt hatte, und dergleichen Zwei- 
fel bei den gewöhnlichen Uebertreibungen der Damniflcaten an sich meist ge* 
rechtfertigt sind. Ich bemerkte deshalb, dass die richterlichen Ermittelungen 
meine Zweifel beheben würden, und dass ich für Jetzt nur eventuaUter die Ver- 
letzung für eine , unerhebliche" erklären könne. Die Vorsicht war durchaus 
gerechtfertigt, denn bei der öffentlichen Verhandlung erwies sich, dass der 
Verletzte schon nach wenigen Tagen wieder an sein Handwerk gegangen war. 

88. Fall. Ohrfeigen und Kopfirose. 
Hier musste ich noch weiter gehn als im vorigen Falle. Die N. hatte 
eine Ohrfeige auf die linke Backe bekommen, und wollte dabei auch durch 



§ 18. Yerletznngen Ton Zähnen. Casnistik. 84—35. Fall. 95 

FanstseUäge auf die Schalter misshandelt worden sein. Hierdurch und durch 
den Schreck sollte eine (ärztlich bescheinigte) Gesichts-Biatterrose entstanden 
sein. Bekanntlich sind die denunciirten Veranlassungen nicht die eines solchen 
Erysipels, sondern innere Ursachen, der , Schreck" aber entzog sich als rein 
subjectiye Angabe jeder Prüfung. Hiemach erklärte ich die Behauptung yom 
Zusammenhange der Ohrfeige mit der Rose als unbegründet. 

84. Fall. Beschädigung von Zähnen dnrch Wnrf. 

In einem Tanzlokal hatten Lustdimen im Streit einem fünftindylerzlg Jahre 
alten Mann einen gejfüUten Mostrichtopf an den Kopf geworfen, wodurch drei 
untere Schneidezähne luxirt, der yierte gebrochen wurde. Elf Monate nach- 
her sah ich den Mann in der mündlichen Verhandlung. Bei dem Defecte eines 
Zahns und der noch jetzt vorhandenen Luxation der übrigen untern Schneide- 
zähne nahm ich keinen Anstand, „erheblichen Nachtheil für Gesundheit und 
Gliedmaassen** anzunehmen. Also „erhebliche" Verletzung. 

85. Fall. Besokädigusg von Zähnen durch Schlag. 

Sehr eigenthümlich! Dem neunjährigen Emil sollten am 26. August durch 
Schlag auf den Mund mit ein^m grossen Topf drei obere Schneidezähne in der 
Art beschädigt worden sein, dass einer weggebrochen und zwei andere verrenkt 
worden, so dass der Wundarzt Z., dem auffallenderweise der Knabe erst am 
11. September zugeführt worden, sich veranlasst sah, die luxirten Zähne aus- 
zuziehen. So lag der Fall, als mir der Knabe vier Monate später amtlich zu- 
geführt wurde. 

Ich fand keine Spur einer Verletzung an den genannten Zähnen. Alle 
Zähne waren gesund und vollzählig, nur der äusserste linke obere Schneide- 
zahn noch im Durchbruch begriffen. Hiemach und nach diesem Befunde 
war es wahrscheinlich, dass die fHiher angeblich beschädigten Zähne Milch- 
zähne gewesen seien, und ich meinerseits musste es dahin gestellt sein lassen, 
ob dieselben, wie immer auf natürliche, oder auf gewaltsame Weise ausge- 
fallen und luxirt (dann ausgezogen) gewesen waren. Dies anführend schloss 
ich: „gewiss aber ist, dass ich keine Folgen einer Verletzung constatirt habe, 
wonach ich alles Weitere anheimgeben muss".*) 

§ 19. 
Verletznngen des äiusem Ohrs. 

Keines derjenigen Strafgesetze, die einzelne Theile des Kör- 
pers in BetreflF der ihnen zugefügten Verletzungen aufzählen, 
nennt das äussere Ohr, sondern nur Auge, Arm,- Hand und Fuss 
(Oesterreich, Würtemberg, Hannover u.s.w.) Gewiss ist das äussere 
Ohr diesen Theilen an Wichtigkeit nicht gleich zu stellen. Aber 

*) Vgl. unten 70. Fall. Ausschlagen eines Zahnes. 



96 § 20. VerletBungen des Ohra. Casuistik. 86—87. Fall. 

gewiss ist auch, dass nicht nur keine Verunstaltung, die der 
Nase ausgenommen, so widerwärtig in's Gesicht fällt, deshalb 
ein so erheblicher Nachtheil für den Verunstalteten als solcher 
ist, wie die Verunstaltungen des äusseren Ohres in Folge von 
Verletzungen. Sie sind den Nebenmenschen um so widerwärtiger, 
als diese Verletzungen im Ganzen sehr selten sind, das Auge der 
Menschen folglich weit weniger an dergleichen Verunstaltungen 
gewöhnt ist, als an die durch Narben im Gesichte, die durch 
Verletzungen, Pocken u. s. w. so häufig vorkommen. Gewiss ist 
auch, dass Verletzungen, die nur das äussere Ohr treffen, Schläge, 
Würfe, Abhauen des ganzen Ohrs, eine Schwächung und den Verlust 
des Gehörs auf der verletzten Seite hinterlassen können. In letzterer 
Beziehung könnten wir »hier nur wiederholen, was bereits im Hdb. 
I § 46 8ub 3 und § 52 sub 4, so wie oben § 15 bei den Gesichts- 
verletzungen, angeführt ist. Es mögen daher nur zwei Fälle als 
Beispiele auch solcher Verletzungen angefugt werden. 

§ 20. 

Casuistik. 

86. Fall. Säbelhieb darob das Obr. 

Der Kntscber P. war vier Tage vor meiner Untersncbiiiig von einem 
Scbutzmann so durcb das linke Obr mit einem Säbel gebanen worden, dass 
die obere Hälfte ganz getrennt und der Hieb nocb einen balben ZoU anf die 
linke Backe gegangen war. leb fand die Hiebwunde blntig gebeftot und P. 
klagte nocb über Dröbnen im Kopf. Scbon jetzt batte das Ohr dnrcb das Käben 
eine verunstaltete Form bekommen und es war zweifeUos, dass es dieselbe 
danemd bebalten würde. Der „erbeblicbe Nacbtbeil für Gliedmaassen'' konnte 
biemacb sweifeUos angenommen werden. 

87. Fall. Tanbbeit dnrob Sebläge auf das Obr. 
Frau H. wollte als Folge von, am 24. October erlittenen derben und mebr- 
fachen Faustscblägen auf das linke Ohr Taubheit auf demselben davon getragen 
haben. Die Möglichkeit eines Causalzusammenbanges war nicht zu bezweifeln. 
Um aber zu ermitteln, ob und in wie weit hier, wie in so vielen ähnlichen 
Fällen, nicht blosse Simulation oder wenigstens grosse Üebertreibung vorliege, 
hielt ich zunächst eine nicht gehende Taschenuhr vor das linke, und sodann 
vor das rechte gesunde Ohr. Anf dem linken Ohr hörte sie kein Schlagen der 
Uhr, während es höchst auffallend war, dass sie anfangs behauptete, es auf 
dem rechten allerdings zu hören. Jedoch fing sie selbst zu zweifeln an, und 
antwortete sofort und lebhaft, dass sie es jetzt ganz deutlich höre, nachdem 



§ 21. Verletzimgeii des Halses 97 

ich unbemerkt die stehende mit einer gehenden Uhr Tor dem Ohre vertanseht 
hatte. Bei der weitem Untersuchung überzeugte ich mich dann, namentiich 
durch die so sehr characteristische Haltung des Kopfes und des eigenthüm- 
liehen Sprachtons der Tauben, so wie durch ihre Reaction beim Antworten 
auf die yerschiedenen Hebungen und Senkungen meiner Stimme, dass die H. 
allerdings auf dem linken Ohre sehr schwerhörig sei. Nur hatte ich gar keinen 
Anhaltspunkt darüber, ob dieser Fehler nicht schon vor der Misshandlnng- be- 
standen hatte, und konnte deshalb nur erklären, dass „wenn die Schwerhörig- 
keit eine Folge der genannten Misshandlungen, diese letztem dann als erheb- 
liche im Sinne des § I92a. des Strafgesetzbuchs zu erachten seien*'.*) 

§ 21. 
VerletKimgen des Halses. 

Die hohe Wichtigkeit der den Hals bildenden Theile, von 
denen die meisten wahre noli me längere sind, erklärt die That- 
sache, dass Angriffe auf den Hals meist tödtliche Verletzungen 
werden, ja, dass im Ganzen die Mehrzahl aller tödtlichen Ver- 
letzungen den Hals betrifft, wenn man, wie es ganz richtig ist, 
die so ungemein häufigen Selbstmorde durch Erhängen mit hinein 
rechnet. Hieraus folgt, dass alle Halsverletzungen, die nicht mit 
dem Tode endigten, gewöhnlich im (medicinischen Sinne) nur 
leichte sind, denn sie würden tödtlich geworden sein, wenn sie 
eben nicht nur oberflächliche, leichte gewesen wären. Durch län- 
gere Eiterung, Nothwendigkeit einer längeren Schonung u. s. w. 
können indess auch leichte Halsverletzungen eine „länger dau- 
ernde Arbeitfifunfahigkeit" bedingen, und (in Preussen) zu straf- 
gesetzlich „erheblichen Verletzungen^ werden, ja in Oesterreich 
zu „schweren", wenn (§ 152 Strafg.) die Verletzung in feindseli- 
ger Absicht zugefügt, eine „Gesundheitsstörung" (Eiterung) „von 
mindestens 20tägiger Dauer" zur Folge gehabt hatte. Von erheb- 
lichem Folgen von Halsverletzungen können noch die Verunstal- 
tungen durch NarbenbUdung zur Sprache kommen, die das 
Oesterreichische, Würtembergische, Sächsische und Hannoversche 
Strafgesetz erwähnt, und von den noch bedeutendem Wirkungen, 
die in allen Strafgesetzen vorgesehn sind, und die „schweren" 
Verletzungen des Preussischen Strafrechts characterisiren, die 
Verstümmelung, die wir ja selbst in einem, allerdings seltenen 

*) Vergl. oben den 27. Falk 

Caspert kliniscbe Novellen. 7 



98 § 32. VerletzQiigeii des HalBes. Casnistik. 88—89. Fall. 

Falle (15. Fall) annehmen zu müssen glaubten, und die Beraubung 
der Sprache. Letztere kam in dem ebenfalls sehr seltenen Fall 
(Hdb. I Casuistik § 52) zur Frage. 

§ 22 
Casnistik 

88. Fall. Wurf mit einer Flasche an den Hals. 

S. hatte eine Wunde in der linken Halsseite von 1% 2^11 Länge, \ ZoU 
Tiefe nnd % Breite, und eine kleinere anf dem rechten Handrücken durch einen 
Wnrf mit einer dadurch zertrümmerten Bierflasche davon getragen. Muskeln, 
Sehnen, Nerven, Oefässe am Halse waren unbetheiligt, und das Allgemein- 
befinden ungestört geblieben. Die Eiterung (Arbeitsunfähigkeit) war nur eine 
ganz kurze von 10—12 Tagen, und die Verletzung musste deshalb für eine 
nur «leichte^ erklärt werden. — Grade so verhalten sich sehr viele der uns 
häufig vorkommenden Messerstichwunden, auch wenn sie den Hals oberflächlich 
trafen ($ 86}.*) 

89. Fall. Insultation des Halses. Abortus. 

Eine 34jährige Frau wurde im dritten Monat der Schwangerschaft räube- 
risch überfallen und namentlich am Halse gepackt und gezerrt Sie gab an, 
dass sie sechs Tage später in Folge des heftigen Schrecks einen Abortus er- 
litten, welcher letztere ärztlich bescheinigt wurde. 

Acht Wochen nach dem Vorfälle fland ich die Frau noch so schwach, dass 
ihre Angabe, dass sie nooh Jetzt nicht ihre gewohnten Arbeiten in gewohntem 
Maasse verrichten könne, ebenso glaubhaft war, als man nicht Anstand nehmen 
konnte, einen ursachlichen Zusammenhang zwischen dem Angriff und der Fehl- 
geburt anzunehmen. Hiemach stand eine „längere Arbeitsunfähigkeit'' als Folge 
der Misshandlung fest, die sonach als „erhebliche'' erklärt werden musste. 

§ 23. 
Vertotm&g«!! der Brost. 
Bei diesen grade kommt es häufig genug vor, dass es zwei- 
felhaft wird, wie schon oben (§ 9.) erwähnt, ob innere Brust- 
krankbeiten irgend welcher Art, namentlich acute oder chronische 
Entzündungen wirkliche Folgen einer Verletzung der Brust ge- 
wesen, da solche Krankheiten auch so leicht spontan entstehen, 
und die Umstände, unter denen meistens dergleichen Verletzungen 
zugefügt werden, bei denen der Verletzte nicht selten durch Zorn 
und Streit aufgeregt, oder berauscht ist, oder einem jähen Tem- 

•) Vergl. 9. Fall. 



§ 23. Verletzangen der Bnut. 99 

peraturwechsel beim Hinauswerfen u. s. w. ausgesetzt wird (17. 
Fall) u. dgl. m. das Entstehen einer bronchäis, pleuritis, u. s. w. 
an sich und ohne Mitwirkung der eigentlichen Verletzung begün- 
stigen. Die Bedingungen des Einzelfalles müssen hier das Urtheil 
leiten. Bei diesen Verletzungen tritt ferner oft die gleichfalls 
schon oben (§4) erwähnte Nothwendigkeit ein, dasgerichtsärzt- 
liche Urtheil über die strafrechtliche Wichtigkeit der Verletzung 
zur Zeit der Untersuchung Seitens des Arztes suspendiren zu 
müssen, da selbst bei durchdringenden Brustwunden die Prognose 
bekanntlich immer zweifelhaft ist, und Lebensrettungen erfolgen, 
wo man sie zur Zeit nicht erwarten konnte, oder der Tod sp&ter 
eintritt, wD man nach den früheren Umständen geneigt war, 
höchstens eine „erhebliche" Verletzung anzunehmen (vergl. 2. Fall). 
Bei nicht eindringenden Brustverletzungen kommen dem Praktiker 
andere Fragen vor. Wieder zunächst die grosse Schwierigkeit der 
Prognose bei bedeutendem Insultationen der Weiberbrust durch 
Stoss oder Wurf in Betreff der künftigen Ausbildung einer bös- 
artigen Drüsengeschwulst. Die Erfahrung lehrt hier die grösste 
Vorsicht im Förmuliren des gerichtsärztlichetf Ausspruchs zur Zeit 
der Untersuchung, die Beachtung der Umstände des concreten 
Falles und die Nothwendigkeit, von vornherein den Richter auf 
die möglichen spätem nachtheiligen Folgen der Verletzung, der- 
gleichen vielleicht zur Zeit der Exploration gar nicht sichtbar 
sind, aufmerksam zu machen. Wie Verletzungen der Milchbrust 
einer Stillenden in Frage kommen können, zeigt der 40. Fall. 
Ich hebe noch die Bippenbrüche als Verletzungsfolgen hervor, 
die zwar nicht häufig sind, aber doch vorkommen. Nach Preuss. 
Strafrecht sind sie unter allen Umständen „erhebliche" Verletzun- 
gen, denn sie bedingen, wenn auch nicht immer „erhebliche Nach- 
theile für die Gesundheit", doch stets eine „länger dauernde Arbeits- 
unfähigkeit". In Oesterreich wird, wenn nicht gar nach Umstän- 
den eine „lebensgefährliche" Verletzung angenommen werden muss, 
oder ein „immerwährendes Siechthum", eine „unheilbare Krank- 
heit", die Dauer der „Gesundheitsstörung oder Berufsunfähigkeit" 
von mehr oder weniger als 30 Tagen abzuschätzen sein; iuBaiem 
handelt es sich um „bleibenden Nachtheil an Körper oder Ge- 
sundheit", der bei Eippenbrüchen ja nicht ausgeschlossen, oder 



100 § 24. Verletzungen der Bnut. Casnisük. 40 0.41. Fall. 

tun Taxiren der Krankheit nach Tagen; in Würtemberg, (dem 
Sinne nach wie in Preussen), um „vorübergehende Krankheit oder 
Arbeitsunfähigkeit", wenn nicht auch wieder um „unheilbare Krank- 
heit", in den sächsischen Ländern sind Rippenbrüche „Verletzungen 
mit Gefahr oder nachtheiligen Folgen für die Gesundheit des Be- 
schädigten yerbunden", die auch einen „bleibenden Nachtheil" 
bedingen können, und in Hannover würden diese Brüche zu den 
Verletzungen zu rechnen sein, die „die Gefahr eines bleibenden 
geringem Schadens," oder eine in „küi*zerer oder längerer Zeit 
heilbare Krankheit oder Untüchtigkeit zu den Berufsarbeiten" 
bedingten. 

§ 24. 
Casuistik. 
40. Fall. FanststosB gegen die Brust einer Stillenden. 
Sechtf Wochen vor meiner Untersuchung war Frau K., die ihr Kind an der 
Brust nährte, mit der Faust heftig vor die linke Brust gestossen worden. Schon 
am folgenden Tage hatte sich eine Entzündung der mamma eingestellt, und die 
entstandene Eiterung hatte einen Einschnitt nothwendig gemacht. Ich fond die 
Brust noch Jetzt geröthet und beim Druck schmerzhaft und die Narhe der 
Operation. «Dass,^ sagte ich, „diese Entzündung mit dem auf die milchende, 
und deshalb wie immer sehr empfindliche Brust geführten Faustschlag in ur- 
sachlichem Zusammenhang gestanden habe, ist allerdings anzunehmen, wenn- 
gleich ich bemerken muss, dass dergleichen Entzündungen bei stiUenden Wei- 
bern auch spontan entstehen. Die Angaben der Verletzten, die eine innere 
Wahrheit haben, und der Umstand, dass die Entzündung schon am folgenden 
Morgen nach der Misshandlung ausgebrochen, machen Jedoch den Causalnezus 
zwischen beiden höchst wahrscheinlich. Die Vernehmung des t)ehandelnden 
Arztes dürfte diese höchste Wahrscheinlickeit zur Gewissheit erheben. In Be- 
tracht aber, dass die Krankheit noch heut, nach 6 Wochen, nicht ganz gehoben, 
- und dass die K. länger Schmerzen imd eine Eiterung auszustehen gehabt hat, 
endlich auch genöthigt gewesen ist, ihr Kind abzusetzen, muss ich einen »j, er- 
heblichen Nachtheil für ihre Gesundheit*"" als Folge der Misshandlung annehmen, 
und dieselbe ab eine «„ erhebliche"* im Sinne des § l92a. des Strafgesetzes er- 
klären. 

41. Fall. Stich mit einer spitzen Feile in die Lunge. 
Der Fall gehörte zu den höchst bedenklichen. Der 86 Jahre alte Schlosser- 
geselle M. war im Streit von einem Kameraden mit einer ganz spitzen Feile 
in den Rücken gestochen worden, und hatte sofort Athembeklemmung empfan- 
den. Am dritten Tage fand ich unter dem rechten Schulterblatt die noch 



§24. Verietznngreii der Brast. Gasnistik. 41 u. 42. Fall. IQl 

fHsolie Wunde, und die ganze Umgrebnng bis znr Höfte emphyBematisch ge- 
schwollen. In Handbreite .ergab die Percnaalon einen Schenkelton und Ab- 
wesenheit des Kespirationsgeräasches. Dabei fieberte M., hustete mit blutigen 
spuHs, war sehr deprimirt, und musste fortwährend wegen Dispnoe im Bette 
aufrecht sitzen. Zu einem Ausspruch über die strafrechtliche Würdigung der 
Verletzung war somit der Fall Jetzt noch nicht spruchreif, ich konnte nur er- 
klären, dass ein todtlicher Ausgang möglich, der Verletzte aber jetzt noch yer- 
nehmungsfähig sei. Drei Wochen später sah ich M. wieder. Er hatte sich 
sehr gebessert, war aber noch sehr schwach und bettlägerig, folglich arbeits- 
unfähig. Er klagte noch Jetzt, nach der erneuten physikalischen Untersuchung 
sehr glaubhaft, über Druck in der Brust, Beklemmung beim Athemholen und 
hustete noch. Man konnte nunmehr, bei dem Alter des Verletzten und seiner 
kräftigen Constitution, eine weitere allmählige Resorption der Verletzung^* 
residuen in der Brusthöhle hoffen, wenn auch eine ganz ToUständige Wieder- 
herstellung nicht zu erwarten war. Indem ich dies erklärte, musste ich Jetzt 
hinzufügen, dass schon Jetzt zweifelsfrei eine „längere ArbeitsuDfShigkeif, so 
wie ein „erheblicher Nachtheil für die Gesundheit** feststehe, wonach ich die 
Verletzung tür eine strafgesetzlich „erhebliche*' erklärte, mich Jedoch zu der 
Bemerkung verpflichtet hielt, „dass eine Verletzung wie diese im rein ärztlichen 
Sinne eine schwere genannt werden musste, da sich die Folgen derselben fax 
das spätere Lebensalter des Verletzten noch gar nicht mit Sicherheit fesstellen 
liessen.** Hiemach wurde der Thäter zu bedeutender Strafe verurtheilt In 
der beschrittenen Appellationsinstanz brachte der Vertheidiger die Behauptung 
▼or, M. sei Jetzt yöllig wieder hergestellt und verrichte die schwersten Arbei- 
ten. Der zweite Richter fand die Prüfung dieser Behauptung für die Abmessung 
der Strafe erheblich, und ich hatte M. zum dritten Kai, fünf Monate nach der 
Verletzung, zu exploriren. Ich fand Nichts verändert, namentlich die getroffene 
Lungenstelle ganz impermeabel, eine offenbar noch behinderte Respiration, wenn 
auch im Ganzen ein gutes Allgemeinbefinden. Die Behauptung, dass er die 
schwersten Schlosser- und Schmiedearbeiten verrichten könne, lehnte er glaub- 
haft entschieden ab. Diesmal war ich in der erwünschten Lage, eine vorge- 
legte specielle Frage beantworten zu können und erklärte danach: „dass M.. 
von der ihm zugefügten Verletzung nicht völlig wieder hergestellt, dass noch 
Jetzt die rechte Lunge desselben leidend sei, und dass eine Heilung für die 
Zukunft nicht möglieh erscheine.** Hiernach hatte ich mich mit der Strafgesetz- 
liehen Classification der Verletzung nicht weiter zu beüusenl 

42. Fall. Rippenbrttche als Verletznngsfolge. 

Ein Schmiedegesell war über einen Amboss geworfen worden und sollte 
dadurch einen Bruch der 10. und 11. linken Rippe erlitten haben, wie das 
Attest der behandelnden Hespitalärzte bescheinigte. Ich fand den Verletzten 
ohne besonderes Allgemeinleiden, aber im Gipsverbande, so dass es unmöglich 
war, den Thatbestand meinerseits Jetzt zu couQtatiren, Da die ^länger dauernd^ 



102 §• 36. Verletnmgeii der Btast. Casaistik. 48. Fall. 

ArbeitsoBfähigkeit'' aber wenigstens ganz onaweifelhaft war, so konnte die 
Verletsung unbedenklich als „ erhebliche " erklärt werden. 

43. Fall. FoBstoss vor die Brust. 

Die 28jährige, sehr kräftige H. war am 20. Jannar von einem Manne, dem 
sie nachfolgte als er die Treppe ihres Kellers hinanstieg, Ton hinten mit dessen 
Fnss Tor die Brost und Magengegend gestossen worden, so dass sie nnter hef- 
tigen Schmerzen betäubt zu Boden stürzte. Sie wollte fünf Wochen nicht im 
Stande gewesen sein, das Zimmer zu yerlassen und ihren Geschäften nachzu- 
gehen, und acht Wochen lang ärztlich behandelt worden sein. Der Arzt, der 
bald nach der Misshandlung zu ihr gerufen worden, fand sie im Bett und über 
heftige Schmerzen in der Magengegend klagend. Die rechte Seite der Brust 
war in der Magengegend bedeutend angeschwollen. Selbst eine achtwöchent- 
liche Behandlung hatte Geschwulst und Schmerzen noch nicht ganz beseitigen 
können, und vermuthete deshalb der Arzt, „dass an der genannten Stelle eine 
Aemmung in der Verbindung der Bippen mit dem Brustbein Statt gefunden 
habe."" Er lless die H. das Bett hüten, und erst nach Tierwöehentlicher Be- 
handlung gestattete er ihr auszugehen, was ihr Jedoch nicht bekam, so dass er 
derselben erst nach fünf Wochen raUien konnte, ihren (Geschäften nachzugehn. 
Ich sah sie erst sechs Monate später. Sie war Jetzt zwar ganz gesund. Jedoch 
an der untern Seite der rechten Brust, an der Verbindungsstelle der Rippen 
mit dem Brustbein und bis hinein in die Herzgrube fand sich noch eine nicht 
geröthete, aber beim Druck noch schmerzhafte Anschwellung. Für eine wirk- 
liche frühere Trennung der Bippenverbindung schien Nichts zu sprechen, wohl 
aber für eine entzündliche Anschwellung der Knochenhaut der Bippen und des 
Brustbeins durch den Fussstoss, welche, in Verbindung mit der Erschütterung 
des Nervengeflechtes in der Herzgrube, die Zufälle vollkommen erklärte und 
die Aussagen der Beschädigten und ihres Arztes vollkommen glaubhaft mach- 
ten. Strafgesetzlich konnte die bedenkliche Verletzung nur als .erhebliche* 
erklärt werden. 

§ 25. 
Verletzimgeii des XTnterleibei . Hernien. 

Natürlich kommen auch bei Misshandlimgen des Unterleibes 
durch Stösse, Schläge, Tritte u. dgl., wie bei denen der Brust, 
sehr häufig innere Krankheiten in Frage, die angeblich, und oft 
erst nach längerer Zeit, die Folge der Verletzung gewesen sein 
sollen, namentlich acute und chronische Entzündung der Leber, 
Milz, Nieren, Eierstöcke, Gebärmutter u. s. w. mit allen deren 
Folgen. Die allgemeinen Regeln für die Beurtheilung von der- 
gleichen Fällen, die sehr schwierig werden können, weil nament- 
lich auch alle diese Krankheiten ganz spontan entstehn können, 



§ 35. Verletzungen des Unterleibes. 103 

haben wir bereits im § 9^ gegeben. Aber zwei specielle Fragen 
•noch berühren die Verletzungen des Unterleibes und kommen 
' häufig in foro dem Arzte zur Beantwortung vor, die angebliche 
Entstehung von Hernien nach Insultationen des Bauches, und 
die einer Fehlgeburt als behauptete Folge derselben. — ^Er 
hat mir einen Bruch gestossen*' ist eine beliebte Anschuldigung 
bei Leuten aus dem Volke, wenn sie nach einem Tritt oder Stoss 
Yor den Unterleib hier Anfangs Schmerzen empfinden. Aber 
auch selbst Aerzte sind nicht selten geneigt, die Gefahr von der- 
gleichen Insultationen an dieser Stelle sehr zu überschätzen. Denn 
die Erfahrung lehrt in der That, dass eine gewaltsame Erweite- 
rung des Bauchrings mit Vorfall auf mechanisch -traumatische 
Weise weit weniger häufig ist, als oft angenommen wird, womit 
nicht die Möglichkeit einer derartigen Wirkung bei Tritt, Stoss, Hin- 
abstossen u. dgl. in Abrede gestellt sein soll. Der Befund bei der 
gerichtsärztlichen Untersuchung ist ein doppelter. Entweder man 
findet gar keinen Bruch, und die Anschuldigung war bona oder mala 
fide eine irrige — . bei welchem negativen Befunde ich nicht in 
Erinnerung zu bringen brauche, was jeder erfahrene Arzt weiss, 
dass namentlich kleine, beginnende Vorfälle (Hernien) sich leicht 
der Feststellung entziehn, indem sie je nach Lage und Stellung 
des Kranken oder je nach der AnfuUung der Därme bald hinein- 
treten, bald wieder mehr vorgedrängt werden. Oder man findet 
wirklich den Bruch, und es entsteht dann von selbst die Frage: 
ob derselbe bereits vor der Verletzung vorhanden gewesen^ oder 
erst durch dieselbe bedingt worden sei? (vgl. Hdb. I Casuistik 
§ 52). Die Beantwortung kann schwierig werden, wenn die Unter- 
suchung des Bruchkranken erst lange Zeit nach der Ver- 
letzung gefordert wird, so dass die Hernie, traumatisch entstan- 
den oder nicht, bereits eine ältere geworden. In der Mehrzahl 
der Fälle aber ist die Entscheidung nicht schwer. Man halte 
nur zunächst die Seltenheit des Entstehens der Brüche aus trau- 
matischer Ursache gegen die bekanntlich so ungemeine Häufig- 
keit des spontanen Entstehens fest, und achte dann auf die 
allgemeine Constitution und das Alter des Exploraten, inwiefern 
diese zu Brüchen disponiren konnten, ferner bei Weibern die 
Thatsache vorangegangener Geburten, und endlich die genau zu 



104 § 25. Verletzimgen des Unterleibes. 

untersuchende Beschaffenheit des Bauchrings. Ist derselbe erheb- 
lich erweitert und erschlafft, so dass man bequem mit Einem' 
oder zwei Fingern eingehn kann, ist dazu die Untersuchung 
schmerzlos für den Expioraten, findet man endlich wohl gar 
einen zweiten Bruch auf der anderen, von der Verletzung unbe- 
rührt gebliebenen Seite, dann wird man nicht fehlgreifen, wenn 
man einen frischen Bruch, resp. einen Zusammenhang der Hernie 
mit der angeschuldigten Verletzung nicht annimmt. — Eine an- 
dre Frage ist die: wie Hernien als Verletzungsfolgen strafgesetz- 
lich nach den Deutschen Strafgesetzgebungen zu würdigen? Vor 
Allem sind hier die Bezeichnungen: „Verunstaltung und Ver- 
stümmelimg^ ganz auszuschliessen. Verunstaltung setzt überall 
die Wirkung auf das Auge eines Beschauenden voraus, und kann 
demnach nur eine unheilbare, in die Augen fallende Form- 
veränderung eines Körpertheils, die einen widrigen oder unan- 
genehmen Eindruck macht,*) was nie bei ünterleibsbrüchen der 
Fall sein kann, Verunstaltung im strafgesetzlichen Sinne genannt 
werden. Verstümmelung aber setzt zuerst einen wirklichen Defect 
eines Körpertheils voraus (Hdb. I § 44) , welcher Defect bei den 
Hernien nicht existirt. Andre Bedingungen der „schweren** 
Körperverletzung des Preussischen Strafgesetzes (§ 193) treffen 
aber bei ihnen eben so wenig zu, namentUch nicht die einzige, 
an die gedacht werden könnte, und die mir wirklich unglaublicher 
Weise als angeblich erfolgt vorgekommen ist , nämlich „Beraubung 
der Zeugungsfahigkeit" , von welcher nur etwa bei ganz veralteten 
Scrotalbrüchen erheblichsten Umfangs die Bede sein könnte, die 
aber eine Jahre lange Existenz voraussetzen und niemals so lange 
auf Verletzung zurückdatirt werden können. Hiernach sind Brüche 
als Verletzungsfolgen in Preussen „erhebliche" Verletzungen, denn 
einen „erheblichen Nachtheil für die Gesundheit" wird man einen 
Bruch immerhin nennen müssen, schon wegen der jeden Augen- 
blick möglichen Gefahr der Einklemmung. Dagegen wäre es 
ungerechtfertigt, eine Hernie nach dem Oesterreichischen Straf- 
gesetz als „immerwährendes Siechthum", oder selbst nur als 



') Hdb. L, § 43, J. Hof mann, die gcriehtsärztUche Sprache. München 
1860. S. 94. 



§ 26. VerletEimgen des Unterleibes. 105 

„anheilbare ICrankheit^ zu bezeichnen, da der Bruchkranke, wenn 
er sonst nicht „siech" ist, es niemals durch seine blosse Hernie 
wird, und da andrerseits die^ „unheilbare Krankheit" im § 156 
des genannten Gesetzbuchs in eine solche Verbindung mit den 
schwersten Körper- und öeistesbeschädigungen gesetzt und mit 
so harten Strafen bedroht ist, dass es um so weniger dem Sinne 
des Gesetzgebers entsprechen würde, einen einfachen Bruch hier 
hin zu rechnen, als dasselbe Strafgesetz auch von „Gesundheits- 
störungen von mindestens (oder folglich auch mehr als) 20- und 
SOtägiger Dauer" spricht, wohin denn der Bruch ungezwungen 
zu stellen sein würde. Das Baiersche Strafgesetz hat in den 
Bestimmungen des Art. 234 keine passendere für Brüche , als die 
eines „bleibenden Nachtheils am Körper". Der würtembergische 
Gerichtsarzt wird sich allerdings entschliessen müssen , eine 
„unheilbare Krankheit" anzunehmen, da sein Strafgesetz (Art. 
260) keine passendere Bezeichnung hat, und wenn wir uns hier 
anscheinend zu widersprechen scheinen, so ist dies nicht unsre 
Schuld, sondern die der resp. Gesetzgebungen, die so sehr ver- 
schiedene Bestimmungen und Benennungen haben. In den Säch- 
sischen Ländern ist nach diesen Benennungen in den dortigen 
Strafgesetzen die Hernie am füglichsten als „bleibender Nachtheil 
an der Gesundheit" aufzufassen, und der Hannoversche Gerichts- 
arzt muss sich schon seinem Art. 242 fügen, und den Bruch als 
„bleibenden geringem Schaden" bezeichnen, weil keine andre 
Bezeichnung von Yerletzungsfolgen darin nur einigermaassen auf 
Hernien anwendbar ist. So sehen wir denn bei der mangelnden 
Uebereinstimmung der strafgesetzlichen Terminologie in Deutsch- 
land, dass ein Bruch in Preussen ein „erheblicher", in Hannover 
ein „geringerer" Nachtheil isti 

§ 26. 
Fortsetiung. Fehlgeburten. 

Als eine andere Folge von Insultationen des Unterleibes wer- 
den gar nicht selten von Weibern Fehlgeburten, Senkungen 
und Vorfall der Gebärmutter u. dgl. angegeben. Wieder ist 
auch bei diesen Leiden die Möglichkeit ihrer Entstehung durch 
erheblichere gewaltsame Eingrifife, die den ganzen Körper oder nur 



106 § 26. Verletzungen des Unterleibes. 

den Unterbaach trafen, gar nicht in Abrede zu stellen. Aber 
wieder ist auch hier, wie bei den Brüchen, zu erwägen, dass 
alle dergleichen Uebel auch nicht nur täglich spontan entstehn, 
sondern auch, meiner Erfahrung nach, meistens auf diese spon- 
tane Art und nur selten aus traumatischer Veranlassung ent- 
stehn, und dass auch hier wieder bona und mala Jides oft unbe- 
gründete Anschuldigungen erheben. Bei angeblich gewaltsam 
hervorgerufenem Abortus ist der Gerichtsarzt oft gar nidit in 
der Lage, sich durch eigene Diagnose über die Vorfrage vom 
Abortus überhaupt zu vergewissern, namentlich wenn er eine 
Mehrgebärende erst Monate oder länger nach der angeblichen 
Fehlgeburt zu untersuchen hatte. Die Angaben der angeblich 
Beschädigten, oder der Zeugen aus der niedem Klasse, ja selbst 
der Hebammen, können ihm hier keinen Ersatz für die man- 
gelnde eigene Wahrnehmung geben. Vermag er den wirklich 
erfolgten Abortus festzustellen, und soll er dann über seine Ver- 
anlassung entscheiden, dann müssen die Umstände des Einzel- 
falles maassgebend sein , denn allgemeine Regeln lassen sich hier 
nicht geben. In Betreff der individuellen Neigung zu Fehlgebur- 
ten bei einzelnen Weibern, die gewiss existirt, wofür jeder beschäf- 
tigte Arzt in Ehen Beispiele gesehen hat, die eben wegen dieser 
Disposition der Frau nicht selten unfruchtbar bleiben, und welche 
Disposition mir selbst als Entlastungsgrund von Angeschuldig- 
ten entgegengehalten worden, ist zu erwähnen, dass eine solche 
körperliche Disposition sich bekanntlich jeder Feststellung, 
jedem Beweise entzieht. Dieser anscheinend schwierige Punkt 
hat aber keine erhebliche practisch-forensische Wichtigkeit mehr, 
seitdem alle Strafgesetzgebungen die „Individualität des Verletz- 
ten" als Erwägungsmoment bei Würdigung der Verletzungen ge- 
strichen haben. Was aber ist ein Aborttis den Strafgesetzen 
gegenüber? Die „Beraubung der Zeugungsfähigkeit", welche fast 
alle deutsche Strafgesetzbücher betonen, wird zunächst auszu- 
schliessen sein , da sie niemals Folge eines durch Misshandlungen 
veranlassten Abortus an sich sein kann. Dann ist die traumati- 
sche Fehlgeburt in Preussen eine „erhebliche** Verletzung, schon 
deshalb, weil sie die volle Arbeitsfähigkeit immer auf „längere* 
2eit beeinträchtigt, aber auch ohne Zwang ein „erheblicher 



§ 37. Verletzangen des Unterleibes. Casaittik. 44-45. Fall. 107 

Nachtheil für die Gesundheit" genannt werden kann. In Oester- 
reich ist sie „eine Gesundheitsstörung oder Berufsunfähigkeit von 
mindestens 20-, resp. mindestens SOtägiger Dauer"; in Baiem 
eine „Krankheit von mehr als fünf, jedoch" (in der Regel) 
„nicht mehr als GOtägiger Dauer"; in Würtemberg eine „vorüber- 
gehende Krankheit und Ai-beitsunfähigkeit" ; in Sachsen war ihre 
Veranlassung eine „Verletzimg mit nachtheiligen Folgen für die 
Gesundheit"; in Hannover ist die Fehlgeburt eine „in kürzerer 
(oder in längerer) Zeit heilbare Krankheit und Untüchtigkeit zu 
den Berufsarbeiten". 

Die nachfolgende Gasuistik giebt Beispiele für Alles hier 
angeführte. 

§ 27. 
Cssnistik. 

44. Fall. Wurf von der Treppe. Senknng der Gebärmutter. Blutuig. 
Zehn W^ochen Tor meiner Untennchnng aoUte eine 86jährige Wittwe die 
Treppe hinAbgeetossea worden tein, and wollte danach eine Senkung der G^- 
bänntttter ond eine viele Wochen andanemde Blntong ans den Genitalien er- 
litten haben. Ich fand die Senlcnng noch in geringerm Grade Torhanden, »aber 
ohne Zweifel, änaserte ich, ist dieselbe Folge der beiden Entbindungen der 
£zplorata, da eine derartige Folge eines Falles von einigen Treppenstufen, 
wie ihn die Untersuchte angiebt, gar nicht Torkommen kann. Eine Blutung 
ist Jetzt nicht mehr Torhanden. Ob dieselbe noch am 4. Juli (vier Wochen 
nach dem Vorfall) vorhanden gewesen, von welchem Tage das ärztliche Attest 
des Pr. F. datirt ist, geht ans demselben nicht hervor, und es bleibt nichts 
übrig, als die blosse Angabe der Ezplorata, die für mich in ihrer Unbestimmt- 
heit wenig Glaubwürdigkeit hat. Denn es ist nicht zu ermessen, wie und 
wodurch , nach der beregten Misshandlung eine längere Blutung aus den Geni- 
talien hätte entstehen können, welche ganz von selbst wieder aufgehört hat, 
und mehr als wahrscheinlich ist es, dass ein blosser Monatsfluss von längerer 
als gewöhnlicher Dauer Statt gefbnden gehabt hat. Keinesfalls hat die Yer- 
letavig „„erhebliche Nachtheile fUr die Gesundheit« <" der Ezplorata gehabt. 
Eiae s^ULngere Arbeitsunfähigkeit*^ in Folge derselben stellt dieselbe selbst 
gegen mich in Abrede. Und da hiemach die Kriterien der «„erheblichen*''' 
Körperverletzung fehlen, so muss ich dieselbe fär eine nur „„leichte^* im 
strafgesetzlichen Sinne erklären**. 

46. Fall. Misshandlungen. NiederstOBsen. Todtgeburt. 
Ich hatte mich über den Zusammenhang der, einer Frau £. am 27. August 
angeblich zugefügten Misshaudlungen mit deren am 27. Januar des folgenden 



108 § 37. Verletzungen des Unterleibes. Casuistik. 45. Fall. 

Jahres erfolgten Entbindung von einem todten Kinde zu äussem. Die Sach- 
lage war aber bo verwickelt nnd unklar, dass ich meine Erklärung wie folgt 
abgab. „Der ganze Fall ist so wenig thatsächlich genau festgestellt, dass 
mehr die Widersprüche, die sich darin finden, als die thatsächlichen Wahr- 
nehmungen, namentlich der Sachverstandigen, mir zur Begründung meines 
Urtheils dienen müssen. Denunciantin , die 4S Jahre alte verehl. E., die fHiher 
elf Kinder glücklich geboren haben soll, woraus die Hebamme K. mit Unrecht 
zu der Annahme neigt, dass die diesmalige Todtgebnrt äussem Ursachen zu- 
zuschreiben sei, da auch nach mehrfachen glücklichen Geburten oft genug ab- 
ortus und Todtgebnrt aus rein inpem Ursachen erfolgen, die £. war am 27. 
August V. J. angeblich vielfach von den beiden Denunciaten gemisshandelt, 
angepackt, mit zwei Flaschen geschlagen, und von hinten niedergestossen 
worden, so dasa sie auf den Bauch und der Länge nach im Hausflur niederfleL 
Diese Angaben werden durch die Zeugenaussagen nicht unterstützt Nur der 
Hausknecht bestätigt das Niederstossen , während die Zeugen unv. P. und H. 
nichts der Art gesehn, und Denunciaten behauptet haben, dass die £. nur 
ausgeglitten und niedergefallen sei, und sich sogleich wieder erhoben habe, 
und auch der Schutzmann F. gleich nach den vorgeblichen Misshandlungen ein 
„„änsserlich sichtbares Unwohlsein'''' an der E. nicht wahrgenommen hat 
Diese betend sich, nach dem Attest der Hebamme N. vom 5. September g. 
zur Zeit im 4.-5. Monat ihrer Schwangerschaft. Wie wenig zuverlässig diese 
wichtige Behauptung der N. ist, geht daraus hervor, dass eben dieselbe 
Hebamme im spätem Verhör deponirt hat, dass sie bei ihrer Untersuchung 
am Tage der Misshandlung, also nur 9 Tage vor Ausstellung des Attestes, gar 
keine Symptome gefunden habe, die sie überhaupt auf Schwangerschaft hätten 
schliessen lassen können. Dem entsprechend ist es, wenn der Dr. S. {fol. 20 o.) 
deponirt, dass ihm bei seiner Untersuchung am 27. September — also 4 
Wochen nach der Misshandlung — die ganze Schwangerschaft nur erst 
„„muthmaasslich*" gewesen sei, während nicht anzunehmen, dass er sich auf 
diese Weise über eine event. zur Zeit bereits seit 6 — 6 Monaten bestehende 
Schwangerschaft geäussert haben sollte. Andrerseits würde jedenfalls, wenn 
der unten zu erwähnenden Schätzung des Dr. M., betreffend das Alter der 
später gebomen Fracht, Glauben beizumessen, die Schwangerschaft doch schon 
zur Zeit der Untersuchung durch den Dr. S. wenigstens in den dritten Monat 
vorgerückt gewesen sein. 

Eben dieser Arzt hat am. 31. August v. J., d. h. vier Tage nach den Miss- 
handlungen, ein Attest ausgestellt, in welchem er bloss bekundet, dass die E. 
über heftige Schmerzen in Unterleib, Knie nnd Schulter geklagt habe, und 
nach ihrer Angabe im 4. Monate schwanger sei. Selbstredend ist dies gar 
kein Attest eines Sachverständigen, und anzunehmen, dass derselbe nur 
dem Wunsche der E. nach einem Attest zu genügen, ihr absichtlich ein so 
nichtssagendes Attest gegeben habe. Es dürfte dann aber auch weiter ge- 
schlossen werden, dass der Arzt irgend welche, geschweige erhebliche Krank- 
heit« -Befunde zur Seit ^ar nicht wahrgenommen habe* Aber auch selbst dann, 



§ 27. Verletziingeii des Unterleibes. Casnistik. 45. Fall. 109 

wenn erhebliche Verletznnersspuren, namentlich am Unterleibe der Schwängern 
nicht zu bemerken gewesen waren, könnte, wie im Allgemeinen nicht in Ab- 
rede zu stellen, eine Insultation des schwängern Unterleibes, namentlich durch 
daranf Hinstürzen, die Frucht getödtet und die Schwangerschaft vor der Zeit 
beendet gehabt haben. Abgesehn indess davon, dass dergleichen Insultationen 
weit häufiger diese Folge nicht haben, zeigt auch die Erfahrung, dass im 
entgegengesetzten Fall die Wirkung der Ursache sehr bald, d. h. nach Tagen 
oder einigen Wochen, nachzufolgen pflegt. Die Frucht stirbt ab, ihre Ver- 
bindung mit der Mutter wird gelöst, und die Gebärmutter pflegt den fremden 
Körper nicht länger als angegeben bei sich zu behalten. Jedoch sind auch 
Fälle von einem langem Verweilen der todten Frucht vorgekommen, wenn 
gleich ein Verweilen von etwa fünf Monaten wie hier, wo die Misshandlungen 
am 27. August, die Geburt am 27. Januar erfolgt war, schon zu den seltensten 
Ereignissen gehören wurde. Weiter soll nun im vorliegenden Falle die £., 
nach Aussage der Hebamme am 2. November, also 8 — 9 Wochen nach dem 
Vorfall, die ersten Vorzeichen eines Absterbens der Frucht und drohenden Fehl- 
geburt, nämlich Frostgef&hl im Unterleib und Aufhören der bis dahin gefühlten 
Eindesbewegungen empfunden haben. Von frühem ähnlichen Erscheinungen 
berichten die Akten Nichts. Die Fracht würde demnach nach den Misshand- 
Inngen noch 8 — 9 Wochen gelebt haben, und erst dann abgestorben sein, was 
nicht dafür spricht, dass äussere Ursachen den Tod der Fracht veranlasst ge- 
habt, und die Annahme des Dr. M., der die Geburt beendet hat, unterstützt, 
welcher aus dem Befunde von „„Wasser unter der Kopfhaut und in der Bauch- 
höhle, der blutigen Inflltration im ganzen Nabelstrange und einer bedeutenden 
Verengerung desselben am Leibe der ganz verwesten Fracht'"' eine „„constitu- 
tionelle"*', d. h. innere Veranlassung zum Tode behaupten zu müssen glaubt. 
Aber noch eines anderen auffallenden Umstand es endlich habe ich zu erwähnen. 
Nach dem Atteste der Hebamme würde die Fracht zur Zeit ihres Absterbens 
am 2. November das Alter von etwa 28 Wochen gehabt haben. Der Dr. M. 
hat aber deponirt, dass nach seiner Schätzung — die allerdings nicht durch 
genauere Angaben motivirt ist, — die Fracht bei der am -27. Januar d. J. — 
fünf Monate nach der Misshandlung — erfolgten (Fuss) - Geburt „,die Grösse 
eines drca 86 Wochen alten Kindes"'' gehabt habe. Selbstredend hätte sich 
die 28 Wochen alte Fracht nach ihrem Anfangs November erfolgten Absterben 
nicht weiter entwickeln und später den kabihts einer zwei Monate altera Fracht 
gezeigt haben können, und so liegt auch hier wieder ein ersichtlicher Wider- 
sprach in den Aussägen der Sachverständigen vor*". Nach diesen Ausführungen 
musste ich mein Gutachten dahin abgeben: „dass ein Zusammenhang zwischen 
den der Denunciantin am 27. August zugefügten Misshandlungen und der von 
ihr am 27. Januar d. J. erlittenen Fehlgeburt nicht nachgewiesen und nicht 
anzunehmen isf. 



110 § 27. yerletsungeii des Unterleibes. Casaistik. 46. Fall. 

46. Fall. Eierstocksverliärtiing, Fehlgeburt, Senkung der öeb&rmntter, 
Leistenbmcb in Folge von Kisabandlnngen. 

Aach dieser Fall war ein ziemlich verwickelter and nicht leicht aafiKokla- 
render. Vom Appellationsrichter waren mir die Baaerfrao B. Ear Untersoehang 
and die betreffenden Akten aar Information zogesandt and die fünf anten fol- 
genden Fragen aar Beaatwortong vorgelegt worden. Es handelte sich am Fest- 
stellang des arsachlichen Zosammenhangs zwischen den in der üebersdirift aa- 
gegebenen Krankheiten and angeblichen rohen Miashandlangen. Mein Bericht, 
ans dem alles ThatsachUche hervorgeht, lautete wesentlich^ wie folgt: «fik^on 
einen Tag vor den in Frage stehenden, dai^oh den Angeschaldigtea verübten 
Misshandlangen der B. geiieth dieselbe mit der verehelichten S. in Streit, wo- 
bei sie von Letzterer von einem Erdwall hmabgestossea wnrde and in ein Loch 
des Fahrweges, die S. aber aaf sie fiel, wie die Angenzeagea D. and W. be- 
kandet haben. Die B. be&nd sich aar Zeit ihrer, aoch gegen mich wieder- 
holten Angabe nach, in der sechsten Woche ihrer Schwangerschaft Ueber die 
Hdhe, aas der der Fall erfolgte, differiren die Angaben in den Akten wesentlich, 
denn während einerseits von einer Höhe des Walles von 4 Fass deponirt wird, 
behauptet die B., derselbe sei nar einen, der Arbeiter S., derselbe sei nar iVs 
Fass hoch. Aach meint die 8., sie seien beide mehr gestolpert als gefallen, 
and jedenfalls sei der Fall kein harter gewesen. Am folgenden Tage haben 
die Zengen K. and P. and die Zeuginnen E. und S. die B. noch anaoheinend 
gesund auf dem Felde arbeiten gesehn, und es ist nach alle diesem um so we- 
niger wahrscheinlich, dass die später zu erwägenden Gresundheitsbeschädigungen 
der Ezplorata von diesem Falle vom Walle hergerährt haben sollten, als eine 
andere Veranlassung dazu weit näher liegt. Am 13. Mai nämlich geschahen 
die in Frage stehenden Misshandlangen der B. durch den Angeschuldigten,* 
welche nach Angabe der Erstem darin bestanden, dass sie mit einem Stocke 
über Kreuz und Schultern geschlagen, dann niedergestossen wurde, und nun P. 
ihr mit seinem Stiefelabsatz vor den Unterleib stiess. Tu B. will in Folge 
dieser Misshandlung eine Fehlgeburt erlitten, eine mehr als vierwöchentliche 
Krankheit, dann eine Senkung der Gebärmutter und eine Eierßtocksverhärtung 
(letztere beide nach der Behauptung des Dr. S.) und einen Leisitenbmch erlitten 
haben. Letzterer steht zwar für den Unterzeichneten gar nicht in Frage, dooh 
mag es nicht überflüssig sein, wenn ich bemerke, dass die B. zwar allerdings 
einen rechtseitigen. durch ein Bruchband verschlossenen Leistenbruch hat, dass 
Jedoch die Beschaffenlieit dieses Bruches auf ein längeres Alter und Bestehen 
desselben zurückschliessen lässt, und die Annahme rechtfertigt, dass dieser 
Schaden nicht eine Folge der qu. Misshandlungen gewesen sei Die B. hat aaoh, 
wie Zeugen versichern, schon Mher über Beschwerden, namentlich über Schmer- 
zen in den Seiten, welche sie jetzt als rheumatische („n^<>°i Beissen herrüh- 
rend***) bezeichnet, und darüber geklagt, dass sie »»^hien alten Fehler**" habe, 
an dem sie alle Jahre leide (verehel. P.), oder, wie die verehel. L. deponirt, 
„„einen Innern Schaden**** habe, der sie hindere, schwere Arbeiten zu verrieb- 



§27. Verletzungen des Unterleibes. Casaistik. 46. Fall. m 

ten, woBAeh es höchst wahrscheinlich ist, dass dieser Leistenbrach schon lange 
vor der Misshandlnng bestanden habe." 

„Spuren von Stockschlägen hat der Dr. S. am Tage der Misshandlungen in 
blauen Stellen und Anschwellungen an den Annen und der rechten Schläfe bei 
der B. wahrgenommen. Ueber die Beschaffenheit des Unterleibes spricht sich 
dessen Attest de eod, nicht aas, und erst im Nachtrage vom 2. Juni erklärt der 
genannte Arzt, dass wegen der dicken Bekleidung am Unterleibe der Qemiss- 
handelten Verletznngsspuren nicht zu sehen gewesen seien. Noch am Abend 
des 18. Hai will nun die B. Blut verloren und am 15. eine Fehlgeburt 
von iVa Monaten erlitten haben, welche Dr. S. bestätigte, and dabei als „„un- 
zweifelhaft'"' angenommen hat, dass die Fehlgeburt die Folge der erlittenen 
Fusstritte gewesen. Am 20., 26. und 81. Mai fand der Arzt die Qebärmutter 
anfSBT^rieben, schmerzhaft und gesenkt, und im Aodienztermine vom 8. Novem- 
ber pr. fögt derselbe hinzu: dass „„später*'*' ~ wobei ein Termin nicht näher 
angegeben wird ~ zu dieser „„Senkung"** noch eine „j^Eierstocksverhärtung'**' 
getreten sei. Diese Krankheiten und ihr Zusammenhang mit den Misshandlun- 
gen sind fär den Unterzeichneten in der Appellationsinstanz — nachdem der 
Angeschuldigte in erster Instanz zu einjjUiriger Gefängnisstrafe verurtheili wor- 
den • in Frage gestellt/ 

„Bei der Untersuchung der verehel. B., welche 48 Jahre alt ist und neun 
Kinder geboren hat, habe ich jetzt eine „„Senkung der Gebärmutter"" nicht 
mehr wahrgenommen. Dieselbe verhielt sich vielmehr nach ihrer Stellung, 
wie nach der Beschaffen))eit ihres Scheidentheils genau so, wie sie sich stets 
bei Frauen nach vielfachen Geburten zu verhalten pflegt. Dagegen ist ein 
massiger Vorfall der Scheide rechter Seits vorhanden, und mag das angebliche 
Gtefühl vom zeitweiligen Pressen in den Geschlechtstheilen , welches die B. zu 
empfinden behauptet, mit dieser, an sich geringfügigen Anomalie zusammen- 
hängen, welche bei Weibern nicht selten ist, und in keiner Weise auf die qu. 
Misshandlungen bezogen werden kann. Hiemach erledigen sich die mir vorgelegten, 
auf die „„Senkung der Gebärmutter''" bezüglichen Fragen von selbst. Dage- 
gen lässt sich bei der ExploratA an der linken Bauchseite in der Nähe des 
Nabels eine harte Stelle vom Umfange eines massigen Apfels durchfühlen, und 
will die B. beim Druck darauf schmerzhafte Empfindungen haben. Es ist ge- 
wagt vom Dr. S., diese Anschwellung consequent als „„Eierstocksverhärtnng"" 
zu bezeichnen, da ein derartiges Uebel, zumal in der ersten Zeit, ungemein 
schwierig zu diagnosticiren und seine Verwechselung mit anderartigen Ge- 
schwülsten in der Bauchhöhle sehr leicht möglich ist und täglich vorkommt. 
Am wenigsten würde ich mich herbeilassen, nach einer einmaligen, wenn auch 
gründlichsten Exploration diese Ansiclft zu theilen, die nur erst nach längerer 
Beobachtung einer solchen Krankheit befestigt werden kann. Die Erwägung, 
dass die bezeichnete Stelle, an welcher die Anschwellung fühlbar, sehr nahe 
der MittelUnie des Bauches ist, dass Eierstocksverhärtungen sich in der Regel 
nur sehr langsam entwickeln, während hier erst eine verbältnissmässig nur 
kurze Zeit verfiossen ist, dass endlich Eierstockskrankheiten in der Mehrzahl 



112 §27. YerletEongen des Unterleibes. Casuistik. 46 u. 47. Fall. 

der Fälle nicht ans äussern Veranlassungen, sondern aus Innern Ursachen ent- 
stehen, spricht nicht dafür, dass die qu, Misshandlnngen eine „»Eierstocksver- 
härtung'*" bei der B. veranlasst haben. Dagegen bleibt das Bestehn einer ent- 
zündlichen Anschwellung im Unterleibe der Ezplorata unzweifelhaft, und kann 
die Möglichkeit, ja in Betracht, dass Fusstritte vor den Unterleib nicht selten 
eine derartige Folge haben, die Wahrscheinlichkeit, dass auch hier ein der- 
artiger Zusammenhang vorliege, nicht in Abrede gestellt werden. Ein bestimm- 
terer Ausspruch meinerseits ist nicht möglich, da über die Zeit des Entstehens 
der Geschwulst und ihres Verlaufes gar Nichts aus den Akten constirt, und die 
Angaben der B. darüber ganz unzuverlässig sind." 

«Dass endlich die B. eine Fehlgeburt am 15. Mai pr. erlitten, muss ich 
nach allem Vorliegenden als festgestellt annehmen. Aus der blossen körper- 
lichen Untersuchung derselben hat sich auch nicht mit einiger Wahrscheinlich- 
keit darüber ein Urtheil fällen lassen, da, wie bemerkt, die B. bereits neun 
Mal friiher geboren hat, und die Zeit nach der angeblichen Fehlgeburt bis 
heute (dreizehn Monate) eine viel zu lange ist, als dass man erwarten könnte, 
unter solchen Umständen die charakteristischen Zeichen des Abortus am Kör- 
per aufzufinden. Auffallend bleibt eine Fehlgeburt bei einer Fran^ die, wenig- 
stens nach ihrer Angabe gegen mich, niemals früher eine dergleichen erlitten, 
sondern neun reife Kinder geboren hat, und wenn immerhin dennoch eine 
solche auch in der zehnten Schwangerschaft aus rein innem Ursachen wohl 
erfolgen konnte, so erscheint es doch, in Betracht, dass rohe Misshandlnng des 
schwängern Unterleibes, zumal in der frühsten Zeit der Schwangerschaft^ leicht 
Abortus veranlasst, und in Betracht namentlich, dasei hier der Abortus fast 
unmittelbar auf die Misshandlung gefolgt ist, gerechtfertigt, einen Causal- 
zusammenhang zwischen beiden anzunehmen.*' 

„Es. dürfte motivirt erscheinen, wenn ich nach vorstehenden Ausführungen, 
die mir vorgelegten Fragen einigermaassen abgeändert und zwar dahin be- 
antworte : 

1) dass die B. an einer entzündlichen Geschwulst im Uuterleibe leidet; 

2) dass diese Geschwulst vor dem 18. Mai 1861 wahrscheinlich noch nicht 

vorhanden gewesen, sondern wahrscheinlich eine Folge des ^ Fuss- 
trittes sei; 
8) dass der Abortus der B. als eine Folge dieser Anschwellung nicht zu 
erachten sei; 

4) dass vielmehr die Frühgeburt der B. eine Folge der gegen den Unter- 

leib erhaltenen Stösse gewesen, und 

5) dass eine Senkung der Gebärmutter bei der B. jetzt nicht vorhanden itt,^ 
Nach diesem Gutachten wurde erkannt. 

47. Fall. HiuahBtoBsen yoe der Treppe. Tritte in's Kreuz. 
Ahortns. 
Das 28jährige Dienstmädchen K. war am 6. August von ihrem Herrn eine 
Treppe hinuntergestossen und in*s Kreuz mit Fusstritten tractirt worden, an 



§87. VerletKangen des Unterleibes. Cftsoistik. 48— 49. Fall. HS 

welcher Stelle der Arzt am folgenden Tage schmerzhaft geröthete Stellen iknd. 
Sie war znr Zeit drei Monate schwanger. Schon am folgenden Tage stellte 
sieh ein geringer Blntfluss aus den Genitalien ein, welcher andauerte, bis am 
IS. September angeblich der Abgang von äusserst stinkenden Blatklnmpen 
n. s. w. unter Schmerzen erfolgte, in denen der behandelnde Arzt Fmchttheiie 
erkannt hatte. Die E. blieb sehr schwach und arbeitsunfähig, und ich fiind 
sie noch am 16. Oktober sichtlich schwach und bleich und blutleer. Mehr noch 
sprach ffir die Wahrheit ihrer Angaben der noch im geringen Maasse Torhan- 
dene Iiochialflnss und die rundliche Oeffhung des äussern Gtebärmuttermundes 
(ohne Einkerbungen) bei dieser fHiher nie Qeschwängerten, in welche Oefhiung die 
Spitze des ZeigeHngers bequem eindrang. Der so kurze Zeit nach der Er- 
schfittemng des tUerus eingetretene Blutabgang und der spätere Abgang der 
Frucht, die sieh hier etwas ungewöhnlich bis zur Verwesung im tOerus gehalten 
hatte, zusammengehalten mit der Art von Misshandlnngen, die wohl geeignet 
waren, Fehlgeburt grade in so firuher Zeit zu bewirken, musste die Annahme 
eines wirkliehen Causalnexus zwischen Beiden begründen. Hiemach war 
dann ans den oben angeführten Gründen eine , erhebliche Verletzung* anzu- 
nehmen. 

48. Fall. Schlai^ mit einem Brett in die Milsgegend. 

Wittwe B., die sieh als Krankenwärterin ernährte ^ war am 16. December 
misshaodelt, namentlieh mit einem Plättbrett in die linke Seite geschlagen wor- 
den und wollte danach Blut gehustet und die unten folgenden Beschwerden 
davongetragen haben. Bei meiner Untersuchung yiertehalb Monate nach dem 
VorfiUi vermochte die Verletzte noch nicht ohne Beschwerde zu gehen, hatte 
einen etwas hinkenden Gang, klagte über Athembesch werden, Druck in der 
linken Seite unter der Brust und Unfähigkeit, ihr Gewerbe als Krankenwärte- 
rin zu betreiben, da sie keinerlei anstrengende Arbeiten verrichten könne. Alle 
diese Angaben waren, vollkommen glaubhaft, denn ich fand eine sogar schon 
äusserlioh sieht- und sehr fühlbare Anschwellung der Milz, die alle geschilder- 
ten ZuföUe sehr erklärlich machte. Dass diese bedenkliche innere Krankheit, 
deren völlige Beseitigung kaum zu erhoffen war, eine wirkliche Folge von hef- 
tigen Schlägen mit einem Brett auf die Milzgegend gewesen sei, war um so 
weniger zu bezweifeln, als die B. fHiher gesund gewesen war und ihre Klagen 
erst von der Misshandlung her datirt hatten. Der ,, erhebliche Nachthell für 
die Gesundheit** und zugleich die „längere Arbeitsunfähigkeit'' waren zweifellos, 
und die Verletzung darnach eine „erhebliche**. 

49. Fall. Knieen auf den Bauch. Gehärmntter-Bntzttndnng. 

Ich hatte den Fall nur nach den Akten zu beurtheilen. Die verehelichte 
N. wollte am 20. Juli durch Misshandlungen des Schlossermeisters S., nament- 
lich durch Zerren in den Haaren, Schläge an den Kopf und besonders durch 
dessen Knieen auf ihren Leib so beschädigt worden sein, dass sie noch jetzt 
(nach fünf Monaten) zu leiden vorgab, nachdem sie 6 Wochen lang im Hanse 
Caspar, kliaifclk« Not«U«b. 8 



114 M7. Yerletzimgeii des Uoterleibes. Caraistik. 60. Fall. 

und fast fünf Wochen lang in der Charite äntUch behandelt wordoi war. 
Was zunächst die Thatsache der Missliandlnng betrifft, so haben zwar die vier 

Zeuginnen nnr gesehn, dass Beide, die K. and der Angesehnldigte beim 

Ringen auf einen Strohsack niederfielen; dagegen beknnden allerdings fünf an- 
dere Zeugen, die nnd der Lehriing L., dass sie gesehn, wie 8. mit sei- 
nen Knieen anf den Leib der N. zn liegen gekommen nnd in dieser Lage 10 
bis 16 Minuten, Ja, wie der Lehrling sehr imwahrscheinlich, da die Kämpfenden 
bald getrennt wurden, deponirt, wohl eine Stande lang(l) liegen geblieben sei. 
Gewiss ist, nach dem Zeugnisse des Dr. Y., dass die N. schon am folgenden 
Tage, 21. Juli, bei ihm ärztliche Hülfe wegen Schmerzen im Leibe u. s. w. 
nachgesucht, und dass er dieselbe bis zum 7. September behandelt hat Nach 
seiner Schilderung litt die N., abgesehn Ton nicht mehr in Frage kommenden 
„Beulen^ am Kopf, an einer entzündlichen, schmerzhaften Affektion der 6e- 
bärmatter, gegen die er Örtliche Blutentziehungen n. s. w. anwandte. Noch 
wichtiger war für meine Beurtheilung das Krankei^oamal der Charit^, wo die 
N. am 8. September aufgenommen wurde, und wo man sie mit einer Anschwel- 
lung der Gebärmutter und mit granulöser Entzündung des Gebärmntterhalses 
behaftet fand und demgemäss ärztlich behandelte. Dergleichen objectiv erho- 
bene Befunde schlössen die Annahme einer blossen Simulation ans. Dass je- 
doch die Denunciantin ihre subjectiTen Klagen sehr übertrieb, schien aus dem 
Fundbericht des Geburtshelfers Dr. K. vom 20. August c. hervorzugehn, der bei 
seiner Untersnchung eine Uebereinstimmung zwischen den sabjecttven und 
objectiyen Erscheinungen Tcrmisst zu haben angab. Dennoch blieb das Resul- 
tat der ärztlichen Untersuchung in der Charit^ bestehn, nnd ging daraus her- 
Tor, dass dieselbe nach dem 20. Juli von einer Entzündongskrankheit der Ge- 
bärmutter befallen worden war, von welcher ich nach Lage der Akten an- 
nehmen musste, dass dieselbe vor der gu. Misshandlang noch nicht yorhanden 
gewesen war. An dieser Krankheit hatte also die N. monatelang gelitten, und 
sonach einen „erheblichen Nachtheil an ihrer Gesundheit'' erlitten. Ausser- 
dem war nothwendig durch die Krankheit die Patientin Monate lang, also 
„längere Zeit arbeitsunfähig** gewesen. Das Knieen anf den Unterleib aber 
war wohl geeignet, eine solche Krankheit der Gebärmutter herbeizuführen, 
and lag Nichts vor, das verhinderte, hier einen Causalnexns zwischen der Miss- 
handlnng und der danach eingetretenen Krankheit anzunehmen. Hiemach er- 
klärte ich die qu, Misshandlung als eine erhebliche im Sinne des ( 192 a. des 
Strafgesetzbnehs. 

50. Fall. Stoss vor den Bauch. LeiBtenbrnch? 

Der zwölQährige Knabe H. sollte vier Wochen vor meiner Untersuchung 
von einem andern Knaben mit einem Schlüssel vor den Bauch gestossen worden 
sein, nach dem ärztlichen Attest danach fieberhaft erkrankt und einen doppel- 
ten Leistenbruch davongetragen haben. Ich fand den Knaben noch im Bett 
und noch nicht im Stande zu stehn und zu gehn, denn beide Leistengegenden 
waren noch entzündlich geschwollen, aber ein Bruch auf keiner Seite vorhanden. 



§27. Verletxungen des Unterleibes. CasoiBtik. 61— 63. Fall. 115 

Bei der dvroh die Verletzimg aber gesetiten .langem Arbeitsunfähigkeit* 
(Sehnlbesnch) war sie dennoch eine ^erhebliche'' im strafrechtlichen Sinne. 

51. Fall. Knieatosfl Tor den Bauch. Leistenbrnoh. 

flier war wirklich ein (linksseitiger) Leistenbruch yorhanden, den die 
88jährige Fran von einem Stoss mit dem Knie in diese Gegend erhalten haben 
wollte. Ich fand in ihr aber eine Person mit einem höchst bedeutenden, gani 
genmielten Hängebanch in Folge Yon neun Entbindnngen, den siemlich grossen 
Brach leichtest reponirbar, und den Banchring bedentend erweitert Unter 
diesen Umständen erklärte ich es fttr nicht wahrscheinlich, dass der Brach eine 
Folge der Misshandlnng gewesen, für yiel wahrscheinlicher, dass er in Folge 
der Tielen Qebnrten entstanden seL 

52. Fall. Fusstritt vor den Bauch. Leistenbruch. 

Dieser war dem vorigen ganz ähnlich. Er betraf eine 40JiUirige Mutter 
sweier Kinder, die in Folge eines vor awei Monaten erhaltenen Fosstritts in 
die rechte Weiche einen Brach bekommen haben wollte. Es war ein Wallnnss 
grosser, leicht reponibler Leistenbrach, der anmUus sehr erweitert Ich er- 
klärte, dass der Brach viel älter sei, als angegeben worden, nnd die Fran 
räumte im spätem Andienatermin ein, dass sie zwar früher nnd lange vor der 
Misshandlnng schon öfter Beschwerden beim Gehen empflmden, einen Brach 
aber niemals wahrgenommen habe. Diese letztere Angabe konnte mein Gut- 
achten nicht erschnttem, wofür ich den Grand im nachfolgenden Gutachten 
(68. Fall) angegeben habe. 

53. Fall. FussBtoBs gegen den Unterleib. Leistenbruch. 

Der Fall kam mir in der Appellationsinstans yor, in welcher ich zu einem 
tuperarbUrium über das Gutachten eines auswärtigen Kreisphysikus aufgefordert 
wurde. Der Bäckergesell Carl, zur Zeit der Misshandlung ,20 Jahre alt, und 
nach Angabe des Dr. 0. von schwächlicher Constitution, erhielt in der Nacht 
vom 14. zum 16. Juni 1860 vom Verklagten und r Appellanten ein Paar heftige 
Ohrfeigen und gleich darauf stiess Letzterer ihm zuerst mit dem Fuss gegen 
die hintere Seite des Körpers und endlich so heftig gegen den Unterleib, dass 
er angeblich sofort einen heftigen Schmerz gefühlt und laut aufgeschrieen habe. 
An demselben Tage will er da, wo ihn der Verklagte gestossen, eine heraus- 
getretene Stelle am Bauche wahrgenommen und diese Stelle bald darauf auch 
dem Zeugen B. gezeigt haben, der sofort einen Brach erkannt habe. Gewiss 
ist, nach dem Atteste des Kr.-Physic. Dr. £. zu A., dass er bei des letitera 
Untenniehung am 24. Juni, also 10 Tage nach der Misshandlung, rechter Beits 
einen „erst im Entstehen begriffenen, leicht reponibeln'^ Leistenbrach hatte, 
zu welchem sich später ,noeh ein Leistenbraoh linker Seits angefunden hat*", 
welchen doppelten Leiftenbrach auch der Dr. 0. bei Carl gefunden zu haben 
am 28. August bestätigte. Für mich war nur allein die Frage zu beantworten: 
ob der Bruch des Bäckergesellen Carl zu O. durch die von klägerischer Seite 

8* 



116 i 37- VerietsimffeB des Uateridbes. Casoirtik. 68. FaU. 

behaupteten Micahandliiii^eii, iiubeaondere den angebliehen Stoas henroifebracht, 
oder müidestenB wahndieinlich anf andre Weiae entstanden Ist? ,Ieh kann 
Bonach*', sagte ich, „die anderweitigen angeregten Fragen, namentlich die iiber 
die Erwerbsfähigkeit des Carl, und iiber die Dignitat des Braches in stra^- 
setzlieher fieziehnng am so mehr auf sieh berahn lassen, als einmal augen- 
scheinlich in letsteror Bedehnng die Annahme des Dr. £., dass dieser Brach 
eine .«schwere Yerietsang''* sei, irrthömUch ist, indem keine der Kntegorleen, 
welche der § 198 des Strafig. den .«schweren Körperrerletsangen**' Tindiciit, 
anf Leistenbrfiche Anwendnng finden, welche namentlich weder die Zeognnga- 
fi&higkeit rauben, noch anch — weder nach den Interpretationen der wiSMB- 
schaftlichen Deputation Ittr das Medicinalwesen, noch des Obertribunals ~ 
eine „„Verstfimmelnng''^ genannt werden können, und andrerseits, weil ich nach- 
weisen werde, dass überhaupt ein Causalnezus zwischen dem angebliehen Stoss 
und den vorhandnen Leistenbrüchen nach wissenschaftlichen Gründen nicht 
angenommen werden kann. — Leistenbruche entstohn erfhhrungsgemass unge- 
mein h&ufig ganz spontan, indem der Bauchring sich erschlafft und erweitert 
und dann die hinterliegenden Därme sieh herrordrängen. Ganz besonders geben 
Veranlassung dazu allgemeine Schlaffheit der Constitution — wie sie dem Cari 
eigenthümUch sein soll — und heftige, besonders anhaltende Körperaastreaiguii- 
gen aller Art In letzterer Besiehung ist festzuhalten, dass Kläger das Bäeker- 
handwerk treibt, bei welchem fortdauernd duroh Heben tou Lasten, Bfloken 
und Aufrichten u. s. w. heftige Körperaastrengungen bedingt werden. Derselbe 
war sonach doppelt zu Brüchen disponirt, und der Umstand, dass sieh bei ihm 
nach dem zuerst entstandnen ein zweiter Bruch ausgebildet hat, beweist 
sehr einleuchtend eine besondere Disposition zur Ausbildung von Bruchschäden 
bei ihm. Dagegen lehrt eine unbefangen gewürdigte Erflahrung, dass Brüche 
weit seltener, als gewöhnlich selbst von Aerzten angenommen wird, Ja un- 
gemein selten durch äussere Veranlassungen, namentlich Misshandlungen, ver- 
anlasst werden. Wenn dies der Fall, so werden dann auch erfohrungsgemäoa 
andre Erscheinungen, resp. ein andrer Verlauf eintreten, als hier beobachtet 
worden, nämlich ein entzündliches Leiden, äusserlich wahrnehmbare Spuren 
derVerletzangu.dgLm. Sehr bezeichnend aber ist es, dass der Kr.Phys. Dr.£. 
den ersten, angeblich sofort nach dem Fusstritt entstandnen Leistenbraeh 
schon nach 10 Tagen, während welcher gar Nichts heilärztliches geschebn 
war, »«leicht reponibel^'' fltnd, was nicht für einen durch gewaltsamen Ein- 
griff frisch entstandnen, sondern für einen bereits länger bestandnen Bmcli 
spricht. Der Umstend, dass Kläger selbst bald nach dem Fusstritt eine er- 
höhte Stelle wahrgenommen haben will, und dass der B. diese Beobachtung 
bestätigt, kann hiergegen nicht eingewandt werden. Es ist eine alltägliche 
Er&hrung, dass Menschen , namentlich aus den niedem Volksklassen, die ni<^t 
gewohnt sind, sehr ängstlich und sorgfältig auf ihre Gesundheit zu achten, 
lange Zeit, selbst Jahr und Tag, „„kleine"" Brüche haben — einen solchen 
ftind Dr. £. — ohne es zu ahnen, und erst bei irgend einer Veranlassung da- 
rauf aufmerksam werden. Ich kann versichern, sehr zahlreiche Fälle der Art 



§28. Yerletsmigen der Oesehlechtstheile. 117 

selbst beobachtet so haben. Wenn nnn Carl einen Fnaatritt gegen seinen 
schon bestehenden «,kleinen*<*< Leistenbruch bekam, so war eine solche Ver- 
aalassnng gegeben, indem der entstandene Schmerz ihn auf Besichtigung der 
Stelle hinführen musste. Weiter aber ist aach die Entstehung des zweiten 
Leistenbruches im Laufe der Zeit bei dem Kläger ein sehr augenscheinlicher 
Stützpunkt für die Annahme, dass der erste Bruch nicht durch Gewaltthatig- 
keit, welche die Entstehung Jenes zweiten Bruches ganz unerklärlich machen 
wurde, sondern vielmehr eher in Folge der schon erwähnten Disposition des- 
selben zu Bruchscliäden, entstanden sei. Es ist ganz richtig, wenn der 
Dr. E. anführt, dass gern sich zu einem ersten Leistenbruch ein zweiter ge- 
sellt. Allein dies ist eben nur der Fall bei Menschen, die zu Brüchen dispo- 
nirt sind, und bei denen der Bauchring auf der einen Seite eben so gut er- 
schlafft, als auf der andern. Wenn aber der Bauchring einer Seite durch eine 
mechanische Gewalt auseinander ge^errt wird und ein Bruch durch diese Ge- 
walt entsteht, so bleibt selbstredend der Bauchring der gegenüberliegenden 
Seite ganz nnbetheiligt und kann sonach durch die Verletzung hier ein zweiter 
Bruch im Laufe der Zeit nicht bedingt werden. Dass endlich das ««Paar 
Ohrfeigen*" * und selbst der angebliche Fussstoss vor die hintere Seite des 
Körpers die qu. Leistenbrüche nicht haben erzeugen können, wird einer weitem 
Erörterung nieht bedürfen^. Nach diesen Ausführungen gab ich mein Gut- 
achten dahin ab: dass der Bruch des Bäckergesellen Carl zu 0. durch die Ton 
klägerischer Seite behaupteten Misshandlnngen, insbesondere den angeblichen 
Stoss, nicht henrorgebracht worden sei. 

§ 28. 
Terletnmg«! der Oeiohleohtithefle. 

Diese Verletzungen sind unter den Verletzungen der äussern 
Eörpertheile die allerseltensten. Es ist dies erklärlich aus der 
sehr geschlitzten Lage der Genitalien am Körper sowohl, wie 
aus dem Schutz , den ihnen die Bekleidung , namentlich hei Wei- 
bern, gewährt. Jeder weiss auch, wie ungemein reizbar und 
empfindlich diese Organe sind, und deshalb setzt ein Angriff 
gegen sie schon immer eine ganz besondere Rohheit voraus. Dass 
diese eine wirklich viehische, also glücklicherweise seltene, wer- 
den kann, zeigen der in der Casuistik des § 52 I. des Handbuchs 
erzählte und der hier folgende 54. Fall. Eine alltägliche 
Verletzung der Geschlechtstheile ist allerdings — die Verletzung 
und Zerstörung des Hymen ^ und oft genug ist mir bei Nothzuchts- 
fällen in foro die Frage von der strafgesetzlichen Würdigung 
dieser, in solchen Fällen widerrechtlich zugefügten Verletzung 
vorgelegt worden. Im gerichtsärztlichen Siane kann aber die 



]lg § 28. Verletzaogen der Qeschlechfstheile. 

Entjungferung gar nicht „Verletzung** genannt werden, 
i^eil kein einziges der in allen Strafgesetzgebungen den verschie- 
denen Verletzungen beigelegten Prädicate auf dieselbe anwend- 
bar ist. Sie ist weder eine „Verunstaltung'*, noch eine „Ver- 
stümmelung**, diese nicht, weil sie keine Functioasstörung mit 
dem und durch den Defect des Körpertheils bedingt (Handb. I 
§§ 43, 44). Sie bedingt auch keine „Krankheit **, keine „Arbeits- 
unfähigkeit**, keine „Beraubung der Zeugungsfähigkeit**, kein 
„immerwährendes Siechthum" u.s.w. — Bei der forensischen Wür- 
digung anderer und wirklicher Verletzungen der Geschlechtstheile 
können natürlich nur die speciellen Fälle maassgebend sein, die 
in solcher Mannichfaltigkeit vorkommen, dass die Verletzung 
bald eine schwere und lebensgefährliche, z. B. Abschneiden des 
penis oder der Hoden, bald eine ganz leichte sein wird, wie das 
Ausreissen von weiblichen Schaamhaaren (Hdb. I Casuistik § 18) 
war. — Beschädigungen der Geschlechtstheile durch syphilitische 
Ansteckung gehören nidit in die Rubrik der Verletzungen, son- 
dern in die der Vergiftung, eine Frage, die dem Gerichtsarzt 
ebenfalls bei Nothzuchtsfällen vorkommt. 

§ 29. 

Casuistik. 

54. Fall. Verletznng der Scheide. Zerreissnng der Harnröhre und 

Harnblase. 

Die 28 Jährige Martha war am 5. Augnst Nachts mit ihrem betrunkenen 
Liebhaber, einem Schlächtergesellen zn Bett gegangen und hatte mit ihm 
den Beischlaf vollzogen. Dabei fühlte sie einen lebhaften Schmerz, der sie 
angeblich bis zum Erbrechen reizte" und eine Besinnungslosigkeit herbeiführte, 
nach deren Verschwinden sie sieh verletzt nnd blutend ans den Geschlechts- 
theilen fand. Nach des Angeschuldigten Aussage sollte derselbe nach voll- 
zogenem Beischlaf „auf die unter ihnen beiden übliche Weise*" (1) seine Hand 
in ihre Oeschlechtstheile gesteckt haben, nnd meinte er, dass dies, da er be- 
trunken gewesen, vielleicht diesmal besonders heftig gewesen sein könne. Eine 
andere Entstehung der Verletzung stellte derselbe in Abrede, während Martha 
angeblich gar nicht wusste, wie letztere entstanden sein könne. Bei der Auf- 
nahme der Verletzten in die Charit^ fand man „die rechte kleine Schaamlippe 
an ihrem obem Theil durchrissen, von dem unterliegenden Gewebe abgelöst 
und stark angeschwollen; am obem Theil des Scheidenvorhofes fand sich eine 
etwa einen Zoll von innen und oben nach aussen und unten verianfendu Wunde, 



§ 29. Verletzungen der Geschleohtstheile. Casnistik. 54—55. Fall. 119 

vrelche der obigen Abreissang entsprach nnd welche die Harnröhre und die 
Blase zerrissiDn hatte, so dass der Harn nnAreiwillig abfioss. Das Aligemein- 
befinden war got.*^ Bei meiner Untersnchnng sechs Wochen später fond ich 
die genaimte Wände schon siemlich fest vernarbt, nnd an ihren aackig-nnglei- 
ehen Bändern war noch deutlich au erkennen, dass sie mit einem scharf admei-. 
denden Werkzeug nicht hervorgebracht sein konnte und dass sie mehr einer 
gerissenen Wunde glich. Die Schleimhaut des Scheidenvorhofs war an der 
rechten Seite noch stark entzündlich geröthet, Geschwulst war nicht mehr vor- 
handen. Die Harnröhre, die, wie mir mitgetheilt worden, gleich nach der 
Verletsung sich so zuriiekgezogen hatte, dass man ihre Oeffinung nicht mehr 
hatte wahrnehmen können, war auch Jetzt nicht sichtbar. Die ärztliche Be- 
handlung, namentlich die Einbringung eines Katheters, hatte bereits so viel 
ersielt, dass die Verletzte den Urin eine Zeitlang halten konnte, der indess 
dann doch noch wieder unfreiwillig abfloss. Was nun die Dignität der Ver- 
letzung betraf so stand schon jetzt eine „längere Arbeitsunfähigkeit^ unzwei- 
felhaft fest, und um so mehr, als mit Gewissheit vorauszusehn, dass die Martha 
noch Wochen-, vielleicht sogar Monatelang im Hospital werde bleiben müssen. 
Es war auch nicht wahrscheinlich, dass sie ganz vollständig werde geheilt 
werden, vielmehr war die Wahrscheinlichkeit viel grösser, dass eine Schwäche 
den Urin zurückzuhalten oder eine Urinflstel zeitlebens bei der Verletzten zu- 
rückbleiben werde, was unzweifelhaft als ein „erheblicher Nachtheil für die 
Gesundheit** anerkannt werden musste. Hiemach war die gewiss höchst be- 
deutende Verletzung für eine , erhebliche'*, aber auch nur für eine solche nach 
Preuss. Stra^esetz zu erklären, da für dessen „schwere^ Verletzungen alle 
Bedingungen, namentlich auch die der «Beraubung der Zeugungsfähigkeit* 
fehlten. Schärfer würde sie in Oesterreich haben beurtheilt werden können, 
als „Handlung, die mit besondem Qualen für den Verletzten verbunden war,* 
wobei auch mit Wahrscheinlichkeit ein „immerwährendes Siechthnm* (Ham- 
incontinenz) hätte angenommen werden können. In Baiem würde der „blei- 
bende Nachtheil an Körper und Gesundheit*, in Würtemberg nnd Sachsen die 
„unheilbare Krankheit* mit Wahrscheinlichkeit haben angenommen werden 
können, während nach dem Hannoverschen Strafgesetz nur die Bestimmung 
von der „längere Zeit dauernden Körperkrankheit* auf den Fall passend ge- 
wesen sein würde. 

55. Fall. ZemiflsiLBg der Scheide durch einen Fall. 
Am 25. November Abends war die 28jährige Magd Auguste in eine offen 
stehende Mistgmbe mit der Hukeu Unterextremität hineingestürzt, während der 
übrige Körper ausserhalb blieb. Der Hausarzt fand bald nach dem Vorfall 
die Verletzte stark stöhnend im Bette und ermittelte: „fieberhafte Auflegung, 
Schmerzen in der Leistengegend, an mehrem Körperstellen bedeutende Quet- 
schungen und Zerrungen der Muskeln und Bänder, an der innem Seite der 
rechten Schaamlefze eine flache, Zoll lange Wunde, und Zerreissungen im 
Innern der Scheide, die mit geronnenem Blute gefüllt war** In den folgenden 



120 § so* YerletKiingen der Anne. 

Tagen traten noeh zeitweiae Blntangen ans der Scheide auf, namentlich stark 
am zehnten Tage beim ersten Yersnch des Anfetehens. Sehr schmershaft nnd 
geschwollen war zur Zeit auch noch die linke untere Banchgegend, nnd erst 
nach 14 Tagen konnte Angnste das Bett yeriassen. Neon Wochen nach dem 
Vorfiül fand ich bei meiner Untersuchung weder an den Genitalien, noch am 
Unterleibe, noch an der linken Unterextremität etwas Abnormes mehr. Doch 
gab A. an, dass sie auch jetzt noch nur mit grosser Anstrengung Treppen 
steigen könne, wobei eine Simulation um so weniger anzunehmen war, als die- 
selbe, wie so oft in andern Fällen, anderweitige Klagen ganz nnd gar nicht 
vorbrachte nnd offen einräumte, dass sie sich auf flachem Boden ganz ungehin- 
dert fortbewegen könne, wie auch ihre Klage nach der Torangegangenen In- 
sultation der Muskeln und Bänder der Unterextremität ganz glaubhaft erschien. 
Hiemach aber war die volle Arbeitsfähigkeit, wie sie vor dem Vorfall bestan- 
den, auch Jetzt noch, nach mehrem Monaten, nicht wieder hergestellt, und 
musste deshalb die „längere Arbeitsunfähigkeit" und eine ^erhebliche Ver- 
letzung" angenommen werden. 

§ 80. 
Terletnmgan der Arme. 

In Frage kommen bei diesen Verletzungen entweder znr Zeit 
der gerichtsärztlichen Untersuchung noch bestehende Brüche oder 
Verrenkungen oder Wunden aller Art, oder als Folgen der Ver- 
letzung Schwäche und Lähmung des Gliedes , langwierige Eiterung, 
Verkrüppelung des Arms, Contracturen und Ankylosen. Bei 
Splitterbrüchen kann der Gerichtsarzt bei früher Untersuchung 
auch an die mögliche spätere Nothwendigkeit der Amputation 
mit deren Folgen: Verstümmelung oder Tod denken müssen. 
Aber die forensisehe Untersuchung geschieht, der Natur der Sache 
nach, hier in der Mehrzahl der Fälle so wenig früh und bald 
nach der Verletzung, wie bei allen andern Verletzungen, Yiel- 
mehr später, wenn dem Verletzten schon ärztliche Hülfe zu Theil 
geworden, und dann tritt hier ein Umstand in Betreff angeblich 
erfolgter Brüche ein, der diesen Verletzungen eigenthümlich ist, 
der nämlich, dass dem Gerichtsarzt die Untersuchung der ange- 
schuldigten Verletzung ganz unmöglich gemacht ist, weil der 
.Vulnerat — im Gipsverbande liegt Der Arzt kann in diesen 
uns häufig Yorkommenden Fällen gewissenhaft nicht „auf seinen 
Amtseid** bestätigen, dass der incriminirte Knochenbruch wirklich 
vorhanden ; er muss ihn bona fide annehmen, dies dem Bichter 



§ 80. YerletiaDgeii der Arme. 121 

erklären, kann aber in Preussen, wenn das Urtheil nicht bis nach 
Entfernung des Verbandes hinausgeschoben werden kann, schon 
jetzt, aber vorbehaltlich der Möglichkeit eines Irrthums in der 
Diagnose Seitens des behandelnden Arztes — er ist sich diesen 
Vorbehalt schuldig! — und vorbehaltlich einer andern Würdigung 
der Verletzung in ihren spätem Folgen, dieselbe als eine straf- 
gesetzlich „erhebliche'^ erklären, da nach Anlegung eines Gips- 
verbandes die „längere Arbeitsunfähigkeit^ jedenfalls von vorn 
herein unzweifelhaft ist. Mit derselben Zuversicht und denselben 
Vorbehalten können , nach Lage ihrer Strafgesetzgebung , bei Ver- 
letzten, die sie im Gipsverband antreffen, die (Terichtsärzte in 
Oesterreich annehmen: eine Berufsunfähigkeit von mindestens 
SOtägiger Dauer, in Baiem eine nicht mehr als 60 Tage dauernde 
Arbeitsunfähigkeit, in Hannover eine länger dauernde, in Würtem- 
berg eine vorübergehende Untttchtigkeit zu den Berufspflichten, 
m^Uirend die Sächsischen Aerzte wenigstens die Möglichkeit von 
nachtheiligen Folgen für die Gesundheit des Verletzten erklären 
können. — Ist der gänzliche oder theilweise Verlust des Arms 
durch die Verletzung und deren Folgen (Exarticulation, Ampu- 
tation) herbeigeführt, dann ist der Verletzte unzweifelhaft in 
Preussen, Oesterreich und Sachsen verstümmelt, da deren Straf- 
gesetz den Begriff „Verstümmelung'' aufstellt, während die Gerichts- 
ärzte in Oesterreich, Würtemberg und Hannover noch den Vor- 
theil haben, dass ihre Gesetzgebung ausdrücklich den Verlust 
eines Armes (Hannover zwar: „beider Arme", aber auch „Eines 
Gliedes**) erwähnt. Baiem hat als passende Bestimmung nur die 
mehr als 60 Tage dauernde gänzliche oder theilweise Arbeits- 
unfähigkeit und den bleibenden Nachtheil am Körper. — In Be- 
treff der veralteten, unheilbar gewordenen Luxationen, Con- 
tracturen, Ankylosen, und Verkrüppelung des Arms 
(nach schlechter Heilung) als Verletzungsfolgen zeigt sich aber- 
mals der grosse Abstand der Preussiscben gegen die übrigen 
Deutschen Strafgesetzge^ungen. Bei uns können diese schreck- 
lichen Folgen immerhin nur als „erhebliche'* Nachtheile, die vor- 
angegangene Verletzung demnach nur als „erhebliche", nicht als 
„schwere" erklärt werden, (was eine sehr bedeutend verschiedene 
Strafausmessung bedingt (vgl. § 11), es sei denn dass der Richter 



122 § 30. Verletsnngen der Arme. Casiiutik. 66. Fall. 

den Aaspruch des Obertribimals sich za eigen machte , nach wel* 
chem „eine Yerstünunelung^ (d. L eine schwere Körperverletzung) 
„anch da angenommen werden kann, wo ein zu wesentlichen 
Functionen bestimmtes Glied, ohne Trennung desselben vom 
menschlichen Körper seiner Thätigkeit völlig beraubt ist*^*). Mit 
scharfen Strafen dagegen bedrohn Verletzungen mit schweren 
Folgen wie die hier genannten: Oesterreich, wo speciell genannt 
sind, und der Gerichtsarzt annehmen würde: eine bleibende 
Schwäche des Arms, resp. auffallende Verunstaltung, Baiem den 
bleibenden NachtheU, Würtemberg die unheilbare Krankheit, resp. 
völlige und bleibende Unbrauchbarkeit zu den Berufsarbeiten, 
Sachsen die auffallende Verunstaltung reap. völlige Unbrauchbar- 
keit zu den Berufsarbeiten , und Hannover die beträchtlidbe Ver- 
unstaltung, reap. völlige u. s. w. (grade wie Sachsen). — Die Art 
der Misshandlung, wodurch ein Knochenbruch herbeigeführt wurde, 
das mehr oder weniger gewaltsame Hinwerfen, die Beschaffenheit 
des verletzenden Werkzeugs ist nicht erheblich für das gerichts- 
ärztliche Urtheil. Es kommt hierbei mehr auf die Kraft an, mit 
welcher das Werkzeug geführt wurde, so wie auf die Individua- 
lität des Verletzten. Diese Bemerkung hat ebenfalls einen practisch- 
forensischen Werth, namentlich in solchen häufigen Fällen, in 
denen bei allgemeiner Schlägerei zwischen Mehrem über das 
verletzende Instrument, das den Armbruch verursachte, Zweifel 
und Bedenken erhoben werden, wenn A. sich nur eines Stockes, 
B. eines Eisenstücks, C. eines Brettes u. s. w. bedient hatte, 
Zweifel, die dann der Gerichtsarzt zu lösen aufgefordert wird. 

§ 31. 
Catuittik. 

56. Ms 61. Fall. Anabrüche nack Verletzungen. 
66. Am 2. Juli war A. mit einer Wagenrunge geschlagen worden. Am fol- 
genden Tage zeigte sich in der Charit^ ein einfacher Querbmeh des linken 
Ellenbogenknochens, ohne Zersplitterung. Der ^rach war bis zum 8. Angoat 
vollständig geheilt Nach zwölf Wochen fand ich bei dem iOjälirigen kräftigen 
Mann eine Spnr des Bruches nicht mehr vor, wohl aber eine fühlbare Span- 



§S0. Yerletznngen der Arme. Casuistik. 57— 62. Fall. 123 

Bimg der Beugesehneii des linkeB Vorderarmes, so dass A. den Arm noch nieht 
▼ollständig biegen oder gebogen in die Höfie bringen konnte, also noch Jetst 
nicht im Stande war, seine frühem „Arbeiten*' als Kutscher oder Arbeitsmann 
an yerriohten. 

57. I>er doppelte Bmch des rechten Vorderarms durch Ueberfahren war 
bei dem 1 9jährigen B. vollständig und spurlos geheilt. Er hatte aber 24 Tage 
im Bett bleiben mfissen, folglich auch eine „längere Arbeitsunfähigkeit'' 
eriitlen. 

58. Zehn Wochen vor meiner Exploration war swischen zwei Schuhmacher- 
gesellen K. und S. ein Streit ausgebrochen, wobei Ersterer den S. so zur Erde 
warf, dass er ihn seitwärts über sein Knie hin wegwarf, bei welcher Gelegen- 
heit dessen rechter Arm quer über das eine Knie zu liegen kam und zerbrach. 
In der Charit^ ergab sich ein Querbmch des Oberarmbeins dicht oberhalb der 
Qelenkkdi^e und ein Sehrägbruoh im untern Drittel des Oberarms, so dass ein 
prisnenfönniges Knoehenstuck herausgesprengt war. 27 Tage nach der Ver- 
letzung waren die Knochen „in gehöriger und fester Vereinigung*. Ich fühlte 
noch deutlich den callus. Eine Angabe des S., dass er namentlich beim Aus- 
ziehn des Drahts noch Schmerz im Arm empfände, mnsste ich als rein subjec- 
tiT dahin gestellt sein lassen, obgleich sie eine innere Wahrheit hatte. Jeden- 
foUs stand aber eine „längere Arbeitsunfähigkeit* fest. 

59. Wittwe B. hatte zwei Monate vor meiner Untersuchung durch Miss- 
liaadlnBgen einen Bruch beider linker Vorderarmknochen davon getragen, der 
wie der Augenschein ergab, hart am Handgelenk Statt gehabt hatte. Das 
Handgelenk und die ganze Mittelhand waren noch jetzt sehr angeschwollen 
und sämmtUche Finger der Hand steif und unbeweglich, so dass die Hand 
ganz unbrauchbar war. Gewiss (mindestens!) eine „längere Arlieitsunfähigkeit* 
und ein „erheblicher Nachtheil für die Gliedmassen*. 

60. Zur Untersuehmig des I7jälirigen Lehrlings K. war ich schon acht 
Xage nachher requirirt worden, nachdem derselbe von einem Betrunkenen um- 
gerannt, auf das Strassenpflaster niedergefallen war, und nach dem Attest der 
Kxankenhausärzte den linken Vorderarm gebrochen hatte, der früher schon 
sweimal gebrochen, aber Töllig geheilt und brauchbar gewesen war. Ich 
fimd den Kranken im Gipsverband. Die „längere Arbeitsunfähigkeit** war aber 
sehen jetit eben so sicher anzunehmen, als 

61. bei dem 60 Jahre alten Schiffer L., der bei einer allgemeinen Prügelei 
mit seinem Bruder (Kopfverletzung) gemisshandelt, und dem beide Knochen 
des linken Vorderarms nach dem Journal des Hospitals gebrochen worden 
waren, und den ich gleichfalls noch im Gipsverband fand. 

In allen diesen Fällen lagen — nach den oben angeführten Gründen, „er- 
hebliche Verletzungen* vor. 

62. bis 68. Fall. Amyerrenknngen nach Misshandlungen. 

62. Der Ziegelbrenner M. war mit einem Kameraden am SO. Juni in Streit 
gerathen, und war gegen die Stubenthür geschleudert worden, wobei er mit 



124 § 81* Verletsimgeii der Arme. CaBuistik. 6S— 66. Fall. 

der linken Sohnlter »gegen einen Gegenstand^ Btteas nnd m Boden fiel. Die 
ohimrgiBcbe Klinik bescheinigte eine Ansrenkong des linken Oberarmes ans 
dem Schaltergelenk, und der Verletzte blieb bis sam 28. Jnii dort in Behand- 
lung. Im Atteste der Klinik vom 14. August wurde bescheinigt, dass M. »noch 
Jetzt'' — also sechs Wochen nach der Misshandlnng — »die volle Gtobranchs- 
fähigkeit seines Arms noch nicht wiedererlangt habe.' Ich sah ihn erst dritte- 
lialb Monate nach dem Yorflill, l^nd den Arm vollständig eingerenkt und frei 
beweglich, nnd hörte nur von M. , dass er ihn noch nicht nach oben hin gans 
frei austrecken könne. Die Verletzung war ein^ »erhebliche^. 

68. Frau W., vor sieben Wochen mehrfach gemisshandelt, klagte noch Jetst 
über Kopfischmerzen von einer Verletzung, die durch eine Narbe bekundet 
wurde, und über Schmerzen in der linken Schulter beim Aufheben von Gegen- 
ständen mit dem linken Arm, so wie behn Hochstrecken desselben. Eine Yer- 
renknng des linken Oberarmes mit Quetsohung des Schaltergelenks war vom 
behandelnden Arzte bescheinigt. Sparen davon aber Jetat nicht mehr vorhanden. 
„Erhebliche Verletzung." 

64. n. 65. Fall. Chronische Armheinhantentzündiuig nach Schlägen. 
64. Mit einem baumwollenen Begenschirm (I) war ein Dienstmädchen acht 
Wochen vor memer Exploration mehrfhch über den liidcen Vorderarm geschla- 
gen worden. Nach dem ärztlichen Attest hatte sich Gesehwulst des (Hledes 
und Sttgillation eingestellt; die Verletzte klagte aber noch jetzt über Sohmenea 
im Arm, der beim Druck, bei welchem man Anschwellung des Periost wahr- 
nahm, erheblich zunahm, und dass sie deshalb noch nicht waschen, Wasser 
tragen könne u. s. w. Also »längere Arbeits- {alku Berofih) Unfähigkeit* und 
»erhebliche Verletzung^. 

66. Viemndswanzig Tage vor meUiem Besuch war die Arbeitiftaui A. aar 
Erde geworfen nnd mit Fnsstritten gemisshandelt worden. Sie klagte noch 
jetzt glaubhaft über Schmerzen in der Oberbauchgegend, die mit Schröpfkopf- 
narben bedeckt war, und über Schmerzen im rechten Oberarm und Schulter- 
gelenk, an welcher Stelle erst am TagQ vorher wieder Schröpfköpfe angesetzt 
gewesen waren. Der Arm war schwer, nur mit Schmerzen und nicht nach 
allen Seiten Un beweglich, wobei, wie ich mi^ überzeugte, eine Shnnlation 
nicht anzunehmen war. Namentlich konnte sieh die A. ohne Hülfe nicht aas- 
und ankleiden, geschweige schon jetzt ihre gewohnten schweren Arbeiten wie- 
der verrichten. „Erhebliche Körperverletzung." 

§ 32. 
Verletinzigen der Hfiade. 

Die Hände, sind ein sehr hervortretender, beständig in Thä- 
tigkeit gesetzter Körpertheil, und bieten fortwährend Gelegenheit 
zu Insultationen. Sie v^erden nicht nur absichtlich durch Schläge, 



. § 82. Verletsiiiigeii der HMnde. 125 

Stiche, Hiebe verletzt, Boodem auch unabsichtlich beim Abwehren 
von gegen andre Körpertheile , namentlich den Kopf, gerichteten 
Verletzungen. Bei solchem Abwehren oder beim agressiven Angriff 
gegen den Gegner kommen auch Bisswunden in die Finger nicht 
selten Tor (Hdb. I. Casuistik § 52). Andre Yeranlassungen ge- 
ben häufig Fall mit zum Schutz Torgestreckten Händen, wobei' 
es sich besonders unglücklich treffen kann, wenn die FaUenden 
auf Glas, Scherben, spitze Steine u. dgl. fallen (68. Fall). Wie- 
der in andern Fällen sind Verbrennungen der Hände, die bei 
Manipulationen mit siedenden Flüssigkeiten oder mit Flammen 
(beim Abreissen brennender Kleidungsstücke u. dgl.) entstanden, 
ÜBteTsuchuiigsobject. Verletzungen durch Maschinen, in welche 
die Hand gerieth, kommen nur zur gerichtsärztlichen Cognition, 
wenn die Fahrlässigkeit eines Dritten in Frage kam. Die Wirkungen 
aller dieser Verletzungen sind gar mannichf altig, und man sieht 
arterielle Blutungen, erhebliche Quetschungen, Brüche und Luxa- 
tionen, Zerreissungen der Sehnen und Nerven, und als späte 
Folgen Lahmungen, Gontracturen , Ankylosen u. s. w. Im Allge- 
meinen sind die irgend bedeutendem Verletzungen der Hand, 
dieses so complicirten und wunderbar organisirten Körpertheils, 
im chirurgischen Sinne immer schwere, bedenkliche Verletzungen. 
Deshalb und weil die Hand das Instrument ist, das Millionen 
zur Unterhidtung ihres Lebens unentbehrlich, haben viele Straf- 
gesetzgebungen (Oesterreich, Würtemberg, Hannover u. s.w.) gewiss 
mit Becht die Hand oder beide Hände bei den schweren Ver- 
letzungen ausdrücklich genannt. Das Preussische Strafgesetzbuch 
nennt aber so wenig die Hände , als irgend einen andern Körper- 
theil speciell. Ausser dem „Verlust einer oder beider Hände *^ 
haben aber die andern deutschen Strafgesetzbücher noch eine 
Menge von Bezeichnungen von schweren Folgen von Verletzungen, 
unter welche sich die der Hände je nach den Umständen des 
Einzelfalls passend subsumiren lassen; Oesterreich: die „auffal- 
lende Verstümmelung oder Verunstaltung", die „Berufsunfahig- 
keit von mindestens SOtägiger Dauer", die „immerwährende Be- 
rufsunfähigkeit", Würtemberg die „Verstümmelung", oder „auf- 
fallende Verunstaltung", oder' „unheilbare Beraubung des Ge- 
brauchs eines Gliedes", oder „völlige und bleibende Unbrauch- 



126 §88. Verlegungen der Hft&de. Casuistik. 66. Fall. 

barkeit zu den Berufbarbeiten '^ , Baiem den ^bleibenden 
Nachtheil am Körper'', die „gänzliche oder theilweise Arbeits- 
unfähigkeit", Sachsen die „Verstümmelung", die „auffallende 
Verunstaltung", den „bleibetiden Nachtheil", die „völlige Un- 
brauchbarkeit zu den Berufsarbeiten", Hannover die „bleibende 
geringere Verunstaltung", die „kürzere oder längere Zeit dauernde 
Unbrauchbarkeit zu den Berufsarbeiten", die „Verstümmelung", 
die „beträchtliche Verunstaltung". Die nach der ärztlichen 
Ueberzeugung schwersten Handverletzungen werden je nach die- 
sen verschiedenen strafgesetzlichen Bestimmungen leicht unter- 
gebracht und gewürdigt, als wirklich schwere bezeichnet werden 
können. Der Preussische Gerichtsarzt hat diese Beruhigung nach 
Lage seines Strafgesetzbuches nicht. Er kann und muss wohl 
eine (strafgesetzlich) „schwöre" Verletzung mit ihren schweren 
Folgen für den Angeschuldigten annehmen, wenn durch dieselbe 
der Defect eines Handtheils, und wäre es der des Nagelgliedes 
des linken kleinen Fingers, also eine „Verstümmelung", veran- 
lasst worden; allein die unheilbare Ankylose des Handgelenks, 
die unheilbare Contractur aller Finger sind für ihn keine 
„schwere", sondern nur „erhebliche" Verletzungen (mit dem 
weit günstigem Ausgang für den Angeklagten!), denn er hat 
keine andre gesetzliche Bestimmung zur Begründung seines Aus- 
spruchs, als die des „erheblichen Nachtheils für die Gliedmaassen" 
und der „länger dauernden Arbeitsunfähigkeit". Welche Ano- 
malie! Jene „Verstümmelung" ist, unter ganz gleichen Umstän- 
den, z. B. bei zwei Schuhmachern u. s. w., vielleicht schliesslich 
nichts als eine kleine Unannehmlichkeit für den Einen Verletzten; 
diese Ankylose des Handgelenkes macht den Andern Zeitlebens 
tmglücklichl Jener war „schwer", dieser nur „erheblich'^ verletzt! 
Doch mögen das die Juristen unter sich ausfechten. Wir haben 
ihnen hier wissenschaftliches Material genug dazu geliefert, und 
die folgenden Fälle sind eine Vermehrung desselben. 

§38. 

Casuistik. 

66. und 67. Fall. Handverletzungen durch Fall. 

66. Ein Dienstmädcben hatte sich acht Tafire vor meiner Unteranchnng 

durch Fall von einem Balcon hinab nach Angabe der Aerzte in der Kranken- 



§88. Verletaungen der Hände. Casuistik. 67—70. Fall. 127 

anttalt, in der sie sieb befand, einen Bincb im Knlcen and eine Distorsion im 
reebten Handgelenk zugezogen. Dies war entzündlieb geschwollen , die linke 
Hand lag im Gipsverband. Die »länger dauernde Arbeitsunfähigkeit** war schon 
Jetzt mit Sicherheit Torauszusehn, daher Annahme einer „erheblichen Verletzung.^ 
Der Fall ist nicht weiter gerichtlich verfolgt worden. 

67. Eine 63jährige Frau war am 4. Mai niedergestossen worden, war auf 
die linke Hand gefallen, und hatte einen Bruch der Mittelhandknochen eriitten. 
Am 38. September sah ich sie in der Qeriehtsverhandiung wieder. Die ganze 
Hand war unbrauchbar geworden, denn alle Finger waren steif und unbe- 
wegUoh. Und dennoch nur „erhebliche Verletzung*'! 

68. FalL Fall mit der Hand auf Scherben. 
Koch trauriger war dieser Fall, weil er einen erst sieben Jahre alten 
Kaaben betraf. Er war zwei Monate vor meiner Besiohtignng mit der rechten 
Haad auf einen zerbrochenen Blumentopf gefallen. Die Wunde war Jetzt ge- 
keilt, und eine anderthalb Zoll lange, feine zackige Narbe verlief vom Daumen- 
ballen abgehend in die Handfläche hinein. Zeigefinger und Daumen waren 
Tdllig unbeweglich und auch der Mittelfinger konnte nur mühsam und wenig 
gebeugt werden. Wieder zwei Monate qiäter fond ich bei Qelegenheit der 
Yerhandlnag des Falles im Audienztermin noch ganz denselben Zustand. Ich 
apnudi natiriich woU ans, dass und warum (was hier keiner Ausilihmng be- 
darf,) das Kind wohl höchst wahrscheinlich lebenalängUeh eine unbrauchbare 
rechte (I) Hand behalten werde, konnte aber schliesslich nach obigen Gründen 
die Verletzung doch nicht als „schwere*', sondern nur als ''erhebliche" er- 
klären. 

69. FalL Fingerbrueh durch Beilhieb. 
Vor sechs Tagen war ein Hutmacher mit einem Beil in die linke Brust- 
seite und gegen den Kopf geschlagen worden, und der letztere Hieb, den er 
mit der rechten Hand pariren wollte, hatte diese Hand getroffen und den 
Ringfinger zerbrochen. Die Verletzungen an Brust und Kopf stellten sich als 
nur „leichte* dar. Die Herstellung des Fingers aber setzte eine „längere Ar- 
beitsunfähigkeit*, und einen auf lange Zeit gehinderten fireien Gebrauch der 
Hand, daher „erheblichen Nachtheil**, bedingt durch die Verletzung, voraus, 
die sonach eine «erhebliche** war. 

70. Fall. Verletzungen beider Hände durch Hiebwunden. ' 

Auf eine seltene und schwere Weise war am 16. September der Artillerist 
O. durch Hiebwunden mit einem Faschinenmesser verletzt worden. Von den 
zehn Verletzungen, die das ärztliche Attest schilderte, fand ich drei Wochen 
nach dem Vorfall folgende schon spurlos und ohne naehtheilige Folgen geheilt: 
1) eine Hiebwunde am rechten Scheitelbein, 2) eine Quetschwunde am linken 
Scheitelbein, 3) eine Schnittwunde am linken Mundwinkel, 4) eine Hiebwunde 
über den rechten Ellenbogen, 5) eine desgleichen am linken Arm, und 6) eine 



128 §(^8- Yerletsniigen der Hände. CMnUtik. 71-72. Fall. 

QuetBehwimde am linken Handgelenk. 7) war die Krone Im linken iweiten 
Schneidezahn des Unterkiefers abgeschlagen. 8) Eine YerwnndnBg der Weich- 
iheile des Nagelgliedes am linken Mittelfinger war zwar noch nicht ganz be- 
seitigt, gab aber Aussicht auf baldige Heilung. Dagegen waren 9) und 10) 
die wichtigsten Verletzungen die beider Hände gewesen. Die im Attest ge- 
schilderte zwei Zoll lange Querwunde durch die Volarfläche des rechten Hand- 
gelenks war zwar geheilt und die Narbe fest geschlossen, aber G. konnte diese 
rechte Hand nicht völlig schliessen, und gab glaubhaft an, was durch Ver- 
suche mit Terschiedenen Münzen bestätigt wurde, dass er in den drei mittlem 
Fingern dieser Hand ein halb erloschenes GefShl habe, so dass er kleinere 
Gegenstände beim Erflassen nicht wahrnehmen und unterscheiden könne. Auch 
ein firiiherer Bruch der Mittelhandknochen des yierten und ffinften Fingers der 
linken Hand war zwar geheilt, jedoch konnte G. auch dieoe Hand noch nicht 
firei gebrauchen. Es wurde der anatomische Grund dieser Verletzungsfolgen 
dem Bichter erläutert und ausgeführt, dass die an der rechten Hand „mdir 
als wahrscheinlich'' lebensUng, mindestens Jahre lang, die an der linken wahr- 
scheinlich noch Jahre lang andauern würden, dass abor nichtsdestoweniger 
nach Ijage unsrer Strafgesetzgebung die Verletzungen nur als «erhebliche^ be- 
zeichnet werden könnten. Auch das Ausschlagen der Krone eines Schneide- 
zahns konnte nicht als „Verstümmelung'' (d. h. „schwere* Verietznag) erklärt 
werden, da die Function der Zähne durch den entrtandnen Defeet in keiner 
erheblichen Weise behindert war. 

71. und 72. Fall. Schläge mit thönemen Gerathsohaften auf die Hand. 

71. Der Malergehülfe B. hatte vor drei Monaten einen Schlag mit einer 
Ofenkachel auf den linken kleinen Finger bekommen, in Folge dessen zwar 
kein Knochenbruch entstanden, wohl aber Neryen und Sehnen gequetscht wor- 
den waren. Eine zehnwöchentUche Behandlung im Krankenhause hatte es 
nicht Tcrhindem können, dass ich zwei Wochen später nicht noch eine Schwäche 
im genannten Finger und eine Unmöglichkeit ihn firei und unbehindert zu be- 
wegen gefunden hätte. Sein Gewerbe konnte B. allerdings .fortbetreiben, er 
war aber zehn Wochen („länger'') arbeitsunfähig gewesen. „Erhebliche Ver- 
letzung." 

72. Die 16jährige Charlotte war vor vier Wochen mit einem Poreellan- 
napf auf den Bücken der rechten Hand geschlagen worden. Ich fiind eine 
theils eiternde, thells schon in der Vemarbung begriffene, gerissene Wunde von 
einem Zoll Länge, und noch Jetzt Anschwellung der ganzen Hand. Die beiden 
mittlem Finger konnten weder firei und völlig fiectirt, noch gestreckt werden. 
Nach dem ärztlichen Attest sollte unmittelbar nach der Verletzung ,»eine durch- 
schnittene Strecksehne* zu sehn gewesen sein, wonach ich eine bleibende 
Steifheit der Hand, also einen „erheblichen Nachtheil fdr GUedmaassen" ak 
höchst wahrscheinlich setzen musste. Die „längere Arbeitsunfähigkeit^ war 
schon Jetzt zweifellos. 



§34. Yerletzungen d. Unterextremitäten. §S5. Casnistik. 74— 76.Fall. 129 

78. Fall. Bi88 in den Finger. 
Ein Weber M. war vor drei Wochen durch Schläge an den Kopf misa- 
handelt und in den Ringfinger der linken Hand gebiaaen worden. Von erstem 
Cand ich keine Spur mehr, dagegen eine ringförmige Narbe am Finger, der 
ganz steif war, wonach es glaubhaft erschien, wenn M. angab, dass er noch 
jetzt nicht im Stande sei, sein Weberhand werk , wobei er mit der linken Hand 
fortwährend beschäftigt ist, fortzusetzen. Urtheil wie im vorigen Falle, mit 
Rücksicht auf die Möglichkeit einer Sehnenverietzung durch den Biss. 

§ 34. 

Verletzungen der Unterextremitäten. 

Wir wiederholen nicht, was im § 30 üher die Verletzungen 
der Anne angeführt ist, denn alle dort besprochenen Fragen 
kommen auch hier in Anregung und sind ebenso wie dort zu 
erledigen. Die Verletzungen der untern Extremitäten sind viel 
seltener, als die der obem, und Verletzungen der Füsse gehö- 
ren zu den seltensten, da sie wenig exponirt und auch durch 
Bekleidung geschützt sind. Es kommen an ihnen fast nur 
Brandwunden , Schusswunden , (überhaupt nur selten) und Brüche 
und Verrenkungen durch Fall yor. Ueberhaupt sind Fallen oder 
Niederwerfen zu allermeist die Veranlassungen von Verletzungen 
der Unterextremitäten. Eine besondere Beachtung verdient an 
ihnen noch das Kniegelenk, dessen Krankheiten jeder Arzt 
als so insidiös kennt, dessen Verletzungen, wenn sie sich wirk- 
lich bis in das Gelenk hinein^ erstrecken , es aber noch weit mehr 
sind, und gewöhnlich die schweren Folgen nach sich ziehn, 
welche die oben angeführten deutschen Strafgesetzbücher so 
treffend bezeichnen, die der Preussische Gerichtsarzt aber, wenn 
sie nicht eine Amputation, also „Verstümmelung", bedingt 
hatten, in die „erheblichen Nachtheile für Gesundheit und 
Gliedmaassen" einzwängen muss. 

§ 35. 

Casuistik. 

74. Ms 76. Fall. Brftohe der ünterextremitäten dnroh Fall. 
74. Nach dem Atteste der Erankenhausärzte soUte die H., die fünf 
Wochen vor meinem Besuche die Treppe hinnntergestossen worden, einen 
Splitterbruch des rechten Unterschenkels mit Verletzung der Haut — . also 

Cisper, kJinitche Novellen. * 9 



130 §85. Verletzungen der ünterextremitäten. Casaistik. 76— 77. Fall. 

gewiss eine (medicinisch) schwere Verletzung — erlitten habe. Ich fand sie 
im Gipsverband, und konnte aus den liier oft schon angeführten Gründen nur 
„erhebliche" Verletzung annehmen. 

76. Eben so bei einem d6jälirigen kräftigen Manne, dem beim Herans- 
werfen aus dem Kelier ein Bruch beider Knochen des rechten Unterschenkels, 
und zwar ein Spiitterbruch, zugefügt worden war, und den ich gleichfalls im 
Gipsverbande liegen fand, 

76. Der Urheber der Verletzung war hier — ein Bulle, und die ?er- 
mnthete Fahrlässigkeit seines Führers hatte den Fall zu einem gerichtlichen 
gemacht. Eine kränkliche, 66 Jahre alte SchneiderArau war am 16. November 
von einem Bnl en umgerannt und mit dessen Hörnern vor den Bauch gestossen 
worden, und hatte davon einen Brach des linken Unterschenkels nahe am 
Fussgelenk, und eine Zerreissung der Bauchdecken bekommen, die Jedoch nicht 
ganz durchgedrungen war und Vorfall der Baucheingeweide nicht veranlasst 
hatte. Sie war zwei Monate in einem Krankenhause behandelt und so weit 
hergestellt worden, dass sie am 6. Februar, wo ich sie sah, mit einiger An- 
strengung mit denr steif gewordnen linken Fusse gehn konnte, während man 
wohl noch Härten in den Bauchmuskeln, aber keine sonstigen Nacbtheiie der 
Bauehwunde fühlte. Bei dem hohen Alter der Verletzten war ein Steifbleiben 
der Extremität für das übrige Leben wohl mit Gewissheit anzunehmen; nichts- 
destoweniger konnte ich doch nicht weiter gehn als bis zur „erheblichen^ 
Verletzung. 

77. Fall. Brnck des Oberschenkels durch Hinabwerfen einer Last. 
Durch Hinab werfen eines Wollsacks erlitt B. am 19. Juni einen Bruch des 

linken Oberschenkels. Am 33. September fanden wir das Glied vollständig ge- 
heilt, und man konnte deutlich zwei durch starke Callus-Bildung hervortre- 
tende, ziemlich schief verheilte Knochenbrüche unterscheiden, (der Kranke 
hatte sich während der Kur sehr ungebärdig benommen,) und die Extremität 
waCt um zwei Zoll verkürzt, der B. also natürlich lahm, und Zeitlebens lahm. 
Als Beweis, wie (was sehr oft gesohieht,) der Gerichtsarzt allerdings zu einer 
Interpretation von betreffenden Gesetzesstellen aufgefordert wird, führe ich an, 
dass ich ausdrücklich veranlasst wurde , mich darüber zu äussern: ob hier eine 
yVerstümmelung^*, (d. h. „schwere*' Verletzung) vorläge. Dies nwsste verneint 
werden, da wohl eine erhebliche Beeinträchtigung einer Function, nicht aber 
der wirkliche Defect eines Körpertheils vorhanden war (Hdb. I. § 44), und so 
konnte nur eine «erhebliche^ Verletzung angenommen werden, da der „erheb- 
liche Nachtheil für Gliedmaassen*' und die „länger dauernde Arbeitsunfähigkeit'' 
während der Kur unzweifelhaft war. Der österreichische Gterichtsarzt würde 
nach seinem Strafgesetzbuch eine „auffallende Verunstaltung und immerwäh- 
rendes Siechthum", der Baiersche einen „bleibenden Nachtheil am Körper^ 
und „theil weise Arbeitsunfähigkeit^, der Würtembergische die „auffallende Ver- 
unstaltung^ (ob „unheilbare Krankheit''? erscheint zweifelhaft), der Sächsi- 
sche einen „bleibenden Nachtheil** und „auffallende Verunstaltung'', der Han- 



>; 85. Verletzungen der Untercxtremitäteii. Casnistik. 78—80. Fall. 131 

növersehe eine ., beträchtliche Yerunstnltnng" angenommen haben. Mehrere 
dieser Strafgesetze sprechen noch von einer anheilbaren Beraubung des Ge- 
brauchs der Glieder (Wtirtemberg und Hannover nennen sogar mit andern 
Gliedern namentlich auch den Fuss), allein ein Hinkender, wie B., ist nicht 
eigentlich des (Jebranchs seines Fnsses beraubt, sondern dieser Gebrauch ist 
nur wesentlich behindert und eingeschränkt. 

78. Fall. Yerletznng am Oherschenkel durch GliUieisen. 
Vor vier Wochen war boshafterweise einem zwölQährigen Knaben in der 
Schmiede ein sechs Zoll langer glühender Nagel in den rechten Oberschenke 
eingestossen worden ! Er drang an der vordem Fläche ein und an der hintern 
ans. Ich fand noch jetzt vorn eine zweigroschengrosse , und hinten eine halb 
80 grosse, eiternde Wunde, deren Umgebungen noch etwas angeschwollen und 
schmerzhaft waren. Der Knabe konnte nur mit Mühe und nur einige Schritte 
weit gehn. Der Fall war sonach noch nicht ganz zu übersehn. Die .längere 
Arbeitsunfähigkeit*' stand aber schon Jetzt fest, und ich ermangelte nicht, auf 
die möglicherweise später noch eintretenden „erheblichen Nachtheile für die 
Gliedmaassen* auftnerksam zu machen. 

79. — 81. Fall. Verletzungen des Kniees durch Tritt, Schlag und Wnrf. 

79. Der Nachtwächter W. war in der Nacht zum 4. Juni mit Faustschlägen 
vor die Brust und mit einem Fusstritt gegen das rechte Knie gemisshandelt 
worden. Der Arzt fand am folgenden Tage das Knie sehr schmerzhaft, merk- 
lich geschwollen, und die Haut auf der Kniescheibe thalergross blutrünstig ab- 
geledert. W. musste fünf Tage seinen Dienst aussetzen, hatte ihn dann aber 
wieder angetreten, Anfangs mit einiger Beschwerde, welche sich aber nach 
8 — 10 Tagen ganz verloren hatte. Die Verletzung hatte sonach keine der 
Folgen des $ 192a. (erhebliche) nach sich gezogen, und musste für eine leichte 
erklärt werden. 

80. Ein sehr eigenthümlicher, leicht auch anders, als wir gethan, zu deu- 
tender Fall war der eines neunjährigen Knaben, welcher am 4. Juni mit einer 
hölzernen Ballkelle gegen die innere Seite des rechten Kniees geschlagen wor- 
den war. Er klagte sofort über Schmerzen darin, und konnte vom andern 
Tage ab nicht mehr gehn, da das Knie anschwoll, musste vielmehr dass Bett 
hüten. Der behandelnde Arzt, der das Kind am 9. sah, fand am Knie eine 
heisse, rothe, schmerzhafte Geschwulst, welche unter lebhaften Fiebererschei- 
nungen acht Tage später in Eiterung überging, und durch Einstich geöffnet 
werden musste. „Schon bevor letzteres geschah, entstand nicht bloss vom am 
Schienbein des rechten Unterschenkels, sondern auch längs des ganzen rechten 
Armes bis zur Schulter hinauf, und eben so am Brustbeinende des linken 
Schlüsselbeins eine Entzündung des Unterhautbindegewebes, welche am Schien- 
bein des rechten Unterschenkels gleichfalls zur Eiterung führte." Der Arzt 
bescheinigte femer, dass der an sich schwächliche Knabe, in Folge des Kräfte- 
verfoUs, einige zwanzig Tage das Bett habe hüten müssen. Das Leiden am 

9* 



132 §86* Yerletzungen der Unterextremitäten. Casautik. 81— 82. Fall. 

rechten Arm erklärte er für „eine Versetzung des urspranglichen Leidena.*" 
Erst am 5. September, also drei Monate nach dem Vorfall, sah ich den Knaben. 
Er war zwar für sein Alter schwächlich, hatte aber eine gesunde Gesichtsfarbe 
und ein befriedigendes Allgemeinbefinden. Das rechte Knie war noch jetzt 
ein Weniges mehr angeschwollen als das linke, doch konnte er seine Unter- 
extremitäten Töllig normal gebrauchen. Eine noch etwas gerothete Narbe am 
rechten Knie bezeichnete die Eröfiiinngsstelle der frühem Geschwulst Da- 
gegen war der rechte Oberarm noch jetzt in einem sehr kranken Znstande. 
Die Beugemnskelsehnen waren hart und gespannt, weshalb er den Arm nicht 
frei gebrauchen konnte, und an der äussern Fläche des Oberarms zeigte sich 
ein kleines Geschwür. Dieses noch jetzt bestehende Leiden konnte ich meiner- 
seits für eine „Versetzung^ des frühem Knieleidens schon um deshalb nicht 
erachten, weil es gleichzeitig mit demselben entstanden war und bestanden 
hatte. Ich konnte es auch nur in. ganz indirekter Weise mit demselben in 
Beziehung setzen, und keine andere Annahme erschien mir gerechtfertigter, 
als die, dass durch die fieberhafte Erregung, welche die Verletzung veranlasst 
hatte, ein schlummernder Keim von Scrophulode im Körper des Knaben geweckt, 
und so die Veranlassung gesetzt worden war zu noch anderweiten Entzündun- 
gen mit Verschwärangen der Knochenhaut und 'des subcutanen Zellgewebes 
als an der verletzten Stelle selbst. Wenn sonach „erhebliche* Nachtheile für 
die Gesundheit*' als Folgen der Verletzung nicht mit Sicherheit anzunehmen 
waren, so stand doch eine „länger danemde Arbeitsunfähigkeit** durch das 
Wochen lange, durch die Verletzung an und für sich bedingte Krankenlager 
fest, und war sonach dieselbe eine „erhebliche". 

81. Hier war es ein Querbrach der rechten Kniescheibe, den ein Arbeits- 
raann fünf Tage bevor ich ihn sah, durch Misshandlungen, namentlich durch 
Niederwerfen , erlitten hatte. Er lag zur Zeit in einem Krankenhause im Gips- 
verband. Eine mögliche bleibepde Schwäche der rechten Unterextremität als 
„erheblichen Nachtheil" musste ioh für jetzt dahin gestellt lassen. Die „länger 
dauernde Arbeitsunfähigkeit" war schon zur Zeit mit Sicherheit anzunehmen. 

82. Fall. . Zerplatzen der Hant am UnterBchenkel dnrch üeherCahren. 
Der Fall mag seiner Seltenheit wegen noch hier erwähnt werden. Er be- 
traf einen siebenjährigen Knaben, der drei Tage vor meiner Untersuchung 
dnrch U eberfahren mit einer Droschke die seltene — und für die Veranlassung 
sehr glückliche — Verletzung davon getragen hatte, dass von oberhalb des 
rechten Kniegelenks an bis über die Hälfte des Unterschenkels die Haut zer- 
platzt war. (Bei Kopfverletzungen durch Ueberfahren habe ich ein solches 
Zerplatzen der Kopfhaut häufig gesehn.) Die Trennung war durch blutige 
Hefte vereinigt. Dfe Umgebungen, d. h. fast die Hälfte des Unterschenkels, 
waren geschwollen und schmerzhaft, und alle Bewegungen des Gliedes gehemmt. 
Ein „erheblicher Nachtheil lür Gesundheit oder Gliedmaasen** war nicht wahr- 
scheinlich, voraussichtlich aber, dass der Knabe Wochen bis zur Herstellung 
und „Arbeitsfähigkeit" brauchen werde, und die Verietzung musste deshalb 



§ 86. lieber Messerstiche. 133 

flftrafgesetzUch als „erheblich'' erachtet werden. Es ist dies ein Beispiel eines, 
so vielen der hier angeführten entgegengesetzten Falles. Denn hier war die 
strafgesetzlich -gerichtsärztliche Benrtheilnng der Verletzung eine schwerere, 
als die rein medicinische, die eine blosse Trennung der Hautbedecknngen nur 
als leichte Verletzung bezeichnet haben würde. 

§ 36. 
Ueber Heasentiche. 

Ich muss es leider! für gerechtfertigt halten, wenn ich in diesen 
Betrachtungen über die Körperverletzungen der (nicht tödtlichen) 
Verletzungen durch Messerstiche noch besonders erwähne. 
Denn wenn mir ein derartiger Fall noch vor zwanzig, vor zehn 
Jahren zu den seltenen Ereignissen gehörte, so kommen in er- 
schreckender Progression bei ims Messerstichwunden jetzt fort- 
während vor, und dass sie auch an andern Orten die Gerichts- 
ärzte mehr und mehr beschäftigen , zeigen die öffentlichen Blätter. 
Wo sonst die Faust bei Streit und Prügelei erhoben wurde, wird 
jetzt das Messer aus der Tasche gezogen und blind auf den 
Gegner losgestochen, und der deutsche Pöbel giebt hierin dem 
südlichen Briganten nichts mehr nach. Ein trauriges Zeichen 
der steigenden Verwilderung 1 Zum Glück hat mich eine jetzt 
schon reiche Erfahrung — die auch Fälle von messerstechenden 
Knaben aufzuweisen hat! — darüber belehrt, dass die Mehrzahl 
der im gemeinen Leben vorkommenden Messersticjiwunden, so 
wenig man es voraussetzen sollte , im ärztlichen Sinne nur leichte 
Verletzungen sind. Etwas Blutverlust und eine nur einige Tage 
dauernde Arbeitsunfähigkeit sind Alles, was eine Mehrzahl von 
solchen Stichwunden veranlasst hatte, die dann der Preussische 
Gerichtsarzt auch strafgesetzlich nur als „leichte" Verletzungen 
bezeichnen kann, wofür ich, als ohne Interesse, hier gar keine 
casuistischen Beweise mittheile. In andern Fällen können diese 
Wunden allerdings bedenklichere Folgen — abgesehn von tödt- 
lichen Stichen — nach sich ziehn, wie Schwächung durch erheb- 
lichen Blutverlust, länger andauernde Schmerzen oder Eiterung, 
oder Eitersenkungen mit langem Krankenlager, erysipelatöse 
Kopfhautentzündung, ja es kommen ausnahmsweise die schwersten 
Folgen vor, wie z. B. in dem oben angeführten 15. Fall von Zer- 



186 § 37. lieber Messerstiche. Casuistik. 86—91. Fall. 

86. bis 88. Fall. Hesserstiche in den Rücken. 

86. Vor vierzehn Tagen hatte P. einen Hesserstich in den Rücken erhalten. 
Eine halbzöllige Narbe am Domfortsatz des dritten Brustwirbels rechts. P. 
hatte nach der Verletzung über Beklemmung geklagt, war zur Ader gelassen 
und einige Wochen lang ärztlich behandelt worden; die genauste Untersuchung 

~der Brustorgane zeigte aber jetzt nichts Abnormes. „Erhebliche Verletzung.*' 

87. M. war yor achtzehn Tagen zweimal in den Rücken und einmal in 
das linke EUenbogengelenk gestochen worden. Er war in der Charit^ in Be- 
handlung. Ich fand ihn fieberfrei, blass und angegriffen, aber sonst beMedi- 
gend. Brusterscheinungen waren weder Mher eingetreten, noch jetzt vorhanden. 
Die Gelenkwunde aber eiterte stark und der Ausgang war sonach noch nicht, 
namentlich in Betreff einer möglichen Ankylose zu übersehn. Eine „schwere*" 
Verletzung durch „Verstümmelung" (etwa durch Amputation, die nicht voraus- 
sichtlich war), konnte am wenigsten jetzt schon angenommen werden, wohl 
aber bei der „langem Arbeitsunfähigkeit*", abgesehn vom spätem möglichen 
„erheblichen Nachtheil für Gliedmaassen*", eine „erhebliche**. 

88. Ebenso hier, wo der Commis H. durch einen Messerstich in die Mitte 
des Rückens am Tage vorher verletzt worden war. Die 7 Linien lange Wunde 
zwischen beiden Schulterblättern klaffte noch jetzt, der Verletzte aber war 
vollständig wohl und ohne Spur von Lungenerscheinungen. 

89. Ms 90. Fall. Messerstiehe gegen die Brust. 

89. Der 15jährige Knabe hatte von einem Spielkameraden (!) vor elf Tagen 
im kindischen Streit einen Stich in die linke Brust erhalten. Ich fand einen 
Zoll über der linken Bmstwarze (!!) eine zwei Linien breite, blutrothe Narbe, 
die noch nicht ganz verschlossen war; sonst vollkommenes Wohlbefinden. Mit 
Rücksicht auf die noch etwa acht Tage nöthige Schonung in Betreff seiner 
(Fabrik-) Arbeit erklärte ich die „erhebliche Verletzung**. 

90. Der Weber H. war vor vier Tagen zwischen die letzte rechte Rippe 
und dem Hüftbein, auf das linke Schultergelenk und an den rechten Rand des 
Unterkiefers gestochen worden. Aus der Hauptwuhde hatte er viel Blut ver- 
loren, war aber gleich nach der Verletzung einen weiten Weg nach Hause ge- 
gangen, konnte am folgenden Tage sich wieder an seinen Webstuhl setzen, und 
ich fand ihn ganz gesund. Die rohe Misshandlung war demnach nur als „leichte" 
Verletzung zu würdigen. 

91. bis 92. Fall. Messerstiche in den Oberarm. 

91. Ganz zerfetzt war ein 2i}ähriges Mädchen geworden durch ihren Lieb- 
haber, der ihr in der Trunkenheit elf Stiche mit einem Tischmesser beigebracht 
hatte. Sie war zweimal an der Stirn, fünfmal am linken Vorderarm und Hand- 
rücken, den ich am achten Tage heiss und geschwollen fand, und viermal am 
rechten Vorderarm gestochen worden. Die Verletzungen der Hände hatte sie 
beim Abwehren des gegen den Kopf gerichteten Messers erhalten. Keine Ge- 



§ 37. lieber Mesflerstiche. Oasuistik. 92—94. Fall. 137 

liimsymptome, nonnales All^emeinbeflnden, aber längere Arbeitsunfähigkeit. 
»Erhebliche Yerletznng." 

93. Ein langes Krankenlager bedingte ein Messerstich, den ein Knabe — 
wieder Yon einem andern Knaben — in den linken Oberarm bekommen hatte. 
Ich fond ihn nach fünf Wochen im Krankenhanse, bettlägerig, den Arm in 
Schienen. Es hatten sich Eitersenknngen gebildet gehabt, die eine wieder- 
holte Erweiterung der Wunde und tiefe Einschnitte nöthig gemacht hatten, 
und der Knabe war noch Jetzt auf Wochen yon seiner Herstellung fem. Die 
»erhebliche Yerletsung^ war unEweifelhaft. 

98. Fall. Messerstich in den Unterleib. 
Eine Verletzung, die an sich gewiss eine grosse Gefahr bedingte, konnte 
bei Uns wieder nur als eine »erhebliche*' erklärt werden. Es war eine Wunde 
mit einem grosse^ Einschlagemesser, die in der Gegend der grossen Curvatur 
des Magens eingedrungen war, aber nicht penetrirt, ja nur einen geringen 
Blutverlust veranlasst "hatte. Ich fiind sie nach acht Tagen noch eiternd , den 
Verletzten^ der ein sehr anstrengendes Geschäft hatte, noch schwach und an- 
gegriffen, und voraussichtlich noch etwa 19 Tage ausser Stande, seine Arbeit 
wieder auflsunehmen. *) 

94. Fall. Ausmessung der Arbeitsfähigkeit nach Messerstichen. 
Der in vielen Strafgesetzbüchern vorkommende Begriff »Arbeitsunfähigkeit* 
hat nicht nur an sieh, sondern namentlich auch in Betreff der Grade der 
Arbeitsunfähigkeit (was ganz auch in Betreff des Begriffs: »Berufsarbeiten*' 
gilt, den andere Strafgesetze aufstellen,) zu Controversen Veranlassung ge- 
geben (vgl. Hdb. I § 5o). Dass auch der Arzt berufen wird, hierüber sich zu 
äussern, beweise folgender Fall, in welchem ich aufgefordert wurde, »den 
Widerspruch zwischen den Gutachten des Dr. B. zu ... . und des Kreis- 
Physikus Dr. S. zu * . . zu lösen'', nachdem mir mit den verhandelten Akten 
auch das Subject (der Kläger), um welches sich der Prozess drehte, der Knecht 
N. aus * . . vom dortigen Gericht zugesandt worden war. Ich äusserte mich 
dahin: »Explorat hat am 6. April 1858 zwei Stichwunden mit einem »„ Genick- 
fönger '"' in den linken Vorderarm erhalten. Der praktische Arzt Dr. R. sah 
den Verletzten am genannten Tage Morgens und fand, ausser den Zeichen 
der Blutleere, zwei Wunden auf der Rückseite des genannten Vorderarms, 
eine Hand breit unter dem Ellenbogengelenk, jede Va ^^^ breit, die obere 
1 Zoll, die untere 3—4 Zoll tief, offenbar Stichwunden. Er schloss auf grosse 
Kraft, mit der das Werkzeug geführt worden sein musste, da es ausser 
dem Tuchrock »„die ganze kräftige Muskulatur des Vorderarmes an seiner 
um&ngreichsten Stelle"" durchdrungen hatte. Nach beendeter Behandlung er- 
klärte derselbe Arzt unter dem 12. Juli ej» dass »„in Folge der Verletzung 



*) Noch andere Fälle von Messerstichwunden siehe oben 2., 6., 9., 10., 14. 
und 15. Fall. 



138 §37. Ueber Measeratiche. Casuuitk. 94. Fall. 

Ton groaten Neirenstammen des linken yorderarms eine ToUstandige laibrnmug 
BammÜicher Strecker der linken Hand eingetreten sei, in Folge deren Bieh 
eine bedeutende Abmagerung der Muskulatur des Yorderanns entwickelt habe, 
und sei die Arbeitskraft des Damnificaten fast auf die Hälfte reducirt''''. 
In seiner Yemelimung yom 29. Oktober ?. J. hat Jedoch der Dr. B. erklärt, 
dass der Verletzte „«gegenwärtig Tollkommen arbeitsfähig, nur sei eine 
ziemlich bedeutende Abmagerung des Terletzten Armes zurückgeblieben. Kläger 
könne temer den kleinen Finger der Hand gar nicht, und die andern Finger 
nur uuTOllkommen strecken, eben so die ganze Hand. Endlich sei auch der 
Druck der Hand schwächer geworden, und die Folge sei, dass Kläger jetzt 
nicht mehr so schwere Arbeiten rerrichten könne, als früher, und nicht 
mehr anhaltend Holz hauen könne. Durch die zurückgebliebene Schwäche 
des verletzten Arms sei die Arbeitskraft des Klägers um mindestens ein 
Drittel gemindert. *'<' Endlich erklärt derselbe Arzt drei ^Wbchen später, an 
22. November v.J.: „«dass er nicht behaupten könne, dass sich die Arbeits- 
kraft des Klägers um mindestens eid Drittel gemindert habe, und dass sieh 
die Verminderung der Arbeitsfähigkeit auf ein bestimmtes Bruchtheil 
nicht reduciren lasse*'''. Anders lautete das Urtheil des Kreis- Physikus 
Dr. 8., der den Verletzten (Kläger) sechs Wochen später, am 6. Januar d. J. 
untersucht hat. Derselbe fand an der obem Hälfte des linken Vorderarms 
zwei einen halben Zoll von einander entfernte Narben, anscheinend von einer 
Verwundung mit einem scharfen Instrumente herrührend. Das Muskelfieisch, 
sagt er, habe die normale Beschaffenheit behalten. Eine Sehnenverletzung sei 
jedenfalls jetzt nicht mehr yorbanden, da sowohl der Ann, wie sämmtliche 
Finger, ihre normale Beweglichkeit besitzen. Eine Tiähmnng des Anns oder 
der Hand sei jetzt nicht mehr vorhanden. Allerdings sei der linke Arm von 
geringerm Umfang als der rechte, doch Hesse sich nicht bestimmen, ob dies 
nicht schon vor der Verwundung der Fall gewesen, da bei den meisten Men- 
schen der linke Arm schwächer sei, als der rechte. Jodenfalls sei der Kläger 
im Stande, die linke Hand bei leichten, und, zur Unterstützung der rechten, 
auch bei schweren Arbeiten zu gebrauchen, als Knecht zu arbeiten und sich 
durch schwere Handarbeit zu unterhalten. Ob die Arbeitskraft bedeutend 
gemindert worden^ konnte er nicht beartheilen, da er den Arm nicht vor 
der Verwundung gekannt. Lasten könne Kläger noch heben, auch Holz hauen 
und mit beiden Armen schwere Arbeiten verrichten. — Der Widerspruch in 
den Gutachten der genannten beiden Sachverständigen beruht im Wesentlichen 
darauf, dass der Dr. R., abgesehn von seinen Differenzen in seinen verschie- 
denen Erklärungen, eine Verminderung der Arbeitsfähigkeit des Klägers an- 
nimmt, während der Dr. S. wenigstens indirekt eine solche bestreitet, insofern 
er annimmt, dass er auch jetzt noch schwere Arbeiten verrichten könne. Ich 
vermag diesen Widerspruch nicht anders zu lösen, da er nicht auf eigentlicli 
wissenschaftlichen Thatsachen, als vielmehr auf individueU ärztlichen Ab- 
schätzungen beruht, als indem ich meine eigene Ansicht über den Fall hier 
{ausspreche. Den Befund meiner eigenen Untersuchung des Klägers habe ich 



§ 38. Hisshandlungeu kleiner Kinder. 139 

genau eben so erhoben wie der Dr. S. Ezplorat bat einen etwas abgemager- 
ten linken Arm and Hand, and wenn aach anzanehmen, dass dies mehr eine 
Folge der Verwandang, als das Resultat lebenslänglicher geringerer Uebnng 
dieser Extremität, im Vergleich zu der rechten sei, so ist diese geringere Er- 
nährung jedenflalls von geringerer Erheblichkeit Aber die Beweglichkeit der 
ganzen linken Hand ist offenbar, und wie die angestellten Proben ergeben 
haben, nnTerstellt, gegen die Beweglichkeit der Hand eines gesunden jungen 
Menschen, wie N. ist, und auch im Vergleich zur Beweglichkeit seiner rechten 
Hand, nicht unwesentlich gemindert. Explorat vermag, da unstreitig 
die oft beregte Verwundung wenn nicht Sehnen, so doch Nerven getroffen 
hat, sämmtliehe Finger der linken Hand nicht vollkommen und kräftig zu 
beugen, so dass er einen kräftigen Händedruck nicht zu geben vermag. Dazu 
kommt, dass er den kleinen Finger gar nicht ganz einzuaihlagen, und dass er 
auch die Finger der ganzen Hand nicht ganz und normalmässig auszustrecken 
vermag. Es ist sonach eine wirkliche Schwächung des linken Arms und na- 
mentlich der linken Hand vorhanden. Explorat kann dieselbe gebrauchen, 
sich z.B. damit beim An- und Auskleiden helfen, das Hf^mdc damit herauf- 
krempelu, Gegenstände heben u. s. w., und er ist, zumal die rechte Hand und 
der ganze Körper ganz gesund sind, jedenfalls arboits- und erwerbs- 
fähig und zu einer grossen Menge von standesmässigen Arbeiten brauchbar. 
Ohne indess ihn früher gekannt zu haben und den diesfallsigen Vorbehalt des 
p.p. Dr. S. nicht theilend, und nur die gewöhnlichen Kräfte und Arbeitsfähig- 
keit eines Menschen vom Alter und der Constitution des W. erwägend, muss 
ich es als meine Ueberzeugung hinstellen, dass die Arbeitsfähigkeit des Explo- 
raten gegen früher (vor der und durch die Verhetzung; vermindert worden 
ist, da er nicht mehr den ganz uneingeschränkten Gebrauch seiner linken 
Hand hat und daher viele Arbeiten damit noch verrichten, viele aber auch 
nicht mehr damit verrichten kann. Dies an einzelnen Arbeiten aus der Thä- 
tigkeit und Stellung des Knechtes W. weiter auszuführen, kann nicht die Auf- 
gabe eines wissenschaftlichen Gutachtens sein und ist auch von dem Unter- 
zeichneten nicht gefordert worden." 

§ 38. 
Misshandlnngen kleiner Kinder. 

Ich hebe auch die Verletzungen kleinerer Kinder noch beson- 
ders "hervor, weil die Anschuldigungen gegen Mütter und Pflege- 
mütter wegen unnatürlich roher Behandlung ihrer Kinder recht 
häufig vorkommen, und die Frage für den Gerichtsarzt doch 
manches Eigenthümliche hat. Zunächst lehrt die P^rfahrung, 
dass verhältnissmässig häufig von verläumdungssüchtigen Nachba- 
rinnen der Angescliuldigten und dgl., aus Rache ganz unbegrün- 



140 § S^- Misshandlnngen kleiner Kinder. 

dete Anklagen vorgebracht werden, die sich dann durch die 
gerichtsärztliche Prüfung des Kindes — dfe in allen diesen 
Fällen auf dem völlig nackten Körper geschehn muss — als 
nichtig ergeben. In andern Fällen findet der Arzt auch bei 
sehr wohlbegründeter Anschuldigung Nichts, oder ganz unerheb- 
liche Spuren früherer Sugillationen, Zerkratzungen und dgl., 
weil er den Auftrag zur Exploration erst in so später Zeit 
erhielt, dass die Wirkungen der Misshandlungen Zeit hatten zu 
verschwinden. Dies ist sogar der gewöhnlichste Fall, denn die 
bekannte grosse Reproductionskraft des kindlichen Alters bedingt 
es, dass Kinder verhältnissmässig insultatorische Eingriffe weit 
leichter verwinden, als Erwachsene. Wer irgend wiederholt der- 
gleichen Fälle zu beobachten hatte, weiss, wie Erstaunliches 
Kinder hierin ertragen können , wie rasch sie sich auch nach den 
zügellosesten Prügeln, Stössen, Würfen u. s. w. wieder erholen. 
Man sei deshalb, wenn man vielleicht das Kind früh nach den 
Misshandlnngen zu untersuchen bekam , wo es , noch an deren 
frischen Folgen laborirte , vorsichtig in seiner gerichtsärztlichen 
Prognose im abzugebenden Gutachten; denn es ist immer unan- 
genehm und schwächt die Autorität des gerichtlichen Arztes, 
wenn er von einem langwierigen Siöchthum, von einem wahr- 
scheinlichen Tode gesprochen hatte, das aufgegebene Kind viel- 
leicht in der einige Monate später Statt findenden öffentlichen 
Gerichtssitzung recht frisch und munter auftreten zu sehn. Es 
ist kein Widerspruch, wenn ich. andrerseits hinzufüge, dass 
nichtsdestoweniger solche rohe Behandlung kleinerer Kinder, die 
fast immer mit Entziehung gesunder und hinreichender Nahrung 
und mit Vernachlässigung der nöthigen Reinlichkeit vergesell- 
schaftet ist, in immer wiederholter Fortsetzung der Züchtigung 
durch längere Zeit dennoch allmählig die Gesundheit unter- 
gräbt, und die Kinder endlich durch allgemeine Erschöpfung und 
Ueberreitzung des Nervensystems durch die fortgesetzten und 
immer erneuten Schmerzen zum Tode fuhrt. — Noch ein andrer 
Punkt verdient die Beachtung des gerichtlichen Arztes. Nichts 
liegt näher und wird häufiger von den angeschuldigten Müttern 
u. s. w. als Entlastungsmoment gegen ihn vorgebracht , wenn er 
in ihrem Beisein verdächtige Befunde am Körper erhebt, aU 



§ 38.' Hisahandlnngren kleiner Kinder. 141 

die Angabe, das Kind, ein sehr wildes und unruhiges oder unge- 
schicktes, sei gefallen, habe sich gestossen u. s. w. Eine genaue 
Prüfung der vorhandenen Verletzungsspuren wird bald ergeben, 
ob man es hier mit Wahrheit oder Dichtung zu thun habe. 
Parallele bläulich-rothe, später grüngelbliche, über den Rücken, 
die nates u. s. w. hinlaufende Streifen deuten auf Stockschläge, 
nicht auf Fall oder Stoss; feine derartige Streifchen, oder auch 
blutrothe Pünktchen an den verschiedensten Körpertheilen 
bezeichnen Ruthenschläge, nicht Stoss oder Fall. Dazu 
kommt, dass die Lage des concreten Falles Anhalt für die Fest- 
stellung des Thatbestandes geben kann (95. Fall). — Nach dem 
oben Gesagten wird man in einer grossen Anzahl von derartigen 
Fällen, wenn nicht geradezu bestialische Behandlung des Kindes 
mit den schwersten Verletzungsfolgen Statt gefunden hatte , auch 
wenn man über die Thatsache roher Misshandlungen durch die 
Befunde ausser Zweifel ist, nur „leichte" Verletzungen annehmen 
können, wie sehr man sich auch dagegen sträuben mag. Denn 
schon die Kriterien der (Preussischen) strafrechtlichen „erhebli- 
chen" Verletzungen sind oft genug weder in „erheblichen Nach- 
theilen für Gesundheit oder Gliedmaassen", noch in einer „länger 
dauernden Arbeitsunfähigkeit" vorhanden. Ganz dasselbe gilt 
für andre deutsche Länder, deren mildeste Bezeichnungen der 
Verletzungsfolgen recht häufig auf misshandelte Kinder noch 
nicht einmal anwendbar sind. So in Oesterreich die „Gesund- 
heitsstörung von mindestens 20tägiger Dauer", in Sachsen die 
„nachtheiligen Folgen für die Gesundheit", in Baiem die „mehr 
als fünf Tage dauernde", in Würtemberg die „vorübergehende", 
in Hannover die „in küi'zerer Zeit heilbare Krankheit", da man 
jene Folgen und diese Krankheit nicht füglich annehmen kann, 
wenn das Kind vielleicht eine kleine Wunde, eine Blutbeule, 
einige Tage anhaltende Schmerzen und dgl. davon getragen 
hatte. Es bleibt dann nichts übrig, als die Misshandlungen für' 
in ihren Folgen unerhebliche zu erklären. Der Strafrichter wird 
dann seinerseits in andren gesetzlichen Bestimmungen: über Ueber- 
schreitung des Züchtigungsrechts u. dgl., wie wir oft erlebt haben, 
Mittel finden, solche empörende Rohheiten nicht ungeahndet 



142 § 39. MiBshandlungr von Kiiuleni. CnRTiistik. 95—97. Fall. 

hingehn zu lassen, was die gerichtliclie Medicin indess nicht 
berührt. 

§ 39. 

Camistik. 

96. bis 97. Fall. Misshandlimgen von Kindern. 

95. Die 2% Jahre alte Minna sollte durch Faustschlä^e n. s. w. gemiBS- 
handelt worden sein and der Dr. S. hatte am 9. October eine Menge blan un- 
terlaufener Flecke im Gesicht und am Halse, an beiden Schläfen und auf dem 
Röcken gesehn. Ich fand sieben Tage später ein abgemagertes, schwächliches 
Kind, aber Yon den genannten Flecken nur noch einen einzigen, Ton Groschen- 
grosse auf der rechten Backe, von welchem die Eltern behaupteten, dass er 
durch den Fall des Kindes aus dem Bett entstanden sei. Diese Entstehung 
des Flecks war natürlich allerdings möglich ; doch schimmerten rechts am Halse 
noch blaue Flecke deutlich wahrnehmbar hindurch, welche die Richtigkeit des 
vom Dr. S. erhobenen BeAindes erwiesen, da der Hals nicht gleichzeitig mit 
der Backe durch den angeblichen FaU aus dem Bette hatte insnltirt werden 
können. ^Leichte Verletzung. *" 

96. Ein schlagender Beweis für die kräftige Reactionsfähigkeit des kind- 
lichen Körpers! Die siebenjährige Luise war am 10. Mai gemisshandelt und ~ 
ausgesetzt auflgeAmden worden, und wurde von mir drei Tage später im Kran- 
kenhause untersucht. Das sehr kluge und aufgeweckte Kind beantwortete 
aUe Fragen verständig und erzählte, wie seine Mutter, deren Wohnung sie 
(richtig) angab, es immer geprügelt, niedergestossen hätte u. s. w. Ich fand 
blaue und grüne Flecken und Striemen so zahlreich über den ganzen Körper, 
mit Ausnahme der Brust und des Bauches, aber auch an Armen und Beinen 
verbreitet, dass es überflüssig wäre, sie einzeln aufzuzählen. Namentlich war 
die ganze Kopfhaut geschwollen, aufgelockert und schmerzhaft beim Befühlen, 
als Resultat heftiger Schläge auf den Kopf; quer über die Schultern verlief ein 
grünlicher, röthlich gesäumter Striemen, fünf Zoll lang, einen halben breit, 
offenbar von einem kräftigen Stockstreich. Zwei ähnliche kleinere, parallele 
verliefen über die Mitte des Rückens. Die Umgebungen beider Augen waren 
geschwollen und sugillirt, vermuthllch von Faustschlägen. Dieselbe Farbe und 
Beschaffenheit hatten beide Handrücken u. s. w. Die heftigsten und rohsten 
Züchtigungen waren sonach unzweifelhaft. Dabei war das Kind aber — ganz 
munter auf den Beinen, ass gut u. s. w. und es konnte wieder nichts als eine 
«leichte* Verletzung angenommen werden. 

97. Eigenthümlich war der FaU eines einährigen Mädchens, dessen Eltern 
roher Misshandlungen desselben angeklagt worden waren, deren Spuren auch 
ein Arzt bescheinigt hatte. In der Anschuldigung war gesagt worden, dass das 



§ 39. HiBshandlmifir von Kindern. Casnistik. 97. FaU. 143 

Kind nlNÜd sterben' werde. Ich fand diese Angabe — Tollkommen bestätigt, 
denn das Kind lag im letzten Stadium der Lnngentabercalose, skelettartig ab- 
gezehrt, mit brennendem Fieber u. s. w. darnieder. Von Miashandlnngen fand 
ich keine Spnr mehr am ganzen Körper. Hiemach konnte nnr erklärt werden, 
dass wenn Misshandlungen des Kindes Statt gefunden hätten^ die tödtliche 
KranlLheit desselben mit diesen nicht in Znsammenhang gesetzt werden könne, 
was hier keiner weitem Ausführung bedarf. 



144 § 1* Gerichtliche Psjrchonoaologie. 



Vierte Novelle. 

Zur gerichtlichen Psychonosologie. 

(Handbuch I. { 67 nnd folg.) 



§1. 
Zur Terminologie. 

Jtlei dem Thema von der forensischen Psychologie ist die Ter- 
minologie keine müssige, vielmehr ein ungemein Tüchtige Frage. 
An die Grundfrage, welche Begriffe zu Grunde zu legen, reiht 
sich ganz natürlich die andre, welche die zweckentsprechendsten 
Ausdrücke zur Bezeichnung dieser Begriffe seien, und an dieser 
Erwägung hat — abgesehn von der beiderseitigen rein wissen- 
schaftlichen Beziehung — der Gesetzgeber ein gleiches Interesse 
wie der gerichtliche Arzt. Jener knüpft an die verschiedenen 
Begriffe (Wortbezeichnungen) verschiedene Rechte und Pflichten, 
dieser hat sich für seine Beurtheilung die betreffenden , vom Gre- 
setzgeber gewählten Wortbezeichnungen anzueignen. Bekanntlich 
aber herrscht seit den ältesten Zeiten hierüber ein Streit in den 
Ansichten, welcher wohl niemals zur allseitigen Zufriedenheit ge- 
schlichtet werden wird, da der Wechsel der allgemeinen philo- 
sophischen Anschauungen, der jeweilige Standpunkt der Wissen- 
schaft, die Fortschritte der Civilisation und viele andre Umstände 
hier den wichtigsten Einfluss üben. Soll die „moralische Frei- 
heit^, soll das „Bewusstsein'^ als oberster Begriff an die Spitze 
gestellt werden, soll die „Fähigkeit des Vemunftgebrauchs^, soll 
die des „Verstandesgebrauchs^ als maassgebend bezeichnet wer- 



§ 1. QerielitUclie Psyehonosologie. 145 

den, wenn eg sich um die Erwägung in zweifelhaft gewordenen 
Fällen handelt, ob ein Mensch geistig im Stande sei, oder zu 
einer gewissen Zeit gewesen sei, den staatlichen Rechten und 
Pflichten nachzukommen? Oder ist es vorzuziehn, dass die gesetz- 
liche Sprache herabsteige von dieser Höhe, und in der Voraus- 
setzung einer grossem Präcision und allgemeinem Verständlich- 
keit ganz einfach von „geistiger Gesundheit** oder „geistiger 
Krankheit** rede? Ist es endlich nicht, um gefährliche Missdeu- 
tungen im letztem Falle und blossen indiyiduellen Anschauungen 
zu begegnen, zu denen ein so allgemeiner Begriff so sehr leicht 
Veranlassung geben kann, am allerwünschenswerthesten , gleich 
ganz bestimmte Krankheitsformen namhaft zu machen, nach 
deren Dasein oder Nichtdasein im concreten Falle ärztlicherseits 
geforscht werden solle? Aber welches sollen dann in diesem 
Falle wieder die Krankheitsformen sein, für die der Gesetzgeber 
sich zu entscheiden habe, da die wissenschaftlichen Classifi- 
cationen dieser Krankheiten weit dayon entfernt sind, ihm hier 
keine Wahl zu lassen? Diese Erwägungen haben den Gesetzgeber 
zu allen Zeiten beschäftigt, Yom romischen bis zum heutigen. 
Ich wiederhole nicht, was ich über die Frage im Handb. a. a. 0. 
ausgesprochen, und beabsichtige als Anhang und Ergänzung dazu 
hier nur einen vergleichenden Ueberblick zu geben über die An- 
schauungen und Bestimmungen der heutigen deutschen Gesetzgeber, 
wie sie in den vaterländischen Gesetzgebungen niedergelegt sind, 
und, wie ich glaube ungemein lehrreich (und auch wissenschaft- 
lich forderlich), die verschiedene Stellung bezeichnen, die den 
Aerzten im deutschen forum gegenüber dieser Frage angewiesen 
ist, verschieden, insofern sie sich in Einem Lande ziemlich frei 
bewegen und das Ergebniss ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung 
ihrer gesetzlichen Terminologie bequem anzupassen im Stande 
sind, während sie jener Ueberzeugung, formell wenigtens, in 
einem andern Lande zu diesem Zweck mehr oder weniger Zwang 
anthuii müssen. Die bunte Musterkarte dieser forensisch-psycho- 
logischen Terminologie in den Gesetzbüchem, die hier nicht ein- 
mal in ihrer ganzen unbeschränkten Ausdehnung, namentlich 
nicht aller Bestimmungen aller dvikechtlichen Gesetze, gegeben 
werden kann, ist folgende. 

CMp«r, kllBifelM Mot«Um. 10 



146 I !• Ctorlebtlictae Psythonosologle. 

L Preussen nimmt an: 

Mangelndes Vermögen frei zn handeln. Allg. Landr. Thl. t. 
Tit. 1 § 3. 

Mangel an Seelenkräften. Ebds. § 31. Grim. Ordn. § 280. 

Gänzliche Beraubung des Yemunftgebrauchs. Allgem. Landr. 
Thl. I. Tit 1. § 27. 

Unvermögen, die Folgen der Handlungen zu überlegen. 
Ebds. § 28. 

Abwesenheiten des Verstandes. Allgem. Landrecht Thl. L 
Tit. 12 § 147. 

Der Vernunft (durch Leidenschaften) nicht mächtig imd dem 
Wahnsinn gleich zu achten. Ebds. Thl. L Tit. 4 § 29. 

Schwäche des Verstandes (bei Taubstummen). Ebds. Thl. IL 
Tit. 18 § 819. 

Bei gesundem Verstände sein. (Französ.) Rheinisches bürg. 
Gesetzb. Art. 901 (bei Schenkungen und Testamenten). 

Ungeschwächte (also ee. auch geschwächte) Verstandeskräfte. 
Allg. Ger. Ordnung IL 8. 

Ausgeschlossensein der freien Willensbestimmung. Strafge- 
setzb. § 40. 

Handeln ohne Unterscheidüngsvermögen. Ebds. § 42. 

Handeln mit Bewusstsein. Crim. Ordnung § 280. 

Verirrung des Verstandes. Ebds. 

Schwäche des Verstandes. Ebds. 

Käserei, Wahnsinn und Blödednn. Allg. Landr. Thl. I. Tit. 1 
§§ 27. 28. 

Wahnsinn und Blödsinn. Strafges. § 40. 

Lichte Zwischenräume. Allg. Landr. Thl. I. Tit. 12 § 20. 

Grade der Freiheit, Grade der Zurechnung. Ebds. Thl. I. 
Tit. 3 § 14. 

Versetzen in eine Geisteskrankheit. Strafges. § 198. 
IL Oesterreich nimmt an: 

Besitz des Gebrauchs der Vernunft. Allg.Strafproce88-'Ordn.§95. 

Gänzliche Beraubung der Vernunft. Strafges. § 2. 

Abwechselnde Sinnenverrückung. Ebds. 

Sinnenverwirrung, in welcher der Thäter sich seiner Hand- 
lungen nicht bewusst war. Ebds. 



§ 1. Gerichtliche Psychonosologle. l47 

Unvermögen, die Folgen der Handlungen einzasehn. Bürg. 
Gesetzb. $ 21. 

Gebrechen des Geistes. Ebds. 

Raserei, Wahnsinn, Blödsinn. Ebds. 

Aufgehobene Zurechnung durch Geistes- oder Gemüthskrank- 
heit. Allg. Strafproc. Ordn. § 95. 

Verminderte Zurechnungsfähigkeit eben dadurch. Ebds. 

III. Baiern nimmt an: 

Mangel der Fähigkeit der Selbstbestimmung. Strafg. Art. 67. 
Mangel der zur Erkenntniss der Strafbarkeit nöthigen ürtheils- 
kraft. Ebds. 

Verminderte Fähigkeit der Selbstbestimmung. Art. Q8. 
Verminderte Erkenntniss der Strafbarkeit. Ebds. 
Verminderte Freiheit der Willensbestimmung. Ebds. 
Raserei, Wahnsinn, Blödsinn. Ebds. Art. 67. 

IV. Hannover nimmt an: 

Raserei, Wahnsinn, Melancholie, Blödsinn. Stra^es. Art 125. 

Schwere Gemüthskra^kheit. Ebds. 

Völliger Verlust des Verstandesgebrauchs. Ebds« 

Ausser Stande sein, die Folgen der Handlungen richtig zu 
beurtheilen. Ebds. 

Au80ier Stande sein, deren Strafbarkeit einzusehn. Ebds. 

Hohe Alterschwäche, die den Verlust des Verstandesgebrauchs 
herbeigeführt hat. Ebds. 

Natürliche Schwäche des Verstandes. Ebds. Art. 94. 

Gemüthsgebrechen, das die Zurechnung nicht ganz aufhebt. 
Ebends. 

y. Würtemberg nimmt an: 

Aufgehobensein des freien Vemunftgebraucbs „hauptsächlich^ 
(also auch noch anderweitig) durch 

Raserei, allgemeinen und besondem (?) Wahnsinn, völligen 
Blödsinn, femer durch 

vorübergehende gänzliche Verwirrung der Sinne oder des 
Verstttides. Strafges. Art 97. 

Nicht völlige Aufhebung des Vemunftgebraucbs. Ebends. 
Art 98. 

10* 



148 § 1- Gerichtliche PsychonoBoIogie. 

Hoher Grad von Blödsinn oder Verstandesschwäche. Ebds. 

Natürliche Schwäche des Verstandes. Ebds. Art. 110. 
VI. Sachsen nimmt an: 

Mangel der Fähigkeit der Selbstbestimmung. Strafges. A. 86. 

Gänzliches Fehlen der Geisteskräfte, um das Rechte vom Un- 
rechten unterscheiden zu können. Ebds. Art. 87. 

Gänzliches Unentwickeltgebliebensein dieser Kräfte. Ebds. 

BewussÜoser Zustand. Ebds. Art. 86. 

Seelenkrankheit, welche den Vemunftgebrauch im Allgemeinen, 
oder in der besondem Richtung, welche bei der That in Betracht 
kommt, gänzlich aufhebt. Ebds. 

Verminderte Zurechnungsfähigkeit. Ebds. Art. 88. 

Wenn in diesen Terschiedenen Gesetzgebungen die Grundprin- 
cipien natürlich überall dieselben sind, so gehn sie doch in den 
Terminologieen, wie man sieht, sehr vielfach auseinander. Es 
wird nicht überflüssig sein und zur Uebersichtlichkeit wesentlich 
beitragen, wenn wir diese verschiedenen Ansichten im Nachste- 
henden gruppenweise ordnen: 

1. Völlige (gänzliche) Beraubung der Vernunft — des Ver- 

standesgebrauchs : 

Preussen, Oesterreich, Würtemberg, Hannover, 
Sachsen. 

2. Mangelnde Freiheit des Handelns — Selbstbestimmungs- 

fähigkeit — freie Willensbestinmiung — Unterscheidungs- 
vermOgen: 

Preussen, Oesterreich, Baiem, Sachsen, Hannover. 

3. Bewttsstsein: 

Oesterreich, Sachsen. 

4. Ganz allgemeine Bezeichnungen für geistige Störungen, 

und zwar 

a) bei gesundem Verstände sein {eo. nicht sein) — 
Mangel an Seelen- (Geistes-) kräften: 
• Preussen, Sachsen; 
h) Gebrechen des Geistes, Geistes- oder Gemüths- 
krankheit — Gemüthsgebrechen — Seelenkrank- 
heit: 

Oesterreich, Hannover, Sachsen. 



§ 2. Gerichtliche Psychonosologie. 149 

5. Specielle geistige Zustände (abgesehn überall von Trunken- 

heit) und zwar 

a) Baserei, Wahnsinn, Blödsinn: 

Preussen, Oesterreich, Baiem, Würtemberg (auch 
noch: Yerstandesschwäche), Hannover (auch noch 
Melancholie und natürliche Schwäche des Ver- 
standes). 

b) Sinnesyerwirrung: 

Oesterreich. 
c)' Verirrung, Schwäche, Abwesenheiten des Verstandes: 

Preussen. 
d) Hohe Altersschwäche: 

Hannover. 

6. Lichte Zwischenräume — abwechselnde Sinnesyerwirrung 

— yorübergehende gäjizliche Verwirrung: 
Preussen, Oesterreich, Würtemberg. 

7. Verminderte Zurechnungsfahigkeit: 

Oesterreich, Baiem, Hannover, Würtemberg, 
Sachsen. 

§2. 
Tortsetnmg. 

Je allgemeiner, je weiter derartige gesetzliche Bestimmungen 
gefasst sind, desto weniger Schwierigkeit werden die gerichtlichen 
Aerzte finden, die einzelnen, ihnen zur Beurtheilung kommenden 
Fälle denselben anzupassen, was besonders, wenn dieselben sehr 
schwierig und eigenthümlich sind, dem Richter wie dem Arzt bei 
der Gesammtbehandlung des Falles nur sehr willkommen sein 
kann. Und es kommen in dieser Beziehung in der That die 
seltsamsten und räthselhaftesten Fälle vor, deren Rubricirung 
auch dem geübten forensischen Psychologen Verlegenheiten 
bereitet, wenn ihm nicht in seiner Gesetzgebung weite Fächer zu 
Gebote stehn. Hierher gehören viele Vergehn und Verbrechen 
von wirklichen oder halben Kindern, sogenannte dumme Jungen- 
Streiche, wenn sie eine kranke Unterlage doch nicht verkennen 
lassen (1. 2. 4. Fall), hierher die gesetzwidrigen Handlungen von 
Menschen, die durch langjährige Landstreicherei mit allen ihren 



150 § 2- Oerichtliche Psychonoaologie. 

nachtheiUgen Folgen, schlechter Ernährung, Trunk, gestörter 
Nachtruhe, Geschlechtsausschweifungen, immer tieferem Versinken 
in Unsittlichkeit, stetem Aufenthalt in Gefängnissen und Arbeits- 
häusern u. s. w. körperlich und geistig herunterkommen, und bei 
denen man so häufig ein solches wunderliches Gemisch von gei- 
stiger Gesundheit und geistiger Krankheit — das Wort „unreife 
Geisteskrankheit^ ist bezeichnend, aber schliesslich eben nicht 
viel mehr als ein Wort — findet, (10. Fall) dass ihre Einfügung 
in die gesetzliche psychologische Terminologie oft ungemein 
schwierig wird; hierher die wirklich krankhaften Grillen von 
Männern und namentlich von Weibern (30. Fall), hierher die 
nicht selten — dann oft auch nur lügenhaft vorgeschützt — vor- 
kommenden Fälle von grosser Zerstreulichkeit, die strafwürdige 
Handlungen erzeugte (6. — 9. Fall), hierher mit Einem Worte alle 
die Fälle, die auf der oft so ungemein schwer abzusteckenden 
Grenze zwischeü Gesundheit und Krankheit stehn. Aber der 
Nachtheil zu weit gefasster Terminologieen in den Geßetzen ist 
andrerseits auch nicht zu verkennen. Worte wie: „mit Bewusst- 
sein handeln** — abgesehn davon, dass das zu Grundelegen des 
Bewusstseins ein gradezu falsches Princip ist, da, wie jeder 
Irren- xmd forensische Arzt weiss ^ auch bei den entschiedensten 
Geistesstörungen und den aus ihnen entsprungenen gesetzwidrigen 
Handlungen das Bewusstsein oft gar nicht getrübt ist (12. und 
36. Fall) — Ausdrücke wie: „mangelnde Freiheit des Handebs", 
„bei gesundem Verstände sein" u. dgl. m. sind sehr dehnbare, 
geben leicht zu Missdeutung Anlass, und verleiten Gerichtsärzte, 
in concreten Criminalfällen Zustände wie: leichtes Angetrunken- 
sein, leidenschaftliche Erregung, tollen Uebermuth u. dgl. mit 
diesen Worten als unzurechnungsfähige zu bezeichnen, was sie 
nicht sind. 

Diese Erwägung, die Nothwendigkeit den individuellen ärzt- 
lichen Ansichten Schranken zu setzen, und sie vom reinen philo- 
sophischen auf das mehr pathologische Gebiet ^u verweisen, ver- 
anlasste den Gesetzgeber schon seit der frühsten (römischen) 
Zeit bestimmte Formen von Krankheiten des Geistes in seiner 
Terminologie aufzustellen, und auf diese den Arzt vorzugsweise 
zu verweisen. In dieser Beziehung haben sich, dem römischen 



§ 2. Qerichtliche Psyehonosologie. 151. 

Gesetz folgend, fast ohne Ausnahme die sämmtlichen deutsohen, 
und viele ausländische tiesetzbücher für die drei Hauptfonnen: 
Wahnsinn, Baserei und Blödsinn mit glücklichem Takt und rich- 
tiger Einsicht entschieden, wie ich dies, und das Verwerfliche 
einer zu weit gehenden Zersplitterung der Klassen und Arten 
der Geisteskrankheiten für forensische Zwecke, ausföhrlich früher 
(Hdb. I § 70) dargethan habe« Der Gerichtsarzt erhält hier 
Worte, Begriffsbestimmungen, als Massstab für seine Begutach^ 
tung, mit deren allgemeinem Sinn er aus seiner Wissenschaft 
vertraut ist, und indem er gezwungen wird, sich de^8elben an- 
zuschliessen, werden bedenkliche Abschweifungen, die auf diesem- 
Gebiete so leicht möglich, aum Yortheil für die Bechtspflege 
verhütet. Allerdings aber führt eben dieser, in der Natur der 
Sache begründete Zwang in nicht gar seltenen Fällen für den 
Arzt eine Verlegenheit herbei, dann nämlich, wenn er im concreten 
Falle einer, von ihm als solche mit Ueberzeugung anerkannten gei- 
stigen Störunge einer Abweichung von der Norm, einer Krank- 
heit, begegnet, die anscheinend in die genannte gesetzliche Ter* 
minolo^e nicht passt, weil er den Gestörten als Irrenarzt 
weder einen Wahnsinnigen, noch einen Basenden, noch einen 
Blödsinnigen nennen würde. Hoher Grad von Gedächtnissschwäche, 
Zerstreulichkeit, Verzweiflung,. Verwirrung, die geistige Confu- 
sion der Trunksüchtigen und Vagabunden, alle sogenannten 
unreifen Seelenstörungen u. s. w. geben Beispiele hierfür. Manche 
deutsche Strafgesetzgebungen — von den bürgerlichen gilt dies 
noch mehr — bieten den Aerzten ihrer Länder hier noch Aus- 
hülfe, wenn sie, wie oben gezeigt, neben den genannten Formen 
noch Begriffe aufstellen wie: Sinnenverwirrung, verminderte 
Zurechnungsfähigkeit, natürliche Schwäche des Verstandes, hohe 
Altersschwäche, bewusstloser Zustand u. dgl. Aber in andern 
Strafgesetzen, namentlich dem französischen und dem italieni'- 
sehen Strafcodex und im Preussischen Strafgeset2;biich ist die 
Fassung auf das knappste Mß.ass, auf die genannten drei, ja 
zwei Klassen: Wahnsinn und Blödsinn beschränkt. Nun möchte 
zwar wohl nicht ohne innere Begründung angenommen werden 
können, dass es dem Preussischen, ui^d wo es der concreto Fall 
vielleicht mit sich brächte, auch andern deutßchei^ Genchtsärzten 



152 S S. Gerichtliche Psychonosologie. 

unbenommen bleiben müsste, in Fällen, in welchen, ihrer lieber- 
Zeugung nach, ihre strafgesetzliche Terminologie nicht ausreicht, 
die betreffende in ihren Civilgesetzen zu Hälfe zu nehmen, sich 
derselben zu bedienen. So könnte der gerichtliche Arzt bei- 
spielsweise in Preussen „geschwächte Yerstandeskräfte'' oder 
„Schwachsinn** (3. und 6. Fall), „verminderte Freiheit« (7. Fall) 
u. s.w. annehmen, wenn er nicht gradezu durch die Frage des 
Richters in die Lage gesetzt und dann berechtigt wäre, das 
Wort „Zurechnungsfähigkeit** zu gebrauchen, was oft genug vor- 
kommt (4. Fall). Im andern Falle aber wolle man sich überall 
vergegenwärtigen, dass Griminal- und Cüvilforum zwei sehr ver- 
schiedene Institutionen sind, und dass der Griminalrichter sich 
nur an die Bestimmungen und Terminologie seines Strafgesetz- 
buchs hält, weshalb gewöhnlich in solchen Fällen, wie die hier 
genannten, Bückfragen an den Arzt zur nähern Erläuterung 
seines Gutachtens nut Rücksicht auf die bestehenden straf ge- 
setzlichen Bestimmungen entstehn, wofür ich aus mehrem ähnli- 
chen den unten folgenden 5. Fall als Beispiel anführe. Es bleibt 
dann nichts übrig, als den Fall dieser Terminologie anzupassen 
und einzufügen. In der Regel wird dies bei einer richtigen 
Deutung derselben auch nicht schwierig sein, und sich mit 
unbeschwertem Gewissen ausführen lassen. Denn wenn z. B, 
das Preussische Stra^esetzbuch zwar von „Blödsinn**, nicht aber 
von unentwickelt gebliebenen Yerstandeskräften, Schwäche des 
Verstandes u. s. w. redet, der „Blödsinn** aber im Civilgesetzbuch 
als „Unvermögen, die Folgen der Handlungen zu überlegen** 
definirt wird, so ist einleuchtend, dass dies Unvermögen auch 
bei alleh Menschen mit zurückgebliebener geistiger Entwicklung, 
mit aus Krankheit entstandener Schwächung des Geistes, bei 
vielen Menschen, die nur an partieller Verkehrtheit und fixem 
Wahnsinn leiden u. s.w. Statt findet, und dass solche Individuen 
daher mit Fug und Recht im Sinne der gesetzlichen Termi- 
nologie „Blödsinnige** genannt werden können und müssen, auch 
wenn der Arzt als Psychiater weit davon entfernt wäre, sie so 
zu bezeichnen. Es wiederholt sich hier nttr, was bei andern 
forensischen Fragen in Betreff der gesetzlichen Terminologie 



§3. Geriohtliehe PsychonoBOlogle. OMoiBtik. l.FalL 153 

Yorkommt, worüber oben bei den Erläuterungen über Verletzun- 
gen (§ 2. S. 55) gesprochen worden. 

In manchen Fällen wird der Arzt bei zweifelhaftem Geistes- 
zustände eines Angeschuldigten gefragt: ob derselbe „verhau d- 
lungsfähig^ sei, und zur mündlichen Verhandlung im Audienz- 
termin gebracht werden könne? Ich habe diesen Begriff im imten 
folgenden 5. Falle erläutert. 

§8. 
Oaiuiitik. 
1. B. 2. fall. Zwei kindisehe lUJestatsTerbreolier. 
Beide FäUe, die drei Jahre aueinanderlageii, so das« der Angeschuldigte 
des iweiten mn so weniger etwas Ton d9kn des ersten FaUes wissen konnte, 
als sie vor EinfOhnmg des öffentUehen Yerftihrens Torkamen, waren höchst 
seltsam nnd psychologisch interessant, denn sie geben Beläge ffir das oben 
8. 149 Angeführte. Beide „Jungen^ haben Steine in die Scheiben des Wagens 
des damals regierenden Königs geworfen!! 1. Angnst war ein ftir sein Alter 
Yon ArnfSsehn Jahren anflhUend körperlieh nnentwi o kelter Knabe. Namentiioh 
waren seine Geschlechtstheile noch ToUkommen kindlich und wie das Kinn ohne 
Spar Ton Haarwnchs. Sein Gesicht hatte den Charakter der kindischen £in- 
fUt Auf meine Frage von der Ursache seiner Haft stürzte ihm sogleich ein 
Strom Ton ThrSnen hervor, wie er auch wahrend meiner mehrfachen Unter- 
redangen mit ihm stets laut henlte, nnd nach meinen Fragen nach dem Grande 
seiner Verhaftnng Jedesmal antwortete: »Weil ich das Fenster eingeschmissen 
habe*. Auf die weitere Frage, wamm er dies gethan? „WeU ich den König 
habe todtschmeissen woUen*'. Als Grund hiervon gab er weiter an, ^dass es 
ihm so schlecht gegangen wäre, weil er iümier wieder von Hause nach dem 
Landarmenhause und zurück und so weiter, gekommen wäre,** er war aber 
nicht im Stande, auch nur den geringsten Zusammenhang zwischen dem Wunsch, 
seine Lage zu verbessern und dem Plan zu seinem Verbrechen, so wie mit 
dessen AuslQlirung anzugeben, und war in der That ein solcher, wie eine 
eauia /aemoris überhaupt, ganz nnd gar nicht denkbar. Hier war unzweifel- 
haft weder politische Schwärmerei, noch Eitelkeit und Sucht, sich einen Namen 
als grosser Verbrecher zu machen, noch persönliche Motive u. s. w. auch nur 
irgend denkbar, da der kindische Geist des A. dergleichen Motive noch gar 
nicht zu fhssen im Stande War. Fortwährend bestürmte er mich mit der Bitte, 
er habe Ja Alles einbekannt, er werde Ja nicht „gerichtet" werden, da „es 
nicht habe sein soUen, dass er Ihn getroffen*, dass ich doch nur dafür sorgen 
möge, dass er „herauskäme* oder Gesellschaft bekäme, dass er es im einsamen 
Gefängniss nicht mehr aushalten könne, und betrug sich hierbei durchaus wie 
ein kleines Kind, das wegen seiner begangenen Unart um Verzeihung bittet. 
Wenn hiemach A. sowohl körperlich wie geistig noch ein Kind, und hinter 



]Ö4 § S. G^riüiiUiuhe Fsychonosologie. Casuirtik. 2. Fall. 

Beinern Alter zarückgebLieben war, (wie er auch nur nothdürftig genug eine 
Stelle aus der Bibel zu lesen vermochte, und im Rechnen nur die allereinfach- 
sten Aufgaben lösen konnte,) so stellte sich seine ganze, ledes irgend zweck- 
gemässen Motivs, jeder Ueberlegung, jedes Plans ermangelnde That, nur als 
ein rein kindischer Einfall, als die mnth willige Handlung eines unerzoge- 
nen und ungezogenen Knaben, als ein sogenannter Damme-Jangen-Streich dar, 
da in der That A. noch ein „Junge'' und der Charakter seiner geistigen Fähig- 
keiten der der „Dummheit'' ist. Einer weitem Auseinandersetzung, betreffend 
die Art; wie Expl. bei Ausführung des von ihm intendirten Verbrechens ver- 
fuhr, und die so widersinnig war, dass schon daraus allein unzweifelhaft her- 
vorging, dass es ihm mit der That kaum reif erwogener Ernst gewesen sein 
konnte, glaube ich mich hier enthalten zu müssen. Mein Gutaehten ging 
dahin: 

.dass A. gar nicht im Stande Ist, eine That, wie die wh ihm ein- 
geatäodlich beabsiohtigte, iir ihren Folgen gehörig zu überlegen, da« 
ihm überhaupt nur die geistigen Fähigkeiten eines Kindes innewoh- 
nen, und dass er auch den Steinwurf nur in kindiseher Unzurech- 
nnngslShigkeit gethan habe.^ 
2. Der Fall ereignete sich drei Jahre später. Er betraf den schon neun- 
zehn Jahre alten SohlossergeseUen D., welcher bereits zweimal, im December 
und darauf folgenden Januar beabaiohtigt, und es aaeh ausgeführt hatte, mit 
einem Kieselsteine in der Hand im Schlosshofe auflauernd, den Stein' in d&n 
Wagen des Königs zu werfen, um, wie er später eingestanden hat, den König 
zu tödten. Er blieb das Erstemal unentdeckt Später wurde sogar ennittell, 
dass er noch ein drittes Mal diese Absicht gehabt, jedoch dagegen angekämpft 
hatte, ,um seiner Familie nicht den Schmerz zu machen, dass er ein Mörder 
werde''. Er hatte sich deshalb auch mit Gift, wie es die Schlosser zum Här- 
ten des Eisens gebrauchen (blauaaures Kali), versehn gehabt, später jedoch, 
gleichsam um sich vor sieh selbst zu schützen, den kurzem Weg der Selbst- 
anklage gewählt, in Folge welcher er verhaftet wurde. Sein Benehmen im 
Verhöre, obgleich er vollkommen zusammenhängende Antworten gab, war doch 
von der Art, dass eine Exploration seines Gemüthszustandes für noth wendig 
erachtet wurde. D. war angeblich zwar 19 Jahre alt. Jedoch für dies Alter 
körperlich sehr zurückgeblieben. Er war nicht nur verhältnissmässig klein und 
schwädilich von Wuchs und Bau, sondern auch von Bartwuchs zeigte sich 
noch Nichts. Seine ganze Haltung war schlaff, sein Mnskelfleisch welk> «eine 
Gesichtsfarbe bleich, wobei er übrigens körperlich gesund zu sein, und nur 
angab, von Zeit zu Zeit ein schmerzhaftes Ziehen im Unterleibe zu empfinden;. 
Eigentliche Zeichen von Krankheit habe ich jedoch nicht entdecken können. 
Er war nicht von ganz niederer Herkunft, indem sein Vater ein untergeord- 
neter Königl. Beamter war, auch hatte er Schulunterricht genossen, und war 
picht nur in den Elementarkenntnissen, sondern auch in der Mathematik, Ger 
jBchichte und Sprachen unterrichtet worden, wie er mir denn z. B. auf eine 
Heiner Fragen, ob er wohl schon sonst von Königamördern gehört oder ge- 



§ 8. GeriohtUche Psychonosologie. CHsalBtik. 2. Fall. 155 

lesen? antwortete, dass ihiQ dergleichen beim Lesen der grriechischen nnd rö- 
mischea, sq wie der Qesehiohte der firanzösisefaen ReTolntlon wolil bekannt 
geworden seien. Annath der Mutter nach dem Tode des Vaters zwang ihn, 
die Schale zn verlassen, und sich dem Schlosserhandwerk zu widmen. Um 
sein weiteres Fortkommen zn gründen, wandte er sich mit Bittgesuchen, worin 
er anf Geldunjterstiitzang antrug, welche Summe er, wie er sich gegen mich 
äusserte, »den Fonds zurückzuertheilen^ sich anheischig gemacht hatte, an Se. 
Majestät, gab dieselben auch selbst im Schlosse ab, erhielt aber auf dreimalige 
Gesuche keinen Bescheid. Dies «erbitterte^ ihn, und so entstand der Knt- 
schlnss zur oben gesohilderten That. Nachdem er im Januar den Stein in 
den (leeren) Wagen geworfen hatte, und dabei beobachtet worden war, wurcte 
er in der Schiesshofwache verhaftet^ aber alsbald fireigelassen, weil man in 
ihm einen Angetrunkenen oder Geisteskranken zu sehen glaubte. Alle diese 
Thatsachen erzählte mir D. ohne Hehl, seinen Depositionea im Verhöre ent- 
qtrechend« Sein Blick war dabei scheu, er sah gern ohne VeranlasBung zur 
Seite weg, und retirirte von einer Stelle zur andern, wobei er fortwährend 
mit den Händen zupfte und pflückte. Spuren von Reue, Thränen, Furcht, 
Ang^t liess er nirgend blicken. £r sprach leise, aber vollkommen angemessen, 
klar zusammenhängend. Versuche zn lügen, oder die That zu beschönigen, 
oder sich irgendwie zu exculpixen, machte er durchaus nicht, und selbst bei 
eindringlichem Vorhalt über die Schwere seines Verbrechens und die Möglich- 
keit der schweren Folgen blieb er verhältaiBsmässig stampf und gleichgültig, 
und nur das konnte ich in dieser Beziehung von ihm entlocken, wozu es aber 
auch erst der wörtlichen Frage bedurfte, dass er es, wenn er jetzt fireige- 
lassen, ,|nicht wieder thun würde^. Eine recht befriedigende Antwort auf die 
Frage: ob er Jene Folgen sich denn nicht vorher überlegt habe? war nicht 
von ihm zu erhalten, indem er wiederholt antwortete, er sei gär zn erbittert 
gewesen, um darüber gehörig nachzudenken. £s musste zunächst auffallen, 
dass die That des Inc. einer causa facmorU nicht ermangelte, und zwar, wie 
einleuchtend, einer der allgewöhnlichsten und psychologisch-naturgemässesten, 
der Bache. Dieser Umstand allein konnte indess eine volle Zurechnungs- 
fähigkeit für die That noch nicht begründen. Weit mehr sprach dafür, dass 
er Herr dieser Stimmung werden konnte, da er nicht nur Monate lang die- 
selbe mit sich herum trug, sondern auch sogar endlich die Wiederholung der 
That unterliess, und sich lieber selbst anzeigte, um sie desto sicherer zu unter- 
lassen. Hierin zeigte er ganz klar, und weit mehr, als es ans seinen Reden 
zu entnehmen ist, das6 er die Unterscheidung des Guten vom Bösen sehr wohl 
in sich hatte, welcher Umstand abermals ein wichtiges Moment für die Beur- 
theilnng seines Gemüthszustandes abgab. Wenn er femer sogar Veranstaltun- 
gen zum Selbstmord traf, indem er ein, aus seinem Gewerbe ihm bekanntes 
Gift zu diesem Zwecke ankaufte, um nicht als Mörder Schande über seine Fa- 
milie zu bringen, so bewies er auch hierdurch wieder, dass er nicht im blinden 
Drange geistiger Störung gehandelt hatte, nicht in solcher Gemüthszerrüttung 
befangen gewesen war, als er die verbrecherische That meditirte, wie denn 



156 SB. Gerichtliche Psychonosologie. Casnisttk. 8. Fall. 

eine solche Störung vollends als cur Zeit meiner üntenmchong bestehend bei 
ihm ansnnehmen Jede Yeranlawong fehlte. Andrerseits aber lagen doch GHinde 
Yor, die die Annahme einer vollen Zoreohnongsfähigkeit xnr Zeit der Tbat 
ansschliessen mnssten. Nicht das grosse Missverhältniss bot einen solchen 
Onmd, welches zwischen der angeblichen Veranlassung in dem Verbrechen 
nnd der Grösse desselben bestand, denn, wie überhaupt, so würde die hier 
bestrittene Lehre namentlich bei Verbrechen aus Bachsncht ganz irrig sein. 
Wohl aber war die Art, wie Inc. seinen verbrecherischen Vorsatz auszuführen 
sich vorgesetzt hatte, und wie er ihn wirklich vollzog, höchst aufMlend. Von 
allen Arten einen Mord zu vollführen, ist gewiss die dufch einen Wurf einet 
kleinen Kieselsteins in den Wagen des zu Tödtenden die allerunsicherste und 
am wenigsten Erfolg versprechende! Dass D. grade diese gewählt, bezeichnete 
seinen geistigen Standpunkt. Er war nämlich, wie auch sein oben geschildertes 
körperliches Verhalten und seine ganze körperliche, wie geistige Haltung beweist, 
sehr erheblich hinter seinem Alter von 19 Jahren zurückgeblieben, und zeigte wie 
körperlich, so geistig, das Verhalten eines höchstens dreizehn- bis vierzehn- 
jährigen Knaben. Den Mitteln eines Solchen entsprechend, wählte er das In- 
strument, mit dem er sich rächen wollte, und vermochte sieh nicht klar zu 
machen, dass dies ein schlechtes Mittel zu seinem Zweck sei, indem er sieh 
genug gethan zu haben glaubte, wenn er überhaupt nur seine Bache gekühlt 
haben werde. Von diesem Standpunkt^war es auch erklärlich, wenn er fiwt 
im Angesicht von Zeugen, vor der Schlosswache (!}, zur Ausführung seines 
Verbrechens schritt, wodurch er nur bewies, dass wenn ihm auch das Ver- 
brecherische der That an sich nicht unbewusst geblieben , er doch einer klaren 
und besonnenen, verstähdigen Ueberlegnng der Folgen derselben nicht fähig 
war. .Wenn ich, so schloss ich mein Gutachten, dargethan zu haben glaube, 
dass D. eben 'so wenig schlechthin für unzurechnungsfiihig erklärt werden 
dürfe, als ihm die volle gesetzliche Znrechnungsfähigkeit seines Lebensalters 
beigelegt werden könnte, da er in der That nicht die Entwicklung dieses 
Alters erreicht hat, so gebe ich mein Gutachten dahin ab: dass D. körperlich 
und geistig so beschaffen sei, dass er zu den Unmündigen im Sinne des Straf- 
rechts zu rechnen sei.** Nach dem damaligen Strafgesetz war diese Termino- 
logie gerechtfertigt. Nach dem heutigen würde D. als «unvermögend, die Folgen 
seiner Handlungen zu überlegen^', für „blödsinnig* zu erklären gewesen sein. 

8. ¥all. Ein sehwaohsinniger jugendlieber Fälseber. 

Auch in diesem Falle war die Frage ganz allgemein nur nach der Zn- 
rechnungsfähigkeit gestellt worden. Er betraf den 18 Jahre alten Gerhard, 
welcher angeschuldigt und geständig war, Schriftstücke in der Form öffent- 
licher Urkunden angefertigt, und dieselben mit dem Titel Justiz -Anwalt und 
einem falschen Stempel versehn zu haben. Er war der Sohn eines Invaliden, 
lebte bei seiner Mutter und war körperlich gesund. Seine Haltung war ent- 
schieden schlaff, sein Kopf vomüberhängend, sein Blick wenig belebt, seine 
Sprache hat etwas Stossendes und war nicht immer ganz verständlich. Er 



§ 3. Geriobtliohe Psychonosologie. Casaistik. g. Fall. 157 

hatte aieh selbst gern .Dichter'' genannt , und war anch unter dem Charakter 
.Dichter Qerhard" in das Gerichtqjonmal eingetragen. Aber wohl nie ist diese 
Beseichnnng weniger passend angewandt worden, als auf dieses Individanm, 
das sich auf den ersten Blick xunächst und sogleich als ein höchst talentloses 
und albernes Snbjeet darthat. In einem Schreiben an die anyerehel. H., in 
welchem deren gerichtliche Angelegenheiten yon ihm besprochen werden, und 
das er mit rother Dinte .Gerhard, Königl. Jnstietz-Anwald*' unterzeichnet, 
schliesat er mit den Worten: 

Das Geld das muss doch kommen. 

Sträubt sich auch Lämmermann, 

Es thut ihm doch nicht frommen. 

Denn Gerhard ist sein Mann. 
Der Criminal-Commlssar M. naante in seinem Bericht diese Strophe »eine seiner 
besten Dichtungen* und ich konnte dieser literarischen Kritik nur beitreten! 
In der That waren die bei dem Inc. in Beschlag genommenen Papiere ange- 
füllt mit sog. poetischen Erzeugnissen, unverständlichen Reimereien, Skizzen 
an einem Banberdrama u. dgl. m., die noch weit unter der Höhe der oben d- 
Ürten Zeilen stehn, und nach deren Lesung man in dem Verfitsser einen Schul- 
knaben Ton 9—10 Jahren yermuthen sollte. AuffoUend war, dass derselbe in 
diesen Schriftstücken, die auch unsinnige phantastisch -tolle Fragmente über 
einen geheimen Bund betreffen, oft den Namen »Graf Astulfo** gebraucht, und 
sie damit, wie sich selbst, den Verfasser, meinend, unterzeichnet. Auf alle 
diese Aeusserungen seiner geistigen Thätigkeit, wie auf das angeschuldigte 
Verbrechen^ habe ich das Gespräch mehrfisch mit dem Angeschuldigten ge- 
leitet Wie vielfiEich in den Verhören, so hat er auch gegen mich versucht, 
sein Verfithren für einen blossen Sehen auszugeben, wenn aber der Criminal- 
Commissar U. glaubt ermittelt zu haben, dass Gerhard eine .S^cht habe, sich 
einen amtliidien Charakter beizulegen**, so habe ich auch diese Bemerkung 
bestätigt gefkmden. Sein Vater hat, wie Inc. gegen mich äusserte, Winkel- 
eonsulenten-Geschäfte getrieben, und er, der Sohn, war so mit dem Aeussem 
und Formellen dieser Geschäfte einigermassen vertraut geworden. Dies, und 
Sucht mehr an scheinen, als er ist, namentlich, wie er mir gestand, der un- 
terehel. H. gegenüber, für die er eine Neigung hat, brachte ihn angeblich auf 
den «Scherz*, sich bald Graf Astnlfo, bald Justiz-Anwalt zu nennen I Aber die 
Art und Weise, wie er diese Fälschung übte, war so plump und albern, dass 
sie sehen dadurch mit Recht Zweifel an seiner Verstandes-Integrität begründet 
hatte. Die Zeugenvernehmung hatte ergeben, dass er zu verschiedenen Lehr- 
henrn gebracht worden, um ein Handwerk zu erlernen, dass er aber von die- 
sen immer als gänzlich unbrauchbar schon nach wenigen Tagen zu Hans ge- 
sehickt worden war, weil er absichtlich und ohne Veranlassung Spiegel zer- 
brochen und andere unerklärbare Streiche gemacht habe. Seine Mitgefangenen 
äoBserten einstinmiig, dass Gerhard oft Nachts umhergehe und die Spucknäpfe 
n. dgL im Gefäagniss zerbreche. Gerhard bezeichnete diese Anfälle als aus 
einem bewoasOosen Zustande hervorgehend, der ihn nicht selten überkomme, 



160 |8* OerichtUche PBjchonoBologie. CMoiatik. 4.F«ll 

»«Blödsiim*«' in den H S7 imd38.Tit I. Th. I. des Allgemeiaeii Ijandreohts, die 
eüuBlgen Definitionen, die nnsere Qesetse kennen, da das Strafjjj^esetibneh be- 
kumüieli (§ 40) nur die Worte , .Wahnsinn«"' nnd „„Blödtinn"« hInsteUt, ohne 
ansndenten, welche geistige Beschaffenheit Biehter nnd SachTentiindige nnter 
diese Babrik an snbsnmiren haben. Hiernach ist Letiterer an das iL L. B. 
hingewiesen. Wenn es nnn Hunderte von Geisteskranken giebt, Ton denen der 
Arat als solcher (die medidnische Wissenschaft) nicht behaupten kann, 
dass sie, wie } 27 A.L.B. sagt: ,, des Gebrauchs ihrer Vernunft völlig beraubt'"' 
seien, wogegen kein wirklicher Wahnsinniger im Stande ist, ,„die Folgen sei- 
ner Handlungen su überlegen*", ein solches Unvermögen aber von der geseta- 
liehen Definition ^§ 88 A. L.B.) als ««Blödtinn«« beieiehnet wird, so kommt 
der Preussisehe Gerichtsarst nothwendig tSglidh in die Lage, Geisteskranke, 
die im medidnischen Sinne Wahnsinnige sind, im gesetalichen Sinne als 
Blödsinnige zu erklären, d. h. als Menschen, die unvermögend sind, die Folgen 
ihrer Handlungen an überlegen. — In diesem Sinne hatte ich die Erklärung 
abgegeben, dass P. »«blödsinnig, wenn nieht im wissenschaftlichen, doch im ge- 
setalichen Sinne''* sei, und muss bei dieser wohlerwogenen Erklärung stehn 
bleiben. Ich habe oben zugegeben, dass er nieht etwa zweckk» gehandelt 
habe. Dies widerapricht erüshrungagemäss so wenig der Annahme einer gei- 
stigen Schwäche oder Störung, dass man viehnehr täglich bei Measehen, die 
vollendet wahnsinnig sind und von Wahnvorstellungen bei ihren Hand* 
lungen beherrscht werden, ein Handeln nach ganz bestimmt gefiuuten Planen 
wahrnehmen kann. Aber die Mittel zur Erreichung des Zweeks waren bei den 
P. so in die Augen springend unzureichend und verfehlt, dass man recht 
eigentlich daraus ersieht, da« er »»unvermögend war, sich die Folgen seiner 
Handlungen zu überlegen***. Nicht, dass er nieht erhoffen konnte, dass unter 
ftmfkehn Menschen vielleicht Einer oder Einige in seine Falle geha würden, 
aber — und ich will nur das Eine, m. £. ausreidhende erwähnen •— ein 
weniger kindisch-unentwickelter Mensch, ein reiferer und verschlagener Uebel- 
thäter würde wohl gewusst haben, dass die Unterschrift »»Erioh von der Laryiy*' 
von Adligen, die sehr genau die Adelsfamilien des Landes ken- 
nen, sofort als eine Schwindelei erkannt werden würde. Sehen die Erfindung 
dieses Namens hat etwas KindischesI Der Angeschuldigte zeigt sieh hiemaeh, 
trota seiner 16 Jahre, als ein unreifer Knabe von leicht erregbarem Nerven* 
System, wofür seine Mutter mir unter Anderm als sehr bezeichnend mitgetheUt 
hat, dass er vor einem Jahre, also als schon ftinfaeh^jähriger Mensch', als sie 
beim Plätten ein Feuer angemacht hatte, und der Angeschuldigte dies gesehn, 
sofort in Angst gerathen, fortgelaufen sei und die' Feuerwehr in*s Haus gebracht 
habe. Wenn eine solche Yerstandesschwäche und Beiabarkeit unter eine, der 
gesetzlichen Terminologie und der forensisehen Praxis entsprechende Beaeleh- 
nung gebracht werden soll, so bleibt, aus den angeführten Gründen, dem Preise. 
Geriohtsarzt nichts anders übrig, als sie als «»Blödsinn«** in bezeichnen. Wenn 
aber diese Begriftbestimmung Anstand finden sollte, wie sie Ihn bereits geftm- 
den hat, so bin ich nach der obigen Deduetion keineswegs gemeint, daranf 



§8. Geriohüiche PtycboBOSologie. CasniBtik. 6.FaU. 161 

IQ beharren, um so weniger, als das K. Kammergerioht nnr ȟber die Zu- 
reehnnngsf&hlgkeit'' des Angeschnldigten Im Allgemeinen mein Qntachten 
erfordert hat. Ich also Jetit in der Lage bin, das obige Dllemma zwischen Wis- 
senschaft und Gesets ganz fallen lassen zu können. Ich glaube es aber Tor- 
stehend motiTirt zn haben, wenn ich schliesslich mein Qntachten dahin abgege* 
ben: «dass der Angeschuldigte, Hutmacherlehrling P. zur Zelt der That unzu- 
rechnungsfähig gewesen Ist* Er ist hiernach auch in der zweiten Instanz firei- 
gesprochen worden. 

5. Fall. Sin Bohwaohsinniger EnabenBohänder. 
Wieder Differenzen wegen des Unzulänglichen unserer gesetzlichen psy- 
chologischen Terminologie f Der 40jährige K. war angeschuldigt, mit einem 
Knaben Unzucht getrieben zu haben, und vom ersten Augenblick offen gestän- 
dig, indem er versicherte, nicht gewusst zu haben, dass er etwas Unerlaubtes 
thue. Sein ganzes Verhalten veranlasste eine Exploration seines GemÜths- 
sustandes. Auf den ersten Blick machte er den Eindruck eines schwachsinni- 
gen Mensehen, und dieser Eindruck hat sich bei wiederholten Unterredungen 
nur bestätigt Sein Aeusseres war durch scheuen, blöden Blick, blinzende 
Augen, einen vorttbergebeugten Kopf, ein ängstliches Auftreten und Hin- und 
Hergehn beseiohnend. Fortgesetzt titulirte er mich nie anders als „liebe Obrig- 
keit^, auch später, nachdem ich mich Ihm im Gefängniss wiederholt zu erken- 
nen gegeben hatte. Die Angabe seines Bruders, dass er an religiös-wahnsinni- 
gen Täuschungen leide, und eine vom Teufel besessene Frau kennen wolle, 
hatte sieh mir gegenüber |n soweit bestätigt, dass er sich zwar nicht besinnen 
konnte oder wollte, eine solche Frau zu kennen, dass er aber fortwährend vom 
Teufel und von der «Hoffarth** (?) sprach, die ihn verlockte und in Versuchung 
geführt hätten, wofür er fortwährend „Gott und die liebe Obrigkeit» um Ver- 
leihung bat und mit Thränen versicherte, „es nie wieder thun zu wollen!'' 
Seine Versicherung, dass er seit lange an „Kopfschwäche" Jeide, war nach alle 
diesem glaubwürdig, wie überhaupt sein ganzes Verhalten den Verdacht einer 
Simulation beseitigte. Ich führte bei dem Mangel einer gestellten Frage aus 
und eriLlärte, dass K. an einer Geistesschwäche laborire, welche als niederer 
Grad von „Blödsinn* zu bezeichnen sei, „wenn es darauf ankomme, diesen gei- 
stigen Znstand unter eine der gesetzlich aufgestellten Formen von Geisteskrank- 
belt zu mbrieiren**. K. wurde » in Anklagestand versetzt, da, nach mündlicher 
Mittheilung des Untersuchungsrichters, „aus mein^ Gutachten nicht habe ent- 
nommen werden können, dass ich denselben für geisteskrank, regp. unzurech- 
nungsfähig erkannt habe, indem ich nur einen „„niedem Grad von Blödsinn^^ 
angenommen hätte.** Gewiss ist der Fall ein schlagender Beweis dafür, wie 
eingezwängt die Gerichtsärzte in die Terminologie ihrer Strafgesetzbücher sind, 
nnd wie wenig Spielraum sie haben, wenn ihnen nicht ganz bestimmte Fragen 
riehterlicherseits vorgelegt werden. Nach langer desfallsiger Erfahrung konnte 
ich nun bei dieser Sachlage annehmen, dass mein wohlerwogenes, grade so wie 
geachehn abgegebenes Gutachten, von dem Ich hoffen konnte, dsss man den 



162 §3. Gerichüiche Psychonoaologie. Casoistik. S.FaU. 

Accent mehr auf den „Blödsiim", ala auf den .niedern Grad'' legen weide, uwt 
Yeranlassang zu annützer fernerer Haft des Angeschaldigten, an tiberfläflBig^i 
Kosten xl. s. w. geben werde, da ich voranssah, daas wenn ich mich eoent, in 
der öffentlichen Audienzyerhandlnng aosfiihrlicher änssere, die Verhandiong 
entweder gar nicht weiter Statt finden, oder K. für ansnrechnnngsliUiig erklärt 
nnd freigesprochen werden würde. Ich tibergab deshalb, in völliger Ueberein- 
stimmong mit dem Richter, eine nachtragliche Dedaration meines Gutachtens, 
in welcher ich Aehnliches, wie im vorstehenden 4. Fall nnd weiter noch dedu- 
cirte, wie der „Schwachsinn^ wohl in nnserm Civil-, nicht aber im StraCg^esetz 
Geltung habe und ich deshalb in einem für den Strafrichter erstattetem Gut- 
achten den Tenor nicht auf „Schwachsinn*' stellen zu dürfen geglaubt hatte. 
Der Schwachsinn sei aber in der That und deshalb auch im Sinne der medi- 
cini sehen Terminologie ein niederer Grad des wirklichen Blödsinns, und 
glaubte ich deshalb gerechtfertigt zu sein, wenn ich mein Gutaehten so abge- 
fasst, wie ich es gethan. Um aber Jedem Zweifel zu begegnen, stände ich 
Jetzt nicht an, zu erklären, dass es meine Ueberzeugung sei, und dass ich hatte 
erklären wollen: »dass K. seiner geistigen Schwäche wegen, „unvermögend sei, 
die Folgen seiner Handlungen zu überlegen*"", dass er demnach im gesetz- 
lichen Sinne des Wortes als ein Blödsinniger zu erachten sei, nnd dass ich 
denselben folgerichtig, wenn ich nach seiner Zurechnungafähigkeit gefragt 
würde, für unzurechnungsfähig würde erklären müssen.^ — Die Sache blieb 
hierauf anderthalb Jahre ruhen, und dann wurde mir die Frage vorgelegt, ob 
K. Jetzt „verhandlungsfähig'' sei? Ich fand, wie zu erwarten war, ganz 
den Arühem Menschen wieder. Er nährte sich dürftig mit einem kleinen Strick- 
gamhandel, wobei er, nach Versicherung seiner Familie, seiner geistigen Un- 
behülflichkeit wegen, sich auf die allereinfkchsten Proceduren beschränken 
musste. Mit dem Ausdruck kindlicher Gutmüthis^eit äusserte er sieh über ge- 
wöhnliche Verhältnisse. Auf den Anklagepunkt gebracht, meinte er, „diese 
Sache^ sei längst abgemacht, weil er ja „die liebe Obrigkeit um Verzeihung 
gebeten und die Versicherung gegeben habe, so Etwas nie wieder thnn zu 
wollen." „Verhält sich'', sagte ich, „K. auch Jetzt noch wie früher, wie ein 
Kind, so muss ich auch hiemach die Frage von seiner Verhandlungsfähigkeit 
bemessen. Verstehe ich darunter die Möglichkeit, daas K, auf ihm vorgelegte 
Fragen, die seiner Fassungskraft angemessen, eine ausreichende Antwort zu 
geben vermag, so ist K. allerdings „„vcrhandlungsfähig*"', wie in dieeem Sinne 
z. B. ein zwö1i]ähriger Knabe es auch sein wird. Soll aber mit dem Worte i^ 
verhandlungsfähig, wie ich annehmen ibuss, namentlich gemeint sein, ob der 
40 Jahre alte K. geistig im Stande sei, in einer peinlichen Anklagesache das 
ganze Gewicht der ihm im Verhör vorzulegenden Fragen zu begreifen, die Be- 
deutung der Anklage und event. Verurtheilung für seine Zukunft richtig zu er- 
messen, und fiele hiemach der Begriff: „„Verhandlungsfähigkeit*'** mit dem der 
„„Zurechnuogsfähigkeit«*" zusammen*), so stehe ich nicht an, mit Beziehung auf 

*) Deflaiüon des Begriih: Zurechnnngsfahigkeit s. Hdb. I. § 68. 



§ 8. Geriehtliohe Psychonosologie. Casnistik. Igg 

mein Mheres Gutachten sn erklären: dass K. für TerhandlnngsfilliUr nieht an 
erachten iat*. Hiermit wurde nnn die Anklage fallen gelassen. Dieselbe De- 
duktion habe ich in allen ähnlichen Fällen von zweifelhafter Yerhandlnngs- 
fähigkeit und mit demselben Erfolge gegeben (vgl. 12. FiUl). 

6. his 9. Fall. Diebstähle in Yerstandesschwäche und Zerstreulichkeit 

verüht. 

Diese vier Fälle desselben Vergehens von Menschen ziemlich 
gleicher Geistesbeschaffenheit ausgeführt, haben dennoch ver- 
schiedene Begutachtungen meinerseits bedingt, im strengen Fest- 
halten des wichtigen Satzes, dass jeder forensisch-psychologische 
Fall als ein individueller aufzufassen, und nicht nach allgemeinen 
Kategorieen allein, sondern namentlich unter Mitberücksichtigung 
aller concreten Umstände aufzufassen sei. Die Angabe, dass 
ein Diebstahl in Zerstreuung verübt worden , wird als Entlastungs- 
grund nicht selten von den Angeschuldigten vorgebracht. Es 
versteht sich, dass hier zunächst jeder Verdacht einer blossen 
Unwahrheit beseitigt, und durch Zeugenaussagen festgestellt 
werden muss, dass der Angeschuldigte dafür bekannt, dass er 
an Zerstreutheit, Zerstreulichkeiten leide, an jener eigen- 
thümlichen habituellen, nicht bloss vorübergehenden geistigen 
Schwäche, die den Menschen unfähig macht, in jedem Augen- 
blidc sein Denkvermögen auf den grade vorliegenden Zweck sei- 
nes Handelns zu concentriren, und bei welcher namentlich das 
Gedächtniss erheblich geschwächt ist. Eine solche Zerstreulich- 
keit' kann allerdings den Menschen veranlassen, nicht bloss 
absurde, seinem Character ganz widersprechende Handlungen 
zu begehn, im Schlafrock auf die Strasse zu treten u, dgl. m., 
sondern wirklich gesetzwidrige Handlungen auszuführen, z. B. in 
eine fremde Wohnung einzudringen, die der Zerstreute für die 
seinige hält, fremdes Eigenthum an sich zu nehmen u. s. w. 
Dass aber eine solche Anlage zu Zerstreutheiten an sich die 
Freiheit der Wahl in den Handlungen* das Unterscheidungsver- 
mögen, nicht aufhebt, dafür liegen sogar von berühmten Män- 
nern, die wegen ihrer Zerstreulichkeit bekannt waren, Jedem 
bekannte Thatsachen genug vor. Der Grad der Zerstreulichkeit 
also imd die Umstände des Falles sind für die Begutachtung 



X64 § 9* Gerichtliche Psyohonoiologie. CMnlstik. 6. Fall. 

maassgebend , die hiemach yerschieden ausfallen wird and mnss. 
Hier die ausgewählten Fälle. 

6. Die anvereheL Kraase hatte in einem Waarenmagaiin ein Stfick Westen- 
leng heimlich in ihre Muffe gesteckt und war ertappt worden, als das Zeug 
aus der Muffe au Boden fieL In erster Instanz an 6 wöchentlicher Gefängnis«- 
strafe TerortheUt, hatte sie den Einwand erhoben, dass sie an Zerstrenlichkeiten 
leide und den Diebstahl in solcher und gans nnabsichtlich ansgeftthrt habe. 
Ihre Flnmachbarin , yerehel. G., wiederholte mir, was sie bereits in ihrer ge- 
richtlichen Vernehmung eidlich deponirt hatte, dass sie nach ihrer Bekannt- 
schaft mit der Angeschuldigten und der Beobachtung ihres Treibens stets eine 
auffallende Zerstreutheit bei ihr wahrgenommen habe. Sie führte aus, dass 
die Krause einmal nioht gewusst, dass sie so eben einen Eierkuchen gebacken 
habe, wie sich ähnliche Vorgänge in der Küche hänfig wiederholt hätten. In 
andern Fällen hatte Zeugin wahrhaft kindische Geberden bei der Krause wahr- 
genommen. Vor einiger Zeit hatte Letztere um Feuer ansumachen, die Hobel- 
späne auf den Küchentisch gelegt und ein Streichholz angezündet, so dass sie 
erst auf das Unpassende dieses Benehmens aufmerksam gemacht werden musste. 
Kurze Zeit vor der Entwendung war es vorgekommen, dass Ezploratin die 
Treppe gefegt und dies gleich darauf schon wieder veigessen hatte. Nieht 
unerheblich war es endlich, dass die Zeugin auch die von der Angeschuldigten 
behauptete Kurzsichtigkeit in Folge einer gleich zu nennenden Krankheit, oft 
bestätigt gesehn hat. — Die Krause war 48 Jahre alt und ganz augenschein- 
lich sehr nervenreitzbar. Diese Beitzbarkeit und eine grosse Knrzsichtigkeit 
•chob sie auf eine Augenkrankheit, die sie vor vielen Jahren in Halberstadt 
durch den Stich einer mit Milzbrandgift vergifteten Fliege davon getragen 
habe, in Folge welchen Stiches nach der Schilderung sieh eine Kopfhwe mit 
heftigen Ssrmptomen und von langer Dauer entwickelt hatte, seit welcher Zeit 
sich ihre Kopfschwäche datire. Diese Angabe W9jc um so mehr als glaubwürdig 
zu erachten, als sie eine vollkommene, erfshrungsgemässe innere Wahrheit 
hatte, als dergleichen VorfäUe sich gerade im Halberstädtischen aUJährlich 
ntebrfsch wiederholen, und als endlieh eine Narbe und Verkrüppelung des 
rechten untern Augenlides bei der Krause deutlich die angeblich Statt gehabte 
Operation nachwies. Bei einer solchen seit Jahren andauernden Kopitohwäche 
war eine so hohe Zerstreulichkeit, d. h. Unmöglichkeit seine Gedanken zu 
flxiren und Jeden Augenblick Herr seiner Gedanken zu bleiben, wie sie hier 
behauptet, und durch die Zeugenaussage bestätigt war, wohl anzunehmen. 
Dass die angeschuldigte Entwendung in dieser Geistesverfassung verübt ge- 
wesen, war femer auch deshalb wahrsoheinlich, weil die Krause bisher vSllig 
unbescholten gewesen, und weil — was ich an sich allein als Grund fireilicfa 
nicht aufführen zu wollen erklärte (s. S. 168} ^ sie in Verhältnissen lebte, die 
eine Entwendung eines geringfügigen Objects aus gewinnsüchtiger Absicht nicht 
leicht erklärlich machen würde. Ans allen diesen Gründen erklärte ich: dass 
die unverehel. Krause an einer Schwäche des Kopfes und an einer Zerstreu- 



§ $. Gtorichtlicbe Psychonosologrle. Casnistik. 7.-8. FalL 165 ^ 

llekkeit leide, die ilir nicht immer gestatteteii, die Folgen ihrer Handinngen in 
flberiegen, nnd dass sie deshalb für die angeschuldigte Entwendung für zu- 
reehnnngsffthig nicht bq erachten seL 

7. Die 16 Jährige Wurst war geständig, gelegentlich eines Einkaufs Ton 
Wnrst in einem Schlächterladen einer neben ihr stehenden Frau (}eld aus der 
Tasche entwendet an haben. Im Audienztermin behauptete ihr Vater, seine 
Tochter Htte seit einem Falle auf den Kopf in ihrer Kindheit an ZerstreuUch- 
keiten und Sporen Ton Blödsinn, sei im Schulunterricht zurückgeblieben, 
nuM^e fortwährend kindische Streiche u. s. w. Das Mädchen war körperlich 
geairad und kräftig, ob schwer nnd zögernd regulirt, wie der Vater behaup- 
tete, konnte ich meinerseits nicht ermitteln, und war auch bei übrigens völli- 
ger Gesnndheit unerheblich. Gewiss aber war, dass ihr Blick etwas Fades 
und Dummes hatte, nnd dass die Stirn niedrig und flach war. Ihre Redeweise 
war träge und schleppend, und sie musste sich zusammennehmen, um selbst 
einfaehe Fragen, z. B. nach ihrem Alter, der Zahl nnd dem Alter ihrer Qe- 
sehwister u. dgl. riehtig beantworten zu können. Dass hierin nicht grade eine 
Simulation anzunehmen, bewies der geschilderte habiiw. Nichtsdestoweniger 
hatte meine Untersuchung ergeben, dass die Wurst des „Unterscheidungsrer- 
mögens* nicht ermangle. Es war schon aufikllend, dass nachdem sie in einem 
finihem Verhör angegeben, dass sie das Geld entwandt, um sich neue Schuhe 
zn kaufen, sie gegen mich eine andre Veranlassung zum Diebstahl yorge- 
bracht hatte, den Wunsch ihres Bruders nämlich, ihm , Grieben* Tom Schläch- 
ter mitmbringen, wozu ihr eigenes Geld nicht ausgereicht habe. Dass sie 
steh ferner des Gesetzwidrigen ihrer Handlung bewusst gewesen, bewies ihr 
anfäagiiehea Längnen und das Verstecken des gestohlenen Geldes in ihrem 
Sehnh, so wie der Umstand, dass sie, entdeckt und geständig, dem yerhaften- 
den Schutzmann angab, sie habe das Geld im Schlächterladen liegen lassen! 
„Zugegeben kiemaeh,* erklärte ich, „dass die Wurst eine geistig zurückgeblie- 
bene und wirkUch dumme (stupide) Person sei, so ist sie dies doch keineswegs 
in dem Grade, u|n eine völlige Unzurechnungsfähigkeit wegen „Blödsinns* 
{% 40 Strafg.) bei ihr annehmen zu dürfen. Ich erkläre vielmehr auf Grund 
der Brmitfeelungen und meiner eigenen Untersuchung, dass die Wurst sowohl 
Jetit, als zur Zeit der That, für zurechnungsfähig in dem Sinne zu erachten, 
in welchem auch ein Kind im vorgerücktem Kindesalter — denn als solches 
zeigt sich Ezplorata — für znrechnungsfiihlg zu erachten ist* 

8. Genau in demselben Alter war der Knabe Melde, der sich mit zwei 
andern Knaben beim Stehlen eines Handwagens betheiligt, aber da er sich be- 
merkt sah, bevor er seine von den Mitangeschnldigten ihm zugemuthete Hand- 
ln^ avsgeführt, die Flucht ergriffen hatte. An demselben Abend betheUigte 
er sieh bei einem zweiten Diebstahl, indem er sich dazu hergab, sich als 
Wache haltender Aufk»asser anstellen zu lassen. Vier Tage später hatte er im 
Freien angehängte Wäsche gestohlen ' und an demselben Abend stahl er in 
Gemeinschaft mit einem Andern Pferdedecken von Droschkenpferden. Am fol- 
genden Tage endlich rfss er einen Bock von einem Kleiderladen herunter. Er 



166 § 8* Gerichfliche Psychonosologie. Casiüstik. 8. PalL 

wftr der letztem Diebstähle ffestandig. Gegen mich war er inriieklnlteBier 
in seinem Gestandniss, nnd hatte namentlich geltend sn maehen venmeht, da» 
er keine Veranlassung zum Stehlen gehabt. Der Ifitangeaehnldlgte Knabe 
Haupt hatte aber im gerichtlichen Verhör ausgesagt, dass die sämmtUehen An- 
geschuldigten, mit Einachluss Mo 1 de *b, da sie am Abend des ersten Diebstahls 
zusammen gewesen, nnd sich ermittelt hatte, dass sie Alle ohne Qoldmittel 
seien, beschlossen gehabt hätten, durch Diebstahl sich dieselben lu besehaffM. 
Die Gerichts -Deputirten hatten im ersten Verhör registrirt, daas Melde mit 
seinen schnellen und präcisen Antworten den Eindruck eines geistig ToUkom- 
men entwickelten Menschen mache. Spater hatte aber sein Pflegevaler ange- 
zeigt, dass der Angeschuldigte seit seiner frühem Kindheit Spuren wn Geistes- 
Zerrüttung gezeigt habe, ohne dass er specielle Thatsachen dafir anittführen 
gewusst hätte. Auch in seiner geriditlichen Vernehmung hatte er sieh »aunar 
Stande erklärt, einzelne bestimmte Thatsachen anzuführen, welche seine An- 
sicht, dass Melde seiner Verstandeskräfte nicht gans mächtig sei, zu beetiUigiB 
im Stande wären". Kr hob aber namentlich die «grenzenlose Zentreulheit* 
des Knaben hervor und bemerkte, dass sechs Terschiedene Schuliehnir und 
Lehrherra ihn befragt hätten, «ob es denn mit dem Jungen ganz richtig sei, 
weil sie Nichts mit ihm anfangen konnten«*. Der Lehrer K. in der Stadtroigtel, 
der den Angeschuldigten seit ^em halben Jahre unterrichtete, hatte keiad 
mangelnde geistige Kntwiciüung bei ihm wahrgenommen, yielmehr Anfknerk-^ 
samkeit und Theilnahme beim Unterricht, und er zählte ihn zu den Besten 
der Klasse. Nur Das hatte er beobachtet, dass Melde zuweilen mitten in den 
ganz richtig abgegel>enen Antwortmi plötzlich stecken blieb, zu stottern anfing 
und ganz abwesend zu sein schien, in welchen Augenbli^en er auch vnfiQiig 
zu den einfSAchsten mechanischen Verrichtungen war, z. B. ein Buch nicht weg- 
legen konnte, sondern flauen liess. Auf eine Anmahnung sich zu besinnen, w* 
holte er sich dann wieder und gab ganz richtige Antworten.. — Jeh ftnd den 
Knaben körperlich ziemlich kräftig entwickelt, aber yon bleicher Geslehtsfkrfoe 
und mit einem Ohrenschleimfluss behaftet. Seine Physiognomie hatte etwas 
Gutmüthiges, aber Schlaffes, wie auch sein Blick nicht die Lebhaftigkeit seines 
AHe» zeigte. «Ich habe in allen seinen Antworten und Aenasenuigen auf 
meine verschiedensten Fragen nicht die Spur einer geistigen Anomalie wahr- 
zunehmen vermocht, will jedoch nicht unterlassen zu bemerken, dass die Ge- 
lingen wärter gegen mich geäussert haben, dass auch sie bemerkt hätten, wie 
Melde zuweilen, namentlich Morgens nach dem Erwachen, Handlungen, die 
auf eine grosse Zerstreutheit deuten, ausführe, während auch diese Zeugen^ 
aus einer langem Beobachtung des Knaben bestätigen, dass er sieh im Allge- 
meinen ganz verständig zeige. Nach allem, was von Menschen, die den Kna- 
ben lange Zeit beobachte, deponirt worden, leidet es wohl keinen Zweifel 
und will ich auch annehmen, dass der Angeschuldigte an Zerstreulichk^ten 
leide, die ihn, wenn sie ihn befallen, v^rhindem, seine Gedanken festzuhalten 
nnd sein Thun zweckentsprechend einzuridhten, was ja eben der Charakter 
4er Zerstreutheit ist. Allein eine solche geistige Disposition ist an sich nicht 



§ 3. Gterichtliche Psychonosologie. Casnutik. 9. Fall. 167 

nnter den Begriff Oelsteskrankheit (Wahnsinn oder BlödainD, § 40 Strafges.) 
zn rabanmiren, wie dies wohl keiner AnBffihrnng bedarf, da die Erfahrung 
häufig genug Beispiele von Menschen yon sogar mehr oder weniger ausge- 
seichneten Geistesgaben kennen lehrt, welehe an Zerstreutheiten geneigt waren, 
und in den ni}mentanen Gteistesabwesenheiten oft die Terkehrtesten Handlungen 
ausübten. Das Wesentliche f&r die vorliegende Frage ist, dass durch solche 
Disposition su Zerstreutheiten, die immer nur seit weise, wie ja auch bei Molde, 
in die Ersehehrang tritt, das «Unterscheidungsyermögen* zwischen Gut und 
Böse keineswegs alterirt wird, eben so wenig als dadurch die Unmöglichkeit 
gesetit wird, das als böse Erkannte lu unterlassen. Das Benehmen des An- 
geschuldigten bei den incriminirten Diebstahlen bestätigt die Richtigkeit dieses 
Sataes auch für ihn. Es ist anzugeben, dass derselbe bei seinem noch halb- 
kindlichen Alter und seiner geistigen Schlaffheit der Versuchung durch Andre 
leichter ausgesetzt war; allein schon der Umstand, dass er beim ersten Dieb- 
stahl ttfort entfloh, als er sich beobachtet sah, beweist, dass er sehr genau 
wusste, in welcher Lage er sich in diesem Augenblick befond, wie auch seine 
MitbetheiUgung bei den ferneren Entwendungen die ganz gewöhnliche bei der- 
gleichen Yorfällen war, und nicht Ein Moment dabei henrortritt, welches auf 
eine augenblickliche Oeistesabwesenheit durch Zerstreuung oder sonst derglei- 
chen hindeuten könntet Hieniach gebe ich mein Gutachten dahin ab: dass 
Molde weder an Wahnsinn, noch an Blödsinn (§ 40 Strafiges.) i wohl aber an 
Zerstreuliehkeiten leidet^ dass indess dadurch seine Zurechnungsfähigkeit zur 
Zeit der angeschuldigten Diebstähle eben so wenig als ausgeschlossen an er- 
achten war, als derselbe sieh gegenwärtig in einen unzurechnungsfähigen Zu- 
stande befindet*' 

9. Maass, ein l9Jähriger, gesunder Mensch, mit blühender Gesichtsfturbe, 
war angeklagt, Abends aus einem Bierhause einen fremden Ueberziehrock 
mitgenommen zu haben. Er trag denselben Anfuigs über den Arm, zog ihn 
dann aber — es war eine sehr kalte December- Nacht ~ über seine beiden 
Böcke, und wurde damit bekleidet in einem Hause in der Nähe des genannten 
Bierlokales hinter der Hausthür stehend angetroffen, wo er angeblich verweilte, 
um ein dorthin bestelltes Mädchen zu erwarten. Er hatte die Entwendung 
nicht geiängnet, und stellte sie auch gegen mich nicht in Abrede, wollte aber 
in einem Znstande von Zerstreutheit gehandelt haben, so dass er angeblich 
nicht gewusst, warum er den Bock entwendet. Diese Zerstreulichkeit des An- 
geschuldigten wurde von Zeugen bestätigt, und dafür einige nicht sehr erheb- 
liche Thatsachen angeführt, z. B., dass er einmal mit dem Hut in der Hand, 
nicht auf dem Kopfe, über die Strasse gegangen sei. Wichtiger schien, dass 
einige günstige Zeugnisse für sein Wohlverhalten in den Akten, so wie An- 
gaben dafür vorlagen, dass er keineswegs etwa in Noth, sondern im Besitze 
von Geldmitteln gewesen, war. Eine habituelle Zerstreulichkeit zugegeben, so 
war nidits erkUürlioher, als dass ein Zerstreuter aus einer Gesellschaft einen 
firemden Hut, Stock u. dgL Statt des seinigen an sich genommen hätte. Be- 
4«i4Uielier wird es aber sogleich erscheinen, wenn ein Soloher awei Hüte, 



168 § 8* Oerichtliche Psychonosologie. Caanutik. 10. Fall. 

zwei Röcke n. b. w. mit fortnähme, weil er beim Qebranch der QegenBtäiide 
sogleich seines Irrthoms gewahr werden mnsste, wenn er nicht — nicht etwa 
bloss zerstreut, d. h. unfähig, seine Gedanken jeden Angenblick zosammen au 
fassen und zn halten — sondern wenn er nicht fiiat geistesschwach oder irgend 
aus welchem Grunde unbesinnlich gewesen wäre. Letateres behauptete Maass 
selbst nicht, und hatte anch wiederholt meine Frage, ob er zur Zeit etwa be- 
oder angetrunken gewesen, Temeint Dann aber muaste seine That auffällig 
erscheinen. Nachdem er sich mit seinem eignen, Ton der Wand genommenen 
Ueberzieher bekleidet, nimmt er noch einen zweiten herab. In seiner Zer- 
streuung Ycrgisst er nicht etwa, was täglich vorkommt, was er so eben ge- 
than, hält er nicht etwa den fremden Sock für den seinigen, zieht nicht etwa 
um nach Haus zu gehn, diesen fremden Book als den seinigen an, sondern er 
entfernt sich damit bei sehr scharfer Kälte, indem er ihn Aber den Arm hängt 
und erst auf der Strasse, wo er unbeobachtet ist und mehr Zeit hat, bekleidet 
er sich damit Dies waren nicht Handlungen eines Zerstreuten, sond<)fn sie 
lassen auf eine wohlüberlegte Absieht schliessen. «Diese wird bezweifelt,* 
Bchloss ich mein Gutachten, „weil der Angeschuldigte sich nicht in Noth, son- 
dern im Besitz ausreichender Geldmittel befunden. Wenn aber ans einer sol- 
chen Behauptung gefolgert werden sollte, daas Diebstähle nur aus Noth aua- 
geftthrt werden, so weiss jeder Sachkenner, Richter, Polizeibeamter und ge- 
richtliche Arzt, wie irrig eine solche Folgerung wäre, und wie häufig — auch 
mir selbst — Fälle vorgekommen sind, wo bei mehr als ausreichenden Geld- 
mitteln Entwendungen aus Geiz, Putzsucht, Liebhaberei für seltene Gegen- 
stände u. 8. w. ausgeführt wurden. Im Uebrigen ist nicht zu übersehn, daas 
der „„Besitz von Geldmitteln''** ein sehr relativer Begriff ist, und daas bei einem 
jungen Mann, der in einer grossen Stadt lebt, sehr leicht das Geld, das er 
grade besitzt, nicht ausreichen kann, um seine augenblicklichen Bedürihisse 
zu decken. Ich glaube keine gezwungene Erklärung der Handlungsweise des 
Angeschuldigten gegeben zu haben, und kann nur versichem, dass ich keinen 
einzigen Anhaltspunkt bei der Exploration und in der ganzen Sachlage gefhn- 
den habe, der mich bestimmen könnte, eine zur Zeit der That bestandene 
geistige und solche Störung bei dem Mäass gefunden zu haben, die ihn unver- 
mögend gemacht hätte, die Folgen seiner Handlung zu überlegen, so dass ich 
schliesslich mein Gutachten dahin abgeben muss: dass der Angeschuldigte zur 
Zeit der That zurechnungsfähig gewesen ist.** 

10. Fall. Urknndenfälsohiuig. Unreife Geiateakrankheit. 

Es war dies der oben S. 150 angedeutete, wie alle ähnliche sehr schwierig 
zu benrtheilen gewesene Fall, der in keine der gesetzlichen Terminologieen 
ganz passend einzureihen war, da man es offenbar erst mit einem fnorbm$ 
ßens, einer noch sog. „unreifen Geistesstörung*' zu thun hatte. Nach allen that- 
sächlichen Daten hatte der Angeschuldigte allerdings schon vor der That einen 
— den ersten — Anflall einer Geisteskrankheit gehabt, und wahrscheinlich 
hatte derselbe noch in die Zeit der That hinein fortgedauert Aber vief- Mo* 



§8. Gerichtliche Psychonosologie. Casuistik. 10. Fall. 169 

nate Bpäter war Jede Spnr desselben Terschwandeii^ und nach den Ergebnissen 
unserer, in diese Zeit fiülenden Untersaehnng war aach nicht anznnebmen, 
dass die Krankheit noch fortdanre, der Kranke aber, wie so häufig, den Willen 
und die Kraft besitze, sie au verbergen und zu beherrschen. Aller Wahr- 
scheinlichkeit nach ist spater wohl jenem ersten Anfall ein zweiter gefolgt, 
vielleicht ein Zustand' dauernden Wahnsinns eingetreten, was mir unbekannt, 
da seit den sechs Jahren seit dem YorfiatU G. nicht wieder in^foro vorgekom- 
men und mir ans den Augen gekommen ist. G., 44 Jahr alt, BrieftrSger, hatte 
am 17. December auf eine auffttllende Weise einen auf 1800 Thlr. lautenden 
Geldschein gelälscht und präaentirt. Sein Benehmen erschien dabei »sehr auf- 
fällig, indem er unzusammenhängend sprach, und tiberbaupt sein ganzes An- 
sehn etwas Zerstörtes an sich hatte*. Er klagte dabei auch über Kopfweh, 
und räumte auf den ersten Vorhalt seines Yorgesetzten, dem es auch auffiel, 
bei Durchsuohung der Brieftasche einen weiihlosen Brief zu finden, der von 
G« nicht rechtzeitig bestellt worden war, sofort die von ihm verübte Fälschung 
ein» Er will, Inhalts seiner dienstlichen Yemehmung vom 81. December, bis 
zum 16. 9*. «krank'' gewesen sein, auch am Tage der That sich , sehr unwohl, 
matt, fiebernd und benommen im Kopfe* gefühlt haben. Auch zwei andern 
Briefträgem war das Ben^men des Ezploraten zur Zeit der That .auffällig* 
gewesen, worüber sie thatsächUche Yorf alle angaben, wie denn auch ein Post- 
Assistent als Ohrenzeuge deponirte, dass G. bei der vorerwähnten ersten dienst- 
lichen Yemehmung eine, von ihm wiedergegebene, Jedes Sinnes entbehrende 
Aeussemng* gemacht habe. Unter dem 38. December bescheinigte der Dr. S., 
d|U|s G. «an heftigen Congestionen nach dem Kopfe leide*, und unter dem 
9. Januar der Dr. A. dass derselbe «an einer Gteistesstörnng leide/ für welche 
Annahme er namentlich wirklich widersinnige Aeussemngen des G. anführte^ 
Erheblich endlich war noch, dass derselbe, nach einer amtlichen Mittheilnng 
am 4. Januar c. in einer Postexpedition sich ohne alle Yeranlassung so auf- 
fallend und ungebührlich benahm, dass er durch Schutzmänner entfemt werden 
musste, gegen die er „wüthend um sich schlug*, dass er am folgenden Tage 
mit der Schulmappe seines Sohnes, die er für seine Brieftasche ausgab, dort 
wieder erschien, und Briefe zum Austragen verlangte, und dass er wenige 
Tage später ein Blatt aus dem Schreibbuche seines Sohnes als angebliches 
Attest seiner Berechtigung zu einer Nachtwächterstelle dienstlich präsentirtel 
Erst nach mehr als vier Monaten wurde mir G. zugeführt. Ich fand denselben 
körperlich ganz gesund; aber auch geistig war keine Spur einer Aberration 
an demselben wahrzunehmen. Sein Blick, sein Gang, seine Haltung, seine 
Sprache zeigten Nichts AuffoUendes. Seine Physiognomie hatte etwas ent- 
schieden Sanftes und Gntmüthiges. Spuren einer fixen Idee zeigten sich nirgends. 
Er sprach ruhig und zusammenhängend. Auch gegen mich behauptete er trotz 
aller Yorhaltungen , dass er sich des ineriminirten Vorgangs gar nicht klar be- 
wusst, und dass ihm damals der Kopf ,krank* gewesen sei. Wenn es nun 
fast unmöglich war, die Zweifel über einen vorangegangenen Geisteszustand 
genügend zu lösen, wenn dem Beurtheiler, wie mir in. diesem Falle, alle und 



170 Gerichtliche Psychonosologie. §4. UntersuohungBverfahren. 

Jede Wiaseiuchaft aber das flühere geistige und körperliche Verhalten des Ex- 
ploraten, so wie die über seinen Charakter und seine bisherige Fühmag ab- 
ging, wenn es femer nicht bestritten werden kann, dass ein gegenwärtiger 
geistiger Znstand an sich in keiner Weise auf Identität desselben mit einem 
Mhem Zustand schliessen lässt, so war doch nicht zu verkennen, dass Alles, 
was so eben nach den Akten über das Verhalten des G. knre Tor, bei nnd 
anmittelbar nach der angeschnldigten That rasammengestellt worden, der ge* 
gründeten Vermnthung Baum gab, dass derselbe, höchst wahrscheinlich ans 
körperlldien Ursachen, an jener Zeit an einem krankhaften Zustande seines 
Gehirns gelitten habe, der ihn yerhinderte, die Folgen seiner Handinngen zn 
überlegen. Er konnte sehr wohl noch combiniren, dass man anf Präsentation 
eines Qeldschdns Geld erheben könne, denn nnsweifelhafl Wahnsinnige rind 
sehr wohl im Stande, noeh weit schwierigere Combinationen au machen, „alleiB 
es wird die Behauptung keines Beweises bedürfen, dass ein snrechnungsf&higer 
Mensch listiger und zweckentsprechender bei einer von ihm klar beabsichtig- 
ten Fälschung zu Werke gegangen sein würde; als er es gethan. Sein späteres 
auffälliges und widersinniges Benehmen auf Rechnung einer Simulation la 
schreiben, liegt nicht die geringste Veranlassung nnd um so weniger vor, als, 
wie angeführt, derselbe schon vor der That sieh so auffottend beDommen 
hatte, dass selbst bei Laien sich die Vermnthung einer Geistesstörung anf- 
dräagte". Bei dieser Sachlage konnte ich nicht weiter gehn, als mit Umge- 
hung der gesetzlichen Terminologie zu erklären: „dass G. zur Zeit der wider 
ihn denuncirten Vorgänge wahrscheinlich an einer geistigen Störung gelitten 
habe, die ihn verhinderte, die Folgen seiner Handlungen zu überlegen.'' lar 
dfiss wurde das Gutachten für genügend befanden, und der Fall nicht weiter 
verfolgt. 

§*. 

Das VntennchTingBverfiEÜiren. 
(Hdb. I f 65.) 
Bekanntlich liegt bei jeder ärztliolien üntenuchjang des Otei- 
steffznstandes eines Menschen zu gesetzlichen oder richterlichen 
Zwecken die Alternative vor, dass der Arzt sich entweder dar- 
über auszusprechen hat, ob der Explorand, wenn darüber 
Zweifel angeregt worden, geistig im Stande sei, sich in den 
Angelegenheiten des bürgerlidien Lebens * zurecht zu finden, 
diese „gehörig wahrzunehmen*^, wie das Preussische Landrecfat 
sagt, ob er über sich und das Seinige gehörig verfugen könne 
^- oder die Exploration geschieht, um den Arzt auf Grund der- 
pelben zu einer Erklärung dari;ber zu verqoüassen: ob der 
yj^tersuchte zur Zeit der Untersuchung oder zu einer friih^rn 



QerichUiehe PsyelioiiOBologie. §4. UntenncbungBYerfahren. 171 

beBtimmten Zeit, in welcher er eine gesetzwidrige That aus- 
führte, geistig im Stande gewesen, diese seine That mit dem 
Maassstabe des Sitten- Mjid Strafgesetzes zu messen. Im erstem 
Falle steht die Disposition^-, im zweiten die Zorechnirngsfahigkeit 
in Frage, welche der Bicbter anf Grund der von dem Arzte ihm 
suppeditirten Materialien und sacUcennerischen Urtheile aner- 
kennt oder verwirft. Die erstem Fälle kommen im ciyilrechtli- 
chen, die letztem im strafrechtlichen Forum vor. Beide Behör- 
den sind sehr getrennte, in manchen Ländern, so wie in sehr 
grossen Städten andrer Länder, in denen sonst diese Trennung 
nicht exurtirt (Preussen), sogar nach Raum und Beamtenpersonal 
ganz getrennte Behörden, in allen Ländern aber an yerschiednen 
Processformen gebundene Gerichte. Daher ereignet es sich nicht 
selten, dass Personen, die bereits als dispositionsunfähige rechts- 
kräftig erkannt und interdicirt sind, doch später noch unter 
Umständen in Anklagestand versetzt werden, und dem Arzt 
vom Criminalrichter (Staatsanwalt) der Auftrag zugeht, den Ge- 
müthszustand noch einmal in Beziehung auf „Zurechnungsfähig- 
keif* zu prüfen (Fall der Charlotte Glaser, Hdb. I § 69) 
(^. auch unten 11. Fall), so wie umgekehrt, dass Menschen, 
deren Unzurechnungsfähigkeit festgestellt ist, später noch einmal 
in jener dvilrechtUchen Beziehung ärztlich explorirt werden 
müssen. Diese Fälle sind um so häufiger, als die Gesetze, die 
eine Bevormundung Geisteskranker verlangen, sie überall da 
liefern, wo der Arzt auf Grund einer von ihm wahrgenommenen, 
namentlich unheilbaren Geisteskrankheit den Richter zu einer 
Anwendimg der gesetzlichen Vorschriften durch sein Gutachten 
veranlasst (15. Fall). Auch der modus des Untersuchungsver- 
fahrens ist im beiderseitigen forum in Preussen, und unsers 
Wissens auch in vielen andem Ländern, ein verschiedener. Im 
strafrechtlichen Verfahren und Behufs Feststellung der Zurech- 
nuQgsföhigkeit eines Angesdiuldigten (abgesehn von andem 
strafrechtlichen Zwecken bei Gefangenen u. s. w.) beruft das Ge- 
setz (Ciim. Ordn. § 280) nur Einen Arzt, „den Physicus oder 
einen approbirten Arzt"^, im Givilverfahren, um die Dispositions- 
nhigkeit zu ermitteln, (Allg. Ger. Orlin. Tit. 18) dagegen zwei 
Aerzte, von denen der Eine vom Curator des, wie behauptet, 



172 Oerichtliche Psychonosologie. § 4. Untenochnngsverfiifareii. 

Kranken, der Andre von den Verwandten vorgeschlagen wird, 
Hieraus geht hervor, dass das Gesetz nicht etwa die letztern 
Untersuchungen für wichtiger hält, als die erstere, imd des- 
halb einen grossem Apparat in Scene setzt, sondern dass es 
nur um deswegen zwei Sachverständige fordert, um beiden 
Theilen, der Familie des zu Interdidrenden und der allgemeinen 
bürgerlichen Gesellschaft, repräsentirt durch den Fiscus, gerecht 
zu werden. (Nach der Rheinischen Civil-Process-Ordnung werden 
drei Sachverständige gefordert, y^weim die Partheien sich nicht 
darüber einigen, dass die Untersuchung nur durch Einen geschehn. 
soll"). Nach der Oesterreichischen Strafprocess-Ordnung § 95 
werden jedoch auch in strafrechtlichen Fällen zwei Aerzte „in 
der Regel" verlangt. Üeber das Verfahren im Strafprocess 
(Feststellung zweifelhaft gewordener Zurechnungsfähigkeit) haben 
wir im Hdb. a. a. 0. so ausführlich gesprochen, dass wir hier 
nur noch novellistische Ergänzungen in Betreff des Untersuchungs- 
Verfahrens im Civilwege (Dispositionsfähigkeit) zu geben be- 
absichtigen. 

Was zunächst den Zeitpunkt des einzuleitenden gerichtlichen 
Untersuchungsverfahrens bei solchen Kranken betriffb, die sich 
bereits in (öffentlichen und privaten) Irrenanstalten befinden, so 
ist dabei die öffentliche Wohlfahrt natürlich aufs Höchste inter- 
essirt, weil es nicht nur in frühem Zeiten vielfältig, sondern 
auch noch in neuster Zeit einzeln in Frankreich und namentlich 
in England u. s. w. vorgekommen, dass Menschen unter der Firinä 
von Geisteskrankheit in solche Anstalt gesteckt und ihrer Frei- 
heit beraubt wurden, oft aus den verbrecherischsten Beweggrün- 
den. In Preussen bestimmt die Königliche Cabinets-Ordre vom 
5. April 1804: ~„dass die provisorische Aufnahme eines noch 
nicht gerichtlich dafür erklärten Gemüthskranken zwar um dieser 
Form willen nicht ausgesetzt werden darf; aber die gesetzliche 
Sicherheit und Freiheit der Person erfordert, dass ^gleich nach 
der Au&ahme dem competenten Gericht davon Anzeige geschehn, 
damit dasselbe nach Vorschrift der Gesetze die sorg^tige Unter- 
suchung verfügen und darüber erkennen könne, weil unter 
keinem Verwände irgend ein Gemüthskranker, der nicht durch 
gerichtliches Erkenntoiss dafür erklärt ist, in den zu deren 



OerichtUehe Psychonosologie. §4. UBtenaehnngsrerfohren. 173 

Aufoahme bestuninten Anstalten behalten werden muss^. Diese 
Begtimmung ist näher dedarirt in der nachfolgenden Circular- 
Yerfttgung der Mioister der Medidnal- Angelegenheiten und des 
Lmem vom 16. Februar 1839: 

,Bs ist der Fall YOiyekommen, dass eine Gerichtsbehörde auf den 
Orond der Cabineto-Ordre vom 6. April 1S04 die Bofortige Einleitong 
des BlödsinnigkeitB-YerDEihrena auch gegen die zur Heilung in eine 
öffentliche Irrenanstalt aufgenommene Personen fär nothwendig -er- 
achtet hat. Diese Ansicht ist zwar von dem K. Justiz -Ministerium 
in Uebereinstimmung mit den unterzeichneten Ministerien reprobirt 
worden, well die vorgedachte Allerhöchste Cabinets- Ordre nur zur 
Sieherstetllnng gernttthskranker Personen gegen ungereditfertigte Frei- 
heitsberaubungen Terhüten will, dass ein Gemüthskranker, der nicht 
durch gerichtliches Erkenntniss dafür erklärt ist, in der Irrenanstalt 
behalten werde, und überdies eine zu friihzeitige Gemnthszustands- 
Untersuchung bei dem nach ärztlichem Zeugnisse noch nicht als un- 
heilbar erkannten Gemüthskrankon, abgesehn von dem ungünstigen 
Einflösse, welchen Jede von mehrem Personen vorgenommene amtliche 
Untersuchung auf den Gemüthsanstaad eines Kranken und dessen 
Beilung in der Regel haben wird, zu dem Uebelstande führt, dass 
bei erfolgender Wiederherstellung dem Kranken oder dessen Ange- 
hörigen unnütze Kosten verursacht werden, und dass die Publicität, 
welche die Geisteskrankheit durch ein gerichtliches Verfahren erhält, 
dem Patienten nach seiner Wiederherstellung bei Verfolgung seines 
Beruft und Erlangung seiner Zwecke hinderli^ werden kann. Da- 
mit jedoch das Gericht in den Stand gesetzt werde, sich von den 
nähern Umständen zu unterrichten und zu prüfen, ob zur Aulhahme 
eines angeblich Gemüthskrankon eine hinlängliche Veranlasung vor- 
handen gewesen ist, und welche Sicherheitsmaassregeln etwa die 
Sorge für das Vermögen des Gemüthskranken erfordert, ist es noth- 
wendig, dass den Gerichten von der Aufhahme eines Geisteskranken 
in eine öffentUehe „(dasselbe gilt für private*) Irrenanstalt sofort 
Nachricht gegeben, zugleich aber auch über den Zustand des Kran- 
ket und die einer Gtemüthszustands- Untersuchung etwa entgegen- 
stehenden Bedenken Mittheilung gemacht werde. Endlich darf die 
Aufoahme nie auf blosse Privat-Bequisition, selbst nicht der Eltern 
oder eines Ehegatten, sondern nur auf Ansuchen des Gerichts oder 
der Grfspolizei-Behörde erfolgen^ welche letatere sich zuvor von dem 
geisteskranken Znstande des betreffenden Individuums durch ein Attest 
des Physikns oder eines andern zuverlässigen. Arztes Ueberzeugung 
zu verschaffen hat Hierbei haben daher die Begierungen die Di- 
rectionen der in ihrem Verwaltungs- Bezirke befindlichen Irren- 
anstalten, sowie die Polizeibehörden mit Anweisungen zu versöhn." 



174 GerichtUehe Psychonosologie. i 6. Yoibemehe. 

Nach diesen, allen denkbaren Schutz gewahrenden Bestim- 
mungen wird fortwährend verfahren, und ich werde unten im 
höchst merkwürdigen S4. FaUe ein Beispiel dafür liefern, mit 
welcher Strenge, wo der Verdacht einer Contravention dagegen 
rege geworden, von Seiten der strafrichterliohen Behörden bei 
uns eingeschritten wird. 

Die ärztliche Thätigkeit bei diesen gerichtlichen Feststellungen 
einer Geisteskrankheit Behufs der Bevormundung des Kranken 
bezieht sich nun: 

1) auf die sogenannten Vorbesuche beim Kranken, 

2) auf das im Ezplorationstermin zu entwerfende Protokoll, und 

3) in vielen Fällen noch auf das später zu erstattende moti- 
virte Outachten. 

§5. 
Fortsetzung. 1) Die Torbesuohe. 

A) Wie am Krankenbette das gründliche Krankenexamen der 
Diagnosenstellung vorangehn muss, so hat sich der Arzt auch in 
diesen forensischen Fällen, bevor er im gerichtlichen Termin 
seine Diagnose stellt (sein Gutachten abgiebt), durch gründliche 
Prüfung des Körper- und Geisteszustandes des Provocaten über 
denselben zu informiren. In Preussen (Minist. Verf. v. 14. No- 
vember 1841, Hdb. I § 65) ist es den Aerzten gestattet, für drei 
solcher Informations-Vorbesuche beim Kranken zu liquidiren, 
womit kemesweges ausgesprochen ist, dass sie überall nur drei 
Besuche machen sollen. Die Fälle kommen, wie Jeder auch 
ohne eigene Erfahrung begreift, in solcher Mannich£altigkeit vor, 
dass eine Zahl der nothwendigen Besuche gar nicht festgesetzt 
werden kann. In nidbit wenigen z. B. bei scharf gezeichneter 
Tobsucht, beim wirklichen grell characterisirtesi Blödsinn, bei 
den höchten Graden von Schwermuthswahn, genügt schon der 
erste und einzige Besuch, um keinen Zweifel über den Fall zu 
lassen. In schwierigen uad zweifelhaften FäUw — und sie 
kommen sehr schwierig und ungern^ zweifelhaft vorl — wird 
es dagegen der gewissenhafte Arzt bestimmt nicht bei drei Vor- 
besuchen bewenden lassen, auch wenn er nur für diese Zahl ein 
Honorar in Anspruch nehmen kann, zumal wenn er sich nach 



GerichtUehe PsychonoBologie. §6. Yorbesncho. 175 

dem dritten Examen wohl sagen muss, dass er auch jetzt — 
nicht viel mehr weiss als er schon hei dem ersten Besuch erühr 
ren hatte. In solchen, in allen schwierigen Fällen von festzu- 
stellender Gemüthsbeschaffenheit eines Menschen überhaupt, wür- 
den zuweilen Monate lang fortgesetzte Besuche beim Kranken 
allein noch nicht genügen, und der Arzt muss dann für die 
Herbeischafiiing noch andrer Beweismittel zu seiner Information 
Sorge tragen. Dahin gehören: 

a) Zeugenaussagen. Der Arzt greift keinesweges in das 
Gebiet des Richters hinüber, wenn er in den hier in Rede ste- 
henden Fallen Gatten, Verwandte, Dienstherrschafton, Umgebun- 
gen über den Zustand und die vita anteacta des Exploranden 
befragt. Er ist zu einer solchen Vernehmung yon Zeugen nicht 
nur berechtigt, sondern, in Preussen wenigstens, sogar durch die 
bestehenden Vorschriften verpflichtet. In der eben genannten 
Verfügung ist nämlich verordnet, dass' der Arzt sich auch „durch 
Rücksprache mit den Angehörigen und dem Arzte des Kranken 
informiren solle''. Diese Angehörigen geben nun entweder posi- 
tive oder negative Aufschlüsse über den Provocaten (oder Ange- 
schuldigten). Die positiven Angaben können vielen Werth haben, 
und haben ihn in den meisten Fällen. Aber der untersuchende 
Arzt gebrauche sie doch nur mit Vorsicht für seine Diagnose. 
Unverstand, ja Absicht und böser WiUe, wenn die Angehörigen 
(wie so oft) ein Interesse an der Interdicirung des Betreffenden 
haben, bringen bei solchen Zeugenaussagen nicht selten eine 
Menge von Dingen zur Sprache, die der Arzt gar nicht gebrau- 
chen kann. Im Allgemeinen halte man deshalb als Regel fest, 
nur solchen positiven Zeugenaussagen diagnostischen Werth bei- 
zulegen, die mit den vom Arzte selbst ermittelten Thataachen 
in Einklang stehen, am wenigsten aber denselben vielleicht 
widersprechen. Dann können diese Angaben Dritter von erheb- 
lichstem Werth werden, und der Arzt ohne diesdben lange Zeit 
vollständig im Finstem tappen. Dies gilt namentlich in allen 
Fällen von fixem, oft so tief verstecktem Wahnsinn. Mit Hun- 
derten solcher Kranken kann man sich Wochenlang unterhalten, 
ohne auf die Spur zu kommen, wenn nicht ein Zufiall vielleicht 
darauf leitet, während eine einzige Mittheilung eines einzigen 



176 Ctoriehfliche Psychonosologie. § 6. Yorbefluobe. 

Zeugen den Arzt dann 'sofort auf den rechten Weg bringt, und 
nun die weitere Forschung erleichtert. Dass der den Kranken 
behandelnde Arzt der beste unter allen Zeugen sein wird, ver- 
steht sich von selbst. Aber der explorirende Arzt ist nur in 
den seltensten Fällen in der Lage, sich dieser Stütze bedienen 
zu können, und meist nur in jenen Fällen, in den^a der Kranke 
sich bereits längere Zeit in einer Irrenanstalt befunden hatte, 
und nun nach den gesetzlichen Vorschriften das Interdictionsyer- 
fahren eingeleitet werden musste. Hier hat er dann das Tortreff- 
liehe Material der Krankheitsgeschichte der Anstalt an der 
Hand, und er wird es zu benutzen wissen. Bei den positiven, 
also eine bestehende Geisteskrankheit anscheinend bestätigenden 
Zeugenaussagen sehe man sich aber auch vor, nicht noch auf 
andre Art getäuscht zu werden. Das Beispiel des 14. Falls 
zeigt, dass Simulanten die List gebrauchen, sich nicht nur dem 
Richter und dem Arzt gegenüber, sondern auch, wenn sie bei 
drohender Anschuldigung sich eine Simulation geistiger Krankheit 
vorgesetzt haben, absichtlich vor ihren Bekannten verrückt zu 
stellen, und dass es ihnen um so mehr gelingen wird, dann 
deren positive Angaben ihres Wahnsinns u. s. w. in die Sache zu 
bringen, als dergleichen Angehörige gar nicht im Stande sind, hier 
die Wahrheit von der Lüge, das Original von der Carricatur zu 
unterscheiden. — Was nun aber negative Zeugenaussagen betrifft, 
wie sie so lu^emein häufig theils in völliger Uebereinstimmung 
unter aUen gehörten, theils abweichend von andern, positiv aus- 
sagenden Zeugen vernommen werden, so kann ihnen der imter- 
Buchende Arzt nur den allergeringsten, meist gar keinen Werth 
beimessen. Wenn schon der gerichtliche Arzt so häufig den ge- 
bildetsten Laien, namentlich den richterlichen Beamten gegen- 
über, in die Lage kommt, wenn er ein angezi^eifeltes Gutachten 
zu rechtfertigen hat, den so allgemein verbreiteten Lrthum be- 
kämpfen zu müssen, dass nicht jeder Geistesgestörte fortwährend 
Unsinn schwatzt, oder beisst und spuckt, dass er, eine gesund 
aussehende Frucht mit dem Wurm im Innerp, äusserlich ruhig, 
wohlanständig sein, seine Geschäfte verwalten, wenn' es Noth 
thut, mit grosser Planmässigkeit eine gesetzwidrige That vorbe- 
reiten und ausführen, dann auch in den richterlichen Verhören 



Cteriehtliche PsyehonoBologie. § 5. Vorberaehe. 177 

meder ruhig dastehn und auf alle Fragen eingehend antworten, 
und doch ein Greisteskranker sein kann, eine für Aerzte triviale 
Wahrheit, die man aber für Juristen täglich yon den 
Dächern predigen müsste! — wenn, sage ich, dies für die 
gebildetsten Menschen gilt, wie viel mehr für ganz ungebildete 
Arbeiter, Dienstboten, Landleute u. dgl., auf die man als Zeu- 
gen über den Kranken angewiesen sein kann. Wie unzählige 
Male sagen solche Menschen, dass sie an dem Betreffenden auch 
nach Jahrelanger Bekanntschaft nie Etwas wahrgenommen hätten, 
das ihnen bewiesen, dass er geisteskrank, oder „nicht richtig im 
Kopfe^ gewesen u. dgl. Sie können ihre Aussagen, wie der 
richterliche Vorhalt zu lauten pflegt, „mit gutem Gewissen be- 
schwören", und bekräftigen sie schliesslich auch zeugeneidlich, 
ohne dass sie deshalb für den Arzt einen hohem Werth bekä- 
men. Denn für ein solches Wahrnehmen bedarf es eben in 
vielen, sehr vielen Fällen andrer — Augen, als' derer der bezeich- 
neten Zeugen. Es sind mir noch andre hierhergehörige Fälle 
vorgekommen. Von mir befragte Angehörige gaben ganz nega- 
tive Antworten über den angeblichen Kranken, weil sie ihn nicht 
compromittiren wollten, weil sie ein Interesse daran hatten, dass 
derselbe nicht unter Curatel gesetzt werde, weil sie, im Falle 
einer Anschuldigung, so lange als möglich und so viel an ihnen, 
eine Strafe von ihm fem halten wollten u. dgl. Hat mir doch 
ein Hauptzeuge in dem, in dieser Beziehung lehrreichen 
13. Falle auf vielfache und eindringliche Fragen nach allen 
Richtungen hin die Versicherung gegeben, dass er mir Nichts 
aus dem Leben des Angeschuldigten mittheilen könne, was die 
anderweitig behauptete geistige Krankheit desselben bestätigen 
könnte, für die ich bei eigener Exploration desselben genügende 
Anhaltspunkte nicht fand, und mich zu einer spätem Rectifici- 
rung meines ersten Gutachtens gezwungen, indem er nachträg- 
lich mit den allerevidentesten gegentheiligen Thatsachen hervor- 
trat, die er früher gegen mich angeblich deshalb verschwiegen 
gehabt, weil ihn mein Besuch aus dem Schlafe erweckt hätte, 
und er deshalb zur Zeit noch halb unbesinnlich gewesen wäre! 
Das Befragen der Angehörigen und Umgebungen des angeblichen 
Geisteskranken ist und bleibt also eine wichtige Quelle der 

Casper, klinlache Novellen. 12 



178 Gerichtliche PsychonoROlogie. § 5. Yorbesache. 

Information für den zur gerichtlichen Diagnosenstellung über ihn 
berufenen Arzt; aber die Ergebnisse dieser Nachforschungen sind 
mit den hier geschilderten Cautelen zu benutzen. 

b) Information aus den Akten. In allen Fällen, in 
denen es nur irgend thunlich, suche sich der Arzt noch zur Zeit 
der Vorbesuche von den Vorverhandlungen in "der Sache, den 
Akten, Kenntniss zu verschaffen. Es sind dies ja nur die nieder- 
geschriebenen Zeugenaussagen, und dazu findet man darin zumeist 
eine Menge von thatsächlichen Angaben, ein curricvlum vitae^ 
ärztliche Atteste u. s. w., die wichtiges Material für die psycholo- 
gische Beurtheilung des Provocaten geben, und einer Zeitver- 
schwendung vorbeugen, die nothwendig eintreten muss, wenn der 
untersuchende Arzt rein und einzig auf sein Examen eingeschränkt 
bleiben sollte. Wenn dem Arzte die Akten nicht gleich bei der 
Requisition zu diesem Geschäft zugehn, oder auf seinen Antrag 
nicht eingehändigt* werden können, dann wird es ihm immer 
noch gestattet sein — und der Richter darf ihm diese Einsicht 
nicht verweigern — in der Registratur des Gerichts sich aus 
diesen Akten zu informiren und sich die nöthigen Auszüge zu 
machen. Dies gilt für Civil- wie für Griminal-Sachen gleich- 
massig. Bei Erstem liegen (wenigstens in der Berliner Praxis), 
die gesammten Vorverhandlungen zwar ohne Ausnahme stets 
auch im, auf die Vorbesuche des Arztes folgenden Explorations- 
termine (§ 7) vor. Allein die Information aus den Akten bis zu 
diesem Termine zu verschieben, ist höchstens nur bei sehr gerin- 
gem, leicht zu übersehenden Volumen der Akten noch räthlich, 
obgleich auch dann noch dem Arzte eine wichtige Quelle der 
Belehrung und eine Richtschnur für sein Examen in den Vorbe- 
suchen entgangen wäre, nicht räthlich aber bei voluminösen zur 
Stelle befindlichen Voracten, die ein zeitraubenderes Studium 
erfordern, das im gerichtlichen Termin ganz unthimlich ist. 
Endlich aber kommen Fälle vor, in denen den Aerzten die 
Akteneinsicht auch selbst noch bis zum Schlüsse des Explora- 
tionstermins nicht möglich gewesen war, und sie sich veranlasst 
sehn, wenn ausser dem im Termin abzugebenden Gutachten noch 
ein motivirtes gefordert wird, oder der schwierig zu beurthei- 
lende Fall ein solches nothwendig bedingt (§ 8) nachträglich noch 



Gerichtliche Psychonosologie. § 6. YorbesiiGhc. 179 

die Einsicht in die Akten beim Gericht zu beantragen. „Die 
Mittheilung der AkteiTnach dem Termin, die dem Arzte, wenn 
er sie yerlangt, gesetzlich nicht verweigert werden kann*', sagt 
ein in diesen Sachen erfahrener Arzt, Neumann*), „ist über- 
flüssig. Denn entweder die Akten geben keinen neuen Finger* 
zeig für die Untersuchung ab, und dann konnte man sich die 
Mühe des Lesens ersparen, oder sie verändern wirklich den 
Standpunkt der Beurtheilung, dann war der abgehaltene Termin 
ein vergeblicher, und der gewissenhafte Arzt muss einen zweiten 
verlangen^. Ich kann dieser Ansicht nicht ga'nz beitreten. Zunächst 
sprechen dagegen die Fälle von Simulation, die auch im Civil- 
verfahren und zwar dann vorkommen, wenn zu bestrafende Ver- 
brecher lange Zeit Geistesstörung simulirten, um der Strafe zu 
entgehn, in eine Irrenanstalt geschickt worden, und dann zu dem 
gesetzlichen „Blödsinnigkeits - Verfahren" Veranlassung geben. 
Die hierorts so berüchtigte Gaunerin Charlotte Glaser (Handb. I 
§ 69) würde nicht Jahrelang eine Menge von Aerzten, darunter 
auch den verstorbenen, trefiSichen Ideler, würde namentlich 
nicht die Aerzte im Explorationstermin getäuscht haben, und auf 
deren Gutachten interdicirt worden sein, wenn ihnen vor, in oder 
selbst nach dem Termine die Akten vorgelegen hätten. In an- 
dern Fällen ähnlicher Art hatten vielleicht die untersuchenden 
Aerzte umgekehrt bona fide ein Gutachten auf nicht mangelnde 
Dispositionsfähigkeit, d. h. auf nicht vorhandenen Wahnsinn oder 
Blödsinn erstattet, weil ihre auch sorgsamste Untersuchung ihnen 
weder in den Vorbesuchen noch im Explorationstermine irgend 
Data für ein anderes Urtheil ergeben hatte, und sie Einsicht in 
die Vorakten zu keiner Zeit gehabt hatten. Aber sie konnten 
vielleicht nicht ahnen, was der Explorat in sich verschloss und 
vor ihnen verbarg, und Ein Blick in die Verhandlungen hätte 
sie aufgeklärt und enttäuscht. Der entsetzliche 12. Fall hat für 
diese Sachlage ein Beispiel geliefert. Und finden die begutach- 
tenden Aerzte, wenn sie selbst erst nach dem Tennin, und 
nachdem sie in demselben ihr Gutachten zu Protocoll gegeben, 



*} Die Theorie und Praxis der BlödsinnigkeitBerklärnng nach PrensBiBohem 
Qeaetse. Erlangen, 1860. 8. 68. 



180 Gerichtliche PBychonoBoIogie. §6. Casoistik. 1 I.Fall. 

die Akten eingesehn hatten, dass sie auf eine oder die andre 
Art getäuscht worden waren, warum dann nicht gewissenhaft 
dies offen erklären und „einen zweiten Termin verlangen"? Ist 
es denn besser und mit dem Gewissen verträglich, dass sie es 
lieber bei dem frühem, von ihnen selbst als verfehlt anerkannten 
Gutachten laut allen seinen Folgen für das betreffende Indivi- 
duum oder die öffentliche Wohlfahrt belassen? Ich wenigstens 
habe es in keinem einzigen mir vorgekommenen derartigen Falle 
über mich gewinnen können, anders zu verfahren, und dass ich mich 
nicht gescheut habe, einen solchen unfreiwilligen Irrthum sogar 
öffentlich im forum der Wissenschaft zu bekennen, beweist die 
Mittheilung der hierhergehörigen Fälle, des Kochs H. im Hdb. I 
§ 77 und des unten folgenden 13. Falles des Kaufinanns 0. 
Kein Bichter, kein sachkennerischer Arzt — und nur das 
Urtheil eines solchen kann Werth haben — wird deshalb auf 
den Begutachter einen Stein werfen, der ohne sein Verschulden 
nicht zu rechter Zeit ausreichend informirt worden war, und der 
das Prädicat der Unfehlbarkeit ohnedies für sich nicht in An- 
spruch nehmen wird. Also — besser Akteneinsicht selbst noch 
nach dem Explorationstermin, besser sogar Zurücknahme des 
ersten Gutachtens, als gar keine Information aus den Akten! 
Zur Casuistik dieser beiden Paragraphen führe ich zunächst fol- 
gende Fälle an. 

§6. 
Casuistik. 

11. Fall. FälsohuLgen von einem DispoBitionannfähigen verübt. 
Seit Jahren war der Commissionair H. wegen eines fixen Wahna mit reli- 
giösem Charakter rechtskräftig für ^blödsinnig*' erklärt gewesen, seine Dispo- 
sitionsfähigkeit ihm also abgesprochen worden, als er anf s Nene in Bezug auf 
seinen Oemtithsznstand Gegenstand richterUcher und gerichtsärztUcher Ermitte- 
lungen wurde. Er war nämUch der Fälschung von ttiethsquittungen und eines 
darauf bezüglichen Meineides angeklagt, und der Yertheidiger hatte sehr na- 
türlich die notorische geistige Beschaffenheit H.*s benutzt, um die Behauptung 
seiner Unzurechnungsfähigkeit zu begründen. Uns lag hiemach ob, nachdem 
die Untersuchung des H. dazu Yeranlaasung gegeben hatte, den Unterschied 
zwischen beiden genannten Begriffen m concreto kurz für den richterlichen 
Zweck nachzuweisen, wie denn der FaU zugleich Anlass gab, wie in so vielen 



Gerichtliche Psychonosologie. §6. Casaistik. 11. Fall. Igl 

ähDlichen, heryonnhebeii, dass ein eingezwängter fixer Wahn an sich die Im- 
pntabilität keineswegs auJtochUesst. Ich fand den fast 75 Jahre alten Kann, 
den ich seit 19 Jahren nach der letzten Exploration (im CiTilverfahren) nicht 
wieder gesehn hatte, körperlich sehr hinfällig geworden. Geistig war er der- 
selbe geblieben. Bei der leisesten Berührung religiöser Dinge zeigte sich so- 
fort wieder die tiefe Verwirrang seiner Vorstellungen in diesen Angelegenhei- 
ten. Hit der rohigsten Miene und jener tieftten Ueberaeugong, die den Ver- 
dacht auf Simulation Yöllig ausschliesst, berichtete er, wie er von Gott berufen 
sei, dessen Reich auf Erden zu ordnen. Gott hat ihm offenbart, namentlich 
dadurch, dass die Sonne vor ihm auf einem Felde auf die Erde gesunken sei, 
und sich dann wieder zum Himmel gehoben habe, dass er (Gott) nicht mehr 
mit „Du" angeredet sein wolle u. s.*w. n. s. w. Seine AS Bogen stariLO Eingabe 
an den damaligen Prinzregenten hatte gleichfalls den Zweck, das Reich Gottes 
besser zu ordnen u. s. w., und er konnte nicht Worte genug finden, um zu be- 
kunden, wie gnädig sich Gott für ihn seit den friihsten Kinderjahren bezeigt 
habe, wobei er nicht undeutlich zu verstehn gab, dass die Sonne eigentlich für 
ihn scheine u. dgl. m. Auftnerksam gemacht, dass mit einer solchen Mission, 
wie die, mit der er betraut, Verbrechen ^ wie das, dessen er beschuldigt, Fäl- 
schung und Meineid, sich am wenigsten yereinbaren Hessen, stellte er beide 
Anschuldigungen ruhig und consequent entschieden in Abrede, und brachte da- 
gegen auch gegen mich mit denselben Einzelheiten und derselben yerständigen 
Logik, wie in den Verhören, die anscheinend richtigsten Gegengründe vor, wo- 
bei er, wie bei jedem Gespräch, was nicht religiöse Angelegenheiten und seinen 
fixen Wahn betraf, auch nicht Ein Wort äussertel, das den Zweifel an der In- 
tegrität seiner Geisteskräfte erregen konnte. Hierher gehörte auch seine, mir 
schon Yon firüher her bekannte, wirklich bemerkenswerthe Eenntniss der Ge- 
setze, die sich in allen seinen Scripten offenbarte, worin er ebenfalls zahlreichen 
ähnlichen Indiyiduen glich, und die wenigstens bewies, dass er sich, trotz sei- 
nes hohen Alters, eines ausgezeichneten Gedächtnisses und einer guten Combi- 
nationsgabe erfreute. Endlich war nicht zu übersehen, dass er die angeschul- 
digten Fälschungen actenmässig mit grosser Gewandtheit und Schlauheit ge- 
macht hatte. „Nichtodestoweniger*', sagte ich im Gutachten, „kann gar nicht 
in Abrede gestellt werden, dass H. in Wahnvorstellungen befangen ist. Ich 
würde mich aber mit der psychologischen Erfahrung im Widerspruch befinden, 
wenn ich deshalb allein annehmen wollte, dass derselbe schlechthin unzurech- 
nungsfähig sei. Seine Wahnvorstellungen sind scharf auf einen bestimmten 
. Kreis begrenzt, und haben sonach den Charakter des (bloss) fixen Wahns: dass 
dieser an sich nicht den Vemnnftgebrauch ansschliesst, an sich nicht allgemein 
unföhig macht, die Folgen der Handlungen zu überlegen, an sich das „,Unter- 
scheidnngsvennögen*'*' nicht aufhebt, ist allgemein bekannt Im zweifelhaften 
Falle von Imputabilität eines an begrenzter Wahnvorstellung Laborirenden nach 
einer von ihm ausgeführten gesetzwidrigen That wird es deshalb darauf an- 
kommen, ob diese in psychologischem Zusammenhang stehe mit den Wahnvor- 
stellungen, und durch diese bedingt sei. Es liegt auf der Hand^ dass hier In 



182 Gerichtliche Psychonosologie. § 6. Casuistik. 12. Fall. 

Betreff des H. das grade entgegengesetzte Verhältniss vorliegt. Seine Rechts- 
kenntnisse, sein ganz geordneter Verstand (Intelligenz) befähigten ihn vollkom- 
men, das Gesetzwidrige einer Fälschung, eines Meineides zu erkennen, auch 
wenn er sich wahnsinniger Weise mit einer göttlichen Vission betraut glaubt, 
und nicht etwa bringt er die angebliche Fälschung mit dieser in irgend welche 
Beziehung, sondern er yersucht mit den anscheinend klarsten Berechnungen 
über die seinem Wirthe gezahlten Summen, und die mit diesem gemachten Ab- 
rechnungen u. s. w., seine Unschuld zu beweisen, und dadurch die Wirkung des 
Strafgesetzes von sich abzuwehren.'' Hiemach hielt ich mich tiberzeugt, und 
gab mein Gutachten dahin ab: „dass H. trotz seines fixen religiösen Wahns für 
die ihm angeschuldigten Handlungen für zurechnungsfähig zu erachten sei.^ 

12. Fall. Mord an vier eigenen Kindern von einem für diapoaitionsfähig 

erklärten Manne. — Zur ^amentia occulta*". — Zweifelhafte 

Verhandlnngsfähigkeit. 

Dieser schreckliche Fall hatte Jahrelang die verschiedensten Behörden be- 
schäftigt, was hauptsächlich durch die Formen des Gerichtsverfahrens bedingt 
war. Denn erst nachdem die Anklage wegen Mordes erhoben und der Ange- 
schuldigte vor die Gesehwomen gestellt war, wurde der Einwand seiner Un- 
zurechnungsfähigkeit erhoben. Unsre erste Untersuchung Hess keinen Zweifel 
über die seit langer Zeit bei dem Angeschuldigten bestandene Geisteskrankheit, 
die sich als Schwermuthswahn documentirte, den er sorgsam vor allen seinen 
Bekannten zu verschliessen gewusst hatte („atnentia occuUa!^), Einmal auf die 
Schwurgerichtsrolle gebracht, glaubte man aber die Akten nun nicht wieder 
ohne Weiteres reponiren zu können. Es kamen Rückfragen, alle technischen 
Instanzen wurden um Gutachten angegangen (welche mit dem unsrigen über- 
einstimmend ausfielen), dann wurde wieder abermals, um eine neue thnnliche 
Verhandlung zu ermöglichen, und eine Unzurechnungsfähigkeits-ErkJärung Sei- 
tens des oompetenten Richters, der Gesehwomen, zu extrahiren, die „ Verhand- 
lnngsfähigkeit " des Angeschuldigten in Frage gestellt, wozu um so mehr Ver- 
anlassung vorlag, als inzwischen im Laufe der Zeit das Civilverfahren auf 
„„Blödsiunigkeits-Erklärung'' eingeleitet worden war, und dies Verfahren 
einen Aussprach der beiden Aerzte auf Dispositionsfähigkeit ergeben hatte.. So 
wurde der Explorat vom Gefängniss zur Irrenheil- Anstalt und zurück u. s. w., 
vom Folizeigewahrsam nach dem Arbeitshaus hin und her transportirt, bis er 
endlich seinen Platz in einer Aufbewahrungsanstalt gefunden hat. Der so viel- 
seitig interessante Fall verdient eine ausführlichere Mittheilung. 

Der damals 40 Jahre alte, völlig unbescholtene Tapezirer Schnitze war 
angeklagt, am 11. März Morgens 9 Uhr seinen vier eheleiblichcn Kindern mit 
einem Rasirmesser Schnittwunden in den Hals mit Ueberlegung beigebracht 
zu haben, welche bei zweien derselben den Tod zur Folge gehabt haben, 
während der älteste Sohn wieder genesen, und der zweite, ebenfalls davon 
geheilt, später am Scharlachfieber gestorben ist Die Vertheidigung erhob 
Zweifel gegen die Zurechnungsfähtgkeit des Angeschuldigten. «Jene Zweifel,'' 



Gerichtliche Psychonosolofiie. § 6. Casuistik. 12. Fall. Ig3 

sagte ich in meinem ersten Gntachten, , erscheinen gerechtfertigrt , wenn man 
eine so entsetzliche That von einem Manne aosgefohrt sieht, zn dem man sich, 
nach Allem, was über ihn bekannt geworden, einer solchen nicht nur nicht 
▼ersehen konnte, sondern der auch allgemein als ein Vater geschildert wird, 
der seine Kinder zärtlichst liebte Schon sein firftherer Lehrherr in Dresden, 
der, was seinen Charakter betriift, ihn „»ernst und ruhig* ^ nennt, kann ihm 
nur „„ein Torzüglich gutes Zeugniss''" geben. Ein Hauswirth, bei dem er 6— 6 
Jahre gewohnt, „„kann nur Vortheilhaftes von ihm sagen***. Die Dienstmagd 
Baar, welche seit 1V4 Jahren, bis zum Augenblicke der Thaf, in seinen 
Diensten stand, nennt ihn „^ einen sehr guten Vater, der seine Kinder liebte, 
pflegte und gut behandelte***, sie nennt ihn , „einen häuslichen, fleissigen, ordent- 
lichen Mann, der nie Tabagieen besuchte, dem Trünke nicht ergeben war und 
kein Geld verschwendete***. Seine äussere Erscheinung machte diesen und an- 
dern Zeugen den Eindruck eines „„keinesweges aufbrausenden, vielmehr ruhi- 
gen und überlegenden Hannes**, der „„immer mehr für sich** lebte. Der Verlust 
seiner Frau, welche nach längerer Krankheit im Februar 1866 starb, und die 
nach zehnjähriger, sehr friedlicher und glücklicher Ehe ihm die genannten 
vier Kinder hinterliess, hat ihn, seinen Angaben nach, auflB Tiefete ergriffen. 
Eben diese Krankheit und andere Umstände hatten den Inc. in seinem Nah- 
rungstande zurückgebracht, und war er namentlich in Miethsrückstände ge- 
rafhen, die er zuletzt, beim Mangel der Arbeit in seinem Handwerk zur 
Winterszeit, selbst nach Versetzung der irgend im Hause entbehrlichen Efllecten, 
nicht mehr berichtigen konnte. In Differenzen mit seinem Hauswirth deshalb 
geräthen, hatte dieser, nach wiederholten vergeblichen Mahnungen und Ver- 
gleichsversuchen, nachdem Schnitze noch am 3. März c. ihn um eine Frist zur 
Zahlung schriftlich gebeten hatte, als Antwort eine Exmissionsklage gegen ihn 
eingelegt, und am 4. und 6. desselben Monats ihn noch einmal durch seinen 
Hansknecht mahnen lassen. Hierauf kam ihm am 4. März schon zuerst der 
Gedanke des Selbstmordes ein, da er vermeinte, gar keinen Ausweg aus seiner 
augenblicklichen, dringenden Noth zu sehn, keine Wohnung für sich und die 
Seinen hatte, folglich obdachlos war, und er, wie er sagte, doch nicht mit 
seinen Kindern „„in den Ochsenkopf***) hätte gehen können. Er schrieb an 
diesem Tage einen sehr merkwürdigen Brief an den Hm. Ministerpräsidenten, 
auf den ich noch zurückkomme, der indess nicht abgeschickt worden, und in 
welchem er zugleich seine letztwilligen Verfügungen niederlegte. Im Verhör 
vom 18. März schildert er seinen Wirth ab einen „„strengen Mann, der ihn 
barbarisch behandelt habe**. Am 7. war derExecutor bei ihm erschienen mit 
der Mahnung am 8. zn zahlen, oder die Exmission zu gewärtigen. Am 8. kam 
der Executor wieder. Inc. riegelte sich vor ihm ein und rief: den Hauswirth 
werde er mit seinem Blute bezahlen, wobei er, nachdem er später geöflhet 
hatte, nach Aussage des Executors „„sehr verstört** aussah. Es blieb indess an 
diesem Tage, wie am 9., der ein Sontag war, noch Alles in dieser Lage. 



*j Das Arbeitshaus in Berlin. 



Ig4 Gerichtliche Psychonosologie. § 6. Casaistik« 12. Fall« 

Am 10. ging er ans, um Unterstüisangea nachziuachen und Bath za schaffen. 
Er hatte sich namentlich an einen bekannten Banqnier und an zwei Prediger 
gewandt, von denen der Eine deponirt, dass er ihm ,„gans ruhig und ansehet- 
nend gleichgültig**^ vorgekommen, da er aber allen diesen Personen völlig un> 
bekannt war, so blieben seine Schritte erfolglos. Während seiner Abwesen- 
heit war der Executor wieder erschienen, und hatte die Magd veranlasst, die 
beiden kranken Kinder anzuziehn, und mit Allen die Wohnung zu räumen. 
Der Wirth hatte aber noch eine letzte Frist bis zum 11. Morgens bewilligt. 
Schnitze war, wie er sagt, „,in einer verzweiflungsvollen Lage'*'. Er fürchtete 
namentlich durch die Exmission »«seine ganze Kundschaft, sein Benommöe zu 
verlieren*^". Gleichzeitig, deponirt er, , „fielen mir die beiden Mädchen ein. Ich 
dachte daran, wie allein dieselben nach meinem Tode stejm wurden, und wie 
sie sich würden müssen in der Welt nmherstupsen lassen, besonders das jüngste 
Mädchen, die Lahme, und so gerieth ich schon am 4. März auf den Gedanken, 
diese beiden Mädchen mit mir gewaltsam aus der Welt zu schaffen'*', ein Ge- 
danke, den er indess angeblich bald wieder fahren liess, und nur bei dem 
Selbstmordsvorsatz beharrte, denn „„ich war**', sagt er, „„ganz schwermüthig ge- 
worden'**. Am 11. Morgens hatte er nun den Executor und die Exmission zu 
erwarten. Es ist, wenn er auch Jetzt behauptet. Nichts davon zu wissen, als 
erwiesen anzusehn, dass er an diesem Morgen den Kindern den Kaffee, der 
sonst gewöhnlich bitter, und nur in Ausnahmefällen süss getrunken wurde, be- 
sonders versüsste, und dass er die Kinder aufforderte, nicht zur Schule zu 
gehn, sondern zu Hause zu bleiben. Mit seinen Selbstmordsgedanken beschäf- 
tigt, glaubte er die Baar, die er als besonders gefühlvoll schildert, ans dem 
Hause fortschaffen zu müssen. Er setzte deshalb einen anscheinenden Brief 
an einen, wie er wusste, entfernt wohnenden Prediger auf, und beauftragte 
sie, sogleich den Brief dorthin zu bringen, und auf Antwort zu warten. In 
diesem Brief befanden sich aber nur die Worte „Wohlgeboren Schulze'. Des- 
halb, und weil ihm ein Tapezierer Schnitze durchaus unbekannt war, äusserte 
der Geistliche gegen die Baar, ihr Herr „„müsse wohl verrückt" sein. Nach 
Entfernung des Dienstmädchens aus dem Hause setzte Inculpat deren Effecten 
aus der Kammer in die Küche, „„damit sie dieselben gleich zusammen finden 
solle'**, und indem er, mit dem Rasirmesser in der Tasche, das er schon seit 
mehrem Tagen bei sich trug, auf und abging, und an die Ausführung des 
Selbstmordes dachte, fasste er, wie er jetzt sagt, im Widerspruch mit seiner 
obigen frühem Angabe, welchen Widerspruch ich, wie ich motiviren werde, 
nicht für erheblich betrachte, indem ihm „„plötztlich die unglückliche Lage der 
beiden kleinen Mädchen nach seinem Tode einfiel, rasch den Entschluss, sie 
zu.tödten und so ihrem unglücklichen Geschick auf dieser Welt zu entziehn"'. 
Etwa nach drei Minuten, schritt er zur That Zuerst ging er an das Bett der 
jüngsten lahmen Tochter, die, wie alle Andern, bereits wach war, und durch- 
schnitt ihr den Hals. Dann fiel er, ohne Ein Wort zu sagen, über die ältere 
Tochter her, und nachdem er „„durch diese beiden Tödtungen in die aller- 
grösste Aufregung versetzt worden war", kam es ihm „„plötzlich'**, woran er 



Gerichtliche Psychonosologie. § 6. CMaistik. 12. Fall. 185 

bisher noch nie gedacht haben will, in den Sinn, auch die beiden Knaben Ton 
der Welt zn schaffen, „,da sie, allein in der Welt stehend, doch nur nngliiek* 
liehe Geschöpfe seien''*'. Sofort verletste er durch Halsschnittwnnden erst den 
xweiten, dann den ältesten Knaben, die ihn nicht nnr anflehten, ihnen Nichts 
an Leide zu thun, sondern sogar sich zur Wehre setzten, und unmittelbar dar- 
auf yersetzte er sich Je rechts und links am Halse einen Schnitt. Ob er wirk* 
lieh auch einen Selbstlnordsyersneh durch Erhängen gemacht, ist nicht au^e- 
klärt worden. Bald schwand ihm die Besinnung, die er erst im Krankenhause 
wieder erhalten haben will. »,Ich war*''', wiederholt er, » „durch die Tödtnng der 
beiden Mädchen in Ezstase und Wnth versetzt. Dieser Zustand läast sich nicht 
beschreiben; ich wusste von mir selbst nicht, und war wie ein Wahnsinniger 
während der That, obgleich ich mich dessen, was ich gethan, während der 
That vollkommen bewnsst war.*** Dass ihm das Bewusstscin auch vor 
der That nieht geschwunden war, beweisen fünf Zeilen, die er unmittelbar 
vorher niedergeschrieben haben will, und worin er die Summen bestimmt, 
welche die Dienstmagd als ihre Schuldforderung nach seinem Tode erhalten 
solle. Auch hatte Ihn die Baar bis zu ihrem Weggange vom Hause nicht nur 
bei Bewnsstsein, sondern auch „«durchaus ruhig und guten Muths, keineswegs 
verstört und verzweiflungsvoll*'*' gesehn. Nach der That, im Krankenhause, 
war er „„vollständig gleichgültig, und seine Hauptsorge am Tage nach der That 
war nur die, dass er nicht genug zu essen erhielte"". Indess registriren die 
Akten auch das Gegentheil einer solchen Gemüthsstimmung. Als er am 1. Juli 
d. J. im Verhör seinen ältesten Sohn zum Erstenmal wieder sah, war er „„be- 
sonders gerührt und zärtlich, und umarmte den Knaben unter heftigem 
Schluchzen wiederholt mit der Bitte, ihm öfter diese Freude zu gewähren, 
und zu veranlassen, dass die unter seinen Sachen befindliche Botanisir-Trommel 
dem Knaben, dessen Eigenthum sie sei, und der sie sich von seinen Spar- 
pfennigen angeschafft habe, erhalten bliebe. Ausserdem bat der Angeschul- 
digte, zu gestatten, dass er von seinem Arbeitsverdienst im Gefängniss seinem 
Sohne ein Buch religiösen Inhaltes schenken dürfe." 

Schulze ist ein kleiner, schwächlicher Mann von 40 Jahren. Von körper- 
lichen Krankheiten giebt er nur einen „„Magenschmerz^" an, an welchem er bis 
vor iVs Jahren vier Jahre lang gelitten haben will. Nach dem Sitze dieses 
Schmerzes in der Gegend des linken Leberlappens und der noch jetzt deutlich 
fühlbaren Anschoppung in der Gegend der Herzgrube, so wie «nach dem Um- 
stände, dass er gleichzeitig angiebt, oft an Leibesverstopfinigen gelitten und 
dagegen medicinirt zu haben, ist anzunehmen, dass dieser „„Magenschmerz"" — 
eine alltägliche ärztliche Erfohrung — seinen Grund in einer Erkrankung der 
Leber gehabt habe. Eben dafür spricht der Teint des Inculpaten. Er hat 
eine bleiche Gesichtsfarbe, in welcher kupfrig geröthete Stellen und viele sog. 
Finnen sichtbar sind. Im Uebrigen ist er körperlich gesund. Der genannte 
Krankheitszustand ist unbestreitbar von Wichtigkeit, da es allgemein bekannt, 
welchen tiefen Einfluss Anomalien in den Verrichtungen der Unterleibsorgane 
auf die Gemüthsstimmung haben. Ich bin Jedoch weit entfernt, hierauf allein 



186 Oericbtliche Psyehonosologie. $ 6. OasuiBtik. 12. Fall. 

einen entscheidenden Werth zu legen. Nicht weniger wichtig ohne Zweifel 
fär die psychologische Benrtheilung des Inc. ist sein Charakter, wie er allseitig 
geschildert wird, und wie ich selbst denselben gefunden habe. Schulze, „»der 
immer still für sich allein'''' gelebt hat, ist ein sehr mhiger, anscheinend fisst 
phlegmatischer Mensch, wie ihn die Zeugen Ja auch geschildert haben. Sein 
Gang Ist langsam und hat etwas Gemessenes, seine Sprache ist ftust schleppend, 
der Ton seiner Stimme aufßillend einförmig, sein Blick eher Gutmtfthigkeit und 
innere Ruhe, als das G^entheil ausd rückend. Auch aus seiner Rede und allen 
Aeusserungen, die ohne alle Gesticulation geschehen, geht eine gewisse Ruhe, 
ein Phlegma hervor. Wenn niemals ein yerkehrtes Wort, eine sinnlose Aeusse- 
mng ans seinem Hunde kommt, so wäre es sehr erfohmngswidrig — ein Irr- 
thum, der bei Laien so sehr alltäglich ist — daraus etwa zu schllessen, dass 
Ine. kein „„Wahnsinniger**** sein könne. Ich yerweile hierbei nicht, weil ich 
nicht etwa beabsichtige, den Gegenbeweis, dass Schulze „„wahnsinnig** sei, zu 
liefern. Gewiss ist er dies nicht, wenn man bloss die Intelligenz -Sphäre der 
geistigen Functionen in Betracht zieht, und nur Störungen in dieser Sphäre 
mit dem Namen Wahnsinn belegt. Aber eine andre Sphäre, der zweite grosse 
psychische Factor, kommt bei diesem Menschen sehr erheblich in Betracht, das 
Gemüth. Dies führt auf die Erwägung eines der aUerwichtigsten Momente 
in allen Fällen zweifelhafter Zureohnungsfähigkeit, auf die Frage: ob die an- 
geschuldigte Tfaat, ich möchte sagen, isolirt im Geiste des Thäters dagestanden 
habe oder nicht? Schulze ist, wie die Akten ergeben, erstens ein durchaus 
rechtlicher, sittlicher Mann, keiner Leidenschaft ergeben, fleissig und arbeit- 
sam, wie ihn alle Zeugnisse übereinstimmend, ohne eine einzige Ausnahme, 
geschildert haben. Er ist aber auch zweitens ein liebender Vater. Es ist kein 
psychologischer Widerspruch, wenn wir bei einem, äusserlich kalt, ernst und 
ruhig-leidenschaftslos erseheinenden Manne, ein sehr tiefes Gemüth, eine wahr- 
haft rührende Liebe zu seinen Kindern finden und annehmen. Akten und Ex- 
ploration geben dafür unwidersprechliche Thatsachen. Das Zeugniss der Dienst- 
magd ist oben angeführt worden. Eben so sein Verhalten beim ersten Wieder- 
sehn seines Sohnes. Diese Scene aber bietet einen tiefen Einblick in sein 
Gemüth, wenn man sieht, nicht dass er bloss heftig schluchzt« und besonders 
gerührt ist, sondern dass er an die Botanisir -Trommel des Kindes denkt, die 
demselben immer Freude gemacht, und die er ihm durch die Beschlagnahme 
seiner EtTecten« nicht entzogen wissen will! Es liegen mehrere ähnliche Züge 
eines nicht gewöhnlichen tiefen Gemüthslebens bei dem Angeklagten vor, die, 
wie dieser eben genannte, von der allerentschiedensten Bedeutung sind. Ganz 
besonders gehört dahin der § li des noch weiter zu erwähnenden, von seiner 
Hand sieben Tage Tor der That niedergeschriebenen Testamentes, welcher 
wörtlich lautet: „«ich bestimme, dass meine jüngste Tochter, welche auf dem 
rechten Fusse lahm ist, durchaus nicht am Fuss oder irgendwo geschnitten, 
was zur Besserung fördern solle, sondern nur mit Malzbäder, was am besten 
befördert, täglich einmal und des Abends gebadet, und sogleich in*s Bett, mit 
tarnen Anna"**. Und diese Tochter, für die er hier eine so überweiche Zärt^ 



Geriohttiche Psychonosologie. § 6. Casnistik. 12. Fall. 187 

lichk«it an den Tag legt, war grade das erste Kind anter Allen, die er 
sieben Tage später tödüich verletzte. Eben so beaeichnend ist seine Angst, 
dass seine beiden Töchter, besonders diese lahme Jüngste, nach seinem Tode 
in der Welt „„nmhergestapst'''' werden wttrden, ans welchem treffenden Worte 
nicht weniger wieder seine Innige Liebe zn den Kindern hervorlenchtet, wie 
ans seinem Benehmen auf meine Frage, ob es ihm nicht wieder Frende machen 
würde, seinen Sohn recht bald einmal wieder zn sehn, wobei der stets ein- 
silbige, gemessen-ruhige Mann antwortete: „ Ja*"" — und nach einigem Besinnen: 
„,und doch auch nicht<**<, wobei er heftig zu weinen anfing und äusserte: nn^^^u» 
er ja doch nichts mehr für das Kind thun könne''''. — Bei Gelegenheit der 
Reeognition der Leiche seines, spät nach der Verletzung am Scharlachlleber 
gestorbenen Sohnes, die ich gerichtlich zu obduoiren hatte, erschien er gerührt, 
aber im Gänsen ruhig, und als er m auffallender Weise die Füsse der Leiche 
betrachtete, und nach dem Grunde dafür befragt wurde, äusserte er: er wolle 
nur sehen, ob auch die Frostbeulen des Kleinen geheilt wären. 
Endlieh sofaliesst sich hieran eine Aussage der Dienstmagd Baar, die, seine 
Liebe zu seinen Kindern erwähnend, äussert: »„grade die kleine {lahme) Anna 
war der Liebling des Schulze, und in der Regel war, wenn er Zucker holen 
liesB, dieser für die Anna bestimmt*''' — ich wiederhole für die zuerst Ton ihm 
Getödtete. „„Wenn dann aber*% sagt die Baar, „„der Zucker erst da war, dann 
gab Schulze nicht bloss der Anna, sondern auch den andern Kindern den 
Kaffe süss zu trinken.«'' Ich brauche nicht hervorzuheben, einen wie schlaglBn- 
den Beweis für die ungemeine Zärtlichkeit des Angeklagten für seine Kinder 
dieser kleine, aber höchst bezeichnende Zug giebt. Dass er auch am Morgen 
vor der That, was immer nur ausnahmsweise geschah, den Kindern den Kaffee 
veraosste, ist von der Anklage als ein Moment gegen ihn geltend gemacht 
worden. Ich meinerseits kann dies Benehmen nur auf gleiche Linie mit allen 
eben erwähnten Charaktersügen stellen. Mag Schulze schon ftüh am 11. März 
an die Tödtnng der Kinder gleichzeitig mit der seinigen, mag er, wie er be- 
hauptet, ursprünglich an diesem Tage nur seinen eigenen Selbstmord beschlos- 
sen gehabt haben, so war es Jedenfalls noch ein Akt der Zärtlichkeit, der ein- 
zige vielleicht noch mögliche in seiner Lage, und ier letztmögliche in seinem 
Leben, wenn er ihnen vor seiner Trennung von ihnen, oder vor ihrem Aus- 
gang aus dem Leben, noch Einmal den seltenen Gtonuss des versüssten Kaffees 
versehaffen wollte. Alle diese hier aneinandergereihten, in sich voll- 
kommen übereinstimmenden Züge sind nicht Mörderart, sind nicht 
die Gemüthsäussemngen, die Charakterzüge zurechnungsfähiger Uebelthäter!" 

„Der Angeklagte ist also, wie gezeigt worden, ein ruhiger, sittlicher, 
leidenschaftsloser Mann, und ein Mann von tiefem Gemüth und fast kleinlicher 
Zärtlichkeit für seine Kinder. Wenn ein Solcher in Einem Moment daran 
geht, alle seine Kinder zu tödten, so ist es, -wie selten, der Fall, von einem 
völligen Isolirtstehn der That im geistigen Leben des Thäters zu sprechen, 
Himr zeigt sich eine psychologische Kluft, die nur allein durch die Annahme 
einer krankhaften Abirrung des Gemüths vor und zur Zeit der That ausgefüllt 



188 aerichtlicfae Psychonosologie« §6. Casnisiik. 18. Fall. 

werden kann. Daas eine solche wirksam geworden, wird weiter anszufübren 
sein. — Schulze ist nämlich drittens unbestreitbar ein Uann von einem ge- 
wissen Stolz und Ehrgefühl, nnd diese Seite seines Charakters war, wie ich 
mit der Anklage, nur im entgegengesetzten Sinne, annehme, der endliche Hebel 
zu seiner That. Durch die oben genannten Umstände war er~ in bittere Noth 
gerathen, namentlich war es ihm, wie er behauptet, unmöglich geworden, die 
rückständige, kleine Summe für die Monatsmiethe zu beschaffen. Es waren 
zwar noch immer Effecten im Hause, aber, indem ich, mit Beziehung auf die 
in den Akten enthaltene Liste der in Beschlag genommenen Gegenstände, genau 
in*s Einzelne hierüber mit ihm einging, bewies er mir, dass Nichts mehr dar- 
unter gewesen, was er als Unterpfand beim Leihamt hätte benutzen können, 
was ihm geglaubt werden mag. Nun fürchtete er durch die Exmission in den 
„»Ochsenkopf ^ zu kommen, sein „„Renommee **" und seine Kundschaft zu 
▼erlieren, und in seinem Testament sagt er: ,, besser 'so scheiden, als vielleicht 
als Lump, wie es auch nicht anders ist*". Ein Kann von weniger überspann- 
tem Ehrgefühl würde sich gesagt haben, dass in einer so grossen Stadt wie 
Berlin die Kundschaft sich nicht um die häuslichen Verhältnisse ihrer Arbeiter 
kümmert, am wenigsten einem, ihr doch sonst wohl als achtungswerth be- 
kannten Handwerker ihre Aufträge nur allein deshalb entzieht, weil er in 
augenblickliche Noth gerathen. Aber nicht in den Augen der Kundschaft, in 
seinen eigenen war er ein ,,Lump''" geworden. Und wieder äusserst charak- 
teristisch waren die Schritte, die er that, um seiner Noth zu begegnen und 
sein „„Renomm^e^'^ zu erhalten. Er gerieth nämlich in Verlegenheit, und konnte 
mir keine genügende Antwort geben auf meine Frage, warum er nicht zu- 
nächst bei seinen Kunden, unter denen mehrere sehr wohlhabende. Hülfe 
gesucht, und warum er es vorgezogen habe, zu gänzlich unbekannten Perso- 
nen zu gehn, und diese um Unterstützung zu bitten, wobei er weit geringere 
Hoflhungen hätte haben müssen? Aber es ist bekannt, dass es dem Manne 
von Ehrgefühl weniger peinlich ist, grade bei ganz Unbekannten, als bei 
Menschen, mit denen er zu verkehren gewohnt, als — Bettler zu erscheinen. 
Weiter will ich andeuten, dass Schulze ^och gute und versetzbare Gegenstände 
von seinen Kunden zur Aufbewahrung im Hause hatte, und wenn es ihm nicht 
einfiel, auf eine strafwürdige Weise zum Besitz von einigen Thalem zu ge- 
langen, die ihn vielleicht bis zum nahen Frühjahr, wo er, wie er meint, wie- 
der Arbeit zu erwarten hatte, über seine augenblickliche Noth hinweg geholfen 
hätten, so spricht auch dies wieder für seine Sittlichkeit nnd sein EhrgefühL 
Ueberall abgewiesen, von seinem Standpunkte keine Abhülfe seiner Noth vor 
sich sehend, mit der Aussicht auf den „„Ochsenkopf'', nnd in der grössten Be- 
sorgniss für das Schicksal seiner Kinder, ist ihm nun wohl zu glauben, dass 
er in eine „„verzweiflungsvolle Lage**** gerieth, nnd — wie er sich mit einem 
auch wissenschaftlich vollkommen richtigen und seinen Zustand bezeichnenden 
Worte ausdrückt — „„völlig schwermüthig**** wurde. Die Schwermuth ist 
eine Krankheit des Gemüths, eine Abirrung des Gefühls und der Empfin- 
dungen, die nicht selten ohne gleichzeitige Verwirrung des Verstandes, olme 



Oerichüiche PsychonoBolofirie. % 6. Casnistik. 12. FaU. 189 

GeisteBstöniiig auftritt, so dass der Schwermäthige, Melaoeholische, wenn 
auch beherrscht von krankhaften Empfindungen, und dadurch in seinen 
freien Willensentschlieasungen gehemmt, wohl noch im Stande ist, 
In logischer Gedankenfolge au handeln, und sich in gewöhnlicher Weise zu 
äussern und zu benehmen. Jedes Irrenhaus bietet zahlreiche Beläge für diese 
Thatsaehe, und dies erklärt, warum auch der Angeklagte keineswegs, am 
wenigsten dem Laien, wie ein gewöhnlicher , „Wahnsinniger^'' erscheint. Indess 
pflegt, bei längerer Dauer der krankhaften Schwermüthigkeit, Je länger desto 
mehr, auch der Verstand, die combinirende, überlegende Geistesthätigkeit, in 
den ELreis der alienirten Seelenstimmung gezogen zu werden. Dies bestätigt 
sich bei dem Inculpaten, und ein schlagender Beweis dafür, und von der ent- 
schiedensten Wichtigkeit wieder für seine Beurtheilung, ist das oft erwähnte 
Schreiben, das er, sieben Tage vor der That an den ihm, wie er mich 
yersichert, durchaus unbekannten Herrn Ministerpräsidenten gerichtet hat. Das- 
selbe beginnt wie folgt: „»ich verstehe unter einem ordentlichen Menschen deu' 
Jenigen, welcher arbeitsam ist, nicht gestohlen hat, und unter das obwaltende 
Staatsgesetz, wenn es auch mit schlüpfrige Hinterthüren versehen ist, genügend 
durchkommt, arbeitet, dass ihm die Zunge zum Halse heraushängt, Abgaben 
giebt und geben muss, und wenn ihm das letzte Bett oder Geräthschaft ge- 
nommen wird, wo manche Thräne daran haftet, da sieht man Pracht, grosse 
Gebäude, Statuen, die Gelder dazu sind von das Lumpengesindel mit Gewalt 
erpresst''**. In diesem Tone fährt das Schreiben noch weiter fort, und es be- 
darf keiner Ausführung, dass hier eine ganz widersinnige geistige Aeusserung 
des Ine. vorliegt. Abgesehn davon, dass er sich, wie schon Zeugen deponirt 
haben, und er auch gegen mich geäussert, niemals an demokratischen Verbin- 
dungen betfaeiligt hat, und Aensserungen, wie die obigen, bei ihm auffallen 
müssen, war wohl auch ein Schreiben an diese Adresse am wenigsten der 
Ort, demokratisch -socialistischen Gesinnungen Ausdruck zu geben! Und zu 
welchem Zweck war dies Schreiben verfasst, in welchem kein Wort von einer 
zu bewilligenden Unterstützung vorkommt, die ein verständiger Mensch nach 
solchem Eingang seines Briefes an diesem Ort auch gewiss nicht erwarten 
konnte? Aber der Verlauf des Schreibens ergiebt allerdings einen Zweck, 
denn dasselbe enthält nichts mehr und nichts weniger, als — das Testament 
des Schulze in elf Paragraphen, seinen «„letzten sterbenden Willen*'^, in dem 
er seine Kinder zu seinen Erben einsetzt, seinem Wirth, dem , „verfluchten 
Bluthund'''', die. Sorge für sein Begräbniss aufträgt, den § 7 lediglich mit den 
Worten ausfüllt: „Herr, Dein Knecht konmit eher, denn Du ihm rufest'«'', und 
im schon oben erwähnten § 11 Jede Operation am Fusse seines Kindes ver- 
bietet. Und dies sein Testament adressirt er an den ihm unbekannten hohen 
Staatsmann? Und diesem also überträgt er die Anordnung, dass sein Kind 
täglich Malzbäder nehmen und dann sogleich zu Bette gebracht werden solle? 
Es versteht sich wohl von selbst, dass ich bei meiner Exploration dieses wich- 
tigen Documentes gegen ihn Erwähnung gethan. Er weiss aber keine andere 
Antwort zu geben, als dass er eben gar nicht wisse, wie er zu diesem 



190 Qerichtliche Psyohonosologie. § 6. Gasuistik. 12. FaU. 

Schreiben gekommen, nnd daas er — wie er wieder nieht ohne g«wkMieii Stolx 
hinzafiigt — ,,doch sonst nicht so dämlich nnd qaatsch geschrieben habe"*', wo- 
mit er wieder nur richtig aasspricht, was ich, nach so augenscheinlichen Be- 
weisen, nicht in wissenschaftlichere Ansdrücke zn übersetsen brauchet — Wen» 
liiemach eine wirklich kranke Seelenstimmung des Angeklagten schon vor 
der That wohl unsweifelhaft ist, wenn zur Erklärung derselben die ihr am 
häufigsten zu Grunde liegenden Ursachen, Noth nnd überspanntes Ehrgefühl, 
als auch in diesem Falle wirksam gewesen, bewiesen sind, so erklärt sich das 
ganze Benehmen des Schulze zur Zeit und noch unmittelbar nach der That 
sehr zwanglos. Es ist sehr beluinnt, wie häufig Schwermuth zu Selbstmord 
disponirt. Dass auich Inc. mindestens schon am 4. März unzweifelhaft diesen 
(bedanken gefSust hatte, beweist das eben genannte Schriftstuck. In seiner, 
hier entwickelten Qemüthsstimmung aber, und bei seiner bewiesenen über- 
grossen Liebe zu seinen Kindern, die er als einen Theil seiner selbst betrach- 
tete, war seine ganze That gleichsam nichts Anders, als ein ffinffkcher Selbst- 
mord. Dass der Fall als solcher keineswegs neu oder vereinzelt dasteht, dafür 
will ich nur allein ans meiner eigenen, und zwar aus der neusten Erfahrung an die 
dem Gericht wohlbekannten Fälle der beiden Gemüthskranken, des Tischler B lai ch 
und des Weber Dietrich, erinnern,*) die gleichfalls beide ihre heissgeliebten 
Kinder, ebenfalls in der Furcht eines ihnen bevorstehenden unglücklichen Le- 
bens, tödteten. In welchem Augenblick zu allererst der Gedanke in ihm rege 
geworden, ausser sich auch seine Kinder zu tödten, ob schon vor dem Moment 
der Ausführung des Selbstmordes, oder später? ob beim tagelangen Herum- 
tragen des Rasirmessers in seiner Tasche er nur an sich, oder schon an seine 
Kinder gedkcht hat? die Beantwortung dieser Fragen hat nach dem so eben 
Ausgeführten vom psychologischen Standpunkte so wenig Wichtigkeit, als sie 
höchst erheblich wäre vom Juridischen bei einem zurechnungsfähigen Ver- 
brecher. Denn es ist gar nicht zu bestreiten, dass Schulze „j^überlegt***" 
hat, ob es nicht besser für die Kinder sei, sie mit sich aus der Welt zu neh- 
men, damit sie darin nicht , „umhergestupst''** würden, und schwermüthige Ge- 
müthskranke ,, überlegen'", ja grübeln sogar sehr oft und gern lange Zeit hin- 
durch grade über dergleichen Pläne, bis sie dieselben endlich ausführen, und 
eine für verwerflich zu erklärende wissenschaftliche Hypothese 
hat sogar für dergleichen Fälle, wie den Vorliegenden, die 
Theorie der sogenannten Amentia occulta, als eigenthümlloher 
Wahnsinnsspecies, erfunden. Aber es bleibt immer zu erwägen, dass 
eine solche „„Ueberlegung"''', ein solcher 9„ Vorsatz«*" (StrafigeBetzb.), wie sie bei 
Sohnlze ursprünglich Statt gefunden haben mögen, die (wie oben gezeigt 
wurde,) noch möglichen psychischen Operationen eines kranken, gefesselten 
Gemüthes sind. In anderer Beziehung ist dem Inc. wieder sehr füglich zu 
glauben, wenn er eine Angabe macht, die sich so oft bei schaudererregenden 
Thaten, wie diese, und zwar bei Verbrechern, wie bei Gemüthskranken, 



•) Hdb. I. § 77. 



Gerichtliche Psychonosologle. §6. CaBOJBtik. 13. Fall. 191 

wiederholt, und welche ungemein zahlreiche Erfahmngsthatsachen bestätigen, 
die jeder erfahrene Criminalist und GerichM^rzt kennt Ich meine die Angabe, 
dass er, nach ToUzogener Tödtnng der beiden Mädchen, in einen Zustand yon 
^„EzBtase und Wuth'''' versetzt wurde, der ihn nun auch zum tödtliehen Angriff 
gegen die Knaben fortriss, deren Tödiung er vorher nicht «, überlegt"'' haben 
will« 

«Nicht unerwähnt darf das Benehmen des Angeklagten nach der That 
bleiben. £s liegt, nach dem Zengniss des ihn behandelnden Arztes hierüber 
eUie Aensserung vor, die gewiss geeignet ist, die hier ausgeführte Ansicht 
über seinen Seelenzustand zu Jener Zeit erheblich zu unterstützen. Denn wenn 
Dr. W. deponirt, dass Schulze am Tage nach der That , „vollständig gleich« 
gültig*"' erschien, und dass seine Hauptsorge nur die war, dass er nicht genug 
zu essen bekäme, so muss hiemach derselbe entweder ein ganz entmenschter, 
herzloser, seine Klnd'er als eine blosse Last betrachtender Bösewicht, oder ein 
Mensch sein, dessen Gewissen durch Gemtithskrankheit umdunkelt ist. Dass 
Schulze aber das Erstere gewiss nicht ist, wird nicht bestritten werden 
können. Auch der Webermeister Dietrich, ein nach seiner Ueberzeugung 
eben so in Noth gerathener, ein eben so zärtlicher Vater wie Schulze, 
spricht noch heute ,im Irrenhause*) vollständig gleichgültig über die Tödtung 
seines Sohnes. — Zwei Aeusserungen endlich darf ich nicht unberücksichtigt 
lassen, die meiner Ansicht widerlegend entgegengesetzt werden könnten. 
Schulze hat wiederholt versichert, dass er sowohl vor als während der That 
seiner vollkommen bewusst gewesen wäre. Die Geschichtserzählung hat auch 
thatsächliche Beläge für die Wahrheit dieser Aensserung geliefert Ich meiner- 
seits bin auch weit entfernt, diese Wahrheit bezweifeln zu wollen. Eben so 
wenig aber ist ihr für die Beurtheilung des Falles die geringste Erheblichkeit 
zuzuschreiben. Denn die Thatsache des Bewusstseins seiner selbst ist keines- 
wegs die Axe der Untersuchung bei zweifelhaften Gemüthszuständen, da es 
nur wenige, ganz bestimmte Formen geistiger Erkrankung giebt, in denen das 
Selbstbewusstsein getrübt oder ganz aufgehoben, dies aber bei der Mehrzahl 
jener Formen keinesweges der Fall ist Auch hierfür liefert die ärztliche Er- 
fahrung tägliche Beispiele, auf die ich mich berufen kann, um nicht zu weit- 
läuftig zu werden. Dagegen ist eine andere Aensserung des Angeschuldigten, 
die er, wie im Audienztermin, so auch gegen mich im Gefängnisse wiederholt 
gethan, allerdings auffallender, wenn derselbe nämlich jetzt vorgiebt, von 
der ganzen That keine Erinnerung mehr zu haben, ja sogar versucht, den 
Tod der beiden Töchter zu läugnen, „„deren Leichen man ihm ja nicht gezeigt 
habe^". Erwägt man aber, dass derselbe sich seit 7 Monaten mit Mitgefonge- 
nen in Einem Gefängniss befindet, so verliert selbstredend eine solche Ent- 
schuldigung jeden Werth. Wenn ich .im Uebrigen versichere, dass Schulze 
mir auf meine Frage: ob er wohl wisse, welche Strafe ihm drohe? mit ge- 
wohnter Buhe antwortete: „„der Tod, den habe ich auch verdient, es ist mir 

*) In welchem er später paralytisch gestorben ist 



192 Gerichtliche Psyehonosologie. § 6. Gasnistik. 13. Fall. 

aaoh ganz recht, ich habe mein Leben 8att^<< — so leuchtet ans diesem Wider- 
sprach ein, dass Jenes Längnen der. Erlnnerang etwas rein Aensserliches, dem 
Schulze Eingeredetes, nicht etwas in ihm Erzeugtes ist. Keinesfalls wird 
diese einzige, isolirte Aenssenmg die Masse der Thatsachen entwerthen, welche 
ich im Verlaufe dieser Ausführungen an(igestellt habe. Wenn ich endlich 
hinzufüge, dass meine wiederholten Explorationen des Schulze im Gefäng- 
nisse bis in die neuste Zeit immer wieder dasselbe Ergebniss geliefert, und so 
den Beweis gegeben haben, dass, wie es auch nicht anders zu erwarten war, 
Inculpat sich körperlich und psychisch vollkommen gleich geblieben ist, so 
kann ich schliesslich mein Gutachten, nach meiner innersten Ueberzeugung 
nur dahin abgeben: dass der Tapezierer Schulze zur Zeit der zur Anklage 
gestellten That zurechnungsfähig nicht gewesen, und dass er auch gegenwärtig 
für zurechnungsfähig nicht zu erachten ist'' ~ Ein halbes Jahr später, nach- 
dem die beiden andern technischen Instanzen sich in ähnlicher Weise ausge- 
sprochen, wurde mir die Frage vorgelegt: „ob S. eine öffentliche, mündliche 
Verhandlung insofern unmöglich mache, als die von ihm abzugebenden Erklä- 
rungen als solche angesehn werden müssten, welche im unzurechnungsfähigen 
Zustande abgegeben sind?* Ich musste diese Frage bejahen, da die krankhaf- 
ten Vorstellungen, welehe die Veranlassung zu der angeschuldigten That geworden 
waren, und die hauptsächlich den Hauptinhalt des öffentlichen Verhörs bilden 
würden, vollkommen wie fHiher bei S. fortdauerten. Er vrar zur Zeit in der Irren- 
heilanstalt und 9 Monate später wurde ich befhigt: ob meine fHihern Gutachten fCr 
maassgebend zu erachten seien, um darauf im Civilverfieihren zur Begründung der 
beabsichtigten Provocation auf Blödsinnigkeits-Erklärang Bezug nehmen zu 
können? Erneute Explorationen zeigten S. noch immer als den vormaligen, 
tief innerlich Verworrenen. Er sprach von seinen Kindern, wie von einem 
Bock, den man besessen, aber unwiderbringlich verloren hat Nur sein Stolz 
trat Jetzt noch mehr ab früher hervor. Er fand seine Mitkranken »nicht ge- 
bildet* genug, und erzählte mit Befriedigung, dass er sich dem „Oberwärter« 
angeschlossen habe. Sein einziges überlebendes Kind hatte er nicht wieder 
gesehn, „weil er sich schämte, sich in dieser (Hospital-) Kleidung vor ihm sehn 
zu lassen* u.s.w. Natürlich stimmte ich für Einleitung der sogenannten „Blöd* 
sinnigkeits-Erklärung*, und hörte nun weitere anderthalb Jahre lang Nichts 
mehr über den Fall. Zu meiner Ueberraschung erführ ich nunmehr, dass, 
nachdem die Aerzte im Civilverfahren nach ihrer Exploration des S., dessen 
Antecedentien ihnen unbekannt geblieben waren, und der denselben, woran ich 
nicht zweifle, auf alle ihre Fragen ganz genügende Antworten gegeben haben 
mochte, eine geistige Störung nach den gesetzlichen Begriffen Wahnsinn oder 
Blödsinn anzunehmen sich nicht veranlasst gesehn, und dass, nachdem hiernach 
das Civilgericht die Provocation auf Blödsinnigkeits- Erklärung zurückgewiesen 
hatte, S. Jetzt nach dem Gefängniss zurückgebracht und ein neuer Schwurge- 
rlchtstermin anberaumt worden war, vor welchem ich Jedoch noch einmal gehört 
werden sollte. Ich will, um nicht Ueberflüssiges anzuführen, hier nur noch 
bemerken, dass S. sich auch im Gefängniss wieder ganz als der Alte erwies. 



Gerichtliche PsychonoBologie. §6. Oasntstik. IS.FaU. 193 

und dass sich Nichts, Nichts in nnd mit ihm geändert hatte. Simaeh hatte ich 
jetzt nur noch die Aufgabe, zum Yerständniss für den Richter den Unterschied 
zwischen- (Intelligenz) Verstand nnd Gemüth, zwischen Dispositions- nnd Zu- 
rechnungsfähigkeit zu entwickeln, und meine frühem Gutachten entschieden 
aufrecht zu halten. S. wurde nun schliesslich, ohne abgenrtelt zu sein, auf 
meinen Antrag in eine Aufbewahrungs- Anstalt für unheilbare Geisteskranke ge- 
schickt, wo er yermuthlich sein Leben besehliessen wird. 

18. FalL Anadnüdignng von Unzucht mit einem Kii^de. Mangelhaftigkeit 
der Zengenaoasagefli. 
£s ist der folgende der oben S. 177 erwähnte Fall, in welchem ich durch 
die Angaben des Hauptzengen über die Antecedentien des Angeschuldigten zu 
einem Gutachten bestimmt wurde, das ich später zurücknehmen musste, nach- 
dem Ton demselben Zeugen mir ganz entgegengesetzte Informationen zuge- 
kommen waren. Der Kaufmann O. war angeschuldigt, Unzucht mit einem 
zwöIQährigen Kinde getrieben zu haben. In der Schwurgerichts - Sitzung 
bekannte er und führte zu seiner Entlastung einen Sinnenrausch an, der ihn, 
er wisse selbst nicht wie, zu der Unzüchtigkeit fortgerissen habe. Auf den An- 
trag des Yertheidigers hatte ich nun den Geisteszustand des O. zu prüfen. Er 
war- ein Mann Ton 50 Jahren, sehr bleich, aber körperlich gesund. Sein schie- 
lendes linkes Auge und das eigenthfimlich struppige Haar gaben seinem Aens- 
sem etwas Aulfallendes. Von erheblichen Krankheiten nannte er nur ein vor 
18 Jahren überstandenes Nerrenfieber, seit welcher Zeit, wie er angab, ihm 
,so eigenthümlich im Kopfe sei*'. Er behauptete aber nicht, was bei dieser 
angegebenen Ursache sehr aulEallen musste, dass diese Empfindung eine per- 
manente sei, sondern dass sie ihn nur zu Zeiten befiele. In den Unterhaltungen 
mit ihm ergaben sich weder in Ausdruck, noch Haltung, noch Bede weise nnd 
Gedankengang Spuren einer permanenten Schwächung des Geistes. Er war 
auch, meiner eindringlichen Vorhaltungen ungeachtet, ausser Stande, mir anoh 
nur eine einzige Thatsaehe^ aus so langer Zeit anzuführen, die als Beweis 
einer geistigen Alienation hätte angesehn werden können. Ebenso wenig 
wussten seine Umgebungen, nnd namentlich sein Schwager W. von einem Vor- 
fall aus O.'s Leben, nach welchem sie Jemals auf die Vermuthung einer auch 
nur vorübergehenden geistigen Störung bei ihm hätten kommen können. Die 
angeschuldigte That als solche konnte mir am wenigsten eine solche Vermu- 
thung geben, denn der Angeschuldigte hatte sie selbst sehr einfach und glaub- 
haft als einen Anreiz durch Sinnenrausch bezeichnet, und wo hätte ich nach 
diesen Grundlagen Motive zu einem Gutachten auf Unzurechnungsfähigkeit 
entnehmen sollen? Ich musste mich vielmehr nach dieser Sachlage für das Qe- 
gentheil aussprechen. Nach mehrem Wochen trat aber der Schwager W. mit 
Depositionen von Thatsachen hervor, „die ihm erst jetzt selbst zur grossem 
Klarheit gekommen^, und auch ein andrer Zeuge und Freund des 0. bekundete 
jetzt Thatsachen, die er mir nicht mitgetheüt, angeblich, «weil er durch mei- 
nen Besuch aus dem Schlafe geweckt worden und ihm meine Vernehmung un- 

a • p • r , kUnJtch« NoT«lleii. 1 S 



194 Qerichtliche PsychonoBologie. §6. Camiistik. li.FalL 

erwartet gekommen sei**. Diese ThutBachen waren folgende. W. hatte schon 
▼or 26 Jahren an seinem Schwager O. ein sehr nnstätes Wesen bemerkt, so 
dass er auch in sehr gnten Stellen nicht aushalten konnte nnd eine nach der 
andern verliess. In der kleinen Stadt L., in der er völlig fremd war, war er 
an sieben oder acht Terschiedenen, ihm anbekannten Leuten an einem und 
demselben Vormittag in's Hans gegangen, nm Behnft seiner dortigen Nieder- 
lassung um die Hand von deren Töchtern anauhaltenl Später kam 0. zu einem 
Gutsbesitzer, war aber zu Nichts, nicht einmal zum Hüten des Yieh's, das er 
entlaufen liess, zu gebrauchen. Uebrigens kam, nach W.*s Aussage, auch von - 
Zeit zu Zeit ein «Koller*' über ihn, wo er dann heftig nnd wüthend ward 
u. s. w. Wie anders gestaltete sich nach solchen Angaben nunmehr der Fall. 
In einem moti?irten Gutachten entwickelte ich die Grande, die mich pflicht- 
massig bestimmen müssten, das frühere zurückzunehmen und, Jetzt genauer in- 
formirt, mich für das gegentheilige Urtheil zu entscheiden. Ohne Bedenken 
des Richten wurde nach dem letztem erkannt. 

14. FalL Heineid. Dureh SimnlAtion des AngeBehuldigten verwirrt 
gemachte Zeugen. 

Das Gegenstück zu dem Torigen Falle, welches in andrer (oben 8. 177 
angedeuteten) Weise die Unzuverlässlgkeit der Zeugenaussagen über den Ge- 
müthszustand eines Menschen erweist. Der Buchbindermeister W., ein äusserst 
listiger, in den Gesetzen bewanderter, mehrfoch, namentlich auch wegen unbe- 
tilgten Betriebes des Concipientengewerbes bestrafter Mensch war angeschuldigt 
und überführt, am 1. October einen vorsätzlichen Meineid ausgeführt zu haben, 
und zu einjähriger StraCarbeit verurtheilt worden. Zwei Jahre lang wusste er 
durch alle möglichen Babulistereien, Beschönigungen und Entschuldigungen 
seines Eides, durch Eingaben und Bittgesuche 6Xe Vollstreckung der Strafe 
abzuwehren. Zuletzt — was ganz allein ihn Ja auf s Aeusserste yerdächtigen 
musste, trat er mit der Behauptung auf: ,dass er zur Zeit der Yerübung des 
ihm geziehenen Vergehens unzurechnungsfähig^ gewesen*, was er dreimal un- 
terstrich. Von diesem wichtigsteii und entscheidenden Entlastnngsmomente 
hatte er früher nie ein Wort gesagt 1 Jetzt brachte er zwei ärzüiche Atteste, 
datirt nach dem i. October (dem Tage des Meineids) bei, und laudirte eine 
Menge Ton Zeugen, die natürlich sämmtlich vernommen wurden. Die ärztUchen 
Atteste besagten gar Nichts. W. hatte angegeben, dass er von einem Manne 
einen Schlag auf den Kopf erhalten habe und präaentiite.Bich mit einer leich- 
ten Geschwulst, die die Atteste schilderten,' die in Folge der Kopfverletzung 
eine »Schwäche der Gedanken**, einen „geringen Grad von Schwäche des Ver- 
standes* annahmen. Von den Zeugen sagte der Maler H., dass er den W. 
einige Tage nach der Verletzung „seiner Sinne nicht mäc1|tig und conftas 
sprechend" gefanden. Zeuge £., den er hatte rufen lassen, fiind ihn mit ver- 
bundenem Kopf und bettlägerig; er fand ihn „seiner Sinne nicht mächtig und 
seiner Erinnerung fast beraubt*. Schuhmacher V. auf einem Dorf in der Nähe 
von Berlin machte die bemerkcnswerthe Aussage, dass W. zu Fuss zu ihm ge- 



Geriehtliche Psychonosologie. §7. Explorattonstennin. 195 

kommen sei, «nzusammeiihäiigend nnd confus gesproclien und über Kopfrcbmerz, 
BeBinnmigftlosigkeH imd Sehwmdel geklagt habe. StrampfWirker K. sah ihn 
Anfangs October und wunderte sich über sein verändertes, seltsames Benehmen 
nnd seine seltsame fieden. Qans ähnlich deponirten noch drei andre Zeugen. 
Alles war Lug und Trug und absichtliche Veranstaltung des Yemrtheilten, 
was uns im Gutachten nachsuweisen oblag und ausgeführt wurde! 

§7. 
Fortsetzong. 2) Der Ezploratioiifteniiixi. 

Das zuständige Gericht, der ordentliche Richter des Kranken, 
bestimmt Zeit und Ort, wann und wo dieser Termin abgehalten 
werden soll. In Beziehung auf letztern ist es überall durchaus 
nothwendig, dass der Kranke in seinen gewohnten Umgebungen 
(Wohnung, Irrenanstalt u.s. w.) gelassen werde. Man überrascht 
hier gleichsam denselben in seinem Thun und Treiben, man fin- 
det ihn mit der Abfassung von unsinnigen Schriftstücken, Que- 
relen, Reimereien u. dgl. beschäftigt, man sieht verrückte Ein- 
richtungen, eigenthümlich erfundene Sicherheitsschlösser gegen 
gefürchtete Räuber u. dgl., Wahrnehmungen, die natürlich von 
höchstem Werth werden können, und die ganz verloren gehn, 
wenn der Kranke dislocirt wird. • In Preussen ist das richtige 
Verfahren durch die Ministerialverfügung des Ministeriums der 
Medicinal-Angelegenheiten vom 25. October 1834 auch wirklich 
vorgeschrieben: 

,Es ist nicht selten der FaU vorgekommen, dass Gerichtsbehörden 
gemüthskranke Personen zur gerichtsärztlichen Untersuchung nach 
andern Orten gesandt haben, und dadurch der Zweck der Unter- 
suchung ganz verfehlt worden ist Es erscheint deshalb als noth- 
wendig, dass die Gtemüthszustands- Untersuchungen künftig nur an 
dem Wohnorte der Provocaten vorgenommen werden. Denn abge- 
sehn davon, dass die zur vollständigen Untersuchung und Beurtheilung 
des Zustandes der Kranken oft nothwendige Vernehmung von Zeugen, 
als Verwandten, Hausgenossen, Kachbam u. s. w. an einem andern 
Orte nicht wohl möglich ist, kann die Entfernung von gewohnten 
Verhaltnissen und Umgebungen, das gewöhnliche unpassende Verfah- 
ren bei dem Transporte der Provocaten und die Unterbringung der- 
selben in Lokale, die zur Abhaltung des Termins nicht geeignet sind, 
deren natürlichen Krankheitszustand in dem Grade anders erscheinen 
lassen, dass eine voUständige Untersuchung und Beurtheilung in ier- 
mino gar nicht möglich ist. Noch mehr wird dies der Fall sein 

18* 



196 (Gerichtliche Pi^chouosologie. §7. Explorationstermin. 

wenn, wie nicht selten geschehn ist, die Untennehnag in dem ge- 
wöhnlichen Qerichtszimmer, in Anwesenheit vieler Menschen, strei- 
tender Parteien, also unter sehr störenden Umgebnngen und in Eile 
vorgenommen wird. Eine gerichtliche Gemüthszostands-Untersnchang 
nimmt die nngetheilte Anfknerksamkeit und Besonnenheit des Geistes 
der Sachverständigen in Anspruch, und verlangt schon deshalb znr 
Abhaltung des Termines ein ruhiges, abgesondertes Lokal^ Jedenfolls 
aber wenigstens die Entfernung aller äussern Veranlassungen, welche 
eine genügende Untersuchung hindern können, da oft genug innere 
Ursachen obwalten, welche sich eine der Schwierigkeit und Wichtig- 
keit des Gegenstandes angemessenen gründlichen Untersuchung und 
Beurtheilung entgegenstellen'' u. s. w. 

Die Personen, welche vorschriftsinässig im Explorationster- 
min anwesend sein müssen, sind der Gerichtsdeputirte und sein 
ProtocoUführer, der Yom Fiscus ernannte Curator des Imploraten 
und der von diesem für die Sache vorgeschlagene Arzt, und der 
zweite, von den Verwandten des Kranken vorgeschlagene Arzt. 
Die Fragen, welche dem Provocaten vorgelegt werden, und die 
Antworten, welche derselbe darauf giebt, werden möglichst wört- 
lich in das ProtocoU aufgenommen, wobei es dem Tacte des 
Dictirenden anheimgegeben bleiben muss, in Fällen — wie sie 
so häufig — in denen ein vollkommen allgemein geistig Verwirr- 
ter sich in einen unaufhaltsamen Wortstrom ergiesst, und in 
Einem Athem vom Hundertsten in's Tausendste überspringt, das 
Wesentliche aufzufassen. Ein buchstäbliches Niederschreiben 
solcher Redefülle würde ohne Stenographie gar nicht möglich 
sein, die sogar wirklich dazu vorgeschlagen, aber überflüssig ist, 
da grade diese Fälle immer — jeden anderweitig zu ermitteln- 
den Verdacht einer Simulation bei Seite gesetzt — ganz klare 
und zweifellose sind, und es auf eine oder zwei Seiten Unsinn 
mehr im Protocolle nicht ankommen kann. Dagegen ist ein so- 
genanntes Geberdenprotocoll von grossem Werth für die 
Beurtheilung des Kranken, namentlich für später eintretende 
superrevidirende Medicinal - Behörden*), die den Fall nur in 



*) In Preussen werden alle Gemtithszustands-Untersnchung-yerhandlungen 
zunächst an das resp. Medicinal-CoUegium der Provinz zur Revision, und spä- 
ter noch an die oberste wissenschaftliche Medicinalbehörde , die wissenschaft- 
liche Deputation im Ministerium, zur Superrevision eingesandt. 



Gerichtliche PsychoDOBologie. §7. Explorationstermin. 197 

den Akten vor sich haben. Man versäume daher nicht, in's Pro- 
tocoll aufnehmen zu lassen z. B. ,,stiert fortwährend auf Einen 
Punkt'', „lacht oft ohne Veranlassung**, „springt öfter vom Stuhl 
auf" u. dgl. m. — Die Fragestellenden sind die beiden Aerzte, 
wobei es natürlich dem Gerichtsdeputirten ganz unbenommen 
bleibt, seinerseits sich dabei zu betheiligen. Eine gemeinschaft- 
liche Verabredung wird hier überall das rechte Maass treffen 
lassen. Ueber die Art der Fragen lassen sich natürlich irgend 
allgemein passende Regeln nicht aufstellen, es sei denn die, dass 
man in dieser Beziehung sehen müsse, wen man vor sich hat, 
und den hohem Beamten, den Gelehrten, Gebildeten anders 
ausfrage, als die Bauer&au oder den Schiffsknecht. Der Kranke 
antwortet (in manchen Fällen von tiefem Blödsinn oder schwerer 
melancholischer Gemüthsverstimmung) nun entweder — gar nicht, 
kein Wort ist ihm zu entlocken; dgtnn hat natürlich die Unter- 
redung (!) sehr bald ein Ende, und die Aerzte werden aus den 
übrigen ermittelten thatsächlichen Verhältnissen zu bestimmen 
haben, ob sie sich schon jetzt gewissenhaft getrauen, ein Gut- 
achten abzugeben, oder ob, was ihnen vollkommen freisteht, sie 
eine Vertagung der Sache und eine spätere Ansetzung eines 
neuen Termins beim Gericht beantragen wollen. Oder der 
Kranke ist, wie in der Mehrzahl der Fälle, redewillig. Er 
beantwortet die ersten Fragen, die sich auf seine allgemeinen 
Verhältnisse, auf Momente beziehen, die rein im Erinnerungs- 
vermögen wurzeln, und mit welchen Fragen man zweckmässig 
immer beginnt, z. B. nach Vor- und Zunamen, Eltern, Gatten, 
Kindern, Alter, Beschäftigung u. s. w. — er beantwortet alle diese 
Fragen ganz oder nahezu richtig. Dann, geht man allmählig auf 
die Verhältnisse über, die man aus den Vorbesuchen, Zeugen- 
aussagen u. dergl. bereits kennen gelernt hatte, und welche die 
wahnsinnigen Vorstellungen berühren, und setzt die Unterredung so 
lange fort, bis man einerseits die Ueberzeugung gewonnen, dass 
eine Verlängerung derselben den Fall nicht noch mehr aufklären 
würde, andrerseits das Protokoll inhaltreich genug geworden ist, 
um dem spätem Beurtheiler eine klare Einsicht in den Fall zu 
gewähren. Sich vor dem Termin ein Fragenschema zu entwer- 
fen, ist im Allgemeinen nicht rathsam, weil es schwer sein wird. 



198 Gerichtliche PBychonoBOlogie. §7. Explorationstermin. 

den Geisteskranken mit seinen desultorischen Antworten festzu- 
halten, und es weit zweckentsprechender ist, ihm auf seinen 
Irrwegen zu folgen. Als Beispiel theile ich hier ein ganz voll- 
ständiges gerichtliches Explorations-ProtocoU wörtlich mit, betref- 
fend einen gewiss seltenen Fall, in welchem ein achtbarer 
Geistlicher einen Amtsbruder während des Gottesdienstes in der. 
Sakristei mit einem Messer mörderisch überfiel und verletzte, 
ein Fall, der begreiflich das grösste Aufsehn erregt hat. Auch 
dieser Mann, der Diakonus T. aus X., hatte in der Grimmal- 
Ufitersuchung bereits Veranlassung zu einer Gemüthszustands- 
Untersuchung gegeben, weil seine Zurechnungsfähigkeit zur Zeit 
der angeschuldigtea That zweifelhaft gewesen war, und stand 
jetzt im Civilyerfahren vor uns, zur Feststellung seiner Unmün- 
digkeit und Begründung einer Bevormundung, nachdem die Pro- 
vocation auf Wahnsinnigkeits- resp. Blödsinnigkeits-Erklärung 
erhoben worden war. 

15. Fall. Mordversuch von einem Geistlichen ansgeführt. 
Explorations-ProtocoU. 

Berlin, den 34. Jannar'1862. 
In der T'schen Gemüthfl-Untersnchnngssache begaben sich die Unterzeich- 
neten nach der neuen Charit^ und fanden daselbst anwesend die ein für alle- 
mal vereideten Sachverstandigen: 

1. den Qeheimen Ober-Medizinalrath, Professor Dr. Casper. 

2. den Dr. med. H. 

Die Sachverständigen verneinen die Zeugenfragen, versicherten durch Vor- 
besuche sich von dem Qemüthszustande des Provokaten überzeugt zu haben, 
und recognoscirten ihn nach seiner Yorftthrung. Hit demselben wurde folgende 
Unterredung angeknüpft: 

Wie heissen Sie? 
. Ernst Theodor T. 

Wie alt sind Sie? 

Am 26. September v. J. bin ich 40 Jahr gewesen. 

Welches Jahr schreiben wir Jetzt? 

1862. 

Wo sind Sie geboren? 

In Wiesenburg bei Beizig in der Mark Brandenburg« 

Leben Ihre Eltern noch? 

Ja. 

Sind sie gesund? 

Ja. 



Oerichtliche Psychonosologie. §7. Explorationstermin. 199 

Wie alt? 

Hein Vater ist 1781 geboren, meine Mutter etwa 6 Jahr Jitnger. 

Haben Sie OeBchwister? 

Ja, drei. 

Bind aie gesund? 

Ja. 

Verloren haben Sie keine Geschwister? 

Ja wohl, meine älteste Schwester, sie starb im Jahre 1861 am Nerven- 
fleber. 

Wo sind Sie in die Schule gegangen? 

Auf dem Gymnasium in Wittenberg bin ich gewesen. 

Wo haben Sie den ersten Unterricht genossen? 

Im elterlichen Hause bei einem Hauslehrer. 

Wo sind Sie eingesegnet? 

In Wittenberg. 

Welcher Confession? 

Evangelisch. 

Was sind Sie? 

Ich bin Diakonus, Geistlicher. 

Wo haben Sie stndirt? 

In Halle. 

Sind Sie verheirathet? 

Nein. 

Sind Sie als Kind und Junger Mann immer gesund gewesen? 

Ja, meine schwerste Krankheit waren die Varioloiden. 

Haben Sie während Ihrer Ausbildung mit Sorgen sni kämpfen gehabt? 

Nein, mit Sorgen in Bezug auf das Irdische gerade nicht, ich habe immer 
mein Auskommen gehabt. 

Haben Sie mit anderweitigen Sorgen zu kämpfen gehabt? 

Nein, das Uniyersitätsleben hat mir allerdings Sorge gemacht, und ich 
habe auch meinen Eltern Sorge gemacht. 

An welchen Gegensatz dachten Sie, als Sie sagten, Nein, mit Sorgen auf 
das Irdische gerade nicht? 

An den (Gegensatz zwischen der äussern Lage und dem inneren Streben. 

Was verstehen Sie darunter? 

Die Einrichtungen der Universität waren nicht so nach meinem Gteschmack, 
ich wünschte mich mehr mit den übrigen Studenten auch von Amtswegen in 
Kommerz gesetzt. Ich wollte nicht, dass mir das so ganz überlassen wäre, 
ob ich für mich oder mit anderen zusammen soUte leben. 

Zu welchem Zweek glauben Sie, dass diese Unterhaltung hier mit Ihnen 
zu Protokoll gebracht wird? 

Das kann doch wohl kein anderer Zweck sein, als meine Zurechnungs- 
fähigkeit in Bezug auf das Geschehene festzustellen. 

Zweifeln Sie denn an Ihrer Zqrechnnngsfähigkeit? 



200 Q«ricbtliche Psychonosologie. §7. Explorationstennüi. 

Ja, ich finde, dass zwischen dem, was ich darüber empfand, nnd zwischen 
dem, was durch Andere mir angezeigt wurde, ein Widerspruch bestand. 

Worin bestand dieser Widerspruch? 

Ich £sind, dass Andere es weit härter beurtheilten als ich selbst« 

Es war doch wohl ein Act der Selbsthülfe? 

Ja, um mich in eine andere Lage zu bringen, weil ich glaubte, dass 
wenn ich in der damaligen Lage bliebe, dadurch nnrUebles für mich und die 
Uebrigen entspringen würde. 

Wie meinen Sie das? 

Weil ich glaubte, dass wenn diess so liegen bliebe, ich in Misskredit bei 
der Gemeinde und den Behörden kommen würde. 

Was war denn das für eine Lage? 

Weil ich ganz ohne Beschäftigung dastand. 

Konnten Sie denn glauben, dass durch einen thatsächlichen Angriff auf 
einen Amtsgenossen Ihre Lage sich verbessern würde? 

Ich habe das allerdings geglaubt. 

Was war dabei Ihre Logik? 

Ich wollte durch diesen Angriff in fbir und in meinem Wesen eine solche 
Veränderung henrerrufen, dass dadurch die Anklagen, die mich in Bezug auf 
Schulamt und auch sonst getroffen hatten, von selbst sich hoben. 

Ihre Erwartungen sind aber nicht erfüllt worden? « 

Nein, wenigstens nicht in dem Grade, nur einigermaassen. 

Inwiefern einigermaassen? 

Weil ich wirklich durch die veränderte Lebensweise körperlich von da an 
gekräftigt worden bin, und überhaupt über vieles in meinem vorhergegangenen 
Leben mich auszusprechen bewogen worden bin, was ich bis dahin fast für 
unmöglich gehalten hatte. 

Haben Sie denn gar nicht an die Strafbarkeit gedacht? 

Nein, in dem Augenblick habe ich nicht daran gedacht. 

Auch nachher nicht? 

Wenigstens nicht so, dass ich glaubte, in die Hände des Gerichts zu 
gerathen. 

Wollten Sie nicht fliehen? 

Nein. 

Warum haben Sie eigentlich diesen Act der Selbsthülfe ausgeführt?' 

Theils weil ich es schon lange mit mir herumgetragen habe, dass es da- 
hin kommen würde. 

Was hatte Ihnen der Mann gethan? 

Er hatte das, was er eigentlich pflichtmässig that, auf eine solche Weise 
gethan, dass ich — er hatte missgünstige Berichte gemacht. 

Hatten Sie denn auch gegen Ihren Schwager Aehnliches gethan? 

Schon vorher ist gegen meinen Schwager ein ähnlicher Angriff von mir 
gerichtet. 

Glaubten Sie denn, dass man Sie straflos lassen werde? 



Gerichtüche Psychonosologie. §7. Explorstionstermin. 201 

Ich dachte, dass die geiBtUehen Behörden alleiB entscheidcB würden — 
aber allerdings, ich will das nicht grade aosschliessen. 

Wollten Sie den Mann tödten? 

Nein, das wollte ich nicht. 

Was wollten Sie denn? 

Verwanden habe ich ihn eigentlich wollen, so dass eine Spar davon zn- 
rfickblieb. 

Ist das so richtig? 

Ja, ich meine nicht gerade eine Spar am Körper — aber es ^sollte ge- 
sehen werden, was ich gemacht hatte, und dass er an dem Glauben kommen 
soUte, ich hätte Etwas gegen ihn beabsichtigt. 

Glanben Sie denn, dass Jetzt nicht noch eine gerichtliche Strafe gegen Sie 
wird festgesetzt werd^? 

Das kann ich allerdings nicht wissen, ich mass mich allerdings fügen. Ich 
finde das nicht in meinem Bewosstsein yor, dass eine solche Strafe einzu- 
treten hat. 

Würden Sie eine solche Strafe für gerecht halten? 

Für mich nicht, weil ich mir nicht bewusst bin, dass ich mit den Ge- 
setzen habe in Konflikt kommen wollen, und in dem Augenblick, wo ich es 
gethan habe, bin ich mir bewusst, dass da etwas obwaltete, was mich ent- 
schuldigen mnss^ weil ich es that, um einen Andern, den ich in der Sache für 
kompromittirt hielt, durch sein Benehmen zu schonen, und aus dem Spiel zu 
bringen. 

Wer war das? 

Der Küster. 

Glauben Sie sich von dem Oberprediger absichtlich verfolgt? 

Ja, das glaube ich. 

Glauben Sie, dass auch andre Menschen Sie verfolgen? 

Nein. ' 

War das auch Mher nie der Fall? 

Ja wohl, in verschiedenen andern Lagen habe ich das allerdings geglaubt, 
das heisst, ich glaube das auch heute noch von Denen, wo ich es aussagte. 

Von wem sagen Sie das aus? 

Das sage ich aus von meinen eigenen Anverwandten, von meinen beiden 
Schwägern muss ich es eigentlich sagen. 

Inwiefern? 

Aach von den beiden CoUegen, von meinen beiden Schwägern moss ich es 
eigentlich sagen, von dem einen, weil er es durch sein Verhalten dahin brachte, 
und zu bringen suchte, dass er an die Stelle meines Vaters käme, zu welcher 
ich das nächste Recht zu haben glaubte. 

Waren Sie oder Ihr Schwager älter? 

Mein Schwager war einige Jahre älter. 

Warum glaubten Sie denn das nächste Anrecht zu haben? 



QerichtUehe Psyehonosologie. § 8. Das Gutachten. 

Hauptsächlich, weil ich wieder nur der Ansicht war, dass ee meinem Va- 
ter das Liebste sein mosste. 

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft? 

Das ist allerdin^ eine yielsagende Frage, ich habe in Beiug auf das Vor- 
liegende d'en Wunsch — dass ich wieder in ein solches Amt komme, dem ich 
zu genfigen im Stande bin. 

An was für ein Amt denken Sie dabei? 

Ich denke an ein solches Amt, für welches meine bisherige Bildung mich 
qualifleirt. 

Kennen Sie ein solches Amt? 

Vor Allem ein geistliches Amt. 

Registrirt wird, dass Proyocat während der Verhandlung bei Beantwor- 
tung her Fragen entweder auf seine zusammengehaltenen Fingerspitzen sah, 
oder die Hand an seine Backen lehnte, und überhaupt alle Antworten mit nie- 
dergeschlagenen Augen abgab. 

Nachdem die Unterredung abgebrochen war, erklärten die Herren Sach- 
▼erständigen den T. für unvermögend, die Folgen seiner Handlungen zu über- 
legen, und deshalb im gesetzlichen Sinne für blödsinnig. Sie behielten sich 
Yor, dieses Gutachten schriftlich näher zu motiyiren und baten, zu diesem 
Zwecke ihnen diese gerichtlichen und Charitö- Acten, welche nicht zur Hand 
sind, einem Jeden auf Tierzehn Tage ad aedes zusenden zu wbllen. 

Dies Outachten würde die erforderliche eidliche Versicherung der Richtig- 
keit enthalten. 

Beim Schlüsse der Verhandlung spricht der unteneichnete Dr. H. noch 
den Wunsch aus, dass auch die Criminal- Akten contra T. aus Brandenburg ad- 
hibirt würden*). 

Vorgelesen, genehmigt, unterschrieben. 

Jakobi (Curator). 
Casper. Dr. H. 

Actum ut supra 
Ballieu (Gerichts-Deputirter). Jäckel (Protokollführer;. 

§8. 
Portsetcung. 3) Das Gutachten. 

Die neuere, das ganze ärztliche üntersuchnngsverfahren in 
den hier besprochenen Fällen in Preussen regelnde Ministerial- 
Verfiigung vom 14. November 1841 (Hdb. I. § 65) bestimmt in 
Betreff des Gutachtens: — — 2) „in dem Explorationstermine 



*) Mir waren diese Akten längst bekannt ('s. unten S. 308). 



Qeriohtliohe Psychonosologie. { 8. Das Gutachten. 

haben die Aerzte von ihrem Standpunkt als Sachverständige aus, 
auf Grund und mit Benutzung der Restdtate ihrer vorgängigen 
Information, den Befund des körperlichen Zustandes, des Habi- 
tus, Benehmens u. s. w. des Imploraten, so wie das mit dem- 
selben zur Erforschung des Gemüthszustandes geführte Ciollo- 
quium nach Fragen und Antworten speciell und vollständig zu 
Protocoll zu geben und ihr vorläufiges Gutachten über den 
Gemüthszustand des Imploraten nach der im allgemeinen 
Landrecht bestehenden Terminologie und Begriffsbestim- 
mung beizufügen, wobei es ümen unbenommen bleibt, gleichzeitig 
den Krankheitszustand im Sinne der Wissenschaft zu bezeichnen^. 

Und weiter 3) „In der Regel, von welcher eine Ausnahme 

nur in dem am Schlüsse dieser Verfügung erwähnten Fällen ge- 
stattet ist, haben die Sachverständigen nach dem Termine 
ein besonderes und motivirtes Gutachten der Gerichts- 
behörde einzureichen, und in demselben mit Zugrundelegung der 
Ergebnisse der vorgängigen Information, der vorhandenen Akten 
und der protocoUarischen Verhandlungen in termino^ sowie unter 
Berücksichtigung der Circular-Verfügung vom 9. April 1838^ (d. 
h. unter Erwähnung der frühem Erankheits- und Lebensverhält- 
nisse des Imploraten), „eine vollständige Geschichtserzählung 
(Relation) zu geben, femer durch Vergleichung iind Kritik der 
darin mitgetheilten Krankheitserscheinungen, Beweismittel und 
Thatsachen, den vorliegenden Fall einer medicinisch-technischen 
Beurtheilung zu unterwerfen, und somit endlich ihr vorläufig im 
Termine abgegebenes Gutachten, oder das etwa davon abwei- 
chende, nach bester Kunst und Wissenschaft zu begründen^. 
Die oben in Bezug genommenen Ausnahmen von der Regel sind 
nach dieser Verfügung «diejenigen Fälle von einfachem Blödsinn 
oder Wahnsinn, in Welchen das Ergebniss der Exploration 
unzweifelhaft ist", und in diesen Fällen soll es den Aerzten im 
Einverständniss mit dem Gerichtsdeputirten überlassen bleiben, 
„statt des nach dem Termine einzureichenden besondem und mo- 
tivirten Gutachtens ein solches sofort im Termine in Gemäss- 
heit der vorstehend gestellten Anforderungen zu Protocoll zu 
geben". Hier ist alles klar ausgesprochen, wonach die Aerzte 
bei ihren bezüglichen Gutachten zu achten haben, imd da die 



201 Gerichtliche Psychonosologie. § 8. Das Qatachten. 

Forderungen Tom Standpunkt der Wissenschaft gestellt sind, so 
werden auch in allen andern Ländern dergleichen Gutachten 
ganz nach denselben Grundsätzen und Anforderungen abzufassen 
sein. Die Erfahrung lehrt, dass, was oben als Ausnahme hinge- 
stellt, die Regel ist, d. h. dass die grosse Mehrzahl der vorkom- 
menden derartigen Provocationsfälle „einfache Fälle^ und solche 
sind, die sich schon im Termine gehörig durch ein an Ort und 
Stelle zu ProtocoU zu dictirendes Gutachten technisch aburtheilen 
und aufklären lassen, wobei es sich von selbst versteht, dass 
dies eben auch wirklich ein motivirtes, mit Gründen unterstütz- 
tes, nicht bloss summarisch andeutendes sei. Einfache Fälle 
aber sind solche, welche sich ungezwungen in die beiden, nicht 
bloss vom Preussischen, sondern von allen Gesetzen aufgestellten 
Formen Blödsinn oder Wahnsinn einfügen lassen, mögen die 
Fälle an sich und wissenschaftlich aufgefasst, auch noch so sel- 
ten und eigenthümlich, und wenn die Frage von der Zurech- 
nungsfähigkeit desselben Exploraten aufgeworfen worden wäre, 
der besondem Umstände wegen vielleicht ajach noch so schwierig 
zu beurtheilen sein. Denn wenn die Geisteskrankheit an sich in 
beiden Fällen auch dieselbe, so sind doch die rechtlichen Zwecke, 
für welche diese ärztlichen Untersuchungen geschehn, ebenso 
verschieden, als es die Begriffe: Dispositionsfahigkeit und Zü- 
rechnungsfähigkeit sind, worüber ich nicht wiederhole, was im 
Hdb. I. §§ 67—60 ausführlich gesagt ist. Und das muss sich 
der Sachverständige stets gegenwärtig halten, dass die Gutachten 
stets zur Aufklärung und Handhabe des Richters zu seinen, 
zu den gesetzlichen und rechtlichen Zwecken, gefordert und 
erstattet werden, weshalb es ein ganz richtiges Verlangen ist, 
dass der Arzt sich der gesetzlichen Terminologie dabei füge, 
auch selbst wenn er sich dabei mehr oder weniger Zwang anthun 
müsste (§ 1). Diese in Civilrechtsfällen erstatteten psychologi- 
schen Gutachten bewegen sich demnach stets in den beiden An- 
nahmen: Blödsinn oder Wahnsinn. Es ist aber keinesweges hier 
gleichgültig, für welche von beiden das Gutachten sich entschei- 
det, wie dies fast gleichgültig ist in Griminalfällen, da die 
Strafgesetzbücher beide Krankheitsformen zusammenfassen, und 
jjmen ganz gleiche rechtliche Wirkung (Unzurechnungsfähigkeit) 



Gerichüicbe P&ychonosologie. § 8. Das Gntachten. 205 

yindiciren. Denn civilrechtlich aufgefasst bedingen diese beiden 
Formen verschiedene rechtliche Folgen für den Kranken. ^Easende" 
und „Wahnsinnige'* werden, in Ansehung der vom Unterschiede 
des Alters abhängenden Rechte, den Kindern unter sieben Jahren, 
„Blödsinnige" aber den Unmündigen gleich geachtet (Pr. A. L.-R. 
Thl. I Tit. 1 § 29). Wo nun die Gesetzbücher sich nicht zu 
Definitionen ihrer gesetzlichen Terminologieen herbeigelassen 
haben, ist es den Aerzten unbenommen, frei ihrer wissenschaft- 
lichen Ueberzeugung in Betreff der Diagnose: ob Blödsinn oder 
Walmsinn? zu folgen. Nicht so in Preussen, und überall da, wo 
der Gesetzgeber ausgesprochen hat, was Er unter diesen Begrif- 
fen verstanden wissen will. Das Preussische Gesetz hat hier die 
60 unzählige Male mit Recht angefochtene, höchst mangelhafte 
AufsteUung gemacht, dass es Rasende und Wahnsinnige nur 
solche Menschen genannt wissen will, „welche des Gebrauchs 
ihrer Vernunft gänzlich beraubt sind** (A. L.-R. a. a. 0. § 27) 
— nicht „ihrer Vernunft**, sondern „des Gebrauchs** ihrer 
Vernunft, was Neumann in der oben S. 179 citirten Schrift 
sehr richtig hei*vorgehoben hat — während diesem Gesetz Blöd- 
sinnige solche Menschen sind, „welchen das Vermögen, die Fol- 
gen ihrer Handlungen zu überlegen ermangelf*, wobei selbstver- 
ständlich an die rechtlichen Folgen der Handlungen gedacht 
ist. Es ist hiemach klar, und kommt alltäglich vor, dass bei 
solcher Begriffsbestimmung der genannten beiden Krankheitsfor- 
men die Aerzte nun mit ihrem medicinischen Gewissen in Con- 
flict geratlien. Denn wie unzählige Fälle von „Wajmsinn** giebt 
es nicht, z. B, alle diejenigen von ganz örtlichem, fixem, von 
denen nicht behauptet werden kann und darf, dass dabei der 
Kranke des Gebrauchs seiner Vernunft „gänzlich** beraubt sei, 
wobei er dann also im gesetzlichen Sinne nicht mehr als „Wahn- 
sinniger** erklärt werden kann, viehnehr als „Blödsinniger** 
erkannt werden muss, da Jeder, der irgend wie und in welchem 
Grade und Umfange in Wahnvorstellungen befangen, gewiss 
„unvermögend ist, die Folgen seiner Handlungen zu überlegen**, 
wie ein geistesgesunder Mensch*. Andrerseits, wenn diese Defi- 
nition auch gewiss auf jeden in irgend welchem Grade und Um- 
fange „Blödsinnigen** passt, von der krankhaften Verstandes- 



206 Oeriohfliche PAyehoDOBologie. f 8. Das Qntaoliten. 

scliwäche an bis zum Gretmismus hinauf, darf der Arzt im ge- 
richtlichen Explorationsverfahren den Kranken, den er gestern 
vielleicht als Arzt einer Irrenanstalt mit Recht zu den Blödsin- 
nigen legte und behandelte, heute im forensischen Gutachten 
nicht „blödsinnig^ nennen, denn ein solcher Mensch kann nicht 
bloss die Folgen seiner Handlungen nicht überlegen, ist daher 
nicht bloss gesetzlich „ein Unmündiger^, sondern er ist wirklich, 
auch wenn er noch sehr deutliche Spuren von Vernunft zeigt^ 
des Gebrauchs seiner Vernunft gänzlich beraubt, er ist gesetz- 
lich „ein Kind unter sieben Jahren*t, muss als Solches rechtlich 
behandelt, und folgUch vom (Preussischen) Arzt als „Wahnsin- 
niger^ erklärt werden. Dass es dem Begutachter zur Wahrung 
seines Gewissens unbenommen bleibt, sich hierüber wissenschaft- 
lich in jedem einzelnen Falle dem Richter gegenüber zu äussern, 
ist bereits oben bemerkt. Der Arzt wird sogar wohl thun, dies 
nicht zu unterlassen^ jedenfalls überall in solchen Fällen aus- 
drücklich zu erklären, dass er den (wahnsinnigen) Kranken „im 
gesetzlichen Sinne des Wortes^ fiir blödsmnig, den blödsin- 
nigen in demselben Sinne für wahnsinnig erachte. — Es kommt 
t« foro vor, dass der Curator des Provocaten im Interesse der 
Wahrnehmung der Rechte desselben gegen die r^«p. eine oder 
andre ärztliche Annahme im Gutachten protestirt, und dem 
Kranken das dem Gutachten entgegengesetzte Prädicat vindicirt. 
Noch weit häufiger sind die Fälle in Preussen, wo, wie ange- 
führt, alle derartigen Gutachten ohne Ausnahme noch zur Revi- 
sion bei zwei Medicinalbehörden gelangen, dass in der Kritik 
dieser Behörden gegen die Bezeichnungen der Krankheitsform 
in den Einzelfällen Ausstellungen, und in Folge derselben den 
Begutachtern Mittheilungen darüber gemacht werden, wie sie 
ihren „blödsinnigen** X. für „wahnsinnig", ihre „wahnsinnige** Z. 
für „blödsinnig** hätten erklären müssen. Allgemeine Regeln zur 
Vermeidung solcher Uebelstände lassen sich nicht aufstellen. 
Hier, wie in der ganzen gerichtlichen Medicin, muss der Satz 
ein für allemal festgehalten werden, dass der individuelle 
Fall als Solcher mit allen seinen Einzelheiten aufzufassen ist, 
und richtige Beurtheilung , scharfsinnige Erwägung dieser Einzel- 
heiten, gesundes Judicium sind bekanntlich geistige Eigenschaf- 



Qerichtllclie PftyehonoBologie« {8* Dm Gntoehten. 207 

ten, die, wo sie dem Begutachter fehlen, durch Wort und 
Schrift nicht beigebracht werden können. Das Grundübel üegt 
in den mangelhaften gesetzlichen Definitionen, und so lange die^e 
in den Gesetzbüchern bestehn, so lange werden Discussionen und 
Ausstellungen über den hier beregten Punkt yorkommen und 
unyermeidlich sein. Ich kann mich nicht enthalten, Neumann's 
Yortreffliche Worte (a. a« 0. S. 92) hierüber anzuführen: „worin 
besteht denn der grosse Unterschied in den Rechten zwischen 
einem Wahnsinnigen und einem Blödsinnigen? Ich erinnere mich, 
einstmals einen geistreichen Juristen darüber befragt und nach 
einigem Bedenken die Antwort erhalten zu haben: Der Blödsin- 
nige kann sich etwas schenken lassen. Wenn es weiter nichts 
ist, wenn sich die Rechte eines Wahnsinnigen und eines Blödsin* 
nigen (eines Kindes unter sieben, und eines Kindes unter vier- 
zehn Jahren) in nichts Grösserem unterscheiden, da wäre es 
wohl auch practisch kein grosser Verlust, wQnn der Unterschied 
ganz fiele. In der Rheinprovinz existirt er auch nicht, und 
dieser Mangel hat sich bisher gewiss noch nicht fühlbar gemacht. 
Wenn also die Klassenunterschiede in Bezug auf die Rechte der 
Geisteskranken selbst im Sinne des Landrechts illusorisch sind, 
wenn diese Klassenunterschiede es andrerseits sind, welche die 
Definitionen nöthig machen, wenn endlich gute Definitionen un- 
möglich und schlechte schädlich sind, dann liegt doch wirklich 
die Lösung nahe. Weg mit den Klassen, weg mit den Defini- 
tionen!" Neu mann giebt in seiner Schrift treffliche Regeln für 
die Abfassung der „Krankengeschichten"^ oder psychologischen 
Gutachten in Folge Yon gerichtlichen Gemüthszustands-Explora- 
tionen, denen jeder Erfahrene seine Zustimmung geben wird. 
Ich darf darauf verweisen, da Zweck und Umfang dieses Buches 
ein detaillirtes Eingehn in diese Regehi nicht gestatten. Die 
folgenden Proben von absichtlich ausgewählten kurzem nach dem 
Explorationstermine eingereichten Gutachten, gebe ich nicht etwa 
als Muster; sie mögen nur beweisen, dass auch kürzere Fassung, 
die alles Ungehörige vermeidet, ihrem Zwecke vollständig genügt, 
wie es hier und in so vielen ähnlichen Sachen der Fall war, und 
dass es bei solchen Gutachten in Civilsachen, Behufs der Blöd- 
sinnigkeits-Erklärung, um so weniger auf Bogenlänge Excurse 



208 Gerichtliche PAychonosologie. §9. Casnistik. 15. Fall. 

ankommt, als dem erkemienden Gerichte neben den Gutachten 
noch das, diese ergänzende, ausführliche £xpl(Mratiöns-*Protokoll 
vorliegt. 

§9. 

Casuistik. 

Zum 15. Fall S. 198. Hordyersnch, von einem Geistlichen ansgeffthrt. 
„In der T.*scheii Oemfiths-Zastands-Unteraachanffs-Sache T. 46. 61 ermangle 
ich nicht, das im Explorationstermln vom 24. Januar c. yorbehaltene motivirte 
Gutachten, nachstehend ergebenst zu erstatten. Der frühere Diaconns T., dessen 
früheres Leben, wie die gegen ihn gerichtete Anschnldigung mir aus den, mir 
jetzt nicht vorliegenden Criminal- Akten, aber daher genau bekannt sind, dass 
ich bereits als Mitglied der obersten wissenschaftlichen Hedicinal- Behörde in 
der Criminal-Untersuchung wider ihn bei einem Gutachten über dessen Ge- 
müthszustand, resp. Zurechnungsfähigkeit bei der angeschuldigten That, welche 
durch dies Gutachten als ausgeschlossen ausgesprochen worden, mitgewirkt habe, 
während gegenwärtig das gesetzliche Civilverfohren eingeleitet ist, und eine 
neue Begutachtung veranlasst hat, der T. hat, nachdem er schon früher einen 
Anfall auf seinen Schwager gemacht, während des Gottesdienstes einen wirk- 
lichen Mordanfall auf seinen Amtsgenossen in der Sakristei gemacht, indem er 
ihm mit einem Messer zu Leibe ging. Wenn schon diese That, ausgeführt durch 
einen, den gebildetsten Ständen, dem geistlichen Stande angehörigen Mann, der 
bis dahin völlig unbescholten gewesen, das grösste und gerechtfertigste Bedenken 
in Betreff des Gemüthszustandes des Thäters erregen musste, so hat auch die 
Voruntersuchung in einer Menge von Zeugenaussagen und Umständen bewiesen, 
wie durchaus begründet Jenes Bedenken gewesen, und wie der T. schon längere 
Zeit vor dem ersten Anfalle in Wahnsinn verfallen gewesen. Seit seinem Aufenthalte 
in der Irrenabtheilung der Charit^ hat sich in der körperlichen und geistigen 
Verfassung des Imploraten Nichts geändert, und habe ich ihn ganz so wieder 
gefunden als friiher. Körperlich ist der 40 Jahre alte Mann gesund. Sein 
Wesen zeigt, ausser einer gewissen Verlegenheit, in der er sich fortwälirend 
Andern gegenüber zu befinden scheint, und einer gewissen Scheu, weshalb er 
fast beständig die Augen niederschlägt und mit den Fingern spielt, Nichts Auf- 
fallendes. Sobald aber das Gespräch auf die angeschuldigten Thaten geleitet 
wird, zeigt sich unzweifelhaft die grosse Verwirrung der Vorstellungen und 
Gedanken, in welcher T. befangen ist. Er weiss nicht ein einziges derjenigen 
Motive vorzubringen, die eine irgend genügende Erklärung der gesetzwidrigen 
Handlungen, die er ausgeführt, geben könnten. Nur Vermuthungen, die zur 
Ueberzeugung geworden, dass er von den angegriffenen Personen, wie von 
Andern, heimlich chicanirt und verfolgt worden, haben ihn fortgerissen. Er 
ist aber nicht im Stande, auch nur eine einzige Thatsache anzuführen, welche 
diese seine Ueberzeugung hätte beg>üu(1en können, die nur auf dem Boden 



Qerichtliche Psychonosologie. § 9. Casuistik. 16. Fall. 209 

selbstgeachaffeiier Phantasmen steht. Ja, wie unklar er hierSber ist, beweist, 
dass er noch ein anderes Motiv angiebt, waa, wo möglich, an gänslichem 
Hangel, an innerer Realität und an Zusammenhang mit der That das erstere an 
Absurdität noch übertrifft. y,nlch wollte, sagt er im Explorationstermln, durch 
diesen Angriff in mir und meinem Wesen eine solche Veränderung hervor- 
rufen, dass dadurch die Anklagen, die mich in Beaug auf Schulamt und sonst 
getroffen, hätten von selbst sich heben müssen.*'^ Und in einem andern Aus- 
spruoh: ,,in dem Augenblicke, wo ich es gethan, bin ich mir bewusst, dass 
da etwas obwaltete, was mich entschuldigen muss, weil ich es that, um einen 
Andern, den ich in der Sache für compromittirt hielf*' (er meint seinen Küster) 
„durch sein Benehmen zu schonen und aus dem Spiel zu bringen."'' So ist es 
auch in sich logisch und begreiflich, dass er ein Bewusstsein der Straffalligkeit 
seiner That noch heut nicht hat, er, der Geistliche, der Jugendlehrer I Dass 
hierbei der Verdacht einer Simulation nicht aufkommen kann, wird Niemand 
bezweifeln, der den Habitus von Simulanten kennt, und damit das ganze Ge* 
bahren des T. vergleicht. Dann aber ist es gewiss auch eben so wenig zu 
bezweifeln, dass T. kein Mensch ist, der im Stande, den Maassstab der Moral 
und des geschriebenen Gesetzes an seine Handlungen anzulegen, recht eigentlich 
also nicht im Stande ist, die Folgen derselben zu überlegen, so wenig er, nach 
seiner glaubhaften Aussage, im Augenblicke der That au die gesetzlichen Folgen 
gedacht hat, die ihn, meint er, noch jetzt nicht treffen können, da er ja nur, 
um sich eine innerlich und äusserlich bessere Stellung zu verschaffen, um mehr 
Beschäftigung zu erhalten, um ,» einen Andern aus dem Spiel zu lassen''*' u. s. w., 
also, wie er damit zu verstehn giebt, aus harmlosen Gründen, lebensgefährliche 
Angriffe auf ihm nahe stehende Personen gemacht hat Dieselbe Verwirrung 
und Unklarheit giebt er auch zu erkennen, wenn er ganz unbefangen den 
Wunsch äussert, recht bald nur wieder in eine geregelte Thätigkeit, namentlich 
als Schullehrer, zu gelangen! Nach alle diesem stehe ich nicht an, zu erklären, 
und mein amtseidliches Gutachten dahin abzugeben: dass der Diakonus T. für un- 
vermögend, die Folgen seiner Handlungen zu überlegen, d. h. für blödsinnig im 
gesetzlichen Sinne des Wortes zu erachten ist.^ 

16. Fall. Beleidigung yon Behörden. 
Auch dieser Fall, betreffend einen wahnsinnigen Querulanten, wie sie so 
häufig vorkommen (Hdb. J. § 80), hatte das strafrechtliche Stadium durchge- 
macht, und gelangte nun, nachdem in der Criminal-Untersuchung der krankhafte 
Geisteszustand sich ergeben hatte, zum Civil- Verfahren. Nach dem Explorations- 
Termin wurde nachstehendes Gutachten erstattet, ans welchem das Thatsäch- 

lichste vollständig zu ersehn ist. „Der Postsekretair £. ist ein Mann von 

50 Jahren, an dem ein etwas gallichter Teint und eine, ihm habituelle Ver- 
zerrung der Gesichtszüge beim ersten Blick auffällt Letztere äussert sich in 
einem fast beständigen ironischen Lächeln auf vorgelegte ernste Fragen, wobei 
er die Lippen spitzt, die Mundwinkel verzieht, und eigenthümlich mit der Zunge 
schnalzt Der Character seiner Physiognomie ist bei solcher Gelegenheit ein 
C«tp«r, klialieh« NovcUra. 14 



210 Gerichtliclie Psyclionosologie. §9. Casnistik. le.Fall. 

höhnisclier, nnd lässt sich daraus nngezwuiigren schliessen, dass £. einerseits 
eine feste Ueberzengnng yon seiner Soperiorität über den Fragenden hat, den 
er gleichsam innerlich belächelt, indem er ihn zn überschauen wähnt, und dass 
er andrerseits, wie man dies täglich in ahnlichen Fällen beobachtet, sich einen 
geistigen Zwang beim Stellen der Antworten anthnt, nm sich nichts zn Ter* 
geben, nnd seinen fest eingenommenen Standpunkt zu behaupten. Die Qeschichte 
seines Lebens seit 12 — 18 Jaliren, wie sie aus den Akten sich entwickeln 
lässt und ¥rie ich sie bereits ftüher gegeben, erklärt die Art und Weise, 
¥rie £. sich psychologisch und physiognomisch heute darstellt, so wie umgekehrt 
diese Art und Weise auf sein ganzes Benehmen in dieser langen Zeit ein cha- 
racterlstiches Licht ¥rirfL Von Jener Zeit an datirt die Veränderung im körper- 
lichen Befinden des Exploraten, der, bis dahin gesund und diensttüchtig, ein 
pflichttreuer Beamter, nun, ob durch sitzende Lebensweise und Dienstanstren- 
gungen oder aus anderen Ursachen, muss dahin gestellt bleiben — unterleibs- 
krank wurde, und mehr und mehr von den Krankheits- Beschwerden heim- 
gesucht ward, die den Complex der sog. Hämorrhoidalkrankheit bilden. Nun 
wurde er, wie so yiele Kranke der Art, reizbar, zu Verstimmungen, gallichter 
Missslaune geneigt, und bald entstanden in solcher Stimmung Conflicte mit 
seinen Vorgesetzten und Untergebenen, die natürlich seine Stellung zu denselben 
alteriren mussten. Je weniger ab^r solche Individuen einzusehn vermögen, 
dass der Grund zu einer solchen Veränderung in ihnen selbst liege, desto mehr 
suchen sie denselben in der veränderten Meinung und Ansicht Andrer über sie, 
und die innere Täuschung, die selbst schon krankhaft, wird, wenn der Krankheit 
nicht begegnet werden kann, immer neuer Grund zn immer neuer und stärkerer 
krankhafter Blusion. Es entwickelt sich Jenes Misstrauen gegen alle Um- 
gebungen, das allen psychologischen Aerzten so genau bekannt ist, und das 
sich, von der blossen Abneigung gegen die vermutheten Feinde und Widersacher, 
bis zum Hass gegen die' Verfolger, Ja in nicht seltenen Unglücksfällen bis zum 
blutigsten Bachedurst steigert. Solche Stimmung macht sich dann in ent- 
sprechenden Handlungen Luft. Beschwerdeschriften und Klagen, oft in Unzahl 
und durch alle Instanzeu vorgebracht. Verbal-, Real-InJurien, Misshandlungen, 
Ja Tödtnng, das sind die Ji)etrübenden Ergüsse und Erfolge solcher krankhaften 
Stimmung, wie sie die Erfahrung häufig nachweist. So sehn wir auch £. in 
der Reihe der Jahre, ganz diesen gemeinen Erfahrungen entsprechend und sie 
durch sein Beispiel aufs Neue bestätigend, diesen eben gezeichneten Weg gehn, 
und wenn er glücklicherweise eine blutige That noch nicht verübt^ so sind doch 
schon seine Aeussemngen gegen den Postdirector W., seinen Vorgesetzten, in 
der letzten Zeit so leidenschaftlich und heftig gewesen, dass er schon die 
Aeusserung nicht mehr zurückgehalten, wie er „„es schon dahin bringen werde, 
dass dieser niederträchtige Kerl zu Grunde gehe.*'*' Wie früh diese krankhafte 
gereizte Stimmung schon alle Grenzen einer noch zurechnungsfähigen Gemnths- 
aufwallnng überschritten, wie früh die Eitelkeit und Selbstüberschätzung des 
Provocaten schon eine wirklich krankhafte gewesen sei, und seine Irascibilität 
sich an Kleinigkeiten aufgestachelt habe, die ein besonnener Mensch als K!oinig- 



ee Y. Gesundheit n. Krankheit. 211 

e Ohrfeigen n. b. w., die er schon 
>8tsecretair nur Secretair titnlirte, 
r ihm zukommenden Ehre erblickte I 
)BkUen die wiederholten Besuche in 
uchena einer frühem Geliebten, die 
r Hand, dass auch dies Benehmen 
Bein seiner Stellung zur Aussenwelt 
ir deutlich bekundete, dass £. um 
^Itigen Wahnvorstellungen befongen 
m Stande, diese als solche anzuer- 
3 Erklärung im Explorationstermine, 
)treff andrer Ungebührlichkeiten und 
gen war, dass er sich bei allen diesen 
ein Mann, der die Herrschaft über 
[ttengesetz noch bindende Kraft hat, 
wie z. B. davon, dass nicht Er nSlhig gehabt, seine Dienstentlassung zu fordern, 
weil er mit einer I^jurienklage, wieder gegen eine bloss vermeintliche Ehren- 
kränkung, nicht durchgedrungen war, „„indem er geglaubt, mit einer so verletzten 
Beamtenehre nicht länger dienen zu können.'"' E. zeigt sich in Allem bis auf 
den heutigen Tag als eines jener so häufigen vorkommenden Individuen, die, 
unter Disposition körperlicher Krankheitsbedingungen, mit einem empflndlich- 
reizbaren Gemüth begabt, in Eitelkeit und Selbstüberschätzung die Ansprüche, 
die sie an die Welt machen, überall unbefriedigt finden, und die dadurch immer 
tiefer und tiefer sich in die Ueberzeugnng versenken, dass nur böser Wille der 
Andern die Nichterfüllung ihrer gerechten Wünsche und Hoffnungen bedinge. 
Es entspinnt sich ans solcher Gemüthsstimmung eine Misanthropie, die bald in 
jedem Menschen einen Feind, einen Verfolger sieht, und eine allmählige, aber 
erfohmngsgemäss tiefe und gewönlich unheilbare geistige Zerrüttung, die es 
dann, wie jede andre^ dem Kranken unmöglich macht, Herr seiner Handlungen 
zu bleiben. Die Untersuchung durch mich hat in dieser Beziehung ganz gleiche 
Ergebnisse gelieiert, wie die frühere des Kr.-Phys. Dr. S. am flrühem Wohn- 
orte des Provocaten, und stehe ich nicht an, schliesslich mein Gutachten dahin 
abzugeben, dass der Postsecretair E. nicht im Stande, die Folgen seiner Hand- 
lungen zu überlegen, folglich im gesetzlichen Shme für „»blödsinnig''*' zu er- 
achten ist.** 

§ 10. 

Besondere Schwierigkeiten bei Oemüthsznstanda - Vntersnohnngen. 

1) Orenie swiBchen Gesundheit und Krankheit. 

Ich habe bereits oben § 2 auf die Jedem bekannte Schwie- 
rigkeit hingedeutet, in einzelnen, gar nicht selten, ja man kann 

14 • 



212 Gerichtliche Psychonosologie. §10. Qrcnzev.GeBimdheittt. Krankheit 

sagen recht häufig zur Beurtheilung kommenden Fällen die rich- 
tige Wortbezeichnnng für einen geistigen Znstand zu finden, den 
man weder geistige Gesundheit, noch geistige Krankheit nennen 
kann, weil er sich genau auf der Grenze zwischen beiden hält. 
Schon im gewöhnlichen Leben begegnen wir Menschenexemplaren 
von so wunderlichem, von der Norm abweichendem Gepräge, dass 
sich die Volkssprache in Betreff ihrer mit Bezeichnungen, wie: 
„verrücktes Genie" u. dgl. abfindet. Die Kunstgeschichte ist 
reich an Individualitäten dieser Art, und Heroen der Kunst zei- 
gen in der Chronologie ihrer künstlerischen Leistungen Ueber- 
gänge, bei deren Beleuchtung es schwer wird, den Abschnitt, die 
Grenze zu bestimmen, wo die künstlerische Freiheit genialen 
Schaffens anfing gebunden zu werden von Verstimmungen des 
Gemüths, von wirklicher Zerrüttung des Geistes. Der enthusia- 
stischste Verehrer Beethovens kann, er stelle sich wie er 
wolle, ein Verwunderungsfragezeichen nicht unterdrücken, wenn 
er die spätesten Werke des Unsterblichen aus der unglücklichen 
Zeit seiner körperlichen und geistigen Verstimmung studirt, und 
der geniale Blechen, der allerdings wirklich als vollendet 
Wahnsinniger endete, hat Werke hinterlassen, die in dieser Be- 
ziehung von höchstem psychologischem Interesse sind, wenn man 
sie mit den grossen Schöpfungen seines Pinsels aus seiner besten 
Zeit vergleicht, einzelne Bilder, Zeichnungen u. s. w., in denen 
man deutlich schon die beginnende und begonnene Störung, ich 
möchte sagen den Gährungsprozess im Geiste, wahrnimmt und 
herausnndet. Weit mehr und einleuchtender zeigt sich oft dieser 
allmählige, oft Jahre lang dauernde Uebergang von Einem gei- 
stigen Zustande zum andern, vom normalen zum abnormen, bei 
Handlungen des alltäglichen Lebens, bei denen dann die Frage 
nach der Grenze zwischen beiden Zuständen schliesslich nur vom 
individuellen Standpunkt des individuellen Beurtheilers entschie- 
den werden kann, wobei dann, natürlich die entgegengesetzte 
Beantwortung vom Standpunkt einer andern Individualität ~ 
Gutachten gegen Gutachten — ebenso möglich als berechtigt ist. 
Hier ist noch immer von Fällen die Rede , in denen eine gesunde 
Geistesorganisation sich langsam und in unbemerkbaren üeber- 
gängen in eine krankhafte verwandelte, und die dem Gerichts- 



GerichtUebePsychono80k)gie. §10. Grenze v. Gesundheit a. Krankheit 213 

arzt Beschäftigung geben können, wenn der Gemüthszustand zur 
Zeit einer gewissen, sei es civil- sei es criminalrechtlich zur Cog- 
nition kommenden That zu Zweifeln Veranlassung gegeben hatte. 
Und der Arzt — auch der erfahrenste und im Beobachten 
geübteste — wird, wenn auch oft, doch gewiss nicht überall, 
ein so scharfes prognostisches Auge haben oder es sich gewissen- 
haft zutrauen, dass er sich vorherzusagen getraute, wie der Be- 
treffende auf einer abschüssigen Ebene wandle, und schliesslich 
vollendeter Geistesstörung verfallen werde und müsse. Aber wer 
zählt vollends die Fälle, in denen von einem endlichen Zerfall 
der geistigen Gesundheit gar nicht die Rede, und in welcher 
dennoch die eigenthümliche, individuelle geistige' Beschaffenheit 
eines Menschen mit seinen Grillen, Verschrobenheiten, wunder- 
lichen Sympathieen und Antipathieen , vielleicht sogar Geberden 
u. 8. w. uns wie ein wirkliches psychologisches ßäthsel entgegen- 
tritt? Wo ist in allen hier angedeuteten Fällen die Grenze? So 
schwer, ja so unmöglich es ist, eine allgemein gültige Antwort 
auf diese schwierigste Frage, eine, Thesis aufzustellen, so gewiss 
halte ich mich überzeugt nicht zu irren, wenn ich als Anhalts- 
punkte für den Beurtheiler zwei Momente angebe. Das eine 
und wichtigste ist die Wahnvorstellung. Wo eine solche, 
welcher Qualität sie immer sei, sich im concreten Falle heraus- 
finden und nachweisen lässt, ist die Grenze überschritten. Ein 
Herzog Moritz von Sachsen-Merseburg im 18. Jahrhundert hatte 
eine so wunderliche Leidenschaft für die Bassgeige, da§8 er 
seinem neugebomen Töchterchen sogleich eine kleine Bassgeige 
in die Wiege legte. „Er war verrückt", sagt das Volk, nicht der 
Psychologe, und wenn uns der hohe seelige Herr in einer Testa- 
ments- oder in einer Griminalsache zur Begutachtung vorgestellt 
worden wäre, so würde uns diese seine Grille allein ebenso 
wenig irre gemacht haben, als der englische Richter eine Dispo- 
sitionsunfähigkeit annahm, in dem, im Handbuch angeführten 
Falle seines Landsmanns, welcher testamentarisch verordnet 
hatte, dass seine Knochen calcinirt, zu Glas gebrannt und zu 
Lupen verwendet, seine Därme zu Violinsaiten gesponnen wer- 
den sollten, weil er auch nach seinem Tode noch seinen Mit- 
menschen möglichst nützlich werden wolle. Das waren Grillen, 



214 Gerichtliche PBycbonoBologie. §10. Grenze T.Qesnndheita. Krankheit 

aber keine Wahnvorstellungen, knorrige, wunderliche Auswüchse 
am gesunden Baumstamm, keine Holzfäule desselben. Das 
zweite Moment, das zu beachten sein wird, ist der zu ermittelnde 
Umstand, ob das im zweifelhaften und bedenklichen Lichte 
erscheinende Benehmen eines solchen Menschen, und seine zur 
Beurtheilung vorliegenden auffallenden Handlungen, mit dem, 
jedem Menschen ohne alle Ausnahme eingebomen instinctivem 
Triebe der Selbsterhaltung und des Selbstbehagens im 
weitesten Wortsinne, in Einklang standen, oder nicht vielmehr 
diesem Naturdrange gradezu widerstrebten? Ob er nicht bei die- 
sen Handlungen gegen sein eigenes, wohlverstandenes Interesse 
verfahren, wie es niemals ein Mensch thut, so lange er noch im 
Stande ist, ^die Folgen seiner Handlungen zu überlegen^. Hier 
hatte die Genialität, die Grille, das blosse eigenthümliche Indi- 
vidualitätsgepräge aufgehört, und die Grenze zur wirklichen gei- 
stigen Störung war überschritten. Man erkeimt den Wahnsinni- 
gen sofort, wenn er im Winter in der kalten Zelle im Hemde 
umherläuft und keine Bekleidung duldet, den Andern, wenn er 
die angeblich vergiftete Nahrung zurückstösst; aber auch Der 
wüthet gegen den eingebomen Naturtrieb, der eine Uebelthat 
begeht, bloss um den ersehnten Tod durch Henkershand zu ster- 
ben*), wie der Andre, der sein und der Seinigen Vermögen ver- 
geudet, um eine angekaufte Sandscholle in einen reizenden 
Landsitz umzuzaubem**), wie ein Dritter, gleichfalls aus unsrer 
Beobachtung, der aus angeblicher und anscheinender blosser Lieb- 
haberei die wildesten Pferde kaufte, sie vor ein kleines Wägelchen, 
eine Art Kinderwagen, wie es in den Akten hiess, spannte, und da- 
mit fortwährend durch Wald und Feld wie rasend jagte, jeden 
Augenblick der Lebensgefahr Preis gegeben. Die Grenze war 
überschritten! In derartigen Fällen wird man in zweifelhafter 
Sachlage aber auch bestimmt noch andre verkehrte Handlungen, 
Aeusserungen u. s. w. zu erheben finden, die vollends Aufklärung 
zu geben geignet sind. 



*) 8. den Fall von Gnieser Hdb. I Gas. zum § 77. 

**) Der FaU war zur Zeit des Processes noch sehr schwierig zu benrthei- 
len. Unsre Beurtheilung nnd Prognose bestätigte sich. Nach Jahren war der 
Gutsbesitzer N. im Irrenhanse gestorben (22. FaU), 



Geriebtliche Psychonosologie. ^M. Vagabnnden. 215 

§11. 

Fortsetzung. Geistiger Zustand von Vagabunden. 

Bei einer ganz andern Klasse ron Menschen, als die geschil- 
derten, findet sich sehr, sehr häufig eine „unreife Geistesstörung", 
die als solche, wie überall, die Diagnose ungemein erschwert, 
d. h. die Frage von der Grenze zwischen geistiger Gesundheit 
und Krankheit sehr schwer zu lösen machen wird. Ich meine 
die Klasse der männlichen und weiblichen Vagabunden, die in 
grossea Städten, wohin mit so vielem Edlen und Schönen (rei- 
senden Künstlern) auch so vieler Schmutz aus nahe und fern zu- 
sammenströmt, dem Gerichtsarzt oft genug vorkommen, der sie 
aber auch in kleinem, und auf dem Lande, wenn dieselben auf- 
gegriffen werden, zu exploriren und zu beurtheilen bekommt. 
Auch die besten und neusten Werke über Psychiatrie erwähnen 
dieser Exemplare nicht, mit denen der Psychiater allerdings 
weniger befasst wird, weil diese Menschen weniger in den Irren-, 
als in den Gefangnen-Anstalten vorkommen. Zunächst muss ich 
bemerken, dass vagabundirendes Umherstreifen gar nicht ganz 
selten schon eine Wirkung einer schleichend begonnenen Gei- 
stesstörung ist In der steten* Tages- und Nachts-Unruhe und 
Erregung, in der sich solche Subjecte befinden, in der Unmög- 
lichkeit, sich einer geordneten Beschäftigung, einer gewöhnlich 
geregelten Lebensweise zu unterziehn, verlassen sie fortwährend 
und wechseln ihren Dienst, ihre Fabrikarbeit, ihre Handwerks- 
beschäftigung , treiben sich zwecklos umher, treten eine neue 
Beschäftigung an, um sie ohne genügenden Grund ebenso rasch 
wieder aufzugeben,' und kommen bald dahin, dass sie auch am 
Wohnort nicht mehr festzuhalten sind. Nun beginnt das Reisen 
und Wandern, das unstäte Umherstreifen von einem Dorf und 
einer Stadt zur andern, bis mit der Zeit der Keim der Geistes- 
krankheit sich weiter entwickelt hat, und die Wanderung eines 
Tages plötzlich nach einem offenkundigen Wahnsinnsausbruch in 
irgend einer öffentlichen Anstalt ein Ziel findet. Es folgt aus 
dieser, der Erfahrung entnommenen Thatsache, dass man in 
zweifelhaften Fällen, zumal bei Menschen, die auf ein sesshaftes 
Leben angewiesen sind, wenn sie anfangen, fortwährend ihren 



216 Gerichtliche Psychonosologie. §11. VagabundeiL 

Wohnort zu verlassen und zwecklos, oder unter Yorgeblic&em, 
offenbar ganz unzureichendem Zweck, unstät zu reisen oder zu 
wandern, aufmerksam und bedenklich sein, und als Arzt oder 
Gerichtsarzt je nach Umständen handeln soll. Es folgt hieraus 
femer, dass man in andern Fällen, wenn späterhin aus dem 
Benehmen des Menschen eine schon weiter entwickelte Geistes- 
krankheit ersichtlich schien, und civil- oder criminalrechtliche 
Handlungen, anscheinend in einem noch immer sehr zweifelhaften 
Gemüthszustande ausgeführt, zur Beurtheilung vorliegen, zu 
einem Rückschlüsse berechtigt ist, wenn man bei Beleuchtung 
des frühem Lebens, um einen aetiologisch-anamnestischen An- 
haltspunkt für den Beginn einer Geistesstörung zu gewinnen^ 
jenes unstäte, vagabundirende Treiben ermittelt. — In der 
grössern Zahl von vorkommenden Fällen aber wird andrerseits 
das vagabundirende Leben Ursache zu geistiger Erkrankung. 
Wie es bei solchen Individuen von Hause aus an einem sittlichen 
Halt fehlt, und Arbeitsscheu und Lust am liederlichen Leben sie 
ursprünglich zum Verlassen einer geordneten Beschäftigung an- 
treibt, so treten nun die mannichfachen, vom Vagabundiren un- 
trennbaren Schädlichkeiten hinzu: Trunk, geschlechtliche Aus- 
schweifungen, Hunger, schlechte Ernährung, gestörte Nachtruhe, 
Erkältungen beim Schlafen auf Feldern, in Neubauten u. s. w., 
Schädlichkeiten, die nicht einzeln und vorübergehend, sondern 
anhaltend und lange Zeit jind in ihrer Gesammtheit einwirkend, 
nicht verfehlen, Geist und Gemüth zu erschüttem und erkranken 
zu machen. Nicht genug! Das Leben solcher Menschen wird 
bald ein ewiger Conflict mit den Polizei- und Gerichts-Behörden, 
und ich habe sehr viele solcher Individuen beobachtet, deren Leben 
viele Jahre lang ein fortgesetzter Wechsel zwischen Gefängniss, 
Irrenanstalt, Arbeitshaus, Ausgewiesensein, Strafanstalt u. s. w. 
gewesen war. Bei solchen Männern und Weibern entwickelt sich 
dann fast unfehlbar und findet man einen Geisteszustand, der 
ein so merkwürdiges Gemisch von Geisteskrankheit, Geistesge- 
sundheit, und dazu oft genug noch von Simulation der erstem 
darstellt, dass auch der geübteste Beobachter stutzig wird, und 
sich nicht selten in die Lage versetzt sieht, auch nach oft wie- 
derholten persönlichen, sorgfältigsten Prüfungen des Individuulns 



OerichtlichePsychonoBologie. §12. CasoiBtik. l7.FaU. 217 

Bchliesslich Bein Gutachten doch nur mit WahrBcheinlichkeitsgrün- 
den abzugeben. Weniger als für ii^end welche andre Fälle 
lassen sich für diese gewisse allgemeine Kegeln angeben, und 
mehr noch als in andern muss in diesen der ganze Fall mit allen 
seinen Einzelheiten und Antecedentien — die leider! oft gar 
nicht, oft nur äusserst unvollkommen vorliegen, da die eigenen 
Angaben der Ezploraten fast keinen Werth haben — maassge- 
bend für das Urtheil sein. Dass ich aus dem hier Ausgeführten 
nicht zu der Schlussfolgerung veranlassen will, dass man bei 
solchen Individuen eo ipso überall sich zur Annahme einer gei- 
stigen Krankheit zur Zeit der Untersuchung oder zu der Zeit 
einer zur Anschuldigung stehenden That hinneigen solle, mögen 
folgende beiden Fälle, einen weiblichen und einen männlichen 
Vagabunden betreffend, erweisen. 

§ 12. 
Casuistik. 

17. Fall. Untersohlagnngen und Betrügereien von einer Yagabnndin 

verübt. 

Eine seltene und solche pejchologieche Encheinung, welche anch fiir die 
geübtesten psychologischen Aerzte und Richter ein Gegenstand der schwierigsten 
Erforschung sein mnsste, war die unverehelichte sogenannte v. Trapke, oder, 
wie sie sich ku Zeiten anch nannte, von Keiserling. Wer sie eigentlich 
ist, hat niemals ermittelt werden können, so viele Schreibereien sie auch den 
Behörden seit 12 Jahren veranlasst hat Denn sie ist in dieser langen Zeit in 
zahllosen FäUen wegen Vagabondirens, Betruges, Unterschlagung u. s. w. in 
Untersuchung gewesen und bestraft worden, obgleich sie im Jahre 1869, wo 
sie uns (bis Jetzt!) zum letzten Male vorgekommen, erst 81 Jahre alt war. Wie 
immer hat sie auch in diesem Proccss über ihre Herkunft die widersprechend- 
sten Angaben gemacht. Einmal sagt sie, sie sei in Grebin bei Danzig am 
13. April 1828 geboren — ein solcher Ort ezistirt aber gar nicht (doch spricht 
sie entschieden den preussischen Dialekt) — ein anderes Mal heuchelt sie über 
ihre Herkunft ein gänzliches Nichtwissen unter der Angabe, ihre Eltern seien 
gestorben, als sie erst elf Monate alt gewesen. Ihre gewöhnliche Art, sich 
Vortheil zu verschaffen, war die, dass sie den Leuten vorspiegelte, sie sei Be- 
sitzerin eines grossen Vermögens, wodurch sie sich Darlehne, Geschenke u. s. w. 
zu verschaffen wusste. Im letzten Anklagefall — und ähnlich in allen frühem 
— erzählte sie mit ihrer gewohnten schreienden Stimme, indem sie in der An- 
klagebank fortwährend, wie ein wildes Thicr im Käfig, auf- und ablief, was 
sie anch im Gefingniss 9su thun pflegte, das grosse Vermögen, welches sie be- 



218 Oerichtliche PsychonoBoIogie. §12. Casnistik. 17. Fall. 

sitze, werde von einem Cnrator, dem Baron v. Deycks, yerwaltet; bei einem 
Herrn t. Treskow in Friedrichsfelde habe sie 10,000 Thaler zu stehn, das 
andere Geld wäre in Verwahrung des Stadtgerichts, sie habe noch eine Schwe- 
ster, eine Gräfin v. Keiserling, die bei der Kaiserin Mutter in Petersburg 
Hofdame sei, ihr Bruder habe beim zweiten Garderegiment hierselbst gestanden, 
und sei im Jahre 1848 in der Königsfltrasse erschossen worden, ihr Bräutigam, 
der Sohn des Präsidenten t. Puttkamraer, sei im Duell mit dem Prinzen 
Hohenlohe gefallen, sie sei in Folge dessen geisteskrank geworden, und sechs 
Jahre in der Irrenanstalt zu Grcifswald gewesen. Es sei ihr nur dadurch ge- 
lungen, aus derselben heraus zu kommen, dass sie eine Aufwärterin bestochen, 
und diese einen Brief an den Minister v. Raum er und an ihre Schwester '— 
die vorgebliche Hofdame in Petersburg — befördert habe. Nach ihrer Ent- 
lassung aus dem Irrenhause sei sie bei ihrem Curator Wirthschafterin gewesen, 
habe die Stelle aber aufgeben müssen, weil derselbe ihr unzüchtige Anträge ge^ 
macht habe. Sie habe sich demnächst mit ihrem Curator nach dem Kammer- 
gericht begeben, woselbst ihr 150 Thlr. Zinsen von ihrem Vermögen aasgezahlt 
worden seien, mit diesem Gelde sei sie dem Curator fortgelaufen, und habe seit 
zwei Monaten in Schöneberg gewohnt. Ihren Curator schilderte sie als einen 
äusserst untreuen Verwalter, denn* sie meinte, dieser habe, während sie im 
Irrenhause gewesen, von ihrem Vermögen 10,000 Thaler durchgebracht. An 
derartige lügenhafte Erzählungen knüpfte sie dann eine Schilderung ihrer augen- 
blicklichen Noth und Geldverlegenheit, indem sie femer erzählte, ihre Sachen befän- 
den sich noch im Irrenhanse, sie habe soeben einen Hundertthalerschein verloren, 
brauche aber dringend Geld, um zu ihrem Curator zu reisen, der sich noch in 
seinem Sommeraufenthalt hinter Stettin befinde. Anderen redete sie vor, sie 
brauche Geld, um für geistig gesund erklärt zu werden, und um einen Rechts- 
Anwalt zu bestellen, der ihre Sache gegen den Curator durchführe. Auf der- 
artige Redereien hat sie sehr häufig Geld, Kleidungsstücke, Wohnung, Kost 
erhalten, und alle Mitleidige waren betrogen und bestohlen. Als gewiss war 
ermittelt, dass ihr ganzes Leben von ihrem achtzehnten Jahre an eine Kette 
von Wirmissen gewesen, und dass sie einen grossen Theil dieser Zeit in Ge- 
fängnissen, Arbeitshäusem u. dgl. und auf unzähligen Hin- und Herreisen auf 
Landstrassen verbracht hat. — Wenn gewiss schon im Allgemeinen ein nicht ge- 
wöhnlicher Grad von Schlauheit dazu gehört, um selbst verhältnissmässig recht 
bedeutende Summen von Unbekannten auf diese Weise zu erschwindeln, so musste 
man staunen über den Grad von List und Lüge, den die Trapke an den ver- 
schiedensten Orten, und gegen die verschiedensten Personen geoffenbart hatte. 
Name, Stand und Verhältnisse von Menschen, die sie an diesem Orte kennen 
gelernt, oder von denen sie gehört, benutzte sie an einem andern Ort zur Er- 
findung eines neuen Romans, indem sie dieselben als ihre Vormünder, Verwandte, 
Beschützer, Schuldner n. s. w. ausgab, und es namentlich immer wieder glaub- 
haft zu machen wusste, dass sie ein grosses Vermögen besitze, was sie bald 
da, bald dort deponirt vorgab. Nichtsdestoweniger war ihr genehmen doch 
von der Art, dass sie von vielen Aerzten, Riehtem und Polizeibeamten für 



Gerichtliche Psychonosologie. §12. Oasuistik. 17. Fall. 219 

geieteigestort erachtet wurde, und dass sie in Folge dieser angeregten Zweifel, 
und nach Einleitung des gCBetzlichen ProTocationsrerfiahrens am 11. März 1862 
gerichtlich für blödsinnig erklärt ward. Schon zwei Jahre später, als 
sie mir in einer neuen, gegen sie schwebenden Criminal-Üntersuchungs-Sache 
vorgekommen war, und nachdem ich genauere Kenntniss über ihr friiheres Leben 
und Treiben und über Manieren und Oebahren derselben gewonnen hatte, musste 
ich das Gtegentheil erklären, eine Ansicht, die ich in wiederholten spätem 
Untersuchungen gegen sie festgehalten 'habe. Ans meinem letzten Gutachten 

führe ich Folgendes, diese Ansicht begründende, hier an: „Das Benehmen 

der Trapke den Ton ihr Betrogenen gegenüber würde niemals Veranlassung 
zu Zweifeln über ihre geistige Gesundheit, gegeben haben, so wie Jene selbst, 
so Yiel deren Temommen worden, auch nie etwas Auffallendes an ihr beobachtet 
haben. Wohl aber waren jene Zweifel durchaus gerechtfertigt in Betracht des 
Verhaltens der Trapke aDen Behörden und Aerzten gegenüber, von dem Augen- 
blicke an ihres Zusammentreffens mit denselben. Dies Benehmen war und ist 
noch heute ein ungemein auflEallendes. Mit grosser Schwatzhaftigkeit äussert 
sie sich auf die Torgelegten Fragen, unterbricht aber plötzlich gern den Rede- 
strom, um sich anscheinend zu besinnen, fasst dann gern an den Kopf, äussert 
sie sei zu schwach, bricht dann wieder in Exclamationen ans, wie „Ja, ja, das 
war so*'*' u. s. w. und springt forwährend von dem Thema der Unterhaltung 
ab, wobei sie stets Wendungen dafür zu finden weiss, wie ., „schlecht die 
Menschheit**** sei, wie schändlich man aller Orten mit ihr verfahren, wie man 
sie sogar habe ermorden wollen u. dgl. m. Eben so unstät wie ihre Reden, 
sind ihre Mienen und Gesticulationen. Wenn sie ihr angebliches Unglück 
schildert, bricht sie in einen Strom von Thränen aus, bei dem es nichts Seltenes, 
ihn sofort von einem lauten Lachen unterbrochen zu sehn, das anscheinend ganz 
unmotivirt ist So spricht sie auch bald leise und anständig, um bald darauf 
auf^springen und zu schreien, und ihre Klagen über die „„Menschheit'''' wieder 
zu beginnen. Ja die Akten ergeben, dass sie in Zeiten solcher anscheinenden 
Exaltation wirklich in den Gefängnissen u. s. w. Schritte gethan, die selbst 
geübte Aerzte als Symptome eines wirklichen tobsüchtigen Anfalls deuten zu 
müssen geglaubt haben. Wieder ein andermal, und zwar sehr häufig, wechselt 
Expl. ihr Benehmen. Sie wird znthulich, vertraulich, einschmeichelnd, oder 
sie erscheint zerstreut, f^agt mitten in einer für sie wichtigen Unterredung 
nach femliegenden unerheblichen Gegenständen u. s. w. Dabei endlich ist 
ihrer Angabe nach ihre Intelligenz durch die vielen ihr widerfahrenen Miss- 
handlungen geschwä6ht; sie vermag, wie sie sagt, nur dürftig zu lesen und 
zu schreiben, und kaum kann sie an den Fingern die Zahlenreihe hersagen. — 
Ein aufmerksames Studium dieser Persönlichkeit ergiebt, dass alle diese Aeusse- 
mngen rein Ausfluss der Willkür und Simulation sind. Die Trapke 
ist ein hTsterisches Frauenzimmer — ein Magenleiden, das sie friiher klagte 
und auch jetzt wieder angiebt, hat nur diesen nervösen Character — welches 
durch die oben bezeichnete unstate und liederliche Lebensweise längst allen 
sittlichen Halt verloren hat. Seit langen Jahren gewohnt, auf Landstrassen zu 



220 Gerichtliche Psychonosoloi^ie. §12. Casuistik. 17. Fall. 

liegen, bei steter Arbeitslosigkeit, bei fortwährendem Wechsel in der Emähmiiga- 
weise, gewohnt, sich in IVemde erlogene Verhältnisse hineinzudenken, weder in 
sich noch in andern Menschen eine Stütze findend, ist sie in jenen Zustand Ter- 
follen, den man so häufig bei Vagabunden findet, und der in der Erfahrung als 
auf der Grenze zwischen geistiger Gesundheit und geistiger Krankheit stehend 
bekannt ist. Für den richterlichen Zweck, wie der vorliegende ist, entsteht 
dabei die Frage: ob das Individuum dadurch seines «„Unterscheidungsvermögens*^ 
beraubt oder unfähig geworden ist, mit „„WUlensflreiheit^'' zu handeln?*) Beides 
muss ich bezuglich der Trapke verneinen. Die wie stets sorgsam gekleidete, 
nicht in ihrer äussern Erscheinung, wie gewöhnlich wahnsinnige Weiber, auf- 
fallende Person, erkannte mich nach Jahren sofort nach Namen und Stand ganz 
richtig wieder, und es gelang mir, mich von ihren oben geschilderten Ab- 
schweifungen nicht irre führen lassend, sondern consequent meine Fragen wieder- 
holend, sie wiederholt das Geständniss ablegen zu lassen, dass sie wohl wisse, 
dass Betrügen strafbar sei, dass sie Ja aber nu r aus Noth und Verzweiflung 
handle und gehandelt habe,- denn sie wisse Ja gar nicht, wie sie sonst 
existiren solle u. s. w. Niemals wird ein Irrer sich auf diese Weise äussern. 
Dass sie niemals in der Freiheit als Irre erschienen sein kann, ist einleuch- 
tend, weil kein Mensch einer Person, wie die Trapke in der Haft ist, Geld 
u. s. w. anvertrauen würde. Sie hat sich aber auch im Laufe der Zeit auch 
anderweit mehrfach verrathen. Dieselbe Person, die kaum drei zählen kann, 
hat vielfach in der Freiheit Darlehns-, Tausch- und Pfandgeschäfte gemacht, 
die eine hundertfach grössere arithmetische Kenntniss bekunden, als sie zu be- 
sitzen vorgiebt. Dieselbe Person, die auf Erfordern nur mühselig eine Zeile 
schreiben kann, hat nach ihrer Art wohlstilisirte längere Schreiben zu den 
Akten gegeben. Annehmen aber wollei^ dass die Trapke an einer wirklichen 
geistigen Störung mit intermittirendem Charakter leide, die als solche nur^u 
Zeiten hervortrete, zu andern schwiege, dazu würde Jeder Halt fehlen, zumal 
es der unerhörteste Zufall sein würde, dass solche lichte Zwischenräume grade 
immer nur dann eintreten sollten, wenn die Trapke in der Freiheit lebt und 
— Geld braucht!" Sonach erklärte ich, dass die Trapke weder an Wahnsinn, 
noch an Blödsinn leide (in Bezug auf § 40 des Strafgesetzbuchs) und die noch 
unter dem Interdict stehende Person wurde verurtheilt (s. oben S. 171). Kaum 
hatte sie ihre Strafe verbüsst, als sie ganz nach gewohnter Weise wieder eine 
Menge von Gaunereien verübte, und nach zwei Jahren sahen wir sie wieder im 
Gefängniss und später auf der Anklagebank. Sie war die Alte und wir hielten 
unsre frühem Gutachten aufrecht, worauf eine abermalige VerurtheUung zu 
zweijähriger Grefängnissstrafe erfolgte. Von ihrem diesmaligen Benehmen im 
Gerichtssaal führe ich nur an, dass sie sehr schwatzhaft war, den Staatsanwalt, 
den Vorsitzenden und die Zeugen fortwährend mit schreiender Stimme unter- 
brach, aber ganz schweigsam und mit gespanntester Aufinerksamkeit meinem 
mündlichen Gutachten folgte, dessen Bedeutung ihr sehr klar war. Femer war 



*) Ausdrücke unseres Strafgesetzbuchs, 



GerichtUchePsychonoBologie. §12. Casnistik. iS.FaU. 221 

sehr aulfaUend, dass sie jeden Eintretenden Yon oben bis unten mit der Miene 
der Yerwundernng maass, and endlich mit der Yertraulicbkeit, die Bie oft an- « 
nimmt, das Gericht bat, die Oeifentlichkeit anszuschliessen, da sie etwas anf 
dem Hersen habe, was sie im Geheimen mittheilen wolle. Der Bitte wurde 
nachgegeben, and sie erklärte dann weiter nichts, als dass sie — „viele Bräu- 
tigams gehabt^, and da keiner sie geheirathet, so habe sie einen Hass gegen 
die ganae Menschheit gefasst! — So ist diese mysteriöse »von Trapke" ein 
vollkommenes Seitenstöck za der im Hdb. I. § 69 geschilderten berüchtigten 
Charlotte Glaser. 

18. Fall. Wissentlich falsche politische Denimciation von einem 
Yagabimden ausgehend. * 

Aach dieses psychologisch gewiss interessante Individuum war ein Mensch, 
der früher schon zweimal nach ärztlichen Zeugnissen wahnsinnig gewesen war 
— es war nicht zu ermitteln, ob die Anfälle acht, oder nur simulirt, und die 
Aerzte getäuscht gewesen — und dessen jetzt zur Anschuldigung stehendes Ver- 
gehn und Benehmen vor dem Untersuchungsrichter auf eine so zweifelhafte 
Geistesverfassung zu deuten schien, dass unsere PrüAmg derselben erfordert 
wurde. Es war der sogenannte „Chemiker^ Uirschberg, und wir berichte- 
ten, wie folgt: „H. kommt zuerst 1819 in den hiesigen Polizei- Akten vor, wo 
er die Erlaubniss seine Automaten öffentlich zeigen zu dürfen» nachsuchte. 
Später durchzog er viele Länder, und kam auch wieder nach Berlin, um Un- 
terricht in der Licht- und Seifen-Fabrikation, auch an Metallarbeiter aller Art 
zu ertheilen. Aosserdem lehrte oder versprach er in seinem gedruckten Pro- 
gramme zu lehren: eine Schnellessig-Fabrikation, eine vortheilhafte Branntwein- 
Erzeugung, Fabrikation von holländiscfiem Oel, Tabaksblei, Baierschem Kitt, 
Oelgemälden, ohne dass Vorkenntnisse nöthig, u. s. w. u. s. w. So kam es, dass 
er im Jahre 1888 sagen konnte, dass er seit 10 Jahren sich nie länger als sechs 
Monate in Einem Orte aufgehalten, und Ungarn, Italien, England, Frankreich, 
Dänemark, Polen a.8.w. besucht hatte,- welcher unstäte. Lebenswandel im Jahre 
1880 seinen Vater veranlasst hatte, bei Errichtung seines Testamentes ihn zu 
Gunsten der Enkelkinder zu übergehn. ImFrnl^ahr 1888 in Oesterr. Schlesien 
reisend, wurde er in B. wahnsinnig, insultirte auf öffentlicher Strasse Leute, 
zertrümmerte Fenster und Geschirre, wurde indess nach zwei Monaten geheilt 
und nach Berlin, seinem damaligen Domicil, znrückdirigirt Er fing sein frü- 
heres Leben wieder an, wurde aber im December 1840 in Pirna abermals gei- 
steskrank und wieder nach Berlin transportirt, und in der Charit^ geheilt 
Weitere Reisen, weitere gezwungene Traniq;>orte wegen Schulden, mangelnder 
Legitimation a. s. w. folgten. Im Januar 1 844 trat er mit dem Plane einer in 
Berlin zu errichtenden „„fliegenden Speiseanstalt^' hervor, welche auf den 
Strassen warme Speisen für Geld vertheilen sollte, für welche Anstalt er eine 
Einnahme von etwas über 7 Millionen jährlich, und einen reinen Gewinn von 
20,000 Thlr. berechnete, and wegen der nöthigen Geldmittel nicht in Verlegen- 
heit zu sein versicherte. Er worde mit seinem Vorschlage zurückgewiesen, 



222 Gerichtliche Psychonosolosrie. §12. Caauistik. 18. Fall. 

nnd fünf Monate später findet er sich, nach den Akten, im Polizei-Arreste we- 
gen obdachlosen Umhertreibens t Seit der Zeit hat H. Berlin nicht mehr ver* 
lassen, da ihm Pässe verweigert wurden, nnd im April d. J. ereignete sich der 
Vorfall, der Anlass zu gegenwärtigem Gutachten geworden. Am 23. des ge- 
nannten Monats reichte H. ein Immediat-Gesnch bei Sr. Majestät ein, worin er 
den König nm eine baldige mündliche Unterredung in einer dem Staat und 
königlichen Hause höchst wichtigen Angelegenheit bittet, jndem er ein höchst 
wichtiges Papier besitze. Darüber vernommen, deponirt er: er sei im Thier- 
garten spazieren gegangen, habe sich im Gebüsch schlafen gelegt (Mittags 
2 Uhr), sei aber durch ein , „lautes^' Gespräch erwacht und habe nun „„fünf 
Schritte vor sich"^ drei Herren gesehn, die er nach Alter, Ansehn und Klei- 
dung sehr genau beschreibt, und die sich als Bundesbrüder durch ihr Gespräch 
zu erkennen gegeben hätten. „^Sie sprachen davon, dass von ausserhalb Mit- 
glieder ihrer (Gesellschaft ankommen würden, und sie lachten darüber, dass ein 
Mitglied der Gesellschaft als Schuhmacher reisen vnirde. Es war die Rede von 
einer Giftmaschine, und von der Freigebigkeit des Lords Luley [sic!)^ wel- 
cher eine grosse Summe für die Zwecke der Verbindung gegeben. Zwei der 
Herrn gingen fort, der dritte aber bliebe und las einen fdiher besprochenen 
Brief, worauf er ihn zerriss, ein Steinchen von der Erde nahm, diesen in das 
Papier wickelte, nnd dasselbe in den Teich warf. Da das Papier Widerstand 
leistete, so blieb es oben auf dem Wasser. Der Fremde ging nach der Chaussee 
zurück, setzte sich in einen dort haltenden Wagen, bei welchem ein Bedienter 
als Jäger gekleidet stand, und fuhr ab!'*'' H. deponirt nun femer, dass er sich 
bemüht habe, das Papier aus dem Wasser zu ziehen, und dass sich ein chiff- 
rirter Brief darauf gefunden habe (der bei den Akten liegt), den zu dechifßriren 
ihm gelungen sei, in dem er geftmdeh, dass auf den Ziffern a mit 0, b mit 1 
u. s. w. bezeichnet gewesen. Das von einem Sachverständigen dechiffrirte Blatt 
ist ein ebenso schlecht stilisirtes, als anorthographisches Gewäsche, worin von 
einem „„Orden die Rede, dem Lord Luley mit der Summe von 180,000 U"*" 
{sie!) beigetreten und in dessen letzter Tersammlung beschlossen worden, dass 
der König Friedrich Wilhelm IV. mit seinen Brüdern und noch VII an- 
dern hohen Personen „„dem Tode geweiht^*" seien; alle Briefwagen sollen 
nach demselben Muster gebaut, alle Räume mit Pulver gefüllt werden u. s. w. 
u. s. w.« 

„Die persönliche Erscheinung des H. macht einen nicht gewöhnlichen 
Eindruck. Mit stierem, leblosem Blick, mit struppigen, schwarzen, die Stirn 
bedeckenden Haaren, mit einem Ausdruck von Verlebtheit und Gemeinheit, mit 
schmutzigen, abgetragenen Kleidern und von Schmutz auf der Haut bedeckt, 
tritt der untersetzte, 66Jährige Mann schwankend, unsicher und scheu auf, und 
gewährt beim ersten, oberflächlichen Anblick den Eindruck eines (Geistesgestör- 
ten, Ja eines Blödsinnigen. Sehr bald aber muss dieses Urtheil in der Unter- 
haltung mit ihm sich rectificiren. Der Blick und das unsichere Auftreten er- 
klären sich durch die Angabe des H., dass er fiist blind sei, alles Uebrige in 
seiner Haltung durch sein geschildertes Leben. Da es von entücheidender 



QerichtlichePsychoDosologie. §12. Casrnstik. 18. Fall. 223 

Wichtigkeit schien, die angebliche Blindheit festsnstellen, bo ging ich daranf 
anf das Genauste ein. H. behauptet, nur bei gewisser heller Beleuchtung die 
Gegenstände zu erkennen, bei ungünstigem Lichte so gut als Nichts zu sehn, 
und erkannte resp. Einzelheiten meiner Kleidung u. dergl. auf grössere Entfer- 
nung, aber andrerseits in unmittelbarster Nähe angeblich nicht die Zahl der vor- 
gehaltenen Finger. Die Untersuchung der Augen ergab auf beiden Augen 
einen Kapselstaar bei ungemein zusammengezogener Pupille. H. (der im Uebri- 
gen körperlich gesund,) leidet also wirklich an einer sehr grossen Schwäche 
seines Sehvermögens, und ist halbblind; deswegen muss aber seine Erzählung 
und die Angabe von der Kleidung der drei Unbekannten, ihrer Haltung, ihrem 
Haarwuchs, dem Steinchen, worin das Papier gewickelt wurde u.s.w., was er 
Alles nur aus einer gewissen Eutfemuug angesehn haben konnte, ja endlich 
von dem als Jäger gekleideten Bedienten, dessen Kleidung er also in der nicht 
unerheblichen Entfernung vom Gebüsche am Karpfenteich bis zur Chaussee er- 
kannt haben will, als eine Lüge erscheinen. Er wurde auf meine betreffende 
Vorhaltung sichtlich verlegen, und zeigte bei dieser Gelegenheit, wie während 
des ganzen Explorationstermins überhaupt Vermögen der Ueberlegung, Gedächt- 
uiss, Klarheit im Uebersebn der Verhältnisse, Gewandtheit in der Aufklärung 
seiner vielen Widersprüche, mit Einem Worte alle positiven und negativen 
Merkmale, die mich zu der gewissen Ueberzeugung bringen mussten: dass H. 
gegenwärtig nicht geistig gestört ist Es liegt vielmehr auf der Hand, dass 
er wohl überlegt, und ohne Zweifei in der Hoffnung, seine Lage zu verbes- 
sern, Alles, was er zur Sache erlebt haben will, nur plump und ungeschickt 
genug selbst erfunden hat. Der Sachverständige hat in den Akten bereits schla- 
gend nachgewiesen, dass alle orthographischen Fehler der H.*schen Handschrift 
sich auch in der Chiffresehrift vorfinden, so dass unzweifelhaft schon daraus 
hervorgeht, dass Er allein die Chiffreschrift componirt habe. Hervorzuheben 
ist auch, dass ein »»Lord Luley**^ gar nicht existirt, und muthmaasslich H. 
den in den Zeitungen vielgenannten Polenfreund Lord Dudle y gemeint habe, dass 
kein Engländer das Pftind (Sterling) je mit iu, wie in der Chiffreschrift, son- 
dern mit L. bezeichnet u. s. w. Zu diesen Beweisen füge ich meinerseits noch 
hinzu, dass ganz allein das angebliche Factum, dass die drei Unbekannten, die 
H. als politische Verschworene und Königsmörder denunciirt, den Thiergarten 
an einem seiner besuchtesten Plätze, und die Mittagsstunde als Ort und Zeit 
ihrer Verhandlung wählen, und diese Verhandlung so laut abmachen, 
dass ein in der Nähe Schlafender davon erweckt wird, — den H. 
als plumpen Lügner^ also als absichtsvollen, aber geistesgesunden Erfinder einer 
Denunciation bezeichnet Derselbe ist zwar ein durch unsteten Lebenswandel, 
Mangel an irgend ernsthafter und anhaltender Beschäftigung, durch Noth u. s. w. 
heruntergekommenes Subject, und zu geistigen Störungen, wie alle dergleichen 
Individuen sehr disponirt, wie er ja bereits vormals zwei Anfälle von Wahn- 
sinn erlitten haben soll. Hiemach könnte allerdings die Vermuthung entstehn, 
dass die ganze Denunciation mit allen ihren Einzelnheiten rein ein Er- 
zengniss einer Wahnvorstellung gewesen. Wenn derselbe aber erst ab- 



224 Gferichtliche Psychonosolo^e. § 18. Geheilte GeiBteakrankheit. 

sichtlich und mühevoll ein chiffHrtes Docnment schmiedet, um dasselbe sp&ter 
als Belag der Wahrheit seiner Denunciation yorzalegen, so muss die Yermn- 
thnng einer aar Zeit wirksam gewesenen Wahnvorstellang schwinden^ u. s. w. 
Hiemach nrtheilte ich: dass H. gegenwärtig nicht geistig gestört sei, und die 
That unter Umständen anl^eführt habe, die nicht daran aweifeln Hessen, dass 
er dabei nicht des Vermögens, die Folgen seiner Handlungen zu überlegen, 
so wenig wie des Gebrauchs seiner Vernunft beraubt gewesen, d. h. nach der 
gesetzliehen Terminologie weder blödsinnig, noch wahnsinnig gewesen sei. 

§ 13. 
FortsetiTUig. 2) Angebliob geheilte Oeifteikrankheit. 

Die Frage, ob ein Mensch, der in firöherer Zeit geisteskrank 
gewesen ist oder sein soll, zur Zeit wieder hergestellt und gei- 
stesgesund sei, hat eben so sehr eine practisch-civilrechtliche, 
als criminalrechtliche Bedeutung. In allen Ländern muss natür- 
lich eine über den Geisteskranken verhängt gewesene Curatel 
(Interdict) aufgehoben, und derselbe der physischen Freiheit, 
wenn er derselben seiner Krankheit wegen beraubt war, wie der 
moralischen Freiheit wiedergegeben werden, wenn er von seiner 
Krankheit hergestellt ist. Das frühere richterliche Erkenntniss 
der Blödsinnigkeits- resp. Wahnsinnigkeits-Erklärung wird auf- 
gehoben, und der Mensch ist wieder dispositionsfähig, wie er es 
vor der Krankheit gewesen. Der Text des Preussischen Gesetzes 
(A. L.-R. § 815 Tit. 18 Thl. II) lautet: „die Vormundschaft über 
Rasende, Wahnsinnige und Blödsinnige muss aufgehoben werden, 
wenn dieselben zum völlig freien Gebrauch ihres Verstandes 
wieder gelangen. (§ 816.) Ob dies geschehn sei, muss das vor- 
mundschaftliche Gericht sorgfältig untersuchen. Bei dieser Un- 
tersuchung muss, ausser dem Vormunde, ein vom Gericht ernann- 
ter Sachverständiger zugezogen werden" (Ein Sachverständiger, 
nicht zwei, wie bei der frühem Feststellung der Geisteskrank- 
heit.) Natürlich kommen diese Untersuchungen sehr häufig vor, 
denn die Kranken selbst, mehr noch ihre Gatten, Eltern, Kin- 
der, Vormünder, welchen auf die Länge die Besdiränkung des 
für unmündig Erklärten in der freien Verfügung über sich und 
das Seinige mehr und mehr lästig zu werden pflegt, ermangeln 
nicht, wenn eine längere ruhige Zeit bei dem Patienten verflos- 
sen, und er sich irgend verständig gerirt hatte, ihre Anträge aui 



* GeriofaUichePByohonoaologie. §18. Geheilte Oeifterioraiikheit. 225 

Aufhebnng der Vormundschaft beim Gericht zn stellen, welches 
jedesmal, wenn diese Anträge nur irgend begründet erscheinen, 
darauf eingeht, und den Sachverständigen zur Prüfung über die — 
schwierige Frage auffordert: „ob N. N. den völlig freien Ge- 
brauch des Verstandes wiedererlangt habe^? In solchen Fallen 
ist es gar nichts Seltenes, dass dem Arzt ein ihm bis dahin völ- 
lig unbekannter Mensph vorgestellt wird. Freilich i^ dasselbe 
auch im Criminalforum der Fall, wo es sich um die Feststellung 
der Zuredmangsfähigkeit eines angeblich Geisteskranken handelt. 
Hier aber hat der Sachverständige doch wenigstens in der ihm 
nicht vorenthaltenen Kenntniss von der Art der zur Anschuldi- 
gung gestellten That eine vorläufige Handhabe für seine Explo- 
ration. Dort aber hat er Nichts , als höchstens die nichtssagende 
Notiz in dem Anschreiben des Gerichts, dass jener N. N. an 
dem und dem Tage des x. Jahres für blödsinnig erklärt worden 
sei. Dass dies nicht ausreicht, um ihn nicht auch nach zehn- 
maliger Unterredung und Prüfung völlig im Finstem tappen zu 
lassen, nicht ausreicht, um ihn zu einem Urtheil zu bestimmen, 
von welchem Wohl und Wehe einer ganzen Familie abhängen 
kann, leuchtet ein. Abgesehn also von allem unten noch Anzu- 
führenden, sei vorläufig hier nur auf das Dringendste angerathen, 
dass der Arzt sich die betreffenden Akten, und namentlich dieje- 
nigen, welche die frühem ärztlichen Gutachten, worauf das Erkennt- 
niss basirte, enthalten, iu allen Fällen zu seiner Belehrung erbitte, 
wodurch alleiQ er erst den Weg vorgezeichnet erhalten wird, den 
er einzuschlagen hat, um zum Ziele zu kommen. — Weit seltner 
begegnet dem Sachverständigen die Frage von der Wiederher- 
stellung eines Geisteskranken in strafrechtlichen Fällen. Gewöhn- 
lich wird sie ihm da vorgelegt, wo ein früher von Geisteskrank- 
heit notorisch oder angeblich befallen gewesener Angeschuldigter 
zur Zelt einer neuen Anschuldigung anscheinend geistig gesund 
erscheint. Oder in andern Fällen, wenn ein Straferkenntniss, das 
wegen einer nach einer Verurtheilung aufgetretenen geistigen Stö- 
rung ausgesetzt geblieben war, bei anscheinend eingetretener Ge- 
nesung nunmehr vollstreckt werden soll. — Aber wann ist ein 
Geisteskranker wirklich genesen, völlig hergestellt? Ist (ab- 
gesehn von wirklichem Blödsinn,) die Genesung so häufig und so 

Oaiptr» kllaifeb« NoTtUtB. lA 



226 CteHoBtiidiePByolioiioiolo^e. fl8»aeli6iltoa«i8le«kiiiiiklMit ♦ 

leioht, wie taan es nach den glänzenden Proeentsäüien mancher 
IrrenstatiBÜken glauben sollte? Oder hat die entgegengesetzte Mei- 
nung Recht, die man nicht bloss im Volke, sondern auch von 
erfiahrenen Aerzten aussprechen hört, dass ein wirklicher Geistes- 
kranker niexnals wieder ganz und gründlich hergestellt wird, und 
dass B&mper aliquid haent? Bevor wir die Frage beantworten, 
haben wir einige Regeln für die Untersuchung anzugeben. 

Kt) In nicht wenigen Griminal^Fällen drängen die Umstände 
dazu, sich zueiBt die Vorfrage zu stellen: ob der Betreffende 
denn überhaupt wirklich jemals geistesgestört gewesen sei? 
Dies namentlich, bei jenen vagabundirenden Su^jecten , von deren 
anteactü man überhaupt wenig oder nichts weiss (§ 11), und von 
welchen man durch sie oder Andre erfährt, dass sie einmal im 
Irrenhause gewesen. Forscht man naher nach, so ergiebt sich oft 
der Ungrund dieser Angabe, und die Frage von der Heilung der 
Krankheit erledigt sich von selbst. Eine sehr arge jüdische 
Gaunerin und Vagabundin, die zahlreiche Schwindeleien, Betrü- 
gereien und Diebstähle verübt, unter Andern sich dreimal gegen 
Belohnung von Giaubenseifrigen hatte taufen lassen (I) trat, zur 
Untersuchung gezogen, sogleich mit der entlastenden Angabe au^ 
dasB sie früher „wegen Geisteskrankheit'' in der Charite gewesen 
wäre, was sie^ zumal in Betracht ihres Treibens und Gharacters, 
von vorn herein verdächtigte. Meine Exploration ergab nicht 
eine Spur einer geistigen Störung, und ich forderte die Beibrin- 
gung der Acten der Irrenabtheilung der Charite. Nun ermittelte 
es sich, dass die Person allerdings drei Tage in dieser Abthei- 
lung gewesen, aber bevor ein Journal über sie angelegt, weil die 
erste Beobachtung noch nichts Sichres ergab, wegen Syphilis 
dann verlegt worden war. Eine frühere Geisteskrankheit war 
also in keiner Weise bestätigt. In andern. Fällen waren aller«- 
diags die Exploraten Monate ^ ja Jahr und Tag in Irrenanstalten, 
ohne -^ Irre zu seiui, denn sie hatten durch mehr oder weniger 
geschickte Simulation die Aerzte zu täusdien gewusst, die, wie 
tüchtig und achtungswerth immerhin im Gebiete der Irrenheil- 
kunde, gar nicht selten aus Mangel an Kenntniss der Verbrecher- 
welt «ich um so leiditer hinter's licht führen liessen, als ihnen 
der ^Kranke'' mit ärztlichen Attesten, Polizeiberichten und dgl., 



Gerichtliche Psychonosologie. §18. Geheilte Oeiiteakrankheit. 227 

die dessen ^Krankheit*' und irrsinniges Benehmen constatirten, 
in ihre Anstalt gebracht worden war. Ich erinnere als Beweise 
an die im Hdb.I §69 mitgetheilten Fälle des Barbiers Teck und 
der Glaser, die beide niemals geisteskrank gewesen, und doch so 
lange dafür gehalten worden waren (vgl. auch unten 19. Fall). Aber 

b) selbst wenn der Untersuchte früher wirklich gestört und 
in einer Anstalt detinirt gewesen, und dort als „geheilt^ entlassen 
worden war, wird man, wenn das gerichtliche Gutachten sich über 
die Wiederherstellung auszusprechen hat, wohl thun, von vom 
herein an dieser Genesung zu zweifeln, wenn der Kranke schon 
nach kurzer Zeit entlassen worden war. Leider I fehlt es den 
meisten unsrer öffentlichen *wie privaten Irrenheilanstalten an 
einer wirklichen Reconvalescenten-Abtheilung, und die besten 
psychiatrischen Schriftsteller behaupten mit grösstem Becht, dass 
die Rückfalle bei weitem seltener sein würden, wenn diesem 
Mangel abgeholfen wäre. Kommen nun dazu oft noch pecuniäro 
und manche andre Rücksichten, Bitten der Verwandten u. s.w., 
so ist es ganz erklärlich, wenn ein Wahnsinniger, nachdem er 
sich mehrere Wochen hindurch ruhig und besonnen benommen 
hatte, als „geheilt entlassen^ ausgeschrieben, den Seinigen zu- 
rückgegeben, oder in's Gefängniss zurück gesandt wird u. s.w. 
In wenigen Wochen aber wird — mit Ausnahme irgend eines 
acuten, z. B. aus körperlichen Ursachen entstandenen Tobsuchts- 
anfalls — kein Geistesfranker geheilt, und deshalb ist die hier 
gerathne Vorsicht gei^ss gerechtfertigt. 

c) In andern Fällen ist die Frage von der Genesung eines 
Geisteskranken leicht, nämlich negativ, zu entscheiden, wenn man 
bei der Untersuchung auf Thatsachen stösst, die deutlich erge- 
ben, dass man einen nicht Geheilten vor sich hat. Gewiss war 
der Baron von K., der aus einer sehr bekannten Privatirrenan- 
stalt „geheilt^ entlassen war, nicht hergestellt, der sich bei uns 
mit seinem goldpapiemen Orden als Verwandten der Hohenzol- 
lem einführte. Aehnliches kommt sehr häufig vor, namentlich' 
bei Kranken mit bloss fixen Ideen. Je mehr und öfter ^ie von 
ihren Umgebungen auf ihren Wahn aufmerksam gemacht, je 
länger sie von diesen oder in einer Anstalt liebevoll und sach- 
gemäss behandelt, je ruhiger sie im Laufe der Zeit geworden, 

16' 



228 GerichtlichePsyclionoiologie. §18. Geheilte Geisteskrankheit 

desto mehr hatten sie gelernt, ihren Wahn zu verbeißen und in 
sich zu verschliessen, bis der oft besprochene und ersehnte Mo- 
ment gekommen, wo die Betheiligten den Antrag auf Aufhebung 
der Vormundschaft über den „Geheilten^ glaubten stellen zu 
können. Wie häufig kommt es in solchen Fällen vor, dass wenn 
man die Saite berührt, die man aus den Acten als die erheb- 
liche kennen gelernt hat, man sogleich sieht, dass der Provocat 
keinesweges „den freien Gebrauch seines Verstandes" wieder 
erlangt hat, wie sehr es auch den Anschein haben mag. 

Aber wann denn ist ein früherer Geisteskranker wirklich ge- 
heilt und als wahrhaft Wiederhergestellter zu erklären? Dann, 
wenn er im Stande ist, sich seine frühere geistige Krankheit 
vollständig zu objectiviren, d. h. als solche anzuerkennen, wenn 
er sich losgelöst hat von seinen Wahnvorstellungen, und indem 
er sie als solche anerkennt, beweist, dass er sich von ihnen los- 
gelöst habe. Alle psychiatrischen Schriftsteller, mit den wenig- 
sten Ausnahmen, halten dies Kriterium mit Recht für das Ent- 
scheidende, und ich kenne kein Andres, das den Beweis so 
sicher herstellen könnte, als dieses. Das Anerkenntniss der frü- 
hem Krankheit und aller Vorgänge, die sich an dieselbe knüpf- 
ten, muss aber, um entscheidend für das Urtheil zu sein, ein 
volles und ganz uneingeschränktes sein. So lange der 
Mensch noch von den „Peinigungen", von den „barbarischen Kuren" 
spricht, die man ihn habe ausstehn lassen, so lange er gehässig 
von den „unmenschlichen^ Aerzten redet u. dgl., so lange hat er 
nicht die Ueberzeugung und ruhige Ueberlegung, dass er wirk- 
lich krank gewesen, und Alles nur zu seinem Besten gedient 
habe. Und ganz gewiss sind die so sehr häufig vorkommenden 
Kranken nicht hergestellt, die ganz und gar nicht zugeben 
wollen, dass sie überhaupt geistesgestört gewesen, und sich und 
uns einreden, dass sie nur wegen dieses und jenes Ereignisses 
sehr missgestimmt und betrübt, oder etwas aufgeregt gewesen, 
und dass man es deshalb, wie sie achselzuckend bemerken, für 
nöthig' erachtet habe, sie in eine „Anstalt" — sie vermeiden 
gern das Wort mit seinem richtigen Namen zu nennen — zu 
senden. Der aber ist hergestellt, der eine einfache, ruhige 
Schilderimg der Wahnvorstellungen macht, die ihn befangen 



Gerichtliche Psychonosologie. §14. Casnistik. 19. Fall. 229 

hatten, der — auch der Ungebildetste vermag dies auf seine 
Weise zu thun — genau schildert, wie ihm dabei zu Muthe ge- 
wesen, und wohl selbst sein Erstaunen über diese wunderbaren 
Vorgänge zu erkennen giebt Hierbei versäume man nicht, auch 
den körperlichen Factor genau zu beachten, tmd in solchen Fäl- 
len, in denen man erfährt, dass somatische Leiden, die der 
sichern Diagnose zugänglich sind, wie z. B. die abdominellen, 
den Grund zur geistigen Alienation gegeben hatten, zu erfor- 
schen, ob auch die körperliche Gesundheit wieder hergestellt 
sei, weil im entgegengesetzten Fall immer zu besorgen, dass die 
Genesung keine dauernde sein werde. 

§ 14. 
Casnistik. 

19. FalL Messentiohe von einer angeblioh Geisteskranken beigebracht. 

Es war dies ein solcher, oben angedenteter Fall, wo sich eine angeblich 
fräher bestandene Gteisteskrankheit bei näherer Ermittelang als gar nicht er- 
wiesen zeigte. Die L. hatte im October 1857 einem Knaben auf der Strasse, 
der mit andern Kindern sie wegen ihrer Trunkenheit neckte, mit ihrem Brod- 
messer einen Stich beigebracht Sie war eine Person, die notorisch dem Trank 
ergeben, nnd angemein oft wegen Trankenheit nnd obdachlosen Umhertreibens 
znm Arrest gebracht worden war. Femer war sie vom Jnli 1856 bis znm 
81. Jannar 1857 — also ein halbes Jahr lang — anf Grand eines vom Polizei- 
arzt Dr. N. N. ausgestellten Attestes, in der OeisteskrankenabtheUang des 
X. Krankenhauses gewesen. Es ging indess weder aus den genannten Attesten, 
noch aus dem Journal des Krankenhauses, eine eigentliche Geisteskrankheit 
herror. Der Dr. N. N. schloss nur, obgleich die L. ihm »ganz ▼emnnftig'* 
antwortete, aus ihrer Aufgeregtheit und aus der «Unordnung in ihrer Wohnung', 
dass sie sich in einem «gemeingefährlich geistigen Znstande'' befinde. Dieses 
Attest und die eigenen Angaben der L., „dass sie des Nachts von Sinnes- 
täoflchungen beunruhigt sei", benutzte nun wieder der Arzt der Irrenabtheilung 
als Basis seines Gutachtens, dass sie »im gesetzlichen Sinne für blödsinnig 
zu erklären sei." Eben so wenig wie hier eine wirkliche Beobachtung eines 
geisteskranken Zustandes yorlag, führte das Journal des Krankenhauses, in 
welchem die L. doch mehr als sechs Monate detinirt gewesen, auch nur einen 
einzigen Zug yon Geistesstörung bei ihr auf. Dasselbe sprach nur yon ihrer 
«Bohheit und Unbildung", und sagte vielmehr ausdrücklich, dass »Wnthaus- 
brnche eben so wenig, als grössere Aufregungen bei ihr zur Beobachtung ge- 
kommen, und dass ihre Körperfunctionen vöUig normal seien'', und dass sie 
,fleissig und willig'' znr Arbeit sei. Auch in spätem Monaten ist «kein Zeichei| 



230 GerichtlichePsychonoBologie. §14. Casnistik. 20. Fall. 

irgend eines geistigen Leidens sichtbar gewesen'', vielmehr blieb ihr „Benehmen 
untadelhaft!" So war denn nach diesem Jonmal in keiner Weise* ersichtlich, 
warum die L. sechs Monate in der Irrenheilanstalt gehalten worden, am 
wenigsten aber für mich die That^ache anzunehmen, dass die Angeschuldigte 
schon firiiher an einer Geisteskrankheit gelitten gehabt. Aber auch ich meiner- 
seits hatte bei meiner Exploration nach der angeschuldigten That kein Zeichen 
eines krankhaften geistigen Zustandes bei der L. wahrfenommen. Dieselbe 
zeigte yielmehr im Gefangniss, wo sie seit längerer Zeit dem Einflüsse geistiger 
Getränke entzogen war, eine durchaus ruhige Haltung, ihre Geberden und 
Aensserungen hatten in keiner WeiBe etwas Auffallendes, und ihre Antworten 
auf alle ihr vorgelegten Fragen waren klar, zusammenhängend und passend. 
8ie war sonach zweifelsohne ein heruntergekommenes, dem Trünke ergebenes 
Subject, es fehlte aber jeder Anhalt, um sie für geistig gestört zu erklären. 
Ob sie bei dem angeschuldigten Vorfalle angetrunken oder betrunken gewesen, 
was wohl sehr wahrscheinlich, war ich natürlich ausser Stande zu beurtheilen, 
musste aber bei der ganzen Sachlage mein Gutachten dahin abgeben : dass eine 
Mhere Geisteskrankheit bei der L. nicht erwiesen, und dass sie auch jetzt für 
geistig gestört nicht zu erachten sei. 

80. Fall. StraBsenranb von einer epileptisoheii frühem C^isteskranken. 

Hier trat die Frage von der Wiederherstellung von einer f^hem Geistes- 
krankheit unter besondem Schwierigkeiten an uns heran, denn die Angeschuldigte 
nnverehel. K., 38 Jahre alt, war notorisch zugleich epileptisch und sieben Mo- 
nate lang in der Irrenabtheilung der Charit^ gewesen, aus welcher sie „auf 
Befehl der Behörde*' entlassen worden war. In der mündlichen Verhandljing 
war sie von so heftigen epileptischen Krämpfen befallen worden, dass die Ver- 
handlung aufgehoben, und eine Exploration durch mich Behufs Feststellung ihrer 
gegenwärtigen und ihrer „Znrechnungsfähigkeit'' zur Zeit der That beschlossen 
vnirde. Die Prüfung ihres Geisteszustandes und die Beleuchtung der Umstände 
der That mussten ein für sie ungünstiges Gutachten bedingen. Die Sachlage 
war folgende. Die N. war vor sieben Jahren zuerst wegen epileptischer Krämpfe 
in die Charit^ aufgenommen worden, wegen derer sie, da sie ungeheiit blieb, 
oft wiederholt recipirt wurde. Nach Ausweis der Acten waren diese Anfälle, 
die sich oft wiederholen, bei ihr von besonderer Heftigkeit. Andrerseits war 
I^plorata sehr oft wegen syphilitischer Krankheiten in die betreffende Station 
der Charit^ aufgenommen worden, und hatte, da sie endlich aus Berlin gewiesen 
worden, sich aber dennoch hier umhertrieb, die letztem Jahre fast ausschliess- 
lich abwechselnd in den genannten beiden Abtheilungen der Charit^ und im 
Arbeitshause zugebracht. Die mehrjährige Dauer der Epilepsie verfehlte nicht, 
auch bei der N., wie gewöhnlich, einen nachtheiligen Einfluss auf das Gemüth 
zu äussern. Sie wurde trübe gestimmt, melancholisch, und bekam, ihren An- 
gaben nach, nächtliche Visionen und Lebensüberdruss, wozu ihr Zerfallensein 
mit ihrer Familie, und ihre äussere Lage ihr noch mehr Veranlassung gab. 
Wirkliche Selbstmordsversuche hatte sie jedoch bisher noch nicht gemacht, und 



GeriohtlicbePiychonoBologie. §14. CMiilsMk. 30.F«I1. 231 

es ist 10 bemerken, dass Jene Visionen nnd diese Aensserungen von Lebeat- 
tiberdniss sie namentlich immer befielen, wenn sie hintereinander epileptisebe 
Anfälle gehabt hatte. Nach abermaligem siebenmonatlichen* Aufenthalt in der 
Qeisteskrankenabtheilnng der Charitö bescheinigte der Prof. Ideler miterdem . 
6. Jannar, dass die N. Jetzt so weit beruhigt sei, dass sie in anderweitige Ver- 
hältnisse versetst werden könntf, worauf sie am 20. ^'. entlassen wurde. Vier 
Monate später ereignete sich der VorfUl, der Veranlassung lu der qu. Unter- 
suchung geworden. Am 18. Mai nänilich, Abends zwischen 8 und 9 Uhr, giagen 
die Knaben Bolland nnd Baer in der Königsstrasse, als plötzlich die N. auf 
denBolland losging, als ob sie denselben umwerfen wollte. Auf desBolland 
B«f: »na nul** gab sie ihm mit der linken Hand eine Ohrfeige, und griff mit 
der rechten nach der goldnen Uhrkette, die B. über seiner Weste hängen hatte. 
Sie riss mit Gewalt die Kette ab, so dass nur ein kleines Stück an der 
Uhr blieb, nahm die Kette und bog fliehend damit um die Postalrasseaeeke 
ein. B. eilte ihr nach, wurde aber, nachdem die K. ^Heinrich* geschrieen 
hatte, von einem Manne, dem Zuhalter der Inculpatin, Vergolder H., ereilt und 
zu Boden geworfen. Die N. entfloh, H. aber wurde zur Haft gebracht Vier« 
zehn Tage später stellte sie sich l^i willig zum Arrest, erklärend: dass sie die- 
jenige Person sei, weshalb H. verhaftet worden, und da sie erfUiren, dass die 
Sache für H. sehr schlimm ausfiülen könnte, so habe sie es Totgeaogen, sieh 
selbst zu stellen. Im Verhör vom 3. Juni deponirt sie, dass sie mit H., der 
seit Tier Jahren ihr Bräutigam, spazieren gegangen sei. „In der Königsstrasee 
blieb er etwas zurück, und ich wartete in der Poststrasse auf ihn. Daselbst 
kamen zwei Knaben, liefen gegen mich an, und ich stiess sie mit der Hand bei 
Seite. Der eine Knabe schlug mich darauf in*s Gesicht, worauf ich ihn vor 
die Brust packte und zurück stiess. Eine Ohrfeige gab ich ihm nicht. Als 
beide Knaben nun auf mich eindrangen, rief ich meinen Bräutigam zu HüUie, 
worauf der Knabe, den ich vor die Brust gepackt hatte, sagte, ich habe ihm 
die Kette zerrissen. Dies gebe ich als möglich zu, aber ich bestreite, dass ich 
die Kette in Händen gehabt und mitgenommen habe.*" Diese unwahre, den 
Aussagen der Zeugen entgegenstehende Aeussemng hatte Explorata auch gegen 
mich wiederholt. Wenn diese Lüge sie schon verdächtigte, so erhöhte sich der 
Verdacht nach dem Umstände, dass H., den ich, zur nähern Kenntniss des 
Charakters der N., eben&lls hören zu müssen geglaubt habe, Anftmgs längnete, 
dieselbe überhaupt zu kennen, und erst später das Qegentheil zugeben mnsste. 
Hiernach gewann offenbar die ganze That den Charakter eines unter beiden 
Inculpaten verabredet gewesenen Strassenraubs , wie er unter ganz ähnlichen 
Verhältnissen so gewöhnlich ist „Indess*', sagte ich, „ist nicht zu verkeBae% 
dass die oben geschilderte Körper- und GemüthsverfiMsnng der N. Bedenken 
erregen muss. Die Züge und der Blick derselben verkünden sogleich eine 
Anomalie der körperlichen und geistigen Gesundheit Inculpatin ist sehr bleich, 
namentlich sind es die Lippen, ihr Blick ist durchdringend und stechfind, und 
hat etwas Wildes, und die Gesichtsmuskeln s|nd in lebhaftem, tut krampfhaftem 
Spiel begriffen, wenn sie spricht Poch ist ihre Bede vollständig zusammen* 



232 Oeriehtliche Psychonosologie. § U. CasoiBtik. 31. FalL 

hängend nnd klar, die AvBdxncksweiBe ihrem Stande angemeoen, das Oedächt- 
niis treu, aQch über ihre frühem Leiden als Geisteskranke in der 
Charit^ spricht sie «ich mhig, klar, besonnen und TÖUig objectiy ans, nnd schildert 
die Vorgänge bei den epileptischen Anfällen mit innerer, erfiEihmngsgemässer 
Wahrheit Hiernach kann ich mich nicht veranlasst sehn, wenn auch nicht in 
Abrede an stellen, dass, wie Jeden Augenblick neue epileptische Anfülle aus- 
brechen können, so auch, wenn diese sich wieder häufiger und heftiger wieder- 
holen sollten, wieder eine kürzere oder längere Störung ihrer geistigen Ge- 
sundheit erfolgen könnte, gegenwärtig einen solchen Zustand krankhafter 
GtomüthSTorfiMsung bei der N. ansunehmen, durch welchen sie yerhindert würde, 
das Rechte yom Unrechten zu unterscheiden. Eben so wenig berechtigt ihr 
Benehmen am 18. Mai c. zu einer solchen Annahme. Die That war, wie oben 
bemerkt, höchstwahrscheinlich zweekgemäss yorbereitet und yerabredet. Sie 
entfloh, unstreitig aus keinem andern Grunde, als um sich der Strafe su ent^ 
aelm, ein Beweis, dass sie die Strafbarkeit ihrer That auf der Stelle erkannte, 
und 'dass ihr diese Erkentniss noch Jetzt beiwohnt, beweist ihr beharrliches 
Längnen. Wenn ich demnach auch immerhin zugebe, dass die N. als yieUährige 
Epileptica Eingriffe in ihre geistige Gesundheit au erleiden gehabt, so kann ich 
doeh daraus allein nach Er&hrung und Gewissen noch keine unbedingte Unzu- 
redmungsfähigkeit ün Allgemeinen deduciren. Alle Disciplin in Irrenhäusern 
und die wirklichen Strafen, die für Yergehn von Kranken in denselben ver- 
hängt werden, die JedenfSalls weit allgemeiner und tiefer, wie andauernder 
geistig erkrankt sind, als die N., beruhen auf der Erfahrung, dass die so tief 
Im Menschen begründete Erkenntniss des Unterschiedes zwischen Gut und Böse, 
auch selbst bei schon geistig Gestörten, wenn die Krankheit nur nicht die hohem 
und höchsten Grade erreicht hat, nicht erloschen ist. Dass solcher hoher Grad 
geistiger Krankheit aber bei der Incnlpatin nicht vorliegt, kann keinem Zweifel 
unterliegen, und so stehe ich, nach aUem Obigen, nicht an, mein Gutachen dahin 
abzugeben, dass die N. Jetzt zurechnungsfähig, und dass sie am 18. Mai c. zur 
Zeit des ihr angeschuldigten Strassenraubes zurechnungsfähig gewesen sei.* 

21. Fall. Störung des Gottesdienstes durch einen Geisteskranken. 

Hier lag der umgekehrte Fall vor, 'indem wir die im Krankenhause aus- 
gesprochene Heilung und Wiederherstellung des Geisteskranken nicht annehmen 
konnten. Dazu kommt, dass der Fall an sich absonderlich war und deshalb 
verdient er wohl eine Mittheilung. Der 29 Jährige Arbeitsmann Ludwig Belle- 
Tille hatte am 20. September 1847, dem Yersöhnungsfeste der Juden, das die- 
selben unt^r Andenn auch durch Fasten heilig halten, in der l^agoge den 
Gottesdienst dadurch gestört, dass er eine Birne ass. Auf das Unpassende 
seines Benehmens von den Nahestehenden aufmerksam gemacht, gaffte er diese * 
mit „grossen Augen, offiiem Munde und vorgestrecktem Kopfe an*, und drängte 
gegen den Yorgrund des Tempels vor. Als hierauf der Aufseher ihn erfiuste, 
um ihn zum Tempel hinauszuführen, stiess er diesen zurück, und lachte höh- 
nisch, bis er endlich hinausgeworfen wurde, wobei er noch den zweiten Aulteher, 



Gerichtliche Psychonosologie. § 14. OuniBtik. 21. Fall. 283 

der ihn arreüren zu lassen Schritte that, sehliig nnd sich za befreien suchte. 
Acht Tage früher sollte Explorat sogar gleichfSedls schon Birnen essend in der 
Synagoge während des Gottesdienstes gesehn worden sein. Belleyille gab 
das Essen am Yersöhnirngsfeste zn, ^wobei er sich nichts Böses gedacht haben 
will", leugnete aber die thäüichen Widersetzlichkeiten. »Was zunächst sein 
Aensseres betrifft, so ist derselbe Ton kleiner, gedrungener Statur, normalem 
Schädelbau, aber mit einem dummen Blick, der durch ein Jeweiliges Lächeln 
noch charakteristischer wird, und körperlich gesund, bis auf angeblich heftige 
und häufige Kopftchmerzen, die auch seine Mutter bestätigt, wie dieselbe gleich- 
fiftUs bestätigt, dass er, um diese Schmerzen zu mildem, täglich an den Brun- 
nen gehe, und sich einen Strom kalten Wassers über den Kopf gehn lasse. In 
seinem achtzehnten Jahre wurde er von einer Gtemfithskrankheit befallen, und 
bescheinigten die DDr. S. und Polizeiphysikus W. darüber, dass BelleTille 
B^t vier Wochen unzweideutige Zeichen tou Geisteskrankheit darbiete. Er 
hfttte die durch Nichts begründete fixe Idee gefasst, Gegenstand polizeilicher 
Verfolgung zu sein, was ihm Tag und Nacht grosse Angst und Unruhe yerur- 
sadite. Dabei war grosse Blutgefäss -Aufregung und Congestion zum Kopfe 
bemerkbar. Die geeigneten Mittel brachten einige Erleichterung zu Wege, 
bald aber stellten sich neue Verkehrtheiten ein, z. B. forderte er unter heftigen 
Drohungen Yon seinem Nachbar 200 Thlr. um ein Geschäft zu etabliren. Am 
80. Noyembet 9*. wurde er zur Kur in die Irrenabtheilung der Charit^ aufge- 
nommen. Nach vier Wochen wird im dortigen Krankei^joumal von ihm gesagt, 
dass sein Jetziges Betragen weniger für die Folgen einer Geisteskrankheit, 
als für einen hohen Grad yon Ungezogenheit gehalten werden müsse. Er 
zeigte einen grossen Hang zum Müssiggang und zum Diebstahl, wobei es Je- 
doch auch vorkam, dass er ganz werthlose Sachen entwandte. Dieserhalb 
vollstreckte Strafen hatten keinen nachhaltigen Erfolg. Auch hier wird der 
Congestionen zum Kopfe erwähnt, wegen welcher ihm Eisblasen u. s. w. applicirt 
werden mussten. Im März 1836 hatte sich der Zustand sehr gebessert, auch 
der Hang zum Stehlen hatte sich gelegt, und am 20. Juni ^'. konnte Belle- 
yille, dem Wunsche seines Vaters entsprechend, als „„geheilt''** entlassen wer- 
den. Im Mai 1842 ist derselbe noch ehimal in der Charit^ behandelt worden, 
indess als Syphilitischer, und geschieht bei dieser Ghelegenheit im Charitdjonmal 
seines geistigen Zustandes gar keine Erwähnung. Seit Jener Zeit hat er als 
Kutscher verschiedene Dienste gehabt, scheint aber nirgends lange geblieben 
zu sein, nach Angabe seiner Mutter, weil seine Herrn ihn nicht hatten brau- 
chen können. Belleville kann schreiben und lesen. Einen Beweis davon 
giebt, ausser den von ihm herrührenden Eingaben in den Akten, das Sehreiben 
von seiner Hand, das ich am 19. v. Mts., bis wohin er mir und ich ihm noch 
gänzlich unbekannt gewesen, von ihm erhielt, und das, als sehr beachtenswerth, 
ich in der Anlage origin. vorzulegen mich verpflichtet halte. ' Explorat, der 
mich darin seinen „„lieben, guten, besten***' nennt, bittet mich, „„ihm das von 
nur ihm entzogene Zutrauen wieder zu schenken, dessen ihm nur die Nachlässigkeit 
eines schlechten Kutschers beraubt habe, während er mir doch vorher eine geraume 



284 Oerichtliehe PsychonoBologie. § 14. CMuittik. 21. Fall. 

Zeit zu meiner Zufriedenheit gedient habe'*''. Gleieh darauf a1>er nimmt er 
einen ganz entgegengesetzten Ton in seinem Schreiben an, indem er mir sein 
„^Missvergnägen auf das Nachdrücklichste bezeugt*'*' n. s. w. Es war natiir- 
Uch, dass ich dies Schreiben zuerst in meiner Unterredung mit ihm zur Sprache 
brachte, nachdem er dasselbe sogleich reeognoscirt hatte. Er gab an, dasselbe 
an mich gesandt zu haben, weil er gehofft, „„dass seine Sache dadurch be- 
schleunigt werden würde****. Er räumte zwar mit fortwährendem Lächeln ein, 
dass er mir nie gedient habe, ja mich gar nicht kenne, und theilte endlich 
mit, dass er — ein Buch (einen Briefsteller) zur Hand genommen, und den Brief 
an mich daraus zusammengesetzt habeil Die Störung des Jüdischen Gottes- 
dienstes räumte er auch gegen mich ein, und behauptete die Birne nur geges- 
sen zu haben, weil ihn grade gehungert habe, weshalb er auch das Unrechte 
seines Benehmens nicht einsehn will. Es bedarf wohl nur dieser einikcheH 
Darstellung, um die psychologische Beurtheilung dieses Subjectes sich von selbst 
ergeben zu lassen. Sie ist um so leichter, als hier der sichere Anhaltspviikt 
eines körperlichen Moments Yorliegt Seit mehr denn elf Jahren hat Belle* 
Tille an Congestionen zum Kopfe Ton besonderer Heftigkeit (so dass sie Eia- 
blasen u.s.w. erforderten) und Dauer gelitten, die die Yermuthung begHhideii, 
dass sie ihrerseits nur wieder die Folge einer organischen Störung im Gehirn 
oder dessen Häuten seien, ein Moment, das in der Erfahrung als VeranlasBOSg 
zu geistigen Stömngem unzweifelhaft festgestellt ist. Dass eine solche aber 
wirklich bei Belleyille eingetreten, ist oben nachgewiesen. Beim Fortbestehe 
jener Ursache aber muss eine wirkliche und gründliche Heilung der Geistes- 
krankheit im Jahre 1886 mehr als zweifelhaft erscheinen, und hat yiehnehr 
des Exploraten, wie seiner Mutter gegen mich gemachte Versicherung, dass B. 
fortwäfairend „„nicht richtig im Kopfe*''', »„kurz von Gedanken****, dass oft mit 
ihm „„gar Nichts anzufangen sei*"* u.s. w. vollkommen innere Wahrheit. Dem 
entsprechend ist auch sein Benehmen in Haltung und Rede, sein sinnloses 
Schreiben an mich, und ist auch seine incriminirte Handlung nicht anders an 
deuten, als das läppische Benehmen eines durch andauernde Kopfkrankheit und 
Geistesverkehrtheit in seinen Seelenfünotionen geschwächten Menschen, der aus 
Mnssiggang und zweckloser Neugier ein Schauspiel geniessen will, das ihm neu 
ist, und dem thierischen Reize des Hungers folgt, weil er nicht weiss, dass an 
diesem Ort und zu dieser Zeit das Essen verboten ist, er, 'dem als evangelischen 
Christen ein Gebot des Fastens ans religiösen Rücksichten nie gelehrt worden 
ist. Eine entgegengesetzte Deutung, eine, mit dem Bewusstsein der Gesetz- 
widrigkeit und Strafbarkeit des Benehmens ausgeführte absichtliche Störung 
des jüdischen Gottesdienstes, würde eine Frechheit, eine Energie des Charak- 
ters, eine, wenn auch nur negative, religiöse Anschauung voraussetzen lassen^ 
wie sie nach allem Obigen bei Belle ville ausgeschlossen bleiben müssen, und 
selbst als blosse Handlung des MnthwillenB die incriminirte That zu betrachten, 
wird man Anstand nehmen müssen, da der Muthwiilige, der immerhin mit 
Freiheit der Ueberlegung handelt, sich nicht so offenbar, wie es Ezplorat als 
£Uuseiner so vielen andern Männern gegenüber am hellen Tage that, dem Ge- 



Gerichtliche Psychonosologie. § 15. Testamente und Contracte. 235 

Betae und der strafenden Obrigkeit Preis zu geben pflegt. Vielmehr glaube 
ich es motiyirt zu haben,* wenn ich schliesslich erkläre: dass BelleTille die 
Störung des Gottesdienstes in unsurechnungsfähigem Gtemnthszustande ver- 
übt habe.'' 

§ 15. 
Fortsetzung. 8) Vormaliger Oeistessiutaad beim Errichten von Testa- 
menten, AbscUiu» von Contraeten n. dgl. 

Die Frage nach der Beschaffenheit des geistigen Zustandes 
eines Menschen zu einer ganz bestimmten, längst vorübergegan- 
genen Zeit kommt nicht nur sehr häufig in psychologischen 
Criminal-, sondern auch, wenn gleich nur selten, in civilrecht- 
liehen Fällen vor. Dort ist und bleibt sie immerhin schon eine mit 
den grössten Schwierigkeiten umgebene; indess hat der Gerichtsarzt 
hier doch noch nicht nur die angeschuldigte That, sondern auch 
das betreffende Subject, und die Ergebnisse seiner eigenen Prü- 
fung desselben als wichtige und fruchtbare Anhaltspunkte für 
seine Begutachtung. In civikechtlichen Fällen aber ist die 
Schwierigkeit noch weit erheblicher, denn sie sind an sich ge- 
wöhnlich verwickelter. Ich meine die Fälle, in welchen die Ver- 
fugungsfähigkeit eines Menschen beim Errichten eines Testa- 
ments nach seinem Tode angefochten wird, oder jene andere, 
in welchen dieselbe geistige Eigenschaft (Gesundheit), als zur 
Zeit des Abschlusses irgend eines Vertrages u. dgl. m. bestanden, 
angezweifelt wird, und in welchen, auch wenn der Betreffende 
noch lebt, gewöhnlich die persönliche Untersuchung gar nicht 
verlangt, sondern nur ein ärztliches Gutachten nach der Actenlage 
erfordert wird. Für die Errichtung von Testamenten stellen 
zwar alle Gesetzgebungen feste Bestimmungen auf, nach welchen 
der Bichter verfahren soll, um sich über die Verfügungsfähig- 
keit des Testators Ueberzeugung zu verschatfen*), und die 



*) Im Prenss. AUg. Landrecht hauptsächlich § 145 Tit. 12 Thl. I. «femer 
mnss der Richter durch schickliche Fragen zn erforschen suchen, ob der 
Testator in Ansehung seiner Geisteskräfte in solchem Zustande sich befinde, 
dass er seinen WUlen gültig äussern könne?" Femer § 147 ib. «ist deni 
Biehter bekannt, dass der Testator zuweilen an Abwesenheit des Verstandes 
leidet, so muss er sich yoUständig i^berzeugen, dass derselbe in dem Zeit« 



236 Gerichtliche Psychonosologie. § 15. Testamente und Contracte. 

Zuziehung eines Sachverständigen wird, der Natur der Sache 
nach, zu den grössten Seltenheiten gehören. Aber auch selbst 
der Richter ist in einer grossen, vielleicht der grössten Anzahl 
von Fällen bekanntlich nicht gegenwärtig in der Zeit, in welcher 
Menschen ihren letzten Willen niederschreiben, und dass nach- 
träglich, beim Ueberreichen und Niederlegen des Testaments in 
die Hände des Richters bei diesem Bedenken über die Verfugungs- 
fähigkeit des Testators entstehn sollten, kann wohl nur in den 
Fällen als möglich gedacht werden, in welchen Auftreten und 
Benehmen desselben so aufFallend sind, dass dann der Fall 
nicht besonders schwierig zu beurtheilen sein wird. Um so 
schwieriger im entgegengesetzten und gewöhnlichen Falle, in 
welchem der Arzt nichts hat, als das betreffende Testament in 
den Akten und die Aussagen der bei der Sache sehr interessirten 
Zeugen über den Gemüthszustand des Verstorbenen zur damali- 
gen Zeit. Nicht anders ist die Sachlage bei Feststellung des 
geistigen Zustandes zur längst vergangenen Zeit des Abschlusses 
eines Kaufcontracts u. dgl., wo ersterer als nicht valide behauptet 
wird. Hier werden Angaben gemacht, betreffend eine zur Zeit 
bestandene geistige Störung, die von der Gegenpartei mit der 
Behauptung bestritten werden, dass die Krankheit damals be- 
reits geheilt gewesen; oder es wird, wo Beweise für die Be- 
hauptung einer bestandenen Störung fehlen, wenigstens vorge- 
bracht, dass der Betreffende zur Zeit so exaltirt, dem Trünke 
ergeben, durch körperliches Leiden verstimmt u. s. w. gewesen, 
dass angenommen werden müsse, er habe sich schon auf der 
Grenze zum Wahnsinn befunden, und so finden wir alle in den vo- 
rigen Paragraphen besprochenen Schwierigkeiten in solchen Fällen 
zu lösen vor uns. Ja es ist mir in dem sogleich folgenden Falle 
vorgekommen, dass eine und dieselbe Zeugin, anscheinend die 



punkte, wo er sein Testament anfhehmen lässt, oder übergiebt, seines Ver- 
standes wirklich mächtig sei*". Und §§ 148 u. 149: „findet er dieses zweifel- 
haft, so mnsB er einen Sachverständigen zuziehn; leidet die Sache keinen 
Aufschub, so muss der Richter zwar die Handlung vornehmen, zugleich aber 
alle Umstände, welche ihn über die Fähigkeit des Testators zu einer gültigen 
WiUensäusserung zweifelhaft machen, in dem ProtocoII mit vorzüglicher Sorg- 
falt bemerken". 



Gerichtliche Psychonosologle. §16. Casnistik. 22. Fall. 237 

wichtigste in dem -Processe, die eigene Ehefrau, von ihrem 
Manne im Civilprocess , den Abschluss eines Kaufcontracts be- 
treffend, den sie fiir ungültig erklärt zu sehn das grösste Inter- 
esse hatte, behauptete, dass er denselben im geisteskranken Zu- 
stande, abgeschlossen, und in dem, zwei Jahre später eingeleite- 
ten Ehescheidungsprocess, in welchem der Nachweis eines (na- 
türlich zurechnungsfähigen) Ehebruchs ihr oblag, grade die 
gegentheilige Behauptung über den geistigen Zustand ihres Man- 
nes aufstellte I! Fälle der Art pflegen Jahrelange Processe und 
Wanderungen der Akten durch alle technischen Instanzen zu 
veranlassen. Die Grundsätze für die Entscheidung sind natürlich 
keine andern, als die allgemeinen und gewöhnlichen mit Anwen- 
dung auf den concreten Fall; aber das Gesagte zeigt, wie beson- 
ders vorsichtig und gründlich der begutachtende Sachverständige 
hier zu Werke gehn, und wie ruhig und unbefangen er, bei dem 
lebhaften Streit collidirender Parthei-Interessen , die Angaben der 
Aerzte sowohl als aller übrigen Zeugen in der Sache gegen ein- 
ander abzuwägen hat. Der nachfolgende Fall giebt für viele 
dieser Momente Beweise, und war deshalb und weil der Entwick- 
lungsgang eines Wahnsinns sich deutlich aus den Akten in nicht 
grade alltäglichen Erscheinungen nachweisen liess, von hohem 
Interesse. 

22. Fall. Waren drei Jahre früher ausgeführte ehehreeherisehe Handlimgen 
in Wahnsinn verübt? 

Die mir von dem Gerichte zn P. mit yolnminösen Akten vorgelesrte Frage 
war die: »ob der^ (von seiner Gattin) „Verklagte, Rittergutsbesitzer Pert*' 
(Pseudonym) , während der Monate August und September 1856 an Baserei 
und Wahnsinn gelitten, und ob er die zu 1 bis 8 erwähnten Handlungen, wenn 
sie Überhaupt begangen sind, in AnfäUen jener Geisteskrankheit vorgenommen 
hat?** — Am 28. October 1856 hatte die Klägerin eine ProYocation auf Wahn- 
sinnigkeits -Erklärung wider ihren eben genannten 'Ehemann eingereicht, mit 
welchem sie damals dreizehn Jahre in der Ehe gelebt hatte. Sie begründete 
diese Provocation mit der Aufzählung einer Reihe von Handlungen des ProYO- 
caten aus der letzten Zeit, die allerdings auffallend erscheinen mussten. Seit- 
dem derselbe sich im Juli 1856 in Blasdorf angekauft, hatte er angeblich ein 
, unordentliches und verschwenderisches" Leben gefuhrt, während er sich früher 
„der grössten Sparsamkeit befleissigt hatte*'. Er zeigte eine gänzliche Verän- 
derung seines Wesens, machte unmotirirte Reisen, führte gemeine Redensarten, 
stürzte sich in Schulden, unternahm den Bau eines auf 20,000 Thaler yeran- 



238 Q6richtliolieP87Choiio8oloerie.'§l6. CMnistik. 29. Fall. 

Bchlagten Wohnhauses, das mit dem Ertrage des Gutes in gar keinem Verhält- 
niss stand, zog, um sich die nöthigen Geldmittel zu beschaffen, Wechsel aui 
sich, die er dann mit Verlust discontirte (was im August «/.geschah), äusserte, 
er wolle grosse Güter in Ungarn kaufen und sich in den Grafenstand erheben 
lassen u. s. w. — Bei der Anwesenheit des Pert in Berlin kam nun, und zwar 
am 14. September 9'., ein förmlicher Anfall von Baserei zum Ausbruch, in 
dem er nach seinem Bruder mit einem Stuhle warf, und dann. aus dem Fenster 
sprang, was seine Versetzung in eine Irrenanstalt nöthig machte. Am 16. ^'. 
wurde er in die hiesige Kl ins mann 'sehe Heilanstalt aufgenommen, und er- 
klärte ihn der damalige Hausarzt derselben, Dr. S., im Atteste vom 17. e;. für 
„wahnsinnig und nicht dispositionsföhig^. Er verblieb in der Anstalt, bis der 
jetzige Hausarzt, Dr. £., unter dem 15. Juli 1867 erklärte: dass er Pert zwar 
nicht für geistig ganz genesen, aber für so weit gebesse^ halte, dass er seine 
Entfernung aus der Anstalt befürworten könne. Am 8. Oc tob er 1857 wurde 
der gesetzliche Explorationstermin abgehalten, in welchem die zugezogenen 
Sachverständigen, (die jetzt verstorbenen) Geh. Med.-Bath Dr. Ideler und der 
Med.-Rath Dr. Magnus, zunächst den Jetzt 48 Jahre alten Provocaten für kör- 
perlich gesund erklärten. Nachdem nun namentlich Dr. Ideler aus eigener 
früherer Wahrnehmung im September 1866 die frühere Geisteskrankheit 
Pert's als unzweifelhaft constatirt hatte, erklärten beide Sachverständige, dass 
derselbe zwar jetzt nicht mehr als blöd- oder wahnsinnig erachtet werden 
könne, dass jedoch noch nicht ,mit voller Berechtigung das Gegentheil anzu- 
nehmen sei,* und sie deshalb einen neuen spätem Explorationstermin beantragen 
mnssten. Dieser fand am 11. Februar 1858 Statt, und erklärten nunmehr 
4ieselben Sachverständigen, namentlich auch auf Grund ihrer Beobachtung des 
Pert in der Zwischenzeit seit seiner Entlassung aus der Irrenanstalt, denselben 
für „geistig gesund.*" ~ „Am 24. April 1868 trat nunmehr die verehel. 
Pert mit einer Ehescheidnngs - Klage hervor, in welcher sie eine Seihe von 
Charakterzügen und Handlungen ihres Ehemannes aufzählt, die ihre Klage be- 
gründen sollen, und namentlich diejenigen acht Punkte hervorhebt, die für dies 
mein Gutachten, sowie für das bereits von dem Dr. I de 1er erstattete, zur Er- 
wägung gestellt sind, und von denen Klägerin deducirt, dass sie nicht auf eine 
Geisteskrankheit ihres Mannes zur Zeit der Ausführung dieser Handlungen be- 
zogen werden könnten. Hiemach soll <id 1 und 2 Pert im August und Sep- 
tember 1856 (die in Frage gestellte Zeit) „Reisen nach Hamburg und Berlin 
gemacht, an beiden Orten mit feilen Dimen viel verkehrt, auch in ein Bordell 
gegangen sein. Ad 8 und 4 wird behauptet, dass er sich sogar dieses ehe- 
brecherischen und dissoluten Wandels gegen Bekannte gerühmt habe. Ad 6 
wird eines Briefes erwähnt, der sich auf die Bestellung eines liederlichen Frauen- 
zimmers bezieht. Ad 6 soll ihn sein Brader in Berlin in ein berüchtigtes Haus 
eintreten gesehn haben. Ad 7 betrifft einen Brief eines Mädchens, aus wel- 
chem ein höchst vertrautes Verhältniss und mi^ derselben getriebener Ehebrach 
hervorgebu soll, und ad 8 wird ein Zeuge, der Brader des Verklagten, Dr. P., 
genannt, der den Pert und einen Andem in Hamburg überrascht haben soll, 



QericlitlieliePvycboiiosologie. §15. C^isuistik. 22. Fall. 239 

als Enterer im Begriff staad, mit einem llederlicheD Fraaenximmer zusuhalteiL 
Verklagter beatreitet sämmtliche Klageponkte, und will event. in Wahnsinn 
oder BaBerei gehandelt haben. £s wurde hierauf vom betreffenden Gericht 
resolvirt, den Qeh. Medicinal-Bath Dr. Ideler zu emem Gutachten über die 
oben «oljgreflteUte Frage zu requiriren, und hat dieser dieselbe in seinem 
unter dem 9.0etober 1868 erstatteten Gutachten unbedingt bejaht*'. 

,Ich habe keine Veranlassung, weder dies Vorgutachten, noch die abwei- 
sende Kritik desselben durch die Klägerin, einer Beurtheilung zu unterziehn, 
und glaube meine Auüpibe in Erstattung meines eignen Gutachtens, auf welches 
Klägerin piOTOoirt hat, vollständig gelöst. Diese Aufgabe wird sich lösen las- 
sen, wenn man den ganzen Verlauf des Lebens des Verklagten in den letzten 
Jahren in den Akten überblickt. Es muss zunächst auffallen, dass Klägerin, 
die sich in ihrer Arühem ProTOcation bemühte, nachzuweisen, dass ihr Ehemann 
seit Anfangs Juli 1866 (Ankauf yonBlasdori) von einer geistigen Störung be- 
fallen gewesen, und dass die oben angeschuldigten Handlungen ans dieser und 
der nächsten Zeit die Schritte eines Wahnsinnigen s^en, dass dieselbe Kläge- 
rin in ihrer spätem Ehescheidungsklage das grade Gegentheil behauptet, inso- 
fern sie die volle Zurechnnngsfähigkeit ihres Ehemanns für die oben genannten, 
in eben dieselbe Zeit lallenden Handlungen und Aeusserungen in Anspruch 
nimmt, und deshalb von dem (nieht geisteskranken und nicht unzurechnungs- 
fähigen) Ehebrecher getrennt zu werden fordert. Dieser auflUlende Wider- 
spruch einer, dem Port so nahe stehenden Person tangirt insofern meine Be- 
urtheilung der Sachlage, als er die Depositionen über den Charakter ihres Han- 
nes, über sein Verhalten vor der fraglichen Zeit, und ihre thatsächlichen An- 
führungen weniger zuverlässig erscheinen lässt, während im andern Falle die 
unbefiuigenen und leidenschaftslosen Beobachtungen der Ehefrau von grossem 
Werthe sein wurden. In der Ehescheidungsklage bezeichnet Klägerin den Cha- 
rakter ihres Mannes als ungemein heftig und leidenschaftlich, bei Mangel an 
Energie und Thatkraft, womit die ftrühere Behauptung in der Provocation, dass 
er sich früher (vor der qtt, Zeit) „«der grössten Sparsamkeit befleissigt habe'''', 
kaum ganz in Einklang zu bringen ist „„Gemeine, ihm sonst nicht beiwoh- 
nende Keden"" waren der Klägerin beim von ihr selbst behaupteten Ausbruch 
des W ahns i nns aufgefallen, während sie in der Scheidungsklage angiebt und 
dureh Thatsachen erhärtet, dass er schon Mher in der Ehe sich verbotene 
Ausschweiitogen und einen liederlichen Waad^ habe zu Schulden kommen lassen. 
Ja sie «yphilitiseh angesteckt gehabt habe. Wichtiger als diese mehr oder we- 
niger grossen Widersprüche ist es aber, dass die von der Klägerin laudirten 
Zeugen ihre Behauptungen, die acht Punkte betreffend, keineswegs in dem von 
i}a behani^ten Kaasse bestätigt haben. Der Bruder des Verklagten, Dr. P., 
erklärt die oben angeführte Behauptung, dass er denselben mit einem lieder- 
lichen Fsauenzimmer betroffen habe, für „„durchaus unwahr^'. Der Befsrend. 
Schlacht, der die erwähnte Beise nach Hamburg mit Port gemacht hat, 
l^ind ihn auf dieser ganzen Beise »»anflIaUend stiU und zerstreut*". Von einem 



240 Gerichtliche PsychonoBOlogie. §16. Gasnistik. 22. Fall. 

auffiUligen liederlichen Verkehr mit Frauenzimmern ist dem Schlacht aber 
nichts bekannt, der nur gesehn hat, dass Pert einmal in Berlin mit einem lie- 
derlichen Franenzimmer ein Öffentliches Lokal verlassen hat, angeblich um sie 
nach Hanse zu begleiten, und dasselbe auch ein andermal Ton ihm erzählen 
gehört hat. Wichtiger noch ist die Aussage des Pert*schen Schwageift Mer- 
tius. Im Sommer 1856, namentlich im Augnst, sagt derselbe, sei Pert 
mehreremale hierher nach Berlin angereist gekommen, und habe sich auffallend 
benommen. Er kam in gewöhnlichen Kleidern, ohne Mütze und Wfische, und 
ohne ersichtlichen Zweck hier an, bezahlte beim Aussteigen sehie Droschke 
nicht, überschätzte den Ertrag seines Gutes maasslos, und Zeuge hatte scho^ 
danlals die »»volle Ueberzeugung'**' einer bei P. bestehenden Geisteskrankheit 
Alle diese actenmässigen Thatsachen ergeben eine Continuität von psycholo- 
gischen Erscheinungen, die das Urtheil über den Fall nicht zweifelhaft machen 
können. Denn sie zeigen im ganz gewöhnlichen, erfohrungsgemässen Gange 
bei dem Verklagten, und in der fraglichen Zeit, das Entstehen und die Fort- 
bildung einer wahnsinnigen Geistesstörung bis zur Höhe eines TobsuchtsanCslls. 
Der Verklagte war zu einer solchen Störung mehr als hundert Andre disponirt, 
wenn die Charakterschilderung, die seine Ehefrau von ihm macht, und die be- 
treffenden Thatsachen, als wahr und richtig vorausgesetzt werden. Denn es ist 
alltägliche Erfahrung, dass „„grenzenloser Hochmuth und eine übertriebene 
Eitelkeit und Selbstverblendung<*^ (Dednetion der Klägerin vom 18. December 
1858) eine der allerhänfigsten Ursachen zum endliehen Ausbruch des Wahnsinns 
werden, weil das nothwendig fortwährend empftindene Missverhältoiss zwischen 
dem eingebildeten Werthe und dem Maasse, mit welchem die Welt diesen Werth 
misst, fortwährend alle geistigen Kräfte in Spannung und Erregung setzt und 
erhält Klägerin giebt an, ihr Mann habe schon firnher immer davon gesprochen, 
seinen angeblich alten Adel wieder auftiehmen zu wollen, was zu einem „„grenzen- 
losen Hochmuth **" auch sehr wohl passt Von solcher Gesinnung bis zur end- 
lichen Wahnvorstellung, dass er (ohne ausreichende Mittel) grosse Besitzungen 
in Ungarn Icaufen und den Grafenstand erwerben könne und wolle, ist der 
Uebergang nicht sehr auffallend und ungewöhnlich. Weniger Werth ist auf 
Alles das zu legen, was Klägerin über den liederlichen Wandel ihres Gatten 
vorgebracht hat. Denn wenn auch an sich eine, bei einem Menschen gegen 
seine frühere Art und Weise, hervortretende hohe geschlechtliche Aufregung, 
die sich mehr und mehr in einem gemein - pöbelhaften Betragen geltend 
macht, wie es dem, den gebildeten Ständen angehörenden P. angeschuldigt 
vrird, sehr bezeichnend sein würde, als Beweis eines schon krankhaft erregten 
Nervensystems, so ist doch schon oben gezeigt worden, dass die bezüglichen 
Behauptungen der Ellägerin nicht als thatsächlidi erwiesen erachtet werden 
können, und dass am wenigsten daraus auf eine so zu sagen krankhaft^lieder» 
liehe Ausschweiftmg geschlossen werden kann. Dazu kommt, dass man nach 
den Akten darüber in Ungewissheit bleibt, in wie weit Verklagter auch schon 
in früherer Zeit Freund sexueller Lüste gewesen sei. Die oben angeführte 
bezügliche Thatsache aus einer frühem Zeit seiner Ehe lässt sein angeschol* 



Gerichtliche Psychonosologie. § 16. Krankhafte Triebe. 241 

digtes Benehmen in Berlin nnd Hambarg, so weit es durch die Zeugen bestätigt 
wird, jedenfiillB weniger auflßftllend erscheinen. Desto mehr Werth aber ist auf 
die, von der Klägerin selbst, die hie^ das beste Urtheil haben musste, behauptete 
gänzliche Umstimmung des Charakters Pert's von der fraglichen Zeit 
seines Lebens an zu legen. Sie behauptet in ihrer Provocation, wie angeführt, 
dasB derselbe früher ^»sich der grössten Sparsamkeit befleissigt gehabt, ''^ und 
seit dem Ankauf von Blasdorf angefongen habe, zu verschwenden und eine 
ganz veränderte Lebensart zu zeigen. Jedem Sachkenner ist eine solche Er- 
scheinung eine höchst bedenkliche, und ein fast sicheres prognostisohes Moment 
für das Bevorstehn des Ausbruchs einer geistigen Krankheit Diese uralte Er- 
fahrung hat sich denn auch bei P. wieder bestätigt, denn dass wirkUeh und 
zwar sehr bald schon nach dieser auffallenden Veränderung seines Wesens eine 
ausgebildete wahnsinnige Störung bei ihm zu Tage trat, ist durch die fiberein- 
stimmenden Angaben von vier Aerzten unzweifelhaft bestätigt, und braucht hier 
nicht weiter erwiesen zu werden. Ich glaube aber nachgewiesen zu haben, 
dass zurückgehend von dem Tage des Wnthausbruchs (14. September) bis zum 
Anftuig Juli (Ankauf von Blasdorf) sich Eine nntheilbare und fortgesetzte Kette 
von psychologischen Erscheinungen in dem Leben des Verklagten ergeben hat, 
die es nicht zweifelhaft erscheinen lässt, dass die, an sich schon so höchst auf- 
fallenden Handlungen desselben in der sehr kurzen Zwischenzeit (August bis 
Anfangs September) nicht anders nicht nur, sondern vielmehr sehr leicht ihre 
Erklärung darin finden, dass schon vom Juli an sich eine Geistesstörung bei 
ihm entwickelt hatte, die sich so rasch zu einer Höhe steigerte, welche seine 
Aufiiahme in eine Heilanstalt dringend nothwendig machte. Wir finden hier 
nur demjenigen Verlauf einer Wahnsinns -Krankheit wieder, welcher fast bei 
der Mehrzahl aller Wahnsinnigen beobachtet wird, und stehe ich, nach allen 
vorstehenden Ausführungen, nicht an, mein Gutachten auf die vorgelegte Frage 
schliesslich dahin abzugeben: dass der Verklagte, Bittergutsbesitzer Traugott 
Port, während der Monate August und September 1856 an Baserei und Wahn- 
sinn gelitten, und die zu I bis vni erwähnten Handlungen, wenn sie überhaupt 
begangen sind, in Anfällen Jener Geisteskrankheit vorgenommen hat^ Ich habe 
über den Ausgang des Ehescheidungsprozesses nichts weiter vernommen. 

§ 16. 

Zur Lehre von den ,Jarankhaften Trieben^ 
(Hdb. I §§ 88—94.) 

Die Lehre von den krankhaften Trieben, deren Anwendung, 
wie keine andere, dazu beigetragen hat, die Gutachten der 
Aerzte in criminal-psychologischen Fällen in Misscredit zu brin- 
gen, der obenein, worin wir den Juristen vollkommen beistimmen, 
durchaus gerechtfertigt war und ist, diese Lehre ist ein franzö- 

Oafp«r, klinlfcht Mot«I1«b. 16 



242 Gerichtliche Psychonosologic. § 16. Krankhafte Triebe. 

siscbes Kiad« das die deutache WiBsenschaft adoptirt hat. Ihre 
Urquelle ist auf die Piaersche manie sans d4Hre zurüohsufiihren^ 
woraus sich später im System seines besten und berühmten 
Schülers Esquirol, dessen monomanie entwickelte, die ihrer- 
seits zur manie instinctivß führte, bis endlich, bei der auffallen- 
den Neigung unsrer Nachbarn zu Classificationen und Schemati- 
sirungen, die, beiläufig gesagt, bei ihren besten Schriftstellern 
oft iß's Ungeheuerliche geht, als Unterarten der manie tnatinc- 
tive, die sogenannten krankhaften Triebe der manie homicide, 
der Kleptomanie u. s. w. als Decorationsstücke auf die Scene ge- 
schoben wurden. Freilich hat sich^ und zwar schon früher, auch 
die deutsche Wissenschaft ihren ,,krankhaft;en Trieb*" in der 
Feuerlttst aureddt gelegt, aber derselbe blieb isolirt und als 
Oftse der forensisehen Psychologie bestehn, und die eigentKche 
Ausbildung der Gesammtlehre , der man es an einem wissen- 
schaftlichen Gewände nicht fehlen liess, gehört Frankreich an, 
von wo sie jedoch > wie alles Ausländische, mit oiEnen Armen 
nach Deutachland herüber genonmen worden ist. Ideler, der, 
wie alle deutsche gründliche und wirklich erfahrene Irren- und 
Gerichtsärzte, diese gefährliche und in der Luft schwebende 
Lehre mit grösstem Rechte verwirft, und ihr gründlich abhold 
ist, Ideler meint, dass sie dem Umstände ihre Entstehung ver- 
danke, dasa die Aerzte sich nicht zur Annahme einer „vermin- 
derten Zuieduiungsfahigkeit'' hätten verstehn können, „um die 
Forderungen der MeBSchHchkeit mit denen der Gerechtigkeit in 
Einklang zu bringen**. Hätte man nur dergleichen Zweckmässig- 
keitsgründe im Auge gehabt, so fände wenigstens die Erfindung 
dieser Lehre vom Standpunkte der Praxis eine gewisse Berechti- 
gung, wobei man jedoch immerhin übersehen hätte, dass, was 
man mit der einen Hand der Menschlichkeit gegeben, man mit 
der andern der Gierechtigkeik genommen hätte. Der innere Ent- 
stehungsgrund aber, abgeeehn ven jenem äussern, dem Drange 
nach Classification und systematischer Gliederung, scheint mir 
ein. ganz andrer zu sein, die oberflächliche Zergliederung der 
psychologischen Erscheinungen in den Einzelfällen. Man hat 
sich an das Object gehalten^ statt das Subject in^s Auge zu 
fassen. Das Object z. B. bei dem vom „Stehltrieb" Heimgesuch- 



Gerichtliche Psychonoaolofirie. § 16. Krankhafte Triebe. 243 

ten ist die gestohlne Sache, das Subject ist der Dieb. Das 
Subject aber ist der Untersuchungsgegenstand. Zeigt dieser Be- 
weise einer krankhaften geistigen Organisation, dann ist es für 
die Criminal-Psychologie völlig gleichgültig, zu welcher Art von 
ungesetzlichen Handlungen diese Organisation ihn hingerissen, 
oder in wie weit sie ihn verhindert hatte, eine derartige Hand- 
lung zu unterlassen. Zeigt der Uebelthäter aber keine Zeichen 
einer geistigen Störung, dann ist das Object seiner angeschuldig- 
ten That wieder sehr gleichgültig für den Arzt, und nur für den 
Richter ist es zur Abmessung des Strafmaasses wichtig zu unter- 
scheiden, ob der Angeschuldigte in gesetzwidrig-selbstsüchtiger 
Absicht gestohlen, Feuer angelegt, gemisshandelt, getödtet hat 
u. s. w. . Aber, sagt man, die Thatsache, dass eben viele Ange- 
schuldigte xmter gewissen, sich stets gleich bleibenden Umstän- 
den, die sonach einen Gattungscharacter bilden, gestohlen, 
Feuer angelegt, getödtet haben, beweist grade, dass etwas An- 
deres als das böse Princip den Antrieb zu den gesetzwidrigen 
Handlungen gegeben hatte, beweist eben die Existenz krankhaf- 
ter Triebe im Menschen. Diese Triebkrankheit, eine Species im 
System , bat ihre Symptome so gut und so constant wie die Scro- 
felkrankheit. Das sind die Triebe, die Faire t die „ursprüng- 
lich unvernünftigen^ nennt, und die er den Trieben entgegen- 
setzt, welche erst „consecutiv unvernünftig geworden, nachdem 
sie in den Strom der Ideen und Gefühle, unter deren Herrschaft 
der Kranke steht, gezogen wurden. In den erstem Fallen, bei 
den ursprünglich unvernünftigen Trieben, wird Befriedigung ge- 
bieterisch gefordert und die Lebhaftigkeit des Verlangens 
macht den Kranken blind in seinen Mitteln''. Mit dieser Defi- 
nition eines der psychiatrischen Stimmführer schlägt derselbe 
sich selbst uud die Hypothese von den krankhaften Trieben zu 
Boden. Denn es ist einleuchtend, dass es vollkommen unstatt- 
haft ist, anzunehmen, dass einem Yemunftwesen, wie der 
Mensch, irgend etwas „ursprünglich Unvernünftiges'^ eingeboren 
sein könne. Nicht einmal die oft gehörte Parallele oder Identi- 
tät von Trieb und Instinct (der Thiere) würde ausreichen, um 
die Definition zu rechtfertigen; im Gegentheil ist vielmehr im 
Thiere, dem Nichtvemunftwesen, der eingebome Instinct das 



244 Qeriehtliche Psycfaonosologie. § 17. Krankhafte Triebe. 

einzige Yemünftige, wenigstens das dürftige Ersatzmittel für die 
mangelnde Vernunft. Aber eben der Umstand, dass man in der 
Wortbezeichnung die Wörter hesoin^ inatinct nicht gehörig von den 
Wörtern propension, penchant auseinander gehalten, also Bedürf- 
niss und Neigung identificirt hat, und der Umstand, dass im 
Deutschen das Wort: Trieb einen gewissen hierauf zielenden 
Doppelsinn hat, hat mit zur Verwirrung in dieser Lehre beige- 
tragen. Man spricht von einem Trieb (Hang, Neigung) zum Bö-, 
sen, und von einem Trieb (Bedürfniss) zur Geschlechtsbefriedi- 
gung. Dies führt auf die nothwendige Unterscheidung der 
natürlichen, eingebomen, und der hypothetisch aufgestellten 
krankhaften Triebe. 

§ 17. 
Fortietiimg. 

Die eingebornen natürlichen Triebe sind Theile eines grossem 
Ganzen, des Selbsterhaltungstriebes. So sind Hunger und Durst, 
Schlaf, Athmung, Drang zur Ausleerung excrementieller Stoffe 
natürliche Triebe, deren Befriedigung den grossen Naturzweck 
der Selbsterhaltung des Individuums fördert, wogegen der ge- 
schlechtliche Trieb mehr dem nicht weniger wichtigen Zweck der 
Erhaltung der Gattung dient. Diese Naturtriebe sind und müs- 
sen sein, als dem Vemunftwesen eingeboren, vernünftige, und 
von ihnen gilt, was Fair et so irrig von den „krankhaft- unver- 
nünftigen*^ behauptet, dass ihre Befriedigung (eben des grossen 
Zweckes wegen) gebieterisch gefordert wird. Mit diesem Worte 
ist aber ein wichtiges Princip für die Beurtheilung solcher Fälle 
ausgesprochen, in denen der unwiderstehliche Drang zur Befrie- 
digung eines solchen Selbsterhaltungstriebes zu einer gesetzwidri- 
gen Handlung angetrieben hatte. Dergleichen sind theils vorge- 
kommen, theils als leicht möglich vorauszusetzen, z. B. also 
Diebstahl an Nahrungsmitteln aus wirklichem Hunger, Einschla- 
fen auf einem wichtigen Vorposten im Büege durch Ueberwälti- 
gung des Schlafbedürfnisses, gewaltsamer Ausbruch aus Kerkern 
u. dgl. wegen Athemnoth der in der verpesteten Luft in den 
überfüllten Räumen schon halb Erstickten u. s. w. Erwägt man 
das so eben hier Ausgeführte , und die Erfahrungen , welche zei- 



CterichtUche Psychonosologie. § 17. Krankhafte Triebe. 245 

gen, zu welchen Greueln die längere Nichtbefriedigung dieser 
Naturtriebe, vor Allen des Hungers, Unglückliche geführt und sie 
veranlasst hat, z. B. bei SchiflFbrüchen, Einstürzen von Bergwerken 
u. dg], selbst an Leichen von Menschen ihre Befriedigung zu 
suchen, so wird man Motive haben, dem Richter die ünbezwing- 
lichkeit solcher Triebe zu deduciren, woraus die Ausschliessung 
der freien Willensbestimmung des Angeschuldigten zur Zeit der 
That, also seine Unzurechnungsfähigkeit, von selbst folgt. 
Ueberall wird aber, wie sich von selbst versteht, auch hier, wie 
stets, der concrete Fall mit allen seinen Umständen genau 
erwogen, und festgestellt werden müssen, dass wirklich Umstände 
vorlagen , die eine Steigerung eines natürlichen Triebes zum Un- 
widerstehlichen erklärlich machten, was in der Regel nicht 
schwierig festzustellen sein wird. Aber hier muss ich, um nicht 
zu irrigen Beurtheilungen Anlass zu geben, noch einmal daran 
erinnern, dass Einer jener natürlichen Triebe, der Geschlechts- 
trieb, sich darin wesentlich von den andern unterscheidet, dass 
er nicht Ausfluss und Inhalt des Selbsterhaltungstriebes, son- 
dern nur des Gattungserhaltungstriebes ist. Er allein ist des- 
halb unter allen natürlichen Trieben an eine gewisse Lebens- 
epoche gebimden, mit welcher er auftritt und verschwindet, und 
er unterscheidet sich auch, was hier wesentlich ist, darin von 
allen andern, dass er beim gesunden Mepschen nicht sich bis 
zur Unbezwinglichkeit steigert, so dass er den Menschen, wie 
andre jener Triebe, unwiderstehlich zu gesetzwidrigen (geschlecht- 
lichen) Handlungen hinreissen könnte. Umgekehrt also wie oben, 
nehmen wir bei gesunden Menschen, die der Nothzucht, der 
Blutschande u. s. w. angeschuldigt wären, den etwanigen Verwand, 
dass sie durch den unbezwinglichen Drang ihres Geschlechtstrie- 
bes blind und unfrei zur That hingerissen worden, nicht an. 
Denn dass eine längere Nichtbefriedigung dieses Triebes — 
worin er sich weiter sehr wesentlich von den andern unterschei- 
det — ihn nicht immer höher und höher bis zum Unwidersteh- 
, liehen steigert, sondern dass grade im Gegentheil dieser Trieb 
mehr und mehr zum Schweigen gebracht wird, je länger die 
Enthaltsamkeit fortdauert, ist durch die Erfahrung unzweifelhaft 
imd täglich nachzuweiseii. Es schliesst dies eiije andre Eigen- 



246 Gerichtliche Psychonosologie. § 18. Kninkhafte Triebe. 

thümlichkeit des (reBchlechtstriebes nicht aus, die nämlich, dass 
er allein unter allen natürlichen Trieben unter der Herrschaft 
der Phantasie steht, und von dieser aus, wenn ruhend, erweckt 
und angeregt werden kann. Durch die Schilderung det lecker- 
sten Mahlzeit kann wohl noch der Appetit, nicht aber bei dem 
Satten der Hunger, durch den Anblick des weichsten Buhebettes 
nicht das Bedürfhiss des Schlafes bei dem Muntern und Wachen 
erweckt werden, während üppige Bilder, Gespräche, Leetüre, 
Weiber, den eben noch ganz schlummernden Geschlechtstrieb 
augenblicklich erregen und erwecken. Ist dies geschehn, gehorchte 
der Angeschuldigte dem Drängen des eiwachten Triebes, dann ist 
ihm zuzugeben, dass er jetzt auf halbem Wege nicht stehn 
bleiben konnte, und mit einer gewissen Unwiderstehlichkeit die 
volle Befriedigung und Sättigung des Triebes erstrebte. Dass 
aber solche Fälle eine andre Sachlage haben, als die betreffend 
die andern natürlichen Triebe, ist einleuchtend. Diese Sätze 
werden sich bei den betreffenden Anschuldigungen und Begut- 
achtungen in foro yerwerthen lassen. 

§ 18. 
Fortsetzung. 

Alle diese Naturtriebe können aber, wie allbekannt, durch 
körperliche Momente zum Krankhaften gesteigert werden. Die 
Schwangere, die instinctmässig zur Neutralisation ihrer übermäs- 
sigen Magensäure Kreide mit Gier isst, leidet an einem krankhaf- 
ten Hunger, der Gehirn-, der Steinkranke häufig genug an einem 
bis zur Satyriasis, die mit pruritus pudendorum Behaftete bis zur 
Nymphomanie gesteigertem Geschlechtstriebe. Dies sind durch 
Krankheit potenzirte Triebe, nicht „krankhafte Triebe^, denn 
das Krankhafte ist Urnen nicht immanent, es liegt ausserhalb des 
Triebes. Diese durch Krankheit alienirten Triebe haben folglich 
mit den sogenannten krankhaften Trieben der Stehlsucht u.s.w. 
ganz und gar Nichts gemein, und Alles, was man immer wieder 
zur Begründung der Annahme der letztern aus der Erfahrung 
und Analogie an den erstem entnommen hat, ist ohne allen 
Halt und Boden. Diese berüchtigten „krankhaften Triebe" (tn- 
stincts maladif$) sollen nun gleichfalls, wie Brüder der natür- 



Gerichtliche Psychonosologic. § 18. Kraakhafte Triebe. 547 

Kdien, etwas Eingeborneß , Ursprüngliches sein, und welie dem 
Unglücklichen, der einen solchen Trieb als Geburtsgeschenk mit- 
gebracht hat, denn er ist prädestinirt zum Dieb, zum Mordmo- 
nomanen, zum Nothzüchtiger, zum Brandstifter, und sein einzi- 
ger Trost in Betreff seiner äussern Existenz mag der sein, dass 
im vorkommenden Falle ihn die Strafe nicht treflFen werde, weil 
das gerichtsärztliche Gutachten das schützende Schild des Unzu- 
rechnungsfähigkeit bedingenden, weil unwiderstehlichen krankhaf- 
ten Triebes über ihn halten werde. Wie weit damit der Gerech- 
tigkeitspflege, das heisst mit andern Worten der bürgerlichen 
GeseUschaft, Genüge geschehn werde, ist eine andre Frage. 
Und ob es überhaupt noch eines Strafgesetzbuchs bedürfen 
werde, wenn die Psychiatrie und gerichtliche Psychonosologie 
fortfahren, die Lehre von den krankhaften Trieben weiter zu 
cntwidceln, erscheint fast zweifelhaft! Sehen wir zu, welche 
Errungenschaften bereits erreicht sind, tn Deutschland ist, 
ursprünglich besonders durch Henke und Masius, der Brand- 
stiftungstrieb, die krankhafte Feueriust, Pyromanie, zu Tage ge- 
fordert worden, und Harless hat sich ^um die Wissenschaft 
verdient gemacht"{!) durch Aufstellung eines „krankhaften Ver- 
giftungsinstinctes**, in Anbetracht so vieler (namentlich) Weiber, 
die, wie Gesche Gottfried oder Margarethe Zwanziger, 
Dutzende von Menschen aus reiner Lust durch Giftmischerei 
mordeten. Beiläufig, aber nicht ganz überflüssig, wollen wir 
bemerken, dass dieser deutsche „Vergiftungstrieb* sich nicht hat 
einbürgern können. Hätte irgend ein Franzose ihn erfunden und 
ihm einen tönenden Namen, etwa Toxicomanie, gegeben, was 
gewiss geschehn wäre, wenn irgend ein solches entsetzliches 
Weib, wie etwa die Marquise von Brinvilliers, Statt im 
siebenzehnten Jahrhundert in unsrer Zeit in Frankreich gelebt 
hätte, dann hätten sich unsre deutschen gerichtlich-medicinischen 
Compilatoren diese „Toxicomanie" gewiss nicht entgehn lassen! 
Wir haben aber femer, und zwar sämmtlich aus Frankreich 
stammend, den krankhaften Stehltrieb (Kleptomanie), den krank- 
haften Wollusttrieb (Aidoiomanie), den krankhaften Selbstmord- 
trieb (monamanie suicide)^ den krankhaften Mordtrieb (monamanie 
Komicide) und als neuste Bereicherung die — müopSdie. So 



248 Gerichtliche Faychonosologie. § 18. Krankhafte Triebe. 

nennt ein Herr Boileau de Castelnau*) Jene Form von 
Moralitäts-Erkrankungen, die sich dadurch characterisirt, dass 
Eltern ihre eignen Kinder misshandeln (sie! sie!) und mor- 
den''! Einen grossem Triumph hat die Lehre von den instincU 
maladifs bisher noch nicht gefeiert, und — ernsthaft gesprochen 
— ein schlagenderer Beweis, mit welcher unaussprechlichen 
Kritiklosigkeit die ganze Frage von den „krankhaften Trieben^ 
bearbeitet, ist noch nicht geliefert worden. Man hat es noch 
nicht gewusst, daäs in Berlin, Paris, London, Wien, in allen 
grossen Städten, in denen ein zahkeiches Proletariat massenhaft 
haust, die „Misopädie" die yerbreitetste Krankheit ist. Denn 
überall giebt es dort viele Tausende von unnatürlichen Müttern, 
die aus eingebomer Bohheit, aus den verschiedensten, verwerf- 
lichsten, selbstsüchtigen Beweggründen ihre Kinder, oft die 
Frucht unehlicher Zeugungen, die ihnen durch die Verhältnisse 
eine unerträgliche Last geworden, bald weil sie eine erstrebte 
anderweitige Verbindung erschweren, bald weil die Kinder sie 
verhindern, das Haus beliebig zu verlassen, bald weil sie die 
Kosten der Ernährung lieber für die Branntweinflasche aufsparen 
möchten, die, sage ich, ihre Kinder auf das Unnatürlichste misshan- 
deln, um sie möglichst unentdeckt und straflos zu beseitigen, oder 
unter Umständen kurzweg morden. Diese Tausende leiden an 
dem krankhaften Triebe der „Misopädie''. Ich habe diesen neu- 
sten krankhaften Trieb hier besprochen; es lohnt aber nicht der 
Mühe, auf alle übrigen hier zurückzukommen, und ich könnte 
nur wörtlich wiederholen, was ich darüber, mit Ausnahme der 
sogenannten „Aidoiomanie'' auf die ich (§ 20) zurückkomme, in 
grosser Ausführlichkeit, und unterstützt mit Belägen, im Hand- 
buch mitgetheilt habe, wo auch die wichtigsten Fälle die man 
als thatsächliche Beweise für die einzelnen krankhaften Triebe 
angeführt hat, einer eingehenden Kritik unterworfen sind, die, 
wie ich hoffe, das gänzlich Unhaltbare und Verwerfliche dieser 
wissenschaftslosen, entsetzlichen Lehre, das auch in Deutschland 
immer mehr und mehr anerkannt wird**), überzeugend nachgewie- 



*) Annales midko - psychologiqxies ^ 1861, VII. S. 668. 
*) Vgl. Die Paradozie des Willens n.B.w. von J. A. Knop. Leipzig 1868. 



Gerichtliche PsychonoBOlogie. §19. CasoiBtik. 23. Fall. 249 

sen haben dürfte. Ich yerkenne hierbei keinesweges und weiss 
es aus eigener langjährigen Beobachtung sehr wohl, dass wirk- 
liche Geisteskranke zuweilen einen entschiedenen Hang zum 
Stehlen, zum Brandlegen, zu geschlechtlichen Ausschweifungen, 
zum Tödten haben, und habe nicht wenige dafür beweisende 
eigene Fälle im Handbuch und in diesem Werke mitgetheilt. 
Aber überall ist in solchem Falle ^ der Drang nicht die 
Krankheit, sondern die Wirkung der Krankheit, die aus 
andern Merkmalen erkannt werden wird, und vom Gerichts- 
arzt nachgewiesen werden muss. Und dann sind derartige 
Fälle erklärlich genug, wenn man erwägt, dass grade bei 
dem Geisteskranken, bei dem der freie Vemunftgebrauch aufge- 
hört hat, die eingebomen Tendenzen , Neigungen, Leidenschaften 
eben nicht mehr von Vernunft und Sittengesetz gezügelt werden 
und werden können, und emanzipirt von Beiden zum Durchbruch 
kommen. Statt also früher Gesagtes zu wiederholen, lasse ich 
hier eine Auswahl von Fällen, betreffend sogenannte krankhafte 
Triebe, folgen, die die verschiedenste psychologische Behandlung 
erforderten, imd unter welchen Fällen die der Malwina Tor- 
ström (30. Fall) und der Ulrike von Reinikendorf (Pseudo- 
nym) (34. Fall) psychologische causes ciUhres waren, die wie 
wenige bekannt gewordene eine Mittheilung verdienen. 

§ 19. 

Casnistik. 

I. Zur 99 Kleptomanie**. 

28. bis 27. Fall. Diebstälile von Sehwaclisiniiigen verübt. 

28. Der Angeschuldigte war ein 3 6 jähriger Mensch, der als Kind von einer 
Zigeonerbande anfigenommen, mit dieser in alle Lande nmhergestreift nnd erst 
küralich von derselben, wahrscheinlich als unnützer Ballast, entlassen worden 
war. Denn er zeigte sich bei der Untersuchung, sowohl nach habitus nnd Ge- 
sichtsausdmck, wie durch seine Reden und Aeusserungen, als wirklich Stumpf- 
sinniger. Er hatte, was er auch sofort eingestand, auf offener Strasse ein Fass 
Butter vom Wagen gestohlen, weil er, wie er mir sagte, die Butter später habe 
essen woUen, hatte sich dabei aber so albern benommen, dass er gleich auf 
der Stelle verhaftet wurde. Die Erklärung, dass er „unvermögend sei, die Fol- 
gen seiner Handlungen zu überlegen^, folglich im landrechtlichen Sinne „blöd- 
sinnig* sei, konnte nicht zweifelhaft sein. 



250 Gerichtliche P8yclioD08o1ogie. §19. Casnistik. 34— 96. Fall. 

24. Wegen der Entwendmig eines Stückchens Seife in eisern öfcntiicliea 
Lokale war die 41 Jahre alte Unruh zur Untennchimg gezogen worden« Sie 
war ein Jalir früher in der Charit^ als «blödsinnig*' recipirt, aber nach einigen 
Monaten entlassen worden, weil, wie das Jonmal sagte, ihre „Qeistesbeschränkt- 
heit* zwar noch fortdauerte, dies jedoch kein Gegenstand ärztlicher Behand- 
lung mehr sein könne. Sie zeigte sichtlich eine sehr neryöse Constitution, 
weinte leicht und ohne eigentliche Veranlassung, hatte ein sehr gediiicktes 
Wesen, einen matten Blick und sprach sehr langsam und leise. Ihre Pflegerin 
berichtete, dass sie zu Nichts, nicht einmal zum Stmmpfetricken oder zu den 
geringfügigsten Einkäufen, zu gebrauchen sei, wie ich mich denn auch über- 
zeugte, dass sie den Werth der Münzen gar nicht kannte, und auf die einfach- 
sten Fragen sich lange besinnen musste, ehe sie antworten konnte. Besondere 
Freude würde es aber den Anhängern der „Kleptomanie'' gemacht haben, zu 
erfahren, dass Jene Pflegerin auch deponirie, dass die Unruh gegen sie fort- 
gesetzt kleine^ heimliche Entwendungen an Nahrungsmitteln, Band, Seide, Näh- 
nadeln n. dgl. verübe, obgleich sie dergleichen Dinge contractlich von ihr nur 
zu fordern brauche, um sie zu erhalten! War das ein isolirt im Geiste 
dastehender krankhafter Stehltrieb? Gewiss nicht, sondern nur der Ausfluss 
des Jedem Menschen eingebomen Triebes zum Erwerb und Besitz, der bei die- 
sem, wie bei allen ähnlichen Snbjeeten, bei der unzweifelhaften blödsinnigen 
Geistesschwäche die Person unfähig machte, ihre Stellung zu ihrer Pflegerin, 
zur bürgerlichen Gesellschaft, zum Sitten- und Strafgesetz, ihr contractliehes 
Verhältniss, dass sie muthmasslich ganz vergessen hatte, u. s.w. richtig zu 
würdigen und zu übersehn, so dass sie unbefangen und recht eigentlich nicht 
wissend, was sie that, Jener Neigung den Zügel schiessen liess. 

35. Ein ähnliches Subject. Es war fentgestellt, dass der 17Jährige Dienst- 
mann Keimling eine Kiste mit Mänteln, die ihm zum Abliefern an einen 
Kanftnann übergeben worden war, bei Seite geschafft hatte. Es ermittelte 
sich, dass er vor acht Jahren an einer heftigen Gehirnentzündung mit Kräm- 
pfen gelitten hatte, nach welcher eine linksseitige Lähmung des ganzen Kör- 
pers und eine grosse Schwäche des Gedächtnisses zurückgeblieben sein sollte. 
Ich fand die Lähmung bestätigt, einen bleichen, aufgeschwemmten, auf den 
ersten Blick sich als Schwachsinnigen darstellenden Menschen, mit schlaffer 
Haltung, auffallend iebloeem Blick, onlie weglich stehenden Augäpfeln, und trä- 
ger, schleppender Sprache. Hiemach war die Aussage seiner Mutter, dass er 
zu Nichts zu gebrauchen, dass die verschiedensten Dienstherm ihn deshalb 
immer wieder entlassen hätten u. s. w., vollkommen glaubwürdig. Die Beur- 
theiiuBg ergab sich sonach von selbst. 

2C. Auch hier war eine Gehimkrankheit in der Kindheit Ursache zur blöd- 
sinnigen Geistesschwäche geworden. Der 20Jährige Ecke hatte am 28. Mai 
während einer kurzen Abwesenheit der Besitzerin ans deren offenen Commede 
Geld, ebenso am 8. Juli in einem Laiden bei Gelegenheit eines Einkauft, wmL 
wieder die augenblickliche Entfernung des Besitzers benutzettd, aus der ofiken 
Ladenkasse Geld entwandt, and am folgenden Tage bei ganz ähnlicher Gel^* 



Gerichtliche PAyohonoBologie. §]S. Casaistik. 27. Fall. 251 

feidieit sich wieder über den Ladentisch gebogen and in die KuBse gegrifTen, 
wobei er aber ertappt und yerhaftet wurde. Er hatte als achtjähriges Kind 
nach dorn Scharlachfleber einen „Schlaganfiül'' erlitten, der eine Lähmung der 
gansen linken Seite nnd nach dem hansäntlichen Attest feiner eine Nichtent- 
wic^nng seiner geistigen Fnnctionen veranlasst hatte. In der That war er 
gana nnentwiekelt geblieben. Er sprach mit halbgelähmter Znnge nur in stoss- 
weisen Sätaen und ganz nnverständlich, nnd das dumme, kindische Wesen des 
übrigens kräftigen Menschen, sein alberner Blick, seine Art, sich ansaudrücken, 
seine halbseitige Lähmnng, bewietben jedenteUs ein organisches Leiden des Oe- 
hims, und eine sehr niedere Ausbildung seiner geistigen Sphäre. ^Er räumte**, 
sagte ich, „auch gegen mich ganz unbefangen seine Diebstähle ein, konnte aber 
auf die Frage: ob er denn nicht gewnsst, dass Stehlen ein Verbrechen nnd 
dass ihm Strafe dafür drohe? keine andere Antwort geben, als dam er daran 
gar nicht gedacht habe. Charakteristischer noch ist, dass er mir auf di e Frage: 
ob er mir, wenn ich ihm seine Mütae stehle, nicht vorhalten würde, dass dies 
eine unerlaubte Handlung? die Antwort gab: dass er sich dies nidit getrauen 
würde! Grade so würde sich ein Kind^geänssert haben. Auch das Kind hat 
schon ein Bewusstsein des Unterschiedes zwischen Gut und Böse, und verfährt 
mit Heimlichkeit, wenn es eine ihm verbotene Handlung ausführt, aber dies 
Bewusstsein ist noch nicht sur vollen Klarheit erwacht, nnd die Erkenntniss 
des Zusammenhangs seiner Handlungen mit deren Folgen ist dem Kinde noch 
nicht anflsegangen« Grade in solchem geistigen Stadium befinden sich Men- 
schen, wie Ecke, die durch Schlagfluss oder Krampf^ eine tiefe Störung ihrer 
Gehimthätigkeit erlitten haben und fortwährend erleiden. Sie haben ein dunk- 
les Bewusstsein dessen, was erlaubt und was gesetawidrig, und Ecke wählt 
deshalb den Moment, wo er sich unbeobachtet glaubt, zu seinen Diebstählen, 
aber sie folgen dem augenblioklichen Impulse, nicht wie der abgehärtete Ver- 
brecher, der der Strafdrohung trotzt, sondern wie das dumme, ieichtsinnige 
Kind, das die Folgen seiner Handlungen mit völliger Klarheit zu überlegen 
noch nicht im Stande ist.* Insofern ein. solches Unvermögen im giesetalichen 
Sinne „Blödsinn'' ist, musste ich £. für „blödsinnig'' erklären. 

37. Eine solche Blödsinnige war auch die 20Jährige, körperlich ganz ge- 
sunde Inst, deren Benehmen bei der angeschuldigten That sehr sonderbar 
war, die aber schon früher Bedenken wegen ihrer Schwachsinnigkeit erregt 
gehabt hatte. So hatte sie vor Jahren ein Aergemiss wegen Verletzung der 
Schamhaftigkeit gegeben, war auch einmal in's Wasser gesprungen, und hatte 
ein andermal, obgleich selbst arm, kleine Münzen ans der Tasche gezogen und 
an Kinder vertheilt. Jetzt war sie angeschuldigt, eines Abends in ein ganz 
fremdes Haus — angeblich um sich einen Dienst zu suchen — gegangen zu 
sein, dort fünf Schlüssel aus den Thüren gezogen, zu sich gesteckt und sieh 
zum Schlafen niedergelegt zu haben! Sie gab u. A. gegen mich an, dass sie 
nicht geglaubt hätte, „dass das so hart bestraft werden würdet, efaie Aeusse-r 
rung, die sie in der Voruntersuchung machte^ so dass sie also gar nicht wusste, 



252 Gerichtliche PsychonoBologie. §19. CasDistik. 28. Fall. 

dass überhaupt noch gar kein ErlLenntDiBS gegen sie erlassen worden war. 
Diese thatsachlichen Umstände bezeichnen sie hier ausreichend. 

28. und 20. Fall. Diebstähle von Wahnsinnigen veraht. 
Etwas anders, nach der verschiedenen Form der geistigen Krankheit, ge- 
stalteten sich diese beiden Fälle, von denen »mächst der 28ste recht eigen- 
thiimlich war. Die 17 Jahre alte, körperlich gesonde Henkel war beschul- 
digt, eine Kiste mit Kleidungsstücken n. s. w., welche eine Nacht in ihrer Woh- 
nang -anfbewahrt worden war, fortgeschafft nnd dieselbe im Keller verborgen 
zn haben. Dieselbe behauptete ihrerseits, dass sie zwar Kleidungsstücke ans 
der Kiste entnommen nnd dieselben versetzt habe, um einer Freundin ein (be- 
schenk ZQ machen, dass sie indess die Kiste nur beseitigt gehabt, um Zeit zum 
Einlösen der versetzten Sachen zu gewinnen, weshalb sie auch den Fährmann, 
der dieselben abholen wollte, ab-, nnd auf eine spätere Zeit bestellt gehabt 
habe. Die Mutter der Henkel hatte den Einwand der Unznrechnungsfiihig- 
keit ihrer Tochter erhoben, und sich auf das Zeugniss von zwei Aerzten bezo- 
gen, welche als Inwohner ihrer Wohnung die Angeschuldigte genauer und 
längere Zeit beobachtet hatten. Von diesen bezeugt der Dr. L., dass sich die 
Henkel „zu manchen Zeiten in einem Zustande relativer Unzurechnungsfähig- 
keit befinde. Das sonst gut geartete Mädchen entferne sich in diesem Zustand 
ohne Wissen der Eltern aus der Wohnung, nnd treibe sich durch Tage und 
Nächte umher, um dem Gottesdienst in den verschiedensten Kirchen beizuwoh- 
nen." In seiner spätem Vernehmung deponirte dieser Arzt, dieser «religiöse 
Parozysmus"" sei besonders dann Jedesmal eingetreten, wenn in den Zeitungen 
Missionsandachten angekündigt worden seien. Sie habe dann das Haus, mit- 
unter ohne Hut und Mantel, verlassen, sei oft nach den entferntesten Kirch^i 
gelaufen, nnd manchmal mit religiösen Brochüren beladen nach Hause zurück- 
gekehrt, habe auch ausschliesslich Bücher von orthodoz-protestantisehem Inhalte 
gelesen. Der zweite Arzt, Dr. R., nannte sie still, ordentlich, arbeitsam, hatte 
aber etwa sechs Mal beobachtet, dass sie, wenn sie zur Andacht läuten hörte, 
plötzlich ihre Arbeit verüess, in die Kirche eilte, und darin Tage lang, mitunter 
auch über Nacht verblieb, und halb verhungert zurückgebracht wurde. Diese 
Thatsachen bestätigte die Mutter der Angeschuldigten auch gegen mich, und 
auch Letztere räumte dieselben ein, ohne eine Erklärung eines so auffallenden 
Benehmens geben zu können. Sie zeigte sich als ein stilles, einsilbiges Mädchen, 
von der es nicht leicht war, eine zusammenhängende, längere Aeusserung zu 
extrahiren. Sie bestätigte gegen mich, dass sie die Kleidnogsstücke aus der 
Kiste entnommen nnd versetzt habe, um einer Freundin ein Geschenk mit einem 
Gesangbuch zu machen, was auch geschehn sein soll. „Dies Benehmen ist äus- 
serst charakteristisch, und erklärt sich in seiner scheinbaren Anomalie ans der 
oben geschilderten, durch sachverständige Zeugen erhärteten religiösen Tendenz 
der Henkel; während es andrerseits, wie es allerdings dem Richter mehr als 
mir zu entscheiden zusteht, wohl kaum gestattet, sie als eine Diebin im ge- 
wöhnlichen Sinne des Wortes zu stempeln. Dass die religiösen Tendenzen der 
Angeschuldigten die normale Grenze schon überschritten, und einen zwingenden 



Gerichtliche Psycbonosologie. §19. Caauistilc. 29. Fall. 253 

Einflufls auf ihr Thnn lud Treiben gewonnen haben, kann, nach den mitge- 
theilten Thatsachen nicht zweifelhaft sein, es kann nicht zweifelhaft sein, dass 
die Henkel wirklich an jener Form des Wahnsinns leidet, die so allgemein 
bekannt ist, nnd die man den religiösen Wahnsinn genannt hat. Bei einer sol- 
chen Störung der geistigen Gtesnndheit geht die klare Uebersicht der Hand- 
lungen mit ihren gesetzlichen Folgen verloren, und der Kranke steht unter 
dem Einfluss der ihn beherrschenden Wahnvorstellungen" n. s. w. Der Ein- 
blick in die innem Operationen dieses Geistes war gewiss interessant. 

29. Ganz hierhergehörig ist der Fall einer Frau, von welcher Zeugen, die 
gewiss niemals von einer „Kleptomanie'' gehört, ausgesagt haben, dass sie „eine 
förmliche Manie zum Stehlen habe!*' Die grosse und kräftige Frau Mae der, 
die ihr Alter nicht anzugebeu im Stande, und bereits Einmal früher wegen 
eines kleinen Diebstahls bestraft worden war, war angeschuldigt, am 80. Sept. 
Morgens den Versuch gemacht zu haben, von der Ladenthür eines Eleider- 
ladens ein Kleidungsstück haben stehlen zu wollen. Bei ihrer Verhaftung fand 
man auch in ihrer Tasche ein Paar Pantoffeln^ die sie gleichfalls von der Thiir 
eines Schusterkellers, an der sie hingen, herabgenommen hatte. Sie war dieser 
beiden Diebstähle geständig, und hat sie auch gegen mich eingeräumt, einen 
Kessel gestohlen zu haben, dessen in den Akten noch nicht Erwähnung gesehehn 
war. Femer deponirte der Zeuge, Schneidermeister Drescher, dass er gehört 
habe, dass sie Maurern während der Arbeit einen Mauerbock, und ebenso „ganz 
offen* dem Schneider Boder Wäsche weggenommen, und die verehl. Ro deck, 
dass sie gehört, dass die Angeschuldigte der verehel. Fuchs ein Bettstück weg- 
genommen, das auf der Leine hing, und kurz darauf, nachdem ihr dies abge- 
nommen, ein ebenfalls auf der Leine hängendes anderes Bett gestohlen habe. Als 
besonders auffallend ist noch aus den Akten die Aussage der verehel. Schlächter 
Michaelis hervorzuheben, wonach die Mae der in deren Laden zwei Wurste 
heimlich in die Tasche gesteckt, und nachdem ihr dieselben sofort abgenommen 
worden und sie sich entfernt gehabt, kurz darauf wieder In denselben Laden 
zurückgekehrt sei, und die Klingel „festgehalten" habe. Mehrere dieser Zeugen 
sagten aus, die Maeder habe „eine förmliche Manie zum Stehlen'', und ihr 
Ehemann hatte angezeigt, dass sie seit einiger Zeit geisteskrank sei, dass sie 
ihre Wirthschaft und ihre Person vollständig vernachlässige, stundenlang auf 
Einem Platz sitze und dann nur einzelne Worte ausstosse, „die darauf hin- 
deuten, dass sie bestimmte Sachen haben möchte." Alle diese Thatsachen und 
Angaben hatten die Untersuchung des Gemüthszustandes der Angeschuldigten 
veranlasst, welche denn auch das unzweifelhafte Vorhandensein einer geistigen 
Störung bei ihr ergeben hat. Körperlich war die Maeder gesund und selbst 
subjectiv hatte sie keine Klagen zu fuhren. Hir Auge und ihr fortwährendes 
Lächeln aber verriethen sofort eine geistige Krankheit. Mit der grössten Un- 
befangenheit und lächelnd räumte sie Diebstähle ein, während sie andre l^nt- 
wendungen mit demselben Lächeln abläugnete. Sie war im Gefängnisse unbe- 
schäftigt, während ihre vier Mitgefangenen fleissig nähten, die mich versicherten, 
dass die Maeder unbeschäftigt sei, weil es unmöglich sei, sie mit Handarbeiten 



254 Q«ricliiUche Psychonosologie. §19. CaaiiiBtik. 80.FalL 

zu beschäftigen, die sie sogleich immer yerderbe. Sie YemachlÄHigte ao^ im 
Grefängniss ihie Person, und mnsste gewaschen and gekämmt werden. Auf 
den Omnd ihrer Entwendungen nnd ihre pecnniatren Verhältnisse gebracht, 
meinte sie, dass sie keinesweges in Noth sei, brachte aber bei dieser Gelegenheit 
Berechnungen vor, die offenbar als auf Wahnvorstellangen berahend angesehn 
werden mmssten, wenn sie nicht nur behauptete, 1900 Thlr. in der Sparkasse 
zu haben, behauptete, dass ihr Mann in der Lotterie gewonnen, was immerhin 
Beides noch möglich war, aber auch angab, 8 Thlr. wöchentlich mit Nahen 
feiner Wasche zu verdienen, während die vier Mitgefangenen behaupteten, dass 
bei immer wiederholten Versuchen sie sich unfähig gezeigt habe, auch nur 
einen Strumpf zu stricken. Dazu kam, dass Inculpatin Nachts sehr unruhig 
war, oft aufstand und fast gar nicht schlief, und dass sie beständig fort 
wollte, weil, wie sie mir sagte, „ihTe Strafe längst aus sei, indem Er ihr nur 
drei Tage gegeben hätte, die vorbei seien.^ Auch sie, wie die Angeschuldigte 
des 27. Falles, wusste folglich gar nicht, dass sie sich erst im ersten Stadium 
einer Voruntersuchung befand, und dass ein Erkenntniss ihr noch gar nicht 
publieirt worden war, und aus allem Angeführten war einleuchtend, dass sie 
überhaupt in einer eigenen Innern Welt von Wahngebilden lebte, d. h. an einer 
wahnsinnigen Geistesstörung litt Hieran anknüpfend und der von den Zeugen 
erwähnten ^förmlichen Manie zu stehlen^ erwähnend, führte ich nun die theils im 
Handbuch, theils hier oben vorgetragenen Sätze aus, die Thatsache des Wahn- 
sinus festhaltend, der sie unfähig machte, den eingebomen natürlichen Drang 
nach Erwerb und Besitz zu zügeln und zu beherrschen u. s. w. und die Anklage 
wurde hier, wie ii^ allen vorstehenden Fällen, CaUen gelassen. Das Essentielle 
— ich muss es wiederholen — war hier, wie in allen ähnlichen Fällen, die zu 
Grunde liegende geistige Krankheit; nicht aber hatte man es mit einem in 
einem gesunden geistigen Leben isolirt dastehendem, abnormen, krankhaftem 
Triebe zu thun, gleichsam einer Warze oder einem hässlichen Maal auf einer 
gesunden, weissen Hautt 

80. Fall. Malwina Torström, Diebin aus Lust am Klange des Metalls. 

Dies ist Einer der beiden oben (S. 249) bezeichneten merkwürdigen psy- 
chologischen Criminal-Sechtsfälle. Er spricht so sehr für sich selbst und ist so 
lehrreich, auch so wenig eines Ausauges fähig, dass ich das ganze erstattete Gut- 
achten hier mittheile. Malwina T. (Pseudonym), Jetzt wegen wiederholter Diebstähle 
und wegen Meineids zur Untersuchung gezogen, ist 2 1)^ Jahre alternd die Tochter 
eines hohen, in weiten Kreisen geachteten Geistlichen (im fernen ausserdeutschen 
Ausland). Sie hat von ihrer Kindheit an die allersorgfäklgste Erziehung ge- 
nossen und einen hohen Grad intellectueller Ausbildung, erreicht Namentlich 
spricht sie englisch und französisch correct, ja elegant, und soll sie mit grosser 
Fertigkeit Klavier spielen und überhaupt sehr musikalisch sein. Aber auch 
von der monUischen Seite ist ihr vielseitig das entschiedenste Lob an Theil 
geworden. Von einem dänischen Arzte, in dessen Hause sie mehrere Monate 
gelebt, wird über sie bescheinigt: dass sie in Beziehung auf Charakter und 



GeriehtUchc PsychonoaoloKie. §1». CaBuistik. SO>.FaU. 255 

Geisteflgabe« dM beste Lob rerdicne, daas sie gui und moralisch^ nur eitel und 
gern geschmeichelt sei. Der Bürgermeister ihrer Vaterstadt bezeugt in einem 
Amtsattest ihre Gottesftircht und lobeaswerthe Anflührang, wie ihre seltenen 
Geistesgaben, und in der ganzen Familie des Grafen y. W. genoss sie die all- 
gemeinste Liebe, die .Verehrung des ganzen Hauses, und das unbedingteste 
Zutrauen. Sie war in dieses Haus (auf dem Lande) im Mai 1866 als Erzieherin 
eingetreten, in welcher Stellung sie drittehaib Jahre zur allseitigsten Zufriedenheit 
yerblieb, bis die Entlassung wegen der jetzt angeschuldigten Handlungen er- 
folgte, un4 hatte in dieser Stellung fVeie Station, 140 Thfar. jährliches Gehalt 
und erhielt ausserdem, nach Deposition der Gräfin W., „sehr hübsehe Geschenke, 
so dass es ihr nie an Geld gefehlt, um ihre Ausgaben davon be- 
streiten zu können.^ Als hierher gehörig bemerke ich gleich hier, dass 
die Angeschuldigte, über deren völlige Glaubwtirdigkeit in allen ihren Angaben 
ich mich noch unten äussern werde, mich versichert hat, .indem sie obige An- 
gabe durchaus bestätigt, dass Geld für sie niemals Werth gehabt, und dass sie 
namentlich Armen wahrhaft verschwenderisch Wohlthaten erzeigt habe. Als 
Zeugen nennt sie- den Bedienten Meyer, der genau wisse, „dass, wenn die 
Andern einem im Schloss vorsprechenden Armen 6 Sgr. gegeben, sie demselben 
durch Meyer einen Thaler geschickt habe." Schon in ihrer Heimath hatte sie eine 
tiefe Neigung für einen Verwandten, einen Artillerle-Ofttzier, gefasst, der später 
ihr Verlobter geworden war. Ganz unerwartet starb derselbe, während sie als 
Erzieherin in G. bei dem genannten Grafen lebte, und zwar gegen Ende des 
J. 1866. Dieser Verlust ward, wie ihr Vater sich in einem Briefe ausdrückt, 
ein .Herzfleber** für Malwina, und «alle ihre Briefe an ihre Ettem vom Jahre 
1866 waren Beweise des tiefiaiten Seelenschmerzes**. Wie sehr si43 noch jetzt 
diesen Verlust betrauert, davon habe auch ich mich durch ihre Klagen und 
strömenden Thränen überzeugen können. 

Im August 1867 begannen die auffallenden Vorfälle, die Veranlassung zu 
dieser Untersuchung geworden sind. Die gräfliche Familie hielt sich damals 
bei Verwandten in K. auf, als hier eines Tages einer der Töchter aus einer 
unverschlossenen Commode 8 Thaler, einige Tage später wieder 1 Thaler, und 
zur selben Zeit deren verheiratheten Schwester 3 Thaler entwendet wurden. 
Anfangs September ^, war die Familie wieder nach G. heimgekehrt, und nun 
geschahen hier in rascher Aufeinanderfolge immer wiederholte Diebstähle unter 
den au£EaUendsten Umständen. Nach den Acten und der Anklageacte vermisste 
Fräulein Hedwig v. W. am 10. September ein Portemonnaie mit 2 Friedricfas- 
d*or, am 19. 9'. fehlten derselben aus dem stets verschlossenen Schreibtisch 
18 Thlr., und an demselben Tage dem Fräulein Thekla gleichsam aus ihrem ver- 
schlossenen SchraidE 2 Friedrichsd'or , 1 Thaler in Kassenanweisung und ver- 
schiedenes baares Geld. Am 9. October vermisste Fräulein Hedwig wieder 
aus dem verschlossenen Schreibtische 6 Thaler in einer Börse, und eine zweite 
Börse mit Kupfermünzen, und auch Fräulein Thekla wieder, nach gesche- 
hener Revision, eine Börse mit 1 Thaler, und s oder 4 daneben liegende ein- 
gewickelte Thaler. Um dieselbe Zeit war auch der Frau v. F., die sich zum 



256 Gerichtliche PsychonoBologfie. §19. Casnistik. 80. Fall. 

Besuch im Schloss befand, ein Portemonnaie mit 10 Thalem abhanden gekom- 
men. Am 4. November entdeckte die Gräfin W., dass ans ihrem yerschlossenen 
Schreibtisch eine Perlenbörse mit 6 Doppel-Friedrichsd*or, 1 Friedrichs- und 
1 Napoleond*or fehlte, ausserdem noch 23 Thaler, die in zwei Schubfächern 
lagen. Das Auffallende aller dieser Hausdiebstähle wurde durch die Ent- 
deckung noch räthselhafter, dass um dieselbe Zeit eine Lederstickerei mit Seife 
beschmutzt, Ballblumen mit Tinte bespritzt, die Unterärmel mit Oel und Tinte, 
und ein, der Erzieherin Malwina gehöriger Christuskopf mit Tinte besudelt 
gefunden wurden. Es traten einige Yerdachtsgrfinde gegen den Bedienten des 
Hauses, Meyer, hervor, welcher zur Untersuchung gezogen wurde. In dieser 
Untersuchung bekundete die als Zeuge vernommene Malwina eidlich unter 
Anderm, dass sie über den Verbleib der gestohlenen Gelder Nichts wisse, und 
da sie selbst später als Urheber aller jener Entwendungen ermittelt wurde, so 
gab dies der Staatsanwaltschaft Veranlassung, sie ausser den Diebstählen auch 
des Meineids anzuschuldigen. • 

Verschiedene Umstände, namentlich als für den Zweck dieses Gutachtens 
nicht unerheblich der, dass Malwina, deren Benehmen bisher keine Spur von 
Veränderung gezeigt, die sich vielmehr immer sehr entrüstet Über den Thäter ge- 
äussert hatte, in den letzten Tagen vor der Entdeckung zu dem Fräulein v. W. 
gesagt hatte: am Ende werde der Dieb noch das Haus anzünden, wobei sie 
sehr ängstlich erschien, sowie der Umstand, dass sie sich von der jüngsten 
Tochter hatte zeigen lassen, wie der Secretair der Gräfin geöflhet würde, und 
endlich der Befand einer entwendeten Börse, die sich angebrannt im von Innen 
geheizten Ofen des Wohnzimmers der Gräfin fand, führten endlich zu dem 
Verdacht, dass niemand . Anders als die Erzieherin der Schuldige sei. Am 
11. November machte ihr der Graf v. W. Vorhaltungen, und gestand sie^ nach- 
dem sie Anfangs geläugnet hatte, bald ein, sämmtliche Diebstähle verübt zu 
haben. Sie musste nun, ihrer dringenden Bitten ungeachtet, das Haus sofort 
verlassen. „Ohne Beschämung oder Reue zu zeigen^, reiste sie alsbald ab, 
nickte sogar der Familie des Grafen beim Abfahren au»- dem Wagen zu, und 
schrieb Letzterm schon am folgenden Tage einen Brief, in dem sie bat, sie 
wieder in sein Haus aufzunehmen. Dies fiel mit Recht dem Grafen ebenso auf, 
als 9 die eisige Kälte, der ganz unveränderte Gesichtsausdruck, der Mangel an 
Schaam oder Rene^ bei der durch ihn gemachten Entdeckung Ihrer Entwen- 
dungen. — Am 17. November wurde sie im Kloster R., wohin sie sich begeben 
hatte, verhaftet, und am 24. «;'. zum ersten Male gerichtlich vernommen. Sie 
legte ohne Rückhalt ein vollständiges Bekenntniss ihrer Diebstähle ab. Die 
dem ersten folgenden will sie begangen haben, um den Verdacht wegen jenes 
ersten von einem Dienstmädchen abzulenken, welches die folgenden nicht be- 
gangen haben konnte, wie sie angeblich mehrere andere Entwendungen verübt 
haben will, um den verdächtig gewordenen Bedienten Meyer zu entlasten; 
eine falsche Angabe über einen gegen sie selbst verübten Diebstahl will sie nur 
gemacht haben, um den Verdacht von sich abzuwälzen. In demselben Verhör 
aber sagt sie anders lautend: «ich habe die ersten Diebstähle nur aus Lust am 



GerichtlichePsychonosologie. §19. Casaistik. SO.Fall. 257 

Gelde yerübt. Ich hatte keine Noth, und alle meine Bedürfnisse zu befriedigen 
hatte ich hinreichendes Geld. Schon einige Zeit vor dem ersten Diebstahl 
zitterte ich, wenn ich Geld liegen sah. Ich kämpfte aber mit aller Macht 
gegen den Trieb, das Geld an mich zu nehmen. Erst in K. und anHlnglich in 
G. konnte ich diesem Triebe nicht widerstehn, und Hess mich za den Entwen- 
dungen hinreissen. Als Meyer der Diebstähle beschuldigt wurde, erwachte in 
mir das Gewissen, und ich wollte durchaus den Meyer von dem Verdachte 
zu reinigen suchen. Stolz und Scham yerhinderten aber, dass ich dies durch 
ein offenes Bekenntniss meiner eigenen Vergehen that.** Auch' die oben ange- 
führten Besudelungen will sie vorgenommen haben, um den Verdacht wegen 
der Diebstähle von Meyer abzulenken, und den Meineid abgelegt haben, weil 
sie „damals noch in der Habsucht befangen gewesen sei, und ihr Gewissen da- 
mit besehwichtigt habe.*' 

Trotz eines „eigenthümlich starren Blicks und Ausdrucks in den Augen*', 
welchen der Gerichtsdirector schon s^t dem November bei Malwina walirge- 
nommen, hatte man doch, wie überhaupt, keine Veranlassung geAinden, auf 
deren Gemüthszustand weiter zu achten, als Anfangs Januar d. J. zur Anzeige 
kam, dass sie an einzelnen Tagen im Gefängniss ganz verstört aussehe, Geister 
zu sehn behaupte, und ihre Erscheinung und Reden eine geistige Störung ver- 
muthen Hessen. Hiervon, und dass keine blosse Simulation vorliege, da der 
Zustand fortwährend abwechselte, überzeugte sich auch der (Gerichtsdirector 
durch seine Besuche im Gefängnisse. Diese Veränderungen hatten sich aber 
schon einige Wochen nach ihrer Verhaftung gezeigt. In Betreff ihrer Dieb- 
stähle hatte sie dem Gefangnen-Inspector erzählt, dass sie „einem unwidersteh- 
lichen Triebe habe folgen müssen, dass sie insbesondere beim Klange von Geld 
ein heftiges Zittern bekommen, und um sich zu beruhigen, alles klingende Geld 
sich angeeignet habe, dass sie sogar in Ermangelung von Geld eiserne Nägel 
gesammelt, in einen Beutel gethan und damit geklingelt habe.* 
Sie erzählte ihm auch von ihrer (auch in einem Briefe ihres Vaters bestätigten) 
magnetischen Kraft, worauf ich noch zurückkomme. Sie war aber immer noch 
vollständig angeldeidet, beschäftigte sich mit Lesen u. s. w. Im December er- 
krankte sie am Bluthusten, stand Tage lang nicht auf, oder ging in einem 
langen weissen Gewand mit herunterhängenden Haaren umher, sie hatte den 
Kopf, über den sie fortwährend klagte, gern hinten übergelehnt und die Augen 
starr auf einen Gegenstand gerichtet, und im Januar traten wirldiche Wahn- 
vorstellungen auf. Sie weinte „unaufhaltsam*' über den vermeintlichen 
Tod ihrer Mutter, sah, besonders Nachts, Geister, die sie erschreckten, behaup- 
tete, dass sie einen Klopfgeist in sich trüge, dass sie sich mit Geistern und 
Leichen unterhalten könne, war in höchster Angst darüber, dass man sie ein- 
mauern wolle u. B. w. Der Gefängnisswärter Otto und seine Frau bestätigen 
dies Benehmen, und schildern einen Vorfall auffallender Art, indem sie eines 
Morgens beim Eintritt in*s (Gefängniss Malwina vor einem Tische sitzend fan- 
den, auf dem sie Papiere zusammengel^äuft , die sie angezündet hatte, so dass 
der Brand schleunigst gelöscht werden musste. Auch der zur Beobachtung re- 

Gatpar, kliuitche Novellen. 17 



258 Gerichüicbe PiychonoMlogie. § 19. Caraistik. 80. FaU. 

qairirte Dr. G. bestätigte die grosse Verändemng in ihrem Verhalten, die er 
▼om 27. Deeember, und die Yerschlimmening, die er yon Anfkngs Jannar da- 
tirt, berichtet, ,das8 sie £EWt gar nicht schlafe, vor sich hin starre, ftst Nichts 
esse und sich gar nicht mehr beschäftige", so dass er nicht umhin kann, ,aa 
eine eingetretene Geistesstörung bei Halwina an glanben*, wobei er triftige 
Gründe gegen die Annahme einer Simulation ergiebt. Es wurde nunmehr fSr 
noth wendig erachtet, die Kranke in eine Irrenheilanstalt untenubringen, und 
wurde sie am 27. Januar c. in die hiesige Königl. Charit^- Anstalt abgeliefert. 
Nach ihren sorgfältigen und lange fortgesetzten Beobachtungen constatlren die 
behandehiden Aerzte, DDr. Ideler und Meyer, in ihrem Gutachten Tom4.d.M. 
bei der Kranken Schmerzen im Kopfe und im Gesicht, die als nervöse charak- 
terisirt werden, einen allgemeinen sogenannten schwindstichtigen habiiusy das 
anfkllsweise Auftreten von Zusammenschnüren des Halses mit Herzklopfen, 
Angst und Athemnoth, die anfallsweise heryorbrechenden Parozysmen yon wirk- 
lichem Wahnsinn, wobei sie einmal ihre eignen Effecten in's Ofenfeuer warf, 
ein andermal Nachts aus dem Bette mit dem Rufe sprang, sie stände in Flam- 
men, die überhaupt sehr häufig gestörten Nächte, ihre Hallucinationen und 
Geistererscheinungen, und gelangen zu dem bestimmten Ausspruch, dass sie 
»geisteskrank*' sei. 

Meine eigene Untersuchung hat die Schilderung des körperlichen Zustandes 
der Malwina durch die genannten Aerzte durchaus bestätigt. Die lang aufge- 
schossene Gestalt des jungen Mädchens, die charakteristische Bläue des sog. 
Weissen im Auge, die feine blonde Hautfarbe mit yerdächtiger lichtröthlicher 
Färbung der Wange, die flache Brust, die Ergebnisse der physikalischen Ex- 
ploration derselben, und endlich die vorangegangenen Anfälle von Bluthusten 
machen es zunächst zweifellos, dass sie eine Anlage zur Brustschwindsucht hat. 
Es ist jedoch hierauf für den Zweck dieser Untersuchung ein erheblicher Werth 
selbstverständlich nicht zu legen. Weit wichtiger aber ist eine andere körper- 
liche Anomalie, welche unbezweifelt bei ihr besteht, ich meine ein hoher Grad 
von nervöser Reizbarkeit. Alles, was die Kranke hierüber vorbringt, hat eine 
innere erfahrungsgemässe Wahrheit, wird zum Theil in den Briefen ihres Va- 
ters, die bis auf ihre Kindheit zurückgehn, bestätigt, und ist hierin, wie in allen 
Ihren Angaben und Handlungen, jeder Verdacht einer blossen Simulation zu 
beseitigen, nicht nur, weil ihr ganzes Erscheinen im Entferntesten nicht an das 
ehies Simulirenden erinnert, sondern weil eine Menge von constatirten That- 
sachen: ihre Unempflndlichkeit gegen Kälte, der Mangel an Schlaf, das so viel- 
fach, auch von mir beobachtete strömende Weinen, die Abwechselungen in den 
Zuständen, der Mangel jedes hervortretenden Widerspruches und endlich das^ 
vollständige Congruiren von Ursache und Wirkung, wie die medicinische Er- 
flihrung es in ähnlichen Fällen bekundet hat, niemals bei blossen Simulanten 
beobachtet werden. In dieser Beziehung ist es als ein wichtiger Beweis ihrer 
hohen Nervenreizbarkeit zu erachten, dass sie schon seit ihren Kinderjahren 
stark magnetisch war, so dass man in ihrer Heimath sie das magnetische 
Mädchen nannte, und mit Fingern auf sie wies. Ein alter Arzt benutzte diese 



Gerichtliche Psychonosologie. § 19. Ca^uistik. 80. Fall. 259 

Eigenschaft, am sie in magnetischen Schlaf zu versetzen, welchen Zustand sie 
als höchst peinlich nnd yerderblich für sie schildert. Diese Reizbarkeit erklärt 
das nnzweifelhafte Vorhandensein eines sehr ausgesprochenen Grades Yon Hyste- 
rie bei ihr, wofür die Symptome: Zusammenschnüren, und, vde sie mir noch ge- 
nauer mittheilte, Gefühl Ton einer Kugel im Halse (der den Aerzten so. wohl be* 
kannte globus Kyiterieus)^ Angst, Herzklopfen n. s. w. unzweideutige Beweise 
geben, das Vorhandensein einer Krankheit also, die, wie keine andere, gleich- 
sam den Uebergang von Körper- zur Geisteskrankheit vermittelt, so dass man 
seit langen Zeiten nicht mit Unrecht von einem „hysterischen Wahnsinn^, 
als von einer eigenthümlichen Geisteskrankheitsform gesprochen hat. Ich bin ' 
nicht gemeint, zu behaupten, dass, weil Malwina eine Hysterische hohem 
Grades, sie deshalb „wahnsinnig** sei oder habe werden müssen, allein es 
genügte, vorläufig das Bestehn einer Krankheit bei ihr festzustellen, welche 
leicht dazu führen kann, und oft dazu führt. Aehnliches gilt von folgenden 
Einflüssen. Wie tief der Verlust ihres Bräutigams sie erschüttert habe, wie 
lebhaft sie ihn noch jetzt betrauert, ist bereits oben angeführt worden. Sie 
versichert glaubwürdig, dass ihre körperliche Gesundheit dadurch tief ergriffen, 
ihr Schlaf mangelhaft, ihre Verdauung träge und daniederliegend geworden, so 
dass sie oft sechs, acht Tage lang ohne Stuhlentleerung geblieben sei. Ihre 
Regeln, früher unregelmässig,* blieben gegen Ende des Jahres 1857 — also um 
die Zeit der ausgeführten Entwendungen — durch vier Monate ganz aus, und 
so sehn wir als festgestellt: dass die angeschuldigten Handlungen begangen 
wurden von einer im hohen Grade nervös exaltirten, von einer psychisch 
auf das Tiefbte erschütterten, endlich von einer körperlich kranken Person. 
Dies aber sind Einflüsse, von denen jeder Einzelne, wie allgemein bekannt, 
geschweige in ihrer Concurrenz, zu geistigen Störungen Veranlassung geben 
kann. Es wird nun aber nicht schwer zu erweisen sein, dass eine solche Wir- 
kung hier thatsächlich eingetreten ist. 

Es hat mit Recht allgemeine Verwunderung erregt, wie eine Person, wie 
diese Malwina, sich zu so gemeinen Vergehn und Verbrechen hat hinreissen 
lasseü können, -die so völlig isolirt in ihrem geistigen Leben da standen, nnd 
sich nirgends an tlrühere sündhafte Tendenzen und Charakterzüge anschlössen, 
so dass Niemand sich bei ihr, wie das alte bezeichnende Wort sagt, „solcher 
Thaten versehn konnte.*' Zu Allem, was bereits über ihre Charakteristik oben 
angeführt worden, füge ich noch die folgende Aussage der Gräfin W. hinzu: 
„vom ersten Augenblicke ihres Eintritts in unser Haus bia zu ihrer Entfernung 
hat sie sich durch eine seltene Pflichttreue, liebreiche Behandlung der Kinder, 
deren volle Zuneigung sie sich erwarb, durch ein feines, gesittetes Benehmen, 
durch Bescheidenheit und eine auffallende Anspruchslosigkeit,, die eifrigste Er- 
füllung meiner Wünsche, Verträglichkeit, ungewöhnliche Geistesgaben und Kennt- 
nisse, einen grossen Fleiss und Ausdauer in Allem, was sie wollte, eine tiefe 
Religiosität und überhaupt in jeder Beziehung sich vortheilhaft ausgezeichnet, 
und sich die Zuneigung Aller erworben.*' Und eine solche Person vergreift 
sich plötzlich fortwährend und auf die hinterlistigste Weise am Eigenthum 

17* 



260 Gerichtliche Psychonosologie. §19. CaBUutik. 30. Fall. 

ihrer Wohlthäter, Freunde, Pflegebefohlenen! Und eine Person von ao „tiefer 
Beligioiität** miflsbraneht den Namen ihrea Gottea nnd Heilanda an einem 
gemeinen Meineid! Hier fehlt der paychologiach-natärliohe nnd nothwendige 
Zoaammenhftng zwiachen Denk- nnd Gefählarermögen nnd den darana hervor- 
gegangenen Handlangen, hier schon aeigt sich eine Klnft, die nnr änageffillt 
werden kann durch die Annahme yon nnfirei machenden Einflüasen. Diese aber 
vrird sehr bestätigt durch die Erwägung eines andern wichtigen Momentes bei 
allen derartigen Fragen, ich meine des Beweggmndes zu den Handinngen des 
Angesehnldigten. Dass Incnlpatin sich nicht durch Habsucht und um sich Yor- 
theile und Genüsse durch das gest<>hlene Geld au verschaffen, zu den Entwen- 
dnagen habe hinreissen lassen, bedarf wohl kaum noch einer Ausfiihruag nach 
Dem, was bereits über ihre Stellung, disponiblen Geldmittel und Gterlngschätaung 
des Geldes bemerkt worden, und wird man hiergegen die ^ auch mir selbst 

— vorgekommenen Fälle von wirklichen zurechnungsfähigen Dieben, die auch 
ohne alle Noth, aber aus allerhand sündhaften Tendenzen stehlen, auf eis so 
Bittenreines und religiöses Snbject, wie Incnlpatin, nicht anwenden wollen. Sie 
selbst aber giebt ^ auch mir gegenüber, und zwar mit der gröasten Ausführ- 
lichkeit — ein Motiv, eine cawa facimmi, an: die Freude am blanken, glänzen- 
den Gelde und am Klange desselben, die sie plötzlich überkommen, und deren 
sie nicht habe Herr werden können, so sehr sie auch dagegen angekämpft habe. 
Noch Jetzt, wo sie sich, wie ich noch anführen werde, in vollständiger Beconvalea- 
cenz befindet, so dass z. B. bei einer Probe (wie sie vermeint), die eine Wärterin 
wohl mit ihr habe machen wollen, indem ne ihr kürzlich Geld auf ihren Tisch 
gelegt, die Versuchung ganz spurlos an ihr vorübergegangen, während sie sich 
firfiher wohl einigemal .den Finger blutig gebissen haben will im Kampfe gegen 
den Trieb *', noch Jetzt, sage ich, spricht sie mit erhöhter Lebhaftigkeit nnd 
erglänzendem Auge und mit einem freudigen Lächeln, ihr Weinen unterbrechend 

— wieder die Annahme einer Simulation ausschliessend — von dem Genüsse, 
den ihr, wenn sie sieb allein befand, das Klingehi mit den Geldstücken, mit den 
Nägeln, mit den Glasscherben, die sie ebenfiüls gesammelt, gewährt habe; 
sich selbst Jetzt über diese Ihr unerklärliche Erscheinung verwundernd. Eben 
so unerklärlich ist ihr Jetzt, nach ihren Aeusserungen gegen mich, das Motiv 
der Besudelung fremder und ihrer eigenen Effecten, zu deren psychologischen 
Erklärung, wenn man auch die Beschmutzung ihres Christuskopfes nur als eine 
List betrachten wollte, in der That nur die Annahme eines Charakters aus- 
reichen würde, der grade der entgegengesetzte des ihrigen sein müaste. Sie 
meint vielmehr. Alles zugestehend, mit dem Ausdruck der Verwunderung, dass 
sie gar nicht wisse, wie sie eigentlich dazu gekommen, wie es ihr auch we- 
nigstens Jetzt unklar ist, ob Schaam oder welche andere Motive sie zu dem 
falschen Eide veranlasst. Auch von dem im Gefängniss angestifteten Brande 

— .denken Sie nur,"? sagte sie mir, .wie schrecklich, ich konnte Ja so leicht 
dadurch um*B Leben kommen, denn es war ein reiner Zn&U, dass der Gefängnias- 
wärter dazu kam^, » auch von diesem Brande, meint sie, eine Unruhe, eine Angat 
habe sie zu diesem (ganz zwecklosen) Unternehmen getrieben. Meinen Vor- 



QerichtlichePsjchonoBologie. §19. Gasuistik. 30. Fall. 261 

halt: daaa sie, nach Lage der Akten, doch anch Einmal eine — nicht klingend« 
— Cassenanweisiing entwendet habe, erwiederte sie inhig mit der Be- 
merkmig, daaa diese sich ja in dem mit baarem Gelde gefülltein Portemonnaie, 
das sie entwenden wollte, befunden habe, und fügt (wahrheitsgemass) hiniOf 
i.ass sie ein rothes Buch im erbrochenen Seoretair der Gräfin, welches sie als 
Tiel Papiergeld enthaltend gekannt, gana theilnahmlos unberührt 
gelassen habe. Unter den tausend anberechenbaren Grillen ond .Yerriickt» 
heiten* bei hysterischen Weibern sind auch solche VerkehrtheitMi schon Tor- 
gekommen. Sie praktisch zu erklären, daan bietet die Wissenschaft noch kein 
Material; denn ich bin weit entfernt, mit nicht wenigen theoretischen Schrift- 
stellern eigene «krankhafte Triebe", so namentlich einen Stehltrieb, einen Brand- 
stiftongsbetrieb u. dgL anzunehmen, Hypothesen, die nichts erkülren und nur 
Worte hinstellen, die Ycrführend, und praktisch schädlich und yerwerflich sind, 
da sie nur zu leicht zu einer ungründlichen Beleuchtung des Einzelfalls ver- 
leiten, auf die allein es bei gerichtsärztlichen derartigen Gutachten ankommt 
Dass geistig Grestörte, die nicht die Macht besitzen, ihren Gelüsten und Trieben 
den Zügel anzulegen, auch stehlen, Feuer anlegen u. s. w., berechtigt noch 
nicht zu obigen Annahmen, wie ich, um nicht zu weitläuftig zu werden, hier 
nicht weiter ausführe, wo, was den Torliegenden FaU anbetrifft, als constatirt 
angesehn werden kann, dass ein wohlbewusstes, als sitten- und gesetzwidrig 
anerkanntes, mit dem Charakter des Thäters übereinstimmendes Motiy dieMal- 
wina bei ihren angeschuldigten Handlungen nicht geleitet habe. 

Ganz und gar die bisherigen Ausführungen bestätigend endlich zeigt sich 
das Benehmen der Inculpatin sowohl vor als nach ihren incrimiiürten Hand- 
lungen. Wenn die Gräfin y. W. sagt: dass der grosse Diebstahl yon c. 100 Thlr. 
im'Noyember aus ihrem yerschlossenen Secretair yon Niemandem als yon Mal- 
wina yerübt sein konnte, da Letztere den Schlüssel zu diesem Sehrank gehabt 
und nur diese auch gewusst habe, dass Geld in demselben lag, wenn die An- 
geschuldigte sich Yon der jüngsten Tochter erst zeigen lässt, wie man den 
Secretair öfiiiet, was obenein nach den Akten wahrscheinlich yor dem letzten 
der yielen Diebstähle, die längst die Auflnerksamkeit des ganzen Hauses erregt 
hatten, geschehn ist, wenn sie innerhalb acht Wochen in rascher Zeitfolge 
zehn Diebstähle ausführt, die nothwendlg auf einen Hausdieb deuten mussten, 
wenn sie eine gestohlene Börse im Ofen, der yon innen geheizt wird, yerbrennt 
u. s. w., so leuchtet ein, wie dringend sie sich mit allen diesen Handlungen 
yerdächtigen musste, die ja auch thartsächlich zur Entdeckung führten, und 
dass eine Person mit ihren ausgezeichneten Geistesgaben als zurechnungsfähige 
Diebin sich nicht so albern benommen haben würde. Dass sie letzteres aber 
nicht gewesen, beweist noch weit schlagender ihr Benehmen nach der Aus- 
führung ihrer Vergehn. Schimpflich als Yerbrecherin aus dem Hause gestossen, 
in welchem sie so lange Verehrung und Zuneigung genossen, nickt sie beim 
AbfUiren den Hausgenossen ein Lebewohl zu, als wenn Nichts yorgefallen wäre, 
bittet sie schon am andern Tage brieflich um Wiederaufhahme, zeigt sie der 
Familie, wie später in 4er Untersuchung, gänzlichen Mangel an Schaam und 



262 Gerichtliche Psychonosologie. §19. Casnistilc. 30. Fall. 

Reue, Ja eine „eisige Kälte'', QefählsäuBsenmgen, die Tollkommeii ihrem Cba- 
rakter widersprechen, folglich (ihrer) Natnr widrig sind, und die Annahme 
nothwendig machen, dass sie ni<;ht mehr sie, dass sie eine Andere geworden 
war. Ihr anfängliches angenblickliches Läugnen kann nicht dagegen angeführt 
werden. Die tägliche Erfahrung zeigt, wie seihst notorisch Wahnsinnige doch 
noch ein donkles „Unterscheidangsyermögen^ (Strafg.-Bnch) behalten, und wie 
gnt sie es verstehn können^ sich erforderlichen Falls durch Lügen und ähnliche 
Mittel am entlasten. 

Bedürfte es nach allem Yoranstehenden noch eines Beweises dafür, dass 
Malwina sur Zeit ihrer Verbrechen sich in einem zurechnungsfähigen Znstande 
nicht, yielmehr in dem einer schon begonnenen Geistesstörung befunden habe, 
so würde die nächste Folgezeit ihn geliefert haben, die die reif gewordene, die 
ausgebildete Geisteskrankheit (schon wenige Wochen nach den letzten 
Diebstählen) so augenscheinlich offenbart hat, wie oben angegeben. In Er- 
wägung dieses Umstandes ist der Schluss ohne Zweifel gerechtfertigt, dass diese, 
Yom Januar datirende Krankheit nur eine Fortsetzung und Steigerung der firühem 
gewesen, und dass diese letztere sie schon „unfähig gemacht habe, die Folgen 
ihrer Handlungea zu überlegen. '^ Durch zweckentsprechende ärztliche Behand- 
lung ist Malwina jetzt, wie bemerkt, bereits auf dem Wege zur Wiederher- 
stellung. Ihre Jetzige Haltung ist, wie die frühere in den Akten geschildert 
wird, ruhig, gemessen, anständig, fkst vornehm, ihre Kleidung und Haartracht 
sauber, ihr Benehmen, ihre Ausdrucksweise ihtem hohen Bildungsgrade ent- 
sprechend, ihr körperliches Befinden wesentlich gebessert; sie beweint ihye Ver- 
irrungen, und wünscht nichts sehnlicher, als, wenn auch nur den bescheidensten 
Posten als Erzieherin wieder zu erhalten, um nur wieder in eine geordnete 
Thätigkeit zu kommen. Ihre Hallucinationen haben sie noch nicht ganz rer- 
lassen, und nur vor wenigen Tagen hat sie Nachts eine Bekannte (Frau v. S.) 
an ihrem Bette sitzen sehn. Sie ist demnach reconvalescent, aber für Jetzt noch 
nicht hergestellt. Bei dem erheblichen Fortschritt ist aber eine völlige Her- 
stellung zu erwarten. Ihre körperliche und geistige Grundconstitution und 
Anlagen werden auch dann natürlich unverändert bleiben, und ärztlicherseits 
würde nicht davor zu bürgen sein, dass neue Gemüthserschütterungen irgend 
welcher Art, oder auch neue körperliche Erkrankungen, wie Functionsstörungen 
u. s. w., nicht einen erneuten Ausbruch geistiger Störung zur Folge haben 
könnten. 

Hiernach beantworte ich die mir vorgelegten Fragen, wie folgt: 
ad 1) dass Malwina Torström gegenwärtig noch geisteskrank ist; 
ad 2) dass sie zur Zeit der Yerübung der Verbrechen und Vergehn, welcher 

sie angeschuldigt ist, sich in einem zurechnungsfähigen Zustande nicht 

befanden habe; 
tid 8) dass, wenn eine Heilung der Krankheit erfolgt, sich nicht mit Gewiss- 

heit oder Wahrscheinlichkeit annehmen lässt, dass bei einer Fortsetzung 

der Untersuchung die T. nicht wiederum geisteskrank werden wird« 



Gerichtliche Psychonosologie. § 20. Aidoiomanle. 263 

Die Obentaatsanwaltflchaft, welche dieB Gatachten erfordert hatte, liess 
hiemach die Anklage fallen, und nachdem Mal w Ina nach einiger Zeit sich als 
Tollständig hergestellt zeigte', erhielt sie Pässe, um in ihre ferne Heimath sn- 
rück zu reisen. 

§20. 
Fortsetzung. 

XI. Ziu* ,,.AJldoioiiEa.xLie**. 

' Der Name dieses „krankhaften Triebes" ist nicht übel erfun- 
den (alSolov, Schaam, Schaamtheil , [xav£a) was von der Erfin- 
dung an sich nicht behauptet werden kann. Wir haben schon 
oben daran erinnert , wie wesentlich sich der Geschlechtstrieb von 
aHen andern natürlichen Trieben unterscheidet, und wie und 
warum derselbe den Character der Unbezwinglichkeit nicht hat, 
welcher den andern eigenthümlich ist. Kein andrer Trieb kann 
deshalb in dem Maasse von Vernunft und Sittengesetz auch 
wirklich gezügelt werden und wird thatsächlich gezügelt, wie der 
Geschlechtstrieb, und das Schaamgefühl, das diesen Zügel an 
die Hand giebt, ist einer der edelsten Vorzüge des Menschen 
vor dem Thiere. Der rohste, pöbelhafteste Mensch, den es 
nichts kostet, seine ekelhaftesten anderweitigen natürlichen Be- 
dürfnisse auf öffentlichem Markt zu befriedigen, zieht sich vor 
den Augen der Menschen zurück, wenn er den Geschlechtstrieb 
beMedigt. Wie in Betreff keines andern natürlichen Triebes 
gilt deshalb unsre sehr einfache Erklärung der sogenannten 
krankhaften Triebe in dem Maasse, wie in Bezug auf den Ge- 
schlechtstrieb, dass er nämlich ungebunden hervortritt, sobald 
die Vernunft den Zügel über ihn nicht mehr zu führen vermag. 
Und jeder Schüler in der Psychonosologie weiss, dass je mehr 
durch geistige Krankheit dieser Zügel verloren geht, je tiefer, 
schwerer, allgemeiner die geistige Erkrankung, so im wahren 
Blödsinn, wie im Tobsuchtswahn, desto mehr und roher, thieri- 
scher der Geschlechtstrieb sein Recht geltend macht, so dass 
das Erlöschen des Schaamgefühls eines der characteristischsten 
Zeichen geistiger Krankheit ist. Dazu kommt die gleichfalls all- 
bekannte krankhafte Erregung des Geschlechtstriebes durch die- 
selbe Gehirnreitzung, die die Geisteskrankheit bedingte, und die 



2^ Gerichtliche Psychonosologie. § 20. Aidoiomanie. 

sich oft schon so früh geltend macht, dass der Irrenarzt mit 
Recht in vielen Fällen nur allein aus ganz ungewohnten ge- 
schlechtlichen Ausschweifungen, denen ein Mensch sich hinzuge- 
ben anfängt, den Verdacht einer aufkeimenden geistigen Krank- 
heit schöpft, die sich sonst noch im Benehmen durch keine 
andre Spur yerräth. Hier ist die Erregung der Geschlechtsnerven 
Wirkung der geistigen Krankheit. Bekanntlich kann aber auch 
das Umgekehrte Statt finden, uÄd eine übermässige fortgesetzte 
Erregung* und Befriedigung der Geschlechtslust Ursache geisti- 
ger Störungen werden, vorzugsweise der Depressions-Formen, 
Stump&inn oder Blödsinn, aber auch, wie ich selbst beobachtet 
habe, des wirklichen Wahnsinns, ja des Tobsuchts-Wahns. Bis 
hierher bewegt sich folglich Alles im reinen, klaren Gebiete der 
Pathologie. Ganz dasselbe gilt endlich von jenen rein patholo- 
gischen Fällen, in welchen materielle, örtliche Krankheitsur- 
sachen die Geschlechtsnerven fortwährend erregen und reitzen^ 
' und dadurch die Geschlechtslust bis aufs krankhafte Extrem der 
Satyriasis und Nymphomanie aufstacheln (§ 18). Alles dies hat 
man zu allen Zeiten gewusst und beachtet, ohne bis in die 
neuste Zeit daran zu denken, einen eigenen mystischen, specifi- 
schen krankhaften Wollusttrieb zu erfinden, einen innem Drang 
und Anreiz beim geistig Gesunden, der denselben zu gesetzwi- 
drigen Handlungen „unbezwinglich" (Falret) hinreissen kann. 
Aber die Anhänger dieser Lehre scheinen sich selbst darüber 
nicht ganz klar geworden zu sein, sehr natürlich, weil die Sache 
an sich eine unklare ist. So identificirt Marc*), einer der 
Hauptverfechter aller dieser Triebe und Suchten, einerseits die 
„Aidoiomanie" gradezu mit der Nymphomanie, wenn er sagt: „die 
Aidoiomanie, welche bei den Weibern als Nymphomanie oder 
Uteromanie, bei den Männern als Satyriasis auftritt, und die 
auch durch gewisse Aphrodisiaca verursacht werden kann, u.s,w.", 
und andrerseits an einer andern Stelle meint: .„die Erotomanie 
und Aidoiomanie sind unstreitig instinctartige Monomanieen (sie!); 
in der Erotomanie spielt das Raisonnement höchstens eine sehr 



*) Die Geisteskrankheiten. Uebers. von Ideler. BerUn 1843. 11 S. 185, 
142 und 150. 



Geriohtliche Psychouosologii'. § 20. Aidoiomanie. 265 

untergeordnete Rolle, in der Aidoiomanie herrscht allein der In- 
stinct*'. Dann ist ihm wieder diese instinctartige Monomanie eine 
ganz gewöhnliche somatische Krankheit mit psychischen Sympto- 
men , etwa z. B- wie eine erysipelatöse meningitts mit Tobsuchts- 
wahn, aus welchem doch noch niemals eine eigene species oder 
eine specifische Wahnsinnsform gemacht worden ist. „In der 
ächten Erotomanie", sagt Marc, „geht die Seelenstörung stets 
Tom Sitz der geistigen Gefühle aus, und sie giebt daher nur eine 
reine Neigung, frei von lüsternen Begierden zu erkenneli (!s. unten 
84. Fall), oder letztere spielen nur eine sehr versteckte und zu- 
fällige Rolle. In der Aidoiomanie herrschen aber diese Begierden 
vor, sei es, dass letztere von einer Reitzung des grossen Ge- 
hirns, oder, nach der Meinung von Gall und Spurzheim, vom 
kleinen Gehirn, als dem leitenden Organe, welches das ausübende 
Oi^an beherrscht, ausgeht; sei es, dass, wie es in sehr zahl- 
reichen Fällen wirklich Statt findet, die Krankheit aus einer ur- 
sprünglichen Reitzung der Geschlechtstheile entsteht, welche auf 
das Gehirn ausstrahlt. Daher verräth sich die Aidoiomanie 
durch lüsterne Reden und Handlungen, welche man bei einem 
wirklichen Erotomanen nicht (!) wahrnimmt'' 1 Und nun giebt 
der Hauptschriftsteller über diese Materie eine ausfuhrliche Pa- 
thologie, Therapie und Casuistik seiner „Aidoiomanie'', in welchen 
kein Unbefangener etwas Andres entdecken wird, als die Scbil« 
derung jener altbekannten Form des Wahnsinns mit hervortre- 
tender geschlechtlicher Aufregung. So ist auch dieser „krankhafte 
Trieb" ein Schatten, wie alle seine Geschwister, eine wesenlose 
theoretische Annahme, ohne wissenschaftlichen Halt und Boden, 
und deshalb verwerflich vom Standpunkt der Wissenschaft, und 
noch weit entschiedener zu verwerfen vom Standpunkt der 
gerichtsärztlichen Praxis. Denn wenn nur das „Herrschen des 
Instincts", oder das „Vorherrschen der lüsternen Begierden", 
möge dasselbe immerhin von einer „Reizung des grossen oder 
kleinen Gehirns" ausgehen, die unbezwingliche „Aidoiomanie" 
constituirt, dann möchte ich wohl wissen, wie ein Anhänger 
solcher Lehre in foro dem ersten besten eines, wegen in auf-* 
geregter Geschlechtshitze begangenen Verbrechens Angeklagten 
entgegentreten könnte, weim derselbe behauptete, er habe nur 



626 GerichtlichePsychonosologie. §31. Casaistik. 81. Fall. 

instinctraässig als Aidoiomane gehandelt! — Das Wesentliche 
für die gerichtlich-medicinische Kritik dieses, wie aller ^krank- 
haften Triebe^ ist hiemach in den kurzen Satz zusammenzu- 
fassen: keine Aidoio-, Klepto-, Pyromanie u. s. w. ohne allge- 
meine Manie, oder geistige Krankheit. Die Wahnsinnigen, 
welche in ihrem Wahnsinn, und weil sie wahnsinnig und des 
Vernunftgebrauchs beraubt sind, und deshalb ihren natürlichen 
Trieben und Neigungen, oder augenblicklichen Anwandlungen den 
Zügel schiessen lassen, und deshalb gesetzwidrige schaamlose, geile 
Handlungen begehn, oder stehlen, oder Eeuer anlegen, sind Wahn- 
sinnige und als solche zu beurtheilen. Und wenn der Angeschul- 
digte unzüchtige Handlungen begangen, Entwendungen gemacht 
oder Brand gelegt hatte, ohne dass sich eine allgemeine Geistes- 
störung bei ihm zeigt, dann war der „krankhafte Trieb** ein sol- 
cher -— wie ihn der betreflfende Paragraph des Strafgesetzbuch^ 
bei diesen Handlungen mit Recht vorgesehn hat! 

Ich lasse hier einige Fälle von geschlechtlichen Verbrechen 
und Vergehn Ton Menschen verübt folgen, deren Geistesstörung 
unzweifelhaft und leicht nachzuweisen war. Nur in dem 34. Falle, 
der als psychologisches Räthsel dem obigen 30. Falle an die 
Seite zu setzen ist, konnte die krankhafte Grundlage zweifelhafte 
erscheinen. Deshalb und wegen der unerhörten Merkwürdigkeit 
auch dieses Falles theile ich ihn unverkürzt mit. 

§ 21. 
Casuistik. 

31. Fall. Unzuoht gegen ein Kind von einem Geisteskranken. 

Dr. med. K, B3 Jahre alt, war bereits zweimal in Irrenhänsem wegen 
GemüthBkrankheit, die in der hiesigen Charit^ als j,hypochondrische Melancho- 
lie*' bezeichnet worden, detinirt gewesen, zu der ihn allem Anschein nach eine 
religiöse Schwärmerei nnd übertriebene Askese, die er auch Jetzt nicht in Ab- 
rede stellte, geführt hat. Neuerlich war er der Unzucht mit einem kleinen 
Mädchen angeschuldigt, und stellte er die That auch nicht in Abrede, yersuchte 
aber dieselbe auf eine sehr wenig geschickte Weise zu beschönigen. Mit sei- 
nem sehr auffallenden snsslichen Wesen und leiser Stimme behauptete er fort- 
während, er habe den Körper des Kindes, angeblich wegen Masemflecken, be- 
sichtigen wollen, und als er denselben nackt gesehn, „sei es über ihn gekommen*. 
Dass er dadurch straffällig geworden, schien ihm nicht einzuleuchten^ wie über- 



(Gerichtliche Psychonosolo^rie. §31. Casaistik. 82. Fall. 267 

haupt am '«einem ganzen Wesen der Eindruck gewonnen wurde, daas man es 
mit einem nicht geheilten Gemäthskrankra, namentlich mit einem Menschen an 
thnn habe', der an einer wirldichen Verwirrung der Vorstellungen laborirte. 
£r sprang charakteristisch vom Hundertsten aufs Tausendste über, und Uess 
auch einzelne Hallucinationen durchblicken. Noth und religiöse Schwärmerei 
waren die Ursachen, die krankmachend auf seinen Qeist gewirkt hatten, und 
in religiöfl-myBtiseben Vorstellungen erschien er noch fortwährend befangen. 
So sehr die 'Gattung des von ihm begangenen Vergehens und die Art und 
Welse, wie er dasselbe ausgeführt, indem er das Kind durch Versprechung von 
Geschenken zu sich gelockt hatte, dafür zu sprechen schien, dass er wohl ge- 
wusst habe, was er that, so konnte doch dies allein für die Beurtheilung seines 
Gemnthszustandes nicht maassgebend sein. Dean für die Annahme einer Zu- 
rechnungsfShigkeit wurde immer noch unter Tielen andern Bedingungen die 
' Torzugsweise g6hi>ren, dass er im Stande gewesen, die Folgen seiner Hand- 
lungen und ihren Zusammenhang mit dem Sitten- und Strafgesetz lüar zu über- 
sehn, und dass er in dieser Klarheit die Macht besessen habe, dem Andringen 
eines sündhaften Gelüstes Widerstand leisten zu können. Die süsslich-weiche, 
sehr entschieden hervortretende Schlaffheit, die das Wesen des Dr. £. charakte- 
risirte, und die schon flrüher in der Irrenanstalt beobachtet worden, und die 
wirkliche yerworrene Unklarheit seiner Vorstellungen bewiesen, dass er Jene 
geistige Macht nicht besessen habe und nicht besitze, und musste er Tielmehr 
als ein Mensch erachtet werden, der für unfähig zu erklären, die Folgen seiner 
Handlungen zu überlegen, d. h. blödsinnig im Sinne des Gesetzes war (§ 40 



82. Fall. Wiederholte Unzuchten und Nothzuoht einer Erwaehsenen von 
einem Wahnsinnigen verübt. Simulation? 

Wer die Fälle vergleichen will, die Marc als Beläge für die «Aidoio- 
manie'* anführt, wird keinen Augenblick darüber in Zweifel sein, dass der in- 
teressante nachfolgende Fall von Marc und allen Anhängern dieser Lehre auch 
und zwar als schlagender Beweis dafür aufgeführt worden wäre, während er 
doch nach gesunder, einfticher Kritik nicht anders zu deuten war^ als nach den 
oben dargelegten Grundsätzen, d. h. als Ergebniss einer, wegen Vemunftberau- 
bung ungezügelt hervortretenden geschlechtlichen Begierde. Der Fall war uns 
von einem Kreisgericht mit der Aufforderung überwiesen, die »Znrechnungs- 
fähigkeit« des Angeschuldigten festzusteUen. Maschinenarbeiter Voigt, seit 
sieben Jahren glücklich verheirathet, war bezichtigt, Anfangs Februar 1869 
auf der Chaussee die unverehelichte 8. zur Erde geworfen, und nun, nachdem 
er auf ihr kniete und mit der lihken Hand ihre Kehle zudrückte, mit der rech- 
ten unter ihre Böcke gefaast zu haben. Es gelang dem Mädchen, um Hülfe zu 
rufen, so .dass Menschen herbeikamen, worauf der Angeklagte sich entfernte. 

Zehn Monate später, am 28. November Abends, soll Voigt kurz hinter- 
einander vier Frauenzimmer in unzüchtiger Absicht überfallen haben. Die 
acht Monate schwangere Wittwe Seeger ging an diesem Abend Wf der ge- 



268 Gerichtliche Psychonosologie. §21. Casnistik. 82. Fall. 

nannten Chaossee, als sie nicht weit von dem Landeck*Bchen Schanklokale, 
welches, wie später ermittelt, der Angescholdifirte soeben verlassen hatte, plöti- 
lich von Letzterm angehalten wurde, der seinen Arm naoh ihr aasstreckte, 
weshalb sie umkehrte. Alsbald fühlte sie sich von hinten an beiden Achseln 
festgehalten, bekam einen Stoss, so dass sie mit dem Gtesicht auf die Erde fiel, 
und fühlte nun einen Mann auf sich Uegen. Derselbe hielt ihr den Mund su, 
während er mit der andern Hand versnobte, ihr die Böcke hoehanhaben. 8ie 
biss in die Hand, die den Mund zuhielt, worauf er noeh versnohte, ihr die 
Kehle zuzuschnüren. Es gelang ihr aber sieh zu befireien und um Hülfe zu 
rufen, und als zwei Männer herbeikamen, lief der Angreifer fort, welcber Nie- 
mand anders als der Angeklagte gewesen sein soll. 

Gegen 9 Uhr desselben Abends ging die verehel. Biesen in Begleitung 
der beiden ll und 14 Jahre alten Schwestern Fisch in die Nähe des genann 
ten Schanklokales, als der Angeklagte rasch hinter ihnen her kam nnd gegen 
die Pauline F. seine beiden Hände wie zum Angriff ausstreckte, worauf diese 
entlief und um Hülfe schrie. Hierauf blies Voigt der verehelichten Biesen 
ihre Laterne aus und fahr ihr mit der Hand über's Gesidiit, nnd verfolgte dann 
die Pauline F., die ihm Jedoch entkam. 

An demselben Abend ging die isjährige Clara Feldheim auf der Chaussee, 
in deren Nähe Voigt wohnte, als ein Mann, in dem sie den Angeklagten re- 
cognosdrt hat, ihr an den rechten Arm fssste, als ob er sie niederwerfen wollte, 
sie entlief aber, noch bis an das Haus verfolgt, in das sie sich flüchtete. 

Etwas später, naoh 10 Uhr, machte der Angeschuldigte einen Angriff auf 
die 57jährige Wittwe Busenhagen, die auf der genannten Strasse ging, als 
■plötzlich Voigt aus der Baumanlage der Chaussee auf sie loskam, nach ihrem 
Kopftuch fasste, sie festhielt, mit der linken Hand über den Böcken an ihre 
Geschlechtstheile griff, und versuchte sie zu Boden zu werfen. Die Zeugin bat 
um Schonung, da sie eine verheirathete Frau sei, und rief um Hülfe. Voigt 
riss sie aber nieder, wodurch Beide zu Boden fielen. Bei ihrem fbrtwähren- 
den Hülferuf drückte er ihr mit der rechten Hand die Gurgel zu, wobei er sie 
an der linken Hand blutig kratzte, und sagte dabei: „Hund, verfluchter, wenn 
Du noch einen Laut von Dir giebst, würge ich Dich ab, wie eine Katze!'' Da 
die Beine beim Niederfallen an der Chausseeböschung auseinander gespreizt 
waren, und die Busenhagen, ihrer Angabe nach, von Schreck und Angst in 
Verwirrung gesetzt war, so gelang es Voigt, mit der linken Hand unter ihre 
Böcke zu kommen, und nun den Beischlaf vollständig mit ihr zu vollziehn, 
worauf er aufstand und sich nacb dem gedachten Schanklokale entfernte. 

Während der Voruntersuchung zeigte der Arzt des Gefängnisses am 
28. Januar 1860 an, dass Voigt in neuster Zeit geisteskrank erschiene, was 
sein unsinniges Schwatzen beweise. Er leide auch an starken Blutwallungen 
und solle die Nächte schlaflos zubringen. Incnlpat wurde hierauf aifi folgenden 
Tage zur Charit^ gesimdt, wo sogleich eine „mama wniUata'* angenommen 
wurde. Er antwortete verkehrt, behauptete der Prinz von Pavillon zu sein, 
wollte nach Paris fahreii, droh^ beim Stehn zusammen 9U sinken, stred^tO 



Gerichtliche PaychonoBOlogie. §21. Casnistik. 83. Fall. 269 

beim Gtohen die Ffiflse taBtend ans, und alle seine Bewesrnngen waren „thea- 
tralisch*. Am 2. Februar fing er plötzlich an zn zittern, fürchtete sieh Yor 
grossen Katzen nnd Mühlsteinen, sah Teufel, nnd schrie nnd tobte ^die ganze 
Nacht dnroh^. Am 3. nnd 4. Februar wurden die Anfälle heftiger, so dass er 
gefesselt werdoi musste, weil er nm sich kratzte nnd biss.* Er erhielt Opium 
und schlief dann ruhiger. Bei später sich steigerndem Verdacht auf Simulation 
erzählte man in setner Nähe, dass Geisteskranke auf Streichen mit der Hand 
alle möglichen Körperbewegungen ausführten. Man machte nun das Experi- 
ment, das Vollkommen gelang. Voigt, der sich bis dahin zum Abtritt hatte 
tragen lassen, führte alle Bewegungen, welche von ihm yerlangt wurden, wenn 
auch „mit theatralischem Widerstreben*" aus. In der folgenden Nacht wech- 
selte wieder Buhe mit heftigem Toben. Am 27. März aber wurde er als „zur 
Zeit sohehtbar Tollständig bei Sinnen und bis auf eine geringe Schwäche ge- 
sund* entlassen. 

Nachdem Ihm am 16. April eröffnet war, dass er in Anklagestand versetzt 
sei, bat er, einen genau nach Namen und Wohnung bezeichneten Entlastungs- 
zengen Torznladen, und nannte den von Ihm gewünschten Vertheidiger. In 
dem Andienztermine vom 24. April aber weiss er Nichts yon den ihm ange- 
schuldigten Thatsachen, weiss aber, dass er am firaglichen Abend keinen Schnurr- 
bart getragen, was die Denuncianten behauptet hatten. 

Ueber seine Persönlichkeit und Antecedentien, namentlich in Betreff seines 
Gemüthszustandes, lag wenig in den Akten Yor. Der Zeuge Brinkmann de- 
ponirte: „so oft ich mit Voigt zusammentraf, habe ich nie wahrgenommen, 
dass er das Gedächtniss verloren hat*. Der Zeuge Stäche hat mit ihm am 
Abend des 28. November, an welchem die oben bezeichneten Unzüchtigkeiten 
ausgeführt wurden, so viel Schnaps getrunken, dass er (Zeuge), nicht aber 
Voigt davon betrunken wurde. Dieser sprang beim Weggehen vom Bett auf, 
auf dem er sass, und wollte seinen Bock zerhauen; warum? weiss Zeuge nicht, 
der übrigens Voigt als einen ordentlichen und fleissigen Mann kennt, der für 
Frau und Kinder sorgt Die Frau schildert Stäche als „jung, nett, kräf- 
tig, gesund nnd stets flrenndlich gegen ihren Mann*. Zeuge Jansen hat an 
Voigt niemals ein auffälliges Benehmen wahrgenommen. Unmittelbar vor der 
That machte er in der Schänke auf den oben genaimten Brinkmann den 
Eindruck eines nüchternen Menschen; er stand „ganz richtig und sicher*. Auch 
der Zeuge Hennemann bemerkte nicht, dass er betrunken war, ebensowenig, 
wie die von ihm genothzüchtigto Wittwe Busenhagen, obgleich er nach 
Branntwein roch. Endlich hat er auch nach der That auf den Zeugen Jan- 
sen nicht den Eindruck eines Betrunkenen gemacht. 

Die zur Begutachtung des Gemüthszustandes des Angeschuldigten zur Au- 
dienz vorgeladenen Sachverständigen, Dr. H. und Kr.-Phys. Dr. K., erklärten 
nach seinem Benehmen seinen geistigen Znstand für sehr zweifelhaft, und wur- 
den deshalb zur Erstattung eines Gutachtens veranlasst. 

„Was mich betrifft, so habe ich den Voigt wiederholt, da der Verdacht 
einer Simulation nicht ausgeschlossen schien, gründlich, sowohl Im Geföngniss, 



272 Gerichtliche PsychonoHologie. §21. Casnistik. SS. n. 84. Fall. 

88. Fall. Unzucht mit einem Kinde von einem Schwachsinnigen vernbt. 

Diesen' Fall berühre ich mit wenigen Worten wegen einer dabei heryor- 
getretenen seltenen psychologischen Erscheinnng. Jeserich, 49 Jahre alt, 
körperlich gesund, war wegen mit einem Kinde getriebener Unzucht yerhaftet. 
Sein Aensseres seigte ein anlßUlend gedrücktes, ängstliches Wesen und eigen- 
thümliche Geberden. Besonders anffüllig aber war es, dass er — wie es die 
Kinder in der ersten Kindheit zn thnn pflegen, ehe der Begriff des 
Ich's ihnen klar geworden — stets von sich in der dritten Person sprach, 
and sich „den Mann" zu nennen pflegte. So sagte er z. B.: „der Mann hat 
überhaupt sehr Tiel Unglück gehabt* — „der Mann hat es oft im Kopf -* 
jySie denken alle so schlecht yon dem Mann** n. s. w. Die Beurtheilnng seines 
Geisteszustandes konnte keinem Zweifel unterliegen. Er musste für „blödsinnig* 
im Sinne des Gesetzes erachtet werden. 

84. Fall. „Aidoiomanie** (!) einer Jnngen vornehmen Dame. 

Der oben (S. 249) erwähnte merkwürdige Fall, dessen Untersuchung und 
Feststellung durch uns eine betrübende criminalistische Yeranlassung hatte. 
Der § 210. 2 des Preuss. Strafgesetzbuchs bedroht mit Zuchthaus bis zu 
ftinfzehn Jahren Den, der , vorsätzlich und widerrechtlich einen Menschen 
einsperrt, oder auf andre Welse des Gebrauchs der persönlichen Freiheit be- 
raubt, wenn die Freiheitsberaubung über einen Monat gedauert hat* (wie sich 
ähnliche Bestimmungen in allen Strafgesetzen finden). Mit dieser entsetzlichen 
Strafe war der achtbare Inhaber einer Privat-Irrenanstalt, Dr. X. zu Z«, be- 
droht, nachdem er verdächtig geworden war, Fräulein Ulrike von Beini- 
kendorf {pseiubnym) als , Geisteskranke* in seine Anstalt aufgenommen, und 
sechszehn Monate lang darin „eingesperrt* gehalten zu haben, während mehr- 
seitig die Yermuthung aufgestellt worden war, dass Ulrike niemals geistes- 
krank gewesen, noch es gegenwärtig (zur Zeit der Anschuldigung) sei. Das 
Kreisgericht zn N. N. sandte mir die voluminösen Akten und zwei Pakete 
Briefe und Tagebücher Ulrikens mit der Aufforderung, die in X. X. lebende 
Dame zu untersuchen und mich dann darüber zu erklären, ob sie zur Zeit der 
Aufhahme in die gedachte Anstalt, am 29. Juni 1856 und während ihres Auf- 
enthalts dort bis zum 3. November 1867 geisteskrank gewesen, und es noch 
Jetzt (März 1858) sei? «Ich will es nunmehr*, berichtete ich, „versuchen, die- 
sen sehr ungewöhnlichen und schwierigen Fall, mit Uebergehnng alles Unwe- 
sentlichen in dem Wüste der Scripturen, im Nachfolgenden psychologisch zn 
entwickeln und aufsuklären. Wenn Ulrike in ihrem Tagebuch vom 2. Sep- 
tember 1866 sagt: ,,ich bin ganz anders, wie man glaubt, von einer ganz 
besondem Sorte und nicht so leicht zu durchschauen**, so giebt sie in diesen 
Worten eine ebenso wahre als richtige allgemeine Characteristik ihrer selbst, 
nnd räumt ein, was die letzten zehn bis zwölf Jahre ihres Lebens nur zn 
vielfach^ thatsächlich erwiesen haben, dass sie in einem wirklich seltenen 



Gerichtliche Psychonosologie. § 21. Casuistik. 84. Fall. 273 

Grade Yerstellangskanst zu üben, und ihre mündlichen und Bchriftlichen 
Aenssemngen dazu zu benutzen versteht, „»ihre Gedanken zu verbergen*'", 
nach dem berüchtigten Ausspruche Tallejrand's, den sie deshalb wiederholt 
in ihren Tagebüchern citirt, und ,,„alB ihr Yorbild*'*' hinstellt. Ich halte es 
nicht für überflüssig, diese Thatsache voranzuschicken, da sie es namentlich 
ist, welche die Urtheile über den geistigen Gesundheitszustand der Ulrike so 
vielseitig bei Eltern, Zeugen, selbst Aerzten schwankend gemacht hat, und 
knüpfe daran sogleich folgende Bemerkung. Es ist Laien, ungebildeten wie 
selbst hoch gebildeten, nicht oder nicht genug bekannt, dass Geistesstörungen, 
selbst nicht in ihren ausgeprägtesten Formen, wie eine dergleichen bei der 
Ulrike zweifellos nicht existirt, keines weges immer die ganze Sphäre der 
Intelligenz so verdunkehi, dass sie dem Kranken ein logisches Denken und 
Aenssem unmöglich machen. Im (Jegentheil ist es eine ziemlich triviale Er- 
flahmng in Irrenhäusern und dgl., Kranke, ja vieljährige und unheilbare Geistes- 
kranke zu sehn, die, nach ihrem Bildungsgrade, klar, ja gewandt und scharf- 
sinnig sprechen und sich äussern , ihre gewohnten Studien fortsetzen u. s. w. 
und einen moralischen Zwang auf sich auszuüben verstehn, mit dem sie ihre 
Wahnvorstellungen vor den Augen der Welt verdecken und verbergen, und 
selbst geübte Irren- und Gerichtsärzte in nicht wenigen Fällen längere Zeit 
täuschen können. Wie selbst berühmte Schriftsteller auf Grund dieser Erflfth- 
rungen sich veranlasst gesehn, eigene sogenannte speciee von Geisteskrankheiten 
aufzustellen, und wie der angeschuldigte Arzt, Dr. X. ja selbst eine Anwen- 
dung dieser (an sich unhaltbaren) vnssenschaftlichen Doctrin auf Ulrike*s 
Fall macht, wenn er in seiner Krankheitsgeschichte von einer mania sine 
delirio bei ihr spricht, ist hier weiter nicht auszuführen, da eine Kritik der 
vorliegenden ärztlichen Gutachten nicht meine Aufgabe ist. Für letztere wird 
es zunächst darauf ankommen, zu zeigen, dass Ulrike nicht immer war, was 
sie jetzt ist, und dass sie und vde sie es vielmehr geworden, womit der 
Lösung der diagnostischen Frage näher getreten wird, ob angebome Character- 
fehler oder erworbene Krankheit den Schlüssel zu ihrem Thun und Treiben 
geliefert haben. *" 

„Ulrike von R., jetzt 36 Jahre alt, ist die Tochter von Eltern, die, 
nach einer neuem characteristischen Aeusserung in ihrem Tagebuch (21. Aug. 
1865) »„am heraldischen Bandwurm leiden, denen das Wappenschild in den 
Gedärmen sitzt und sie kneift'"', und die sie deshalb (1855) gradezu für 
»»unzurechnungsfähig^'' erklärt. Nichtsdestoweniger hat sie firüher ihre Eltern 
geliebt, besonders anscheinend die Mutter, die sie noch in späten Tagebüchern, 
wie in unserm Explorationstermin, gern mit „»Mutterchen"'' titulirt. Ihr 
Vater deponirt (22. März c.}: sie sei (seit 1845) »„bedeutend gegen flrüher ver- 
ändert; während sie vordem ein überaus bescheidenes und nach der Liebe 
ihrer Eltern strebendes Mädchen gewesen, habe sie um die genannte Zeit Un- 
folgsamkeit und Widerspruch gegen die Befehle ihrer Eltern, sogar Zanksucht 
und eine grosse Neigung zum Disputiren und zum Herrschen im älterlichen 
Hause gezeigt. Auch in ihrer äussern Erscheinung wich sie von der frühem 

Gas p«r, klinische Novellen. 18 



274 Gerichtliche Psychonoeologie. § 21. Casnistik. 84. Fall. 

ab, indem sie sich auffallend kleidete, oft eine gewisse Indecenz seigte, 
and die ftühere Sorgsamkeit ihres Anzuges veniachläasigte. Ihr Wesen war 
derartig, dass ich in traulichen Gesprächen zu meiner Frau ab «nd zu äusserte, 
meine Tochter schiene mir zuweilen geistesabwesend zu sein. Diese Verände- 
rung war nicht plötzlich, sondern nur alimählig und nach und nach steigernd 
eingetreten^ *". Es ist sehr wichtig festzuhalten, dass diese Schilderung des 
Vaters noch Tor die Zeit fällt, in welcher ihre bald zu erwähnenden auffal- 
lenden Liebesabenteuer begannen (1847). Erst spät (1865) wurden ihm von 
seiner Gattin die ^hierauf bezüglichen Mittheilungen gemacht, nach denen er 
nunmehr „„in seiner Ansicht, dass Ulrike periodisch geisteskrank sei, noch 
weit mehr bestärkt wurde, zumal sie auch um diese Zeit sich in ihrem Cha- 
racter so sehr geändert hatte, dass er füglich kein andres Urtheil fiUlen 
konnte, denn bei dem geringsten Widerspruch oder der unerheblichBteB Er- 
mahnung der Eltern gerieth sie in solche Heftigkeit, dass sie die betiiibend- 
sten Scenen hervorrief, so z. B. warf sie sich einmal auf die Erde, und schlug 
dabei mit dem Kopf gegen ein Spinde. Zu andern Bfalen rief sie durch hef- 
tiges Schreien und unbändige Geberden die Bewohner des Hauses zusammen, 
oder ii\}uriirte meine Frau in einer Weise , wie es zwischen Kindern und Eltern 
unsers Standes nicht gut vorkommen kann. Solche Beispiele, sagt er, könnte 
ich mehrere anführen^^. Ganz ähnlich, nur etwas weniger lobend und an- 
scheinend um so wahrer und glaubwürdiger, äussert sich die Matter über die 
Jugendzeit ihrer Tochter, wenn sie sagt: „„neben üblen Eigenschaften, wie 
grosser Eigensinn, Trotz und Heftigkeit, zeigte sie doch auch sehr gute, wie 
Aufrichtigkeit, Wahrheitsliebe, Keuschheit; jede Coquetterie, jede Lie- 
belei war ihr fremd, sie blieb unberührt von jeder leidenschaftlichen Em- 
pfindung, wie ich es selbst noch nie gesehn*"*^. Etwa vom Jahre 1850 an aber 
war sie, wie auch die Mutter bestätigt, ,„so aufgeregt, dass der geringste 
Widerspruch sie in die furchtbarste Wuth und in Ausbrüche von schrecklichster 
Heftigkeit versetzte, und ihr ganzes Wesen nach einer Richtung sich kund 
that, wie es bei gesunden Menschen schwerlich der Fall au sein pflegt So 
lag sie im Frühjahr 1854 zweimal, jedesmal 8—14 Tage lang za Bett, ohne 
Etwas zu geniessen, behauptend, dass sie krank sei; gleichwohl verweigerte 
sie jede ärztliche Hülfe, und sprach nur den Wunsch aus, nach Amerika oder 
in die weite Welt zu gehn. Nachdem sie wieder aufgestanden, behauptete sie 
nur von aufregenden Getränken und Speisen, wie z. B. Theo, Kaffee, Wein 
Bettung zu finden, wozu sie überhaupt hinneigte''^, — Was der Justizrath J. 
in seiner Vernehmung über ihr fHiheres Leben aussagt, beruht nur auf Hören- 
sagen, und kann, wie das Betreffende in der ausführlichen Krankengeschichte 
des angeschuldigten Dr. X. ans demselben Grunde übergangen werden, letzteres 
um so mehr, als dessen DarsteUung nicht frei von bedeutenden Uebertreibnngen 
ist, wozu unten ein auffallender Belag geliefert werden wird. JedenfiEills geht 
aus den glaubwürdigen Schilderungen der Eltern Ulrikens die ganz unge* 
mein wichtige Thatsache einer radicalen Veränderung ihres innem Wesen« 
gegen die zwanziger Jahre ihres Lebens hin hervor. Das „^überaufl besohel- 



Gerichtliche Psychonosologie. § 21. Casaistik. 84. Fall. 275 

^ene^*^ MSdchen wird trotzig nnd herrisch, wie sie von Allen, die sie spater 
kannten, fibereinstimmend geschildert wird; die „»nach der Liebe ihrer Eltern 
strebende Tochter*'*' entfremdet sich ihnen nicht nnr, sondern überhäaft sie in 
der Folgezeit immer mehr nnd mehr, wofür ihre Briefe und Tagebücher zahl- 
lose Beläge liefern, mit Beleidigungen und den ärgsten Schmähungen. Ihre 
Yon der Mutter gerühmte „„Wahrheitsliebe nnd Aufrichtigkeit*'" wandelt sich 
in Verstellung, wie schon oben erwähnt, in Lüge und Heuchelei, wovon ihre 
Scripten vielfache Proben geben. So droht sie wiederholt mit Selbstmord — 
„„das Pistol liegt vor mir, ist geladen'"' (Brief vom 26. Mai 1866) und schreibt 
ein Andermal: „„sie dächte nicht an solche extravagante Dummheiten"". Sie 
sehreibt am 10. Mai 1867: „„ich gab in meinen Briefen Reue vor, ohne dass 
ich sie empfand""; sie citirt vielfach in ihrem Tagebuch die Bibel und den 
fhHnmen Dichter Paul Gerhard, und ärgert sich doch (Tageb. v. 27. August 
1866) darüber, „^dass man sie fromm machen wolle, dass sie aber an Nichts 
glaube, mit Einem Worte, die Liebe sei ihre Religion und das Einzige für 
sie auf Erden"". — Und endlich: das „„keusche, jeder Coquetterie, Jeder Lie- 
belei fremde, von jeder leidenschaftlichen Empfindung unberührt gewesene 
Mädchen"" wird, wir werden sehn in welchem Grade! leidenschaftlich und 
wirft sich endlich nacheinander drei Domestiken ihres Hauses und einem jun** 
gen Officier schaamlos an den Hals! Eine solche, von Extrem zu Extrem ge- 
hende Umstimmung des innersten Wesens ist eine Thatsache von entschieden- 
vier psychologischer Bedeutung. Die Essenz des bharacters ist die Beständigkeit. 
Schon im Kinde finden sich alle Contoure zu dem künftigen Character bekanntlich 
vorgezeiehnet; was der Mensch fHih schon war, das bleibt er in weiterer Entwick- 
lung später, und umgekehrt Sehr eigenthümlicheLebenssefaicksale können dies Na- 
turgesetz wohl alteriren; dergleichen trafen aber die Ulrike v. R. nicht, die im 
Hause ihrer Eltern unter stetig gleich bleibenden Verhältnissen und im ruhigsten 
ländlichen Leben jene merkwürdigen Veränderungen erlitt. Jeder erfahrene Psy- 
ehologe denkt in solchem Falle mit Recht sogleich an eine eingetretene Störung der 
geistigen Lebensbahn, denn er weiss, dass in sich unmotivirte Veränderung der 
Sitten, Gewohnheiten, Stimmung, Neigungen sehr häufig eines der fHihsten 
Symptome einer jetzt noch unreifen Seelenstörung sind, die er daraus oft mit 
grosser Sicherheit prognosticirt. Er fragt sich, ob bei Ulrike Gründe vor- 
lagen, welche die allmälige Entstehung einer solchen Störung erklärlich machen 
konnten? Und dies war allerdings der Fall, und zwar hatten Jahrelang — 
wobei ich vrieder absehe von einer Angabe des Dr. X. in der Erankenge- 
sehichte, wonach ein Vetter mtitterlicher Seits sich seit Jahren als Geistes- 
kranker in der Irrenanstalt befinden soll, da diese Angabe sonst nirgends be- 
stätigt ist •— es hatten, sage ich. Jahrelang zwei Einflüsse auf Ulrike ein- 
gewirkt, von denen jeder einzelne geeignet ist, die geistige Gesundheit zu 
stören, ein körperliches und ein geistiges Moment". 

„Was Ersteres betnift, so sagt der gewiss glaubwürdige Krankheltsbe- 
rieht der Mutter (Brief vom 18. Juni 1865), dass anderthalb bis zwei Jahre 
nach dem im 17. Lebensjahre ihrer Tochter erfolgten Eintritt der Regeln die- 

18' 



276 Gerichtliche Psychonosologie. $ 21. Casnistik. 84. FalL 

selben ohne bekannte Yeranlaasung plötzlich anisgeblieben seien. Die friihere 
Gesundheit war nnn gestört Es stellte weh fortwährendes Frostgefühl , rasebe 
Abmagemng, eine (bis heute andauernde) hartnäckige Obstraction ein, ra deren 
Bekämpfung täglich Arzeneien genommen werden müssen, und die Haare 
gingen aus. Nach dreijähriger Cessation traten die menses wieder, aber nur 
einige Male und ohne Besserung des Allgemeinbefindens ein. Es wurden die 
Quellen Yon Carlsbad, Kissingen, Kreutznach ohne wesentlichen Erfolg ge- 
braucht Die Menstruation blieb unregelmässig, und es traten noch Yerdaoungs- 
Bchwäche und Geschwulst der Beine auf. Sie behauptete nur Kaffee, Tbee, 
Wein, Pfeffer, Salz yertragen zu können. Diese Leiden, sagt Dr. X. in seiner 
Krankengeschichte vom 7. December y. J., ,„sind bis auf den heutigen Tag 
beinahe noch ganz dieselben"', und schildert er im Wesentlichen den Körper- 
zustand der Kranken bei der Aufhahme in seine Anstalt (Juni 1856) gani wie 
die Mutter, wenn auch mit noch stärkein Farben, und mit Angaben, wie daas 
Ulrike auch das Schnupfen und Cigarrenrauchen liebte, eine Angabe, die 
sonst in den yorliegenden Akten u.8.w. keine Bestätigung findet. Unzweifel- 
haft aber ist es nach Vorstehendem, dass das Fräulein schon Jahre lang vor 
ihrer ersten auffallenden Extravaganz (s. unten) eine wesentliche und gründ- 
liche Störung ihrer körperlichen Gesundheit erlitten hatte, und zwar eine der- 
artige, wie sie, nach allgemeiner ärztlicher Erfahrung, bei Weibern zu 
Störungen auch der geistigen Functionen Veranlassung geben kann, und in 
nicht seltenen Fällen wirklich giebt. Ob das oben nach dem Berichte der 
Mutter bereits geschilderte, auffallend gegen friiher veränderte Benehmen der 
Tochter, die grosse Heftigkeit , die Abstinenz von Nahrungsmitteln, der Wunsch 
nach Amerika zu gehn u. s. w. bereits auf Rechnung einer solchen geistigen 
Störung, oder nnr auf vorübergehende krankhafte Grillen zu schreiben, mag 
dahingestellt bleiben, da ich weit entfernt bin, aus dem blossen Vorhanden- 
sein einer Körperkrankheit die Nothwendigkeit des Entstehens einer Geistes- 
krankheit folgern zu wollen, ftir welche Letztere noch andre Beweise erbracht 
werden müssten. Nnr die Möglichkeit geistiger Störung aus dieser Ursaehe 
war vorläufig festzustellen. — Zu dieser somatischen gesellte sieh aber Jene 
zweite, oben erwähnte psychische Ursache, die von weit übervriegenderer 
Wichtigkeit ist." 

„Die ausgezeichneten Geistesgaben des Fräuleins v. R. werden von Eltern, 
Verwandten, Freunden allgemein anerkannt. Man kann ihre Briefe, ihre end- 
losen Tagebücher nicht lesen, ohne diese Ueberzeugnng zu theilen, die man 
auch Jetzt noch in längerer Unterhaltung mit ihr gewinnt Sie zeigt überall 
einen scharfen Verstand, Ja ganz entschieden dialektische Schärfe, sie zeigt in 
ihren schriftlichen Aufzeichnungen, dass sie Talent zur Dichtkunst, Ja ein 
wirklich poetisches Gemüth hat, sie ist mit den neuem Sprachen vertraut u. s. w. 
Daher das Uebergewicht, das sie von Je im elterlichen Hause hatte, und aus 
diesem Grunde ist wohl die bedauerliche Thatsache zu erklären, dass diese 
seltenen Geistesgaben bei der Erziehung nicht in die rechten Bahnen geleitet 
worden. Sie mnss, sich selbst fiberlassen, namentlich in eine wahre Lesewuth 



GeriehtUche PsychonoBologie. §21. CasniBtik. 34. Fall. 277 

gerathen 8€m, wofür ihre unzähligen Citate Zeagniss geben, nnd leider! griff 
sie zur Befriedigung ihres so regen geistigen Bedürfnisses zu den allerverschie- 
densten Lesestoffen, wie man es, wie so Vieles bei diesem merkwürdigen Subject, 
nicht häufig finden wird. Die Bibel nnd Roussean's nouvelle Helotse, Paul 
Gerhard und Heinrich Heine, ganz vorzüglich aber, wie aus ihren Citaten 
henrorgeht, die aufregendsten und exaltirendsten Erzeugnisse der neusten fran- 
zösischen und englischen Romanenliteratur beschäftigen sie. Sie wird über- 
stndirt, überspannt. Je mehr ihre Lectüre ihren Ideenkreis erweitert, ihr poe- 
tisches Qemnth aufheizt, desto drückender muss der ohnedies von körperlicher 
Krankheit Verstimmten die innere Einsamkeit werden, in der sie sich auf dem 
Lande nnd bei^ ihren ruhigen und strengen Eltern fühlt, wofür der schon so 
firüh (d. h. sechs Jahre vor der für mich in Frage stehenden Zeit ihrer Auf- 
nahme in die X.'sche Anstalt) ausgesprochene, für ein Schlesisches adeliges Land- 
fräulein gewiss auffallende Wunsch, nach Amerika zu gehn, einen Beweis liefert. 
Dass ein solches, Jahre laug fortgesetztes geistiges Treiben, zumal bei einer 
dazu Disponirten, zur Geisteskrankheit führen kann, ist so ajlgemein bekannt, 
dass ich dabei nicht länger verweile, um so weniger, als es sich immer Widder 
tngt: ob es dazu geführt hat?'* 



»So war Ulrike v. R. ursprünglich gewesen, so war sie später geworden, 
als mit Anfangs 1847 die fast unerhörten Begebnisse sich ereigneten, die Ver- 
anlassung zu dieser Untersuchung geworden sind. Anfangs Januar Jenes Jahres 
war sie beim Schlittschuhlaufen eingebrochen und der Bediente des Hauses, 
Julius, hatte ihr das Leben gerettet. Diese That ward angeblich Veranlassung 
dazu, dass sie eine Neigung zu diesem Menschen fasste, von welcher die Mutter 
jedoch, in Erwägung der spätem Erlebnisse sehr glaubhaft, äussert, dass diese 
Neigung schon Monate vorher entstanden gewesen, wie sie denn Jetzt selbst 
einräumt, ihm »„schon vorher gut gewesen zu sein.^^ Julius wurde natürlich 
entfernt, und sein Jüngerer Bruder Albert in den Dienst genommen, ein Bursche 
von 18 Jahren. Nach etwa l^ Jahren bemerkte die Mutter, dass ihre Tochter 
diesen Burschen wieder auszeichnete, ihm Esswaaren u. dgl. zusteckte, und 
auf ihren endlichen Vorhalt gestand sie derselben die „finnige Neigung*" zu 
Albert, „adle Jedoch rein geistiger Art sei.'*'' Im Herbst 1861 wurde Albert 
zum Militair eingezogen. Die Trennung von ihm, sagt die Mutter, „„machte 
sie einer Rasenden gleich, indem sie verzweifelnd hin und her lief, und weinte 
und schrie."*' Die Vorwürfe der Mutter machten sie nur noch heftiger, und sie 
warf ihr Grausamkeit vor, dass sie »»ein so reines Verhältniss"'' nicht gestatten 
wolle. Es folgte hierauf später ein Verhältniss zu dem Lieutenant v. F., den 
sie »»leidenschaftlich liebte''", und während welcher Liebe sie „»Julius und 
Albert völlig vergessen*" haben will. In diesem Verhältniss fiel das höchst 
auffallende Ereigniss vor, von welchem in den Correspondenzen und Tagebüchern 
die Rede ist, und worüber sie sich in unserm Explorationstermin dahin aus^e- 



278 Gericlitliclie Pgychonosologie. §21. Cafinistik. S4.FaU 

lassen hat Angeblich, nm dem Herrn v. F. ihr Tagebuch an überbringen, hatte 
sie einen Besuch bei ihm beschlossen. Sie nahm zn diesem Zweck Kleider 
ihres Bruders in ihr Schlafzimmer, in welchem sie mit Mutter und Schwester 
schlief, yerliess Nachts ihr Lager, kleidete sich als Mann, „,am nicht erkannt 
zu werden'"', und ging Nachts drei Viertel Meilen Weges au dem 
Hanse des ?. F. Sie traf denselben nicht anwesend und setzte sich, wie sie 
uns berichtete, auf eine Bank dem Hause gegenüber, um ihn zn erwarten. 
Dies war vergeblich; gegen Morgen trat sie den Rückweg an, legte sich wieder 
in's Bett, und bejahte am andern Morgen die Frage der Mutter, die vermeinte, 
sie in der Nacht unruhig gehört zn haben, dass sie Zahnschmerzen gehabt. Sie 
setzte nunmehr ihren Geliebten schriftlich von ihrem Vorhaben in Kenntniss, und 
wiederholte gleich in der folgenden Nacht ganz dieselben Schritte. 
F. erwartete sie in seinem Zimmer, und hat hier, wie sie auf meine Frage im 
Termine einräumte, ^„ihr Vertrauen gemissbraucht"* Qleich darauf trennten 
sich die Familien, und ,„das Verhältniss war zu Ende.^^ Meine Frage: ob 
auch diese Neigung noch in ihr fortdauere? beantwortete sie kurz mit: ,„er 
ist jetzt verheirathet.'"' — Endlich noch entdeckte die Mutter im März 1855 
wieder ein neues LiebesverhältDlBS zu Carl, dem jetzigen iGjährigeu Bedienten 
ihres Hauses! Auch diese Neigung wurde eine höchst leidenschaftliche, wie 
ihre zahllosen hyperpoetischen, hyperexaltirten Tagebuchsergüsse, betreffend 
ihre Liebe zu Julius, Albert, v. F. und Carl beweisen. Ihr ganzes Benehmen, 
bei dem sie sich sogar nicht entblödete, ihren Eltern gegenüber mit Anträgen 
zur Ehe mit dem Bedienten Julius, oder' Albert, den sie »»eben so gern 
geheirathet haben würde, als Jenen '^'', hervorzutreten, veranlasste endlich die 
Eltern, sie aus dem Hause zu entfernen, und zunächst sie (September 1855) 
einem Onkel, dem Qeneral v. 0. in N. zur Pflege und Aufsicht zu übersenden. 
Anfangs, sagt dieser ZQuge, ging hier Alles ganz gut, später aber Hess sie ihrer 
9 „Eigenwilligkeit und Neigungen, die man nicht billigen konnte^ ^, Arelen Lauf, 
und schon im nächsten Winter verliess sie auf ihren, wie des Onkels Wunsch 
dessen Haus. Ueber sein Gesammturtheil über sie befragt, äussert der General: 
^„dass er sie nicht für vollkommen zurechnungsfähig halte.'''' Vom März bis Juni 
1856 brachte sie hierauf im Hause des Pastors O. zu, wo sich aber ein irgend 
haltbares Verhältniss nicht herstellen Hess, so dass auf ihr drängendes Bitten sie 
dies Haus schon nach so kurzer Zeit wieder verliess, indem der Dr. X., der 
Inhaber einer concessionirten Privat - Irrenheil - und Pflegeanstalt in Z., mit 
welchem die Eltern in Correspondenz getreten waren, sie von dort am 27. Juni 
1866 abholte, um sie, auf den Wunsch der Eltern, als „«Pensionairin'"' in seine 
Familie aufzunehmen. Dieser Schritt ist dief Veranlassung zu der gegenwärtigen 
Voruntersuchung wider X. geworden, wie bereits im Eingange gesagt worden. 
Dr. X., der die Ansicht von einer, bei Ulrike bestehenden geistigen Störung 
entschieden festhält, während er sie allerdings zur Zeit der Aufnahme in sein/e 
Anstillt nur erst als „„auf der Grenze zwischen geistiger Gesundheit und geistiger 
Krankheit stehend"" anerkannte, schildert ihren Anzug auf der Reise nach seiner 



Gerichtliche Psyclionosolog^ie. $21. Casnistik. 34. Fall. 279 

Anstalt als in der That aufs Höchste anfallend, so dass sie ihm den Eindruck 
einer „„vagahondirenden Schauspielerin'''* machte. Sie trug angeblich nur Einen 
Unterrock, und zwar diesen mn die Oberschenkel gegürtet, so dass Unter- 
leib und Geschlechtstheile nur vom Kleide und Hemde bedeckt 
waren, sie trug auf dem Kopfe einen „„zerknitterten Strohhut"*' mit Terblassten 
B&iunen, in einer Hand einen Spiegel und einen Reitstock, in der andern einen 
Sonnensehirm, im Auge eine Kneiflorgnette u. s. w. Die Reisebegleiterin, Wär- 
terin W., bestätigt dies, freilich nur zum Theil, während das Fräulein selbst 
im Ezplorationstermin das Tragen dieser Tracht, sowie alle ähnlichen Behaup- 
tungen des Angeschuldigten, entschieden in Abrede gestellt hat. Ich habe -bereits 
angeführt, warum die Angaben des Dr. X. nur mit grosser Vorsicht aufzunehmen 
sind, da er sich unbestreitbarer Uebertreibuugen schuldig gemacht hat. So 
findet seine gewiss hochwichtige Angabe: „„dass sie sich in die schmutzigen 
Betten der Knechte auf dem Hofe ihres Vaters legte, um dort deren Umar- 
mungen zu erwarten'"', weder in den Akten, noch in den zahlreichen Cor- 
respondenzen, noch in den Tagebüchern auch nur den geringsten Anhalt. Ans 
andern Gründen lege ich nicht den geringsten Werth auf die Depositionen der 
vernommenen Domestiken und Krankenwärterinnen der X.'schen Anstalt, da 
dies wissenschaftlich nicht urtheilsfähige Zeugen in einer so schwierigen Sache 
sind, und überdies Ezplorata auch aus Gründen des persönlichen Verhältnisses 
der Zeugen zu X. deren Aussagen nicht unglaubwürdig bemängelt. Dagegen 
wäre es ungerechtfertigt^ den Angaben des Dr. X. über den körperlichen Zu- 
stand der Ulrike zur Zeit der Aufhahme bei ihm zu misstrauen. Wesentlich 
sagt er in dieser Beziehung, dass sie einen starren, wilden Blick gehabt, scharfe 
Sinnesftinetionen, schmutzig gelbe Gesichtsfarbe, im Gesicht einen Kupferaus- 
sohlag, einen sehr üblen Geruch aus dem Munde, rauhe, trockne Haut, stets 
kalte Hände und „„etwas Cachectisches"" in ihrer ganzen Erscheinung. Sie 
trank ausserordentlich viel Wasser, hatte noch immer den frühem Appetit auf 
Salz, Pfeffer, Essig, scharfe Dinge, Schnaps, starken Kaffee und Thee, jiebte 
den Schnupftaback, hatte häufig bodensatzigen, übelriechenden Urin und litt 
fortwährend an den eingewurzelten Obstructionen u. s. w. Im Explorations- 
termin habe ich die Untersuchte in Beziehung auf Puls- und Herzschlag, Ge- 
sichtsforbe, Beschaffenheit der Zunge und des Athems, Beschaffenheit des Unter- 
leibes beim Palpiren ganz gesund befunden, wie sie denn auch angiebt, sich 
körperlich, bis auf die Leibesverstopfungen, ganz gesund zu fühlen, auch an- 
geblich die menses Jetzt geregelt sind. Nur ein Rest des Kupferausschlages ist 
im Gesicht noch jetzt wahrnehmbar. Das vom Dr. X. angegebene Kältegefühl, 
die Scheu vor dem Sonnenlicht, und eine, im Winter 1856 hervorgetretene 
Sucht, ihr Zimmer zu überheizen, und zwar selbst auf auffallende Weise das 
Einheizen zu besorgen, woraus der Dr. X. nicht Anstand nimmt, „„beinahe 
eine Pyromanie"" zu deduciren (!!), die behaupteten kleinen Diebereien von 
einem Messer, von Zucker und Streichlichtem u. dgl. m. stellte sie im Termin 
entschieden in Abrede, und erklärte die bezüglichen Thatsachen auf eine nicht 
anglaubwürdige Weise. Anfangs glaubte Dr. X. an eine Heilung denken zu 



280 Gerichtliche Psychonosologie. §21. Casulstik. 34. Fall. 

können, ja er erklärte sie am 15. Jannar 1857 sogar für „»geheilt.^** Bald 
aber sah er seinen „„Irrthnni'"' ein, und fügt hierauf bezüglich die wichtige 
Bemerkung in der Krankengeschichte hinzu: dass sie „„Tage- und Wochenlang 
eine durchaus Andre erschien, fügsam, ruhig, harmlos, und dass dann plötzlich 
paroxysmen weise die Verkehrtheiten wiederkehrten.'''' Der Dr. X. wünschte 
endlich selbst, die lästige und nicht zu zügelnde Kranke, bei der auch Ein- 
sperren u. dgl. nicht half, aus seiner Anstalt entfernt zu sehn; den bezüglichen 
Correst>ondenzen mit ihren sich entschieden dagegen stränbenden Eltern aber 
wurde dadurch ein Ziel gesetzt, dass dieselbe am 8. November 1867 heimlich 
ans der Anstalt entwischte, und sich zu einem Fremden flüchtete, der sie freniid- 
lich aufnahm. ^ 



„Von ärztlichen Zeugnissen liegen, ausser denen des Angeschuldigten, noch 
die des Königl. Kreisphysikus Dr. T., und des Königl. Reg.-Med.-Bathes Dr. R. 
in den Akten vor. Ersterer äussert sich in einem Briefe vom 22. October 1857 
dahin: dass Ulrike „,im Juridischen Sinne für alle ihre Handlungen verant- 
wortlich gemacht werden könne""; es ist, sagt er, „„nur eine moralische Ab- 
weichung, Krankheit will ich es nennen, aber im gerichtlichen Sinne keine 
Geisteskrankheit. Gu isla in nennt diesen Zustand ruhige Manie ohne Deli- 
rium*'", und in seinem amtsärztlichen Atteste de eod. findet er „„keinen Grund, 
sie juridisch für geisteskrank zu erklären"". Und in seiner protocollarischen 
Vernehmung vom 12. November 1857 äusserte er sich dahin, dass er dasFriUi- 
lein V. R. „„früher und jetzt nicht körperlich krank und vollständig zurech- 
nungsfähig befunden habe, so dass sie als Irre nicht zu betrachten sei*<", wo- 
bei jedoch zu bemerken, dass er in seinem Bericht vom 38. desselben Monats 
erklärt, „„dass er den körperlichen Zustand derselben zur Zeit der Aufhahme 
in die Anstalt"" (also „„früher"") nicht untersucht habe, folglich darüber 
Nichts bekunden könne." — Herr Dr. R. ist nach seiner Untersuchung zu der 
Ueberzengung gelangt: „„dass sie vollständig zurechnungsfähig, und auch wäh- 
rend der Behandlung durch den Dr. X. weder wahn- noch blödsinnig gewesen 
ist, dass aber die ihr zu Theil gewordene Behandlung wohl geeignet gewesen, 
eine Geisteskrankheit bei ihr hervorzurufen"^. Ich bin nicht in der Lage, die- 
sen Zeugnissen beitreten zu können. Einmal nämlich ist meine Aufgabe, nach 
dem Anschreiben des Königl. Kreisgerichtes, nicht die, zu bestimmen, „„ob das 
Fräulein im juristischen Sinne wahn- oder blödsinnig gewesen, resp. noch 
ist, sondern ob dies im wissenschaftlichen Sinne der Fall"", wonach ich 
also, wie es auch in dem Zwecke dieses Gutachtens natürlich begründet ist, 
von der landrechtlichen, resp. strafrechtlichen Terminologie ganz und gar ab- 
sehn kann und werde. Andrerseits sind mir, auf meinen ausdrücklichen An- 
trag, wichtige Informationsquellen zur Einsicht verstattet worden, die den ge- 
nannten Aerzten nicht zu Gebote standen, und die doch die wichtigsten Auf- 
schlüsse über den fraglichen Geisteszustand liefern, ich meine Ulriken s Jahre' 
lang tort^^esetzte Tagebücher, die ich als das erheblichste Zeugniss über die 



Gerichtliche Psycbonosolofirie. {21. Casaistik. 84. Fall. 281 

Schrelbeiin erachten miue. Diese endlosen BUttter, geschrieben mit Jener Pro- 
lixität, die Jedem anifollen mnss, der ähnliehe Schriftergüsse Geisteskranker 
kennt, sind zwar auch mit Yorsicht an würdigen. Denn viele dieser Blätter 
sind nicht so ganz freiwillige und anabsichtliche Ergüsse, yielmehr ostensible 
Schriftstücke, z. B. bestimmt — was auch geschehn — der Freandin „„Ulla^'' 
Yorgelesen, oder dem oben genannten Geliebten, Herrn y. F., mitgetheilt zu 
werden, ond dieser Theil der Tagebücher hat bei einer Person, die eine solche 
Meisterin der Yerstellangskanst ist, nicht mehr Werth, als ihre Briefe nnd 
mündlichen Aenssemngen. Desto mehr jener Theil dieser Schriften, in wel- 
chem man die Schreiberin gleichsam belauscht, nnd der einen Einblick in ihre 
geistigen Operationen gewährt." 

„In diesen Tagebüchern ist zunächst mir Folgendes auffallend gewesen. 
Man hat yon aUen betheiligten Seiten die moralische Verworfenheit, die sich 
in den Liebesyerhaltnissen des Fräuleins kund gab, ganz besonders nnd yor- 
zngsweise heryorgehoben, und sich anscheinend mit Becht veranlasst geglaubt' 
als Quelle derselben eine gemeine Sinnlichkeit anzunehmen, eine sit venia verbo 
Mannstollheit, die mit den oben geschilderten auifollenden Charaktereigenthüm- 
lichkeiten wohl einen unbändigen, widerwärtigen, überspannten weiblichen Cha- 
rakter, eine moderne emancipirte Romanheldin, aber nicht eine Geisteskranke, 
„,die man in ein Tollhaus sperren darf**", bezeichnete. Für eine von wirklicher 
gemeiner Sinneslust Beherrschte aber mnss es höchlichst auffallen, dass in ihren 
geheimen Tagebüchern nie und nirgends auch nur mit Einem Worte yon 
sinnlich-erotischen Gegenständen die Bede ist. Ich spreche nicht von pöbel- 
haften Ausdrücken, aber auch nur Worte wie Kuss, Umarmung u. dergi. wird 
man vergebens suchen in den prolixen Ergüssen, in denen sie in allen Sprachen 
yon ihrem vergangenen Liebesgifick mit den Bedienten in den emphatischsten 
Ausdrücken redet. Ist dies erfahrungsgemäss nicht die Art eines wollüstigen, 
,, mannstollen*"' WeibCjS, so spricht dagegen noch eine andere merkwürdige 
Thatsache. Wenn das, in seiner Wahl nicht schwierige, geschlechtshitzige 
Fräulein drei Bedienten ihres Hauses „„verführen«*«* konnte, so ist es zu ver- 
wundem, dass selbst Dr. X., der, wie bemerkt, von Hörensagen sie sich sogar 
zu den schmutzigen Knechten in die Betten legen lässt, nicht anzuführen weiss, 
dasa sie auch nur ein einziges Mal einen Versuch gemacht hätte, ein Liebes- 
verhältniss mit seinem in seiner Anstalt dienenden 25jährigen Kutscher, oder 
mit seinem 80jährigen Bedienten anzuknüpfen, sowie dass General v. 0., in 
dessen Hause Ulrike zwei junge 20jährige, adlige Zwillingsbrüder fftnd, gleich- 
falls kein Wort über ein Verhältniss mit diesen jungen Leuten deponirt. Solche 
Thatsachen sprechen, was hier keiner Ausführung bedarf, für sich selbst, und 
machen das anscheinend Unglaubliche glaubhaft, wenn Explorata in allen ihren 
zahllosen Briefen und Tagebüchern, wie auf unsere Frage im Ezplorations- 
termin auf das Feierlichste und Consequenteste fortwährend behauptet, das 
Verhältniss zu den Bedienten Julius, Albert und Carl sei ein „„reines«*'' ge- 
wesen und geblieben, und es sei „„nie zum Aeussersten gekommen«**. Verstärkt 
wird diese Glaubwürdigkeit durch ihr offenes Geständniss, dass es sich mit dem 



282 Gerichtliche PsyehoDMOlogte. §21. Casnigtik. 84. Fall. 

Lientenaut v. F. anders Terhalten und daM dieser „„ihrTertrauen gemissbraueht 
habe**^, wogegen sie gegen den Vergleich mit Catharina n., den der Dr. T. 
gemacht, protestirt, die sie für eine „„gemeine Fran*"^ erklärt. War es hier- 
nach, wovon ich nach allem Vorstehenden überzeugt bin, nicht gemeine Wol- 
lust, die sie nach einander zu den drei Bedienten hinzog, so ergiebt sieh ein 
nar um so. auffallenderes, aber auch bedentungsTOlleres Verhältniss. Es war 
das, mit seinen überschwängliehen, exaltirten Empfindungen, Anschauungen, 
Reflexionen uu strengen, väterlichen Hause allein stehende, dmrch wirres Durch- 
einaaderlesen von Bomanen und Poesien überspannte, 2^ährige, körperlich 
kränke, nervenkranke Mädchen (a. oben), das mehr Nahrung für ihre glühende 
Phantasie, als für ihren Körper suchte, und diese in dem, wie sie oft genug sagt, 
„«platMHBChen'''' Verhältnis» zu den Dienern fand. So erklärt sich ihr Wunsch 
und Antrag, Albert oder Julius heirathen zu wollen, psychologisch einfacher, 
als durch die Annahme eines Dranges, irgend einen Mann, gleichviel welchen, 
besitzen zu wollen, wie er eine geschlechtssüehtige Dirne charakterfeiren 
würde, was die v. B. nicht ist. Daas sie sich ein einziges Mal einem eben- 
bürtigen Liebhaber preisgegeben, von dem sie selbst im Termin äusserte, dass 
er dreister gewesen, als ihre gemeinen Geliebten, stempelte sie gewiss noch 
nicht zur Messaline, als welche man sie hat gelten lassen wollen. Wohl aber 
beweisen diese Thatsachen ihres innem Lebens, wie die oben erzäUte zwei- 
malige nächtliche Expedition in Mannskleidem, die nur wie durch ein Wunder 
der strengen Mutter in jenen Nächten unbemerkt geblieben, die überreiste 
Stimmung ihres Gemüths, beweisen, dass Ulrike schon viele Jahre vor ihrer 
Aufnahme in die X.'sche Anstalt mindestens auf der Grenze zwischen geistiger 
Gesundheit und Krankheit stand.*' 

„Wenn ich oben ausgeführt, dass und welche Momente auf sie eingewirkt, 
die geeignet waren, eine geistige Störung bei ihr hervoncumfen, wenn wir sie 
hier schon auf der Grenze derselben angelangt sehen, so hoffe ich weitw be- 
weisen zu können, daas sie diese Grenze später überschritten habe. Der hier 
in Frage stehende Termin ist der 29. Juni 1856, der Tag ihrer Anltaahme in 
die gedachte Anstalt. Aber schon zehn Jahre früher zeigen ihre Tagebüoher 
ein wirres, wüstes, unsinniges Durcheinander von gewöhnlichen Tagesereignissen, 
Versen, Expectorationen, Auszügen aus Bomanen und unverständlichen Phrasen. 
Ich lasse jetzt in einigen Auszügen diese Tagebücher sprechen, die einen 
beweisendem Einblick in ihr Inneres auch dem Nichtarzt gewähren, als alle 
meine Deductionen ihn zu geben vermöchten. Schon am 6. Februar 1846 
schreibt sie: ^„Donald Gaind Donald Dhu Malai Mahne und Findley, Nun 
wer klopft an meine Thür? Hedwig iiess sich prügeln und sah nach den 
Marktleuten. Sie muss es doch sehr gewohnt gewesen sein. Aber pfüi! Das 
gehört hier nicht her. Nellol Nello!!^'' — Am 7. März desselben Jahres: 
„„Man kann mich nicht beleidigen. Buenos dios navtgadores. Wie faerrlioh, 
wie einzig schön klingt das, aber guten Morgen klingt doch noch schöner. 
Wie? Du ziehst das Spanisehe dem Deutsch^i vor? Yw Consuelo de mia 
Alma, GoTisuelo; o Gott, wann hab* ich das? Cunabre, Cynabre^*^, — Am 



OerkhUtche Pgychonosologie. § 21. CaBoistik. S4. FrIL 

13. Felmiftr 1847 (Jalins war ziim Militairdieiist elngezocren worden): „ „wo- 
von iot mir der Kviid so ausgeschlagen? Die kleine Katse seheint es zu wissen. 
In Gedanken, o ja, da hab' ich das oft gethan'«'' (lln Gedanken, also nicht 
in der Wirklichkeit 1) «„Morgen kommt Militair dnrch, dann will ich mit. 
Also du wärst wohl gern Soldat? Ueber*s Jahr am diese Zeit, das letzte 
Ende*'"'. Sie beklagt den Abgang Yon Julius und die „„piainrs, trantporU, 
dottces extase», momens dilicieus, ravissements cilestes, me$ uniques amour$, 
ApwMtfT (!!) et ckarme de ma tfie*"** u. s. w. Am 19. Februar desselben Jahres: 
,„0 Gott im Himmel, ich danke Dir, dass dieser SonneabHck mich traf. Wie 
lange hat der TorfiKhnppen da gestanden? 5 Jahr. Ich spiele Klavier. Ein 
Bergsehotte schwärmt nie. Er sah, dass ich laGhelte**^ u s. w. — Am 25. ej. 
,„Du siehat m» blass aus, da ward er roth. Nachtmützen? Ich ftihre mit, weil 
~- der Mond scheint, und unter dem Tambour sitzt ein Hund^"*. ~- Am 
IQ. März 9. nrJ>^^ König rief, und Alle, Alle kamen''''. (Bezieht sich wohl 
auf Julius* Abgang, kommt aber im Februar und März drei- bis yiermal 
ohne alten Zusammenhang mitten hineingeworfen vor). - Am 12. März ej,: 
„„heut ist der 12. März. 12, 16, 20, seid stille, stille''''! — Am 4. April ej,: 
„„dieser Ostertag fingt grade so an, wie der damals endete. AUa nobar. 
Dwgias, denke an Murad Bey*"". (Der sehr hänflg yorkommende „,,Dougl(U*^^ 
ist sie selbst. Die Dougias, sagt sie im Termin, führen ein blutendes Herz 
im Wappen!) — Am 26. April: „nioh habe mich heute zu Kaiser Franz 
Regiment gemeldet"*. 

„Noch mehr! Schon im Jahre 1847 finden sich deutliche Spuren von Sin- 
nestäuschungen (Hallucinationen), dem bekannten , wichtigen Sjinptom wahnsin- 
niger Geistesstörung. So schreibt sie am 16. Mai 1S47: „, Nachts, sobald es 
elf geschlagen, hört man plötzlich hintereinander zwei bis drei Thiiren auf- 
springen. Bald darauf geht etwas ganz leise vom Entree bis zur Speisekammer, 
da bleibt es plötzlich stehn, bis es zwölf schlägt, dann geht es eben so leise 
wieder fort"". ~- Am 1. November ej,: «„Zuweilen ist mir, als wenn Gespen- 
ster und Phantaaiegebilde und alle Teufel der Hölle um den Leichnam meines 
Geistee losen wollten^**. ~ Am 18. October 18 49: nnWenn ich weiter stricken 
werde, dann ist es schon x Oime'*^\ (Dies ^^x Oime^^l wiederholt sich meh* 
reremale in diesem Monat), „n^ch höre ein Klopfen. LaTendelbläthchen, 
duftet Ihr noch? Es sind nun bald 4 Jahre, dass hier yerschlossen sind. Vier 
Jahre! und noch nicht länger. Es soll ja gespukt haben in dieser Nacht"". — 
Am 23. October ef.i „»was ist das ftir ein reizendes Bild! Ich sehe es in 
diesem Spiegel, wie die untergehende Sonne zwei Menschen bescheint, 
zwei Menschen, die sich sehr lieb haben. Auf der Kehrseite des Spiegels 
stand ein Name, dann hörte ich noch einmal die geliebte Stimme, 
aber ich sah ihn nicht mehr"". — Am 3. September 1866: „„zum letmtenmale 
gehe ich heute in die Kirohe in D. Zum letztenmale? warum? was hat sich 
Dauglai denn Yorgenommen? Aber Cordelia sagt im König Lear"** ju.s^w., 
folgt ein Citat), «„also tacete^ also zur Kirche. Wie schlägt mein Herz, denn 
im Traum sah ich Carl^ er ist bestimmt da, ich weiss es ganz gewiss, 



284 Gerichtllclie Psychonoaologie. $ 21. Casaistik. 84. Fall. 

ehbene buon giorno, mto coro Carlo^*^ ! (Carl war langst entfernt.) An eben 
diesem Tage schreibt sie auch noch sehr charakteristisch und sehr glaobhaft 
nieder: «»wie Sternschnuppen fliegen mir die Gedanken durch den Kopf", und 
später äussert sie einmal vom Sommer 18 55 sprechend: ,„ich war keines be- 
stimmten Gedankens mächtig. Heute so und morgen so. Es war ein wildes 
Chaos ) ein grässliches Durcheinander in meinem armen Kopf'. 

9 Ich' halte ein mit diesen Auszügen aus den Tagebüchern, die sahlr^ich 
vermehrt werden könnten, um dies Gutachten nicht über Gebühr auszudehnen, 
und weil ich überzeugt bin, dass die vorstehenden Stellen mehr als genügen- 
den Anfechluss geben. Hier in diesen Tagebüchern allein sehen wir diese 
Persönlichkeit in ihrem richtigen Lichte, hier ist sie wahr, offen, unverstellt, 
ihr Innerstes offenbarend, hier blicken wir in die Werkstätte, in welcher das 
„,ynlde Chaos, das grässliche Durcheinander^" von Gedanken, Empfindungen 
und von wirklichen Wahnvorstellungen erzeugt wird. Die Annahme eines 
noch 80 überspannten, hyperphantastischen Geistes, die Annahme eines noch so 
verwöhnten, verzogenen, halsstarrigen, trotzigen, sittenlos-verwilderten Gemüths 
reicht nicht aus, um ungezwungen geistige Aeusserungen, wie die hier vorge- 
führten, zu erklären. Andrerseits sehen wir, wie ich oben auszuführen ver- 
sucht, die wichtigsten Bedingungen zur Erzeugung einer geistigen Störung ge- 
geben: eben jene Eigenschaften des Gemüths und Charakters, aufregende und 
verwirrende. Jahrelang fortgesetzte geistige Beschäftigung, körperliche Krank- 
heit der Nerven und Unterleibsorgane, die in den unzweideutigsten Symptomen, 
Störungen der Darm- und Menstrual-Function und krankhaften Appetiten, nach- 
gewiesen ist, wir sehen Abweichungen vom Sittengesetz, die, bei dem Stande 
und der Erziehung der Person, ohne die Annahme eines körperlichen Zwanges, 
für welchen Beweise nicht vorliegen, unerklärlich scheinen, wir sehen das allrofl- 
lige und schleichende Hervortreten geistiger Krankeit, wir sehen, was schon 
Dr. X. sehr richtig beobachtet und hervorgehoben hat, eine Periodicität in 
ihren wahnwitzigen Handlungen und schriftlichen Aeusserungen, den charakte- 
ristischen Typus vieler Wahnsinnsformen, wir sehen endlich nicht wegzuläug- 
nende Beweise dafür, dass sich in der Fortentwicklung ihrer geistigen Yorgänge 
Hallucinationen zeigen, und alle diese Erscheinungen treten Jahrelang vorher 
auf, ehe ihre Eltern endlich sieh entschliessen, einen ernsten Versuch zu machen, 
ihre unglückliche . Tochter von ihren Verirrungen zurückzubringen, und sie 
einem Arzte zur dauernden und consequenten strengen Pflege anzuvertrauen. 
Dass dessen Behandlung einen irgend wesentlichen Erfolg nicht gehabt, zeigen 
seine Berichte über ihr Benehmen in seiner Anstalt, und dass sie noch jetst 
nicht zu einer klaren Ueberschau über ihr früheres Leben gelangt ist, Ihre 
Aeusserungen im Explorationstermine , z. B. dass sie Julius nicht vergessen 
habe und werde, dass sie aber mit Albert ebenso glücklich gewesen, als mit 
Julius, dass sie Beide gleich gern geheirathet haben würde, dass sie den 
Dr. X. für „„übergeschnappt*''' hält (wie es recht häufig bei Geisteskranken 
vorkommt, dass sie ihre Aerzte für geisteskrank, sich natürlich für gesund hal- 
ten), u, s. w. Diesen ganzen Jahrelangen Entwickelungsgang des Innern der 



Gerichttiohe Psyclionoaologie. § 22. Yerbrecherwahnsinii. 285 

Ulrike t. I&, and alle ihre Handlungen nnd geistigen AeuBsenmgen sorgfältig 
und nach dem Maassstabe der psychologisch-medicinischen Brfahmng erwügend, 
halte ich mich vollkommen tiberzeogt nnd gebe schliesslich mein Gutachten in 
Beantwortung der mir vorgelegten Fragen dahin ab: dass die Ulrike von 
Beinikendorf zur Zeit ihrer Aufhahme in die X/sche Anstalt am 29. Juni 1866 
und während ihres Aufenthaltes dort bis zum 8. November 1867 geisteskrank 
gewesen, nnd dass sie es noch Jetzt ist.* In Folge dieses Gutachtens wurde 
die Anklage gegen den Dr. X. fallen gelassen. 

§22. 
Terbreeherwahniiim. 

Zu den Errangenschaften der neuern Psychonosologie gehört 
auch die nicht selten gehörte Annahme eines Verbrecher- 
Wahnsinns als eigenthümlicher Wahnsinnsspecies , gleichsam 
einer Mischung von verbrecherischer Gemüthsbeschaffenheit und 
wahnsinniger Geistestörung, namentlich zur Zeit der angeschul- 
digten That. Die schwere Bedeutung einer solchen wissenschaft- 
lichen Annahme fär den Begutachter von Fällen, die anscheinend 
dieser Kategorie angehören, folgerecht für die Strafrechtspflege, 
liegt auf der Hand, und es ist die Aufgabe einer wissenschaft- 
lichen Kritik, darüber in's Klare zu kommen. In's Klare, denn 
dass der Begriff an Unklarheit leidet, zeigt schon die Wortbe- 
zeichnung, die eine contradictio in adjecto ist. Das Preussische 
Strafgesetzbuch sagt § 40: „Ein Verbrechen oder Vergehn 
ist nicht vorhanden, wenn der Thäter zur Zeit der That 
wahnsinnig oder blödsinnig war^ u. s. w., und gleichlautende Be- 
stimmungen haben, wie sehr natürlich, die Strafgesetzgebungen 
aller Länder. Denn das Verbrechen ist die, mit dem VoUbe- 
wusstsein aller ihrer Folgen begangene und aus der freien Wil- 
lensbestimmung des Thäters hervorgegangene Uebelthat, und 
wenn das genannte Strafgesetzbuch von seinem Standpunkt § 1 
die Definition aufstellt: „eine Handlung, welche die Gesetze mit 
der Todesstrafe, mit Zuchthausstrafe oder mit Einschliessung von 
mehr als fünf Jahren bedrohen, ist ein Verbrechen", «so ist 
klar, dass der Gesetzgeber solche, wie Strafen überhaupt nicht 
verhängen kann, wenn die gesetzwidrige That bei mangelnder 
freier Willensbestimmung und fehlendem Unterscheidungsvermögen 
zwischen Gut und Böse, das heisst in einer geistigen Störung 



286 Gerichtliche Psychononoloffie. § 22. VerhrecherwihiisiMi. 

ausgeführt wurde. Folglich: wo Wahnsinn ist, da ist kein Ver- 
brechen, wo Verbrechen, kein Wahnsinn. Eines schliesst das 
Andre auf das Vollständigste aus, und ein „Verbrecherwahnsinn" 
ist demnach ebenso unlogisch, wie etwa ein ^kochender Schnee". 
Am wenigsten ist es hiemach irgendwie gerechtfertigt, aus sol- 
chem Verbrecherwahnsinn gar eine eigenthümliche Gattung deg 
allgemeinen Wahnsinns zu construiren. Die Gründe nun, die zu 
dieser unhaltbaren Hypothese und unlogischen Begriffisbestimmung 
gefiihrt haben, möchten folgende sein. 

1) Es kommen Fälle Tor, von Verbrechen, die theils wegen 
ihrer unerhörten Grösse, theils wegen der eigenthümlichen Um- 
stände, unter denen sie verübt wurden, sich anscheinend gar 
nicht in das gewöhnliche psychologische Schema einfügen lassen, 
und zum Aufstellen eines ganz specifischen Maassstabes für den 
concreten Fall zu zwingen scheinen. Ein junger Mensch erschiesst 
seine Geliebte mit der Kälte und Kühe , mit der man nach einer 
Scheibe schiesst (35. Fall). Er ist, wie es sich in der Untersu- 
chung ergiebt, nicht eigentlich geisteskrank, aber es haben sich 
doch einzelne Umstände ermittelt, die an seine völlige geistige 
Gesundheit zweifeln lassen können; er leidet also (!) an einem 
„Verbrecherwahnsinn". Ungemein viele derartige Fälle, und sie 
kommen fortwährend vor, sind unter die Eategorieen der soge- 
nannten mcmia »ine delirio^ der amentia occulta^ der krankhaften 
Triebe subsumirt worden, die Eine ganz ebenso verwerflich, als 
alle Andern, wieder andre derartige Fälle haben Andre als „Ver- 
brecherwahnsinn" bezeichnet „Wo Begriffe fehlen, da stellt 
ein Wort zur rechten Zeit sißh ein"! Ich habe zahlreiche der- 
artige Fälle aus eigener Beobachtung theils im Handbuch, theils 
hier oben mitgetheilt und beleuchtet, und komme nicht darauf 
zurück. In allen solchen Fällen zeigte die gesunde und unbe- 
fangene Kritik, entweder dass der Thäter ein Verbrecher, oder 
dass er ein Wahnsinniger war. Eines oder das Andre, denn 
beiden zugleich konnte er nicht sein. 

2) In andern ebenso häufigen Fällen war der Wahnsinn 
zwar zweifellos, aber Niemand hatte diesem Geisteskranken 
eine solche Uebelthat, wie er sie begangen, zugetraut. Ein 
sehr freimdlicher, gutmüthiger, alter, gelähmter Mann, von dem 



Gerichtliche Psychonosologie. § 22. Yerhrecherwahnsinn. 287 

Yiele seiner Umgebungen nicht ahnten, dass er seit Jahren gei- 
steskrank , erschlägt mit einem Beil und mit grossem Vorbedacht 
einen Knaben, den er liebt, und es ermittelt sich, dass er die 
Tbat verübt, um von Henkershand zu sterben (36. Fall). In 
ähnlichen Fällen glaubte man wieder, etwas Specifisches in dem 
Wahnsinn des Angeschuldigten annehmen zu müssen, wo doch 
der einfache, pure Wahn- oder auch Blödsinn so offenbar war. 

3) Nicht wenig hat gewiss zur Annahme eines Verbrecher^ 
Wahnsinns die bekannte Theorie von Heinroth und (modificirt) 
von Ideler beigetragen, der auch andre Irrenärzte anhängen, 
dass aller Wahnsinn überhaupt seinen Ursprung im Abfalle von 
Gott, in der Sünde habe. Nach dieser Theorie ist der Ver- 
brecher strafbar, weil er ein Wahnsinniger geworden war, denn 
in dem Wahnsinn lag das Verbrechen schon eingeschachtelt! 
Diese Theorie ist gerichtet! Dass Leidenschaften und sündhafte 
Tendenzen zur geistigen und moralischen Zerrüttung führen kön- 
nen, ist nie bezweifelt worden; aber der Gardinalfehler dieser 
Theorie liegt darin, dass sie Eine, Eine der vielen Ursachen zur 
geistigen Erkrankung als die ausschliessliche erachtete. 

4) Aber es ist, sagt man, und es bleibt eine auffallende 
Thatsache, dass Verbrecher so häufig wahnsinnig werden, auch 
wenn sie es vorher nicht waren; es scheint demnach ein eigen- 
thümlicher Connex zwischen Verbrechen und Wahnsinn zu be- 
stehn, den man füglich kurzweg Verbrecherwahnsinn nennen 
kann. Ist denn aber die Häufigkeit des Entstehens von Wahn- 
sinn bei Verbrechern als Thatsache wirklich erwiesen? Der leb- 
hafte Streit zwischen den Anhängern und Gegnern der Isolirhaft 
spricht nicht für die Bejahung dieser Frage. Wir excerpiren 
hier nicht die Bücher und Abhandlungen, die so zahlreich über 
diese Frage geschrieben, und die ohnedies denjenigen, die sich 
dafür interessiren , bekannt sind, und geben hier nur einen klei- 
nen aber sprechenden Beitrag dazu wieder aus eigener Erfah- 
rung. Das grosse Berliner Criminal-Gefängniss , die Stadtvoigtei, 
welches hauptsächlich Untersuchungs-Gefangene, zum kleinem 
Theil aber auch Strafgefangene umschliesst, von welchen Beiden 
eine grosse Anzahl fortwährend Rückfällige sind, nimmt jährlich 
im Durchschnitt mehr als 10,000 Gefangene auf. In den zwanzig 



288 Gerichtliche PB7chono8ologie. $ 33. YerbrechenrahiiBiiiii. 

Jahren von 1841 bis 1860 hatten wir darin an angemeldeten, 
theils in den Zellen , theils auf dem Lazareth behandelten Kran- 
ken, darunter an Geisteskranken, mit Einschluss des delirium 
potatorum, das durchschnittlich mehr als die Hälfte der in den 
Listen als Solche aufgeführten „Geisteskranken" lieferte, aber, 
strenger genommen, gar nicht einmal zu unsrer Betrachtung ge- 
hört, femer an zur Heilanstalt der Charite gesandten Kranken, 
wie folgt: 

Jahr Kranke, darunter Geisteskranke, zur Charit^ gesandt : 

1841 1531 

1842 2003 

1843 2260 

1844 2482 

1845 2331 

1846 2880 

1847 3521 

1848 2910 

1849 5132 

1850 5548 „ 

1851 3303 „ 

1852 5144 

1853 5166 

1854 5044 

1855 4286 

1856 4303 „ 

1857 4406 

1858 5355 

1859 7173 

1860 7141 

20 Jahre 81,914 ~„ 62 319 

In einem grossen Griminalgefängniss, welches, wie eine Gloake, 
den Auswurf eines grossstädtischen Proletariats, und darunter 
sehr viele langjährige, rückfällige Verbrecher aufioimmt, ei^eben 
sich also im Durchschnitt von zwanzig Jahren nur Drei gei- 
stige Erkrankungen auf zehntausend Gefangene, und 
unter allen aufgetretenen Krankheitsfällen, vom leichtesten 



2 


18 


3 


23 


2 


24 


2 


36 


1 


27 


2 


7 


2 


8 


6 


13 


3 


22 


4 


12 


9 


7 


5 


6 


6 


12 


4 


8 


1 


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2 


10 


3 


7 


2 


28 


1 


22 


2 


18 



GtoricbtUche Psychonosologie. § 22. yerbrecberwahnBinn. 

Rheumatismus u. dgl. an, waren nur ein Dreizehntel vom Hun- 
dert Geisteskranke! Das ist kein ungünstiges, sondern gewiss 
ein üherraschend günstiges Verhältniss. Dasselbe wird auch 
nicht wesentlich verändert, auch wenn man annimmt, dass sich 
unter den 319 aus den Gefängnissen zur Gharite gesandten 
Kranken noch einige Geisteskranke befunden haben sollten. 
Dies war allerdings, aber nur in wenigen und solchen Fällen, 
wo wegen Tobsucht der £j*anke nicht im Gefangniss bleiben 
konnte, der Fall. Es ergiebt sich demnach hier ein Verhältniss 
der geistigen Erkrankungen zu unsrer Verbrecherbevölkerung, 
das kaum abweicht von dem allgemeinen Verhältniss zur Ge- 
sammtbevölkerung. Allerdings ist die Stadtvoigtei ein Gefangniss 
mit gemeinsamer Haft. Aber auch in den Gefängnissen mit 
Isolirhaft habe ich, soweit ich mich in und aussei^ Deutschland 
in diesen Anstalten habe informiren können, nirgends ein au&U 
lendes Ueberwiegen jenes Verhältnisses gefunden, und was unser 
hiesiges, sehr grosses Zellengefängniss (mit Isolirhaft) betrifft, so 
weiss ich sehr bestimmt, dass seit seiner Eröffiiung his heut ein 
irgend wie auffallendes Vorkommen von Geisteskranken darin 
niemals 1)eobachtet worden ist, obgleich dort nur schwere Ver- 
brecher detinirt werden. Es sind diese (hiesigen) Erfahrungen 
um so bemerkenswerther, wenn man die Einflüsse erwägt, welche 
den Verbrecher vorzugsweise zu Geistesstörungen disponiren 
müssen, deren Erwägung 

5) gewiss auch zur Annahme eines eigenthümlichen Verbrecher- 
wahnsinns mit beigetragen hat. Wir lassen zunächst die Fälle 
ausscheiden, in denen, der Verbrecher schon vor seiner Verhaf- 
tung gestört, die Krankheit aber noch nicht so ausgebildet ge- 
wesen, um eine Denunciation und die Verhaftung zu verhindern, 
und wo dann die weitere Entwicklung der Krankheit im Gefang- 
niss und während der Voruntersuchung erst den Kranken zum 
Gegenstand der Beobachtung und Feststellung des Gemüthszustan- 
des macht, welche dann ergiebt, dass derselbe wohl ein Wahn- 
siimiger, aber kein Verbrecher war und ist. Fälle der Art sind 
häufig genug, und in der vorstehenden Casuistik mehrfach mitge- 
theilt. Aber dass Gewissensbisse, Furcht vor Strafe, das 
nagende Bewusstsein einer zerstörten Existenz, bei nicht ganz 

Catptr, Uiniteh« No rollen. Id 



290 Gerichtliche Psychonosologie. § 22. Verbrecherwahnainn. 

Verderbten die Furcht vor der Schande, die sie auf sich gela- 
den , bei Manchen die Einsamkeit und Eintönigkeit der Isolirhaft 
u. 8.W. auch gesunde Verbrecher in Geisteskrankheit stürzen 
kann, lehrt allerdings die Erfahrung und wird Niemand bestrei- 
ten wollen. Dann ist freilich der Walmsinn eines Verbrechers 
gegeben; allein wenn man einen solchen Wahnsinn „Verbrecher- 
Wahnsinn" nennen, und daraus eine eigenthümliche Form oder 
fpecies von Wahnsinn construiren will, so fragt sich, welches 
denn die Species-Kennzeichen seien, die diesen von jedem andern 
Wahnsinn unterscheiden lehren? 

6) Ein Hauptcontingent zum „Verbrecher- Wahnsinn" haben 
ohne allen Zweifel jene so häufig vorkommenden, verbrecherischen 
und verkommenen Subjecte geliefert, die ich oben § 11 ausführ- 
lich geschildert habe, jene Vagabunden und obdachlosen Umher- 
treiber, die sich Jahrelang dem Trunk und allen Excessen hin- 
gegeben, fortwährend in Gefängnissen, Arbeitshäusern, dann wie- 
der auf Landstrassen und wieder in der Haft gelebt hatten, bis 
sie endlich fest gemacht wurden. Das sind die Individuen, wie 
wir es bereits ausgeführt haben, deren psychologische Beurthei- 
lung so häufig den grössten Schwierigkeiten unterliegt, weil sie 
sich längst auf der so schwer scharf zu bestimmenden Grenze 
zwischen geistiger Gesundheit und geistiger Krankheit befunden 
hatten, und weil anamnestische Momente als Anhaltspunkte für 
die Diagnose in der Regel hier gar nicht zu beschaffen sind. 
Man muss viele solche Subjecte beobachtet haben, um die 
grossen Schwierigkeiten der Beantwortung der Frage: Ob geistig 
gesund oder krank? ganz würdigen zu können. Man muss zuge- 
ben, dass hier ein eigenthümlicher psychologischer Zustand vor- 
liegt, ein Gemisch von geistiger Gesundheit und geistiger Krank- 
heit, eine unreife, unfertige Geisteskrankheit. Diese aber „Ver- 
brecher-Wahnsinn" nennen, heisst jenen Individuen nicht nur ein 
Prädicat beilegen, das sie keinesweges immer verdienen, denn 
wenn sie auch gar keine Verbrecher geworden, so wirkten doch 
jene Einflüsse krankmachend auf ihr Seelenleben, sondern auch 
unter ganz andern Umständen und bei den sittlichsten Menschen 
bildet sich Wahnsinn sehr oft so langsam, allmählig und unbe- 
merkt aus, dass sie Monatelang und viel länger sich noch auf der 



Gerichtliche PsychonoBologie §28. Casoistik. 35. Fall. 291 

Grenze der noch unfertigen Geisteskrankheit erhalten, dieselben 
Schwierigkeiten für die Beurtheilung bieten, und psychologisch- 
diagnostisch von den geschilderten Individuen in keiner Weise 
verschieden sind. Also auch in dieser Beziehung entbehrt die 
Annahme eines specifischen Verbrecher-Wahnsinns der wissen- 
schaftlichen Grundlage. 

7) Endlich mag erinnert werden, dass sogar Fälle als Bei- 
spiele eines Verbrecher- Wahnsinns gedeutet worden sind, die 
nichts als — Simulation gewesen. So finden wir nirgends ein 
characteristisches Kriterium für diesen Verbrecher - Wahnsinn, 
der, was wir oben behaupteten, sonach ein Begriff ohne Inhalt, 
ein blosses Wort ist, aber ein bedenkliches und gefährliches für 
die Lehre von der Zurechnimg und die gerichtsärztliche Praxis. 
Denn es ist nur zu ^ehr zu besorgen, dass dies Wort für weniger 
Bewanderte eine ebenso blendende Wirkung, einen ebenso ver- 
führerischen Einfluss haben werde, als so viele andre inhaltlose, 
in die neuere Criminal-Psychologie eingeführte Worte: mania sine 
delirio^ instinctive Monomanieen u. s. w. u. s. w., die als Wortbe- 
zeichnungen für eigenthümliche Arten von Wahnsinn 
ebenso Verwerflich sind, als dieser „Verbrecher- 
Wahnsinn". Man individualisire nur den concreten Fall 
gründlich nach allen in Betracht kommenden Verhältnissen (Hdb. 
I § 61—68), und man wird dann feststellen können, ob der 
Untersuchte zur Zeit einer ihm angeschuldigten That zurech- 
nungsfähiger Verbrecher oder unzurechnungsfähiger Wahnsinniger 
gewesen, da er beides zugleich unmöglich gewesen sein konnte. 

Die nachfolgenden beiden Fälle geben Beispiele für das Eine 
und für das Andre. Franz Mann war ein Verbrecher, Gnieser 
ein Wahnsinniger. 

§ 23. 

G a s u i 8 1 1 k. 

85. Fall. Mord dar Gellebten. 

Am 21. Jannar 1857 Abends acht Uhr hatte Franz Mann das Dienst- 
mädchen Luise Brand erschossen. Er unterhielt seit längerer Zeit mit ihr 
ein Liebesverhältniss und hatte ihr anscheinend ernsthafte Heirathsanträge ge- 
macht, hatte auch, obgleich das Mädchen noch ein anderes, ganz ähnliches Yer- 
hältniss mit einem Soldaten (Fenn er) angeknüpft hatte, Anfangs Erhör ung 

19* 



292 Gerichtliche PaychonoBologie. §2S. CaBulstilL. 85. Fall. 

geAmden. Nachdem dieselbe jedoch theils Kenntniss Yon seinen Antecedentien 
erhalten, theils auch, weil sie sieh nicht geneigt fand, anf seine Vorschläge, mit 
ihm Europa zn verlassen, einzngehn, theils endlich, weil er wiederholt Drohungen, 
ihr und sich im Yerweigerungsfalle das Leben nehn^en zu wollen, ausgestossen 
hatte, kündigte sie endlich das Yerhältniss zu ihm auf, und verweigerte ent- 
schieden seine immer noch wiederholten Anträge. Mann, welcher glaubte, 
dass er ohne das Mädchen nicht leben könne, beschloss angeblich deshalb, ihr und 
sich das Leben zu nehmen. Er verfügte sich zu diesem Zweck am genannten Abend 
mit zwei geladenen Terzerolen in der Tasche zu ihr, und als er hier nun wieder 
entschieden ablehnend empfangen wurde, brachte er ihr einen Schuss in die 
Brust und einen zweiten den Unterleib streifenden Schuss bei, an welchem 
Brustschnss das Mädchen 5 Tage später verstarb, versuchte auch, nach aber- 
maligem Laden des einen Terzerols sich nun selbst zu erschiessen, brachte sich 
jedoch nur eine unerhebliche Hautwunde in der Magengegend bei, angeblich, 
weil er im Finstem hatte laden müssen und deshalb mangelhaft geladen hatte, 
und meldete sich sofort als .Mörder", um seine Verhaftung bittend. Sein Be- 
nehmen im ersten Verhör machte dem Herrn Untersuchungsrichter „den Ein- 
druck eines nicht völlig dispositionsfähigen Menschen", und wurde auf Antrag 
. des Herrn Staatsanwalts die Feststellung der zweifelhaften Zurechnungsfähigkeit 
durch mich verfügt. — „F ranz Mann ist 28 Va Jahre alt, von kurzem, ge- 
drungenem Körperbau, dunkeln Haaren und Teint, und haben seine dunkeln, 
etwas hervorstehenden, grossen Augen einen klugen, aber auch etwas starren 
Blick. Er ist körperlich vollkommen gesund und kräftig, und seine fHihem 
Angaben, dass er in Folge von seit seinem 14. Jahre häufig getriebener Onanie 
an heftigen Pollutionen, Schwäche, Geisteszerrüttung, und wie er Einmal sogar 
behauptet hat, an Epilepsie leide, schon durch die Vernehmung der Aerzte, 
die ihn in Bethanien und der Kaltwasseranstalt behandelt haben, wie durch die 
der dortigen Badediener und des Armenpflegers Schulze, als reine Unwahrheit 
festgestellt worden. Uebereinstimmend haben die Aerzte deponirt, dass Mann 
kein einziges objectives Zeichen von Krankheit gezeigt habe, und seine, auf 
Kosten wohlthätiger Menschen erfolgte Aufnahme in beide genannte Anstalten 
war, wie jetzt feststeht, nur eine Folge der vielen und unausgesetzten Schwin- 
deleien und des Leichtsinns, von welchen Inculpat durch sein ganzes bisheriges 
Leben so viele Beweise gegeben hat. Wenn, wie gesagt, auch meine Beob- 
achtung seine vollkommene und kräftige Gesundheit bestätigt hat, so spricht 
auch noch gegen seine Behauptung von dem zerrüttenden Einfluss angeblich 
übermässig getriebener onanistischer Ausschweifungen seine eigene Angabe, 
dass er auch von jeher einen heftigen Hang zum Geschlechtsverkehr mit 
Weibern gehabt habe, wie er denn namentlich auch am Abende kurz vor 
der That noch mit zwei verschiedenen Frauenzimmern hinterein- 
ander den Beischlaf vollzogen hat. Das an sich nicht unerhebliche 
Moment von unmässigem Geschlechtsgenuss verliert hiemach in seiner Anwen- 
dung auf den Inculpaten um so mehr alle und jede Bedeutung, als die ärztliche 
Erfahrung lehrt, dass jenes Moment, wo es sich in Erzeugung geistiger Stö- 



Gerichtliche Psychonoaologie. §. 28. Casaistik. 35. Fall. 293 

ronges wirksam zeigt, in der Regel eine geistige and körperliche Depression» 
bis zu wirklichen Lähmungen und Blödsinn hinanf , yemrsacht, wovon bei dem 
sehr aufgeweckten, lebhaften, sich überall klug und gewandt aussprechendem 
und körperlich kräftigem Mann gar keine Bede sein kann. —Was sein bishe- 
riges Leben betrifft, so ist dasselbe als ein wahres Musterbild der Biographie 
eines leichtsinnigen, sittlich yerwahrlosten, grossstädtischen Proletariers zu 
erachten. Seine Mutter sagt von ihm , dass er schon als Kind mehr um als in 
die Schule gegangen, sein Bruder, dass er stets leichtsinnig gewesen sei, und 
bald dies, bald jenes angefangen habe. Seine Familienyerhältnisse waren 
nicht dazu angethan, ihm einen sittlichen Halt zu geben. Nach seinen Anga- 
ben lebt seine Mutter vom Erwerb, den seine Schwester als Maitresse von jun- 
gen Herrn zieht, lebt sein Bruder als Zuhalter mit einer beröchtigten Lohn- 
hure im Concublnat, und hat ein andrer Bruder sich im Zuchthaus erhängt! 
Mann selbst schreibt diesen Verhältnissen einen wesentlichen Einfluss auf sich 
zu. Nirgends Ausdauer und Lust zur Arbeit zeigend, ist er hintereinander 
Flugschriftenverkäufer, Tapezier, — Conditor, — Schlosserlehrling, Bediente, 
Schneider, Arbeitsmann und endlich — werdender Missionair, und giebt 
sich ausserdem gelegentlich noch für einen Studenten, später auch auswärts 
für einen Prediger ausi Zwischen allen diesen Stellungen steht nun noch die 
eines Sträflings, denn Mann ist wiederholt wegen Diebstahls, Fälschung seines 
G^indebuchs, zweiten gewaltsamen Diebstahls und Betruges zu Gtefängniss- 
und Zuchthausstrafen verurtheilt gewesen. In der letzten Zeit hat er aus- 
schliesslich von Unterstützungen und von Schulden gelebt, die er überall, wie 
es den Anschein hat, mit grosser Gewandtheit zu contrahiren wusste, da ihm 
gar nicht unerhebliche Summen von einzelnen Darleihern vorgestreckt sind. 
Dass er alles dieses Creld stets „„verkneipt und veijubelt'*'', namentlich in 
Baierschem Bier und Umgang mit Mädchen verthan hat, characterisirt ihn 
ebenso, als das Geständniss, das er mit jener Offenheit und mit jener leicht- 
sinnigen wirklichen Frechheit ablegt, mit der er sich über sich und sein Le- 
ben, und, worauf noch zurückzukommen, auch selbst über die angeschuldigte 
That äussert. Auffallend ist in allen diesen Reden und Bekenntnissen eine 
häufig auftauchende Beimischung von religiösen Phrasen, und hier gelange ich 
zu dem zweiten Moment, das bei Beurtheilung seines Gemüthszustandes 
Erwägung erfordert^. 

„Mann ist während seines Aufenthaltes im Zuchthause von dem dortigen 
Geistlichen „„erweckt*" worden, welches Wort er gegen mich gebraucht hat. 
Er kam durch diesen nach seiner Strafverbüssung in Berührung mit hiesigen 
Geistlichen, und wusste dieselben so für sich einzunehmen, dass er eine Zeit- 
lang nur von ihren Unterstützungen lebte. Diese wurde ihm auch durch den 
Gemeinde-Armen- Vorsteher Schnitze BehuüEi einer Milchkur zu Theil. Er 
gebrauchte dieselbe bei der lutherischen Milchhändlerin Schwieghaus, und 
nachdem diese ihn öfters von den Grundlehren ihrer Kirche unterhalten, auch 
ihn mit in die Kirche genommen hatte, äusserte Inoulpat den Wunsch zur 
lutherischen Kirche überzugehn, in welche er auch, nach empfangenem Unter- 



294 Gerichtliche Psychouosologie. § 23. Cnsuistik. 36. Fall. 

rieht, kurz vor dem 1. Adventssoontage v. J. feierlich aufgenommen wurde. 
Er verfehlte indess nicht, der genannten Zeugin nach und nach unter lügen- 
haftem Vorgeben 50 Thaler abzuschwindeln, und gab nunmehr sein Verlangen 
zu erkennen, Missionar zu werden und die Heiden zu bekehren. Es erscheint 
überflüssig, ihn auf diesem Wege und den darauf bezüglichen Betrügereien 
weiter zu verfolgen; Denn wenn gleich Mann noch Anfangs im (Jefängniss 
an der Angabe seines Berufs zum Missionar festhielt und noch jetzt fortwäh- 
rend wenigstens mit religiösen Phrasen prunkt, z. B. dass der Herr ihn buss- 
fertig finden solle n. s. w., so hat die bisherige Untersuchung bereits die voll- 
ständigste Gewissheit darüber gegeben, dass diese ganze religiöse Episode in 
der letzten Zeit seines Lebens nichts weiter als eine neue Schwindelei gewesen, 
und dass, wenn ich auch anzunehmen geneigt bin, dass einige religiöse Sätze 
und Wahrheiten ganz oberflächlich bei ihm haften geblieben sind, doch keine 
Annahme weniger begründet sein würde, als etwa die, dass eine geistige Stör 
rung, veranlasst durch mystisch-religiöse Geistesbeschäftigung, bei diesem 
Menschen wirksames Motiv zur That geworden wäre. Die actenmässigen 
Thatsachen treten hier entschieden entgegen. Anfangs, heisst es, brachte er 
in die Wasserheilanstalt Bücher religiösen Inhalts mit. bald aber hatte er nur 
schmutzige Bücher zur Leetüre. Wenige Zeit nach seinem U ebertritt äusserte 
er gegen die Zeugin v. H., derselbe „»thue ihm deshalb leid, weil er ihm in 
seiner Carriöre hinderlich sein könne^^, und endlich hat er selbst eingeräumt, 
„„dass er von dem Uebertritt äussere Vortheile erhofft, und sich nur aus die 
sem Grunde den Geistlichen in die Arme geworfen habe'"'. Hiemach erschei- 
nen so onanistlsche Beizungen wie religiöse Schwärmerei als etwanige Ursa- 
chen zu einer ge^istigen Störung ausreichend gewürdigt und beseitigt. Es 
fragt sich nun nur, ob überhaupt und anderweitig eine solche, und eine da 
durch bedingte unzurechnungsfähige Gemtithsstimmung überhaupt und zur Zeit 
der That bei ihm angenommen werden kann? Diese Frage ist zu verneinen'*. 
„Im Vorstehenden glaube ich erwiesen zu haben, dass die Persönlichkeit 
des Inculpaten eine solche ist, dass man sich bei ihm „„der That versehen'*'' 
könne. Mit einem leichtsinnigen Character geboren, ohne Zucht und Erziehung 
aufgewachsen, hat er sich durch Kindheit und Jugend der Arbeitsscheu und 
allen sinnlichen Lüsten zügellos hingegeben, und ist schon in frühster Jugend 
wegen mannichfacher Verbrechen wiederholt dem Strafgericht verfallen. Nie 
gewohnt, seine egoistischen Tendenzen zu zügeln, und leichtsinnig, wie klug 
und gewandt genug, um überall zum Ziel zu kommen, die Grenzen des Sitten- 
gesetzes für Nichts achtend, hatte er den Besitz des Mädchens sich vorgesetzt, 
mit jener leidenschaftlichen Begierde, mit der er überhaupt den Weibern zu- 
gethan, und musste durch ihr anfängliches Entgegenkommen in seinem Vor- 
satz nur bestärkt werden. Von dem Augenblicke an, wo die Brand in ihren 
Gesinnungen und Zusicherungen wankend wurde, während sie in gleichem 
Maasse sich wieder für den andern Geliebten, seinen Nebenbuhler, entschied, 
bereitete sich' in ihm der Gedanke vor, den er am 21. Januar zur Ausführung 
brachte. Nach seinen Angaben in den Verhören und gegen mich datirt dieser 



Oerichtliehe Psychonosologie. § 28. Casuistik. 35. Fall. 295 

Entscliliisfl Yom Anfange Januars, der Entschlnss, erst das Mädchen, dann sich 
um's Leben zu bringen. Schon am 6., also 16 Tage yor der That, kauft er 
ein Paar Pistolen, and als ihm dieselben, gelegentlich einer leichtsinnigen Prah- 
lerei, dass er mit einem Offizier ein Duell vorhabe, die er auch später gegen 
seine Bekannte fortsetzte und sogar durch ein Pflaster im Gesicht zu begründen 
yersuchte, vom Prediger K. am 8. abgenommen worden, kanft er sohon am 
folgenden Tage ein paar neue, und geht schon am 10. mit den geladenen 
Waifen zu der Brand, „„in der Absicht, sie und sich selbst zu erschiessen."" 
Er fand jedoch keine Gelegenheit zur That, auch fehlte ihm, wie er sagt, „«die 
Courage.*''' Eben so geschah es mehreremals; die That unterblieb aber, theUs, 
deponirt er, «„weil mir die Courage abging, theils, weil oft eine innere Angst 
mich abhielt"'' Mit diesen Aeusserungen giebt Inculpat den Schlüssel zu seiner 
Gemüthsstimmung so kurze Zeit vor der That. Der mangelnde Muth, die innere 
Angst beweisen ja nichts Andres, als dass selbst in ihm, in diesem leichtsinnigen 
und sündhaften Menschen die Stimme des guten Principes noch wach war, und 
ihn abmahnte, beweisen also, dass er „„Unterscheidungsvermögen**", beweisen, 
dass er „„das Vermögen besass, die Folgen seiner Handlungen zu überlegen*'*, 
dass er wusste, dass sein eigener Tod auf strafgesetzlichem Wege die Folge 
dieser Handlung sein werde, weshalb er ja eben vorzog, lieber selbst Hand 
auch an sich zu legen. Wenn Mann später das Geständniss des wochenlangen 
Vorsatzes zurücknehmen sollte, so bestätigt denselben ein unwiderlegliches 
Zeugniss, ein Brief der Brand an ihre Eltern vom 17. Januar, worin sie den- 
selben schreibt, dass Mann ihr auf allen Wegen nachstelle und ihr nach dem 
Leben trachte, dass sie ihn aber auf keinen Fall heirathen werde, „„es mag 
kommen, wie Gott will, Leben oder Tod."" Diese Drohungen hat er bis zur 
Ausführung der That fortgesetzt. Noch zwei Abende vor derselben war er zu 
der Brand mit den geladenen Pistolen gegangen, hatte ihre endliche Erklärung 
verlangt, und ihr dann noch eine Bedenkzeit gegeben. Am Tage der That selbst 
ersehwindelte er noch einen Pelz, den er für 2 Thlr. 25 Sgr. verkaufte, um 
sich mit dem Gelde „„zu guter Letzt noch ein bischen lustig zu machen"", 
da er am Abend „„bestimmt aus der Welt scheiden wollte."" Dass er aber 
fortwährend den Gedanken festhielt, auch die Geliebte zu tödten, beweist der 
Umstand, dass er, nachdem er als Unterpfand für den Pelz eine seiner Pistolen 
gegeben, sofort eine neue, zweite wiederkaufte. Am Abend ging er vor^s Thor 
um beide Pistolen durch Abschiessen zu probiren, und lud sie dann aufs Neue 
vor seinem Gang in das Haus der Brand. Ganz ungemein bezeichnend für 
die Gemüthsart des Inoulpaten und für seine Stimmung fast unmittelbar vor der 
That, ist die höchst auffallende Thatsache, dass er an eben diesem Abend noch 
mit zwei verschiedenen Weibspersonen, mit der letzten auf dem Gange zu der 
Brand, noch im Freien, nachdem er dort seine Pistolen probirt, den Beischlaf 
vollzog!! Es sind Fälle von Mord eines Weibes unmittelbar nach dem Beischlaf 
mit ihr vorgekommen. Dass aber ein Mensch, der Mordgedanken gegen ein, 
angeblich schwärmerisch von ihm geliebtes Mädchen hegt und im Begriff ist, 
diese Gedanken zur That werden zu lassen, kurz vorher noc)i hintereinander 



296 Gerichtliche PsychonoBologie. §23. CasniBtik. 35. Fall. 

an zwei Fraaenzimmeni seine SinneslnBt kühlt, möchte ohne Beispiel sein, und 
beweist eine Stimmnug, die ahs Ansdrnck änsserster Verworfenheit gewiss nicht 
ZQ hart bcKeichnet, und Jedenfalls als eine solche zn erachten ist, welche be- 
weist, dass jetzt, unmittelbar vor der That, der Kampf in ihm ausgekämpft, 
und jene „„innere Angst*' '^ der frühem Tage besiegt war, beweist, dass Mann 
mit kaltem Blute, d. h. mit klarer Ueberlegong zur That schritt, beweist, dass 
er wirklich durchführte, was er sich ja für diesen Tag vorgesetzt hatte, nämlich 
„„sich noch zu guter Letz£ etwas zu Gute zu thun."" Der Werth seiner Be- 
hauptung im ersten Verhör, dass er die That in einem „„liebeskranken, schwer- 
mnthigen, unzurechnungsfähigen Gemüthszustande verübt habe***, dass er den 
ganzen Tag der That „„schwermüthig und ärgerlich gewesen sei^^, ist nach 
diesem seinem Benehmen in den letzten Stunden vor derselben gewiss aus- 
reichend gewürdigt, Behauptungen, die er übrigens später sowohl in den Ver- 
hören, wie gegen mich^ entschieden zurückgenommen hat. Ebenso hat er seine 
anfängliche Luge, dass der zweite Schuss, der die Huftgegend traf, unabsichtlich 
losgegangen sei und nur zufällig die Brand getroffen habe, die ihm, nachdem 
sie den ersten, später tödtlichen Schuss erhalten hatte, entfliehen wollte und 
von ihm zurückgehalten wurde, widerrufen, vielmehr zugegeben, dass er auch 
diesen Schuss mit Absicht auf sie gerichtet habe, da sie nach dem ersten noch 
nicht tödtlich getroffen schien. Die auffallende Richtung des zweiten, nur ganz 
oberflächlichen Streifschusses erklärt sich aus dem Umstände, dass beim ersten 
Schuss das einzige Licht ausgegangen war, und die Kämpfenden sich nunmehr 
im Finstem befanden. Ihren Tod aber hatte er beschlossen, und er räumt auch 
ein, dass er das Mädchen „„vorsätzlich und mit Ueberlegung getödtet habe^'',*) 
un4 zur That geschritten sei, nachdem in einer letzten halbviertelstündigen 
Unterredung auf dem Gorridor, wohin sie ihn eingelassen hatte, dieselbe aber- 
mals entschieden ablehnte, ihn zu heirathen, wenn er sich nicht bessere. Nun 
sei, sagt er, nit^er böse Geist über ihn gekommen^'', und er habe sie erschossen. '^ 
„Dies führt auf die Erörterung des Motivs zur That. „„Ich habe*'', sagt 
Mann, »„wie ich wiederholt versichern muss, sie nicht aus Bache getödtet. 
Meine nächste Absicht war vielmehr die, mich selbst zn tödten, und damit sie 
nicht ein Andrer, namentlich Fenn er, erhielte und zur Frau bekäme, hatte 
ich beschlossen, auch sie zu tödten. Es war also eine Art von Eifersucht das 
Motiv zu dieser Tödtung. Ich selbst aber wollte mich tödten, weil ich über 
100 Thaler Schulden habe, und eine Urkundenfälschung begangen, wofür ich 
Strafe fürchtete^**. So hat er auch gegen mich in seiner gewohnten, sehr kla- 
ren und flrechen Ausdrucksweise geäussert: „„Neid und Eifersucht hätten ihn 
zum Mörder gemacht. ''^ Wenn gleich diese Angabe einer innem Wahrheit nicht 
entbehrt, und sonach ein selbstsüchtiger Drang zur gesetzwidrigen That, der 
vollkommen mit der Gesinnungsweise des Thäters übereinstimmt, also eine 
wirkliche vollgültige causa facinoris vorliegt, so muss ich doch darauf aufhierk- 



*) Preuss. Strafges. § 176: „wer vorsätzlich und mit Ueberlegung einen 
Menschen tödtet, begeht einen Mord, und wird mit dem Tode bestraft/ 



Gerichtliche Psychonosologie. 08. Caaniatik. 36. Fall. 297 

flam machen, dass Mann noch hier nicht die ganze Wahrheit gesprochen hat. 
Denn in seinen Depositionen liegt ein offenbarer Widersprach. Wenn er ans 
obigem Gmnde seinen Selbstmord wirklich fest beschlossen hatte, so mnsste er 
sich, da er gestandllch Wochen lang diesen (bedanken gehegt und die Ansfüh- 
ning vorbereitet hatte, oft genng vorgehalten haben, dass die ganze Saehlage 
eine andere werden würde, wenn etwa die Brand andres Sinnes würde nnd 
ihn erhörte. Als nnmöglich konnte er dies nicht voraussetzen, da er ja eben 
noch im letzten Augenblick mit ihr unterhandelte, mit ihr, die ihn ja früher 
aufgenommen hatte nnd ihn noch fortwährend bei sich einliess. Was wäre in 
jenem, für ihn günstigen Falle aus seinem angeblich so festen Entschluss zum 
Selbstmord geworden? Mann mit seinem geschilderten Charakter nnd seinen 
Anteeedentien ist wohl nicht der Mensch, der sich wegen Schulden und weil 
er den Namen seiner Mutter unter einen Schuldschein gesetzt hat (seine „ «Ur- 
kundenfälschung^*',; das Leben nimmt! Erwägt man vielmehr seinen grossen 
Hang zum weiblichen Geschlecht überhaupt, sein Verlangen grade auch nach 
diesem Mädchen, den Stachel verschmähter Liebe, ^ verschärft durch in sich 
wohl begründete Eifersucht, da er wnsste, dass das Mädchen einem Andern ihr 
Versprechen gegeben hatte, so erscheint es psycholo'gisch viel wahrscheinlicher, 
dass er allerdings zuerst im eventuellen Falle ihren Tod beschlossen hatte, 
um dann, wenn er die von ihm geläugnete Rache gekühlt und seinen Zweck, 
das Mädchen dem Nebenbuhler zu entziehn, erreicht gehabt, auch sich das Le- 
ben zu nehmen, und dem schimpflichen Tode des Gesetzes zu entgehn. Weit 
mehr mit dieser Deutung, als mit seiner Erklärung stimmt sein Benehmen un- 
mittelbar nach der That überein. Er machte allerdings, nachdem er endgültig 
von dem Mädchen abgewiesen worden und seine beiden Pistolen auf sie abge- 
schossen hatte, einen Selbstmordsversuch. Es mag ihm auch geglaubt werden, 
dass ihm derselbe nur deshalb missglückt sei — er brachte sich nur eine ganz 
oberflächliche Hantverletzung in der Magengegend durch Schuss bei — weil 
er, nachdem das' Licht ausgegangen war, im Flüstern, also ganz mangelhaft 
geladen hatte. Allein da er actenmässig aus dem Hause entkam, so muss es 
auffallen, dass er nicht ausserhalb desselben beim Schein der Gaslateme sofort 
wieder lud, und seinen angeblich so „„festen Entschluss'"' zum Selbstmorde 
verwirklichte. Auch dies scheint darauf hfaizudeuten, dass es ihm mehr um 
die ^Tödtung des Mädchens, als um seine eigene zu thun war. Indess begegnen 
wir hier zum Erstenmal bei der Beleuchtung seines Wesens und auf die That 
bezüglichen Benehmens wirklichen auffollenden Schritten. Auf die Strasse 
nämlich hinnntergekommen, sah er die unverehel. Wassermann mit dem Dra- 
goner Platte im Gespräch, nnd indem er sich an Beide wandte nnd seine 
Wunde zeigte, erzählte er, dass er „„anf die Luise zwei Schüsse abgefeuert 
und sich selbst geschossen habe"'', und bat den Platte, da er den Muth 
dazu verloren, ihm doch die Pistole wieder zu laden, damit er sich erschlossen 
könne. Wie er hier das Bekenntniss seiner That offen ablegte, so hatte er 
auch schon oben im Hause im ersten Augenblick nach derselben dem Dienst- 
herm der Verletzten erklärt: „„Er sei es, der es gethan"", und bei dem Gtoist- 



298 Gerichtliche Psychonosologie. §28. Casnistik. 86. Fall. 

liehen seiner Kirche, Saperintendent L., der ganz in der Nähe wohnt nnd zu 
dem er sich sofort verfügte, introdncirte er sich mit den Worten: „»Hier mel- 
det sich ein Mörder 1"*' womit er indess zunächst, seine Wunde zeigend, sich 
selbst als Selbstmörder meinte, indem er erst später erzählte, dass er das 
Mädchen geschossen habe, weshalb er bat, ihn verhaften zn lassen. L. fttnd 
iim hierbei, „nWie immer"", ganz vernünftig nnd keine Spur von Unzurech- 
nungsfähigkeit zeigend, nnd den inzwischen hinzugekommenen Wachtmeister 
Schafferti, der ihn ganz ebenso fand, forderte er auf, ihn zu binden undjnit 
ihm zu machen, waa er wolle. Gtewtss hat dies Benehmen unmittelbar nach der 
That auf den ersten Anschein etwas Befremdendes. Weniger noch gilt dies 
von seinem augenblicklichen offenen Geständniss, da es jedem in diesen Dingen 
Erfahrenen bekannt genug ist, dass häufig Menschen nach einer ans leiden- 
schaftlichen, hier ja unzweifelhaft auch vorliegenden Beweggründen verübten 
blutigen That, in der BelHedigung, die sie durch die That erhalten, sich sofort 
dem Richter überliefern. Mann, indem er dies that, beweist nur, dass er sehr 
wohl wnsste, was er gethan, nnd dass er nicht, wie er Arüher angegeben, 
..«seiner Sinne nicht mächtig war"^, und eben weil er, wie die Zeugen depo- 
niren, »«ganz vemünftig"" war, wusste er auch, dass er die That tatst vor 
Zeugen verübt hatte, da die Hausbewohner, denen er zum Theil bekannt war, 
augenblicklich, als sie die Schüsse hörten, herbeigeeilt waren und ihn gesehn 
hatten, so dass ein Entfliehen oder Läugnen mit nachhaltigem Erfolg für ihn 
kaum noch möglich war. Dass aber überhaupt ein Mensch von so anbegrenz- 
teni Leichtsinn, wie Inculpat, auch selbst sein Leben leichtsinnig in die Schanze 
schlägt, kann nicht verwundern, am wenigsten also Schritte und Aeusserungen, 
wie die angeführten, die Annahme einer geistigen Störung begründen. Dage- 
gen stelle ich nicht in Abrede, dass die Aufforderung an den Platte, ihm zum 
•Selbstmorde behülflich zu sein, auffallend und ungewöhnlich ist. Zugegeben 
:iber, dass in diesem Augenblicke nnd fast unmittelbar nach vollbrachter That 
seine Stimmung eine abnorme gewesen sei, so kann doch ehi so isolirt daste- 
hendes Factum den Werth so vieler oben angeführter entgegenstehender, und 
in sich vollkommen übereinstimmender Thatsachen zur Begründung eines Ur- 
theils über seine geistige Verfossung vor nnd zur Zeit der That keinenfalis 
schmälern. — Dass jene abnorme Stimmung ihn sehr bald verlassen, und er 
bald wieder der Gewöhnliche wurde, beweist, dass er schon im ersten Verhör 
sich zu ezculpiren versuchte, indem er behauptete, dass er die That in einem 
krankhaften, schwermüthigen, liebeskranken und unzurechnungsfähigen Zustande 
verübt habe. Ich glaube bewiesen zu haben, dass ein solcher weder zur Zeit 
der Ausführung seines Verbrechens, noch jemals Arüher bei ihm existirt hat. 
Auch die Wahrnehmung aller der vielen vernommenen Zeugen bestätigen dies, 
nnd will ich der Kürze halber nur bemerken, dass, mit Einsohluss der ärzt- 
lichen Zeugnisse aus Bethanien und der Wasserheilanstalt, dreiundzwanzig 
beugen versichern, resp. niemals, oder vor und nach der That nicht, eine Spur 
von geistiger Störung bei ihm wahrgenommen zu haben. Von besonderm 
Werthe endlich aber ist in dieser Beziehung die Registratur des Herrn Unter- 



GeriohtlicbePsychonosologie. §23. Casuistik. 36. Fall. 299 

snchiiiigBrietateTB vom 28. y. Mts. nach gewonnener genauerer Kenntniss des 
CbarakterB des Incnlpaten in mehrem Torangegangenen ansführlichen Verhören, 
welcher Mann nennt: „»einen höchst leichtsinnigen, zu allen Lastern geneig- 
ten, nicht böswilligen, aber pfiffigen und yerscblagenen, charakterlosen Men- 
schen, ohne allen Lebenshalt, der anscheinend Gkisteszerriittang, Schwermnth, 
Unznreehnangsföhigkeit nnr simnlirt, nnd vielmehr durch seine scharfen und 
schlafenden Antworten die Zeichen yollständigster Zurechnungsfähigkeit gegeben 
habe.^'^ Indem ich nach meinen Beobachtungen des Incnlpaten dieser Charakte- 
ristik YoUständig beitrete, und nnr noch bemerke, dass Mann jetzt zu Zeiten 
vorübergehende Momente von Reue zeigt, die aber sichtlich auch nur simulirt 
ist, gebe ich schliesslich mein Gutachten dahin ab: dass Franz Mann sowohl 
überhaupt nnd jetzt, als auch für die Zeit der That für geistesgesund und zu- 
rechnungsfähig zu erachten ist.' 

Mann ist zum Tode verurtheilt, aber zu lebenslänglichem Zuchthaus be- 
gnadigt worden. 

86. Fall. Tödtnng eines geliebten Knaben. 

Gnieser hatte am 11. Februar 18— den zwölfjährigen Knaben Hanke 
im Keller durch mehrere Beilhiebe, die den Kopf zerschmetterten, erschlagen. 
Das Thatsächlicbe des Falles habe ich bereits im Hdb. I. Casuistik zum § 77 
mitgetheilt, worauf ich verweise, und lasse nun hier noch das Gutachten aus- 
führlicher folgen, das sich speciell auf das vorstehend Erörterte bezieht. 

„Die Ergebnisse meiner eignen sehr häufigen Explorationen des Angeschul- 
digten sind folgende. Johann Gnieser ist 62 Jahre alt, von kleiner Statur, 
liat ganz weisse Haare, trägt sich gebückt, und ist, angeblich von den Pocken 
und seit seiner Kindheit, an der ganzen rechten Seite seines Körpers in den 
Extremitäten gelähmt Die rechte Hand ist im Gelenke nach innen contrahirt 
und atrophisch, und auch der rechte Fuss ist etwas verkürzt, weshalb über- 
haupt Inculpat nur mühsam und hinkend geht, und durchaus den Eindruck 
eines gebrechlichen Menschen macht. Im Jahre 1813 will er das Nervenfieber 
gehabt haben, räumt aber ein, sich jetzt körperlich gesund zu befinden, was 
auch die bisherige Beobachtung bestätigt hat. Namentlich gehn alle Functionen 
regelmässig von Statten. Am Baue seines Schädels ist nichts Abnormes zu 
bemerken, nnr ist der Hinterkopf etwas flach. Der Blick seiner blauen Augen 
hat etwas Freundliches, wie seine ganze Physiognomie eher etwas Gewinnen- 
des als Abstossendes, namentlich einen Ausdruck von Gutmüthigkeit hat. Ge- 
wöhnlich trägt aber Gnieser den Kopf vornüber gebückt, und schlägt nur 
von Zeit zu Zeit im Gespräch den Blick auf, wenn er nach seiner Art leben- 
dig wird. Er ist nämlich ungemein einsilbig, und, wie der Inquirent schon 
bemerkt hat, ist es sehr schwierig, eine eigentliche Unterhaltung mit ihm zi| 
führen. Ein: Hml ein Jal ein Na! gehören zu seinen gewöhnlichsten Antwort 
ten, wobei er die Gewohnheit hat, mit der linken Hand sich in das Gesichl 
zu fahren. Zu Zeiten nnd namentlich, wenn er glaubt, etwas Unbestreitbares 
gesagt zu haben, z. B. dass es ja doch so leicht und schnell sei, auf dem 



300 Gerichtliche Psychonosolo^e. §28. Casaiatlk. 86. Fall. 

Schaifot 9sa Bterben, hebt er dann den Kopf auf und sieht den Frai^nden an, 
mit einem Blick, der deutlich bekundet, wie durchdrungen er von der Rich- 
tigkeit seiner Aeusserung sei. Ich will nicht unterlassen, hierbei bu bemerken, 
dass die Genitalien des Incuipaten, die ich (s. unten) zu besichtigen für nöthi^ 
erachtet habe, entschieden eher klein und unentwickelt, aJs das Qegentheil sind. 
Die Ideen des Gn. und seine Aeusserungen bewegen sich in einem so engen 
Kreise, dass man bei noch so häuügen Unterredungen immer nur wieder ganz 
dasselbe von ihm erfährt. Hierbei ist nun zunächst höchst beachtenswerth. 
dass der Gnieser wohl Gedfichtniss für die Hauptdata aus seinem Leben hat, 
aber gar kein Erinnerungsvermögen für Physiognomieen und Thatsachen aus 
der letzten Zeit zu haben scheint. So oft ich ihn gesehn, yermochte er sich 
nicht zu besinnen, dass er mich bereits jtHiher gesehn habe, und gab dies 
höchstens auf Einreden mit einem Hm! zu, ohne recht überzeugt zu erscheinen. 
Nach seiner Art gesprächig wird er nur, wenn man auf seinen Gedankengang 
bezüglich der That eingeht. Er sei schon lange seines Lebens überdrüssig ge- 
wesen, und habe deshalb den nicht geglückten Selbstmordsversuch gemacht, 
von dem man eine Zoll lange Narbe links am Halse sieht. Auf die Vorhal- 
tungen, warum er seinen Entschluss nicht auf irgend eine andere Art ausgeführt? 
erwiedert er, dass dies ihm ja gar nicht möglich gewesen: erhängen habe er 
sich mit seiner Lähmung nicht können, ertränken, wie er bei dem mir ge- 
schilderten Vorfall erlebt, eben so wenig, denn da kämen doch immer Leute, 
die ihn störten,' oder herauszögen, und so habe er: „,da doch, wer tödtet, wieder 
getödtet würde ''^, beschlossen, den Knaben zu tödten. Dass derselbe ihm nie 
etwas zu Leide gethan, dabei verblieb er in allen Unterredungen, er habe ihn 
aber nehmen müssen, „„weil er ja keinen Andern gehabt'''', wobei er dann 
immer die oben geschilderte Geberde des innigsten Ueberzengtseins machte. 
Wenn ich ihm andeutete, dass ja doch die Allerhöchste Gnade jedem todes- 
würdigen Verbrecher das Leben schenken könne, dass er dies habe wissen 
müssen, ihm also doch wohl Zweifel über den beabsichtigten Erfolg seiner That 
vor Ansföhrung derselben hätten aufstossen müssen, dann wurde er jedesmal in 
seiner Art und Weise heftig, und äusserte: „„nein, nein, ich will keine Gnade, 
ich will fort, ich will gar nichts mehr von der Welt wissen, — wie sie jetzt 
köpfen, das geht ja so schnell^'' — wobei er mit der Hand an den Hals flihr.** 
„Ein andrer Gedankengang, der sich mit dem vom Lebensüberdruss bei 
dem Gn. unaufhörlich verbindet und vermischt, ist die Furcht vor dem „„ewigen''*' 
oder Jahre langen ^„ Sitzen.^" Diese Besorgniss trägt er in der neusten Zeit 
sogar auf Andre über. Ich habe ihn wiederholt Thränen vergiessen sehen bei 
der Aeusserung — wovon er nicht abzubringen ist — dass gewiss auch seinet- 
wegen der Kuhrau und der Wundarzt B., weil dieser ihm die Halsschnittwunde 
verbunden, und „„die Andern Alle nun zum Sitzen kommen würden."' Wie 
diese Furcht vor langem Gefängniss sich in ihm entwickelt, ist nicht klar aus 
ihm zu ermitteln. Er giebt dafür als Motive an, dass er im Hause besprochen 
worden sei wegen des gestohlenen Holzes, ein andermal nennt er den Selbst- 
mordsversuch, und wieder in andern Fällen spricht er einsilbige unverständliche 



Gericlitliche Psychonosologie. §28. Casaistik. 86. Fall. 301 

Worte, als wenn er sagen wollte: er wisse es besser, dass doch Oefängniss sein 
Loos gewesen wäre, und so meint er, wäre es gerathner gewesen, zu handein, 
wie er gethan.*" 

„Im Termine Yom 4. Mai und in Gegenwart des Inqnirenten und ProtocoU- 
ftthrers, trat Gnleser jnit dem Geständniss gegen mich auf — hei welchem 
er in allen folgenden Unterredungen bis hente gehlieben ist — 
dass seine frühere Deposition, betreffend die mit dem denaius getriebene Unzncht, 
YÖllig anwahr sei. Er behauptete: der Geistliche habe ihn ermahnt zu bekennen, 
ob nicht wollfistige Tendenzen ihn zum Verbrechen getrieben, ob er nicht mit 
dem Hanke in unziiohtigem Verhältnisse gelebt habe n. dgl. Er habe dann 
gedacht: „„er müsse doch einen Gmnd angeben, und dann würde es rascher 
gehn, und er eher zn Tode kommen^ <*, und so habe er dies fälsche Geständniss 
gemacht Alle betreffenden Depositionen, das angeblich Jahrelange Verhältnlss, 
die Besorgniss vor dem Ausplaudern, das Abknöpfen der Hosen u. s. w., nimmt 
er jedesmal Jetzt immer wieder zurück, und so oft und so ernst ich darauf 
zurückkam, so wies er mich Jedesmal mit einem Hm!, einem Kopftchütteln, 
einem Aufblicken und einem geringen Lächeln ab, aus dem deutlich die Antwort 
hervorging: „«wie können Sie so etwas nur glauben?*''' Ich kann, weil die 
Deposition höchst erheblieh ist, nicht dringend und genau genug schildern, wie 
wiederholt und consequent Inculpat diese seine Selbstbeschuldigung gegen mich 
abgelehnt hat, und stehe nicht an zu bemerken, dass aus seiner Art dabei zu 
verfiihren, er mich vollkommen von dem Falschen seiner hier betrachteten Aus- 
sage überzeugt hat." 

„Auch auf das Vorhandensein der Reue habe ich geachtet. Inculpat äussert 
allerdings, aber mit sichtlicher Gleichgültigkeit, dass ihm die That leid sei, und 
sagte einmal auf mein Vorhalten, ob er, wenn er etwa begnadigt, und sogar 
ganz freigelassen würde, um seinen Zweck zn erreichen vielleicht noch einen 
Mord begehen würde? er hätte an diesem Einen genug, seinethalben könnte 
man übrigens Thür und Fenster aufinachen, er würde nicht weggehn, er wolle 
fort von der Welt* 

„Wenn ein Mensch, wie Gnieser, der von den Verwandten und Zeugen 
als ein, früher wenigstens, heiterer, gut gelaunter, als ein Mensch von sehr 
welchem Gemüthe, der Niemanden leiden sehn konnte, als ein fleissiger Kirchen- 
besucher geschildert wird, wenn ein Mensch, der, nach den Akten, noch nie 
gestraft worden, der, nach der obigen Schilderung, noch Jetzt den Charakter 
der Freundlichkeit und Gutmüthigkeit in seiner Physiognomie hat, eine so vio- 
lente und schauderhafte That ausfährt, die hiemach ganz isolirt in seinem 
geistigen Leben dasteht, so ist schon von vom herein ein Zweifel an der gesunden 
Gteistesbeschaffenheit desselben, nach aller psychologischen Erfahrung, gerecht- 
fertigt. Dieser Zweifel muss sich erheblich steigern, wenn man das Motiv be- 
trachtet, das den Incnlpaten zu der That bestimmt hat Hier würde nun aber, 
bei derselben Individualität, das Urtheil beträchtlich verschieden ausfoUen müssen, 
je nachdem der Eine oder der Andre der von dem Gnieser vorgebrachten 
Beweggründe als der wahre anzusehn wäre. Es wird deshalb nothwendig sein, 



302 Gerichtliche Psychonosolofirie. §23. Casaistik. 86. Fall. 

vorläufig von dem spätem Widerrufe des Geständnisses vom 9. Mars c, be^ 
treffend die angeblich mit dem dencUus getriebene Unzucht, abzusehn, und su 
ermitteln, ob Gründe für die innere Wahrheit dieser Deposition in den Akten 
vorliegen? Ich stehe indess nicht an, auch hier, wie oben, wo ich von dem 
persönlichen Eindrucke des Gnieser auf mich in der geregten Besiehung ge- 
sprochen, dies zu verneinen, und vielmehr die innere Unwahrscheinlichkeit des 
spätem Geständnisses des Gnieser zu behaupten. Wenn es schon mindestens 
nicht sehr wahrscheinlich ist, dass ein in Jahren schon ziemlich vorgerückter 
Mensch, der obenein, wie sein Aensseres und seine ganz weissen Haare darthun, 
vor der Zeit gealtert ist, dass femer ein gelähmter und so gebrechlicher Mensch, 
wie Incnlpat, den Knaben namentlich auf die Art gebraucht haben sollte, wie 
er ihn angeblich noch kurz vor der That hat gebraucht haben wollen, so mn&s 
auch das Widersprechende in seinen Aussagen erwogen werden, wonach er den 
denatus bald zu solchen, bald zu andern wollüstigen Handlungen gebraucht 
haben will. Es ist femer nicht einzusehn, waram der Knabe, der angeblich 
das Letztemal geschrieen und gedroht haben soll, es seinem Stiefvater anzu- 
zeigen, sich nicht ganz ähnlich schon viel früher benommen haben sollte? 
Dass er, der aufrichtige und offene Knabe, dies nie gethan, ja niemals der 
geringste Verdacht dieser Art gegen den Gnieser im Hause des Hanke 
aufgekommen, so dass dessen Stiefvater die Aussage des Inculpaten nicht für 
wahr halten will, ist ein weiterer Beweis für unsre entsprechende, obige An- 
nahme. Ferner widerspricht selbst der Gnieser sich in der Angabe dieses 
seines vorgebliches Motivs zur That, indem er einerseits behauptet, ans Schaam 
vor einer Veröffentlichung seiner Unzuchten durch den Knaben denselben — 
also aus rein selbstsüchtigem Interesse — erschlagen zu haben, andrerseits die 
That, gleichsam aus übergrosser Sittlichkeit begangen zn haben angiebt, wenn 
er den Körper des Knaben vernichtet haben will, um die Seele desselben zu 
retten I Dagegen liegt Nichts vor, um das Geständniss des G., dass er die That 
aus Lebensüberdrass, und um durch den „„schnellen*''' Tod auf dem Schaffet 
seinem Leben ein Ziel zu setzen, vollführt habe, gleichfolls für unwahr zu hal- 
ten. Fälle der Art sind bekanntlich nicht gar zu selten vorgekommen. Man 
kann auch nicht behaupten, dass die Thäter in allen Fällen der -Art geistes- 
gestörte Individuen gewesen seien. Es wird aber hier zu unterscheiden sein, 
ob der Tod durch öffentliche Hinrichtung solchen Menschen Zweck, oder nur 
Mittel zu einem andern Zweck, Fortleben in der Geschichte, Märtyrerrahm und 
dergleichen war. Im erstem Falle wird man nicht irren, wenn man, auch ohne 
eine Kenntniss des Individui und seiner vUa anteacta^ auf eine geisteskranke 
Richtung bei ihm sahliesst, denn alle Gesetzgebungen würden von Je an nicht 
die 'Todesstrafe als höchste Strafe hingestellt haben, wenn sie nicht von dem 
richtigen Gesichtspunkt ausgegangen wären, dass das Leben das höchste ir- 
dische Gut, und die vorzeitige Vernichtung desselben das höchste Uebel für 
den Menschen sind. Auch dies höchste Uebel kann er noch, bei vollkomnven 
bestehender geistiger Gesundheit, auf sich laden, wie der freiwillige Selbstmord 
so alltäglich beweist: mit diesem Uebel aber noch die Schande für sich und 



Gerichtliche Fsychonosologie. § 28. Casuistik. 86. Fall. 303 

die Seinen, mid die Q^ialen eines yorgängigen kürzern oder langem, strengen 
Qefängnisses verbinden, und diesen Zustand obenein erstreben, wünschen nnd 
herbeiführen, dies läast nothwendig auf einen Znstand schliessen, bei dem die 
Freiheit der Wahi in den Entschlüssen und Wiliensbestimmnngen des so Han- 
delnden, dnrch irgend welche Einflüsse, verloren gegangen ist.'' 

.Grade dies aber war der Fall des Inculpaten. Ein Mensch, wie er, von 
dem seine nächsten Verwandten aussagen, dass er stets „„sehr simpel und sehr 
besebriüikten Verstandes*''', oder «„verstandesschwach^"', oder „„nicht richti^f 
im Kopfe*'" gewesen sei, der Mher stark, in der letzten Zeit wohl weniger 
dem Trunk ergeben war, der in seinen Vermögensverhältnissen ganz zurück- 
gekommen, der des irgend befriedigenden Gebrauchs einer ganzen Körperhälfte 
beraubt nnd sehr gebreclilich, dabei von Gichtschmerzen geplagt ist, der die 
nnbedeutendsten Ereignisse, eine zweifache Bezeichnuog seiner bürgerlichen Stel- 
lung als Sentier nnd Möbelhändler, oder den, höchst wahrscheinlich überall 
nur in seiner Einbildung existirenden Holzdiebstahl als schwere Verbrechen 
betrachtet, so dass endlich seine Verstandesschwäche sich zu der fixen Idee 
eines ihm bevorstehenden langen oder ewigen Gefängnisses ausbildet, zu wel- 
chem er sich in der letzten Zeit schon im Traum von Gensd^armes abholen 
siebt — ein solcher Mensch konnte schon sehr leicht zu einem solchen Grade 
von Lebensüberdmss gelangen, der den freiwilligen Selbstmord als innerlich- 
nothwendige Folge nach sich zog. Dass er denselben durch eine Halsschnitt- 
wunde versucht hatte, ist aktenmässig. Er ist, wie oben ausgeführt, nicht zu 
überführen, dass dieser misslungene Versuch anderweite Wiederholungen nicht 
ausgescliloBsen haben würde, wenn gleich ihm zuzugeben ist, dass der Selbst- 
mord grade ihm allerdings mehr erschwert werden musste, als vielen Andern. 
Und so hat seine Aussage vollkommen innere Wahrheit, dass er zuletzt, unklar 
und verworren, getrieben von dem Wahnglauben eines ihm bevorstehenden ewi- 
gen Gefängnisses und von einem, durch körperliche nnd geistige Momente be- 
dingten Lebensüberdruss, auf den Gedanken gekommen sei, eine That zu be- 
gehn, die ihm den gewissen Tod durch das Gebot des Strafgesetzes zusichere. 
Hiemach erklären sich seine Aussagen: dass er schon seit sechs Wochen vor 
der That nicht habe schlafen können, und die Depositionen der Zeugen aus 
dem Hause des d^htOus, die kurz vorher, als er den Knaben zu sich bestellte, 
ihn ganz mhig nnd nichts Auffallendes an ihm gesehn haben, sehr leicht. ** 

»Es kann hier nicht eingewandt werden, dass Gnieser, wie die Ge- 
sehicbtserzählung zusammengestellt hat, die That mit lange und wohl überleg- 
ter Absicht nnd mit vollkommner Plaumässigkeit bedacht und ausgeführt habe. 
Inculpat ist kein Mensch, der des Gebrauchs seiner Vernunft vollständig be- 
raubt ist, und so konnte er sehr wohl,- wenn auch gebunden und befangen in 
seinen Gedankenrichtungen, planmässige Vorkehmngen für sein Vorhaben 
treffen, wie man dergleichen täglich in grossen Irrenhäusern von un- 
zweifelhaft Geisteskranken, wenn sie verbotene Handlungen, Entfiiehn u. s. w. 
meditiren, oft mit grosser List und ungewöhnlicher Schlauheit ausführen sieht. 
Gktnz den bisherigen Annahmen entsprechend und dieselben noch weiter er- 



304 Gerichtliche Psycbonosolo^ie. §28. Casaiatik. 36. Fall. 

weisend sind des Inquisiten Benehmen und Aenssernngen nach vollzogener 
Tbat. Während der zurechnungsfähige Uebelthäter, der Verbrecher, wenn ihn 
die Umstände nicht daran verhindern, z. B. die That nicht vor Zeugen verübt 
ist, nach derselben Alles thut, um die Wahrheit zu verdunkeln, und sich der 
gesetzlichen Strafe zu entziehn, übergiebt Qnieser sich unmittelbar nachher 
den Händen der Gerechtigkeit, und bittet, ihn nur schnell zum Arrest zu bringen, 
bekennt, liefert den Schlüssel zum Keller aus, in welchem der Knabe liegt, 
und recognoscirt — obwohl mit Widerstreben dazu bewogen, woraus allein der 
Polizei -Director D. nicht auf Abwesenheit einer Geistesstörung bei ihm ge- 
schlossen haben würde, wenn damals schon eine genauere Kenntniss des Falles 
vorgelegen hätte — Leiche und Beil augenblicklich! So handeln in der Begel 
nur solche Verbrecher, die nicht, wie Inculpat, „»ganz ruhige '', sondern in der 
Aufgeregtheit der Leidenschaft ein Verbrechen verüben, und dann die That und 
ihre Folgen alsbald bereuen. Gnleser aber handelte hier ebenso folgerichtig, 
als jetzt, wo er fortwährend die Möglichkeit einer Befreiung von der Todes- 
strafe verwirft, und nur wünscht, dass es bald mit ihm abgethan werden möge. 
Sein auffallendes Benehmen femer in den Verhören und Gefängnissen, wo er 
bald an seinen versetzten „„schönen Sonntagsrock'^'' denkt, bald bittet, abzu- 
brechen, um ein Andermal wieder „„zu Dienste zu stehn*^^, welche Aeusserung 
für Den ungemein characteristisch ist, der Gnieser^s apathische Weise kennen 
gelernt hat, bald darüber weint, dass seine Bekannte nun auch (seinetwegen) 
in's Gefängniss kommen würden, die Unmöglichkeit endlich einige Klarheit in 
die Verwirrung seiner Gedanken zu bringen, konnten nur mit Becht den In- 
quirenten veranlassen, seine oben mitgetheilten Bedenken, betreffend den Ge- 
müthszustand des Inculpaten zu den Akten zu geben. — Nach allem Obigen gebe 
ich mein Gutachten auf die vorgelegte Frage dahin ab: dass Gnieser weder 
überhaupt, noch zur Zeit der That für zurechnungsfähig zu erachten sei, wobei 
ich, zur Wahrung meines Gewissens, mich zu dem Zusatz verpflichtet fühle, 
dass unter den obwaltenden Umständen es gar nicht zu erwarten steht, dass 
Inculpat Jemals wieder zu einer vollkommenen geistigen Gesundheit gelangen 
werde, derselbe demnach, bei seiner oben geschilderten Tendenz, ein dem Ge- 
meinwohle gefährlicher Mensch ist und bleiben wird.*" Gnieser wurde in 
Folge dieses Gutachtens in eine Irrenpflegeanstalt gesandt, in welcher er nach 
Jahr und Tag verstorben ist. — Der Fall, der wohl kein gewöhnlicher genannt 
werden kann, hätte sehr füglich von den Anhängern der schematisirten ver- 
schiedenen Wahnsinnsarten beliebig als Amentia occtUta, oder als Mordmono- 
manie, oder als Verbrecher -Wahnsinn u. s. w. gedeutet werden können. Es 
ist nicht einzusehn, was hier, wie in allen ähnlichen Fällen, damit gewonnen 
gewesen wäre! Gnieser war eben ein Wahnsinniger, nichts mehr, nichts 
weniger, und es genügte für den forensischen Zweck, dies motivirt dem Bichter 
auszuführen. 



THANATOLOGISCHES. 



C»tper, UlBitoh« Not«1]«ii. 20 



§ 1. Qeriehtlichc Obductionen. 307 



Ffinfte Novelle. 

Über gerichtliche Obductionen im Allgemeinen. 

( Handbuch 11. Allgemeiner Tbeil. ) 



§1- 

Allgemeinei. 

Icli beabsichtige im Nachstehenden aphoristisch, und als Zusatz 
zu den im Handbuch ausführlich mitgetheilten Abhandlungen 
über gerichtliche Leichenöffiiungen, einige Punkte näher zu erör- 
tern, deren Beachtung in der Praxis am gerichtlichen Sections- 
tisch sich mehr und mehr aufdrängt, und von denen jeder 
Einzelne im Einzelfalle von grosser Erheblichkeit werden kann, 
obgleich sie anscheinende Kleinigkeiten sind. Eben deshalb fin- 
den sie nicht die allgemeine Beachtung, die sie verdienen und 
erheischen, so wenig in der Literatur, wie in der Praxis. Wenn 
man in der Lage ist, wie der Verfasser, ausser der Kenntniss- 
nahme der in den Zeitschriften vorkommenden Obductionsfälle, 
auch amtlich von den Obductionsverhandlungen der ganzen 
Preussischen Monarchie, als Mitglied der Behörde, die diese Ver- 
handlungen in letzter Instanz zu prüfen hat , fortwährend Kennt- 
niss nehmen zu müssen, so weiss man, wie ungemein häufig 
auch bei den bessern derartigen gerichtsärztlichen Arbeiten und 
bei anerkennungswerthem besten Willen imd Kenntnissen ihrer 
Verfasser, Lücken sich ergeben, die oft nur anscheinende Klei- 
nigkeiten betreffen, und das Verständniss des Falles dennoch 
nicht nur erschweren, sondern sogar nicht selten den spätem 
Outachter, der nur die Akten vor sich hat, verhindern, ihn dem 
Richter mehr aufzuklären, wo er diese Aufklärung fordert, weil 



308 § 1- Gerichtliche Obdnctionen. 

die erstinstanzliche Beleuchtung des Falles ihm nicht genügte. 
Hier ist eine Organen-Hyperämie, dort die plattgedrückte Nase 
eines Neugebomen, im andern Falle eine braungelbe, grosse 
Hautstelle an einem Körpertheil betont u. dgl. m., und es wer- 
den Schlüsse auf diese Befunde gebaut, welche der Kundigere, 
der die wahre Bedeutung derselben kennt, verwerfen muss. Aber 
„die Kritik ist leicht, schwer die Kunst^, sagt das französische 
Wort. Eine gerichtliche Obduction ist leichter als eine patholo- 
gisch-klinische, und schwieriger, je nach dem verschiedenen 
Standpunkte. Leichter, denn die klinische Leichenöfihung erfor- 
dert eine genaue Untersuchung der kranken Organe bis in^s 
microscopische und chemische Detail hinein, wenn sie ganz be- 
friedigend sein soll. Von diesen oft so mühsamen Forschungen 
ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle bei gerichtlichen 
Obdnctionen, die ausschliesslich nur zu richterlichen Zwecken 
angestellt werden, nicht, und um so weniger die Rede, als der- 
gleichen Untersuchungen bei Leichen von Menschen, die meisten- 
theils zur Zeit ihres Todes vollkommen gesund waren und völlig 
normale Organe hatten, ohnedies von selbst wegfallen. Dagegen 
ist eine gerichtliche Leichenuntersuchung schwieriger als eine 
klinische, weil, zumal in vielen Fällen, sehr viel forensische 
Sachkeuntniss und grosse Umsicht dazu gehört, Nichts, oft das 
anscheinend Kleinste nicht, zu übersehn, was möglicherweise für 
spätere Fragen, deren Tragweite der Gerichtsarzt oft zur Zeit 
noch gar nicht ermessen kann, von Wichtigkeit werden könnte, 
und andrerseits, um nicht Befunden einen Werth beizulegen, den 
sie nicht haben. Die nachfolgenden Paragraphen haben den 
Zweck, im Anschluss an das Handbuch practischen Gerichts- 
ärzten hierin einige Anhaltspunkte zu geben, und einige nicht 
genug bekannte oder beachtete wissenschaftliche Thatsachen fest- 
zustellen. 

§ 2. 
Würdigung einiger Obduotionsbefimde. 

1) Hyperämieen. Was ist eine Hyperämie? Nicht nur eine 
grosse Blutanfüllung eines Gefässes oder Organs, sondern eine 
abnorm grosse. Und nur wenn die bedeutende Blutmenge 



I § 2. Gerichtliche Obductionen. 309 

eines Organs eine nicht normale ist, kann der Befund diagno* 
stische Bedeutung haben. Die Leber des neugebornen bald nach 
der Geburt gestorbenen Kindes findet man in allen Fällen aus 
bekannten Ursachen ungemein stark und so mit Blut gefüllt, 
dass man verhältnissmässig von solcher Leber eines Erwachsenen 
mit Recht sagen würde, sie sei hyperämisch; für die des Neu- 
gebomen kann man nur von dem (beziehungsweise) „gewöhnlichen 
Blutgehalt "^ sprechen. Noch wichtiger ist, und noch weit mehr 
giebt bei Nichtbeachtung zu gefährlichen Täuschungen Anlass, die 
Thatsache, dass auch das Gehirn, oder besser die Venen der 
pia niafer beim Neugebornen bald nach der Geburt Verstorbenen, 
normalmässig stark gefüllt sind, und es ist hiemach nicht ge- 
rechtfertigt, aus diesem — ganz normalen — Befunde den 
Schluss auf hyperämisch-apoplectischen Tod des Kindes zu ziehn. 
Ferner findet man bei abnormer Blutvertheilung in der Leiche, 
wie sie nicht bloss beim gewaltsamen Erstickungstode, sondern 
nach den allerverschiedensten Todesarten vorkommt, in einzelnen 
Gefässen oder Organen anscheinend viel Blut angehäuft, ohne 
dass man berechtigt wäre , eine Hyperämie derselben anzunehmen. 
Dies gilt namentlich für die Bauch-Hohlvene, die im Augenblick 
der eingetretenen Herzlähmung (Tod) aus natürlichen Gründen 
ihre ganze Blutmenge behält, weil sie sie nicht mehr in^s rechte 
Herz entleeren kann, wo dann folglich wieder nur ein normaler 
Vorgang, keine „Hyperämie", vorliegt. . Aber auch in andrer 
Beziehung ist jede Annahme einer Hyperämie etwas mehr oder 
weniger Schwankendes, mehr oder weniger von der individuellen 
Ansicht des Obducenten Abhängiges, weil die Blutmenge nur zu 
schätzen, nicht zu wiegen oder zu messen ist. Deshalb ist es 
recht schwierig, bei der betreffenden Schilderung im Obductions- 
protocoll die richtige Bezeichnung zu finden , die .sich ohnedies 
immer in schwankenden Grenzen bewegt, wie z. B. stark gefüllt, 
sehr stark gefüllt, ungewöhnlich angefüllt, übermässig gefüllt, u. 
dgl. Je mehr üebung und Erfalirung der gerichtliche Arzt hat, 
desto mehr wird ihm die vergleichende Kritik, die er durch das 
Sehen sehr vieler Leichen gewonnen, den richtigen Maassstab an 
die Hand geben; aber Uebung und Erfarhrung sind für die grosse 
Mehrzahl bekanntlich der Natur der Sache nach schwierig zu 



310 § 3- Gerichtliche Obdactioaen. 

erlangen, und deshalb ist die Benutzung von Obductionsproto- 
koUen in Betreff der Befunde Ton Ilyperämieen, sei es zu wissen- 
schaftlichen, sei es zu amtlichen Zwecken, immer mit Vor- 
sicht zu handhaben. Es ist dies eine höchst wichtige, nir- 
gends angeführte Regel, und beim Nichtfesthalten derselben 
kommen zahlreiche Irrthümer vor, insofern Schlüsse aus angeb- 
lichen „Hyperämieen" gezogen werden, während dergleichen 
wirklich abnorme Blutanhäufungen in den betreffenden Organen 
gar nicht vorhanden und nur irrthümlich angenommen worden 
waren. Wie vollends auch 

2) Hypostasen täuschen, mit Hyperämieen verwechselt wer- 
den, imd zu falschen Diagnosen Veranlassung geben können, 
habe ich schon im Hdb. H AUg. Tbl. § 9 erwähnt. Ich mache 
zu dem dort Gesagten hier noch aufmerksam auf die Hypostase 
in den Queerblutleitem. Bei der gewöhnlichen (Rücken-) Lage 
der Leichen ist der Hinterkopf der abschüssigst liegende Theil. 
Daher kommt die ungemein häufige Leichenerscheimmg, dass, 
zumal bei grösserer Flüssigkeit des Blutes, dasselbe sich in den 
grossen sinus tranverai ansammelt, die dann, und selbst bei 
sonstiger geringer Blutmenge im Kopfe, sehr stark angefüllt ge- 
funden werden. Diese sehr erklärliche reine Leichenerscheinung 
der Hypostase für eine apoplectische Congestion zu erklären, 
wäre ein grosser, forensisch möglicherweise folgenschwerer Lrthum, 
wie es der ist, aus der Anfüllung der pia mater - Venen an der 
hintern Hälfte der Gehirijoberfläche , die sich mehr oder weniger 
ausgesprochen als reines hypostatisches Ergebniss in allen, auch 
blutarmen Leichen findet, einen Blutschlagfluss zu deduciren. 
Dass man diese hypostatische Venenanfullung , statt an der hin- 
tern, an der vordem Hälfte der Gehimoberfläche findet, (und 
dann ebenso wenig daraus einen apoplectischen Tod annehmen 
darf,) wenn der Sterbende auf die vordere Körperfläche zu liegen 
kam, und darauf liegen blieb, mag nur noch ergänzend bemerkt 
sein. — Von den äussern Hypostasen (Todtenflecken) ist 
bekannt, dass ein constanter Druck sie an den gedrückten Stellen 
nicht zu Stande kommen lässt, weil die gepressten Capillaren 
sich nicht anfüllen können. Die ganz weissen Strangrinnen 
an Hälsen, die von Todtenflecken geröthet sind, sind hierdurch 



§ 2. Gerichtliche Obductionen. 1. Fall. 311 

erklärlich. Die Nichterkenntniss dieses Satzes kann sehr leicht 
gleichfalls wichtige Trugschlüsse veranlassen, wie folgender Fall 
beweist, in welchem ein Arzt den Eindruck des fest zugeknöpf- 
ten Hemdenkragens am Halse, der einen weissen Streifen im ge- 
rötheten Halse gebildet, für eine Strangrinne und den Fall 
für einen Mord erklärt hatte, ein Irrthum, den die gerichtliche 
Obduction aufklären musste. 

1. Fall. Simnlirter StrangulatioiiBtod. 

Ein 42 Jahre alter, oolossaler, höchst fetter Maler nnd notoriBcher Tnuken- 
bold war am 12/ August im Zimmer aaf dem Boden dicht am Fenster aaf dem 
Banch liegend, nur mit dem Hemde bekleidet, todt gefunden worden. Aus Nase 
und Mund war viel Blut geflossen, der After war mit Koth besudelt. In der 
anstossenden Schlafkammer war das Bett zerlegen, und yor demselben lag ein 
grosser Kothhaufen, in welchen der Verstorbene noch getreten hatte, denn er 
hatte Roth am rechten Hacken, und hatte damit noch einen zweiten Kothfleck 
im Zimmer gemacht Der Kopf war sehwarzblauroth, die Zunge, nicht ge- 
schwollen, lag hinter den Zähnen, der Hals war ringsum von Todtenflecken 
sehr geröthet. Bei meiner Ankunft fand ich das Hemde am Halse bereits auf- 
geknöpft^ das, wie ein Versuch zeigte, sehr eng den Hals umschlossen haben 
musste. In den rothen Hautstellen markirte sich sehr auffallend ein anderthalb 
Linien breiter, ununterbrochen um den Hals laufender, ganz flacher, leichen- 
weisser Streif. Am folgenden Tage bei der Obduction war der Hals Yom schon 
grün, und rechts war der Streif Jetzt ebenfaUs hellgrün sichtbar. Bei der (in 
16° R.) schon sehr verwesten Leiche war das Gehirn bereits anaemisch, die 
Luftröhre chocoladenbraun durch Verwesungsverfärbung. Die Lungen strotzten 
von Blut und auch Pulmonar-Artenen und rechtes Herz waren strotzend mit 
halb flässigem, halb coagnlirtem Blut angefüllt. Die übrigen Befunde waren 
ganz unerheblich. Wir mnssten Tod durch Lungen- und Herzschlag annehmen 
und erklärten, »dass bei der Abwesenheit Jeder Verletzung und einer Strang- 
marke, als welche der Streif am Halse nicht gelten könne, weder auf Stran- 
gulation, noch auf eine andre gewaltsame Veranlassung zum Tode geschlossen 
werden könne". Im Zimmer war eine grosse, nach Branntwein riechende 
Flasche leer vorgefunden worden. Offenbar war der W., wahscheinlich (wie 
gewöhnlich) schon angetrunken nach Hause gekommen, hatte hier noch seine 
Flasche geleert, und war dann im Bette von Congestionen nach Brust und Kopf 
befallen worden, aufgestanden, um das Fenster zu öffiaen, nachdem er noch 
vor dem Bette den Koth entleert, und war dann vor dem Fenster todt nieder- 
gestürzt. Die später ermittelten Umstände bestätigten den natürlichen Tod. 
Die von W. seines Charakters wegen getrennt lebende Ehefrau deponirte, dass 
er am Abend seines Todes noch 15 Groschen besessen, während nur 6 Groschen 
bei der Leiche vorgefunden worden. Pa^ Fehlen d^s Strangbandes am Halse 



312 § 2. Gerichtliche Obductionen. 

der Leiche sprach femer Ja gegen Strangalation, nnd endlich erftihr man auch 
Ton den Polizeibeamten, dass die Wohnung von Innen verschlossen gewesen 
war. Solehe Psendo- Strangrinnen wie diese, und aus derselben Ursache ver- 
anUuwty kommen ungemein häufig vor! 

3) In derartigen Fällen ist also die falsche Strangrinne, 
richtig erwogen, ein rein zufälliger, folglich ganz unerheblicher 
Befund. Dergleichen ganz irreleyante Obductionsbefunde 
kommen an Leichen alltäglich vor, und verführen, zumal in 
etwas schwierigem Fällen, recht häufig zu irrigen Annahmen. 
Es gehört Umsicht und Sicherheit des Blicks dazu, um solche 
unwesentliche Befunde von den wesentlichen zu unterscheiden, 
und sich durch jene nicht blenden zu lassen. Wenn man erwägt, 
dass die Mehrzahl der auf den gerichtlichen Sectionstisch kom- 
menden Leichen Menschen sind, die mehr oder weniger plötzlich 
und gewaltsam verstorben waren, und wenn man die hundert Zu- 
fälligkeiten festhält, die den Menschen in solchem Augenblick, 
oder die seine Leiche treffen können und treffen, dann wird man 
schon auf dem rechten Wege sein. Auf dem falschen aber, wenn 
man aus ünkenntniss und Mangel an Erfahrung — wie polizei- 
liche Beamte beim Auffinden von Leichen sehr häufig in ihren 
Berichten die lächerlichsten Quiproquos machen — oder umge- 
kehrt in der Uebung seines Scharfsinns solche ganz nichtsbedeu- 
tende Befunde zum Grundstein eines grossen Gebäudes von Trug- 
schlüssen macht. Die einfachsten Fälle werden grade durch dies 
Verfahren recht oft verdunkelt. Von einem Menschen, der Nachts 
bewusstlos und sterbend auf einer kothig^n Chaussee liegend auf- 
gefunden wurde, war es zweifelhaft geworden, ob die Kopfverletzung 
durch Axtschläge oder durch üeberfahren erzeugt worden war? 
In zwei Gutachten war sehr ausführlich der Befund von Strassen- 
koth an den Ohren des aufgefundenen Verletzten erwogen und 
mit dem Wagen, oder mit dem Niederstürzen bei den Beilschlägen 
u. s. w. in Beziehung gebracht worden, während es nahe lag, auf 
diesen rein zufälligen Befund gar kein Gewicht zu legen, und sich 
an die Verletzung und sonstige wesentlichen Umstände zu halten, 
nachdem ermittelt worden war, dass der Bewusstlose in der Nacht 
von mehrern Menschen aus dem Kothe hervorgehoben und weg- 
transportirt worden war, bei M^elcher Gelegenheit doch auch die 



§ 3. BlntgerinDang nach dem Tode. 313 

Hände der Transporteurs beschmutzt werden mussten, und den 
Kopf besudelt haben konnten, auch wenn derselbe früher nicht 
an beiden Seiten beschmutzt gewesen sein sollte. — Zu solchen 
gar nicht in Betracht zu ziehenden Befunden gehört, um Statt 
vieler nur noch ein anderes Beispiel anzuführen, was sehr oft ge- 
täuscht hat, die angebliche platt gedrückte Nase an den Leichen 
von Neugebornen. Das Kind war im Gesichte gedrückt und 
dadurch erstickt, es war lebend in Kisten, Betten u. s. w. einge- 
presst und dadurch erstickt worden; woher sonst die ganz platt 
gedrückte Nase? Aber die noch so weichen Nasenknorpel des 
Neugebornen werden nach dem Tode durch den leichtesten Druck 
platt gedrückt, und solcher Druck wird auf die Leiche durch hun- 
dert Zufälligkeiten ausgeübt, beim Herumdrehn der Kindesleiche, 
um sie mit irgend etwas zu bedecken, ehe sie von der Mutter 
beseitigt wird, beim Einlegen und Verstecken der Leiche in irgend 
welche Behälter, wo sie dann später aufgefunden wird, beim Trans- 
port der Leiche vom Fundort in das Sectionslocal u. s. w. Daher 
ist es erklärlich, wenn ich versichere, dass wir vielleicht bei der 
Hälfte aller unserer zahlreichen Kinderleichen eine platte zusam- 
mengedrückte Nase finden, und deshalb auch den Befund nicht 
einmal in's ProtocoU aufnehmen, am wenigsten auch nur den aller- 
geringsten. Werth darauf legen, wenn nicht gleichzeitig an der 
Nase oder im Gesicht u. s. w. sieh etwa Kratzwunden, oder sugillirte 
Stellen, oder wenigstens schwarzblaue Färbung der platten Nase 
u. dgl. findet, wo dann erst ein etwaniger gewaltsamer Druck 
auf diese Theile im Leben des Kindes in Erwägung kommen kann. 

§3. 
Forttetsung. Blutgerinnung nach dem Tode. 

4) Obgleich ich mich bemüht habe, nicht zu behaupten, sondern 
zu beweisen, durch zahlreiche Fälle der verschiedensten Art zu 
1)ew6isen (Hdb. U, Allg. Thl. § 11), dass nichts irriger ist, als 
die so lange gepflegte Lehre, dass Blutgerinnung in der Leiche 
beweise, dass das Blut noch im Leben an diese Stelle gekommen, 
dass also die Verletzung, die die Sugillation mit geronnen ge- 
fundenem Blut veranlasste, dem noch lebenden Menschen zugefügt 
worden sein musste, woraus Henke und alle seine Nachfolger 



314 § 3- Blutgerinnung nach dem Tode. 2. Fall. 

den anderweiten wichtigen Rückschluss machten, dass Blutgerinnung 
in der Leiche des Neugebomen beweise, dass dasselbe gelebt 
gehabt — so wird diese grundfalsche Thesis doch noch immer 
hartnäckig festgehalten, und hartnäckig werden daraus die irr- 
thümlichsten Folgerungen hergeleitet. Dass selbst angesehene 
Medicinalbehörden • in ihren Revisionsgutachten diesen falschen 
Satz noch nicht fallen lassen, dafür könnte ich neuste Beispiele 
anführen, und wird man ihn dann entfernt und isolirt auf dem 
Lande wohnenden Aerzten um so weniger anrechnen dürfen. Wenn 
man aber die Wahrheit so oft wiederholen muss, als der Irrthum 
wiederholt worden, so will ich — zwar nicht wiederholen, was 
ich a. a. 0. als Aussprüche andrer Beobachter und als Ergebnisse 
eigener Wahrnehmungen angeführt habe — sondern nur hier aber- 
mals einige neuere Fälle mittheilen, die unzweifelhaft bestätigen, 
was Jeder weiss und gesehen haben muss, der auch nur einige 
wenige Leichen von Menschen untersucht hat, die eines urplötz- 
lichen Todes gestorben sein mussten, jdass das Blut auch nach 
dem Tode gerinnen kann und gerinnt, und das& man nicht im 
Allerentfemtesten berechtigt ist, sei es unter welchen Umständen 
es wolle, bei Neugebomen wie bei Erwachsenen, bei niederer wie 
bei höherer Temperatur u. s. w., aus einer vorgefundenen Blut- 
gerinnung in der Leiche einen Schluss auf Leben zur Zeit der 
Entstehimg derselben zu ziehen. Es gilt dieser Satz für jede 
denkbare Blutgerinnung, für die halbcoagulirte Blutsulze in den 
Maschen der Kopfschwarte bei Neugebomen so gut wie für die 
coagulirte Sugillation im Unterhautzellgewebe an einer beliebigen 
Körperstelle, wie endlich für Blutgerinnungen, die man in Höhlen 
in dem aus gewaltsam verletzten Organen oder Gefässen dahin 
ergossenen Blute findet. Unter allen denkbaren Umständen also 
gerinnt Blut erst nach dem Tode. Die unten folgende Ga- 
suistik wird mehrfache Beweise dafür geben; zu den früher mit- 
getheilten hier vorläufig nur folgende, die ich ausw&hle, weil sie 
zugleich seltne Sectionsfalle waren: 

2. Fall. Sturz aus der Höhe. Schädel- und Bippenhrüohe. Rupturen der 
Lunge, Leher, Milz und der Nieren. 
Am Tage vor der Obduction (im Juni bei + 24° R.!) war ein 42jähriger 
Dachdecker ttantzig Fnss hoch vom Dach herunter gestürzt, und augenblicklich 



§8. Blatgerinnnng nach dem Tode. 3. u. 4.FalL 315 

todt geblieben. Wieder einmal, wie immer in solchen Fällen, vemeth keine 
äussere Spur am Leichnam die erheblichen innem Verletzungen, weil der 
plötzliche Tod Beacttonserscheinungen niemals zu Stande kommen lasst Die 
dura mater war bleich, dagegen starke Antfillung der pia tna^- Venen auf der 
rechten Himhemisphäre, wo ein haselnussgrosses Extravasat von geronnenem 
Blut lag. Fissur im linken Scheitelbeine, die sieh zickzackig in die boM hinein 
erstreckte, und bis in die rechte Seite hinüber, theils vor, theils hinter dem 
Türkensattel verlief. Auffallende Anämie in der Kopfhöhle, die sogleich auf 
innere Blutung deutete. Hechte Lunge und ihr Sack normal. Links war die 
fünfte Bippe gebrochen, und an der entsprechenden Stelle zeigte sich ein zwei 
Zoll langer» Vi" hlaffender Biss in der linken Lunge, der sich aber nicht wie 
ein Anstich von der Bippe, sondern als wirkliche Lnngenruptur verhielt. Im 
Sack über zwei Pftmd flüssiges Blut. Herz und grosse Gefässstämme leer. Im 
linken Leberlappen sechs longitudinale, und im rechten zwei kleinere Bisse, 
ohne sehr erheblichen Bluterguss in die Höhle, femer sehr zahlreiche Bupturen 
in der Milz, die zickzackig davon durchfurcht war. Jede Niere zeigte 2—3 
sehr oberflächliche, kaum eine Linie tief eindringende Bisse. Endlich waren 
die ganzen Bauchdecken linker Seits im Zellgewebe mit geronnenem Blute 
durchsetzt. Alle übrigen Bauchorgane, die, wie ich schon früher (Handb. IL 
Allg. Th. § 86) angeführt, weit seltener reissen, als die hier aufgezählten, waren 
unverletzt 

8. FalL Sturz ans der Höhe. Buptur der vena caoa^ Leber, Milz 
und Nieren. 

Ein ganz ähnlicher wie der vorige Fall. Hier war es ein 80 Jahre alter 
Maurer, der hoch von einem Neubau herabgestürzt und auch gleich todt ge- 
blieben war. Sehr selten war der BeAmd einer Buptur der vena cava inferior 
dicht am Herzen. Ausserdem fonden sich ein zwei Zoll langer Leberriss an 
der Insertionsstelle des ligam. suspensor., und vielfache Zickzackrupturen der 
Milz und beider Nieren. Aeusserlich am Leichnam keine andre Spur einer Ver- 
letzung, als eine abgeschundene Stelle am linken Ellbogen. Obgleich der Tod 
augenblicklich erfolgt war, fknden sich dennoch sehr viele Blutcos^gula in dem 
hu die Höhlen aus den Bupturen ergossenen filut. 

4. Fall. Eisenbahntod. Brttohe der Bippen. Buptur der Lunge, des 
Zwerchfells, der Leber, der Gallenblase, der Milz und Niere. 

Es giebt kehie denkbaren Beschädigungen, die nicht bei Tödtung durch 
Eisenbahnunglück vorkämen. Hier hatten wir die höchst seltenen, von mir nur 
in diesem einzigen Falle beobachteten Bupturen des Zwerchfells und der Gallen- 
blase. Denahu war ein Arbeiter der Bahn, der übergefahren und gleich todt 
geblieben war. Dass die Leiche, trotz des plötzlichen Verblutungstodes, der 
die Leiche ganz anämisch gemacht und namentlich keinen Tropfen Blut in A. pul- 
man, und vena cava gelassen hatte, dennoch Todtenflecke am Bücken zeigte, 



316 §3. Blntgerinnang nach dem Tode. 5. Fall. 

war uns zwar nicht überraschend, will ich aber wiederholt zur Widerlegung 
Ton Devergie'B Behauptung anführen, dass Todtenflecke sich nach dem Ver- 
blutungstode nicht ausbildeten. — Der Kopf war nicht getroffen worden. Im 
rechten Pleurasack drei Pftand, im linken 20 Unzen flüssiges, mit grossen Massen 
von Coagulis yermischtem Blut Rechts fünf queere Rippenbrüche, ohne irgend 
äussere Spur am Leichnam. Der untere Lappen der rechten Lunge war seiner 
ganzen Länge nach durchrissen. Das Zwerchfell war rechts ganz und gar toh 
seiner Insertionsstelle abgerissen, und Ton der zur Hälfte ganz zerbröckelten 
und zermalmten Leber lagen viele Btficke in der Brusthöhle. Links war gleich- 
falls ein grosser Riss im Zwerchfell, und der gefüllte Magen lag halb in diesem 
Riss und in die Brusthöhle hineingepresst. Von der Leber war nur die vordere 
Hälfte noch erhalten, aber die Gallenblase zerplatzt Die rechte Niere lag In 
dicken Blutgerinnseln eingebettet, und zeigte drei Längenrisse, die Milz 
zwei Queerrisse. 

5. Fall. Fall einer Last auf den Kopf. Schädelbrncli. 
Einem 28jährigen Arbeiter war vor drei Tagen aus einer Bodenluke ein 
schwerer, mit Eisen beschlagener Wagen, worin die Müller ihre Säcke karren, 
auf den Kopf gefallen und der Tod augenblicklich erfolgt. Keine Spur einer 
äussern Verletzung. Das rechte Scheitelbein war mit zickzackigen, blutlmbl- 
birten Rändern gebrochen, und der Bruch verlief bis an den Türkensattel hinan. 
Das Gehirn am gebrochenen Scheitelbein zeigte eine fast Handtellergrosse Ab- 
flachung (Impression, Quetschung) und die Basis Cerebelli war mit einer dünnen 
Blutschicht bekleidet Aus der Wirbelhöhle flössen 6—6 Unzen Blut Sämmt- 
liehe Wirbel waren unverletzt Aber über und unter der dura tnater des Rücken- 
markes fanden sich zahlreiche inselartige Ergüsse von geronnenem Blut Das 
übrige Blut war flüssig. 

§4. 

FortBetzang. Der Oernch als diagnostisches HülfimitteL 

5) Der Geruchssinn in der Leichendiagnostik. Wäh- 
rend der Arzt bei seinem ' lebenden Kranken alle seine Sinne, 
mit einziger Ausnahme des Geschmackssinnes, für seine Dia- 
gnose gebraucht, imd jeder einzelne ihm Data dazu liefert, ist 
der Gerichtsarzt für seine Diagnose an Leichen fast nur auf 
einen einzigen, den Gesichtssinn, beschränkt. Das Gehör ver- 
wendet er nur in einem einzigen Falle, um das Vorhandensein 
oder Fehlen des knisternden Geräusches bei Einschnitten in die 
Lungen Neugebomer zur Prüfung ihres Luftgehaltes zu erfor-r 
sehen. Denn wahrhaft lächerlich ist das wohl vorkommende 
Auscultiren der Brust an Leichen zu diagnostischen Zwecken 



§ 4. Der QernchsBinn in der Leichendiagnostik. 317 

(nicht zu Uebimgen des Lehrers mit seinen Schülern in patholo- 
gischer Beziehung). Denn wozu sich ein Räthsel absichtlich hin- 
stellen und Zeit mit seiner Lösung verschwenden, wenn einige 
Minuten später ein Schnitt jeden Zweifel hebt? — Der Tastsinn 
wird öfter bei gerichtlichen Leichen in Anwendung gesetzt Man 
prüft bei Neugebomen die Consistenz der Lungen, man prüft 
das Gewebe andrer Organe, man betastet die Bänder von 
Bruchstellen, ganz besonders aber prüft man bei verdächtigen 
fremden Substanzen in Luftröhre, Speiseröhre, Magen u. s. w., 
ob sie sich sandig, kömig oder wie immer anfühlen lassen, und 
diese Dienste, die der Tastsinn leistet, sind nicht gering zu 
schätzen. Aber es ist nicht zu verkennen, dass Messer, Loupe 
und Microscop uns über alle diese durch den Tastsinn gemachten 
Wahrnehmungen doch weit sicherem Aufschluss geben, und des- 
halb denselben an der Leiche fast überflüssig machen. — Der 
Geschmackssinn ist an sich als diagnostisches Hülfsmittel ausge- 
schlossen. Und so bleibt nebst dem Auge nur noch der Geruchs- 
sinn als Solches übrig. Dessen Dienste aber sind nicht bei 
Seite zu setzen, und ich meinerseits lege hohen Werth auf die- 
selben. Es giebt mannichfache Fälle, iu denen uns bei der 
forensischen Leichendiagnostik die Nase mehr ergiebt, als das 
Auge, Fälle, in denen das Prüfen von Leichencontentis durch 
den Gemchsinn des Obducenten denselben zunächst auf den 
richtigen Weg leitet, und ihm Licht über den Fall giebt, der 
ihm vieUeicht bis zu diesem Augenblick der Untersuchung noch 
völlig dunkel erschien. Dahin gehören vorzugsweise manche Ver- 
giftungsfälle. Der Bittermandelgeruch nach Vergiftung durch 
Blausäure und Cyankalium in noch frischen Leichen ist so durch- 
dringend, so constant, dabei so allgemein bekannt, so wenig 
mit andern Gerüchen zu verwechseln, endlich ein so sicheres 
und ganz zuverlässiges Kriterium dieser Vergiftung, dass die 
Nase hier einen ganz unschätzbaren Dienst leistet, schon lange 
vor der chemischen Analyse, gleich im Augenblicke der^bduc- 
tion, den Thatbestand zweifellos feststellen lässt, und deshalb 
die Prüfung aller Höhlen, nicht nur des Magens, durch den Ge- 
ruchssinn niemals «zu unterlassen ist. Ich habe nicht wenige 
Fälle untersucht, in denen Menschen im Bett, auf dem Sopha 



318 f 4* Der Gerachasiiin in der Leichendiagnoitfk. 

oder sonst im Zimmer unter Umständen todt aufgefunden worden 
waren, die es zweifelhaft machten, ob der Tod aus innem 
Krankheitsursachen oder auf irgend eine gewaltsame Weise 
erfolgt gewesen, und in denen schon nach der Eröffnung der 
Kopfhöhle uns die Nase sofort im mehr oder weniger starken 
Mandelgeruch den Weg zeigte, den wir nun femer mit der Prü- 
fung der Leiche einzuschlagen hatten. — Fast ganz dasselbe 
gilt von den Alcoholvergiftungen. In frischen Leichen von Men- 
schen, die den Tod im Rausch gestorben waren, dergleichen wir 
alljährlich eine ganze Anzahl zu untersuchen haben, fehlt der 
Alcohol- oder Fuselgeruch nicht, der sich in recht crassen Fällen 
sogar in allen Höhlen, in andern gewiss im Magen, sehr bemerk- 
bar macht. Das Geruchskriterium ist hier um so werthyoller, 
als einmal solche Menschen gar oft unter Umständen todt ge- 
funden werden, die ein Verbrechen sehr wahrscheinlich machten, 
z. B. in der Nähe einer Schänke, die sie verlassen hatten und 
in welcher Zank und Streit Statt gefunden hatte u. dgl., andrer- 
seits und Yorzäglich aber deshalb, weil der Sectionsbefund nach 
Alcoholvergiffcung, eben mit Ausnahme des Geruchs, wenig oder 
nichts eigentlich specifisch Thanatognomisches zeigt, und endlich 
weil der chemische Nachweis des Alcohols im Blute der Leiche 
schwierig und unsicher ist. — - Auch bei gewissen Opium- Vergif- 
tungen, nicht bei denen kleiner Kinder oder auch Erwachsener 
durch kleinere Dosen von Opiaten, resp. durch grosse Dosen von 
Morphium, wohl aber bei Vergiftungen durch grosse Dosen der 
Tincturen, giebt uns der Geruch des Mageninhaltes den schätz- 
barsten Anhaltspunkt und Fingerzeig für die weitere forensisch- 
medicinische Behandlung des Falles. — Dass mehrseitig behauptet 
worden, dass auch die Chloroform-Vergiftung sich durch den 
Geruchssinn in der Leiche kund gebe, ist mir wohl bekannt. In 
den allerdings nicht zahlreichen Fällen, die ich selbst beobachtet, 
habe ich mich indess vergeblich angestrengt, den bekannten 
Geruchs zu entdecken, obgleich darunter ganz frische Leichen 
waren. — Wie in aussergewöhnlichen Fällen der Geruchssinn 
diagnostisch leiten kann, beweist der einzig dastehende Fall der 
„wohlriechenden Leiche" einer durch ätherisclle Oele vergifteten 
Säuferin, den ich im Hdb. (II Casuistik § 38) erzählt habe. 



§4. DerOerochasinn in derLeichendiagnofltik. 6. Fall. 319 

Weniger Werth will ich auf den Geruchssinn legen, so weit er 
zur Diagnose des todtfaulgebomen Kindes verwerthet werden 
kann. Allerdings ergiebt eine solche Leiche einen ganz specific 
sehen, durchdringenden, mehr ekelhaften als pestUenzialischen, 
jedenfalls einen von dem der gewöhnlichen thierischen Fäulniss sehr 
verschiedenen Geruch. Allein Gestalt und Farbe des todtfaulge- 
bomen Kindes sind so ungemein bezeichnend (s. die Beschrei- 
bung im Hdb. II § 104), dass es der Beihülfe des Geruchssinnes 
kaum bedarf, um der Diagnose gewiss zu sein, und dann die 
Athemprobe unterlassen zu können. — Dagegen muss ich noch 
der grossen Sicherheit erwähnen, die der Geruchssinn gewährt, 
wenn es sich um die Feststellung zweifelhafter Darmkothflecke 
auf Stoffen handelt. Der Geruch dieses Excrets — viel weniger 
allerdings des meconium — ist bekanntlich so specifisch, so 
durchdringend, so sehr auch der kleinsten Partikel anhaftend, 
dass das Excret als solches sich — selbst angetrocknet, wenn 
es mit Wasser vorher befeuchtet worden — augenblicklich und 
30 untrüglich verräth, dass jede chemische Analyse überflüssig 
wird. Man wird dies auch da bestätigt finden, wo das Auge 
nicht, wie bei Kothflecken auf weissen Stoffen, diese Substanz 
erkennen kann, z. B. bei Kothflecken auf gefärbten wollnen oder 
andern Stoffen, Beinkleidern, bunten Unterröcken u. dgl., oder 
wo Blut und andre Substanzen mit dem Kothe sich vermischt, 
und die Flecke dann für das Auge ganz unkenntlich gemacht 
hatten. Also Ehre der Nase am gerichtlichen Sectionstischl Fol- 
gender, sehr merkwürdiger Fall beweist eine ganz ungewöhnliche 
Leistung des Geruchsinns. 

6. Fall. Aüsgrabang naoh mehr als zwei Jahren. 
Ein zehiOfthriger Knabe war im September 1858 misshandelt nnd starlc mit 
dem Kopf gegen eine Wand gestossen worden. Er hatte eine „Gehimentzün- 
dnng* bekommen, und war nach zehn Tagen gestorben. Am 24. Jannar 1861, 
also nach zwei nnd einem Drittel Jahren, hatten wir die eben ausgegrabene 
Leiche vor nns. Sie war schmutzig-grüngran, geruchlos und Brust und Bauch 
ganz zusammengefaUen. Qesicht und Unterschenkel mit den Füssen waren 
stark mit Schimmel bedeckt, der bei keiner, längere Zeit begraben gewesenen 
Leiche fehlt. Der Kopf lag ganz lose da, und auch alle andern Gelenke waren 
gelöst, so dass man beim Anfassen der GUedmaassen, auch des Brustbeins, diese 
in der Hand behielt. An den Muskeln zeigte sich theils beginnende, theils 



320 § ^- l^i^ Magenverfärbungen. 

schon Yorgeschrittene Fettwachsbildnng. Die Kopfknochen, ^ deren Untennchini«' 
der Zweck der Aosgrabnng gewesen, waren vollkommen unverletzt, nur die 
Nähte zeigten beginnendes Aaseinanderweichen. Das Gkhim war ein zusam- 
mengesunkener, stinkender Brei, das Herz eine einzige Fettwachsmasse. Statt 
der Lungen fond sich nur etwas graue, schmierige Masse. Die Bauchorgane 
waren, wie gewöhnlich in solchen Fällen, völlig unkenntlich, aber geruchlos, 
und stellten eine klumpige, schwarze Masse dar. Einige Theile derselben, die 
Dickdarmschlingen zu sein schienen, wurden eingeschnitten, und wir waren 
überrascht, darin Darmkoth zu finden, der seinen natürlichen, ganz fri- 
schen Geruch bewahrt hatte. 

§5. 
Fortsetsimg. Die Verförbniigen dei Magens. 

6) Die Magenverf&rbungen in ihren verschiedenen Formen 
sind ein eben so häufiger als wichtiger Obductionsbefund, dessen 
genauste Würdigung nicht genug zu empfehlen ist. Es sind zu 
unterscheiden: künstliche, physiologische, pathologische und Lei- 
chen-Verfärbungen. 

a. Rein zufällige, künstliche Färbungen der Magenschleim- 
haut, die aber durch Imbibition auch die 'andern Häute durch- 
tränken können, nämlich durch rothe Farbstoffe in den Ingestü 
Rothwein, rothe Beeren u. dgl. Man erkennt diese Art an der 
eigenthümlichen Farbe, welche die Ingesta selbst haben, die 
man gewöhnlich noch im Magen vorfindet, und daran, dass sich 
durch Auswaschen und Abspritzen des Magens die Farbe von 
der Schleimhaut verliert. Hatte dieselbe bereits die andern 
Häute durchtränkt, dann kann die Färbung der durch Hypostase 
erzeugten sehr ähnlich sein. 

b. Hypostatische Färbung. Sie nimmt die hintere Magen- 
wand Anfangs in geringem, später und je länger die Leiche (auf 
dem Rücken) lag, in grösserm Umfange ein. Es bildet diese 
Leichensenkung des Blutes im Magen eine schmutzig helle 
Röthung, die ganz verwaschen und ohne deutlich abgegrenzte 
Randung ist. Von Beschädigung der Schleimhaut zeigt sich 
keine Spur. Je mehr Fibrinemangel im Blute, also bei dem 
besonders flüssigen Blute der auf die verschiedenste Weise 
Erstickten oder der narcotisch Vergifteten, desto reichlicher und 
ausgeprägter bildet sich diese Magenhypostase. Dazu vervollstän- 
digen die Diagnose, desto mehr, je längere Zeit nach dem Tode 



§ 6. Die MacrenYerfärbungen. 321 

TerfloBsen, die den Yenensträngen parallel verlaufenden Livores^ 
wie man sie auch bei vorscbreitender Verwesung an der äussern 
Haut findet, die man beim ersten oberflächlichen Anblick für con« 
gestionirte Yenenstränge halten möchte, was sie nicht sind. 
Rokitansky erklärt sie sehr gut durch Imbibition des Blut» 
serums, das den Farbstoff der Blutkörperchen aufgenommen hat, in 
die Gefässhäute, und durcli diese sofort in das anliegende Gewebe. 

c. Locale Hyperämieen, (passive) oder Stasen, wirkliche 
Injection der Gefässe. Hier findet man inselartig zerstreute, ganz 
unregelmässig geformte, theils kleinere, theils grössere, dunkelblut- 
rothe, mit der Loupe deutlich als Gefassanfüllungen. kenntliche Stel- 
len, die an den verschiedensten Theilen des Magens, an der vordem 
wie an der hintern Wand, wie am fundtts vorkommen, die femer 
einzeln scharf umschrieben und so lange deutlich erkennbar sind, 
bis Hypostase sie verdunkelt hat. Diese passiven Hyperän^ieen ent- 
stehn besonders leicht nach Todesarten, die nicht ein plötzliches, 
sondern ein allmähliges Absterben bedingen, ganz besonders nach 
Erstickungen in Kohlenoxydgas und nach narcotischen Yergiftungen, 
weil hier die kleinen Gefässe nicht gleichmässig und zu gleicher 
Zeit gelähmt werden und absterben (Rokitansky), wodurch sich 
dann diese Stockungen in einzelnen Parthieen dieser Gefässe bil- 
den. Sie lassen sich gewöhnlich noch weiter in den Darmtract 
hinein verfolgen. Die Abbildung auf Tafel lY des Atlas zum 
Handbuch giebt ein recht naturgetreues Abbild dieser Magen- 
beschaffenheit. 

d. Allgemeine Hyperämie oder congestive Rothnng der 
Magenschleimhaut durch die, und in der Yerdauung. Eine 
schwache, gleichmässig verbreitete, helle Röthe der Schleimhaut 
bei mehr oder weniger gefülltem Magen. 

e. Entzündungs-Färbung der Magenschleimhaut, wobei na- 
mentlich folgende zu unterscheiden, und eine Yerwechslung beider 
zu vermeiden sind: 

a) Acuter Magencatarrh, den ich bei den forensischen Lei- 
chen, Menschen, welche meist dem niedem und Arbeiterstande an- 
gehörten, die ohne Schonung und Schutz in jeder Witterung in der 
freien Luft lebten, nicht gar selten finde. Man erkennt ihn an 
stellenweisen Röthungen von blutrother Färbung der immer mehr 

Caspar, kUnUeha NoTallaD. 21 



322 § &• I^ie Magenverfärbangen. 

oder weniger aufgelockerten Schleimhaut, die mit einem zähen, 
leicht abzuschabenden Schleim bedeckt ist. Das submucose Zell- 
gewebe ist dendritisch injicirt. 

ß) Wirkung von ätzenden und scharfen Giften, abgesehn 
von der rohen Schwefelsäure, die so unverkennbare, eigenthümliche 
Desorganisationen des Magens erzeugt, namentlich der arsenigen 
Säure, des Phosphors, der Blausäure und des Cyankaliums. Je 
acuter die Vergiftung, desto verbreiteter zeigt sich ihre Wirkung. 
Oft ist sie bloss auf die Gegend des Magenmundes oder des Pfört- 
ners beschränkt, oft in der ganzen Region der Schleimhaut wahr- 
nehmbar. Man findet gesprenkelte, injicirte Stellen von dunkler 
Röthe, an andern Stellen wirkliche kleine Geschwürchen von 
Nadelknopfgrösse an, mit einem ganz schmalen purpurrothen 
Saum in der geschwellten Schleimhaut, die leicht mit dem Scal- 
pellstiel abzuschaben ist. Der Befund der Ueberreste des Giftes 
im Magen, bei Blausäure der Geruch nach bittern Mandeln, ver- 
vollständigen die Diagnose. und machen sie unzweifelhaft, üeber 
diese Sectionsbefunde ist Näheres schon im Hdb. II § 34 aus- 
geführt, worauf ich hier verweise. 

/. Die wirkliche hämorrhagische Erosion, d.h. tiefrothe 
Stellen in der Schleimhaut des Magens, bald punktirt und insel- 
artig, bald streifig (wie bei keiner andern der geschilderten Verfär- 
bungen), mit Substanzverlust der Schleimhaut. Auf diesen Stel- 
len sitzt frisches oder coagulirtes Blut auf, und sie sind mit 
einem schmutzig bräunlichen leichten üeberzuge bedeckt, welchen 
Rokitansky für Detritus und ausgetretenes Enchym der Drüsen- 
schläuche, von braunem Pigment imbibirt, erklärt. Diese hämor- 
rhagischen Erosionen sind unabhängig von der acuten toxischen 
Magenentzündung, und entstehn aus innem Krankheitsursachen, 
namentlich aus catarrhalischer und diphtheritischer Entzündung. 

§6. 
Forlietzong. Ort der verbrecheriiohen That. 

Es kommen nicht selten Fälle vor, in denen die Obducenten 
nach der vorgelegten Leiche, nach vorgelegten Werkzeugen, nach 
Blutflecken u. s. w. sich über den Ort zu äussern aufgefordert 
werden, an welchem muthmassiich ein Verbrechen begangen sein 



§ 6. Ort der verbrecherischen That. 7. Fall. 323 

soll, weil es dem Rixihter für seine Thätigkeit wichtig ist, über 
diesen Ort in's Klare zu kommen. Er seinerseits hat oft hier 
auch Untersuchungen anzustellen, bei welchen die Beihülfe des 
Arztes überflüssig ist und auch gewöhnlich nicht gefordert wird. 
So untersucht er und verfolgt Fussstapfen, besichtigt Thüren und 
Fenster, berücksichtigt am verdächtigen Orte aufgefundene Klei- 
dungsstücke, Mützen, Röcke, Werkzeuge u.dgl. m. Die ärztlicher- 
seits noth wendigen Ermittelungen, die diesen Zweck haben, be- 
ziehen sich gewöhnlich auf Anschuldigungen wegen Kindermord, 
in welchen Fällen verdächtige Flecke an gewissen Stellen in Zimmer, 
Keller, Küche, auf dem Abtritt, als Blutflecke festzustellen sind, 
um danach auf den Ort, an welchem die Niederkunft, event die 
Tödtung des Neugebomen Statt gefunden hatte, schliessen zu 
können. In seltenem Fällen waren Bettfedern an einem mit Blut 
besudelten Beil ein Beweis, dass nicht nur das Werkzeug zu der 
That benutzt worden, sondem auch, dass der Ermordete, dessen 
Leiche man an ganz andern Orten aufgefunden hatte, in seinem 
Bette liegend erschlagen worden war. Als Belag für derartige 
Würdigung von Obductionsbefunden führe ich einen mit grosser 
Kaltblütigkeit ausgeführten Mordfall an, in welchem die Frage, 
an welcher Stelle (im Gefangenhause der Stadtvoigtei ) , ob auf 
einem Corridor vor der Zelle des Mörders, der zur Zeit wegen 
Diebstahls verhaftet war, oder auf dem Bette des Ermordeten 
die That vollbracht worden? für den Schwurgerichtshof von der 
äussersten Wichtigkeit war. Ein einziger Befund bei der an sich 
vielfach merkenswerthen Obduction setzte uns, wie man sehen 
wird, in den Stand, die Frage nach dem Orte der That mit Ge- 
wissheit zu entscheiden. 

7. Fall. Mord durch Kopf- nnd Halswnnden. Wo geschah die That? 

Am 17. Mai, Morgens 6 Uhr, wurde der Gefangenaufseher Gross in der 
hiesigen Stadtvoigtei bekleidet and an beiden Händen geknebelt' auf dem Bette 
liegend, .und wie sogleich der erste Augenschein ergab, offenbar ermordet 
Yorgefhnden. Am folgenden Tage verrichteten wir die gerichtliche Obduction, 
deren wesentliche Ergebnisse folgende waren. Die Leiche war nach 36 Stun- 
den noch anffaUend warm — blos deshalb, weil sie bis zur Obduction vollstän- 
dig bekleidet geblieben war. — Auf dem rechten Scheitelbein fand sich eine 
2% Zoll lange, einen halben Zoll klaffende, die Hautbedeckungen bis auf den 

21* 



324 § 6. Ort der vcrbn.clieriHcheii That. 7. Fall. 

rauh und splittrig anzufühlenden Knochen trennende, scharfgeränderte Wnnde; 
eine zweite derartige einen Zoll davon entfernt, parallel mit Jener yerlanfend, 
1% Zoll lang und \ Zoll klaffend; eine dritte, vom rechten bis zum linken 
Scheitelbein herüber, 4|^ Zoll lang und % Zoll klaffend, hatte ^ie Schädelknochen, 
die zollbreit auseinander klafften, in scharfen Rändern getrennt. Die Wunde 
gestattete einen anderthalb Zoll tiefen Einblick in das Qehim. Das rechte Auge 
zeigte eine scharfgeränderte, halbzöllige Wunde, aus welcher die Augenflüssig- 
keiten ausgeflossen waren. Die Nasenbeine waren zerschmettert. Ausser 
mehrem unerheblichen Qesichtswunden fand sich noch die ganze Haut am 
Kinn Ton einer Seite zur andern abgetrennt und zerfetzt herabhängend. Zwi- 
schen Kehlkopf und Zungenbein zeigte sich eine 4 Zoll lange, 2 Zoll klaffende 
Wunde, die, wie sich später ergab, die Luftröhre über dem Kehlkopf völlig 
getrennt, und auch die Speiseröhre hier ganz durchtrennt hatte. Beim Unter- 
suchen der Schädelhöhle fonden sich ausser den schon erwähnten Knochentren- 
nungen auch das ganze Stirnbein bis in die Au|^enhöhlenfortsätze hinein völlig 
zertrümmert, und auch die vordere Hälfte der linken Himhalbkngel ganz zer- 
trümmert. Die ganze Oberfläche des Qehims war mit Blut Übergossen, und 
über die Basis des kleinen Qehims, Knotens und verlängerten Markes war eine 
iiniendicke Lage dunkeln und geronnenen Blutes verbreitet. Alle übrigen 
Befunde waren unerheblich, die bedeutende Anämie aus dem Blutverlust aus 
den vielen grossen Wunden erklärlich. Der Thäter, ein ganz junger Mensch, 
hatte die That Nachts, um zu entfliehn, mit dem eigenen Hirschfänger des Er- 
mordeten, der in der Klinge Zollbreite hatte, und äusserst scharf und spitz war, 
ausgeführt, wollte aber nicht zugeben, dass er Gross in dessen Zimmer ermor- 
det, und dem auf dem Bette Liegenden die tödtlichen Hiebwunden auf Kopf und 
Hals beigebracht hatte, stellte vielmehr den Vorfall mehr als Nothwehr dar, 
indem er hartnäckig behauptete, dass er bei seinem nächtlichen Fluchtversuch 
von Gross ertappt, von ihm angehalten worden war, und dass er ihn bei dem 
entstandenen Kampf in den Gefängnissräumen getödtet und dann den Todten in 
sein Zimmer zurückgebracht und aufs Bett gelegt habe. Aber an der Bett- 
wand, an welcher die Leiche lag, war unverkennbar Blut angespritzt, und 
ebenso sprachen grosse Blutlachen, die unter dem Bett gefunden wurden, da- 
für, dass der Mord hier geschehen, nicht aber, dass erst die Leiche hierher 
gebracht worden war. Nun wurde uns aber noch die Matratze vorgelegt, auf 
welcher der Ermordete liegend vorgeftanden worden. Am Kopfende derselben 
fanden wir ziemlich viel verspritzte, noch frische Gehirnmasse. Da- 
mit war natürlich der Beweis hergestellt, dass die tödtlichen Kopfverletzungen 
(also auch der ganze Mord) auf d ieser Matratze dem Gross beigebracht worden 
sein mussten, da unmöglich anzunehmen war, dass aus den Kopfwunden der 
Leiche, nachdem sie auf das Bett gelegt worden, das Gehirn noch so hätte 
verspritzen können! Der Thäter vmrde zum Tode vernrtheUt 



§ 7. ObductioneD uuter ungünstigen Verhältnissen. 325 

§7. 

Obduotionen nnter nngünstigen Verhältnissen. 

(Hdb. U. Allg. Thl. § 26 u. f.) 

Gerichtliche Leichenuntersuchungen müssen, zumal auf dem 
Lande, nicht selten unter sehr ungünstigen äussern Verhältnissen 
ausgeführt werden, da es oft für den Augenblick an ganz passen- 
den Localien für die unaufschiebbare Operation mangelt. Das 
Preussische „Regidativ" verlangt auch nur im § 6, „dass für die 
Beschaffung eines hinreichend geräumigen und hellen Locals zur 
Obduction, angemessene Lagerung des Leichnams und Entfernung 
störender. Umgebungen möglichst zu sorgen sei", und — ultra 
posse nemo obligatur! Aber der einigermaassen umsichtige Ge- 
richtsarzt wird sich auch bei ungünstigen äussern Verhältnissen, 
wie erschwerend sie auch für das wichtige Geschäft sind, zu helfen 
wissen. Viel hinderlicher aber sind die hier vorzugsweise ge- 
meinten ungünstigen innem Verhältnisse, solche, die die zu ob- 
ducirende Leiche selbst betreffen. Wie eifrig hat man sich vor- 
mals abgemüht, die Bedingungen und Grenzen festzustellen, unter 
welchen auch von der Verwesung bereits ergriffene Leichen noch 
zu gerichtlichen Obductionen benutzt werden könnten! Man hat 
Grade der Fäulniss zu diesem Zwecke aufgestellt, man hat Be- 
sprengungen und Einwicklungen mit Chlor u. dgl. zur Hemmung 
des Fortschreitens der Fäulniss vorgeschlagen, und ähnliche Regeln 
und Sätze hingestellt, die den Stempel des Unwissenschaftlichen 
und Unpractischen an der Stirn tragen. Und nun vollends bei 
den Leichen Neugebomer, bei denen Henke und seine Nachfolger 
in ihren rein theoretischen Angriffen gegen die Athemprobe jede 
Section schon in Verwesung vorgeschrittener Leichen neugebomer 
Kinder gradezu für contraindicirt erklären und davon abrathen, 
weil dieselbe in Betreff der Athemprobe doch kein irgend zuver- 
lässiges Ergebniss mehr liefern könne. Es ist dies ein sogenannter 
überwundener Standpunkt in der Wissenschaft! Wir haben im 
Handbuch Fälle genug angeführt, und es kommen uns, bei der 
grossen Zahl der alljährlich in Berlin aufgefundenen Kinderleichen, 
fortwährend dergleichen Fälle vor, in denen uns selbst stark vor- 
geschrittene Verwesung nicht hindert — wie sie es niemals darf! 
— die Obduction wenigstens zu beginnen, die oft, sehr oft noch 



326 § '7* Obductionen unter ungünstigen VerhältniBsen. 

selbst in Beziehung auf die Athemprobe ganz zuverlässige Er- 
gebnisse liefert, namentlich dann, wenn, neben vielleicht noch 
andern, noch bemerkbaren Zeichen der Todtgeburt, die Lungen 
des verwesten Kindes sich in jeder Beziehung noch als fötale er- 
weisen, der Farbe, wie der Consistenz, wie der Nichtschwimm- 
fähigkeit nach, was sehr häufig der Fall ist. Wir haben in andern 
Fällen bei bereits ganz grünfaulen, aus dem Wasser gezogenen 
Leichen den, unter solchen Umständen allerdings im Allgemeinen 
sehr schwer zu constatirenden Ertrinkungstod, je nach den Um- 
ständen mit mehr oder weniger Gewissheit, feststellen können, 
wenn wir die Lungen ballonnirt, die Brusthöhle strotzend aus- 
füllend -3 sie erhalten sich so bis in sehr späte Fäulniss-Stadien 
— und den Magen oder die Därme mit der Ertränkungsfliissigkeit 
angefüllt, dabei kein einziges Zeichen einer anderweitigen Todes- 
art,., durch Verletzungen u. s. w. vorfanden. Es lassen sich an 
aufgefundenen, auch noch so verwesten blossen Leichenfragmenten, 
femer vollends an ausgegrabenen Leichen, oft noch die aller- 
wichtigsten und für richterliche Zwecke folgenreichsten Thatsachen 
ermitteln und feststellen, und der Gerichtsarzt wird in solchen 
Fällen für die oft widerwärtige, immer schwierige Ermittelung 
durch die Freude der Entdeckung solcher Thatsachen sich reich- 
lich belohnt sehn. KeinenfaUs ist demnach der Arzt berechtigt, 
Obductionen auch unter den ungünstigst scheinenden Verhältnissen, 
so Neugebomer, wie Erwachsener, abzulehnen, und mit Recht 
hat unter unsrer Mitwirkung das Preussische Regulativ vom 15. No- 
vember 1858 diesen Satz als gesetzliche Vorschrift § 4 dahin 
formulirt: „wegen vorhandener Fäulniss dürfen Obductionen in 
der Regel nicht unterlassen und von den gerichtlichen Aerzten 
abgelehnt werden. Denn selbst bei einem hohen Grade der 
Fäulniss können Abnormitäten und Verletzungen der Knochen 
noch ermittelt, manche, die noch zweifelhaft gebliebene Identität 
der Leiche betreffenden Momente, z. B. Farbe und Beschaffenheit 
der Haare, Mangel von Gliedmaassen u. s. w. festgestellt, einge- 
drungene fremde Körper aufgefunden, Schwangerschaften entdeckt 
und manche Vergiftungen noch nachgewiesen werden. Es haben 
deshalb auch die requirirten Aerzte, wenn es sich ^ur Ermittelung 
derartiger Momente um die Wiederausgrabung einer Leiche handelt, 



§ 7. Obductionen unter angünstigen Verhältnissen. S.u. 9. Fall. 327 

für dieselbe zu stimmen, ohne Kücksicht auf die seit dem Tode 
verstrichene Zeit". Beläge für die Richtigkeit und Nothwendigkeit 
dieser Vorschrift sind mehrfach im Handbuch mitgetheilt. Von 
neuerlich vorgekommenen hierhergehörigen Fällen füge ich nach- 
stehend noch einige denselben hinzu. 

8. FalL Gerichtliche Obduction einer schon privatim secirten Leiche einer 

üebergefahrenen. 
Bei der Menge von Kliniken und Krankenhänsem nnd der grossen Anzahl, 
der practischen Aerzte in Berlin, haben wir al^ährlich mehrfach die unange- 
nehme Aufgabe, an bereits priyatim zerschnittenen, dann noch obenein mehr 
oder weniger schon verwesten Leichen noch nachträgUch die gerichtliche Ob- 
duction anstellen zu müssen. Ich habe sechs derartige Fälle für das Hdb. ausge- 
wählt (IL allg. Thl. § 27); nachstehender ist ein neuerer, interessanter. Eine 
47jährige Frau war übergefahren, im Krankenhause Bethanien ampntirt worden 
imd gestorben. Die Leiche yrurde uns secirt und zugenäht vorgelegt. Der 
Unke Oberarm war drei ZoU vom Gelenk, und der rechte Unterschenkel 
zwei Zoll vom Kniegelenk amputirt Der nicht Arüher geöfSnet gewesene Kopf 
ergab nichts, als sehr ersichtliche Anämie. In der Brust lag ein Stück des 
abgesägten Oberarms, senkrecht durchschnitten, und im Marke desselben 
zeigten sich zahllose kleine pyämische Abscesse. Das Herz lag lose 
und geöffnet da. Die anämischen Lungen waren beide mit zahlreichen pyämi- 
schen Abscessen versehn. Die schon eingeschnittene Leber, anämisch^ zeigte gleich- 
faUs einzelne pyämische Abscesse. Die übrigen Befunde waren unerheblich. 
Der Beftmd der pyäroischen Ablagerungen erwies ganz zweifellos, dass die Frau 
an Pyämie zu Grunde gegangen war. Femer konnte wohl kein Zweifel dar- 
über obwalten, dass die beiden Amputationen Veranlassung zur Entstehung des 
pyämischen Fiebers gewesen waren, und da endlich anzunehmen war, dass in 
einem trefflich organisirten Krankenhause zwei Amputationen nur aus dringen- 
der Veranlassung und wegen lebensgefährlicher Verletzung der genannten 
Qliedmaassen ausgeführt worden sein konnten, so ergab sich der Rückschluss 
als Ergebniss der gerichtlichen Obduction, dass die Verletzungen durch Ueber- 
fahren die Ursache des Todes der denata gewesen seien. 

9. Fall. Gerichtliche Obdnction nach Kaiserschnitt an der Todten. 

Eine 2 7jährige Schwangere war nach zwölf^tündigem Erbrechen, dem eine 
Nacht ruhigen Schlafs gefolgt war, bewusstlos erwacht und gleich darauf ge- 
storben. Nach dem Tode war von zwei Aerzten der Kaiserschnitt gemacht, 
dabei ein todter siebenmonatlicher Knabe entwickelt, die Frucht aber wieder 
in den utems gelegt und dieser zugenäht worden. Der Verdacht einer Vergif- 
tung veranlasste die*gerichtliche Obduction. Im Magen fand sich eine fäculent 
riechende, grüngelbliche Flüssigkeit, viel verhärteter Koth in den Dickdärmen 
bei leerem nnd normalem Dünndarm. Aber die causa mortis! Mitten in der 



|7. ObdnctiODcn nater nngnnwtigen VcrfaältnUaeiL l0.p.ll.FalL 



reebten gnmcn Hiraheiiiispliare fand sich eine apfelgroaie HoUe, die 

geftopft war mit anderthalb Unzen wiegenden Blnteoagnlia. Alao Hirnhnmor- 

rhagie, keine Yergillnng. 

10. FalL Ein Sttiek Hut all Obdnetinuohjeet 
Weiehe interefltanten Combinatioiiea im lorensiaelien Leben ivritommen, 
ottd wie et sehr leieht sein kann, ans einem blossen Stick Haut die vom 
Staatsanwalt yorgdegte Frage: ob an dem betreffenden Mensehen ein Verbre- 
chen begangen worden? mit Sicherheit an beantworten, aeigt dieser FalL Auf 
dem Felde wvde im Kehricht nnd Moder gefnnden: 1) der linke Biwsfttheil 
mit Obereztremitat eines Kindes; 2) ein grosses Stack von der Leiche abpnU 
parirter Hant (ctUi$). Bei dem ersten Leicheotagment war die WirbelsMle 
konstmassig dnrchMgt, der Oberarm ebenso präparirt, nnd der namu hraehiaiu 
blosigelegt (!), wie es sich seigte, nachdem die mit Koth nnd Kehricht besodel- 
ten Theile gereinigt worden. Am Hantlappen fimden sich nach dessen Reini- 
gnng am Bande in der Mitte swei sehr dentUche dreieckige Blntegelstichnarben, 
die noch aiemli^ frisch waren, wie der rothblanliche Hof bewies. Nach die- 
sen Befanden konnten wir erklären: i) dass die Theile einem Kinde Yon swei 
bis drei Jahren angehört hätten; 2) dass dasselbe Tor nicht länger als vienehn 
Tagen gestorben; 3) dass die besichtigten Theile an anatomischen Zwecken 
benatzt wordev seien, nnd dass 4) das Angesetztgewesensein von Blntegeln in 
den letzten Lebenstagen des Kindes, wonach also Zengen es noch korz vor sei- 
nem Tode gesehn haben mossten, den Verdacht eines Verbrechens ansschliease. 

11. Fall. Gerichtliche Obduction einer privatiin secirten und später 
ausgegrabenen Leiche. 

Der 86Jährige Mann war vor drei Wochen (im October) begraben worden. 
Er war bei den Uebangen der Feuerwehr von einer hohen Leiter hinabgestümt, 
nnd sollte sich, nach ärztlicher Aussage, den linken Fnss im Gelenk Inzirt, 
and den kUus gebrochen haben. Er war in einer Klinik behandelt worden. 
Nach dem Tode erhob sich der Verdacht einer Fahrlässigkeit eines Dritten, 
and es ward ans die aosgegrabene Leiche mit der Frage vorgelegt: ob die 
dorch den Fall bedingten Verletzungen Ursache des Todes, und welcherlei 
Art diese Verletzungen gewesen seien? Die Leiche war graagrün, der linke 
Unterschenkel schwarzgrün, die Epidermis überall gelöst, der Penis halb zer- 
stört. Die gewöhnliche Pilz-(8chimmel-)Bildung war schon am Kopf, Bauch 
nnd in der Leistengegend sichtbar. Kopf, Brust und Unterieibshöhle 
waren bereits gcölfoet und wieder zugenäht gewesen. Die Kopfknochen 
zeigten keine Spur einer Verletzung. Die Kopfhöhle war mit Watte 
und Wacbsleinwand ausgefüllt, wogegen das Gehirn in der Brusthöhle 
lag. Herz und rechte Niere fehlten ganz. Alle übrigen Eingeweide, bis auf 
Magen nnd Dannkanal, waren zerschnitten und aus ihrer *Lage, Lungen und 
Leber waren schwarze, stinkende Stücke, die linke, schmutzig-rothe Niere war 
noch ziemlich fest, die — so sehr spät faulende — röthliche Harnblase noch 



§ 8. NegatiTe Obdaetionsbefunde. 329 

ganz fest. Der linke Fqbs hing nur durch Hantfetsen locker mit dem Untere 
schenke! aosammen, Tihia mid Fibula waren am Gelenk gUtt abgesägt. Am 
linken Oberschenkel waren A, und 7. crurahs geöffnet nnd wieder angenäht 
worden, wahrscheinlich anr Ermittelung einer Phlebitis nach dem Tode in der 
Klinik. Die Weichgebilde am linken Fuss endlich waren in einen grauen, 
schmierigen Brei verwandelt, sämmtliche Fnssknochen aber unverletat Es 
konnte nach diesen Befunden fblglich nicht mehr mit Qewissheit bestimmt wer- 
den, 9 welcherlei Art die Verletaungen gewesen ?** wohl aber konnten wir er- 
klären, dass wenn auch nicht mit Oewisshelt, doch mit hoher Wahrscheinlich- 
keit ansunehmen, dass die Verletzungen die Ursache des Todes gewesen, wobei 
wir derselben Logik folgten, wie im 8. Falle, und die für alle, oft genug vor- 
kommenden Fälle von amputirten oder sonst operirten Leichen von Menschen 
gilt, deren Antecedentien und Krankengeschichte dem Qerichtsarzt bei der Ob- 
dnction noch nicht bekannt zu sein pflegen, wo er aber dennoch das vorläufige 
Gutachten über den Fall abzugeben hat 

§8. 
Hegative ObductionsbeAinde. 

Oft, sehr oft findet man bei gerichtlichen Obductionen das 
nicht, was man nach den Vermuthungen, erhobenen Verdachts- 
gründen, polizeilichen Anzeigen, den Umständen, unter denen der 
Tod erfolgt oder die Leiche aufgefunden war u. s. w., erwarten 
konnte; oft findet man etwas Andres, als das nach diesen Um- 
ständen Yermuthete. Das sind in beiden Fällen negative Ob- 
ductionsbefunde, die Jeder kennt, der auch nur eine massige 
Anzahl von Obductionen selbst ausgeführt hat. Wir können hier- 
nach absolut negative und im Gegensatz relativ negative Obduc- 
tionen annehmen. Die absolut negativen sind solche, bei denen 
die Leiche überall gar nichts von der Norm Abweichendes liefert 
— abgesehn, wie sich von selbst versteht, von etwanigen indivi- 
duellen und zufälligen, mit der gerichtlichen Obduction und ihrem 
Zweck in gar keiner Verbindung stehenden pathologischen Ab- 
normitäten, Lungentuberkeln, einem Hydrovarium u. s. w. — in 
denen die Lage der Organe, Consistenz, Farbe, Blutmenge, in 
denen die allgemeine Blutvertheilung im Körper, kurz alle seine 
Bestandtheile und Verhältnisse die vollkommen normalen sind, 
und in vrelchen pian eben, wenn ich so sagen soll, eine gesunde, 
unverletzte Leiche vor sich hat. Nichts destoweniger war der 
Tod gewiss oder angeblich auf eine unnatürliche Weise erfolgt, 



330 § S- Negative Obductionsbefunde. 

und der Gerichtsarzt soll über das Wie? einen Ausspruch thun. 
Derselbe ist zu allen Zeiten mit dem Worte: Nervenschlag 
oder einem ähnlichen, aber gleichbedeutenden, bezeichnet worden, 
weil man sich niemals hat vor der Wahrheit verschliessen können^ 
dass eine plötzlich tödtende allgemeine Lähmung des Central- 
Nervensystems (Neuroparalyse) in der Natur wirklich vorkommt, 
ein Zustand, in welchem Leben und Tod in Einen Moment zu- 
sammenfallen, so dass der Tod das Leben überrascht, und die 
„Maschine**, ohne dass Eines ihrer Räder ii-gend wahrnehmbar 
verrückt oder beschädigt wurde, plötzlich zum Stillstand gebracht 
wird. Aber von den Schulen, die jeden Beweis, jede Annahme 
einer Todesart verwerfen, die sich nicht auf das Messer oder das 
Microscop stützt, wurde und wird bekanntlich die Annahme einer 
Neuroparalyse fortwährend angezweifelt, und die Obducenten auch 
wohl getadelt, wenn sie sich für die Annahme einer, anatomisch 
nicht weiter nachweisbaren Neuroparalyse entschieden. Und doch 
hat die pathologische Anatomie noch nicht die Kriterien ange- 
geben, die einen Tod bei gewissen epileptischen und bei andern 
Krämpfen materiell nachweisbar machen. Und doch hat jeder 
erfalime practische Arzt Neuentbundene ohne alle Veranlassung 
urplötzlich ruhig sterben gesehn, und bei der privaten Section 
nicht die geringste nachweisbare Abnormität in der Leiche auf- 
zufinden vermocht. Und doch weiss man, wie eben dieser Tod 
Operirte nach schweren Operationen, zumal nach Kaiserschnitt, 
Wegrafft. Und doch sind Menschen vor Zeugen und unter den 
unverdächtigsten Umständen todt umgestürzt und die Section er- 
gab keine nachweisbare Ursache des Todes. Und nun vollends 
unter den gewaltsamen Todesarten: bei wie vielen Verbrannten, 
durch Commotion des Hirns oder Rückenmarkes plötzlich 6e- 
tödteten, Ertrunkenen, Erhängten, finden wir bei der innern Unter- 
suchung (abgesehn bei den Letztem von spezifischen Befunden in 
einzelnen Organen) physiologisch betrachtet nicht völlig negative 
Befunde, als Resultat einer plötzlich tödtenden centralen Para- 
lyse? Ganz besonders wichtig sind diese Betrachtungen in ihrer 
Anwendung auf Obductionen Neugebomer, und mehr noch kleiner 
Kinder. Ein ganz gewöhnlicher Tod solcher Kinder in Folge lange 
fortgesetzter Ueberreizung des Nervensystems dui'ch immer erneute 



§ 8. Negative ObductionsbeAiisde. 331 

Schmerzen in Folge andauernder, sich immer wiederho- 
lender Misshandlungen ist der Tod durch Neuroparalyse. 
Die Leiche ist im Innern YÖUig normal, und nur die äussern Spuren 
am Körper gebßn ein Indicium für das Urtheil über den Todesfall. 
Aber auch ohne alle und jede äussere Veranlassung sterben kleinere 
Kinder urplötzlich, und oft genug geben solche Todesfälle wegen 
der begleitenden Umstände und erhobenen Yerdachtsgründe zu 
gerichtlichen Obductionen Veranlassung, die mit ihren ganz nega- 
tiven Ergebnissen die Obducenten zu dem summarischen Gutachten 
fuhren, (das Zweckmässigste, das sie in solchen Fällen abgeben 
können,) „dass das Kind an Nervenschlag seinen Tod gefunden, 
und dass die Obduction eine gewaltsame äussere Veranlassung zu 
diesem Tode nicht ergeben habe^, wodurch sie eben so richtig 
die Wahrheit ausgesprochen, als den Zweck der gerichtlichen 
Leichenuntersuchung gefördert haben werden. Diese Fälle von 
neuroparalytischem Tod kleiner Kinder sind nichts weniger als 
selten, wie wieder jeder practische Arzt in seinem Berufskreise 
erfahren hat. Der bekannte Charles West, Arzt am Kinder- 
hospital zu London, hat darauf seine Forschungen gerichtet.*) 
Unter 627 plötzlichen Todesfällen, die 1854 in London vorkamen, 
betrafen 236 Kinder im ersten Lebensjahre, also fast ein Drittel 
aller plötzlich Verstorbenen waren kleine Kinder. „Bei Kindern", 
sagt auch West, „gelingt es, im Gegensatz zu Erwachsenen, nur 
selten, den Grund aufzufinden, warum die Maschine so schnell in 
Stocken gerieth. Namentlich ist es am häufigsten ein schnell ein- 
tretender Krampf in den Respirationsorganen, der dem Leben so 
schnell ein Ende macht", wie man ja auch in der Pathologie 
diese Zustände längst gekannt, und zu verschiedenen Zeiten mit 
den verschiedensten Namen bezeichnet hat: Asthma Miliaria La- 
i^ngismus stndulus u. s. w. Es kann also ein plötzlicher Tod aus 
natürlichen, wie aus gewaltsamen Ursachen, die sich in der Leiche 
in keiner W^se materiell nachweisen lassen, welche vielmehr ab- 
solut negative Obductionsergebnisse liefert, nicht angezweifelt wer- 
den, und die Bezeichnung: Nervenschlag, Neuroparalyse, ist die 
treffende für diese Todesart. 



*) Medic. Times and Gazette 1859. No. |26. 



332 §9. Negative Obductionäbetunde. 12. Fall. 

§9. 
Fortsetzung. 

Ganz anders verhalten sich diejenigen Fälle/ in denen eine 
gerichtliche Leichenuntersuchung relativ negative Obductions- 
ergebnisse liefert, d. h. in welchen sie durch ganz andre als die 
erwarteten Befunde, oder durch den Mangel aller dergleichen Be- 
funde den indirecten Beweis ergiebt, dass denaiua nicht den- 
jenigen Tod gestorben, den man nach den Umständen des Falles^ 
nach den dem Tode vorangegangenen Ereignissen, einem Streit, 
einer Prügelei, einer auffallenden, gleich nach der Mahlzeit ein- 
getretenen, Vergiftungs- ähnlichen Krankheit u. s. w., oder nach 
der Lage, in welcher der Leichnam aufgefunden worden, hatte 
muthmaassen können, und wonach sich überhaupt die Nothwendig- 
keit einer gerichtlichen Obduction ergeben gehabt hatte. Solche 
Fälle kommen recht häufig in der Praxis vor, und sind ein starker 
Beweis des grossen Nutzens, ja der Unentbehrlichkeit der gericht- 
lichen Medicin für die Rechtspflege, denn sie geben dem Richter 
den erforderlichen Anhaltspunkt zur Entlastung eines unschuldig 
Verdächtigen, ja sie können (21. Fall) selbst dazu dienen, das 
Geständniss eines Angeschuldigten als ein irriges bezeichnen zu 
lassen. Ganz besonders oft betreffen solche negative FäUe angeb- 
liche Vergiftungen und angebliche tödtliche Verletzungen. Wissen- 
schaftlich sind sie ihrerseits interessant, da sie nicht selten 
anderweitig scientifisch zu verwerthende Befunde liefern, und im 
Allgemeinen lehrreiche Beläge zur Lehre von den plötzlichen Todes- 
arten geben. Ich lasse eine Auswahl solcher Fälle hier folgen. 

12. Fall. Vermnthiing einer Vergiftniig durch die Obdnotion 
widerlegt. 

Ein 27jährige8 Mädchen, ganz gesund, hatte plötzlich über heftigste Schmer- 
zen im Unterleibe geklagt und war nach drei Standen gestorben. Der Ver- 
dacht, dass sie von ihrem Liebhaber, yon dem man sie schwanger glaubte, ver- 
giftet worden, yeranlasste die gerichtliche Obduction. AuffaUend und sogleich 
auf eine innere Verblutung deutend war die auffaUende wachsbleiche Färbung 
der Leiche, die nichtsdestoweniger an der Bückenfläche bedeutende Todtenflecke 
zeigte. Die Gehimyenen waren massig gefüllt, die ginus aber blutleer. Die 
Lungen hatten die blassgraue Farbe der anämischen Lungen, und waren auch 
Sn der Tbat, ebenso wie Herz und Lungenarterte höchst blutlos. Auch alle 



§ 9. Negative Obductionsbefimde. 18. u. 14. Fall. 888 

Unterleibsorgane waren bleich nnd anämiBcb. Da^e^en war das ganze Becken 
mit theils fest geronnenem, theils flüasigem Binte ansgefüllt, als dessen Quelle 
sich die so seltene — Tnbenschwangerschaft ergab. Der Uterus war 
anämisch nnd etwas vergrössert. Die linke Tuba war zur Hälfte von ihrer In- 
sertionsstelle an der Gebärmutter abgerissen, und hier zu einer faustgrossen 
Höhle erweitert, worin eine viermonatliche Frucht eingebettet lag. Im Uebri- 
gen ergaben weder Magen, noch irgend ein anderes Organ eine Spur einer 
Vergiftung, nnd der plötzliche Tod, der unter den hier gewöhnlichen Um- 
ständen erfolgt gewesen, war ja auch erklärlich genug. 

18. Fall. Venniithiuig einer Vergiftung durch die Obduction 
widerlegt. 

Hier sollte es ein dreijähriger Knabe sein, nnd die uneheliche Mutter hatte 
den Verdacht der geschehenen Vergiftung erhoben. Die gerichtliche Obduction 
war auf eigenthümliche Art ganz und gar verschoben worden. Zu dem prac- 
tischen Arzt Dr. X. war die Mutter in der Nacht mit der Aufforderung gekom- 
men, ihr Kind zu besuchen, das seit einiger Zeit huste, aber jetzt „nicht or- 
dentlich aufhusten könne*. Der Arzt declinirte den Besuch, „da er grade im 
Schweiss läge**, verschrieb ein Brechmittel, besuchte das Kind am andern Mor- 
gen und fsnd es — todt Am folgenden Tage begann er die Privatsection der 
Leiche, aber während derselben äusserte die Mutter, sie habe Omnd zu glau- 
ben, dass das Kind vergiftet worden. Darauf unterband der Dr. X. den Magen, 
exentertrte und öihiete ihn(l!), beendete die Section aber nicht, nnd zeigte den 
Fall anl Wir fanden bei der gerichtlichen Obduction der verstümmelten Leiche 
die Himmeningen deutlich stark gefüllt, aber als eigentliche Todesursache eine 
schön nachweisbare exsudative Laryngitis. Die Bronchial- Schleimhaut war in 
ihrer ganzen Ausdehnung lebhaft injicirt, und Kehlkopf und Luftröhre ganz 
umkleidet mit der bekannten, hier ganz lederartigen Croup-Membran, die sich 
bis in die Bronchialverästelungen zweiter und dritter Ordnung bis in die Lungen 
hinein verfolgen Hess. DiQ Lungen nicht hyperämisch, Herz in beiden Hälften 
nur weniges Blut enthaltend, Pulmonar-Arterle und Hohlvene aber sehr gefüllt 
Im Unterleib waren nur noch die Nieren wegen jener bedeutenden Hyperämie 
interessant, die vdr schon flrüher, als dem Erstickungstode eigenthümlich nach- 
gewiesen haben. Der schon zerschnittene Magen war übrigens völlig normal. 
Das ungeschickte Benehmen des Arztes war sonach durch den Befkind einer 
unzweifelhaften anderartigen und naturlichen Todesart ebenso unschädlich ge- 
macht, als der Verdacht einer Vergiftung als unbegründet nachfewiesen. 

14. Fall. Verrnnthnng einer Vergiftung dnreh die Obduction 
widerlegt. 
Unmittelbar nach dem Oenusse von Branntwein war ein 2^ähriger Schlos- 
sergeselle erkrankt nnd nach achtzehn Stunden gestorben. Er war am 7. Juli 
IHih in eine Schänke gegangen, hatte dort Branntwein getrunken nnd gleich 
darauf über heftige Schmerzen im Leibe geklagt Bis ll Uhr blieb er noch 



334 §9- Negative Obductionsbefande. 16— 17. Fall. 

in seiner Werkstätte nnd wurde dann nach Hause gebracht Es wurde berichtet, 
dasB er hier weder gebrochen, noch purgirt, aber fortwährend über heftige Co- 
liken geklagt habe. Wir fanden sogleich beim Oeffnen der Bauchhöhle ver- 
breitete Peritonitis und Enteritis puruknta. In die Bauchhöhle waren drei Pfund 
gelbröthlicher, geruchloser, schwach sauer reagirender Flüssigkeit ergossen, als 
deren Quelle sich ein perforirendes (Rokitansky'sches) Magengeschwür er- 
gab. Es sasB dicht am Pförtner, war kreisrund, von halbzöUigem Durchmesser, 
die larblose und gesunde Schleimhaut war ringsum in zwei Linien hohen wall- 
artigen Rändern erhoben, und die ganze übrige Beschaffenheit des Magens war 
eine völlig normale. Bei dieser Sachlage war die heftigste Unterleibsentzün- 
dnng ihrerseits erklärt, und der Verdacht einer Vergiftung musste ausgeschlos- 
sen werden. 

15. Fall. Yenniithung einer Vergiftnng dnreh die Obduetion 

widerlegt. 
Der Bruder eines 62jährigen Mannes hatte angezeigt, dass Letzterer drei 
Wochen vor seinem Tode erkrankt gewesen sei, nachdem ihm einer seiner Be- 
kannten, der eine Lebensversichernngs- Police über 3000 Thaler von ihm in 
Händen hatte , ihm eine vergiftete.Cigarre gereicht gehabt I Die Krank- 
heit hatte, nach dem Berichte des Atztes, namentlich in grosser „Depression^ 
bestanden, .der Kranke hatte „verwirrte Reden^ geführt, und einen bis auf 
sechszig Schläge herabgesetzten Puls gehabt. Der Cigarrenstummel wurde che- 
misch untersucht, und keine Spur eines Giftes darin gefunden, und unsere ge- 
richtliche Obduetion ergab — eine rothe Erweichung des ganzen mittlem 
Lappens der linken Hirnhemisphäre, sonst nichts Abnormes. 

16. Fall. Vermuthnng einer Vergiftung durch die Obduetion 

widerlegt. 
In diesem Falle hatten die äussern Umstände Verdacht erregen müssen, nnd 
die gerichtliche Obduetion veranlasst. Auguste, die mit ihrem Zuhalter in 
einer einsamen Feldhütte im Concubinat lebte, hatte vier Tage vor ihrem Tode 
über Brustbeklemmung geklagt. Abends vor ihrem Tode hatte er ihr eine 
Tasse Pfeffermünzthee gereicht, Nachts darauf war sie aufgestanden, darauf 
niedergestürzt und alsbald verstorben. Es fand sich, dass die Todesursache 
nicht Gift, sondern ein Pericarditis exsudativa gewll^en. Im Herzbeutel vier 
Unzen trüber Flüssigkeit, in der Eiterkörperchen microsoopisch nachgewiesen 
wurden, das ganze Herz mit einem weissen, liniendicken Exsudat überzogen 
und seine Gefässe stark injicirt; die Muskelsubstanz etwas verdickt, verfettet, 
gelblich-schmutzig verfärbt. Im Magen, Darmkanal u. s. w. nichts Aufikliendes 
oder Verdächtiges, weshalb auch die chemische Analyse unterbleiben konnte. 

17. Fall. Vermuthnng von Misshandlungen als Todesursache durch die 

Obduetion widerlegt. 
Ein ähnlicher Befand wie im 14. Fall erklärte den Tod eines 19jährigen Dienst- 
mädchens, die nach Denuuciation ihrer Mutter von ihrem Herrn durch Faustschläge 



§ 9. Negative Obdacttonsbefande. 18. Fall. 335 

in den Rücken misshandelt worden sein und seitdem über „Sobmerzen im ganzen 
Körper" geklagt haben sollte. Fünf Tage (I) nach dem Vorfall klagte sie über 
heftige Leibschmerzen und fing an, Blnt zu brechen. Nach zwei Tagen starb 
sie unter mir weiter nicht bekannt gewordenen Symptomen. Bei + 12 — 14° R. 
Ende Mai war die Leiche bei der Obduction bereits stark angegangen, der 
Leib bedeutend aufgeschwollen, die Epidermis theils in grossen Blasen erhoben, 
theils abgelöst, die Farbe der Leiche grün. Wir diagnosticirten nach dem 
Wenigen, was über den Krankheitsverlauf bekannt geworden, von vornherein 
ein perforirendes Magengeschwür, weil es nicht wahrscheinlich war, dass die 
wenig erheblichen angeblichen Misshandlungen einen Zusammenhang mit dem 
Tode gehabt haben sollten. Die Diagnose hat sich bestätigt. Aeusserlich wa- 
ren nicht die geringsten Spuren von Verletzungen sichtbar, und nur die torose 
Constitution, und eine für ein junges Mädchen ganz ungewöhnliche Fettleibig- 
keit auffallend. Es wurde bei der Obduction berichtet, dass denata „fürchter- 
lich*' gegessen habe, und der Dienstherr versicherte, dass er sie niemals habe 
sättigen können. Es war in dieser Beziehung interessant, dass wir den Magen 
in einer niemals von mir weder zuvor noch seitdem gesehenen Grösse fanden. Er 
nahm, ohne irgend auffallend von Gas ausgedehnt zu sein, die ganze obere 
Hälfte der Bauchhöhle ein! An der vorderen Wand Sim/undus war die Schleim- 
haut kreisrund im Durchmesser eines halben Zolles abgelöst und das Geschwür 
von einem schwach erhabenen Wall umgrenzt. Der Grund des Geschwürs war, 
wie seine ganze Umgebung, völlig farblos, und auch sonst der Magen nicht pa- 
thologisch verändert. Perforation war nicht eingetreten. Im Uebrigen ergab 
die Obduction nichts Bemerkenswerthes. Natürlich erklärten wir, dasr der Tod 
aus innem Ursachen erfolgt, und die angeblichen Misshandlungen ohne allen 
EinflusB darauf gewesen. 

18. FalL Ausgrabung zum Zweck der Feststellung von nicht bestätigten 

Rippenbrnchen. 

Der Fall hatte das dreifache Interesse einer Ausgrabung, einer negativ 
vollständig beweisenden Obduction, und — - der Entlastung eines der Fahrlässig- 
keit bezichtigten Arztes. Der Dr. N. hatte das Kind, einen 4)^ Monate alten 
Knaben, an bösartigem Scharlach behandelt. Im Laufe der Krankheit war es 
aus dem Bette gefallen und hatte sich, nach Ansicht der Eltern, die Rippen 
gebrochen. Der behandelnae Arzt, darauf auftnerksam gemacht, sollte, wie die 
Eltern vermeinten, diese Angabe ganz unbeachtet gelassen haben, und dadurch 
am Tode des Kindes Schuld gewesen sein, wie sie in ihrer, vier Monate nach 
der Beerdigung erst eingereichten Denunciation gegen ihn behauptet hatten! 
Der Arzt und der Vater des Kindes waren bei der Obduction anwesend, und 
wir hatten Gelegenheit, die leidenschaftliche Aufregung des Letztem gegen 
den Arzt wahrzunehmen, die selbst nach der, diesen vöUig entlastenden Lei- 
chenuntersuchung noch kaum zu beschwichtigen war! — Die Leiche -— am 
4. November beerdigt, am 10. März obducirt — war in diesem Falle so voll- 
ständig mit dem gewöhnlichen Schimmel vom Kopf zu Fuss im Sarge bedeckt, 



336 § 9* Negative Obdnctfonsbeftinde. 19. Fall. 

dass sie dnrchaiis ankenntlich war. Aber auch der entkleidete Korper zeigte 
durchweg eine Schimmelbedockung, dabei eine graugriine Färbung und den ge- 
wöhnlichen käseartigen, dumpfigen, nicht den Yerwesnngi-Qeruch. Kopfhaare 
leicht löslich, bulbi auageflossen, Epidermü abgelöst, Qenitalien nicht aufge- 
schwollen. Dura mater bleiehröthlich, trocken; Gehirn grün-breiigt, nmu ganz 
leer. Lungen granweiss, noch knisternd, blutleer, aber die Hjrpostase an dunk- 
lerer Färbung der untern Lungenfläche noch kenntlich. Luftröhre bräunlich 
und noch mit blutig -schmierigem Schleim iibenogen (Scarlatma maligna »mit 
croupösen Erscheinungen** hatte der Arst in seiner Krankheitsgeschichte erklärt 
gehabt). Speiseröhre noch fest. Herzbeutel braunroth, noch einen Theelöffel 
blutigen Wassers enthaltend;- Hera fest, braunroth, in allen Höhlen, besondera 
links, yiel schmieriges Blut enthaltend, ebenso die Pulmonar-Arterie. Leber 
weich, blutleer, Gallenblase halb gefüllt Mila matschig, Pancrtas röthlich und 
fest. Magen leer, Schleimhaut homogen bräunlieh gefärbt, ohne alle Flecken» 
Nieren weich, blutleer. Därme grün und leer. Harnblase fest, halb mit bluti- 
gem Urin gefüllt; vena caoa noch Terhältnissmässig viel Blut enthaltend. Waa 
aber die Hauptsache: die genauste Untersuchung ergab nicht die geringste 
Spur eines Bruches, weder an einer eincigen Rippe, noch am Brustbein I 

19. Fall. Auffallende Lage der Leiche. Negativ beweisende Ohdnetion« 

Der Tod der SS Jahre alten verehelichten C. war unter verdächtigen Um- 
ständen erfolgt Die unter ihr wohnenden Miether hatten Nachts über sieh 
ein Gepolter, ein Gewlnsel, ein angeblich wiederholtes Hinstürzen gehört Man 
wusste, dass die Eheleute in Einem Bette schliefen. Am folgenden Morgen 
erschien keiner von Beiden und auf Anklopfen wurde nlch): geöffiiet. Erst um 
Ein Uhr Mittags kehrte der Mann nach Hause zurück, und erklärte jetzt erst (?), 
seine Frau sei in der Nacht an Krämpfen gestorben. ^Man fand sie nunmehr 
drei Schritt vom Bett auf dem Bauche auf dem Fussboden liegend. Die Um- 
stände waren yerdächtig genug, um eine gerichtliche Obduetion zu bedingen. 
Von äussern Verletzungen fanden wir durchaus nichts als eine kleine Nagel- 
kratzwunde hinter dem linken Ohre, und eine zweite auf der Stirn. Meningen 
und mitf in der Kopfhöhle waren hyperämisch, ganz besonders entscheidend 
waren aber zahlreiche kleine apoplectische Heerde und zahlreiche Unsengroise 
Hydatiden, die durch die gmize Gehimmasse zerstreut waren. Die Lnftröhre 
hellroth injlcirt. Lungen miUsig bluthaltig, aber sehr oedematös. In der rechten 
Herzwand zwei bohnengrosse Hydatiden, das rechte Herz massig, das linke 
wenig Blut enthaltend, die A, puim. mäss^ gefüllt. Leber stahlgran, die Milz 
der noch sehr firischen Leiche (im Februar) schon auffallend matschig. Der 
Magen vom Abendessen noch halb mit Kartoffelbrei angefüllt Der Uterus in 
seinen Wandungen verdickt, und beide Ovarien voller Hydatiden. Das Hymm 
der seit fünf Wochen mit einem 45Jährigen Mann verheiratheten Frau war 
vielfach eingerissen, aber noch deutlich erhalten. Der Tod war aus innem 
Ursachen erklärt, und eine gewaltsame Veranlassung durch Nichts wahrBcheinlioh 
gemacht. Ohne Zweifel hatte die Frau in der Nacht krankhafte Empfindungen 



§ 9. Neffative ObdnetionsbeAmde. 20. a.2l.FaU. 887 

gebiabt, die sie geswnngen batten, das Bett zu yerlassen, und war sie beim 
AnfBtebn dort niedergestönt Die Bobbeit des Ebemanns, der wabraebeinlicb 
bei dem ganaen Hergang rubig fortgeecblafen batte and Morgens ürüb an seine 
Arbeit gegangen war, die Leiobe auf der Diele liegen lassend, ist wieder efai 
enisetaendes Bild ans dem grossstädtiseben Proletariat! 

20. Fall. Ein äbnlicber Fall. 

Eine noeb auffallendere Lage war es, in weleber die Leiobe eines 8i]äb- 
rigen, übel berufenen Franenaimmers aui^efbnden wurde. Nacbts umswölf Ubr 
batte man sie noeb, als sie einen männliohen Besucber entliess, gesund und 
beiter gesehn; am andern Morgen wurde sie unter ibrem Sopba, der mit dem 
Rücken auf ibr lag, todt geftmden. Die Todesursache war eine sehr bedeutende 
Apoplexie der rechten Lunge, bei welcher auch die linke, und sämmtlicbe blut- 
reichen! Organe der Bauchhöhle, «Leber, Mila, Nieren und v. caoa stark hyper- 
ämisirt geftmden wurden. Jede Spur einer äussern gewaltsamen Veranlassung 
des Todes fehlte durchaus, und derselbe musste als aus innem Ursachen ent- 
standen erklärt werden, die freilich, wie tiberall, wo alle Kenntniss der Ante- 
cedentien, wie so gewöhnlich bei gerichtlichen Leichen, fehlt, ganz dunkel 
blieben. Wahrscheinlich hatte die Person beim Zubettgehn Beklemmtmg durch 
die Lungenhyperamie bekommen und batte sich fest an den Sopba angeklammert, 
den sie beim Todtniederstünen umgerissen batte. 

21. Fall. Negative Obduotionsergebnisge widerlegen das ScbuldbekenntnlBa 
der Angeaehuldigten. 
flOle wie dieser, worauf wir schon oben S. 882 auftnerksam gemacht haben, 
kommen immer wieder von Zeit zu Zeit vor. Die 40jäbrige, schon früher 
zweimal entbundene Mutter batte im Januar (— -6 bis 8 ° B.) in einem Keller 
heimlich geboren; zue